Transkranielle Magnetstimulation lindert Zwangsstörungen

Silver Spring/Maryland – Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat erstmals ein Gerät zur tiefen transkraniellen Magnetstimulation für die Behandlung von Zwangsstörungen zugelassen. Der Hersteller hatte in einer randomisierten Studie zeigen können, dass die auf den anterioren cingulären Cortex gerichteten Impulse die Beschwerden der häufigen Störung abschwächen.

Vermutlich zwischen 1 bis 3 % der Bevölkerung erkranken im Verlauf ihres Lebens an Zwangsstörungen. Sie werden durch wiederkehrende unerwünschte Gedanken („Obsessionen“) gequält oder sehen sich gezwungen, Handlungen durchzuführen, deren Sinnlosigkeit ihnen bewusst ist, die sie aber nicht abstellen können. Die Zwangs­störungen beginnen oft bereits in der Jugend und begleiten viele Patienten ein Leben lang.

Die Behandlung besteht derzeit in einer Therapie mit Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die bei Patienten mir Zwangsstörungen häufig in sehr hoher Dosierung erfolgen muss und/oder in einer Psychotherapie, die heute in der Regel aus einer kognitiven Verhaltenstherapie besteht. Beide Therapien sind etwa bei der Hälfte der Patienten nicht erfolgreich und im Fall der SSRI mit Nebenwirkungen verbunden.

Als „dritter“ Weg wird derzeit die transkranielle Magnetstimulation (TMS) untersucht. Sie basiert auf einem neurobiologischen Modell, nach dem Zwangsstörungen durch eine „Imbalance“ in neurologischen Schaltkreisen sind, die mit starken Magnetfeldern von außen beeinflusst werden können. Die Therapie hat gegenüber einer tiefen Hirnstimulation, die sich bereits in klinischen Studien als wirksam erwiesen hat, den Vorteil, dass die Behandlung non-invasiv ist und deshalb nicht mit den Risiken eines chirurgischen Eingriffs behaftet ist.

Das Unternehmen BrainsWay mit Sitz in Jerusalem hat sich auf die Entwicklung von Geräten für die TMS spezialisiert. Für die Behandlung der Major-Depression hat der Hersteller aus Israel bereits 2008 in den USA eine Zulassung erhalten. Seit 2013 dürfen auch Patienten mit bestimmen Formen der Migräne behandelt werden.

Der „H1-coil“, der den lateralen präfrontalen Cortex direkt unterhalb der Schädeldecke stimuliert, kann jedoch zur Behandlung von Zwangsstörungen nicht verwendet werden. Für die neue Indikation wurde der „H7-coil“ entwickelt, der die Neuronen des anterioren cingulären Cortex erreicht, einer tieferen Hirnregion im Frontallappen der Großhirnrinde.

Die Wirksamkeit wurde in den letzten Jahren in einer randomisierten kontrollierten Studie untersucht, an der an 12 Zentren in Nordamerika und Israel 100 Patienten mit Zwangsstörungen teilnahmen.

Bei den Patienten im Alter zwischen 22 und 68 Jahren war eine Zwangsstörung nach den Kriterien des DSM-IV-TR diagnostiziert worden mit mindestens 20 Punkten auf der Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (Y-BOCS), die die Symptome mit maximal 40 Punkten bewertet.

Die Patienten setzten ihre frühere Therapie (Medikamente, Psychotherapie) fort und führten zusätzlich eine Behandlung mit der „deep“ TMS durch. Die Anwendungen erfolgten zunächst 5-mal, später 4-mal pro Woche über 6 Wochen mit insgesamt 29 Sitzungen. Die Geräte erzeugten jedoch nur bei 49 Patienten ein Magnetfeld. Die anderen 51 Patienten erhielten eine Scheinbehandlung, ohne dies zu wissen.

Endpunkt der Studie war der Y-BOCS nach 6 Wochen, wobei ein Rückgang um mindestens 30 % als Therapieantwort eingestuft wurde. Die Ergebnisse der Studie wurden bisher nicht publiziert. Nach Angaben des Herstellers und der FDA erzielte die „deep“ TMS bei 38 % der Patienten eine Therapieantwort gegenüber 11 % nach der Scheinbehandlung, was ein signifikanter und klinisch relevanter Vorteil war, der jetzt zur Zulassung in den USA führte.

