Depressionen: Ketamin als Nasenspray beseitigt rasch Suizidgedanken

Eine zweimal wöchentliche intranasale Behandlung mit Esketamin, dem linksdrehenden Enantiomer von Ketamin, hat in einer Phase-2-Studiedie Depressionen von Patienten mit akuter Suizidgefährdung innerhalb weniger Stunden gelindert. Die Behandlung könnte laut der Publikation im American Journal of Psychiatry (Online) die Zeit bis zum Einsetzen der Wirkung konventioneller Antidepressiva überbrücken.

Das Narkosemittel Ketamin, das durch Blockade von NMDA-Rezeptoren eine dissoziative Anästhesie erzeugt und wegen eines tranceartigen Zustands zunehmend als Freizeitdroge missbraucht wird, ist seit einigen Jahren als Akutmedikament zur Behandlung von Major-Depressionen in der Diskussion. Nach einer intravenösen Anwendung kommt es innerhalb kurzer Zeit zu einer Aufhellung des Gemüts. Depressivität und Suizidgedanken scheinen wie weggeflogen.

Da die intravenöse Anwendung in der ambulanten Therapie eine Hürde ist, lässt der Hersteller Jansen derzeit eine intranasale Applikation von Esketamin, dem linksdrehenden Enantiomer von Ketamin, prüfen. (Die Möglichkeit, das nicht mehr patentgeschützte Mittel in einer neuen Applikationsform exklusiv zu vermarkten, mag ebenfalls eine Rolle spielen).

An einer Phase-2-Studie nahmen an 11 US-Zentren 68 Patienten teil, die unter schweren Depressionen litten (MADRS 22 oder höher) und die wegen suizidaler Gedanken stationär behandelt wurden. Zusätzlich zur üblichen stationären Therapie erhielten sie zweimal pro Woche Esketamin (84 mg) oder Placebo als Nasenspray. Die Behandlungsdauer betrug 4 Wochen. Primärer Endpunkt war die akute Veränderung des MADRS-Scores in den ersten 4 Stunden nach der Applikation.

Wie Carla Canuso vom Forschungslabor des Herstellers in Titusville, New Jersey, und Mitarbeiter berichten, war bereits nach der ersten Untersuchung nach 4 Stunden eine deutliche Abschwächung der Depression erkennbar, die auch bei einer weiteren Untersuchung nach 24 Stunden noch anhielt. Dieser schnelle Wirkungseintritt ist ein Vorteil von Ketamin gegenüber konventionellen Antidepressiva, die die Symptome erst nach mehreren Wochen lindern, was die Patienten in der Zwischenzeit dem Risiko einer erhöhten Suizidalität aussetzt und häufig eine stationäre Behandlung erforderlich erscheinen lässt.

Alle Patienten der Studie wurden mit konventionellen Antidepressiva behandelt, was erklären mag, warum bei den Abschlussuntersuchungen am Tage 25 keine signifikanten Unterschiede zwischen der Esketamin- und der Placebogruppe mehr bestanden.

Für die American Psychiatric Association könnte Esketamin künftig zur Überbrückung eingesetzt werden, bis die konventionellen Antidepressiva wirken, was erfahrungs­gemäß nach 4 bis 6 Wochen der Fall ist. Die Patienten könnten dann frühzeitig aus der Klinik entlassen werden.

Der Hersteller lässt das Esketamin-Nasenspray derzeit in mehreren Phase-3-Studien prüfen. Der Schwerpunkt der aktuellen Phase-2-Studie war die Sicherheit von Esketamin. Ernsthafte Probleme wurden nicht beobachtet. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Schwindel, Dissoziation, Geschmacksstörungen und Kopfschmerzen.

Ob das Mittel nach dem Anschluss der Phase-3-Studien zugelassen wird, lässt sich nicht vorhersehen. Neben Effektivität und Sicherheit dürfte auch das Missbrauchs­potenzial eine Rolle spielen. Wie Robert Freedman vom Anschutz Medical Campus in Denver im Editorial berichtet, erhalten US-Psychiater bereits Besuch von Personen, die depressive Symptome vorgeben, um sich Ketaminbehandlungen zu erschleichen.

