Depressionen nach Behandlung auf Intensivstation häufig

Baltimore – Jeder dritte Intensivpatient leidet nach der Entlassung unter Depressionen, die nach den Ergebnissen einer Meta-Analyse in Critical Care Medicine (2016; 44: 1744-1753) auch ein Jahr später noch bestanden.

Vielen Menschen fällt es nach der Behandlung auf einer Intensivstation schwer, im normalen Leben wieder Fuß zu fassen. Dies kann an den Folgen der Erkrankung liegen, die die intensivmedizinische Behandlung notwendig gemacht haben. Eine Rehabilitation der Patienten ist häufig nicht möglich. Es kann aber auch sein, dass die Behandlungen selbst die Psyche stark belastet haben.

Die Studien, deren Ergebnisse ein Team um Joseph Bienvenu von der Johns Hopkins University School of Medicine, Baltimore, in einer Meta-Analyse zusammengefasst hat, können die Ursache der Störungen nicht klären. Sie zeigen aber, dass Depressionen kein seltenes Phänomen sind.

Die Symptome wurden in den Studien meistens mit der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS-D) bestimmt. Der Score reicht von 0 bis 21 Punkten, wobei ein Wert von 0 bis 7 Punkten ein Normalbefund ist. Von 8 bis 10 Punkten könne eine leichte, bei mehr als 11 Punkten eine mittelschwere bis schwere Depression vorliegen. Die Diagnose selbst erfordert eine fachärztliche Untersuchung.

zum Thema

Abstract der Studie in in Critical Care Medicine
Pressemitteilung von Johns Hopkins Medicine

In den 42 Studien mit 4.113 Patienten, die Bienvenu in die Meta-Analyse einfließen ließ, hatten zwei bis drei Monate nach der Behandlung 29 Prozent der Patienten noch 8 oder mehr Punkte im HADS-D. Bei ihnen bestand somit Verdacht auf eine Depression. Wider Erwarten erholten sich nur wenige Patienten in den folgenden Monaten. Die Prävalenz der Depression betrug nach sechs Monaten 34 Prozent und nach 12 bis 24 Monaten noch 29 Prozent.

Auch mittelschwere bis schwere depressive Symptome (HADS-D größer oder gleich 11) waren keineswegs selten. Die Prävalenz lag zwei bis drei Monate nach der Entlassung bei 17 Prozent, nach sechs Monaten ebenfalls bei 17 Prozent und nach 12 bis 14 Monaten noch bei 13 Prozent.

Die wichtigsten Risikofaktoren für eine spätere Depression waren eine vorbestehende psychische Erkrankung sowie ein „Distress-Syndrom“ während der Behandlung mit Wut, Nervosität, akuten Stresssymptomen, emotionaler Distanzierung oder Flashbacks. Das Alter des Patienten, der Schweregrad der Krankheit, die Liegedauer auf Intensivstation oder im Krankenhaus sowie die Dauer der Sedierung hatten dagegen keinen Einfluss auf spätere Depressionen.

Suizidrisiko: Potenzieller Biomarker entdeckt

Grand Rapids – Menschen, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen, könnten eines Tages anhand eines Bluttests identifiziert werden. Forscher aus Australien, Schweden und den USA haben bei Betroffenen einen potenziellen Marker gefunden. Das Enzym mit reduzierter Aktivität spielt eine wichtige Rolle bei der Entzündungs­regulation: Amino-ß-Carboxymuconat Semialdehyd Decarboxylase (ACMSD). Die Ergebnisse wurden in Translational Psychiatry (doi:10.1038/tp.2016.133) publiziert.

Frühere Studien haben fortlaufende Entzündungsprozesse bei suizidgefährdeten und depressiven Menschen identifiziert. Die Autoren untersuchten daher das Blut und den Liquor von 137 Menschen, die sich das Leben nehmen wollten und 71 gesunden Probanden auf Komponenten des Immunsystems: Cytokine, den Kynurenin-Metabolit Quinolinsäure (QUIN) und dessen Kompetitor Picolinsäure (PIC). Die Suizid-Gruppe hatte reduzierte PIC-Level und ein höheres Verhältnis von PIC/QUIN. Daraus leiten die Forscher eine verminderte Aktivität des regulatorischen Enzyms ACMSD ab, das für ein Gleichgewicht der beiden Proteine sorgt.

zum Thema

Studie in Translational Psychiatry 2016
„Six new risk loci for Parkinson’s disease“ Nature Genetics 2014
Suizid-Prävention: Welche Interventionen helfen am besten
Gehirnerschütterung erhöht Suizidrisiko

Infektionen könnten Suizid auslösen
Die Kynurenin-Metabolite könnten sich folglich nicht nur als Biomarker für das individuelle Suizidrisiko eignen. Sie stellen auch einen therapeutischen Angriffspunkt dar. Die Autoren sind sich sicher, dass Menschen mit einer reduzierten ACMSD-Aktivität besonders vulnerabel für Depressionen oder Suizidgedanken sind, wenn eine Infektion oder Entzündung vorliegt. Zudem könnten Entzündungen leichter chronifizieren. Genetische Varianten des ACMSD-Enzyms konnten kürzlich auch bei Parkinson-Patienten gefunden werden.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation nehmen sich weltweit jährlich mehr als 800.000 Menschen das Leben.

