Das Gehirn kann sich beim Lernen selbst belohnen

Marburg/Barcelona – Das menschliche Gehirn kann mittels eines eigenen Signals feh­len­de äußere Belohnung ersetzen und so das Erlernen neuer Informationen selbst­gesteuert verstärken. Das berichten Wissenschaftler der Universitäten Magdeburg und Barcelona in der Zeitschrift eLife (2016; doi: 10.7554/eLife.17441).

„Menschen und Tiere lernen, wenn sie für ihr Verhalten belohnt werden und auch dann, wenn sie eine Belohnung lediglich erwarten“, erläutert Tömme Noesselt vom Institut für Psychologie der Otto-von-Guericke- Universität Magdeburg und Senior-Autor der Studie. Die möglichen Belohnungen seien dabei auch Lob und soziale Interaktionen. „Im Alltag eignen wir uns jedoch oft neues Wissen an, ohne belohnt zu werden. Daher haben wir uns die Frage gestellt, wie unbelohntes Lernen im Gehirn zu stabilen Gedächtnis­inhalten führt“, umreißt Noesselt den Ansatz der Studie.

Für die Untersuchung wurden Versuchspersonen mittels funktioneller Magnet­resonanz­tomographie untersucht. Die Probanden lasen Satzpaare, die neue Worte enthielten und versuchten, die Bedeutung neuer Worte zu verstehen. Wenn sie erfolgreich eine neue Wortbedeutung erschlossen, waren Gedächtnisareale wie der Hippocampus zusammen mit Belohnungsarealen wie dem Nucleus accumbens aktiviert. Je stärker diese Areale kooperierten, umso besser war die individuelle Lernleistung. „Offenbar aktiviert das neue Wissen um die Bedeutung eines Wortes das Belohnungsnetzwerk“, berichten die Wissenschaftler. Das führte zur Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin, der wiederum die Bildung von Gedächtnisspuren verstärkt.

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Studie Open Access
Magdeburg: Schwerpunkt für Lern- und Gedächtnisforschung

Zusätzlich fragten die Forscher die Versuchspersonen, wie angenehm sie jedes neue Wort, also jeden Lernzuwachs empfanden. Dazu wurde die Hautleitfähigkeit gemessen. Größere Freude und damit eine Veränderung des Hautleitwiderstands konnten sie während des Einprägens für die Worte beobachten, die anschließend auch noch nach einer Woche im Gedächtnis blieben.

„Insgesamt zeigten die Ergebnisse der Studie, dass selbstgesteuertes Lernen selbst­belohnend sein kann, also die Belohnungsgedächtnisschleife des Gehirns anschaltet, so das Fazit der Forscher. Eine wesentliche Frage für die künftige Forschung sei, wann selbstgesteuertes Lernen eine effektivere Lernmethode darstellt als Strategien, die auf externes Feedback und Belohnung bauen und unter welchen Umständen externe und interne Strategien optimal ineinandergreifen.

Depressionen nach Behandlung auf Intensivstation häufig

Baltimore – Jeder dritte Intensivpatient leidet nach der Entlassung unter Depressionen, die nach den Ergebnissen einer Meta-Analyse in Critical Care Medicine (2016; 44: 1744-1753) auch ein Jahr später noch bestanden.

Vielen Menschen fällt es nach der Behandlung auf einer Intensivstation schwer, im normalen Leben wieder Fuß zu fassen. Dies kann an den Folgen der Erkrankung liegen, die die intensivmedizinische Behandlung notwendig gemacht haben. Eine Rehabilitation der Patienten ist häufig nicht möglich. Es kann aber auch sein, dass die Behandlungen selbst die Psyche stark belastet haben.

Die Studien, deren Ergebnisse ein Team um Joseph Bienvenu von der Johns Hopkins University School of Medicine, Baltimore, in einer Meta-Analyse zusammengefasst hat, können die Ursache der Störungen nicht klären. Sie zeigen aber, dass Depressionen kein seltenes Phänomen sind.

Die Symptome wurden in den Studien meistens mit der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS-D) bestimmt. Der Score reicht von 0 bis 21 Punkten, wobei ein Wert von 0 bis 7 Punkten ein Normalbefund ist. Von 8 bis 10 Punkten könne eine leichte, bei mehr als 11 Punkten eine mittelschwere bis schwere Depression vorliegen. Die Diagnose selbst erfordert eine fachärztliche Untersuchung.

