Missbrauch und Misshandlung verändern Immunprozesse

Ulm – Molekulare Ursachen dafür, dass sich noch Jahre nach Misshandlungen erhöhte Entzündungswerte im Blut von Kindern und Jugendlichen nachweisen lassen, hat eine Arbeitsgruppe der Ulmer Universität und Uniklinik beschrieben. Die Studienergebnisse sind in der Zeitschrift Mitochondrion erschienen (doi 10.1016/j.mito.2016.08.006).

„Langfristig bestehende Entzündungen können auf Dauer die Struktur sowie die Funk­tion von Zellen schädigen und das Immunsystem schwächen. Eine erhöhte Anfälligkeit für körperliche und psychische Erkrankungen kann die Folge sein“, erklärte Iris-Tatjana Kolassa, Leiterin der Abteilung klinische und biologische Psychologie an der Universität Ulm.

Ihr besonderes Interesse gilt molekularen Mechanismen, die Misshandlungserfahrungen und chronische Entzündungsprozesse miteinander verknüpfen. „Eine Schlüsselrolle spie­len dabei die Mitochondrien, also die Kraftwerke der Zellen. Diese kommen nicht zuletzt bei der Initiierung von Entzündungsreaktionen ins Spiel“, erläuterte Christina Böck, die Erstautorin der Studie. Das Ulmer Forscherteam beschreibt darin erste Hinweise auf eine veränderte Mitochondrienfunktion bei misshandelten Frauen.

Im Rahmen einer Voruntersuchung zur Ulmer Studie „Meine Kindheit – Deine Kindheit“ haben die Forscher zunächst 30 Frauen im Alter von 22 bis 44 Jahren Blut entnommen, die bis zum Alter von 18 Jahren in unterschiedlichem Ausmaß emotionale und körper­li­che Misshandlung und Vernachlässigung oder sexuellen Missbrauch erlebt haben. Ihr Blut wurde auf pro-entzündliche Biomarker (Zytokine, C-reaktives Protein), Hinweise auf oxidativen Stress und die Aktivität der Mitochondrien untersucht.

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Die Analyse der Blutproben zeigte unter anderem, dass diese Frauen mehr Entzün­dungs­marker im Blut aufwiesen und dass dies mit einer gesteigerten Aktivität der Mito­chon­drien einherging. Die Analyse machte zudem deutlich, dass die Veränderungen auf Zellebene umso ausgeprägter waren, je schwerwiegender die Vernachlässigungs- und Misshandlungserfahrungen waren.

„Die vermehrten Entzündungsprozesse und die erhöhte mitochondriale Aktivität könnten eine schützende Anpassungsreaktion des Körpers unter exzessivem und chronischem Stress sein“, vermutete Kolassa. Langfristig führten diese aber zu einer erhöhten Anfälligkeit für bestimmte körperliche Folgeerkrankungen.

Posttraumatische Belastungsstörung könnte kognitive Funktion verschlechtern

New York – Menschen, die an einer posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) leiden, zeigen im Langzeitverlauf häufiger Einschränkungen der kognitiven Funktion. Dies könnte eventuell ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz sein, berichten For­scher um Sean Clouston an der Stony Brook University in Alzheimer’s & Dementia: Diagnosis, Assessment & Disease Monitoring (dx.doi.org/10.1016/j.dadm.2016.08.001).

Die Studienkohorte bestand aus überlebenden Rettungskräften, die während und nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001  in New York im Einsatz waren. Dies betraf bei­spiels­weise Feuerwehrmänner, Rettungssanitäter, Suchtrupps und Aufräumkräfte. Mehr als 33.000 Menschen, die von den Angriffen und den Rettungsaktionen betroffen waren, nehmen am World Trade Center Health Programm des Center for Disease Con­troll teil.

Das Programm bietet den Betroffenen eine medizinische und psychologische Be­treuung sowie regelmäßige Kontrolluntersuchungen an. Sinn des Programms ist es, psychische und andere Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu behandeln.

818 Teilnehmer dieses Programms konnten die Forscher in die vorliegende Studie ein­schließen. Die Teilnehmer wurden zwischen Januar 2014 und April 2015 während ihrer jährlichen Kontrolltermine von erfahrenen Ärzten untersucht. Die Ärzte führten mit den Teilnehmern das Montreal Cognitive Assessment durch. Dieser Screening-Test umfasst Aufgaben, die das Konzentrations-, Erinnerungs- und Problemlösungsvermögen der Teil­nehmer testen. Der Test kann auch leichte kognitive Einschränkungen erfassen.

