Gehirn interpretiert Gewalt in Filmen verschieden

Medialer präfrontaler Cortex relevant – „Gerechtfertigtes“ Töten beunruhigt Wissenschaftler

Philadelphia (pte008/12.12.2019/10:30) – Vermeintlich gerechtfertigte Gewalt in Filmen ruft im Gehirn von Erwachsenen andere Reaktionen hervor als offensichtlich ungerechtfertigte. Das ist das Ergebnis einer Studie von Forschern der University of Pennsylvania http://upenn.edu . Bei Gewalt, die als gerechtfertigt empfunden wurde, wird ein Teil des Gehirns aktiviert, der für die moralische Bewertung zuständig ist, der mediale präfrontale Cortex. Gewalt wird dann als akzeptabel eingeschätzt, weil sie dem Selbstschutz oder dem der Familie dient.

Blick ins Gehirn per MRT

Die Experten haben die Gehirne von mehr als zwei Dutzend Probanden mittels MRT untersucht, während sie Filme mit Gewaltszenen anschauten. Bei Szenen mit nicht akzeptabler Gewalt reagierte der laterale orbifrontale Cortex, dessen Funktionsumfang noch nicht endgültig geklärt ist. Die zunehmende Gewalt in Filmen und vor allem die Darstellung von als gerechtfertigt angesehenen Schießereien weckt Besorgnis, sagt Dan Romer, Forschungsdirektor am Annenberg Public Policy Center http://annenbergpublicpolicycenter.org . „Durch die Rechtfertigung des Gebrauchs von Schusswaffen kultiviert Hollywood die Zustimmung zu dieser Art der Unterhaltung“, klagt Romer.

Die 26 Probanden waren zwischen 18 und 22 Jahre alt. Je zur Hälfte waren sie männlich und weiblich. Alle schauten regelmäßig Filme mit Gewaltszenen. 70 Prozent von ihnen nutzten Videospiele, in denen geschossen wurde. Jeder Teilnehmer schaute, während er im MRT lag, acht jeweils 90 Sekunden lange Videoclips aus Filmen, die für Kinder unter 13 Jahren als ungeeignet eingestuft wurden. Eine Hälfte der Ausschnitte zeigte gerechtfertigte Gewalt, die andere ungerechtfertigte.

Imitieren als ein Problem

In Zukunft wollen die Forscher herausfinden, ob die Reaktion des Gehirns auf Szenen mit als berechtigt angesehener Gewalt dazu führt, dass Menschen dazu neigen, dieses gewaltbereite Verhalten zu imitieren und den Gebrauch von Waffen zur Selbstverteidigung oder zum Schutz von Familie oder Freunden zu akzeptieren.

Maßnahmen für mehr Selbstmitgefühl

Nachsichtig gegenüber sich selbst zu sein, tut der Seele gut. Mit welchen Methoden können Therapeuten diese innere Haltung fördern?

Als »Selbstmitgefühl« (self compassion) bezeichnen es Psychologen, wenn man seine eigenen Handlungen und Gedanken wohlwollend betrachtet und nachsichtig mit sich ist, wenn man Fehler begeht. Diese Haltung ist gut für die Psyche: Einer Metaanalyse aus dem Jahr 2012 zufolge geht eine solche positive Haltung sich selbst gegenüber mit geringeren psychischen Symptomen einher, insbesondere bei Depression, Ängsten und Stress. In der Psychotherapie ist es daher häufig eines der Ziele, die Patienten zu einem freundlicheren Umgang mit sich selbst zu bewegen. Doch wie kann das gelingen? Dieser Frage gingen Psychologen der israelischen Bar-Ilan-Universität in einer Studie nach.

Das Team um Lior Galili-Weinstock wertete die Aufzeichnungen von 89 Patienten aus, die sich in der psychologischen Ambulanz der Universität behandeln ließen. Die verbreitetsten Gründe für den Besuch waren affektive Erkrankungen wie eine Depression, Angststörungen, Beziehungskrisen und beruflicher Stress. Die Patienten wurden von 58 verschiedenen Therapeuten betreut, die sich in ihrem zweiten bis fünften Ausbildungsjahr befanden und eine psychodynamische Kurzzeittherapie lernten. Diese Therapieform legt unter anderem besonderes Augenmerk auf vergangene Erfahrungen der Klienten, ihre Gefühle sowie ihre Wünsche und Fantasien.

Nach jeder Sitzung füllten die Patienten einen Fragebogen aus, der unter anderem das Ausmaß ihres Selbstmitgefühls erfasste. Die Therapeuten gaben zeitgleich zu Protokoll, welche Methoden sie in der zurückliegenden Stunde eingesetzt hatten. Ergebnis: Bauten die Behandler in ihre psychodynamische Therapie so genannte »direktive Interventionen« ein, förderte das langfristig am stärksten die Nachsicht der Patienten mit sich selbst.

Dazu zählen Maßnahmen und Methoden, die eher charakteristisch für die kognitive Therapie und Verhaltenstherapie sind, etwa konkrete Fähigkeiten zu vermitteln, aktiv zu Verhaltensänderungen anzuregen und konkrete Ziele zu setzen. Eine typische Intervention: den Patienten »Hausaufgaben« mit nach Hause zu geben, die sie zwischen den Sitzungen erledigen sollen, und die Ergebnisse sowie Erfahrungen mit der Aufgabe in der nächsten Stunde nachzubesprechen.

