Kurztherapie kann Suizidrisiko reduzieren (Universitäre Psychiatrische Dienste Bern)

Eine in Bern entwickelte Therapie nach Suizidversuch reduziert das Risiko weiterer suizidaler Krisen markant. Nun hat eine Studie unter Leitung der London School of Economics zudem die Kostenwirksamkeit des Ansatzes bestätigt.

Wer einen Suizidversuch hinter sich hat, braucht psychologische Betreuung. Die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD) haben eine Kurztherapie für Menschen nach Suizidversuch entwickelt. In Zusammenarbeit mit der London School of Economics und dem Universitären Notfallzentrum des Inselspitals Bern untersuchten sie nun in einer Studie, ob diese Behandlung auch zu Kosten-einsparungen im Gesundheitswesen führen kann. Die Ergebnisse wurden am 19. Oktober 2018 in der renommierten Fachzeitschrift «JAMA Network» publiziert.

Suizidversuche auch als ökonomische Bürde

Weltweit rechnet die Weltgesundheitsorganisation mit gegen einer Million Suizide und rund zehnmal mehr Suizidversuchen jährlich. Diese sind nicht nur eine grosse emotionale Belastung für Betroffene und Angehörige, sondern auch für das Gesundheitswesen – in erster Linie medizinische Notfallzentren und psychiatrische Kliniken. Dazu kommt, dass Suizidversuche das grösste Risiko für weitere suizidale Krisen sind. Bislang gibt es jedoch kaum anerkannte Behandlungsmethoden, die dieses Risiko zuverlässig reduzieren.

Doppelt wirksame Prävention

Eine in Bern entwickelte Kurztherapie zur Prävention wiederholter Suizidversuche «Attempted Suicide Short Intervention» (kurz: ASSIP) konnte bereits 2016 in «PLOS Medicine» eine bisher einmalige Wirksamkeit nachweisen: Sie reduzierte das Risiko von weiteren Suizidversuchen um erstaunliche 80 Prozent. Und dies als Kurztherapie mit lediglich drei Sitzungen gefolgt von einem anhaltenden brieflichen Kontaktangebot über zwei Jahre.

Die aktuelle Studie zeigt nun, dass mit dem Rückgang der Suizidversuche durch ASSIP auch die Kosten für die Notfallbehandlungen und psychiatrischen Hospitalisationen signifikant reduziert werden – die Therapie also nicht nur klinisch wirksam sondern auch wirtschaftlich ist. Untersucht wurden 120 Patientinnen und Patienten, die wegen Suizidversuch im Universitären Notfallzentrum behandelt worden waren. Die Hälfte von ihnen erhielt zusätzlich zu üblichen psychiatrischen Behandlung die drei Sitzungen mit ASSIP gefolgt von personalisierten Briefen über zwei Jahre, die Kontrollgruppe erhielt eine einzelne Suizidrisiko-Einschätzung. Nach 24 Monaten hatten 41 Personen der Kontrollgruppe einen weiteren Suizidversuch hinter sich, gegenüber nur fünf Personen aus der ASSIP-Gruppe.

Mit der publizierten Studie hat das Berner Programm ein grosses Potenzial, weltweit in der Suizidprävention eingesetzt zu werden. Zur Zeit wird ASSIP in der Schweiz in Bern, Zürich, Solothurn und in der Privatklinik Wyss angewendet. International haben Finnland, Litauen, Schweden, Belgien, Österreich und die USA das Programm implementiert, geplant sind unter anderem Portugal und Australien.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. phil. Anja Gysin-Maillart, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP und Leiterin Sprechstunde für Patienten nach Suizidversuch ASSIP
Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD)
anja.gysin-maillart@upd.ch, +41 31 632 88 11.

Prof. Dr. med. Thomas Jörg Müller, Ärztlicher Direktor und Chefarzt
Privatklinik Meiringen, Zentrum für seelische Gesundheit
Zentrum für translationale Forschung, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD), thomas.mueller@privatklinik-meiringen.ch, +41 33 972 82 90.

Originalpublikation:
doi:10.1001/jamanetworkopen.2018.3680
Weitere Informationen finden Sie unter
https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2707429

 

Psychosen für jeden zehnten Suizid verantwortlich

Patienten mit einer Psychose-Spektrum-Störung haben ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko. In der kanadischen Provinz Ontario entfielen laut einer Studie in Schizophrenia Research (2018; doi: 10.1016/j.schres.2018.06.025) fast 12 Prozent aller Suizide auf eine Schizophrenie oder andere Psychosen.

