Bluthochdruck und ADHS: Bei Kindern fast immer unentdeckt

Berlin – Schätzungen zufolge leiden in Deutschland etwa 700.000 Kinder an Bluthoch­druck (KiGGS-Studie). „Erkannt wird das Problem aber bei weniger als einem Prozent,“ schätzt Martin Hulpke-Wette, Kinderkardiologe in einer Präventionspraxis für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in Göttingen. Die Deutsche Hochdruckliga (DHL) fordere daher eine frühere Blutdruckmessung, schon ab dem dritten Lebensjahr.

Ohne Therapie kann ein Bluthochdruck bei Kindern zu Organschäden am Herzen und den Gefäßen führen. „Bei den 16- bis 20-Jährigen haben mehr als 30 Prozent derjenigen, die Bluthochdruck und noch zwei weiter Risikofaktoren einer Atherosklerose aufweisen, veränderte Herzkranzarterien“, so Hulpke-Wette. Einen Vorteil haben die Kinder gegenüber Erwachsen jedoch. „Bei einer konsequenten Behandlung können sich die organischen Schäden vollständig normalisieren.“

Er selbst hat mehr als 500 Kinder mit Hypertonie in Behandlung. Etwa 90 Prozent dieser Patienten werden von Kollegen aufgrund von Auffälligkeiten bei Schuleingangs- oder Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt überwiesen. Erst nach wiederholten Blut­druck­messungen wird die Hypertonie diagnostiziert. „Bei Kindern unter 12 Jahren mit Blutdruckwerten über 120/80 mmHg sollten diese genauer betrachtet werden,“ so der Sprecher der Kommission Hypertonie bei Kindern und Jugendlichen der DHL. Etwa bei der Hälfte der auffälligen Kinder findet Hulpke-Wette anschließend auch Organschäden.

„Besser wäre es, wenn anstatt bei der U8 im Alter von vier Jahren, schon bei drei­jährigen eine Blutdruckmessung durchgeführt werden würde.“ Dabei gelte es aber zu bedenken, dass die gemessenen Werte bei Kindern anfänglich oft verfälscht sind. Denn sie stehen dem Arztbesuch meist ängstlich entgegen, der sogenannte „Weißkitteleffekt“.

ADHS oder doch „nur“ Bluthochdruck?
Neben einem familiär bedingten Risiko für Hypertonie, Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen weist der Kinderkardiologe vor allem auf eine vermeintliche Aufmerk­samkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hin. Ungefähr 450 000 Kinder und Jugendliche werden in Deutschland wegen ADHS mit Methylphenidat (MPH, Handels­name u. a. Ritalin) in unterschiedlichen Darreichungsformen behandelt.

Fachinformationen gehen bisher davon aus, dass MPH bei ein bis zehn Prozent den Blutdruck um mehr als 10 mmHG systolisch und/oder diastolisch verändert. Eine Anwendungsbeobachtung an sechs Studienzentren der Arbeitsgemeinschaft der Niedergelassenen Kinderkardiologen (ANKK) zeigt jedoch ein anderes Bild (Thoracis cardiovascular Surgeon 2016; DOI: 10.1055/s-0036-1571915).

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Von 81 Patienten hatten 56 Prozent vor MPH-Gabe prähypertensive oder hypertensive systolische und/oder diastolische Blutdruckwerte. „Grenzwertige und wirklich erhöhte Blutdruckwerte traten somit zehnmal häufiger als bei gleichaltrigen Kindern auf,“ erklärt Hulpke-Wette. Von den 44 Patienten, die MPH erhielten, zeigten 25 Prozent einen Blutdruckanstieg und 18 Prozent einen Blutdruckabfall um mehr als 10 mmHg. „Möglich ist, dass einige der Patienten ‚nur‘ eine arterielle Hypertonie und eine daher erklärbare Konzentrationsstörung, aber keine ADHS haben“, schlussfolgert Hulpke-Wette.

„Wir fordern, dass bei allen Patienten mit der Diagnose ADHS regelmäßig der Blutdruck mittels ambulanter 24-Stunden-Blutdruckmessungen kontrolliert wird.“ Größere Studien zu dieser Problematik sollten in einem nächsten Schritt mit der Unterstützung von Krankenkassen durchgeführt werden. © gie/aerzteblatt.de

Retardiertes Amphetamin bei Kokainabhängigkeit und ADHS

Levin FR et al.
Extended-release mixed amphetamine salts vs. placebo for comorbid adult attentional-deficit/hyperactivity disorder and cocaine use disorder.
JAMA Psychiatry 2015;
72: 593-602