Es bleibe noch zu untersuchen, welche dieser direktiven Vorgehensweisen den größten Effekt erzielte, schreiben Galili-Weinstock und ihre Kollegen. Jedoch sei es offenbar grundsätzlich hilfreich, solche Ansätze auch in einer psychodynamischen Therapie anzubieten. Zudem hatten bereits frühere Untersuchungen ergeben, dass sich eine selbstmitfühlende Einstellung gezielt fördern lässt, zum Beispiel mit Hilfe speziell dafür entworfener Trainingsprogramme.

Die YouTube-Therapie

Die Suche nach einem Psychotherapeuten kann zu einer langwierigen Tortur werden. Onlineangebote sollen Betroffenen Alternativen bieten. Doch kann man psychische Krankheiten tatsächlich im Internet heilen?

Dami Charf spricht ruhig und gestikuliert ausladend mit den Händen. „Wer in der Kindheit traumatische Erfahrungen gemacht hat, merkt das an seinen Reaktionen im Erwachsenenalter“, sagt sie in einem ihrer YouTube-Videos. „Etwa durch Verlustängste oder das Gefühl, ständig etwas leisten zu müssen, um geliebt zu werden.“

Charf, 55, graumeliertes lockiges Haar, spricht über Verhaltensmuster. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und hat sich auf Traumaheilung spezialisiert. In ihrem Online-Selbsthilfekurs erklärt sie, dass bereits in den ersten drei Lebensjahren festgelegt wird, wie wir auf Ereignisse und Personen reagieren.

Charf ist eine von zahlreichen Anbieterinnen für Online-Therapien. Sucht man auf Google nach den Angeboten, wird es schnell unübersichtlich: Selfapy, Minddoc oder Mentavio heißen die Websites, die Hilfe in psychologischen Notlagen versprechen.

„Für Hilfesuchende ist es oft schwer, die Qualität solcher Angebote einzuschätzen“, heißt es auf der Website des Verbands „Pro Psychotherapie“. Wichtig sei vor allem, auf die Qualifikation des Anbieters zu achten: darauf, ob das Internetprogramm von einem Psychotherapeuten oder einem Facharzt im Bereich Psychotherapie eingesetzt oder begleitet wird.

Händeschütteln ist online nicht möglich

Wendet man die Checkliste auf das Angebot von Dami Charf an, erfüllt sie nicht jeden einzelnen Punkt. Zwar gibt sie ausführlich ihre Aus- und Weiterbildungen an, macht ihre Kursinhalte transparent, und auch die Zufriedenheit der Nutzer ist in Kommentaren auf ihrer Seite sichtbar. Jedoch bietet ihr Programm keine Möglichkeit, individuell zu überprüfen, ob die Behandlung erfolgreich ist: Es gibt nicht immer ein vorgesehenes Feedback für den Nutzer, er muss selbst beurteilen, ob das Programm ihm etwas bringt.

„Im Laufe des Kurses wirst du merken, dass du Dinge anders siehst, anders wahrnimmst und irgendwann anfängst, dich auch anders zu verhalten“, verspricht Charf und lächelt aufmunternd in die Kamera. „In dem Moment wird auch deine Umwelt sich anders verhalten.“ Durch ihre gutmütige Art vermittelt sie ihrem Zuschauer das Gefühl, da eine mitfühlende Person vor Augen zu haben, die weiß, wovon sie spricht – sofern man das beurteilen kann, wenn man einen Menschen nur auf dem Bildschirm sieht.

Doch kann man mit einem Onlinekurs tatsächlich tiefsitzende Erfahrungen bearbeiten – oder braucht es bei einem so sensiblen Thema einen einfühlsamen Gesprächspartner, der physisch anwesend ist? Muss es nicht eine Interaktion geben zwischen Patient und Therapeut, braucht es nicht konkrete Antworten auf individuelle Fragen?

„Onlineangebote sind ein wirksamer alternativer Zugang zu therapeutischen Maßnahmen“, meint Heinz Thiery, Geschäftsführer der Deutschsprachigen Gesellschaft für Onlineberatung (DGOB). „Vor allem werden Menschen erreicht, die über Face-to-Face-Angebote nicht erreicht werden.“ Arbeitnehmer etwa, die aufgrund ihrer Arbeitszeiten nur schwer einen freien Therapieplatz finden. Jugendliche, die sich von Erwachsenen nicht ernst genommen fühlen. Gehörlose oder Menschen, die in ländlichen Regionen leben und keinen Therapeuten vor Ort haben. Aber auch Menschen, die sich aufgrund ihrer Erfahrungen schämen und zunächst nicht unbedingt darüber reden möchten – zum Beispiel Opfer von sexuellem Missbrauch. Auch als Überbrückung für die Wartezeit bis zum Therapieplatz können die Angebote dienen

Eine Onlineberatung biete ein alternatives Setting: „Es macht für viele einen Unterschied, ob sie zu Hause entspannt vor dem Computer sitzen können oder in einer fremden Umgebung sich einer zunächst fremden Person gegenüber vorbehaltlos öffnen sollen“, sagt Thiery. Gerade in der Verhaltenstherapie, die etwa auch bei Traumata zum Einsatz kommt, könne man durch kompetente Onlineangebote große Erfolge beobachten: „Patienten wird ein passendes Lernprogramm angeboten, mit dem sie dann im Alltag üben“, sagt Thiery. Dies könne auch gut per Video-Tutorial vermittelt werden.

Auch Charf hat einige ihrer Erklärvideos auf YouTube hochgeladen, rund 15.000 Menschen haben ihren Kanal abonniert. Die kompletten Selbsthilfekurse kann man auf ihrer Website kaufen. Zwischen 57 und 270 Euro kosten die Tutorials. Online-Therapien sind in Deutschland zwar noch keine Regelleistungen, einige Krankenkassen übernehmen jedoch bereits die Kosten.