In den Jahren 2008 bis 2012 nahmen sich in Ontario 5.660 Menschen das Leben. Bei 663 Personen oder 11,7 Prozent konnte Juveria Zaheer vom Centre for Addiction and Mental Health in Toronto eine Psychose-Spektrum-Störung in der Vorgeschichte ermitteln. Zur Psychose-Spektrum-Störung gehören Schizophrenie, schizoaffektive Störung oder andere nicht näher bezeichnete Psychosen.

Da in Ontario wie in den meisten anderen Ländern nur etwa 1 Prozent der Bevölkerung an einer Psychose-Spektrum-Störung leidet, bedeutet dies, dass Menschen mit einer Psychose ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko haben.

Patienten mit Psychose-Spektrum-Störung nehmen sich außerdem deutlich früher das Leben als andere Menschen. Laut Zaheer entfiel jeder fünfte Suizid in der Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren. Bei den Selbstmördern ohne Psychose-Spektrum-Störung war es nur einer von zehn Personen.

Mehr als die Hälfte der Patienten mit Psychose-Spektrum-Störung hatten in den 30 Tagen vor ihrem Freitod Kontakt zu psychiatrischen Einrichtungen, bei den Personen ohne Psychose-Spektrum-Störung Personen war nur einer von vier in medizinischer Behandlung.

Diese Zahlen zeigen nach Ansicht von Zaheer, dass selbst in Ontario, wo viele Patienten bereits bei der ersten Episode einer Psychose in Behandlung sind, Chancen für eine rechtzeitige Suizid-Präventionen in der am meisten bedrohten Personengruppe versäumt wird.

Dialektische Verhaltenstherapie schützt Teenager vor Suiziden

Eine dialektische Verhaltenstherapie, entwickelt von einer US-Psychologin, die als Jugendliche selbst am Borderlinesyndrom litt, hat in einer randomisierten Studie in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.1109) die Suizidalität von Teenagern deutlich gesenkt.

Suizide sind nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache von Kindern und Jugend­lichen. Auf jeden Suizid kommen noch einmal 8 bis 25 Suizidversuche, und viele der betroffenen Teenager neigen zu selbstverletzendem Verhalten, das häufig Ausdruck einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ist. Psychologen finden selten Zugang zu ihren Patienten, und bisher mangelt es an evidenzbasierten Therapien, mit der sich die Zahl der Suizidversuche oder Selbstverletzungen senken lässt.

Die US-Psychologin Marsha Linehan, die selbst als Jugendliche an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung litt, hat für die betroffenen Patienten eine Variante der kognitiven Verhaltenstherapie entwickelt, die den jungen Patienten Einsicht in ihre Erkrankung vermitteln und Wege aufzeigen soll, die sie von weiteren Suizidversuchen abhält. Der Kerngedanke der dialektischen Verhaltenstherapie ist dabei, eine Konfrontation zwischen Psychologen und Patienten zu vermeiden, die sich bei einer Suizidalität von Jugendlichen schnell entwickeln kann.

Bei der dialektischen Verhaltenstherapie soll der Therapeut zunächst die Absichten des Patienten (als „These“) akzeptieren, um dann in einer therapeutischen Allianz einen Gegenentwurf („Antithese“) zu entwickeln, der unter Akzeptanz der Persönlichkeit des Patienten in einer „Synthese“ ein Weiterleben ermöglicht.

Die dialektische Verhaltenstherapie bestand aus wöchentlichen individuellen Psychotherapien, einem Mehrfamiliengruppen-Training, einem Jugend- und Eltern-Telefoncoaching sowie wöchentlichen Therapeuten-Teamberatungen. Die Kontroll­gruppe nahm lediglich an regelmäßigen unterstützenden Gruppensitzungen teil.

Nach den jetzt vorgestellten Ergebnissen erzielte die dialektische Verhaltenstherapie bessere Ergebnisse: 90,3 % der Teenager gegenüber 78,9 % in der Kontrollgruppe unternahmen keine weiteren Suizidversuche. Die Odds Ratio von 0,30 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,10 bis 0,91 signifikant.

Auf nichtsuizidale Selbstverletzungen verzichteten in den ersten 6 Monaten nach der dialektischen Verhaltenstherapie 56,9 % der Teilnehmer gegenüber 40,0 % in der Kontrollgruppe (Odds Ratio 0,32; 0,13–0,70). Frei von sämtlichen selbst zugefügten Verletzungen blieben 54,2 % der Teenager gegenüber 36,9 % in der Kontrollgruppe (Odds Ratio 0,33; 0,14–0,78).

