Entzündungsreaktion im Hirn begünstigt Opioidtoleranz

Atlanta – Eine Entzündungsreaktion des Nervensystems könnte der Grund sein, dass Patienten nach längerer Opioidtherapie eine Toleranz für die Schmerzmittel entwickeln. Möglicherweise könnte man diese Toleranzbildung pharmakologisch blocken, berichten Forscher um Anne Murphy vom Neuroscience Institute of Georgia State im Journal of Neuroscience (2016; doi: 10.1038/npp.2016.131).

Bei einer Opioidtoleranz sprechen Patienten im Verlaufe einer Schmerztherapie nicht mehr so gut auf opiode Schmerzmittel an. Eine Dosiserhöhung geht mit verstärkten Nebenwirkungen und langfristig auch mit einer höheren Gefahr für Abhängigkeiten einher. Grund für die Toleranz ist unter anderem die Desensibilisierung und Herunterregulation von Opioid-Rezeptoren. Die biochemische Kaskade, die zu dieser Desensibilisierung führt, ist laut den Autoren jedoch in großen Teilen unklar.

Aus Vorstudien wussten die Wissenschaftler, dass sogenannte Toll-like-4-Rezeptoren durch Opioide aktiviert werden. Diese Rezeptoren sind Teil der unspezifischen Abwehr und erkennen die Oberfläche von Pathogenen. Wenn Toll-like-4-Rezeptoren aktiviert werden, kommt es auch zu einer Ausschüttung von TNF-alpha. Die Arbeitsgruppe vermutete, dass die zunehmende Opioidtoleranz mit dieser TNF-alpha-Ausschüttung zusammenhängen könnte. Sie bauten auf dieser Hypothese ihre Versuche auf.

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Abstract zur Studie im Journal of Neuroscience
Anne Murphy
Warum Morphium den Schmerz verstärken kann
Opiate verlängern neuropathische Schmerzen bei Ratten

Sie infizierten Ratten mit Lenti-Viren, die RNA-Moleküle in sich trugen, die für lösliches TNF-alpha codieren. Durch diese Infektion konnten die Forscher, ihrer Hypothese entsprechend, eine künstliche Opioidtoleranz bei den Ratten aufbauen. Zeitgleich entstand eine Neuroinflammation bei den Ratten. Die Forscher injizierten den Ratten ein spezielles Peptid, welches auch die Blut-Hirn-Schranke überwinden konnte. Dieses Peptid neutralisiert lösliches TNF-alpha. Nach der Injektion stellten die Forscher fest, dass sich die künstlich erschaffene Opioidtoleranz vollständig zurückbildete. Die entzündliche Reaktion normalisierte sich ebenfalls.

Die Forscher vermuten, dass Opioide die empfindliche Homöostase des Gehirns stören. Diese Störung der Homöostase werde vom Immunsystem als pathogener Zustand fehlinterpretiert, mutmaßen sie. Mit ihren Versuchen konnten sie außerdem zeigen, dass die Toleranz durch eine Bekämpfung dieser Entzündungsreaktion verbessert werden könnte.

Schizophrenie: Cannabis-Konsumenten erleiden häufiger Rezidive

London – Schizophrenie-Patienten, die nach der ersten Episode ihrer Psychose ihren Cannabis-Konsum fortsetzten, erlitten in einer prospektiven Beobachtungsstudie inLancet Psychiatry (2016; doi: 10.1016/S2215-0366(16)30188-2) deutlich häufiger ein Rezidiv als Patienten, die abstinent wurden. Besonders riskant könnte die Cannabis-Variante „Skunk“ sein, deren Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) besonders hoch ist.

Zu den aktiven Wirkungen der Cannabis-Drogen können psychotische Symptome und kognitive Störungen gehören. Nach dem Rausch normalisiert sich die Hirnfunktion, doch viele Psychiater vermuten, dass ein häufiger Cannabis-Konsum die Entwicklung einer dauerhaften Psychose begünstigt. Auffällig ist ein hoher Cannabis-Konsum von Patienten, die mit der ersten Episode einer Schizophrenie hospitalisiert wurden.

Ein kausaler Zusammenhang ist freilich nicht erwiesen, und nach der sogenannten Selbstmedikationshypothese könnte der Cannabis-Konsum ein (letztlich fehlge­schlagener) Versuch der Patienten sein, ihre Symptome durch Cannabis zu lindern. Nach dieser Hypothese sollten Patienten, die nach der Entlassung aus der Klinik weiterhin Cannabis konsumieren, ein vermindertes Risiko auf ein Rezidiv der Psychose haben.