Charf sieht auch Grenzen ihrer Onlinekurse: Zwar könne sie erklären, wie die Psyche funktioniere, wie gewisse Konditionierungen ablaufen und woher sie kommen. „Wenn ich mit einer Person in einem Raum sitze, kann ich jedoch körperliche Reaktionen mit einbeziehen.“ Es löse in jedem Menschen ein bestimmtes Gefühl aus, einem anderen gegenüber zu sitzen oder die Hand zu schütteln.

Besser online als gar keine Beratung?

Der persönliche Kontakt – mindestens in der Diagnostik und Aufklärung der Patienten – sei unerlässlich, heißt es in einer Stellungnahme der Bundespsychotherapeutenkammer (BPTK) zur Digitalisierung in der Psychotherapie. „Während der Behandlung ist die Therapieüberwachung durch Psychotherapeuten oder Ärzte zu gewährleisten.“ Wichtig sei zudem ein Nachweis der Wirksamkeit. Denn therapeutische Übungen, die gar nicht oder zu wenig wirken, könnten beim Patienten den Eindruck verstärken, nicht gegen ihre depressive Verstimmung ankommen zu können. „Er erlebt sich weiter seiner Erkrankung hilflos ausgeliefert“, heißt es in der Stellungnahme.

„Wir plädieren für eine Integration von digitalen Programmen in die Psychotherapie“, sagte zudem ein Sprecher der BPTK. Digitale Angebote könnten die Psychotherapie ergänzen, aber nicht ersetzen. „Außerdem fordern wir, dass auch digitale Behandlungsprogramme ihre Wirksamkeit belegen müssen, bevor sie zum Einsatz kommen.“

Thiery von der DGOB sieht unseriöse Therapieangebote ebenfalls als gefährlich an. „Durch ein unfachliches Angebot kann die Krankheit tatsächlich eher noch verschlimmert werden“, sagt er. Wichtig sei, dass die Therapeuten, die hinter den Onlinekursen stehen, für die Patienten erreichbar sind, etwa per Chat oder E-Mail.

Allgemein sei eine Onlineberatung aber besser als gar keine Beratung. Der Fachverband wolle daher ein Register mit zertifizierten Angeboten zusammenstellen. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen hat bereits eine solche Übersicht.

Wie mensch über Transgender spricht – ohne Fettnapf!

Über das Thema Trans* zu sprechen ist gar nicht so einfach. Es gibt nämlich extrem viele verwirrende Begriffe und Formulierungen – und auch jede Menge Fettnäpfchen. Aussagen wie „im falschen Körper geboren“, „war früher ein Mädchen“ oder „würde gerne eine Frau sein“ sind problematisch. Außerdem gibt es Streit über die richtige Wortwahl: Sagt man jetzt transsexuell oder transgender oder transident oder vielleicht doch lieber trans*? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Wir haben trotzdem versucht die wichtigsten Trans*-Begriffe zu definieren und zu erklären, warum bestimmte Formulierungen nicht unbedingt gut ankommen. Eure bisherigen Vorschläge zur Ergänzung sind in die unten stehende Liste eingeflossen. Wenn ihr weitere Anmerkungen oder Verbesserungsvorschläge habt, immer her damit!

Transgender

Als Transgender bezeichnet man Personen, die sich nicht – oder nicht nur – mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Transgender wird inzwischen auch teilweise als Oberbegriff verstanden, der zum Beispiel auch Menschen einschließt, die sich weder mit dem Geschlecht Mann noch mit dem Geschlecht Frau identifizieren. Das Wort „trans“ kommt aus dem Lateinischen und heißt soviel wie „hinüber“ oder „jenseitig“, der Begriff „gender“ bezieht sich auf das (soziale) Geschlecht. Einige transgeschlechtliche Personen lehnen das Wort wegen der Betonung der sozialen Komponente ab.

Transsexualität

Transsexualität ist der in Deutschland rechtlich korrekte Begriff für Transgeschlechtlichkeit. Eingeführt hat ihn der Sexualforscher Hirschfeld – und das schon 1923. Das Wort „Sexualität“ bezieht sich in diesem Fall auf das körperliche Geschlecht (von lateinisch „sexus“). Der Begriff wird heute von einigen Menschen abgelehnt, weil die Endung „-sexualität“ die körperliche Komponente im Gegensatz zur sozialen („gender“) betont und so klingt, als hätte Transsexualität etwas mit sexueller Orientierung zu tun, was nicht der Fall ist. Andere Leute bezeichnen sich bewusst als transsexuell, weil sie der Meinung sind, dass es sich bei Transsexualität um eine körperliche und nicht um eine soziale Angelegenheit handelt und grenzen sich demensprechend vom Begriff „Transgender“ ab.

Transidentität

Transidentität betont, dass es bei der Sache um die Identifikation mit dem anderen Geschlecht – und nicht um die Sexualität geht. Das Adjektiv „transident“ wird in Deutschland heute häufig als Synonym für „transsexuell“ verwendet. Allerdings ist auch dieser Begriff umstritten. Erstens weil er suggeriert, dass der Körper komplett unwichtig wäre, zweitens weil Identität danach klingt, als ob man es sich ausgesucht hätte, transident zu sein.

Trans*

Da es um die oben genannten Begriffe diverse Diskussionen gibt, wird in Deutschland inzwischen immer häufiger der Begriff „Trans*“ („Trans-Sternchen“) verwendet. Er ist der Versuch einen nicht wertenden und nicht kategorisierenden Oberbegriff für das gesamte Trans*-Spektrum zu finden.