Damit erzielte die dialektische Verhaltenstherapie in allen Endpunkten eine bessere Wirkung. Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen verringerten sich allerdings im Zeitraum von 6 Monaten und einem Jahr. In dieser Zeit war kein statistisch signifikanter Unterschied zur Kontrollgruppe mehr erkennbar. Es gab jedoch keinen Anstieg des suizidalen oder selbstverletzenden Verhaltens, sodass die Behandlung langfristig erfolgreich sein könnte. Allerdings ist die Therapie weit davon entfernt, alle Teenager von ihrer Suizidalität zu befreien. Laut Linehan sind deshalb weitere Anstrengungen erforderlich, um das Therapiekonzept weiter zu verbessern.

USA: Starke Zunahme der Suizide

Immer mehr US-Amerikaner scheiden durch Freitod vorzeitig aus dem Leben. Die Suizidrate hat sich laut einer Studie in Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR2018; 67: 617–624) seit 1999 um fast 30 % erhöht. Mentale Erkrankungen lagen nur bei etwa der Hälfte der Personen vor.

Laut der Aufstellung der Centers for Disease Control and Prevention haben sich 2016 fast 45.000 Menschen das Leben genommen. Die Suizidrate liegt damit bei 15,6 pro 100.000 Einwohner (in Deutschland 13,0/100.000). Betroffen von der Zunahme sind alle Staaten außer Nevada, wo die Suizidrate traditionell über dem Durchschnitt liegt. Der Anteil der Männer liegt bei 84 % und die am stärksten betroffene Altersgruppe sind die 45- bis 64-Jährigen. Die bevorzugte Suizidmethode sind Handfeuerwaffen, gefolgt von Erhängen und der Einnahme von Gift.

Gründe für den Anstieg konnte die Studie nicht ermitteln. Auffällig ist jedoch, dass nur 54 % zum Zeitpunkt ihres Todes in psychiatrischer Behandlung waren (allerdings hatten zwei Drittel einen Drogenkonsum oder eine mentale Erkrankung in der Vorgeschichte). Bei der Hälfte der Suizide ließen sich  Lebensstressoren (50,5 versus 47,2 % in 1999) ermitteln, dazu gehörten strafrechtliche Probleme (10,7 versus 6,2 %) oder eine Zwangsräumung/Verlust des Hauses (4,3 versus 3,4 %).

Es gibt Hinweise, dass neben der Opiatkrise auch die Verschlechterung der wirtschaft­lichen Lage weiter Teile der Bevölkerung für die Zunahme der Selbsttötungen verantwortlich ist. In der letzten Immobilien- und Finanzkrise von 2007 haben viele Amerikaner ihr Wohneigentum verloren. Dieser negative „Wealth Shock“ hat laut einer jüngst im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2018; 319: 1341–1350) veröffentlichten Studie zu einem Anstieg des Sterberisikos geführt.

Depressionen: Ketamin als Nasenspray beseitigt rasch Suizidgedanken

Eine zweimal wöchentliche intranasale Behandlung mit Esketamin, dem linksdrehenden Enantiomer von Ketamin, hat in einer Phase-2-Studiedie Depressionen von Patienten mit akuter Suizidgefährdung innerhalb weniger Stunden gelindert. Die Behandlung könnte laut der Publikation im American Journal of Psychiatry (Online) die Zeit bis zum Einsetzen der Wirkung konventioneller Antidepressiva überbrücken.

Das Narkosemittel Ketamin, das durch Blockade von NMDA-Rezeptoren eine dissoziative Anästhesie erzeugt und wegen eines tranceartigen Zustands zunehmend als Freizeitdroge missbraucht wird, ist seit einigen Jahren als Akutmedikament zur Behandlung von Major-Depressionen in der Diskussion. Nach einer intravenösen Anwendung kommt es innerhalb kurzer Zeit zu einer Aufhellung des Gemüts. Depressivität und Suizidgedanken scheinen wie weggeflogen.

Da die intravenöse Anwendung in der ambulanten Therapie eine Hürde ist, lässt der Hersteller Jansen derzeit eine intranasale Applikation von Esketamin, dem linksdrehenden Enantiomer von Ketamin, prüfen. (Die Möglichkeit, das nicht mehr patentgeschützte Mittel in einer neuen Applikationsform exklusiv zu vermarkten, mag ebenfalls eine Rolle spielen).