Neue Leitlinie soll Interventionen bei Suizidalität im Jugendalter verbessern

Marburg – Eine umfassend überarbeitete Leitlinie zur Intervention bei Suizidalität im Kin­des- und Jugendalter haben die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsy­chia­trie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) und die Philipps-Universität Marburg vorgelegt. Koordinatorin der Neuauflage ist Katja Becker, Direktorin der Klinik für Kinder- und Ju­gendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Marburg. „Klassifikation, Epidemiologie, spezifische Diagnostik und die verschiedenen Interventionen wurden umfassend dargestellt“, erklärte Becker. Zudem habe die Leit­li­nien­arbeitsgruppe ein Kapitel zur Vor- und Nachsorge neu aufgenommen.

Suizidalität ist nach Unfällen die häufigste Todesursache im Jugendalter. Zur Suizidge­dan­ken und -absichten liegen laut Leitlinie in Deutschland nur begrenzt Daten vor. „Aber Gedanken an den Tod oder Suizidgedanken unter Kindern und Jugendlichen scheinen relativ häufig zu sein“, heißt es in der Leitlinie. In der sogenannten Heidelberger Schul­stu­die von 2007 berichteten 14,4 Prozent der 14 bis 15-jährigen Schüler von Suizid­ge­danken in der Vergangenheit.

zum Thema

zur Leitlinie
SuizidPrävention: Welche Interventionen am besten helfen
Cybermobbing-Prävention: Deutschland im unteren Mittelfeld
Suizidrisiko auf offenen Stationen nicht erhöht
Frauengesundheit: Die 8 wichtigsten Vorsorge-Maßnahmen

Offenbar bestehen deutliche Geschlechtsunterschiede hinsichtlich der Prävalenzvon Suizidgedanken im Jugendalter. Während in der Heidelberger Schulstudie 19,8 Prozent der Mädchen Suizidgedanken angaben, waren es bei den Jungen nur 9,3 Prozent. Nach den Angaben der Befragten werden diese Gedanken aber deutlich weniger als im Er­wachsenenalter in konkrete Suizidpläne umgesetzt. Allerdings berichten in stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Populationen 70,4 Prozent der jungen Menschen über konkrete Suizidgedanken.

„Wichtig für die Praxis ist zu wissen, dass insbesondere im Kindes- und Jugendalter nicht vorschnell von der Methode eines Suizidversuchs auf die Ernsthaftigkeit beziehungs­wei­se den Schweregrad der Suizidalität geschlossen werden kann“, heißt es in der Leitlinie – insbesondere bei Jüngeren oder unterdurchschnittlich begabten Jugendlichen. Selbst einer aus ärztlicher Sicht objektiv nicht lebensbedrohlichen Handlung könne ein starker Suizidwunsch zugrunde liegen, so die Autoren.

Opioide: Abhängigkeitsrisiko bei erstmaliger Verschreibung

Portland – Verlangen Patienten eine höhere Dosierung oder einen sofortigen Nachschub einer Opiodtherapie, sollte jeder Arzt hellhörig werden. Vor allem bei Patienten, die zum ersten Mal Opiode zur Schmerzlinderung einnehmen, ist Vorsicht geboten. Ab wann der Opiodeinsatz das Risiko einer längerfristigen Einnahme birgt, haben Forscher der Oregon Health and Science University in einer retrospektiven Kohorten-Studie erforscht. Die Ergebnisse haben sie kürzlich im Journal of General Internal Medicine (doi:10.1007/s11606-016-3810-3) publiziert.

In den USA verschrieben Ärtzte in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich mehr Opiode als in den Jahren davor. Gleichzeitg stieg auch der Bedarf an Therapien aufgrund von Opiod-Übderdosierungen und -Abhängigkeiten. Der Staat Oregon ist laut einer Erhe­bung aus dem Jahr 2012 am stärksten betroffen. Hier haben die Autoren um Richard Deyo vond er Oregon Health and Science University in Portland daher auch ihre Studie mit Daten von 3,6 Millionen Opdioid-Rezepten bei 874.765 Patienten in einem Zeitraum von Oktober 2012 bis September 2013 durchgeführt. Am häufigsten wurden kurz­wirksame Opiate verordnet.

Fast 537.000 (61,4 %) Teilnehmer erhielten zum ersten mal Opiode, sogenannte opioid-naive Patienten. Etwa 5 % davon setzten die Opiodtherapie langfristig fort mit steigender Tendenz mit zunehmendem Alter, das heißt sie nahmen innerhalb eines Jahres mindestens sechs Rezepte in Anspruch. In ländlichen Regionen war der Trend noch deutlicher erkennbar als in den Städten (6,1 versus 4,4 %; Odd-Ratio: 1,37).

zum Thema

Journal of General Internal Medicine 2016
Overdoses of Prescription Opioid Pain Relievers, Morbidity and Mortality Weekly Report 2011
A Flood of Opioids, a Rising Tide of Deaths, NEJM 2010
CDC Guideline for Prescribing Opioids for Chronic Pain—United States, JAMA 2016
Chronischer Opioid-Gebrauch: Diese Operationen erhöhen das Risiko
Opiatsucht: Naltrexon-Depot verhindert Rückfälle
Schmerzexperten finden Risiken einer Opioid-Abhängigkeit vernachlässigbar
Opioid-Schmerzmittel: In Deutschland die meisten Präparate
Opiate: Galenik soll Missbrauch erschweren