Transvestit

„Transvestismus“ ist ein sehr alter Begriff, den der Sexualforscher Magnus Hirschfeld schon 1910 eingeführt hat. Damals meinte er damit Menschen, die sich entgegen ihres bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts kleiden – „vestire“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „tragen“. Heute sagt man dazu eher „Cross-dressing“, denn im allgemeinen Wortgebrauch wird unter Transvestismus häufig eine sexuell motivierte Aktion verstanden – und Transgeschlechtlichkeit ist unabhängig von der Sexualität.

Transgeschlechtlichkeit

Andere Menschen verwenden den Begriff „Transgeschlechtlichkeit“ als Oberbezeichnung. Er beinhaltet sowohl die körperliche Komponente (transsexuell) als auch die soziale (transgender).

Androgynie

Eine Person, die äußerlich sowohl weibliche als auch männliche Merkmale (können auch Kleidung oder Gestik sein) hat, sodass sie nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden kann. Dass eine Person androgyn ist, muss nichts über ihre Identifikation mit einem Geschlecht aussagen.

Transfrau

Eine Person, die sich als Frau identifiziert, obwohl ihr bei der Geburt das männliche Geschlecht zugeordnet wurde.

Transmann

Eine Person, die sich als Mann identifiziert, obwohl ihr bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde.

Cisgender

Der Gegensatz zu „trans“ (lateinisch: jenseitig) ist „cis“, was auf deutsch „diesseitig“ bedeutet. „Cisgender“ ist die Bezeichnung für Menschen, die sich mit dem ihnen zugewiesenen Geschlecht identifizieren.

Cisfrau

Eine Person, der bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde und die sich damit identifiziert.

Cismann

Ein Cismann wurde bei der Geburt als Mann eingeordnet und identifiziert sich damit.

Transphobie

Die Ablehnung von Trans-Menschen – oft verbunden mit Diskriminierung und Gewalt gegen Trans-Menschen.

LGBT

LGBT ist die Abkürzung für „Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender“ und steht für die Community von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern.

Problematische Formulierungen

„war früher ein Junge“: Viele Trans-Männer würden wohl eher von sich sagen, dass sie früher auch schon Jungs waren – und Trans-Frauen eben Mädchen. Besser (falls es zutrifft): „Wurde als Junge großgezogen.“

„wurde als Mädchen geboren“: Das gleiche Spiel: Nur, weil eine Person bei der Geburt als Mädchen einkategorisiert wird, muss sie noch lange kein Mädchen SEIN.

„möchte gern eine Frau sein“: Das deutet an, dass man sich ganz einfach für eine geschlechtliche Identität entscheiden kann. Transgender fühlen sich aber genauso als Mann oder eben Frau wie Cisgender.

„im falschen Körper geboren“: Das ist die landläufige Phrase, um Transgender knackig zu beschreiben. Allerdings lehnen nicht alle Transgender ihre Körper ab und wenn dann häufig nur Teile davon, wie zum Beispiel die Geschlechtsmerkmale. Zu dem Thema gab es kürzlich auch eine Twitter-Debatte. Tenor: Die Vorstellungen der Gesellschaft sind falsch, nicht der Körper.

„er“/“sie“: Eigentlich ganz einfach: Man wählt immer das Pronomen für eine Person, das sie auch selbst für sich nutzt. Auch wenn es früher vielleicht mal ein anderes war. Und ja, auch wenn man über die Vergangenheit spricht. Wenn auch der geringste Zweifel besteht, wie man eine Person ansprechen soll, am besten fragen. Die allermeisten Trans*-Menschen werden sehr viel lieber diese Frage beantworten, als ein weiteres Gespräch zu führen, in dem sie mit dem falschen Pronomen angesprochen werden.

Häufiger und länger krankgeschrieben

Jeder sechste Tag, an dem Beschäftigte im Job krankheitsbedingt fehlen, geht auf psychische Erkrankungen zurück. Besonders Arbeitnehmer in den Gesundheitsberufen sind betroffen, wie der BKK-Gesundheitsreport zeigt.

Arbeitnehmer sind immer häufiger krankgeschrieben. Die Arbeitsausfälle dauern zudem immer länger. Die Beschäftigten in der Altenpflege und im Gesundheitswesen stehen unter besonderem Druck. Das sind Ergebnisse aus dem neuen BKK-Gesundheitsreport, der am Donnerstag vorgestellt wurde.

Ein Schwerpunkt des Reports sind die psychischen Erkrankungen. 2018 schlugen sie rechnerisch mit 2,9 Fehltagen je Arbeitnehmer zu Buche. Gemessen an allen Fehltagen je Beschäftigten macht das fast jeden sechsten Ausfalltag aus (15,7 Prozent).

Psychische Störungen liegen damit hinter den Muskel-Skelett-Erkrankungen (23,8 Prozent) und den Atemwegserkrankungen (16,4 Prozent) auf Platz drei (siehe nachfolgende Grafik).

Gesundheitsberufe stark betroffen

Der Blick aufs Detail offenbart, dass Angehörige der Gesundheitsberufe, Erzieher und Sozialarbeiter stark betroffen sind. Im Gesundheits- und Sozialwesen fielen je Beschäftigten knapp vier Arbeitstage aus.

Für die Autoren des Reports ist es „wenig überraschend“, dass vor allen anderen Berufsgruppen die Beschäftigten in der Altenpflege unter „psychosozialem Stress“ leiden. Beleg seien die 5,8 AU-Tage, die rein rechnerisch jeder der mehr als 1,1 Millionen Beschäftigten in der Altenpflege im Jahr 2018 aufweist. Nur Arbeitssuchende sind länger krankgeschrieben, nämlich im Schnitt 15,2 Tage.