An einer Phase-2-Studie nahmen an 11 US-Zentren 68 Patienten teil, die unter schweren Depressionen litten (MADRS 22 oder höher) und die wegen suizidaler Gedanken stationär behandelt wurden. Zusätzlich zur üblichen stationären Therapie erhielten sie zweimal pro Woche Esketamin (84 mg) oder Placebo als Nasenspray. Die Behandlungsdauer betrug 4 Wochen. Primärer Endpunkt war die akute Veränderung des MADRS-Scores in den ersten 4 Stunden nach der Applikation.

Wie Carla Canuso vom Forschungslabor des Herstellers in Titusville, New Jersey, und Mitarbeiter berichten, war bereits nach der ersten Untersuchung nach 4 Stunden eine deutliche Abschwächung der Depression erkennbar, die auch bei einer weiteren Untersuchung nach 24 Stunden noch anhielt. Dieser schnelle Wirkungseintritt ist ein Vorteil von Ketamin gegenüber konventionellen Antidepressiva, die die Symptome erst nach mehreren Wochen lindern, was die Patienten in der Zwischenzeit dem Risiko einer erhöhten Suizidalität aussetzt und häufig eine stationäre Behandlung erforderlich erscheinen lässt.

Alle Patienten der Studie wurden mit konventionellen Antidepressiva behandelt, was erklären mag, warum bei den Abschlussuntersuchungen am Tage 25 keine signifikanten Unterschiede zwischen der Esketamin- und der Placebogruppe mehr bestanden.

Für die American Psychiatric Association könnte Esketamin künftig zur Überbrückung eingesetzt werden, bis die konventionellen Antidepressiva wirken, was erfahrungs­gemäß nach 4 bis 6 Wochen der Fall ist. Die Patienten könnten dann frühzeitig aus der Klinik entlassen werden.

Der Hersteller lässt das Esketamin-Nasenspray derzeit in mehreren Phase-3-Studien prüfen. Der Schwerpunkt der aktuellen Phase-2-Studie war die Sicherheit von Esketamin. Ernsthafte Probleme wurden nicht beobachtet. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Schwindel, Dissoziation, Geschmacksstörungen und Kopfschmerzen.

Ob das Mittel nach dem Anschluss der Phase-3-Studien zugelassen wird, lässt sich nicht vorhersehen. Neben Effektivität und Sicherheit dürfte auch das Missbrauchs­potenzial eine Rolle spielen. Wie Robert Freedman vom Anschutz Medical Campus in Denver im Editorial berichtet, erhalten US-Psychiater bereits Besuch von Personen, die depressive Symptome vorgeben, um sich Ketaminbehandlungen zu erschleichen.

Durch Diebstahl bei Veterinärmedizinern gelangt regelmäßig Ketamin in den illegalen Handel. Dass eine freizügige Verordnung von Arzneimitteln mit Missbrauchspotenzial schnell zu gesellschaftsrelevanten Problemen führen, zeigen laut Freedman die Erfahrungen mit Oxycodon, das als weniger gefährliche Alternative zu älteren Opiaten entwickelt wurde, dann aber zum Auslöser einer epidemischen Drogensucht mit zahllosen Todesfällen war.

Niedriger Blutdruck assoziiert mit Selbstmordgedanken

Ein niedriger Blutdruck könnte im Zusammenhang mit häufigeren Selbstmord­gedanken stehen. Das fanden Forscher von der Seoul National University in Südkorea in einer Beobachtungsstudie heraus, die in BMC Public Health publiziert wurde (2018; doi: 10.1186/s12889-018-5106-5). Es wurden Daten aus den Jahren 2010 bis 2013 aus dem Korean National Health and Nutrition Examination Survey ausgewertet.

Von 10.708 Studienteilnehmern hatte jeder Vierte einen systolischen Blutdruck von weniger als 100 mmHG und 1.199 (11,2 %) Suizidgedanken. Diese Gedanken traten bei jenen mit niedrigem Blutdruck häufiger auf als bei Teilnehmern mit normalem Blut­druck (Odd-Ratio = 1,29; n = 320 [12,5 %]). Noch weiter stieg die Wahrscheinlichkeit, sich gedanklich mit Selbstmord zu beschäftigen, wenn der systolische Blutdruck unter 95 oder unter 90 mmHG lag (OR = 1,44 und OR = 1,71 bzw. n = 149 [13,7 %] und n = 53 [16,6 %] versus n = 879 [10,8 %] bei normalem Blutdruck).

Dieses Ergebnis zeigte sich unabhängig von möglichen Einflussfaktoren wie dem Geschlecht, dem Body-Mass-Index, Cholesterinlevel, Haushaltseinkommen, Bildungs­niveau, Familienstand, Zigaretten- und Alkoholkonsum. Die Daten aus der landes­weiten Umfrage zum Gesundheits- und Ernährungszustand der koreanischen Bevölkerung zeigten auch, dass Frauen häufiger an Selbstmord dachten als Männer (12,9 % versus 7,8 %). Am häufigsten beschäftigten sich nach eigenen Angaben ältere Menschen mit diesen Gedanken (20,8 % bei Personen ab 70 Jahren).