Die häufigste Nebenwirkung der Behandlung besteht laut FDA in Kopfschmerzen, die von 37,5 % der Patienten berichtet wurden, die die TMS durchführten gegenüber 35,3 % in der Kontrollgruppe. Schwerwiegende Komplikationen wurden in der Studie nicht beobachtet. Andere Nebenwirkungen wie Schmerzen oder Beschwerden an der Applikationsstelle, Kieferschmerzen, Gesichtsschmerzen, Muskelschmerzen, Krämpfe oder Zuckungen und Nackenschmerzen waren laut FDA leicht oder mittelschwer. Sie verschwanden kurz nach der Behandlung.

Die Behandlung ist kontraindiziert bei Patienten mit metallischen Objekten im oder in der Nähe des Kopfes. Dazu gehören implantierte Stimulationsgeräte, Cochlea-Implantate, Tiefenhirnstimulatoren, Vagusnervstimulatoren, aber auch Clips oder Coils, die zur Behandlung von Aneurysmen chirurgisch implantiert oder endoskopische platziert werden, oder Stents zur Dilatation von Hirngefäßen. Die Patienten dürfen bei der Behandlung auch keinen Schmuck oder Haarspangen aus Metall tragen. Während der Behandlung muss der Patient Ohrstöpsel verwenden, um sich vor den lauten Geräuschen des Geräts zu schützen.

Metakognitive Therapie – Neuer Behandlungsansatz bei Zwangsstörungen

Zwangsstörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter. Bisher wird diese Erkrankung meist mit einer kognitiven Verhaltenstherapie behandelt – einer effektiven Behandlungsmethode, von der aber nicht alle Patienten profitieren können.

An den Psychologischen Instituten der Universität Leipzig und der Philipps-Universität Marburg wird deshalb derzeit eine neuartige Therapiemethode für die Zwangserkrankung erforscht – die metakognitive Therapie. Schwerpunkt ist dabei die Veränderung von krankheitstypischen Annahmen und Verhaltensweisen.

Auf ausgedehnte Konfrontationen mit zwangsauslösenden Situationen wie in der kognitiven Verhaltenstherapie wird in diesem Therapieansatz ausdrücklich verzichtet. In einer ersten Untersuchung von Wissenschaftlern der Universitäten in Leipzig und Marburg konnten für die metakognitive Therapie von Zwangskranken beachtliche Therapierfolge nach sehr kurzer Therapiedauer erzielt werden. „Unsere Ergebnisse sprechen für eine vergleichbare, gute Wirksamkeit beider Therapieformen – die metakognitive Therapie war in der Pilotstudie genauso erfolgreich wie die klassische Konfrontationstherapie und brauchte dafür weniger Therapiezeit. Als alternativer oder ergänzender Behandlungsansatz für Zwangserkrankungen erscheint die metakognitive Therapie daher zwar vielversprechend, muss aber noch weiter untersucht werden“, erläutert die Psychotherapeutin Prof. Dr. Cornelia Exner, Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Leipzig.

Derzeit läuft im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes an den Psychologischen Instituten der Universitäten Leipzig und Marburg eine Behandlungsstudie, bei der beide Behandlungsformen der Zwangserkrankung – die Konfrontationstherapie und die metakognitive Therapie – in ihrer Wirksamkeit näher untersucht werden.

Dadurch sollen sowohl bewährte als auch neue Therapieverfahren zur Behandlung der Zwangserkrankung optimiert werden. Nach einer ausführlichen Diagnostik haben Personen, die an einer Zwangserkrankung leiden, die Möglichkeit, 12 Therapiesitzungen entsprechend einer der beiden Therapieformen in Anspruch zu nehmen. Im Anschluss daran findet eine Untersuchung statt, um Therapierfolge zu erfassen. Sollte nach dieser Behandlung weiterhin Therapiebedarf bestehen, kann die Behandlung in der angeschlossenen Hochschulambulanz weitergeführt werden.

An der Universität Leipzig wird diese Studie, für die Teilnehmer gesucht werden, von Prof. Exner geleitet. Ansprechpartnerin für den Standort Leipzig ist Dr. Alexandra Kleiman, E-Mail: alexandra.kleiman@uni- leipzig.de, Tel: 0341-97-39567.

Was ist eine Zwangsstörung?