Allerdings können Menschen mit einem seelischen Leiden durchaus am Arbeitsleben teilnehmen. Laut Report war nur jeder Achte mit dem Befund „depressive Episode“ (F32) auch tatsächlich arbeitsunfähig.

„Arbeit macht eher gesund als krank“, berichtete Professor Holger Pfaff, Direktor des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft der Universität Köln. Zudem ließen sich psychische Störungen in der Arbeitsumgebung „manchmal fast besser erkennen als in einem privaten Kontext“, sagte Dr. Ulrich Birner von der Siemens AG. Merkmale seien das Leistungs- und Sozialverhalten.

Fehltage binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt

In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen dennoch insgesamt mehr als verdoppelt (plus 129,4 Prozent). Die Betroffenen sind mit im Schnitt 37 Tagen je Fall deutlich länger krankgeschrieben als Menschen mit somatischen Erkrankungen. Dieser Wert geht vor allem auf die Langzeiterkrankten zurück.

Groß seien die Fortschritte bei Diagnostik und Therapie: Betroffene würden früher erkannt und behandelt. Zudem nehme die Stigmatisierung psychisch Erkrankter ab.

„Die Mediziner diskutieren offener darüber, aber auch die Menschen mit psychischen Erkrankungen verstecken sich nicht mehr. Früher wurden somatische Folgen wie Migräne und Unwohlsein festgestellt“, kommentiert BKK-Dachverbands-Chef Franz Knieps die Entwicklung.

Grippewelle sorgt für Rekordwert

Seit 2008 ist die Zahl der Krankentage je Beschäftigten in Deutschland um 46,5 Prozent von 12,6 auf 18,5 gestiegen. Jeder versicherungspflichtig Beschäftigte war im vergangenen Jahr 1,44 Mal krankgeschrieben, um 37,7 Prozent häufiger als noch 2008.

Vor allem die Grippewelle des vergangenen Jahres trieb den Krankenstand auf einen Rekordwert von 5,1 Prozent. Das bedeutet, dass von der Soll-Arbeitszeit in den Betrieben gut ein Zwanzigstel ausgefallen ist.

Sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen gehören zum Alltag

Cybermobbing und sexuelle Übergriffe unter Gleichaltrigen sind für viele Jugendliche alltäglich. „Die Formen der sexuellen Gewalt unter Jugendlichen gehen in dieselbe Richtung wie bei Erwachsenen: Beleidigungen, Diskriminierungen, Antatschen, versuchte Nötigung oder Vergewaltigung“, sagte Andrea Buskotte von der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen heute in Hannover.

Die Landesstelle beschäftigte sich auf ihrer Jahrestagung mit den Themen. Dabei ging es auch um Risikofaktoren sowie Ansatzpunkte für Vorbeugung und Hilfe für Betroffene. Mittlerweile werde mehr zu diesem Thema geforscht. „Wir wissen, dass knapp die Hälfte der Jugendlichen Erfahrungen mit sexueller Gewalt hat“, sagte Buskotte.

„Sexuelle Gewalt unter Jugendlichen, die von Erwachsenen nicht bemerkt wird, hat es schon immer gegeben“, so Buskotte. Es sei früher dazu nur nicht geforscht worden. Dies geschehe erst seit zehn bis 15 Jahren. Weil es dementsprechend keine Vergleichszahlen gibt, sei es schwierig, einen Anstieg solcher Übergriffe zu bilanzieren.

„Fest steht, dass sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen in allen sozialen Schichten vor­kommt. Und dass viele junge Menschen große Probleme damit haben“, sagte Buskotte. Diese Art von Übergriffen mache Stress, verunsichere und könne Anlass für Mobbing sein.

Ein Problem: Die Kommunikation von Jugendlichen in den sozialen Netzwerken sei schwer zu greifen und liege außerhalb des Radars von Pädagogen oder Eltern. Erotische Fotos oder Botschaften würden etwa verschickt, die dann der Ex-Partner frei benutzen könne.

Ab dem elften und zwölften Lebensjahr steigen demnach die Erfahrungen mit sexueller Gewalt sprunghaft an. Dabei seien die fünf häufigsten Risikoorte die Schule, das Internet, der öffentliche Raum, Partys in einer anderen Wohnung oder Zuhause, hieß es auf der Tagung. Nach Angaben von Betroffenen geht die sexuelle Gewalt zu knapp 75 Prozent von Zwölf- bis 18-Jährigen aus. Weil diese Erfahrungen so alltäglich seien, glaubten viele Jugendlich, dass diese normal seien.

Auch in Paarbeziehungen bei Jugendlichen spielen Gewalt und sexuelle Übergriffe eine Rolle, sagte Tanja Rusack, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Or­ganisationspädagogik der Stiftung Universität Hildesheim. Viele würden sich aus Scham oder Unsicherheit niemandem anvertrauen.

Wichtig sei deshalb, dass Jugendliche ein Gefühl dafür bekommen, was erlaubt ist. Päda­gogen müssten dafür sorgen, dass sie wissen, welche Rechte sie haben. In der Schule könnten zum Beispiel als Instrumente der Sexualkunde-Unterricht oder Gespräche zum Thema Gewalt unter Menschen dienen. Auch in der Jugendhilfe gebe es Möglichkeiten, Betroffenen zu helfen.

Auch eine neue Online-Beratungsplattform der Landesmedienanstalt verspricht Hilfe. Heute sollte es dazu erstmals einen Live-Chat auf der Seite juuuport.de geben, der psy­chologisch unterstützt wird.