Patienten, die jünger als 45 Jahre waren und zwei Rezepte im ersten Monat erhielten, hatten ein erhöhtes Risiko langfristig auf das Schmerzmedikament angewiesen zu sein als jene, mit nur einem Rezept (Odd-Ratio: 2,25). Diese junge Gruppe repräsen­tierte 243.427 Schmerzpatienten, jedoch kaum Krebs- oder Palliativ-Patienten. Ebenfalls steigerte eine initiale Behandlung mit Morphium, dem wichtigsten Opiat in der Schmerz­therapie, in den ersten 30 Tagen zwischen 400 und 799 mg das Risiko verglichen mit geringeren Dosierungen (Odd-Ratio: 2,96). Patienten, die zu Beginn kurzwirksame Opiodie einnahmen hatten verglichen mit langwirksamen Opioden ein geringeres Risiko für eine langfristige Anwendung.

Am sichersten sei es daher von Beginn an ein kurzwirksames Opioid einmalig zu verschreiben. Die Morphium-Dosis sollte unter 120 mg Morphinäquivalenten liegen, schlussfolgern die Autoren aus ihren Ergebnissen. Die Empfehlungen des Centers for Disease Control (CDC), die Opiod-Therapie auf drei bis maximal sieben Tage zu beschränken, sehen sie in ihrer Studie bestätigt.

Traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit oft Grund für psychische Symptome

Die Abteilung für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung der Theodor Fliedner Stiftung konnte an Hand einer Studie zeigen, dass die psychischen Symptome vieler Patienten überaus häufig auf traumatische Erlebnisse zurückgehen. Das stellt besondere Anforderungen an Diagnose und Therapie im klinischen Alltag. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitung „Trauma & Gewalt“ veröffentlicht.

„Die Seele des Menschen ist ein sensibles Konstrukt“, weiß Dr. Claudia Gärtner, Leiterin der Abteilung für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in der Theodor Fliedner Stiftung. Traumatische Erlebnisse, sei es aus frühster Kindheit, dem Heranwachsen oder im Erwachsenenalter, können sich vielfältig niederschlagen und bemerkbar machen. Die Folgen reichen von Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen bis zu körperlichen Erkrankungen, chronischen Schmerzen oder Asthma. So unterschiedlich die Symptome sind, so vielfältig ist auch die Bandbreite an traumatischen Ursachen. „Häufig haben wir es mit sogenannten komplexen Traumafolgestörungen zu tun, die aber in den gängigen Diagnosemanualen, wie sie im klinischen Alltag verwendet werden, nicht abgebildet sind“, betont Dr. Claudia Gärtner. „Patienten bleiben dadurch diagnostisch namenlos und heimatlos.“

Festhalten lassen sich jedoch fünf zentrale Bereiche traumatischer Erfahrungen, die emotionale Vernachlässigung, die emotionale Gewalt, körperliche Gewalt sowie sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt.

„Rund 90 Prozent der untersuchten Patienten in psychiatrischen oder psychosomatischen Einrichtungen haben eine traumatische Biografie, das hat unsere Studie gezeigt“, so Lena Schifferdecker, Mitarbeiterin in der Abteilung für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in der Theodor Fliedner Stiftung.

Die Ergebnisse der Studie „Traumatisierte Patienten in der stationären psychiatrisch, psychotherapeutischen Versorgung – Die Belastungssymptomatik als Ausdruck traumatischer Erfahrungen“ sind nun in der Fachzeitung „Trauma & Gewalt“ erschienen. Neben den Wissenschaftlerinnen aus der Theodor Fliedner Stiftung arbeiteten Dr. Michael Schifferdecker und Prof. Dr. Peer Abilgaard an der Studie mit.

„Das Problem ist, dass in vielen Einrichtungen oftmals nur die Behandlung aktueller Symptome im Vordergrund steht“, bedauert Dr. Claudia Gärtner.

Kaum jemand gehe direkt von einer traumatischen Biografie aus. „Dabei sollten Behandler genau das tun, wenn man sich unsere Ergebnisse anschaut.“ Die Schlussfolgerung basiert auf Patientenbefragungen, durchgeführt von Januar bis März 2014 in den Fachkliniken der Theodor Fliedner Stiftung in Ratingen, Gevelsberg und Düsseldorf sowie in der Helios St. Vinzenz Klinik in Duisburg. Der Problematik ist man sich in den eigenen Einrichtungen bewusst. „Wir schauen noch genauer hin und können die Behandlung unserer Patienten besser anpassen“, so Dr. Claudia Gärtner.

Die Erfahrungen in der Psychotraumatherapie geben die Experten der Theodor Fliedner Stiftung am 9. November 2016 bei dem Symposium „Fliedner Update Psychotraumatherapie“ weiter. Zu der kostenlosen Veranstaltung im Fliedner Krankenhaus Ratingen können sich interessierte Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte sowie Mitarbeitende aus sozialen und helfenden Berufe anmelden unter Telefon (0208) 48 43-135.