Durch Diebstahl bei Veterinärmedizinern gelangt regelmäßig Ketamin in den illegalen Handel. Dass eine freizügige Verordnung von Arzneimitteln mit Missbrauchspotenzial schnell zu gesellschaftsrelevanten Problemen führen, zeigen laut Freedman die Erfahrungen mit Oxycodon, das als weniger gefährliche Alternative zu älteren Opiaten entwickelt wurde, dann aber zum Auslöser einer epidemischen Drogensucht mit zahllosen Todesfällen war.

Niedriger Blutdruck assoziiert mit Selbstmordgedanken

Ein niedriger Blutdruck könnte im Zusammenhang mit häufigeren Selbstmord­gedanken stehen. Das fanden Forscher von der Seoul National University in Südkorea in einer Beobachtungsstudie heraus, die in BMC Public Health publiziert wurde (2018; doi: 10.1186/s12889-018-5106-5). Es wurden Daten aus den Jahren 2010 bis 2013 aus dem Korean National Health and Nutrition Examination Survey ausgewertet.

Von 10.708 Studienteilnehmern hatte jeder Vierte einen systolischen Blutdruck von weniger als 100 mmHG und 1.199 (11,2 %) Suizidgedanken. Diese Gedanken traten bei jenen mit niedrigem Blutdruck häufiger auf als bei Teilnehmern mit normalem Blut­druck (Odd-Ratio = 1,29; n = 320 [12,5 %]). Noch weiter stieg die Wahrscheinlichkeit, sich gedanklich mit Selbstmord zu beschäftigen, wenn der systolische Blutdruck unter 95 oder unter 90 mmHG lag (OR = 1,44 und OR = 1,71 bzw. n = 149 [13,7 %] und n = 53 [16,6 %] versus n = 879 [10,8 %] bei normalem Blutdruck).

Dieses Ergebnis zeigte sich unabhängig von möglichen Einflussfaktoren wie dem Geschlecht, dem Body-Mass-Index, Cholesterinlevel, Haushaltseinkommen, Bildungs­niveau, Familienstand, Zigaretten- und Alkoholkonsum. Die Daten aus der landes­weiten Umfrage zum Gesundheits- und Ernährungszustand der koreanischen Bevölkerung zeigten auch, dass Frauen häufiger an Selbstmord dachten als Männer (12,9 % versus 7,8 %). Am häufigsten beschäftigten sich nach eigenen Angaben ältere Menschen mit diesen Gedanken (20,8 % bei Personen ab 70 Jahren).

Bluthochdruck hatte keine Auswirkung auf Suizidgedanken

Keine signifikante Assoziation fanden die Autoren zwischen einer Prähypertonie oder Hypertonie und Suizidgedanken. „Obwohl eine Prähypertonie einen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellen kann und gemanagt werden sollte, scheint es sich nicht negativ auf die psychische Gesundheit auszuwirken. Unsere Studie stellt die Ansicht in Frage, dass niedriger Blutdruck in Bezug auf psychische Gesundheit die bessere Alternative ist“, erläutert Ko-Autor Sung-il Cho von der Seoul National University.

Zwar haben schon frühere Studien nahegelegt, dass niedriger Blutdruck mit neuro­psychologischen Problemen verbunden ist. Inwiefern dieser mit Suizidgedanken einhergeht, wurde bisher aber noch nicht untersucht. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die gesundheitlichen Auswirkungen von niedrigem Blutdruck evaluiert werden sollten, um negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit zu berücksichtigen“, sagt Sung-il Cho.

Die Studie kann keinen kausalen Zusammenhang zwischen niedrigem Blutdruck und Suizidgedanken nachweisen. Die selbstberichteten Umfragedaten könnten zudem die Ergebnisse verzerrt haben. Da nur der systolische Blutdruck zur Bestimmung des niedrigen Blutdrucks verwendet wurde, sind weitere Studien erforderlich, um die Beziehung zwischen Suizidgedanken und diastolischem Blutdruck zu untersuchen.