Eine Expertin des Landeskriminalamtes hatte im September bei einer Tagung in Hanno­ver darauf verwiesen, dass niedersächsische Schüler immer häufiger von Cybermobbing betroffen seien. Mädchen seien häufiger Opfer als Jungen.

Konkrete Zahlen für Cybermobbing konnte das LKA nicht nennen, denn Mobbing ist im Strafgesetzbuch nicht als eigener Straftatbestand erfasst und taucht deshalb auch nicht in den Kriminalstatistiken auf. Es gebe viele Straftaten, die Mobbing seien, hieß es – etwa Stalking, Bedrohung oder üble Nachrede. 

Depressionen bei älteren Menschen unterschätzt

Depressionen bei älteren Menschen werden nach einer Umfrage in Deutschland massiv unterschätzt. So glaubt eine große Mehrheit der Bevölkerung (83 Prozent), dass die Krankheit vor allem im jungen und mittleren Lebensalter auftritt, teilte die Stiftung Deutsche Depressionshilfe heute mit.

Zu häufig würden Anzeichen von Depressionen bei Senioren deshalb bagatellisiert und als Bitternis des Alters abgetan. Dieses Unwissen trage mit dazu bei, dass die Krankheit im Alter häufig gar nicht oder falsch behandelt werde, sagte Psychiater Ulrich Hegerl, Vorstandschef der Stiftung. „Wir haben hier einen riesigen Verbesserungsspielraum.“

Für die Umfrage „Depressions-Barometer“ wurden 5.350 Bundesbürger zwischen 18 und 79 Jahren im Juli 2019 befragt. 350 von ihnen waren älter als 70. Der Schwerpunkt lag darauf, was sie über Depressionen bei älteren Menschen wissen und denken.

Manche Umfrageergebnisse klingen fast nach Altersdiskriminierung: So sprach sich jeder sechste Befragte dafür aus, Geld für die Behandlung von Depressionen lieber für jüngere Patienten auszugeben. Gut ein Fünftel (22 Prozent) meinte, dass bei Älteren die Behand­lung körperlicher Erkrankungen wichtiger sei.

Ein Drittel der jungen Befragten (36 Prozent) glaubt, dass sich Depressionen im Alter we­ni­ger gut oder überhaupt nicht behandeln lassen. Und mehr als zwei Drittel aller Inter­viewten (71 Prozent) gehen davon aus, dass alte Menschen ohnehin kaum bereit sind, zum Psychotherapeuten zu gehen.

Unwissenheit häufig

Hintergrund für solche Fehleinschätzungen ist häufig Unwissen: In der Realität gehören Depressionen neben Demenz-Erkrankungen zu den häufigsten psychischen Leiden im höheren Lebensalter und können nach Studien in Deutschland rund sechs Prozent der älteren Menschen treffen. Im mittleren Lebensalter liegt diese Quote nur wenig höher – bei acht Prozent. Behandeln lässt sich die Krankheit nach einer Diagnose in jedem Le­bensalter gleich gut.

„Eine Depression im Alter ist keine Folge von Einsamkeit, Trauer oder Verlusterlebnissen“, erläuterte Hegerl. „Es ist eine eigenständige Erkrankung, die noch tödlicher ist als sonst.“ Die Suizidrate im Alter liegt in Deutschland rund fünf Mal so hoch wie wie bei jüngeren Erwachsenen. Die Mehrzahl der rund 9.000 erfassten Suizide pro Jahr in Deutschland geht nach Ansicht von Experten auf psychische Erkrankungen zurück.

Die Fehleinschätzungen der Bevölkerung mit Blick auf Depressionen im Alter haben nach Angaben der Stiftung Folgen. So erhielten nur zwölf Prozent der betroffenen Senioren über 70 eine Psychotherapie, heißt es. Bei den 30- bis 69-Jährigen sei es dagegen fast ein Drittel (31 Prozent).

Die Umfrage zeigt, dass die deutlich niedrigere Quote nicht am Unwillen der Senioren liegt: Zwei Drittel (64 Prozent) wären laut Umfrage bereit, eine Therapie zu machen. Sie wird ihnen aber wahrscheinlich seltener angeboten, weil Symptome zu schnell mit „dem Alter“ erklärt werden.

Auslöser von Depressionen können in jedem Lebensalter traumatische Erlebnisse, Miss­brauch, aber auch erbliche Faktoren sein. „Das ist keine pure Befindlichkeitsstörung, De­pressionen fühlen sich anders an“, sagte Hegerl.

Wenn alten Menschen nichts mehr Freude macht, sie kaum noch etwas interessiert und sie sich permanent erschöpft fühlen, schrillten bei Angehörigen und auch Pflegepersonal seltener die Alarmglocken als bei jüngeren Menschen. Ähnlich gelte das für zu wenig Appetit, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, innere Unruhe, Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken.

„Menschen werden nicht depressiv, weil sie einsam sind“, ergänzte der Psychiater. „Es ist oft die Depression, die zum sozialen Rückzug und zu einem Gefühl der inneren Versteine­rung führt.“ Helfen könne man Senioren am besten, indem man sie für eine Abklärung beim Gang zu Fachärzten wie Psychiatern unterstütze. Sie könnten Depressionen auch gut von einer Demenz unterscheiden.

Vermehrt Schüler wegen Depression in Klinik eingewiesen

Die Zahl der Schüler, die wegen einer Depression in eine Klinik eingewiesen werden, nimmt einer Untersuchung zufolge zu. Innerhalb von zwei Jahren stieg ihre Zahl in Deutschland um fünf Prozent, wie aus dem heute in Berlin vorgestellten aktuellen Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit hervorgeht. Für die Erhebung wurden Abrechnungs­daten der DAK-Gesundheit von rund 800.000 minderjährigen Versicherten für die Jahre 2016 und 2017 ausgewertet.