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Von den Teilnehmern hatten 12,8 Prozent kognitive Einschränkungen und 1,2 Prozent wa­ren laut des Tests bereits dement. Die Forscher stellten hierbei fest, dass eine PTBS oder eine schwere depressive Episoden in den Jahren nach den Ereignissen das Risiko für kognitive Einschränkungen deutlich erhöhte. Das relative Risiko für kognitive Ein­schrän­­kungen war um den Faktor 2,88 größer, wenn die Teilnehmer unter sogenannten Flashbacks litten. Bei den Flashbacks durchleben Patienten mit einer PTBS wieder Ge­fühle und Situationen, die sie zum Zeitpunkt des Traumas erfahren mussten.

Eine PTBS könnte den Forschern zufolge das Risiko für kognitive Einschränkungen lang­fristig erhöhen. Behandelnde Ärzte sollten daher bei diesen Patienten auch die kognitiven Funk­tionen im Auge behalten, empfehlen die Autoren.

Posttraumatische Belastungsstörung: Psychologen identifizieren Risikofaktoren

Die Konfrontation mit Extremsituationen im Berufsalltag kann Posttraumatische Belastungsstörungen oder Depressionen auslösen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass bestimmte Denkmuster das Risiko für solche Reaktionen erhöhen und damit mögliche Ansatzpunkte für gezielte Trainingsprogramme liefern. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um die renommierte Psychologin Anke Ehlers begleiteten 386 Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter während ihrer Ausbildung und untersuchten, wie diese mit belastenden Ereignissen umgingen. Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift „Psychological Medicine“ erschienen.

Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sind häufig mit belastenden Situationen konfrontiert. Schwere Unfälle, Suizidversuche oder lebensbedrohliche Krankheiten gehören zu ihrem Berufsalltag. Diese Erfahrungen steigern das Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Aber nicht jeder Betroffene erkrankt in der Folge schwerer traumatischer Erlebnisse. „Wir wollten herausfinden, ob es bestimmte Risikofaktoren gibt, die vorhersagen, ob Notfallsanitäter im Berufsalltag beeinträchtigende psychische Reaktionen wie Depressionen oder eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln“, sagt Anke Ehlers, Professorin für experimentelle Psychopathologie an der University of Oxford.

Die Studie

Das Forscherteam untersuchte 386 Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter während ihrer Ausbildung. Zu Beginn der Ausbildung beantworteten sie ausgewählte Fragebögen zu möglichen Risikofaktoren (darunter Fragen zu früheren psychischen Störungen, traumatischen Situationen und zum Umgang mit belastenden Erfahrungen). In den folgenden zwei Jahren wurde mit Fragebögen und Interviews alle vier Monate erfasst, welche belastenden Ereignisse die Befragten erlebt hatten und wie sie darauf reagierten. So konnte festgestellt werden, wer im Laufe der zwei Jahre Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression entwickelte. Am Ende der Studie machten die Befragten Angaben zu verschiedenen Aspekten ihres Wohlbefindens. Dazu zählten Anzeichen für Burnout, Anzahl der Arbeitsfehltage, Angaben zu Schlaflosigkeit und Lebensqualität.

Umgang mit belastenden Erfahrungen ausschlaggebend

Fast alle Personen erlebten während ihrer Ausbildung mindestens eine sehr stark belastende Situation. Im Laufe der zwei Jahre entwickelten 32 Befragte (8.6%) eine posttraumatische Belastungsstörung und 41 Befragte

(10.6%) eine Depression. Das Forscherteam identifizierte eine Reihe von Faktoren, die es wahrscheinlicher machten, dass jemand in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung oder depressive Episode entwickelte.

Personen, die häufig über belastende Situationen grübelten, waren besonders anfällig dafür, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Dabei kam es nicht auf die Anzahl der traumatischen Ereignisse vor und während der Ausbildung an. Für die Vorhersage von Depressionen war der Grad an Selbstvertrauen in die eigene Fähigkeit, mit Belastungen fertig zu werden – die Resilienz einer Person – besonders bedeutsam. „Es sind also weniger die belastenden Ereignisse an sich, die eine psychische Störung vorhersagen, sondern mehr die eigenen Denkmuster und der individuelle Umgang mit diesen Erfahrungen“, erläutert Anke Ehlers.

Die Erhebung am Ende der Studie zeigt: Obwohl sich die betroffenen Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter fast alle innerhalb von 4 Monaten von ihren Problemen erholten, blieben sie stärker als ihre Kolleginnen und Kollegen in ihrer Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Auch schliefen sie schlechter und berichteten einen stärkeren Gewichtszuwachs.