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Abstract der Studie in in Critical Care Medicine
Pressemitteilung von Johns Hopkins Medicine

In den 42 Studien mit 4.113 Patienten, die Bienvenu in die Meta-Analyse einfließen ließ, hatten zwei bis drei Monate nach der Behandlung 29 Prozent der Patienten noch 8 oder mehr Punkte im HADS-D. Bei ihnen bestand somit Verdacht auf eine Depression. Wider Erwarten erholten sich nur wenige Patienten in den folgenden Monaten. Die Prävalenz der Depression betrug nach sechs Monaten 34 Prozent und nach 12 bis 24 Monaten noch 29 Prozent.

Auch mittelschwere bis schwere depressive Symptome (HADS-D größer oder gleich 11) waren keineswegs selten. Die Prävalenz lag zwei bis drei Monate nach der Entlassung bei 17 Prozent, nach sechs Monaten ebenfalls bei 17 Prozent und nach 12 bis 14 Monaten noch bei 13 Prozent.

Die wichtigsten Risikofaktoren für eine spätere Depression waren eine vorbestehende psychische Erkrankung sowie ein „Distress-Syndrom“ während der Behandlung mit Wut, Nervosität, akuten Stresssymptomen, emotionaler Distanzierung oder Flashbacks. Das Alter des Patienten, der Schweregrad der Krankheit, die Liegedauer auf Intensivstation oder im Krankenhaus sowie die Dauer der Sedierung hatten dagegen keinen Einfluss auf spätere Depressionen.

Suizidrisiko: Potenzieller Biomarker entdeckt

Grand Rapids – Menschen, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen, könnten eines Tages anhand eines Bluttests identifiziert werden. Forscher aus Australien, Schweden und den USA haben bei Betroffenen einen potenziellen Marker gefunden. Das Enzym mit reduzierter Aktivität spielt eine wichtige Rolle bei der Entzündungs­regulation: Amino-ß-Carboxymuconat Semialdehyd Decarboxylase (ACMSD). Die Ergebnisse wurden in Translational Psychiatry (doi:10.1038/tp.2016.133) publiziert.

Frühere Studien haben fortlaufende Entzündungsprozesse bei suizidgefährdeten und depressiven Menschen identifiziert. Die Autoren untersuchten daher das Blut und den Liquor von 137 Menschen, die sich das Leben nehmen wollten und 71 gesunden Probanden auf Komponenten des Immunsystems: Cytokine, den Kynurenin-Metabolit Quinolinsäure (QUIN) und dessen Kompetitor Picolinsäure (PIC). Die Suizid-Gruppe hatte reduzierte PIC-Level und ein höheres Verhältnis von PIC/QUIN. Daraus leiten die Forscher eine verminderte Aktivität des regulatorischen Enzyms ACMSD ab, das für ein Gleichgewicht der beiden Proteine sorgt.

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Studie in Translational Psychiatry 2016
„Six new risk loci for Parkinson’s disease“ Nature Genetics 2014
Suizid-Prävention: Welche Interventionen helfen am besten
Gehirnerschütterung erhöht Suizidrisiko

Infektionen könnten Suizid auslösen
Die Kynurenin-Metabolite könnten sich folglich nicht nur als Biomarker für das individuelle Suizidrisiko eignen. Sie stellen auch einen therapeutischen Angriffspunkt dar. Die Autoren sind sich sicher, dass Menschen mit einer reduzierten ACMSD-Aktivität besonders vulnerabel für Depressionen oder Suizidgedanken sind, wenn eine Infektion oder Entzündung vorliegt. Zudem könnten Entzündungen leichter chronifizieren. Genetische Varianten des ACMSD-Enzyms konnten kürzlich auch bei Parkinson-Patienten gefunden werden.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation nehmen sich weltweit jährlich mehr als 800.000 Menschen das Leben.

Traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit oft Grund für psychische Symptome

Die Abteilung für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung der Theodor Fliedner Stiftung konnte an Hand einer Studie zeigen, dass die psychischen Symptome vieler Patienten überaus häufig auf traumatische Erlebnisse zurückgehen. Das stellt besondere Anforderungen an Diagnose und Therapie im klinischen Alltag. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitung „Trauma & Gewalt“ veröffentlicht.

„Die Seele des Menschen ist ein sensibles Konstrukt“, weiß Dr. Claudia Gärtner, Leiterin der Abteilung für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in der Theodor Fliedner Stiftung. Traumatische Erlebnisse, sei es aus frühster Kindheit, dem Heranwachsen oder im Erwachsenenalter, können sich vielfältig niederschlagen und bemerkbar machen. Die Folgen reichen von Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen bis zu körperlichen Erkrankungen, chronischen Schmerzen oder Asthma. So unterschiedlich die Symptome sind, so vielfältig ist auch die Bandbreite an traumatischen Ursachen. „Häufig haben wir es mit sogenannten komplexen Traumafolgestörungen zu tun, die aber in den gängigen Diagnosemanualen, wie sie im klinischen Alltag verwendet werden, nicht abgebildet sind“, betont Dr. Claudia Gärtner. „Patienten bleiben dadurch diagnostisch namenlos und heimatlos.“

Festhalten lassen sich jedoch fünf zentrale Bereiche traumatischer Erfahrungen, die emotionale Vernachlässigung, die emotionale Gewalt, körperliche Gewalt sowie sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt.