Demnach zeigte etwa jedes vierte Schulkind im Alter von 10 bis 17 Jahren psychische Auffälligkeiten. Jeweils rund zwei Prozent litten unter einer Depression oder Angststörun­gen, manche auch an beidem. Bei Mädchen träten diese beiden Krankheitsbilder doppelt so häufig auf wie bei Jungen. Hochgerechnet waren rund 238.000 Kinder dieser Alters­gruppe so stark betroffen, dass sie einen Arzt aufsuchten.

Acht Prozent aller depressiven Schulkinder wurden laut Report innerhalb eines Jahres sta­tionär in einer Klinik behandelt – im Durchschnitt blieben sie für 39 Tage. Depressio­nen führten unter den psychischen Erkrankungen am häufigsten zu einer Einweisung. Ein Viertel der Betroffenen kam innerhalb von zwei Jahren mehrfach ins Krankenhaus. Die DAK-Gesundheit folgerte daraus, dass es offenkundig Versorgungslücken bei der Nach­sorge gebe, die dringend geschlossen werden müssten.

Risikofaktoren für Depressionen und Angststörungen sind der Studie zufolge etwa chroni­sche körperliche Erkrankungen und psychische Vorerkrankungen. Auch das familiäre Um­feld spielt eine Rolle: Kinder seelisch kranker oder suchtkranker Eltern sind danach be­son­ders gefährdet. Nach Angaben des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte ist auch eine exzessive Mediennutzung ein Risikofaktor für Depressionen.

Spitze des Eisbergs

„Im Report sehen wir nur die Spitze des Eisbergs“, kommentierte Thomas Fischbach, Prä­sident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, den Bericht. „Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.“ Es gebe viele Kinder, die an Depressionen litten und erst spät in die Praxen kämen.

Dass Depressionen nicht allein ein Thema für Erwachsene sind, ist bekannt. „Wir gehen von etwa zwei betroffenen Kindern pro Schulklasse aus“, sagte auch Ulrich Hegerl, Vor­sitzen­der der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Der Psychiater schätzt die Zahlen der Kasse als realistisch ein. Für Deutschland gibt es Studien, nach denen rund acht Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer anhaltenden depressiven Störung erkranken. Das sind rund fünf Millionen Menschen.

Bei Teenagern kann es für Laien schwer sein, Anzeichen für eine Depression vom norma­lem „Pubertieren“ mit heftigen Stimmungsschwankungen zu unterscheiden. Für Fach­leute sei es jedoch recht gut möglich, zum Beispiel Gefühle von innerer Versteinerung zu erkennen, so Hegerl.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe geht davon aus, dass im Vorschulalter ein Prozent der Kinder und im Grundschulalter rund zwei Prozent betroffen sind. Bei Jugendlichen stiegen die Raten dann an: Zwischen 12 und 17 Jahren seien es drei bis zehn Prozent Be­troffene. Hegerl zufolge geht mit einer unbehandelten depressiven Erkrankung bei jun­gen Menschen ein hohes Risiko einher, Schule oder Ausbildung nicht erfolgreich be­enden zu können.

Die Zahlen der Kasse zeigen Zusammenhänge, die ähnlich bereits in anderen Studien be­legt wurden: So steigt laut Report das Depressionsrisiko bei Kindern und Teenagern, wenn bereits Elternteile psychisch oder anders chronisch erkrankt sind. Auch eine eigene chronische Erkrankung, Adipositas, Diabetes, Asthma und Schmerzen können das De­pressionsrisiko bei jungen Menschen laut Bericht erhöhen.

Für Jungen geht die DAK-Gesundheit davon aus, dass Depressionen unterdiagnostiziert sind: Wie erwachsene Männer bagatellisierten sie häufig seelische Probleme.

Insgesamt zählten im Report Atemwegserkrankungen, Infektionen, Augen- und Hautprob­leme zu den häufigsten Erkrankungen bei den 10- bis 17-Jährigen. Psychische Erkrankun­gen folgten mit 24 Prozent auf Platz fünf. Depressionen machten darunter nur einen klei­nen Teil aus – am häufigsten diagnostizierten Ärzte Entwicklungs- und Verhaltensstö­run­gen. 

Genetische Veranlagung nicht allein Schuld an Adipositas

In Deutschland sind 60 Prozent der Bevölkerung übergewichtig, ein Vier­tel ist bereits adipös. Das geht aus einem heute veröffentlichten Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hervor.

Demnach sind die Ursachen für Übergewicht und Adipositas vielfältig und komplex: Dazu gehören genetische Veranla­gungen und epigenetische Veränderungen ebenso wie indivi­du­elles Verhalten, zum Beispiel Lebensstile oder ein Mangel an Bewegung.

Hinzu kommen Rahmenbedingungen, die zum Beispiel zu einem Überangebot und einer ständigen Verfügbarkeit von Nahrung führen. Der aktuelle Forschungsstand lasse den Schluss zu, dass genetische Veranlagungen allein die Häufigkeit und das Ausmaß von Übergewicht und Adipositas nicht erklären können, so die Autoren. Daher sollten indivi­du­elle Verhaltensweisen, soziale Normen sowie kulturelle und ökonomische Rahmenbe­dingungen in den Blick genommen werden.

Ziel müsse es dabei sein, die Entstehung von starkem Übergewicht und Adipositas insbe­sondere bei Kindern und Jugendlichen zu verhindern und die Lebensqualität der Betroffe­nen zu verbessern.