 

Kontakt:

Theodor Fliedner Stiftung

Dr. Claudia Gärtner

Tel.: (0208) 48 43-151

Fax: (0208) 48 43-2494

claudia.gaertner@fliedner.de

www.fliedner.de

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter

http://www.fliedner.de/de/ausbildung_forschung/forschung/home_forschung.php

Geschlossene oder offene Psychiatrie: Suizidrisiko bleibt sich gleich

In ausschliesslich offen geführten psychiatrischen Kliniken ist das Risiko, dass Patienten Suizid begehen oder aus der Behandlung entweichen, nicht höher als in Kliniken mit geschlossenen Stationen. Dies zeigt eine grosse Studie der Universität Basel und der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel, für welche rund 350‘000 Fälle während 15 Jahren untersucht wurden. Die Resultate werden in der Fachzeitschrift «The Lancet Psychiatry» veröffentlicht.

Selbstgefährdendes Verhalten von Patienten, Suizidalität und Entweichungen aus der Behandlung stellen grosse Herausforderungen für alle medizinischen Institutionen dar. In vielen psychiatrischen Kliniken werden Risikopatienten daher auf geschlossenen Stationen untergebracht. Nur wenn sie von Suizidversuchen und Flucht abgehalten werden, so die Begründung, können Patienten ausreichend geschützt werden und eine angemessene Therapie erhalten. Doch dass geschlossene Stationen selbstgefährdendes Verhalten verhindern würden – dieser Nachweis fehlt. Bekannt ist aber, dass solche Stationen durch ihr Behandlungsklima erfolgreiche Therapien nicht begünstigen und die Motivation zu fliehen eher erhöhen.

15 Jahre Untersuchungszeitraum

In ihrer naturalistischen Beobachtungsstudie haben nun PD Dr. Christian Huber und Prof. Dr. Undine Lang von der Universität und den UPK Basel zusammen mit Kollegen 349‘574 Fälle in 21 deutschen Kliniken für die Zeit von 1998 bis 2012 untersucht. Von diesen Kliniken verfolgten einige eine Praxis der offenen Türen, kamen also ganz ohne geschlossene Stationen aus.

16 Kliniken unterhielten zusätzlich zu offenen Stationen auch noch zeitweise oder dauerhaft geschlossene Stationen. Alle Kliniken waren rechtlich verpflichtet, sämtliche Personen eines bestimmten Bereichs aufzunehmen, unabhängig von der Schwere einer Erkrankung oder von einem selbstgefährdenden Verhalten der Patienten.

In Kliniken mit geschlossenen Abteilungen treten Suizidversuche und Suizide nicht seltener auf, lautet ein Resultat der Studie. Zudem verzeichneten Institutionen mit offenen Türen nicht mehr Entweichungen.

«Die Wirkung von geschlossenen Kliniktüren wird überschätzt», sagt Erstautor Christian Huber. «Eingeschlossen zu sein, verbessert in unserer Untersuchung die Sicherheit der Patienten nicht und steht der Prävention von Suizid und Entweichung teilweise sogar entgegen. Eine Atmosphäre von Kontrolle, eingeschränkten persönlichen Freiheiten und Zwangsmassnahmen ist eher ein Risikofaktor für eine erfolgreiche Therapie.» Fokus auf ethische Standards

«Unsere Resultate sind wichtig für die Entstigmatisierung, die Partizipation und die Emanzipation der Patienten, aber auch für die psychiatrische Versorgung allgemein», kommentiert Letztautorin Undine Lang, Direktorin der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik der UPK Basel. Die Ergebnisse werden auch juristische Fragestellungen beeinflussen, die sich beim Öffnen von Kliniken ergeben. Die Behandlung soll künftig vermehrt auf ethische Standards fokussieren, in denen die Betroffenen ihre Autonomie möglichst bewahren können, so Undine Lang. Gefördert werden sollen auch eine Stärkung der therapeutischen Beziehung und die gemeinsame Entscheidungsfindung mit den Patienten.

Originalbeitrag

Christian G. Huber, Andres R. Schneeberger, Eva Kowalinski, Daniela Fröhlich, Stefanie von Felten, Marc Walter, Martin Zinkler, Karl Beine, Andreas Heinz, Stefan Borgwardt, and Undine E. Lang Suicide Risk and Absconding in Psychiatric Hospitals with and without Open Door Policies: A 15-year Naturalistic Observational Study The Lancet Psychiatry (2016) | DOI: 10.1016/S2215-0366(16)30168-7

Weitere Auskünfte

PD Dr. Christian Huber, Leitender Arzt der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik der Universitären Psychiatrischen Kliniken und Universität Basel, Tel. +41 61 325 53 61, E-Mail: christian.huber@upkbs.ch

Prof. Dr. Undine Lang, Klinikdirektorin der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik der Universitären Psychiatrische Kliniken und Universität Basel, Tel. +41 61 325 52 00, E-Mail: undine.lang@upkbs.ch

Weitere Informationen finden Sie unter

https://www.unibas.ch/de/Aktuell/News/Uni-Research/Geschlossene-oder-offene-Psychiatrie-Suizidrisiko-bleibt-sich-gleich

Adipositas: Zahl bariatrischer Eingriffe steigt

Berlin – Die Zahl bariatrischer Eingriffe zur Reduktion krankhaften Übergewichts hat sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich erhöht. So haben sich im Jahr 2014 insgesamt 1.070 Versicherte der Barmer GEK einer solchen Operation unterzogen und damit sechs Mal mehr als im Jahr 2006.