„Rund 90 Prozent der untersuchten Patienten in psychiatrischen oder psychosomatischen Einrichtungen haben eine traumatische Biografie, das hat unsere Studie gezeigt“, so Lena Schifferdecker, Mitarbeiterin in der Abteilung für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in der Theodor Fliedner Stiftung.

Die Ergebnisse der Studie „Traumatisierte Patienten in der stationären psychiatrisch, psychotherapeutischen Versorgung – Die Belastungssymptomatik als Ausdruck traumatischer Erfahrungen“ sind nun in der Fachzeitung „Trauma & Gewalt“ erschienen. Neben den Wissenschaftlerinnen aus der Theodor Fliedner Stiftung arbeiteten Dr. Michael Schifferdecker und Prof. Dr. Peer Abilgaard an der Studie mit.

„Das Problem ist, dass in vielen Einrichtungen oftmals nur die Behandlung aktueller Symptome im Vordergrund steht“, bedauert Dr. Claudia Gärtner.

Kaum jemand gehe direkt von einer traumatischen Biografie aus. „Dabei sollten Behandler genau das tun, wenn man sich unsere Ergebnisse anschaut.“ Die Schlussfolgerung basiert auf Patientenbefragungen, durchgeführt von Januar bis März 2014 in den Fachkliniken der Theodor Fliedner Stiftung in Ratingen, Gevelsberg und Düsseldorf sowie in der Helios St. Vinzenz Klinik in Duisburg. Der Problematik ist man sich in den eigenen Einrichtungen bewusst. „Wir schauen noch genauer hin und können die Behandlung unserer Patienten besser anpassen“, so Dr. Claudia Gärtner.

Die Erfahrungen in der Psychotraumatherapie geben die Experten der Theodor Fliedner Stiftung am 9. November 2016 bei dem Symposium „Fliedner Update Psychotraumatherapie“ weiter. Zu der kostenlosen Veranstaltung im Fliedner Krankenhaus Ratingen können sich interessierte Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte sowie Mitarbeitende aus sozialen und helfenden Berufe anmelden unter Telefon (0208) 48 43-135.

 

Kontakt:

Theodor Fliedner Stiftung

Dr. Claudia Gärtner

Tel.: (0208) 48 43-151

Fax: (0208) 48 43-2494

claudia.gaertner@fliedner.de

www.fliedner.de

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter

http://www.fliedner.de/de/ausbildung_forschung/forschung/home_forschung.php

Geschlossene oder offene Psychiatrie: Suizidrisiko bleibt sich gleich

In ausschliesslich offen geführten psychiatrischen Kliniken ist das Risiko, dass Patienten Suizid begehen oder aus der Behandlung entweichen, nicht höher als in Kliniken mit geschlossenen Stationen. Dies zeigt eine grosse Studie der Universität Basel und der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel, für welche rund 350‘000 Fälle während 15 Jahren untersucht wurden. Die Resultate werden in der Fachzeitschrift «The Lancet Psychiatry» veröffentlicht.

Selbstgefährdendes Verhalten von Patienten, Suizidalität und Entweichungen aus der Behandlung stellen grosse Herausforderungen für alle medizinischen Institutionen dar. In vielen psychiatrischen Kliniken werden Risikopatienten daher auf geschlossenen Stationen untergebracht. Nur wenn sie von Suizidversuchen und Flucht abgehalten werden, so die Begründung, können Patienten ausreichend geschützt werden und eine angemessene Therapie erhalten. Doch dass geschlossene Stationen selbstgefährdendes Verhalten verhindern würden – dieser Nachweis fehlt. Bekannt ist aber, dass solche Stationen durch ihr Behandlungsklima erfolgreiche Therapien nicht begünstigen und die Motivation zu fliehen eher erhöhen.

15 Jahre Untersuchungszeitraum

In ihrer naturalistischen Beobachtungsstudie haben nun PD Dr. Christian Huber und Prof. Dr. Undine Lang von der Universität und den UPK Basel zusammen mit Kollegen 349‘574 Fälle in 21 deutschen Kliniken für die Zeit von 1998 bis 2012 untersucht. Von diesen Kliniken verfolgten einige eine Praxis der offenen Türen, kamen also ganz ohne geschlossene Stationen aus.