Bluthochdruck hatte keine Auswirkung auf Suizidgedanken

Keine signifikante Assoziation fanden die Autoren zwischen einer Prähypertonie oder Hypertonie und Suizidgedanken. „Obwohl eine Prähypertonie einen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellen kann und gemanagt werden sollte, scheint es sich nicht negativ auf die psychische Gesundheit auszuwirken. Unsere Studie stellt die Ansicht in Frage, dass niedriger Blutdruck in Bezug auf psychische Gesundheit die bessere Alternative ist“, erläutert Ko-Autor Sung-il Cho von der Seoul National University.

Zwar haben schon frühere Studien nahegelegt, dass niedriger Blutdruck mit neuro­psychologischen Problemen verbunden ist. Inwiefern dieser mit Suizidgedanken einhergeht, wurde bisher aber noch nicht untersucht. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die gesundheitlichen Auswirkungen von niedrigem Blutdruck evaluiert werden sollten, um negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit zu berücksichtigen“, sagt Sung-il Cho.

Die Studie kann keinen kausalen Zusammenhang zwischen niedrigem Blutdruck und Suizidgedanken nachweisen. Die selbstberichteten Umfragedaten könnten zudem die Ergebnisse verzerrt haben. Da nur der systolische Blutdruck zur Bestimmung des niedrigen Blutdrucks verwendet wurde, sind weitere Studien erforderlich, um die Beziehung zwischen Suizidgedanken und diastolischem Blutdruck zu untersuchen.

Werther-Effekt: Dem Suizid von Robin Williams folgte ein Anstieg der Selbstmorde

Die mediale Berichterstattung über den Selbstmord des Schauspielers Robin Williams im Jahr 2014 könnte viele Menschen zur Nachahmung veranlasst haben. Forscher an der Mailman School of Public Health der Columbia University dokumentierten eine Zunahme von zehn Prozent der Selbstmorde in den Monaten nach dem Suizid des Schauspielers. Was damals noch nicht bekannt war und erst 2015 nach der Autopsie von den Medien berichtet wurde – Williams litt an einer Lewy-Körperchen-Demenz.

Vor allem Männer zwischen 30 und 44 Jahren sollen unter den Suizidenten nach Williams Tod gewesen sein. Am stärksten war der Anstieg der Suizide durch Ersticken (32 Prozent). Auch Williams Todesursache lautete „Ersticken durch Erhängen“. Im Vergleich dazu beobachteten die Forscher bei allen anderen Methoden des Selbst­mords nur einen Anstieg von drei Prozent. Die Ergebnisse sind in Plos One erschienen (2018; doi: 10.1371/journal.pone.0191405).

Den Forschern zufolge wären von August bis Dezember 2014 16.849 Selbstmorde zu erwarten gewesen. Es waren jedoch weit mehr. Dem US-amerikanischen Center for Disease Control wurden 18.690 gemeldet, und der Anstieg pro Monat schien in diesem Zeitraum konstant zu bleiben. „Williams Tod könnte den US-Bürgern mit erhöhtem Suizidrisiko, insbesondere verzweifelten Männern mittleren Alters, den notwendigen Anreiz geboten haben, die Selbstmordgedanken in die Tat umzusetzen“, vermutet David S. Fink aus der Abteilung für Epidemiologie.

Medienempfehlungen der WHO

  • Begriffe und eine Sprache vermeiden, die Suizide zur Sensation aufbauschen, als Normalität hinstellen oder als Problemlösung ausgeben
  • Schlagzeilen und eine auffällige Platzierung von Suizidgeschichten vermeiden, Geschichten nicht wiederholen
  • die genaue Beschreibung der Methode und des Orts eines versuchten oder vollendeten Suizids vermeiden
  • mit Fotos und Filmmaterial sensibel und verantwortungsvoll umgehen
  • sich beim Berichten über den Suizid berühmter Personen zurückhalten
  • die Gefühle der Hinterbliebenen respektieren und schonen
  • Informationen über Hilfsangebote

Quelle: PP 15, Ausgabe November 2016

Medien sollen von WHO-Leitlinien abgewichen sein

Einen kausalen Zusammenhang mit der medialen Berichterstattung können die Autoren aber nicht eindeutig nach­weisen. Die Vermutung liegt aber nahe. Denn die Medien berichteten über den Selbstmord Robin Williams ausführlich und wichen dabei auch tendenziell von den etablierten Leitlinien für die Selbstmordberichterstattung der Welt­gesund­heits­organi­sation ab, so die Kritik in der Autoren der Columbia University. Als Beispiel nennen sie Schlagzeilen aus der Washington Post(„Robin Williams’s death shows the power of depression and the impulsiveness of suicide“) und der New York Times („Robin Williams Died by Hanging, Official Says“). Es folgte eine erhöhte Anzahl von Onlinebeiträgen im SuicideWatch-Forum, häufiger ging es in den Posts um Suizidgedanken.