Werther-Effekt: Dem Suizid von Robin Williams folgte ein Anstieg der Selbstmorde

Die mediale Berichterstattung über den Selbstmord des Schauspielers Robin Williams im Jahr 2014 könnte viele Menschen zur Nachahmung veranlasst haben. Forscher an der Mailman School of Public Health der Columbia University dokumentierten eine Zunahme von zehn Prozent der Selbstmorde in den Monaten nach dem Suizid des Schauspielers. Was damals noch nicht bekannt war und erst 2015 nach der Autopsie von den Medien berichtet wurde – Williams litt an einer Lewy-Körperchen-Demenz.

Vor allem Männer zwischen 30 und 44 Jahren sollen unter den Suizidenten nach Williams Tod gewesen sein. Am stärksten war der Anstieg der Suizide durch Ersticken (32 Prozent). Auch Williams Todesursache lautete „Ersticken durch Erhängen“. Im Vergleich dazu beobachteten die Forscher bei allen anderen Methoden des Selbst­mords nur einen Anstieg von drei Prozent. Die Ergebnisse sind in Plos One erschienen (2018; doi: 10.1371/journal.pone.0191405).

Den Forschern zufolge wären von August bis Dezember 2014 16.849 Selbstmorde zu erwarten gewesen. Es waren jedoch weit mehr. Dem US-amerikanischen Center for Disease Control wurden 18.690 gemeldet, und der Anstieg pro Monat schien in diesem Zeitraum konstant zu bleiben. „Williams Tod könnte den US-Bürgern mit erhöhtem Suizidrisiko, insbesondere verzweifelten Männern mittleren Alters, den notwendigen Anreiz geboten haben, die Selbstmordgedanken in die Tat umzusetzen“, vermutet David S. Fink aus der Abteilung für Epidemiologie.

Medienempfehlungen der WHO

  • Begriffe und eine Sprache vermeiden, die Suizide zur Sensation aufbauschen, als Normalität hinstellen oder als Problemlösung ausgeben
  • Schlagzeilen und eine auffällige Platzierung von Suizidgeschichten vermeiden, Geschichten nicht wiederholen
  • die genaue Beschreibung der Methode und des Orts eines versuchten oder vollendeten Suizids vermeiden
  • mit Fotos und Filmmaterial sensibel und verantwortungsvoll umgehen
  • sich beim Berichten über den Suizid berühmter Personen zurückhalten
  • die Gefühle der Hinterbliebenen respektieren und schonen
  • Informationen über Hilfsangebote

Quelle: PP 15, Ausgabe November 2016

Medien sollen von WHO-Leitlinien abgewichen sein

Einen kausalen Zusammenhang mit der medialen Berichterstattung können die Autoren aber nicht eindeutig nach­weisen. Die Vermutung liegt aber nahe. Denn die Medien berichteten über den Selbstmord Robin Williams ausführlich und wichen dabei auch tendenziell von den etablierten Leitlinien für die Selbstmordberichterstattung der Welt­gesund­heits­organi­sation ab, so die Kritik in der Autoren der Columbia University. Als Beispiel nennen sie Schlagzeilen aus der Washington Post(„Robin Williams’s death shows the power of depression and the impulsiveness of suicide“) und der New York Times („Robin Williams Died by Hanging, Official Says“). Es folgte eine erhöhte Anzahl von Onlinebeiträgen im SuicideWatch-Forum, häufiger ging es in den Posts um Suizidgedanken.

Erst Monate später wurde in den Medien auch über die fortgeschrittene Lewy-Körperchen-Demenz berichtet, an der Williams litt. Zum Zeitpunkt seines Todes waren bereits 40 Prozent der dopaminbildenden Nervenzellen zerstört, fast keine Nervenfaser war nicht von Lewy-Körperchen umgeben, berichtet die Witwe Susan Schneider 2016 in Neurology.