16 Kliniken unterhielten zusätzlich zu offenen Stationen auch noch zeitweise oder dauerhaft geschlossene Stationen. Alle Kliniken waren rechtlich verpflichtet, sämtliche Personen eines bestimmten Bereichs aufzunehmen, unabhängig von der Schwere einer Erkrankung oder von einem selbstgefährdenden Verhalten der Patienten.

In Kliniken mit geschlossenen Abteilungen treten Suizidversuche und Suizide nicht seltener auf, lautet ein Resultat der Studie. Zudem verzeichneten Institutionen mit offenen Türen nicht mehr Entweichungen.

«Die Wirkung von geschlossenen Kliniktüren wird überschätzt», sagt Erstautor Christian Huber. «Eingeschlossen zu sein, verbessert in unserer Untersuchung die Sicherheit der Patienten nicht und steht der Prävention von Suizid und Entweichung teilweise sogar entgegen. Eine Atmosphäre von Kontrolle, eingeschränkten persönlichen Freiheiten und Zwangsmassnahmen ist eher ein Risikofaktor für eine erfolgreiche Therapie.» Fokus auf ethische Standards

«Unsere Resultate sind wichtig für die Entstigmatisierung, die Partizipation und die Emanzipation der Patienten, aber auch für die psychiatrische Versorgung allgemein», kommentiert Letztautorin Undine Lang, Direktorin der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik der UPK Basel. Die Ergebnisse werden auch juristische Fragestellungen beeinflussen, die sich beim Öffnen von Kliniken ergeben. Die Behandlung soll künftig vermehrt auf ethische Standards fokussieren, in denen die Betroffenen ihre Autonomie möglichst bewahren können, so Undine Lang. Gefördert werden sollen auch eine Stärkung der therapeutischen Beziehung und die gemeinsame Entscheidungsfindung mit den Patienten.

Originalbeitrag

Christian G. Huber, Andres R. Schneeberger, Eva Kowalinski, Daniela Fröhlich, Stefanie von Felten, Marc Walter, Martin Zinkler, Karl Beine, Andreas Heinz, Stefan Borgwardt, and Undine E. Lang Suicide Risk and Absconding in Psychiatric Hospitals with and without Open Door Policies: A 15-year Naturalistic Observational Study The Lancet Psychiatry (2016) | DOI: 10.1016/S2215-0366(16)30168-7

Weitere Auskünfte

PD Dr. Christian Huber, Leitender Arzt der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik der Universitären Psychiatrischen Kliniken und Universität Basel, Tel. +41 61 325 53 61, E-Mail: christian.huber@upkbs.ch

Prof. Dr. Undine Lang, Klinikdirektorin der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik der Universitären Psychiatrische Kliniken und Universität Basel, Tel. +41 61 325 52 00, E-Mail: undine.lang@upkbs.ch

Weitere Informationen finden Sie unter

https://www.unibas.ch/de/Aktuell/News/Uni-Research/Geschlossene-oder-offene-Psychiatrie-Suizidrisiko-bleibt-sich-gleich

Metakognitive Therapie – Neuer Behandlungsansatz bei Zwangsstörungen

Zwangsstörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter. Bisher wird diese Erkrankung meist mit einer kognitiven Verhaltenstherapie behandelt – einer effektiven Behandlungsmethode, von der aber nicht alle Patienten profitieren können.

An den Psychologischen Instituten der Universität Leipzig und der Philipps-Universität Marburg wird deshalb derzeit eine neuartige Therapiemethode für die Zwangserkrankung erforscht – die metakognitive Therapie. Schwerpunkt ist dabei die Veränderung von krankheitstypischen Annahmen und Verhaltensweisen.

Auf ausgedehnte Konfrontationen mit zwangsauslösenden Situationen wie in der kognitiven Verhaltenstherapie wird in diesem Therapieansatz ausdrücklich verzichtet. In einer ersten Untersuchung von Wissenschaftlern der Universitäten in Leipzig und Marburg konnten für die metakognitive Therapie von Zwangskranken beachtliche Therapierfolge nach sehr kurzer Therapiedauer erzielt werden. „Unsere Ergebnisse sprechen für eine vergleichbare, gute Wirksamkeit beider Therapieformen – die metakognitive Therapie war in der Pilotstudie genauso erfolgreich wie die klassische Konfrontationstherapie und brauchte dafür weniger Therapiezeit. Als alternativer oder ergänzender Behandlungsansatz für Zwangserkrankungen erscheint die metakognitive Therapie daher zwar vielversprechend, muss aber noch weiter untersucht werden“, erläutert die Psychotherapeutin Prof. Dr. Cornelia Exner, Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Leipzig.