Erst Monate später wurde in den Medien auch über die fortgeschrittene Lewy-Körperchen-Demenz berichtet, an der Williams litt. Zum Zeitpunkt seines Todes waren bereits 40 Prozent der dopaminbildenden Nervenzellen zerstört, fast keine Nervenfaser war nicht von Lewy-Körperchen umgeben, berichtet die Witwe Susan Schneider 2016 in Neurology.

Dass die Zahl der Selbstmorde nach der Berichterstattung und Diskussion in sozialen Medien über prominente Suizide steigt, konnten schon andere Beispiele nahelegen, unter anderem der Fall des Torwarts Robert Enke. Eine Metanalayse im Journal of Epidemiology Community Health kommt 2012 zu dem Schluss, dass in den Wochen nach dem Suizid eines Prominenten die Selbstmordrate in der Bevölkerung um durch­schnittlich 0,26 pro 100.000 Einwohner ansteigt. Kaum einen Anstieg verursachte hingegen der Suizid von Kurt Cobain 1994. Allerdings untersuchten die Studien nur die Selbstmorde in der Gegend um Seattle und in Australien.

Bereits 1774 soll der fiktionale Suizid in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ für zahlreiche Nachahmungen gesorgt haben. Trotz begrenzter epidemiologischer Beweise hierfür und der Abwesenheit von Onlinenachrichten und sozialen Medien zur damaligen Zeit, steht der Werther-Effekt heute für den Zusammenhang zwischen der Berichterstattung über Suizide prominenter Personen und der Suizidrate in der Bevölkerung.

Im Vergleich zu 1774 hat sich in den Medien einiges geändert. „Dies ist die erste Studie, die unseres Wissens die Auswirkungen eines prominenten Selbstmordes auf die Bevölkerung im Zeitalter der Rund-um-die-Uhr Berichterstattung untersucht hat“, sagt Fink. Noch nicht abschließend ausgewertet sind die Auswirkungen einer 2017 ausgestrahlten Netflix-Serie, die den Selbstmord einer Schülerin ausführlich thematisiert. Die Serie sorgte für viel Kritik, einige Experten forderten, die Serie abzusetzen, um Nachahmung zu verhindern. Was inzwischen belegt ist: Laut einer Studie in JAMA sollen die Google-Anfragen zum Thema Selbstmord seit Austrahlung der Serie gestiegen sein.

Werther-Effekt: Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ provoziert Interesse an Suizid

San Diego – Die Netflix-Serie „13 Reasons Why“, in Deutschland „Tote Mädchen lügen nicht“, könnte einen Werther-Effekt ausgelöst haben. Eine Studie in JAMA Internal Medicine (2017; doi: 10.1001/jamainternmed.2017.3333) belegt, dass nach der Ausstrahlung in den USA die Google-Anfragen zum Thema Suizid angestiegen sind. Der Werther-Effekt bezieht sich auf Goethes Roman „Die Leiden des jungen (…)

Die zweite Staffel „13 Reasons Why“ wurde inzwischen trotz Warnungen von Experten abgedreht und soll noch 2018 ausgestrahlt werden.

Fachgesellschaft fordert mehr Anstrengungen bei der Suizidprävention

Berlin – „Höchste Priorität“ für die Suizidprävention. Das hat heute die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) im Vorfeld des Welttages der Suizidprävention am 10. September gefordert. Das diesjährige Motto des Tages, der seit 2004 stattfindet, lautet „Nimm dir Zeit, sprich an, hör zu – gib Hoffnung“.

„Alle 40 Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Mensch an Suizid. Noch weit mehr Menschen versuchen, sich das Leben zu nehmen“, sagte heute der Präsident der Fachgesellschaft, Arno Deister. Er betonte, Suizide träten in allen Altersstufen auf und verursachten mehr Tode als alle Kriege und Naturkatastrophen zusammen.