Dass die Zahl der Selbstmorde nach der Berichterstattung und Diskussion in sozialen Medien über prominente Suizide steigt, konnten schon andere Beispiele nahelegen, unter anderem der Fall des Torwarts Robert Enke. Eine Metanalayse im Journal of Epidemiology Community Health kommt 2012 zu dem Schluss, dass in den Wochen nach dem Suizid eines Prominenten die Selbstmordrate in der Bevölkerung um durch­schnittlich 0,26 pro 100.000 Einwohner ansteigt. Kaum einen Anstieg verursachte hingegen der Suizid von Kurt Cobain 1994. Allerdings untersuchten die Studien nur die Selbstmorde in der Gegend um Seattle und in Australien.

Bereits 1774 soll der fiktionale Suizid in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ für zahlreiche Nachahmungen gesorgt haben. Trotz begrenzter epidemiologischer Beweise hierfür und der Abwesenheit von Onlinenachrichten und sozialen Medien zur damaligen Zeit, steht der Werther-Effekt heute für den Zusammenhang zwischen der Berichterstattung über Suizide prominenter Personen und der Suizidrate in der Bevölkerung.

Im Vergleich zu 1774 hat sich in den Medien einiges geändert. „Dies ist die erste Studie, die unseres Wissens die Auswirkungen eines prominenten Selbstmordes auf die Bevölkerung im Zeitalter der Rund-um-die-Uhr Berichterstattung untersucht hat“, sagt Fink. Noch nicht abschließend ausgewertet sind die Auswirkungen einer 2017 ausgestrahlten Netflix-Serie, die den Selbstmord einer Schülerin ausführlich thematisiert. Die Serie sorgte für viel Kritik, einige Experten forderten, die Serie abzusetzen, um Nachahmung zu verhindern. Was inzwischen belegt ist: Laut einer Studie in JAMA sollen die Google-Anfragen zum Thema Selbstmord seit Austrahlung der Serie gestiegen sein.

Werther-Effekt: Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ provoziert Interesse an Suizid

San Diego – Die Netflix-Serie „13 Reasons Why“, in Deutschland „Tote Mädchen lügen nicht“, könnte einen Werther-Effekt ausgelöst haben. Eine Studie in JAMA Internal Medicine (2017; doi: 10.1001/jamainternmed.2017.3333) belegt, dass nach der Ausstrahlung in den USA die Google-Anfragen zum Thema Suizid angestiegen sind. Der Werther-Effekt bezieht sich auf Goethes Roman „Die Leiden des jungen (…)

Die zweite Staffel „13 Reasons Why“ wurde inzwischen trotz Warnungen von Experten abgedreht und soll noch 2018 ausgestrahlt werden.

Fachgesellschaft fordert mehr Anstrengungen bei der Suizidprävention

Berlin – „Höchste Priorität“ für die Suizidprävention. Das hat heute die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) im Vorfeld des Welttages der Suizidprävention am 10. September gefordert. Das diesjährige Motto des Tages, der seit 2004 stattfindet, lautet „Nimm dir Zeit, sprich an, hör zu – gib Hoffnung“.

„Alle 40 Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Mensch an Suizid. Noch weit mehr Menschen versuchen, sich das Leben zu nehmen“, sagte heute der Präsident der Fachgesellschaft, Arno Deister. Er betonte, Suizide träten in allen Altersstufen auf und verursachten mehr Tode als alle Kriege und Naturkatastrophen zusammen.

Unterversorgung mitverantwortlich

Mitverantwortlich für eine große Zahl von Suiziden macht die DGPPN eine Unter­versorgung von psychisch Kranken in Deutschland. Hierzulande stünden bis zu neun von zehn Selbstmorden im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung, erklärte die Fachgesellschaft. Niedrigschwellige Hilfs- und Unterstützungsangebote seien besonders wichtig. Diese fehlten aber in ausreichender Zahl. Aktuelle Erhebungen zeigten, dass zum Beispiel 18 Prozent der Menschen mit schweren Depressionen gar nicht behandelt werden, kritisierte Deister.

