Onlinesucht wird oft erst sehr spät erkannt

Berlin – Auf das zunehmende Problem der Onlinesucht weisen Ärzte und Suchtexperten auf dem heute beginnenden Deutschen Suchtkongress 2016 in Berlin hin. „Jugendliche kommen immer früher in Kontakt mit einem potenziell abhängig machenden Verhalten“, sagte dessen Leiter Falk Kiefer von der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie zum Auftakt des Kongresses. Viele Eltern nähmen eine ausufernde Inter­net­nutzung von Jugendlichen aber noch zu selten als Problem wahr.

Laut einer Ende 2015 vorgestellten Studie der DAK-Gesundheit und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen reagiert jeder fünfte Heranwachsende in Deutschland ruhelos und gereizt auf Einschränkungen der Internetnutzung. Elf Prozent der 12- bis 17-Jähri­gen haben mehrfach erfolglos versucht, ihren Konsum in den Griff zu bekommen.

„Die Zunahme von Internetabhängigkeit, gerade unter Jugendlichen und jungen Er­wachse­nen, stellt uns vor neue Herausforderungen und erfordert passgenaue Präven­tion und Hilfsangebote“, sagte die Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, heute zur Eröffnung des Kongresses. Ein Beispiel dafür sei eine neue Online­sucht-Ambulanz namens „OASIS“.

Das vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) geförderte Projekt an der Universität Bochum richtet sich an Betroffene, die unter einer problematischen Internetnutzung leiden sowie an Angehörige. Bei einem Verdacht auf Onlineabhängigkeit können Be­troffene ab 18 Jahren sich auf der Website selber testen und einen Termin für eine Erstberatung per Webcam vereinbaren: „Wie Streetworker bei Drogensüchtigen holen wir die Internet­ab­hängigen dort ab, wo ihre Sucht entstanden ist, nämlich im Netz selbst“, sagte Projekt­lei­ter Bert te Wildt vom Universitätsklinikum für psychosomatische Medizin und Psycho­the­ra­pie der Ruhr-Universität Bochum.

Laut Kiefer ist für die Onlinesucht nicht die Zeit vor dem Bildschirm ausschlaggebend, sondern die negativen Konsequenzen durch Onlinespiele oder das Surfen in sozialen Netzwerken, welche die Betroffenen für ihren Konsum in Kauf zu nehmen bereit seien. Sie ließen zum Beispiel in der Schule nach und zögen sich von Familie und Freunden zurück. Anders als bei Alkohol fehlten aber Effekte wie Trunkenheit, die das Umfeld auf das Problem aufmerksam machten, so der Suchtexperte. Entsprechend spät kämen Jugendliche und ihre Eltern in Beratungsstellen. „Gerade Mädchen, die sich in sozialen Netzwerken verlieren, werden noch viel zu wenig erreicht“, so Kiefer.

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Wichtig sei, frühzeitig mit Betroffenen zu reden und Grenzen auszuhandeln. Wenn Ju­gend­liche bemerkten, dass sie eigene Vorsätze wie eine gewisse Spieldauer pro Tag nicht einhalten könnten, sei das ein Ansatz, ins Gespräch zu kommen. Entscheidend sei, dass die Verhaltensänderung nicht verordnet, sondern nachvollziehbar und mit positiven Konsequenzen verbunden sei, so Kiefer.

Zum Deutschen Suchtkongress 2016 werden vom 5. bis 7. September rund 600 Be­su­cher in Berlin erwartet. Sie diskutieren über neue Behandlungsformen, Möglichkeiten der Prävention und Früherkennung sowie die zunehmende Abhängigkeit von Internet und sozialen Netzwerken.

Neue App gegen Glücksspielsucht

München/Köln – Eine neue Smartphone-Applikation (App) „PlayOff“ zur Prävention von Glücksspielsucht hat Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) gemeinsam mit der Landesstelle Glücksspielsucht (LSG) vorgestellt. „Unsere kostenfreie App richtet sich an Nutzer von Glücksspielen. Das Angebot soll helfen, das eigene Spielverhalten zu kontrollieren – und so das Spielen zu reduzieren oder sogar ganz aufzugeben. Das Programm gibt zudem Tipps für eine abwechslungsreiche Freizeit ohne Glücksspiele“, sagte die Ministerin. Sie betonte, die App sei kein Therapieersatz für Menschen, die wegen ihrer Glücksspielsucht eine professionelle Behandlung benötigten, wohl aber eine hilfreiche Ergänzung.

Die App „PlayOff“ ist kostenfrei und für iOS- und Android-Geräte verfügbar. Laut Huml unterliegt die Nutzung strengen Datenschutzbestimmungen. Nach Schätzungen leiden in Bayern insgesamt rund 37.000 Menschen an pathologischer Spielsucht. Außerdem zeigen weitere 34.000 Menschen ein problematisches Spielverhalten.

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Vor dem hohen Suchtpotenzial von Live-Sportwetten warnt anlässlich der Fußball-Europameisterschaft die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Besonders kritisch seien sogenannte Ereignis-Wetten, bei denen Spieler noch während des laufenden Spiels hohe Geldeinsätze auf Geschehnisse abgeben könnten: Welche Mannschaft schießt zum Beispiel das erste Tor oder welcher Spieler sieht als erster eine gelbe Karte?

Die Ereignis-Wette verleitet Spieler laut der BZgA dazu, deutlich mehr Geld auf deutlich mehr Ereignisse zu setzen als ursprünglich geplant. „Live-Sportwetten bergen eine große Suchtgefahr“, warnt die Bundeszentrale. Eine Befragung habe gezeigt, dass in Deutschland Männer etwa sechsmal häufiger an Sportwetten teilnähmen als Frauen. Bei den Live-Wetten tippten Männer sogar achtmal häufiger als Frauen.