Derzeit läuft im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes an den Psychologischen Instituten der Universitäten Leipzig und Marburg eine Behandlungsstudie, bei der beide Behandlungsformen der Zwangserkrankung – die Konfrontationstherapie und die metakognitive Therapie – in ihrer Wirksamkeit näher untersucht werden.

Dadurch sollen sowohl bewährte als auch neue Therapieverfahren zur Behandlung der Zwangserkrankung optimiert werden. Nach einer ausführlichen Diagnostik haben Personen, die an einer Zwangserkrankung leiden, die Möglichkeit, 12 Therapiesitzungen entsprechend einer der beiden Therapieformen in Anspruch zu nehmen. Im Anschluss daran findet eine Untersuchung statt, um Therapierfolge zu erfassen. Sollte nach dieser Behandlung weiterhin Therapiebedarf bestehen, kann die Behandlung in der angeschlossenen Hochschulambulanz weitergeführt werden.

An der Universität Leipzig wird diese Studie, für die Teilnehmer gesucht werden, von Prof. Exner geleitet. Ansprechpartnerin für den Standort Leipzig ist Dr. Alexandra Kleiman, E-Mail: alexandra.kleiman@uni- leipzig.de, Tel: 0341-97-39567.

Was ist eine Zwangsstörung?

Betroffene erleben immer wieder ein Aufdrängen unangenehmer Gedanken und Handlungsimpulse, ohne sich dagegen wehren zu können. Obwohl man sie als unsinnig erkennt, kann man sie dennoch nicht einfach ziehen lassen. Die Patienten versuchen, mit Gedanken und Handlungen Einfluss zu nehmen auf befürchtete Ereignisse und entwickeln dafür Rituale und Ticks, wie häufiges Händewaschen oder langwierige Überprüfungen von Haushaltsgeräten und Türschlössern, um vermeintliches Unheil abzuwehren. Wenn diese Rituale jedoch im Alltag die Überhand gewinnen, ist ein normales Leben häufig nicht mehr möglich. Erfolglose Versuche, sich von den Zwängen zu befreien, haben für die Betroffenen häufig ein großes Gefühl der Hilflosigkeit zur Folge. In Deutschland sind zwei Prozent der Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben von einer Zwangsstörung betroffen. Auch der Gesellschaft entstehen durch die Erkrankung hohe Kosten.

Bisherige Therapiemethode

Der heute bewährte Ansatz zur Bewältigung von Zwängen ist die kognitive Verhaltenstherapie, die sich in der Behandlung von Zwangserkrankungen bereits als wirksam erwiesen hat. Es handelt sich um ein effektives psychotherapeutisches Behandlungsverfahren, mit dem bei vielen Betroffenen eine deutliche Reduktion der Symptome und verbesserte Alltagskompetenz erzielt werden kann. In Zentrum dieser inzwischen gut erforschten Behandlungsmethode steht die sogenannte „Konfrontationstherapie mit Reaktionsverhinderung“, bei der die Patienten nach ausführlicher Vorbereitung wiederholt mit Gegenständen oder Situationen konfrontiert werden, die typische Befürchtungen und Ängste auslösen. Die Effektivität dieser Behandlungsmethode hat ihre Grenzen. Nur wenige Psychotherapeuten können ausgedehnte Übungsstunden außerhalb des Therapiezimmers in den Praxisalltag einbauen. Zudem sind viele Patienten mit einer Zwangserkrankung nicht bereit, an einer konfrontationsorientierten Therapie teilzunehmen bzw. brechen diese häufig ab, was zu einer Verschlechterung der Erkrankung führen kann.

Weitere Informationen:

Dr. Alexandra Kleiman

Telefon: +49 341 97 39567

E-Mail:  alexandra.kleiman@uni-leipzig.de

Posttraumatische Belastungsstörung: Psychologen identifizieren Risikofaktoren

Die Konfrontation mit Extremsituationen im Berufsalltag kann Posttraumatische Belastungsstörungen oder Depressionen auslösen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass bestimmte Denkmuster das Risiko für solche Reaktionen erhöhen und damit mögliche Ansatzpunkte für gezielte Trainingsprogramme liefern. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um die renommierte Psychologin Anke Ehlers begleiteten 386 Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter während ihrer Ausbildung und untersuchten, wie diese mit belastenden Ereignissen umgingen. Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift „Psychological Medicine“ erschienen.

Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sind häufig mit belastenden Situationen konfrontiert. Schwere Unfälle, Suizidversuche oder lebensbedrohliche Krankheiten gehören zu ihrem Berufsalltag. Diese Erfahrungen steigern das Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Aber nicht jeder Betroffene erkrankt in der Folge schwerer traumatischer Erlebnisse. „Wir wollten herausfinden, ob es bestimmte Risikofaktoren gibt, die vorhersagen, ob Notfallsanitäter im Berufsalltag beeinträchtigende psychische Reaktionen wie Depressionen oder eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln“, sagt Anke Ehlers, Professorin für experimentelle Psychopathologie an der University of Oxford.