Unterversorgung mitverantwortlich

Mitverantwortlich für eine große Zahl von Suiziden macht die DGPPN eine Unter­versorgung von psychisch Kranken in Deutschland. Hierzulande stünden bis zu neun von zehn Selbstmorden im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung, erklärte die Fachgesellschaft. Niedrigschwellige Hilfs- und Unterstützungsangebote seien besonders wichtig. Diese fehlten aber in ausreichender Zahl. Aktuelle Erhebungen zeigten, dass zum Beispiel 18 Prozent der Menschen mit schweren Depressionen gar nicht behandelt werden, kritisierte Deister.

Die Fachgesellschaft fordert außerdem mehr Forschung zum Thema: Noch gebe es viele offene Fragen, zum Beispiel was die Neurobiologie suizidalen Verhaltens anbelange, so der DGPPN-Präsident. Wichtig sei zudem, das Wissen über Suizid und psychische Erkrankungen im Gesundheitswesen und in der Bevölkerung zu fördern. „Denn den meisten Suiziden gehen Warnsignale voraus. Je besser diese erkannt werden, desto früher kann man die Betroffenen dazu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagte Deister.

Vor einem Abbau von Beratungsstellen warnte anlässlich des Welttages die Leiterin der Krisenbegleitung der Duisburger Telefonseelsorge, Rosemarie Schettler. Niedrig­schwelli­ge Hilfen wie Sozialdienste in Krankenhäusern würden jedoch in vielen Fällen abgebaut, kritisierte sie. 7,3 Prozent aller Anrufe, die bei der Telefonseelsorge ein­gehen, beziehen sich nach Angaben der Expertin direkt auf das Thema Suizid. „Das sind bundesweit 144 Gespräche am Tag zum Thema Suizid, die allein bei der Telefon­seelsorge geführt wurden“, sagte sie.

In Deutschland sterben pro Jahr rund 10.000 Menschen an einem Suizid.

Suizidversuche und Gewaltdelikte bei Kindern: Diese psychischen Erkrankungen der Eltern erhöhen das Risiko

Manchester – Bestimmte psychische Krankheitsbilder der Eltern erhöhen das Risiko ihrer Kinder für einen Suizid oder Gewaltdelikte. Am gefährdetsten sind Kinder von Eltern mit antisozialer Persönlichkeitsstörung, Cannabis-Missbrauch oder eigenen Suizidversuchen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die ein großes Spektrum psychischer Krankheitsbilder von Alzheimer über Schizophrenie bis Angststörungen untersucht hat. Die Ergebnisse wurden in JAMA Psychiatry (2016; doi: 0.1001/jamapsychiatry.2016.1728) publiziert.

Die Forscher um Roger T. Webb von der University of Manchester untersuchten mehr als 1,7 Millionen Menschen ab ihrem 15. Lebensjahr in Dänemark über maximal 30 Jahre. Einen ersten Suizidversuch hatten etwa 2,6 % davon hinter sich (Durchschnitts­alter: 20,6, 46,7 % männlich), 3,2 % waren aufgrund eines Gewaltdelikts verurteilt worden (Durchschnittsalter: 21,6, 90 % männlich). Jeder zehnte gehörte zu beiden Gruppen.

Folgende psychische Krankheitsbilder der Eltern wurden untersucht: (Kinder gesamt: n für Gewaltdelikt = 44.472; n für Suizidversuch: 55.404)

  • psychische Störungen
  • Alzheimer, vaskuläre Demenz
  • Substanzmissbrauch (u.a. Alkohol- und Cannabis-Missbrauch)
  • Schizophrenie
  • Gemütsstörungen (u.a. bipolare Störung, Depression)
  • Angst- und somatoforme Störungen
  • Persönlichkeitsstörung (u.a. Borderline, antisoziale Persönlichkeitsstörung)
  • Suizidversuch

Beide Vorkommnisse kamen häufiger bei Kindern vor, deren Mutter oder Vater eine der untersuchten psychischen Erkrankungen hatte (siehe Kasten). Litten Eltern an einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, so stieg das Risiko um das drei- bis vierfache im Vergleich zu Kindern, deren Eltern diese psychische Krankheit nicht hatten.