Ansatzpunkte für Begleitung in der Ausbildung: Widerstandskraft erhöhen

Im nächsten Schritt will das Forscherteam untersuchen, ob gefährdete Personen während ihrer Ausbildung besonders unterstützt werden können, um dadurch das Risiko von Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen zu senken. „Es lässt sich nicht vermeiden, dass Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter schlimme Situationen erleben“, sagt Anke Ehlers, „aber es gilt zu prüfen, ob gezielte Trainingsprogramme zur Veränderung von Denkmustern dazu beitragen können, die psychische Widerstandskraft gegen Extrembelastung zu erhöhen.“

Die Originalstudie finden Sie hier:

Wild, J., Smith, K., Thompson, E., Bear, F., Lommen, M. & Ehlers, A.

(2016). A prospective study of pre-trauma risk factors for posttraumatic stress disorder and depression. Psychological Medicine http://journals.cambridge.org/action/displayIssue?jid=PSM&tab=firstview

 

Weitere Informationen:

Prof. Dr Anke Ehlers

Department of Experimental Psychology

University of Oxford

South Parks Road

Oxford, OX1 3UD

UK

Tel. 0044 1865 618600

email: anke.ehlers@psy.ox.ac.uk

Ist Exposition notwendig für die Behandlung einer PTSD?

Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) verbessert sich auch, wenn Expositionsübungen nicht im Mittelpunkt der Behandlung stehen. Das berichten John Markowitz von der Columbia University in New York und Mitarbeiter im American Journal of Psychiatry.

Die Anwendung von Expositionsübungen gilt als eine wichtige Gemeinsamkeit von wirksamen PTSD-Behandlungen. Bei der Exposition werden die Patienten objektiv sicheren Ereignissen ausgesetzt, die sie an das Trauma erinnern. Das Ziel dieser Behandlung ist es, sich an die dabei aufsteigenden Angstsymptome im Laufe der Zeit zu gewöhnen.

Traumata ereignen sich jedoch oft im zwischenmenschlichen Bereich und haben auch zwischenmenschliche Schwierigkeiten zur Folge. Daher untersuchten John Markowitz und Mitarbeiter, ob eine Interpersonelle Psychotherapie (IPT) einer Expositionsbehandlung tatsächlich unterlegen ist. John Markowitz zählt zu den wichtigen Vertretern der IPT in den USA.

Für ihre Studie randomisierten die Forscher 110 unmedizierte Patienten auf 3 Behandlungsarme: Expositionsbehandlung, IPT oder Entspannungstherapie. Die Wirksamkeit der Behandlung maßen sie mit der durch Fremdrater durchgeführten PTSD-Skala (CAPS). Die Behandlung dauerte etwas mehr als 3 Monate. Die Patienten litten zum großen Teil an interpersonellen Traumata wie sexuellem oder körperlichem Missbrauch.

Am Ende der Behandlung war die Exposition etwas wirksamer als die IPT. Die Beschwerden der Patienten in der Expositionsbehandlung verbesserten sich auch schneller. Der Unterschied in den CAPS-Werten war jedoch geringer als die zu Beginn der Studie festgelegte minimale Differenz. Wenn man die Ansprechraten betrachtete, war IPT der Expositionsbehandlung sogar überlegen (63 % vs. 47 %). Auf die Entspannungstherapie sprachen im Vergleich dazu nur 38 % der Patienten an. Besonders deutlich überlegen war die IPT der Expositionsbehandlung in der Gruppe der Patienten, die neben der PTSD auch an einer Depression litten.

FAZIT

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Interpersonelle Psychotherapie einer Expositionsbehandlung nicht unterlegen ist. Sie vermuten, dass sich Patienten im Rahmen einer IPT-Behandlung von alleine gegenüber Situationen exponieren, welche sie an das Trauma erinnern, nachdem sie durch die IPT-Behandlung Sicherheit in ihren sozialen Interaktionen im Alltag erworben haben.
Bei komorbider Depression könnte die IPT der Expositionsbehandlung sogar überlegen sein, schreiben die Autoren. Als Grund dafür nehmen sie an, dass die Expositionsbehandlung bei Vorliegen einer Depression deutlich schwerer auszuhalten ist.

Markowitz JC et al.
Is Exposure necessary? A Randomized Clinical Trial of Interpersonal Psychotherapy for PTSD.

Am J Psychiatry 2015;
DOI: appiajp201414070908