Die Studie

Das Forscherteam untersuchte 386 Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter während ihrer Ausbildung. Zu Beginn der Ausbildung beantworteten sie ausgewählte Fragebögen zu möglichen Risikofaktoren (darunter Fragen zu früheren psychischen Störungen, traumatischen Situationen und zum Umgang mit belastenden Erfahrungen). In den folgenden zwei Jahren wurde mit Fragebögen und Interviews alle vier Monate erfasst, welche belastenden Ereignisse die Befragten erlebt hatten und wie sie darauf reagierten. So konnte festgestellt werden, wer im Laufe der zwei Jahre Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression entwickelte. Am Ende der Studie machten die Befragten Angaben zu verschiedenen Aspekten ihres Wohlbefindens. Dazu zählten Anzeichen für Burnout, Anzahl der Arbeitsfehltage, Angaben zu Schlaflosigkeit und Lebensqualität.

Umgang mit belastenden Erfahrungen ausschlaggebend

Fast alle Personen erlebten während ihrer Ausbildung mindestens eine sehr stark belastende Situation. Im Laufe der zwei Jahre entwickelten 32 Befragte (8.6%) eine posttraumatische Belastungsstörung und 41 Befragte

(10.6%) eine Depression. Das Forscherteam identifizierte eine Reihe von Faktoren, die es wahrscheinlicher machten, dass jemand in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung oder depressive Episode entwickelte.

Personen, die häufig über belastende Situationen grübelten, waren besonders anfällig dafür, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Dabei kam es nicht auf die Anzahl der traumatischen Ereignisse vor und während der Ausbildung an. Für die Vorhersage von Depressionen war der Grad an Selbstvertrauen in die eigene Fähigkeit, mit Belastungen fertig zu werden – die Resilienz einer Person – besonders bedeutsam. „Es sind also weniger die belastenden Ereignisse an sich, die eine psychische Störung vorhersagen, sondern mehr die eigenen Denkmuster und der individuelle Umgang mit diesen Erfahrungen“, erläutert Anke Ehlers.

Die Erhebung am Ende der Studie zeigt: Obwohl sich die betroffenen Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter fast alle innerhalb von 4 Monaten von ihren Problemen erholten, blieben sie stärker als ihre Kolleginnen und Kollegen in ihrer Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Auch schliefen sie schlechter und berichteten einen stärkeren Gewichtszuwachs.

Ansatzpunkte für Begleitung in der Ausbildung: Widerstandskraft erhöhen

Im nächsten Schritt will das Forscherteam untersuchen, ob gefährdete Personen während ihrer Ausbildung besonders unterstützt werden können, um dadurch das Risiko von Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen zu senken. „Es lässt sich nicht vermeiden, dass Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter schlimme Situationen erleben“, sagt Anke Ehlers, „aber es gilt zu prüfen, ob gezielte Trainingsprogramme zur Veränderung von Denkmustern dazu beitragen können, die psychische Widerstandskraft gegen Extrembelastung zu erhöhen.“

Die Originalstudie finden Sie hier:

Wild, J., Smith, K., Thompson, E., Bear, F., Lommen, M. & Ehlers, A.

(2016). A prospective study of pre-trauma risk factors for posttraumatic stress disorder and depression. Psychological Medicine http://journals.cambridge.org/action/displayIssue?jid=PSM&tab=firstview

 

Weitere Informationen:

Prof. Dr Anke Ehlers

Department of Experimental Psychology

University of Oxford

South Parks Road

Oxford, OX1 3UD

UK

Tel. 0044 1865 618600

email: anke.ehlers@psy.ox.ac.uk

Bipolare Störungen: Oft schon Symptome im jungen Erwachsenenalter

Bipolare Störungen (manisch-depressive Erkrankungen) betreffen circa zwei Prozent der Bevölkerung und sind von Phasen der Depression wie auch deren Gegenpol, der Manie, gekennzeichnet. Für die meisten Betroffenen die Erkrankung einen lebenslangen Kampf, der oftmals schon in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter beginnt, ohne dass diese Menschen jedoch ausreichend diagnostiziert oder behandelt werden. Daher richten sich Wissenschaftler der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus mit einer speziellen Psychotherapie-Studie (mit der Fachbezeichnung „BipoLife A2“) gerade an junge Menschen (im Alter von 18 bis 35 Jahren) mit bipolarer Störung.