Das Gegenteil war allerdings der Fall in einer Gruppe von 256 Patienten, die Psychiater aus dem Süden Londons nach der ersten Episode ihrer Psychose betreuten. Die Patienten wurden in der Klinik intensiv nach ihrem Cannabis-Konsum befragt. Ein zweites Interview fand bei einer erneuten Hospitalisierung statt. Wie Tabea Schoeler vom King’s College und Mitarbeiter berichten, trat die zweite Episode der Patienten früher ein, wenn sie ihren Cannabis-Konsum nach der Entlassung aus der Klinik fortgesetzt hatten. Besonders riskant scheint hier der Konsum von „Skunk“ zu sein. Es handelt sich um eine Variante der Cannabis-Droge, die aus Pflanzen mit einem besonders hohen THC-Gehalt hergestellt wird.

Patienten, die täglich „Skunk“ konsumierten, hatten in einer multivariaten Analyse ein 3,28-fach erhöhtes Risiko auf ein Rezidiv. Bei ihnen war es in einem Zeitraum von etwa zwei Jahren 1,77-fach häufiger zu mehreren Rezidiven gekommen und sie benötigten 3,16-fach häufiger eine intensive psychiatrische Therapie. Diese Risiken bestanden, wenn auch etwas abgeschwächt, auch bei Patienten, die regelmäßig ihre Medikamente eingenommen hatten.

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PDF der Studie in Lancet Psychiatry

Die Ergebnisse schließen nicht völlig aus, dass Patienten, bei denen die Medikamente nicht die erhoffte Wirkung erzielten, eher geneigt waren, den Drogenkonsum fortzu­setzen. Rachel Rabin von der Universität Toronto erscheint es jedoch wahrscheinlicher, dass der Drogenkonsum den Rückfall begünstigt hat. Für diesen kausalen Zusammen­hang spricht nach Ansicht der Editorialistin, dass Patienten, die THC-ärmere Varianten wie Haschisch konsumierten, ein geringes Rückfall-Risiko hatten. Haschisch hat einen niedrigeren THC-Gehalt. Die Konzentration von Cannabidiol (CBD) ist dagegen höher. CBD werden antipsychotische Eigenschaften nachgesagt.

Allerdings erkrankten in der Studie auch Haschisch konsumierende Patienten häufiger an einem Rückfall als solche, die keine Drogen einnahmen. Die Odds Ratio war jedoch geringer als bei „Skunk“-Konsumenten und nicht signifikant. Eine wissenschaftlicheEvidenz für eine ärztliche Empfehlung zum illegalen Haschisch-Konsum kann aus den Studienergebnissen sicher nicht abgeleitet werden. Rabin argumentiert aber, dass Haschisch das geringere Übel sein kann, wenn ein fortgesetzter Cannabis-Konsum zu erwarten ist.

Neue App gegen Glücksspielsucht

München/Köln – Eine neue Smartphone-Applikation (App) „PlayOff“ zur Prävention von Glücksspielsucht hat Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) gemeinsam mit der Landesstelle Glücksspielsucht (LSG) vorgestellt. „Unsere kostenfreie App richtet sich an Nutzer von Glücksspielen. Das Angebot soll helfen, das eigene Spielverhalten zu kontrollieren – und so das Spielen zu reduzieren oder sogar ganz aufzugeben. Das Programm gibt zudem Tipps für eine abwechslungsreiche Freizeit ohne Glücksspiele“, sagte die Ministerin. Sie betonte, die App sei kein Therapieersatz für Menschen, die wegen ihrer Glücksspielsucht eine professionelle Behandlung benötigten, wohl aber eine hilfreiche Ergänzung.

Die App „PlayOff“ ist kostenfrei und für iOS- und Android-Geräte verfügbar. Laut Huml unterliegt die Nutzung strengen Datenschutzbestimmungen. Nach Schätzungen leiden in Bayern insgesamt rund 37.000 Menschen an pathologischer Spielsucht. Außerdem zeigen weitere 34.000 Menschen ein problematisches Spielverhalten.

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App „PlayOff“
Online-Hilfsangebote bei Spielsucht
Glücksspiel verliert an Attraktivität
Risiken von Glücksspielen weiter unterschätzt
Sportwetten haben großen Suchtfaktor

Vor dem hohen Suchtpotenzial von Live-Sportwetten warnt anlässlich der Fußball-Europameisterschaft die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Besonders kritisch seien sogenannte Ereignis-Wetten, bei denen Spieler noch während des laufenden Spiels hohe Geldeinsätze auf Geschehnisse abgeben könnten: Welche Mannschaft schießt zum Beispiel das erste Tor oder welcher Spieler sieht als erster eine gelbe Karte?

Die Ereignis-Wette verleitet Spieler laut der BZgA dazu, deutlich mehr Geld auf deutlich mehr Ereignisse zu setzen als ursprünglich geplant. „Live-Sportwetten bergen eine große Suchtgefahr“, warnt die Bundeszentrale. Eine Befragung habe gezeigt, dass in Deutschland Männer etwa sechsmal häufiger an Sportwetten teilnähmen als Frauen. Bei den Live-Wetten tippten Männer sogar achtmal häufiger als Frauen.