Betroffene erleben immer wieder ein Aufdrängen unangenehmer Gedanken und Handlungsimpulse, ohne sich dagegen wehren zu können. Obwohl man sie als unsinnig erkennt, kann man sie dennoch nicht einfach ziehen lassen. Die Patienten versuchen, mit Gedanken und Handlungen Einfluss zu nehmen auf befürchtete Ereignisse und entwickeln dafür Rituale und Ticks, wie häufiges Händewaschen oder langwierige Überprüfungen von Haushaltsgeräten und Türschlössern, um vermeintliches Unheil abzuwehren. Wenn diese Rituale jedoch im Alltag die Überhand gewinnen, ist ein normales Leben häufig nicht mehr möglich. Erfolglose Versuche, sich von den Zwängen zu befreien, haben für die Betroffenen häufig ein großes Gefühl der Hilflosigkeit zur Folge. In Deutschland sind zwei Prozent der Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben von einer Zwangsstörung betroffen. Auch der Gesellschaft entstehen durch die Erkrankung hohe Kosten.

Bisherige Therapiemethode

Der heute bewährte Ansatz zur Bewältigung von Zwängen ist die kognitive Verhaltenstherapie, die sich in der Behandlung von Zwangserkrankungen bereits als wirksam erwiesen hat. Es handelt sich um ein effektives psychotherapeutisches Behandlungsverfahren, mit dem bei vielen Betroffenen eine deutliche Reduktion der Symptome und verbesserte Alltagskompetenz erzielt werden kann. In Zentrum dieser inzwischen gut erforschten Behandlungsmethode steht die sogenannte „Konfrontationstherapie mit Reaktionsverhinderung“, bei der die Patienten nach ausführlicher Vorbereitung wiederholt mit Gegenständen oder Situationen konfrontiert werden, die typische Befürchtungen und Ängste auslösen. Die Effektivität dieser Behandlungsmethode hat ihre Grenzen. Nur wenige Psychotherapeuten können ausgedehnte Übungsstunden außerhalb des Therapiezimmers in den Praxisalltag einbauen. Zudem sind viele Patienten mit einer Zwangserkrankung nicht bereit, an einer konfrontationsorientierten Therapie teilzunehmen bzw. brechen diese häufig ab, was zu einer Verschlechterung der Erkrankung führen kann.

Weitere Informationen:

Dr. Alexandra Kleiman

Telefon: +49 341 97 39567

E-Mail:  alexandra.kleiman@uni-leipzig.de

„Aufschieberitis“ betrifft vor allem junge Männer

Mainz – Die Verbreitung und Risikomerkmale für die sogenannte Prokrastination – also ein ausgeprägtes Aufschiebeverhalten von wichtigen Tätigkeiten – haben Wissen­schaftler der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz untersucht.

Die Studie bestätigt, dass die „Aufschieberitis“ mit Stress, Depression, Angst, Einsamkeit und Erschöpfung einhergeht sowie die Lebenszufriedenheit verringert. Menschen, die Tätigkeiten häufig aufschieben, leben seltener in Partnerschaften, sind häufiger arbeits­los und verfügen über ein geringes Einkommen. Betroffen sind offenbar vor allem männliche Schüler und Studierende.

Die Untersuchung ist in der Zeitschrift Plos One erschienen
(doi:10.1371/journal.pone.0148054). Ein Ziel der Mainzer Wissenschaftler war es, eine Antwort auf folgende Frage zu finden: Warum schieben Menschen Tätigkeiten auf, wenn dies absehbar zu Stress und negativen gesundheitlichen Folgen führt? Die Studien­kohorte umfasste 2.527 Personen im Alter von 14 bis 95 Jahren.

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Prokrastination ist laut den Mainzer Wissenschaftlern ein erlerntes Verhalten, das unmittelbar durch Vermeidung unangenehmer Tätigkeiten verstärkt wird. Warum bestimmte Tätigkeiten negative Gefühle hervorrufen, wird von den Betroffenen zu wenig hinterfragt. Leistungsanforderungen sind häufig mit Versagensängsten verbunden, eigene Leistungsansprüche sind möglicherweise zu hoch gesteckt und Zielsetzungen unrealistisch. Ersatzhandlungen wie Medienkonsum haben überdies häufig vordergründig unmittelbar positive Konsequenzen. Nachteilige negative Konsequenzen wie Versagen, Depression oder Einsamkeit treten hingegen erst langfristig auf und sind damit weniger verhaltensbestimmend.

Für Studienleiter und Klinikdirektor Manfred Beutel sind die Studienergebnisse Anlass, um zu handeln: „Aufgrund der steigenden Häufigkeit derartiger Krankheitsverläufe haben wir ein spezielles Behandlungsangebot für junge Erwachsene mit Prokras­tinationsverhalten entwickelt“, erläutert er. © hil/aerzteblatt.de