Auch viele berühmte Persönlichkeiten litten unter dieser Erkrankung, beispielsweise Ernest Hemingway, Robert Schumann oder Vincent van Gogh – bei denen sich kreative Höhenflüge mit tiefer, teils lebensgefährlicher Depression abwechselten.

Im Rahmen der Studie bieten die Therapeuten eine innovative Gruppenpsychotherapie an und sind überzeugt, damit Rückfälle in die Depression oder Manie verhindern zu können. Die Studie wird in ganz Deutschland in insgesamt neun universitären Zentren angeboten. Die Gesamtkoordination erfolgt durch Prof. Martin Hautzinger in Tübingen. Am Standort Dresden wird die Studie durch Dr. Jörn Conell und  durch Dr. Dirk Ritter geleitet. Das Therapieangebot findet einmal im Monat ganztägig an insgesamt vier Samstagen im Universitätsklinikum Dresden statt, so dass auch Patienten aus dem weiteren Umkreis Dresdens daran teilnehmen können.

Bei Interesse an der aktuellen Studie gibt es unter Telefon 458-3595 bzw.

per E-Mail an BipoLife@uniklinikum-dresden.de die Möglichkeit zur Terminkoordination für einen ersten Kontakt zur lokalen Studienleitung.

Mehr Informationen zur BipoLife A2-Studie und dem Wissenschaftler-Team gibt es online unter www.BipoLife.org.

Wie Ketamin Depressionen behebt

Doctor with syringe preparing to give a vaccineBaltimore – Ketamin, das aufgrund seiner „dissoziativen“ Eigenschaften in der Anästhesie geschätzt und als Partydroge missbraucht wird, kann Depressionen innerhalb kurzer Zeit lindern. Eine Untersuchung in Nature (2016; doi: 10.1038/nature17998) zeigt, dass die antidepressive Wirkung durch einen Metaboliten erzeugt wird und möglicherweise von den rauschartigen Wirkungen getrennt werden kann.

Die Wirkung von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern oder anderen monoaminergen Antidepressiva setzt erst nach Wochen oder Monaten ein und dies auch nur bei einem Teil der Patienten. Ketamin kann eine depressive Episode dagegen innerhalb einer Stunde beenden. Die Wirkung hält über eine Woche an, doch die psychotropen Nebenwirkungen – die Fachinformation nennt Flashbacks, Hallu­zinationen, Dysphorien, Angst, Schlaflosigkeit oder Desorientierung – schränken den Nutzen als Antidepressivum ein. Hinzu kommt, dass das Mittel in den Schwarzmarkt gelangen könnte. In Großbritannien wird Ketamin als Droge eingestuft. Der Besitz ist strafbar.

Der Mechanismus der antidepressiven Wirkung von Ketamin war bisher nicht bekannt. Ketamin blockiert im Gehirn den NMDA-Rezeptor, der an der Gedächtnisbildung beteiligt ist. Wie dies depressive Symptome lindert, war vielen Neuropharmakologen bislang ein Rätsel, zumal das R-Enantiomer eine deutlich stärkere antidepressive Wirkung erzielt als das S-Enantiomer – das spiegelbildliche Molekül. Denn das R-Enantiomer bindet deutlich schwächer am NMDA-Rezeptor. Hinzu kommt, dass eine Reihe anderer NMDA-Rezeptorblocker keine antidepressive Wirkung erzielen.

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Die Erklärung liefert eine Reihe von Experimenten, die Carlos Zanos von der University of Maryland School of Medicine in Baltimore und Mitarbeiter an Mäusen durchgeführt haben. Die Forscher können zeigen, dass nicht Ketamin, sondern sein Metabolit (2R,6R)-Hydroxynorketamin für die antidepressive Wirkung verantwortlich ist. (2R,6R)-Hydroxynorketamin hat keine blockierende Wirkung am NMDA-Rezeptor, es aktiviert vielmehr den AMPA-Rezeptor. Mit Molekülen, die die AMPA-Rezeptoren blockieren, konnte Zanos bei Mäusen die antidepressive Wirkung von (2R,6R)-Hydroxynorketamin aufheben.

Die Entdeckung könnte klinische Auswirkungen haben, denn die Experimente an Mäusen ergaben, dass (2R,6R)-Hydroxynorketamin vermutlich frei von den disso­ziativen Nebenwirkungen von Ketamin ist. Die Mäuse zeigten keine Veränderung der körperlichen Aktivität, die Sinneswahrnehmung war nicht gestört und die Koordinations­fähigkeiten blieben erhalten.