Hochgerechnet auf alle Krankenkassen hat es 2014 etwa 9.225 bariatrische Eingriffe ge­geben. Das geht aus dem Krankenhausreport 2016 der Barmer GEK hervor, den das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und die Agenon – Gesell­schaft für Forschung und Entwicklung im Gesundheitswesen erstellt haben.

„Die Zahlen sind noch gering. Aber wir sehen einen deutlichen Trend. Und das macht uns Sorgen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Christoph Straub, heute anlässlich der Präsentation des Reports in Berlin. Zudem wies er darauf hin, dass sich 2014 etwa sieben Millionen Menschen wegen Adipositas bei niedergelassenen Ärzten hätten behandeln lassen. Das seien 14 Prozent mehr gewesen als im Jahr 2006.

Komplikationen nach bariatrischen Eingriffen
Straub betonte, dass bariatrische Operationen zur Behandlung von Adipositas nur das letzte Mittel sein dürften und vorher alle konservativen Behandlungsmöglichkeiten wie die Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie ausgeschöpft worden sein müssten. Denn bei bariatrischen Operationen handle es sich um „schwere, nicht wieder rück­gän­gig zu machende Operationen an einem eigentlich funktionierenden Körper“.

„Nach einem bariatrischen Eingriff müssen Patienten häufiger wegen Gallensteinen, Krank­heiten des Verdauungssystems und Eingeweidebrüchen ins Krankenhaus“, erklär­te Boris Augurzky vom RWI, einer der Autoren des Reports. Zudem steige die Sterberate bei operierten gegenüber nicht operierten Patienten in den ersten vier Jahren nach dem Eingriff um 7,7 Prozent.

Mortalität ist in Zentren geringer
Auf der anderen Seite gebe es jedoch auch positive Aspekte, weil operierte Patienten sel­tener an Diabetes erkrankten und sich bei Frauen auch die Zahl der Geburten er­höhe, erklärte Straub. „Es wird sogar schon damit geworben, dass man Diabetes mit ei­nem bariatrischen Eingriff wegoperieren könne. Angesichts der Schwere des Eingriffs halte ich das für eine gefährliche Aussage“, betonte er.

Straub warb dafür, dass sich Patienten, bei denen eine Operation unvermeidbar ist, in einem von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) zer­ti­fizierten Zentrum operieren lassen sollten. Dort werde die Diagnose von einem inter­diszi­pl­inären Team vorgenommen, und die Patienten würden postoperativ begleitet. Auch sei die Behandlungsqualität in den Zentren besser. „40 von 1.000 Patienten, die sich haben operieren lassen, sterben durch die Behandlung. In den Zentren sind es 34. Das ist schon statistisch signifikant“, erklärte Krankenhausreport-Autor Augurzky.

Nur 44 von 350 Krankenhäusern zertifiziert
Zudem seien Behandlungen in einem Zentrum für die Krankenkassen „im Schnitt um mehr als 3.800 Euro pro Eingriff“ preiswerter. Grund dafür sei unter anderem, dass es weniger Komplikationen gebe, die dann auch keine Folgekosten generierten. „Bislang lassen sich fast 60 Prozent aller Patienten in einem Zentrum behandeln“, sagte Augurz­ky. „Aber 40 Prozent eben auch nicht.“ In Deutschland bieten dem Report zufolge 350 Krankenhäuser bariatrische Operationen an. Nur 44 von ihnen sind von der DGAV zerti­fiziert.

zum Thema

Barmer GEK Krankenhausreport 2016
Adipositas: Prävention weiter vorantreiben
Bariatrische Chirurgie: Magenbypass bevorzugte Operation
Adipositas-Chirurgie senkt Sterblichkeit
Adipositas-Chirurgie: Erfolge und Risiken bei Jugendlichen

Straub forderte die Krankenhäuser auf, mit niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten wohn­ortnahe Nachsorgekonzepte zu entwickeln. „Nach einer Adipositas-Operation sollte immer eine engmaschige und interdisziplinäre Nachsorge erfolgen. Denn ein baria­tri­scher Eingriff kann schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, wie zum Beispiel einen le­bensbedrohlichen Nährstoffmangel“, sagte er.

„Bariatrische Operationen sind für Krankenhäuser lukrativ“
Straub wies darauf hin, dass die Patienten eine intrinsische Motivation mitbringen müssten, ihren Zustand zu verändern. „Man kann das Problem nicht an einen Thera­peuten delegieren oder einfach wegoperieren“, sagte er. „Patienten müssen die Verän­de­rung wollen, sonst wird mit der Operation nichts erreicht.“

„Bariatrische Eingriffe lösen nicht das gesellschaftliche Problem des Übergewichts“, meinte auch Augurzky. Deshalb sei Prävention sehr wichtig. Zudem müsse man die Pa­tien­ten, die operiert werden sollten, sorgfältig auswählen, je nach individuellen Risiken und Begleiterkrankungen. Würden bundesweit alle Adipösen mit einem Body-Mass-Index von 40 und mehr operiert, kämen auf die gesetzliche Krankenversicherungkurzfristig rund 14,4 Milliarden Euro an Extraausgaben zu.