Dazu haben die Wissenschaftler in dem Diskussionspapier verschiedene Maßnahmen zusammengefasst: Sie empfehlen unter anderem die Prävention von Übergewicht durch Informationen über gesunde Ernährungsgewohnheiten und regelmäßige Bewegung, die in den Alltag eingebaut werden kann.

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Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen sollten diejenigen Vorlieben und Gewohn­heiten gefestigt werden, die Übergewicht vorbeugen. Die Autoren empfehlen zudem politische Maßnahmen wie eine Besteuerung einzelner Nahrungsmittel und gezielte Werbeverbote.

Im Hinblick auf die von Adipositas betroffenen Menschen fordern sie eine adäquate und evidenzbasierte medizinische Versorgung. Zudem müsse durch Aufklärung und Wissens­ver­mittlung zu Adipositas der Stigmatisierung Betroffener entgegengewirkt werden, da diese die Lebensqualität übergewichtiger und adipöser Menschen weiter verschlechtere.

Die Experten haben darauf hingewiesen, dass einzelne Ansätze für sich kaum erfolgver­sprechend seien, sondern ein Bündel von Maßnahmen initiiert werden sollte. Kurzfristig könne die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas allerdings nicht verringert werden. Alle in dem Diskussionspapier benannten Schritte setzten auf mittel- und langfristige Effekte. 

Prävention von Adipositas bei Kindern erfordert gesündere Lebensbedingungen

Verhaltenspräventive Ansätze reichen nicht aus, um unter den heutigen adipoge­nen Lebensbedingungen etwas gegen Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen auszu­richten. Für eine erfolgreiche Prävention der Adipositas sind vor allem verhältnispräven­tive Maßnahmen erforderlich, die durch Gesellschaft und Politik initiiert werden müssen. Dies zeigen die wissenschaftlichen Studien, die der heute vorgelegten Leitlinie „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ zugrunde liegen.

Die evidenzbasierte S3-Leitlinie wurde von 40 Experten aus 16 medizinisch-wissen­schaft­lichen Fachgesellschaften, Berufsverbänden und weiteren Organisationen erarbei­tet. Federführend waren die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Deutsche Gesellschaft für Kinder-und Jugendmedizin (DGKJ).

Die Anleitung und Schulung der betroffenen Kinder und ihrer Familien mit dem Ziel, den persönlichen Lebensstil in einer multimodalen Adipositastherapie zu ändern, kann unter Umständen ebenfalls erfolgversprechend sein. Dies gilt insbesondere für die Schulung von Kindern im Grundschulalter und vor allem deren Familien. Dennoch heißt es in der fast 80-seitigen Leitlinie, dass die „erreichten Therapieeffekte eher gering“ seien und „oft nicht den Erwartungen der Betroffenen“ entsprächen.

Experten zufolge profitieren Kinder und Jugendliche am ehesten von ambulanten Ange­boten. „Daher gilt für die Adipositastherapie ganz klar die Empfehlung ,ambulant vor sta­tionär’“, sagte Susanna Wiegand, vormals Sprecherin der AGA und seit Oktober Vize­prä­sidentin der Deutschen Adipositas Gesellschaft. Allerdings gebe es zu wenig Plätze für diese Konzepte, nach denen das Kind inmitten von Familie, Schule und Freundeskreis betreut werde.

Krankenkassen zu zögerlich

Der Grund: Noch immer würden ambulante Angebote seitens der Krankenkassen nur zö­gerlich unterstützt. Daher hätten sich schon viele Anbieter aus diesem Segment zurück­gezogen, berichtet Wiegand. „Wir benötigen bundesweit Schulungsangebote für junge Kinder und deren Familien. Die Leitlinie betont, dass allen Betroffenen der Zugang zu einem Schulungsprogramm ermöglicht werden sollte. Dies gilt auch für den ländlichen Bereich, in dem die Adipositasprävalenz höher liegt als in der Stadt.

Martin Wabitsch, einer der federführenden Autoren der neuen Leitlinie, gibt allerdings zu bedenken: „Bei Jugendlichen mit extremer Adipositas liegt die Erfolgsrate deutlich niedri­ger als bei jüngeren Kindern. Für diese spezielle Gruppe von jungen Patienten benötigen wir neue Therapiekonzepte“.

DGKJ-Präsidentin Ingeborg Krägeloh-Mann ergänzte: „Die umfangreiche Cochrane-Ana­lyse […] gibt Entscheidungsträgern jetzt fundierte wissenschaftsbasierte Empfehlungen an die Hand.“ Denn die neu erschienene Leitlinie macht deutlich: Die Adipositas ist das Ergebnis des Lebensstils unserer Gesellschaft.

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Und „die derzeitigen Mechanismen, mit denen Übergewicht und Adipositas auf Bevölke­rungsebene begegnet wird, sind […] noch unzureichend und zum Teil inadäquat“, so die Schlussfolgerung der Leitlinienautoren. Für das gesunde Aufwachsen von Kindern seien tiefergreifende Änderungen erforderlich, für die eine starke politische Unterstützung nötig ist.

Dem Kinder- und Jugendarzt komme dabei in Zusammenarbeit mit weiteren Professionen eine wichtige Rolle zu. Er sei der Vermittler der in der Leitlinie zusammengetragenen Em­pfehlungen und Botschaften: Hierzu gehören unter anderem die Reduktion zuckerhaltiger Getränke und die Beachtung der Portionsgrößen, die Ausrichtung des Speiseangebots in Kitas und Ganztagsschulen an den Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und die Förderung der körperlichen Aktivität im Kindes- und Jugendalter.

Deshalb sollte, so die Leitlinie, der Prävention der Adipositas in der Aus- und Weiterbil­dung der Ärzte ein wesentlicher Stellenwert eingeräumt werden.