Für Cannabis-Missbrauch oder eigene Suizidversuche waren die Wahrschein­lich­keiten, dass die Kinder selbst suizidal wurden oder Gewaltdelikte begangen, ähnlich hoch (Incidence Rate Ratio (IRR): 3,31 bis 4,05). Hatten beide Elternteile eine psychische Störung oder einen Suizidversuch hinter sich, so verdoppelte sich das Risiko der Kinder für einen Suizidversuch oder Gewaltdelikte im Vergleich zu Kindern, bei denen nur Mutter oder Vater betroffen war. Am niedrigsten war das Risiko der Kinder von Müttern oder Vätern mit Gemütsstörungen. Vor allem die bipolare Störung ging mit einem vergleichsweise niedrigen Risiko für Gewaltdelikte einher (IRR: 1,35), für Alzheimer gab es keinen signifikanten Zusammenhang (IRR:1,18). Die Suizidversuche stiegen aber auch bei Kindern, deren Eltern Alzheimer hatten (IRR: 1,79).

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Mädchen werden stärker beeinflusst als Jungs
Die Forscher beobachteten einen Unterschied zwischen gewalttätigen Mädchen und Jungen. Beim weiblichen Geschlecht wirkte sich die psychische Gesundheit der Eltern etwa um ein Drittel stärker aus (IRR: etwa 2 versus 3). Bei den kindlichen Suizid­versuchen hingegen konnten die Autoren keinen Genderunterschied feststellen.

Kommentar zur Studie
Die Studie weist ein paar Einschränkungen auf, schreiben die Autoren selbst sowie weitere Forscher um David A. Brent von der Western Psychiatric Institute and Clinic in Pittsburgh in einem Kommentar. Denn nicht alle möglichen Einflussparameter wurden untersucht.

Zwar floss der sozioökomische Status der Eltern in die Ergebnisse mit ein. Deren eigene eventuell kriminelle Vergangenheit und soziale wie auch umweltbedingte Einflüsse wurden bei der Auswertung jedoch nicht berücksichtigt. Der Einfluss psychisch kranker Eltern auf Suizidversuche und Gewaltdelikte ihrer Kinder könnte daher überbewertet sein, vermuten die Kommentatoren.

Sie nennen Misshandlung und Trennung der Eltern als Beispiele. Aber auch der Drogen- und Alkoholkonsum der Eltern während der Schwangerschaft wirke sich aus. So erklären sie auch, dass Cannabis­missbrauch unter den Top 3 beobachtet wurde. Zudem haben Eltern mit einem Drogenmissbrauch ein erhöhtes Risiko, selbst als Kind misshandelt worden zu sein.

Psychiatern empfehlen die Autoren, auch die Kinder ihrer psychisch kranken Patienten zu untersuchen. Die biologische Ursache für die beobachtete Häufung in Familien mit psychisch kranken Eltern führen die Forscher um Webb auf genetische, epigenetische, soziale wie auch Umwelteinflüsse zurück.

Suizidrisiko: Potenzieller Biomarker entdeckt

Grand Rapids – Menschen, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen, könnten eines Tages anhand eines Bluttests identifiziert werden. Forscher aus Australien, Schweden und den USA haben bei Betroffenen einen potenziellen Marker gefunden. Das Enzym mit reduzierter Aktivität spielt eine wichtige Rolle bei der Entzündungs­regulation: Amino-ß-Carboxymuconat Semialdehyd Decarboxylase (ACMSD). Die Ergebnisse wurden in Translational Psychiatry (doi:10.1038/tp.2016.133) publiziert.

Frühere Studien haben fortlaufende Entzündungsprozesse bei suizidgefährdeten und depressiven Menschen identifiziert. Die Autoren untersuchten daher das Blut und den Liquor von 137 Menschen, die sich das Leben nehmen wollten und 71 gesunden Probanden auf Komponenten des Immunsystems: Cytokine, den Kynurenin-Metabolit Quinolinsäure (QUIN) und dessen Kompetitor Picolinsäure (PIC). Die Suizid-Gruppe hatte reduzierte PIC-Level und ein höheres Verhältnis von PIC/QUIN. Daraus leiten die Forscher eine verminderte Aktivität des regulatorischen Enzyms ACMSD ab, das für ein Gleichgewicht der beiden Proteine sorgt.

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Infektionen könnten Suizid auslösen
Die Kynurenin-Metabolite könnten sich folglich nicht nur als Biomarker für das individuelle Suizidrisiko eignen. Sie stellen auch einen therapeutischen Angriffspunkt dar. Die Autoren sind sich sicher, dass Menschen mit einer reduzierten ACMSD-Aktivität besonders vulnerabel für Depressionen oder Suizidgedanken sind, wenn eine Infektion oder Entzündung vorliegt. Zudem könnten Entzündungen leichter chronifizieren. Genetische Varianten des ACMSD-Enzyms konnten kürzlich auch bei Parkinson-Patienten gefunden werden.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation nehmen sich weltweit jährlich mehr als 800.000 Menschen das Leben.