„In der Adipositas-Chirurgie drohen massive Mehrkosten, die die Beitragszahler am Ende schultern müssten. Dies ist umso bedenklicher, weil eine bariatrische Operation für Kran­kenhäuser lukrativ ist und daher die Tendenz zu immer mehr Eingriffen besteht“, warnte Augurzky.

Krankenhausgesellschaft kritisiert Barmer-GEK-Report
Aus Sicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) macht der Bericht lediglich deutlich, „dass die Krankenkassen immer wieder versuchen, den steigenden medizi­ni­schen Behandlungsbedarf der Bevölkerung in die Nähe von nicht notwendigen Leis­tun­gen der Kliniken zu rücken“. Es sei unredlich, aus dem Anstieg der bariatrischen Ope­ra­tionen den Kliniken die Erbringung unnötiger Operationen zu unterstellen, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

Er betonte, die Statistiken zeichneten ein „schiefes Bild“. Zwar sei richtig, dass ein An­stieg der Operationen – bei geringer Fallzahl – zu verzeichnen sei. Das sei aber schon deshalb zwingend, weil auch die Zahl der Adipositaskranken im Zeitraum 2003 bis 2013 um 22 Prozent angestiegen sei. Fakt sei, „dass sich die Krankenhäuser streng an die Leitlinien zur Adipositasbehandlung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft sowie wei­te­rer medizinischer Fachgesellschaften halten“, so Baum.

Metakognitive Therapie – Neuer Behandlungsansatz bei Zwangsstörungen

Zwangsstörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter. Bisher wird diese Erkrankung meist mit einer kognitiven Verhaltenstherapie behandelt – einer effektiven Behandlungsmethode, von der aber nicht alle Patienten profitieren können.

An den Psychologischen Instituten der Universität Leipzig und der Philipps-Universität Marburg wird deshalb derzeit eine neuartige Therapiemethode für die Zwangserkrankung erforscht – die metakognitive Therapie. Schwerpunkt ist dabei die Veränderung von krankheitstypischen Annahmen und Verhaltensweisen.

Auf ausgedehnte Konfrontationen mit zwangsauslösenden Situationen wie in der kognitiven Verhaltenstherapie wird in diesem Therapieansatz ausdrücklich verzichtet. In einer ersten Untersuchung von Wissenschaftlern der Universitäten in Leipzig und Marburg konnten für die metakognitive Therapie von Zwangskranken beachtliche Therapierfolge nach sehr kurzer Therapiedauer erzielt werden. „Unsere Ergebnisse sprechen für eine vergleichbare, gute Wirksamkeit beider Therapieformen – die metakognitive Therapie war in der Pilotstudie genauso erfolgreich wie die klassische Konfrontationstherapie und brauchte dafür weniger Therapiezeit. Als alternativer oder ergänzender Behandlungsansatz für Zwangserkrankungen erscheint die metakognitive Therapie daher zwar vielversprechend, muss aber noch weiter untersucht werden“, erläutert die Psychotherapeutin Prof. Dr. Cornelia Exner, Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Leipzig.

Derzeit läuft im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes an den Psychologischen Instituten der Universitäten Leipzig und Marburg eine Behandlungsstudie, bei der beide Behandlungsformen der Zwangserkrankung – die Konfrontationstherapie und die metakognitive Therapie – in ihrer Wirksamkeit näher untersucht werden.

Dadurch sollen sowohl bewährte als auch neue Therapieverfahren zur Behandlung der Zwangserkrankung optimiert werden. Nach einer ausführlichen Diagnostik haben Personen, die an einer Zwangserkrankung leiden, die Möglichkeit, 12 Therapiesitzungen entsprechend einer der beiden Therapieformen in Anspruch zu nehmen. Im Anschluss daran findet eine Untersuchung statt, um Therapierfolge zu erfassen. Sollte nach dieser Behandlung weiterhin Therapiebedarf bestehen, kann die Behandlung in der angeschlossenen Hochschulambulanz weitergeführt werden.

An der Universität Leipzig wird diese Studie, für die Teilnehmer gesucht werden, von Prof. Exner geleitet. Ansprechpartnerin für den Standort Leipzig ist Dr. Alexandra Kleiman, E-Mail: alexandra.kleiman@uni- leipzig.de, Tel: 0341-97-39567.

Was ist eine Zwangsstörung?

Betroffene erleben immer wieder ein Aufdrängen unangenehmer Gedanken und Handlungsimpulse, ohne sich dagegen wehren zu können. Obwohl man sie als unsinnig erkennt, kann man sie dennoch nicht einfach ziehen lassen. Die Patienten versuchen, mit Gedanken und Handlungen Einfluss zu nehmen auf befürchtete Ereignisse und entwickeln dafür Rituale und Ticks, wie häufiges Händewaschen oder langwierige Überprüfungen von Haushaltsgeräten und Türschlössern, um vermeintliches Unheil abzuwehren. Wenn diese Rituale jedoch im Alltag die Überhand gewinnen, ist ein normales Leben häufig nicht mehr möglich. Erfolglose Versuche, sich von den Zwängen zu befreien, haben für die Betroffenen häufig ein großes Gefühl der Hilflosigkeit zur Folge. In Deutschland sind zwei Prozent der Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben von einer Zwangsstörung betroffen. Auch der Gesellschaft entstehen durch die Erkrankung hohe Kosten.