In unterschiedlichen Studien konnte gezeigt werden, dass ein ADHS im Erwachsenenalter häufig nicht erkannt und damit unbehandelt bleibt. Es wird davon ausgegangen, dass bis zu 4 % der Bevölkerung und bis zu 24 % der Patienten mit einer Substanzabhängigkeit an einem ADHS leiden. Zur Behandlung des ADHS im Erwachsenenalter habe sich Stimulanzien als erfolgreiche Strategie herausgestellt. In der Behandlung der Kokainabhängigkeit hingegen gibt es von der FDA kein zugelassenes Medikament. Insbesondere bei Betroffenen mit einer komorbiden ADHS wird die Medikation mit Stimulanzien kritisch diskutiert. Hier sehen die Autoren lediglich geringe Risiken bei Retardpräparaten. Es wurde nun untersucht, ob die Behandlung mit Stimulanzien, die eine verlängerte Freigabe zeigen, zu einer Verbesserung der ADHS-Symptomatik und einer Reduktion des Kokaingebrauchs führt.

Dazu wurden 126 Probanden in eine doppelblinde, randomisierte, kontrollierte Studie eingeschlossen. Nach einer initialen Diagnostik nach dem DSM-IV wurden die Probanden in 3 Gruppen aufgeteilt. Neben der Placebogruppe wurden 2 Gruppen mit einmal 60 mg und einmal 80 mg Amphetamin pro Tag gebildet. Die höhere Dosis wurde aufgrund der Vorstellung, dass Kokainabhängige unter einer größeren Dysregulation des Dopaminsystems leiden, etabliert. Nach einer einwöchigen Titrationsphase wurden die Probanden 11 Wochen behandelt, gefolgt von einer einwöchigen Ausschleichphase. Neben der medikamentösen Therapie erhielten alle Probanden 12 Sitzungen kognitive Verhaltenstherapie, die sich zwischen den Gruppen nicht unterschied.

Die Datenerhebung erfolgte mit der „Adult ADHD Investigator Symptom Rating Scale“ (AISRS), der „Conners Adult ADHD Rating Scale-Investigator Rated, Screening Version“ (CAARS), der „Clinical Global Impression improvement scale for ADHD“ sowie aus Angaben der Probanden bezüglich des Kokainkonsums in Kombination mit Urintests. Als kokainabstinent definiert wurden 2 negative Urintests in Folge in Kombination mit der Angabe des Probanden kein Kokain konsumiert zu haben.

Es zeigte sich, dass eine Verbesserung der ADHS-Symptomatik um 30 % (Zielgröße dieser Studie) in der Gruppe, die 80 mg Amphetamin/Tag erhalten hatte, bei 58,1 % lag (Odds Ratio [OR] 2,27 im Vergleich zu Placebo), in der 60-mg-Gruppe bei 75 % (OR 5,23 im Vergleich zu Placebo) und bei 39,5 % in der Placebogruppe. Die Medikation mit Amphetaminen hatte auch einen deutlichen Einfluss auf die Anzahl kokainfreier Wochen. Die OR in der 80-mg-Gruppe lag bei 5,46 (p < 0,001) und in der 60-mg-Gruppe bei 2,92 (p = 0,02). Die Medikamentengruppen unterschieden sich nicht signifikant (OR 1,87; p = 0,11). Der Anteil der Betroffenen, die in den letzten 3 Wochen abstinent lebten, lag in der 80-mg-Gruppe bei 30,2 % (OR 11,87 im Vergleich zu Placebo), in der 60-mg-Gruppe bei 17,5 % (OR 5,85 im Vergleich zu Placebo) und in der Placebogruppe bei 7,0 %. Auch hier unterschieden sich die Medikamentengruppen nicht (OR 0,49; p = 0,22).

Fazit

Die Autoren konnten zeigen, dass erwachsene Patienten mit einem ADHS und einer Kokainabhängigkeit von einer Behandlung mit Amphetaminen als Retardpräparat, in Kombination mit einer Verhaltenstherapie profitieren. Dies gilt sowohl für die ADHS-Symptomatik als auch für die Reduktion des Kokaingebrauchs. Zudem zeigten sich keine deutlichen unerwünschten Wirkungen, sodass die Autoren davon ausgehen, dass die Medikation mit Amphetaminen in dieser Patientengruppe als sicher eingestuft werden kann. Dies steht im Gegensatz zu der gängigen Praxis, bei der Betroffene mit einer Substanzabhängigkeit aufgrund der Vorstellung, dass sich ihr Zustand verschlechtern könnte, weniger häufig Stimulanzien verschrieben bekommen. Diese Studie konnte nun das Gegenteil zeigen. Vor diesem Hintergrund empfehlen die Autoren eine Medikation mit Stimulanzien bei diesen Patienten zu fördern.

Dr. Bastian Willenborg, Wendisch-Rietz