Die Mäuse machten auch keine Anstalten, die Dosis zu steigern, wenn sie (2R,6R)-Hydroxynorketamin nach Belieben zu sich nehmen konnten, was gegen eine Suchtentwicklung spricht. Die Ergebnisse machen (2R,6R)-Hydroxynorketamin oder vergleichbare Substanzen zu Kandidaten für neue antidepressive Medikamente. In Zukunft dürften die Arzneimittelforscher vermehrt nach AMPA-Aktivatoren statt nach NMDA-Blockern suchen. © rme/aerzteblatt.de

Bluthochdruck und ADHS: Bei Kindern fast immer unentdeckt

Berlin – Schätzungen zufolge leiden in Deutschland etwa 700.000 Kinder an Bluthoch­druck (KiGGS-Studie). „Erkannt wird das Problem aber bei weniger als einem Prozent,“ schätzt Martin Hulpke-Wette, Kinderkardiologe in einer Präventionspraxis für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in Göttingen. Die Deutsche Hochdruckliga (DHL) fordere daher eine frühere Blutdruckmessung, schon ab dem dritten Lebensjahr.

Ohne Therapie kann ein Bluthochdruck bei Kindern zu Organschäden am Herzen und den Gefäßen führen. „Bei den 16- bis 20-Jährigen haben mehr als 30 Prozent derjenigen, die Bluthochdruck und noch zwei weiter Risikofaktoren einer Atherosklerose aufweisen, veränderte Herzkranzarterien“, so Hulpke-Wette. Einen Vorteil haben die Kinder gegenüber Erwachsen jedoch. „Bei einer konsequenten Behandlung können sich die organischen Schäden vollständig normalisieren.“

Er selbst hat mehr als 500 Kinder mit Hypertonie in Behandlung. Etwa 90 Prozent dieser Patienten werden von Kollegen aufgrund von Auffälligkeiten bei Schuleingangs- oder Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt überwiesen. Erst nach wiederholten Blut­druck­messungen wird die Hypertonie diagnostiziert. „Bei Kindern unter 12 Jahren mit Blutdruckwerten über 120/80 mmHg sollten diese genauer betrachtet werden,“ so der Sprecher der Kommission Hypertonie bei Kindern und Jugendlichen der DHL. Etwa bei der Hälfte der auffälligen Kinder findet Hulpke-Wette anschließend auch Organschäden.

„Besser wäre es, wenn anstatt bei der U8 im Alter von vier Jahren, schon bei drei­jährigen eine Blutdruckmessung durchgeführt werden würde.“ Dabei gelte es aber zu bedenken, dass die gemessenen Werte bei Kindern anfänglich oft verfälscht sind. Denn sie stehen dem Arztbesuch meist ängstlich entgegen, der sogenannte „Weißkitteleffekt“.

ADHS oder doch „nur“ Bluthochdruck?
Neben einem familiär bedingten Risiko für Hypertonie, Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen weist der Kinderkardiologe vor allem auf eine vermeintliche Aufmerk­samkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hin. Ungefähr 450 000 Kinder und Jugendliche werden in Deutschland wegen ADHS mit Methylphenidat (MPH, Handels­name u. a. Ritalin) in unterschiedlichen Darreichungsformen behandelt.

Fachinformationen gehen bisher davon aus, dass MPH bei ein bis zehn Prozent den Blutdruck um mehr als 10 mmHG systolisch und/oder diastolisch verändert. Eine Anwendungsbeobachtung an sechs Studienzentren der Arbeitsgemeinschaft der Niedergelassenen Kinderkardiologen (ANKK) zeigt jedoch ein anderes Bild (Thoracis cardiovascular Surgeon 2016; DOI: 10.1055/s-0036-1571915).

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Von 81 Patienten hatten 56 Prozent vor MPH-Gabe prähypertensive oder hypertensive systolische und/oder diastolische Blutdruckwerte. „Grenzwertige und wirklich erhöhte Blutdruckwerte traten somit zehnmal häufiger als bei gleichaltrigen Kindern auf,“ erklärt Hulpke-Wette. Von den 44 Patienten, die MPH erhielten, zeigten 25 Prozent einen Blutdruckanstieg und 18 Prozent einen Blutdruckabfall um mehr als 10 mmHg. „Möglich ist, dass einige der Patienten ‚nur‘ eine arterielle Hypertonie und eine daher erklärbare Konzentrationsstörung, aber keine ADHS haben“, schlussfolgert Hulpke-Wette.

„Wir fordern, dass bei allen Patienten mit der Diagnose ADHS regelmäßig der Blutdruck mittels ambulanter 24-Stunden-Blutdruckmessungen kontrolliert wird.“ Größere Studien zu dieser Problematik sollten in einem nächsten Schritt mit der Unterstützung von Krankenkassen durchgeführt werden. © gie/aerzteblatt.de