Bisherige Therapiemethode

Der heute bewährte Ansatz zur Bewältigung von Zwängen ist die kognitive Verhaltenstherapie, die sich in der Behandlung von Zwangserkrankungen bereits als wirksam erwiesen hat. Es handelt sich um ein effektives psychotherapeutisches Behandlungsverfahren, mit dem bei vielen Betroffenen eine deutliche Reduktion der Symptome und verbesserte Alltagskompetenz erzielt werden kann. In Zentrum dieser inzwischen gut erforschten Behandlungsmethode steht die sogenannte „Konfrontationstherapie mit Reaktionsverhinderung“, bei der die Patienten nach ausführlicher Vorbereitung wiederholt mit Gegenständen oder Situationen konfrontiert werden, die typische Befürchtungen und Ängste auslösen. Die Effektivität dieser Behandlungsmethode hat ihre Grenzen. Nur wenige Psychotherapeuten können ausgedehnte Übungsstunden außerhalb des Therapiezimmers in den Praxisalltag einbauen. Zudem sind viele Patienten mit einer Zwangserkrankung nicht bereit, an einer konfrontationsorientierten Therapie teilzunehmen bzw. brechen diese häufig ab, was zu einer Verschlechterung der Erkrankung führen kann.

Weitere Informationen:

Dr. Alexandra Kleiman

Telefon: +49 341 97 39567

E-Mail:  alexandra.kleiman@uni-leipzig.de

mein-Schmerz.de jetzt online: Schmerzdokumentation – einfach gemacht

Mit „mein-Schmerz.de“ steht ab sofort eine neue Plattform für chronische Schmerzpatienten zur Verfügung, auf der die individuellen Beschwerden online erfasst und ausgedruckt werden können.

Der Bericht gewährt dem behandelnden Arzt einen schnellen Überblick über die verschiedenen bio-psycho-sozialen Aspekte der zugrunde liegenden Schmerzerkrankung und erleichtert die Auswahl einer geeigneten Therapie sowie zusätzlich sinnvoller Begleitmaßnahmen. Das Portal ist ein kostenloses Angebot der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V.

(DGS) und der Deutsche Schmerzliga e.V., (DSL) und stellt eine wertvolle Ergänzung des DGS-PraxisRegister Schmerz dar.

Mit der neuen Plattform „mein-Schmerz.de“ planen die beiden großen Schmerzorganisationen in Deutschland die Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen weiter zu verbessern. Ab sofort können alle Schmerzpatienten kostenlos und unabhängig vom Versicherten-status ihre Therapieverläufe digital festhalten. „Damit stärken wir die Autonomie der Schmerzpatienten. Sie werden zum aktiven Partner in der differenzialdiagnostischen Evaluation und Therapie ihrer Beschwerden werden und können so dem Therapeuten auf Augenhöhe begegnen“, fasst PD Dr. Michael A. Überall (Präsident der Deutschen Schmerzliga) die Kernidee des neuen Konzeptes zusammen. Darüber hinaus bietet die Verlaufsdokumentation neue Ansätze zur Evaluation von Wirksamkeit und Verträglichkeit neuer Behandlungsmaßnahmen.

Alles was die Patienten benötigen sind ein internetfähiges Endgerät, die Bereitschaft zur akti-ven Teilhabe und Interesse, selbst aktiv zu werden.

Sowohl Datenrückverfolgungen als auch Identifizierungen personenbezogener Angaben und/oder Krankheitsverläufe sind absolut aus-geschlossen und damit der Schutz individueller Daten gewährleistet.

Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS)

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) ist mit rund 4.000 Mitgliedern die größte Gesellschaft praktisch tätiger Schmerztherapeuten in Europa. Sie setzt sich für ein besseres Verständnis und für bessere Diagnostik und Therapie des chronischen Schmerzes ein. Bundesweit ist sie in 129 regionalen Schmerzzentren organisiert, in denen interdisziplinäre Schmerzkonferenzen veranstaltet werden. Oberstes Ziel der DGS ist die Verbesserung der Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen. Um die Bedürfnisse von Patienten noch besser zu verstehen, arbeitet die DGS eng mit der Patientenorganisation Deutsche Schmerzliga e.V. (DSL) zusammen, die sich seit über 25 Jahren stark macht für die Belange von Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden und steht Patienten als zentrale Anlaufstelle zur Verfügung.

Überblick Aktivitäten der DGS

Im Laufe der Jahre konnte die Fachgesellschaft viele ihrer Ziele realisieren. Dazu gehören der Aufbau des bundesweiten Versorgungsforschungsprojekts „DGS PraxisRegister Schmerz“ und die Entwicklung von „DGS PraxisLeitlinien“, die neue Standards für eine patientenorien-tierte schmerzmedizinische Versorgung setzen. Die DGS gibt den „Schmerztherapieführer“ heraus, in dem alle Mitglieder aufgelistet sind. Außerdem wurden nichtärztliche Berufsgruppen wie Physiotherapeuten und Apotheker in schmerzmedizinische Aus- und Weiterbildungen in-tegriert („NetzwerkApotheke Schmerz“). Ende 2015 fand das erste „Nationale Versorgungsforum Schmerz“ im Rahmen des „Innovationsforums Schmerzmedizin“ in Berlin statt. Einbezogen in die Diskussion um die Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen waren Schmerzmediziner, Parlamentarier des Deutschen Bundestages, Vertreter von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen, Wissenschaftler und Patientenvertreter.

Gemeinsam mit der Deutschen Schmerzliga e.V. organisiert die DGS den jährlich statt-findenden „Deutschen Schmerz- und Palliativtag“ in Frankfurt/Main.

Weitere Informationen finden Sie unter

http://www.mein-Schmerz.de

http://www.dgschmerzmedizin.de

http://www.schmerzliga.de

http://www.forum-schmerzmedizin.de

http://www.schmerz-und-palliativtag.de

Posttraumatische Belastungsstörung: Psychologen identifizieren Risikofaktoren

Die Konfrontation mit Extremsituationen im Berufsalltag kann Posttraumatische Belastungsstörungen oder Depressionen auslösen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass bestimmte Denkmuster das Risiko für solche Reaktionen erhöhen und damit mögliche Ansatzpunkte für gezielte Trainingsprogramme liefern. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um die renommierte Psychologin Anke Ehlers begleiteten 386 Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter während ihrer Ausbildung und untersuchten, wie diese mit belastenden Ereignissen umgingen. Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift „Psychological Medicine“ erschienen.

Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sind häufig mit belastenden Situationen konfrontiert. Schwere Unfälle, Suizidversuche oder lebensbedrohliche Krankheiten gehören zu ihrem Berufsalltag. Diese Erfahrungen steigern das Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Aber nicht jeder Betroffene erkrankt in der Folge schwerer traumatischer Erlebnisse. „Wir wollten herausfinden, ob es bestimmte Risikofaktoren gibt, die vorhersagen, ob Notfallsanitäter im Berufsalltag beeinträchtigende psychische Reaktionen wie Depressionen oder eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln“, sagt Anke Ehlers, Professorin für experimentelle Psychopathologie an der University of Oxford.

Die Studie

Das Forscherteam untersuchte 386 Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter während ihrer Ausbildung. Zu Beginn der Ausbildung beantworteten sie ausgewählte Fragebögen zu möglichen Risikofaktoren (darunter Fragen zu früheren psychischen Störungen, traumatischen Situationen und zum Umgang mit belastenden Erfahrungen). In den folgenden zwei Jahren wurde mit Fragebögen und Interviews alle vier Monate erfasst, welche belastenden Ereignisse die Befragten erlebt hatten und wie sie darauf reagierten. So konnte festgestellt werden, wer im Laufe der zwei Jahre Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression entwickelte. Am Ende der Studie machten die Befragten Angaben zu verschiedenen Aspekten ihres Wohlbefindens. Dazu zählten Anzeichen für Burnout, Anzahl der Arbeitsfehltage, Angaben zu Schlaflosigkeit und Lebensqualität.

Umgang mit belastenden Erfahrungen ausschlaggebend

Fast alle Personen erlebten während ihrer Ausbildung mindestens eine sehr stark belastende Situation. Im Laufe der zwei Jahre entwickelten 32 Befragte (8.6%) eine posttraumatische Belastungsstörung und 41 Befragte

(10.6%) eine Depression. Das Forscherteam identifizierte eine Reihe von Faktoren, die es wahrscheinlicher machten, dass jemand in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung oder depressive Episode entwickelte.

Personen, die häufig über belastende Situationen grübelten, waren besonders anfällig dafür, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Dabei kam es nicht auf die Anzahl der traumatischen Ereignisse vor und während der Ausbildung an. Für die Vorhersage von Depressionen war der Grad an Selbstvertrauen in die eigene Fähigkeit, mit Belastungen fertig zu werden – die Resilienz einer Person – besonders bedeutsam. „Es sind also weniger die belastenden Ereignisse an sich, die eine psychische Störung vorhersagen, sondern mehr die eigenen Denkmuster und der individuelle Umgang mit diesen Erfahrungen“, erläutert Anke Ehlers.

Die Erhebung am Ende der Studie zeigt: Obwohl sich die betroffenen Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter fast alle innerhalb von 4 Monaten von ihren Problemen erholten, blieben sie stärker als ihre Kolleginnen und Kollegen in ihrer Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Auch schliefen sie schlechter und berichteten einen stärkeren Gewichtszuwachs.

Ansatzpunkte für Begleitung in der Ausbildung: Widerstandskraft erhöhen

Im nächsten Schritt will das Forscherteam untersuchen, ob gefährdete Personen während ihrer Ausbildung besonders unterstützt werden können, um dadurch das Risiko von Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen zu senken. „Es lässt sich nicht vermeiden, dass Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter schlimme Situationen erleben“, sagt Anke Ehlers, „aber es gilt zu prüfen, ob gezielte Trainingsprogramme zur Veränderung von Denkmustern dazu beitragen können, die psychische Widerstandskraft gegen Extrembelastung zu erhöhen.“

Die Originalstudie finden Sie hier:

Wild, J., Smith, K., Thompson, E., Bear, F., Lommen, M. & Ehlers, A.

(2016). A prospective study of pre-trauma risk factors for posttraumatic stress disorder and depression. Psychological Medicine http://journals.cambridge.org/action/displayIssue?jid=PSM&tab=firstview

 

Weitere Informationen:

Prof. Dr Anke Ehlers

Department of Experimental Psychology

University of Oxford

South Parks Road

Oxford, OX1 3UD

UK

Tel. 0044 1865 618600

email: anke.ehlers@psy.ox.ac.uk