Die Fachgesellschaft fordert außerdem mehr Forschung zum Thema: Noch gebe es viele offene Fragen, zum Beispiel was die Neurobiologie suizidalen Verhaltens anbelange, so der DGPPN-Präsident. Wichtig sei zudem, das Wissen über Suizid und psychische Erkrankungen im Gesundheitswesen und in der Bevölkerung zu fördern. „Denn den meisten Suiziden gehen Warnsignale voraus. Je besser diese erkannt werden, desto früher kann man die Betroffenen dazu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagte Deister.

Vor einem Abbau von Beratungsstellen warnte anlässlich des Welttages die Leiterin der Krisenbegleitung der Duisburger Telefonseelsorge, Rosemarie Schettler. Niedrig­schwelli­ge Hilfen wie Sozialdienste in Krankenhäusern würden jedoch in vielen Fällen abgebaut, kritisierte sie. 7,3 Prozent aller Anrufe, die bei der Telefonseelsorge ein­gehen, beziehen sich nach Angaben der Expertin direkt auf das Thema Suizid. „Das sind bundesweit 144 Gespräche am Tag zum Thema Suizid, die allein bei der Telefon­seelsorge geführt wurden“, sagte sie.

In Deutschland sterben pro Jahr rund 10.000 Menschen an einem Suizid.

Suizidversuche und Gewaltdelikte bei Kindern: Diese psychischen Erkrankungen der Eltern erhöhen das Risiko

Manchester – Bestimmte psychische Krankheitsbilder der Eltern erhöhen das Risiko ihrer Kinder für einen Suizid oder Gewaltdelikte. Am gefährdetsten sind Kinder von Eltern mit antisozialer Persönlichkeitsstörung, Cannabis-Missbrauch oder eigenen Suizidversuchen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die ein großes Spektrum psychischer Krankheitsbilder von Alzheimer über Schizophrenie bis Angststörungen untersucht hat. Die Ergebnisse wurden in JAMA Psychiatry (2016; doi: 0.1001/jamapsychiatry.2016.1728) publiziert.

Die Forscher um Roger T. Webb von der University of Manchester untersuchten mehr als 1,7 Millionen Menschen ab ihrem 15. Lebensjahr in Dänemark über maximal 30 Jahre. Einen ersten Suizidversuch hatten etwa 2,6 % davon hinter sich (Durchschnitts­alter: 20,6, 46,7 % männlich), 3,2 % waren aufgrund eines Gewaltdelikts verurteilt worden (Durchschnittsalter: 21,6, 90 % männlich). Jeder zehnte gehörte zu beiden Gruppen.

Folgende psychische Krankheitsbilder der Eltern wurden untersucht: (Kinder gesamt: n für Gewaltdelikt = 44.472; n für Suizidversuch: 55.404)

  • psychische Störungen
  • Alzheimer, vaskuläre Demenz
  • Substanzmissbrauch (u.a. Alkohol- und Cannabis-Missbrauch)
  • Schizophrenie
  • Gemütsstörungen (u.a. bipolare Störung, Depression)
  • Angst- und somatoforme Störungen
  • Persönlichkeitsstörung (u.a. Borderline, antisoziale Persönlichkeitsstörung)
  • Suizidversuch

Beide Vorkommnisse kamen häufiger bei Kindern vor, deren Mutter oder Vater eine der untersuchten psychischen Erkrankungen hatte (siehe Kasten). Litten Eltern an einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, so stieg das Risiko um das drei- bis vierfache im Vergleich zu Kindern, deren Eltern diese psychische Krankheit nicht hatten.

Für Cannabis-Missbrauch oder eigene Suizidversuche waren die Wahrschein­lich­keiten, dass die Kinder selbst suizidal wurden oder Gewaltdelikte begangen, ähnlich hoch (Incidence Rate Ratio (IRR): 3,31 bis 4,05). Hatten beide Elternteile eine psychische Störung oder einen Suizidversuch hinter sich, so verdoppelte sich das Risiko der Kinder für einen Suizidversuch oder Gewaltdelikte im Vergleich zu Kindern, bei denen nur Mutter oder Vater betroffen war. Am niedrigsten war das Risiko der Kinder von Müttern oder Vätern mit Gemütsstörungen. Vor allem die bipolare Störung ging mit einem vergleichsweise niedrigen Risiko für Gewaltdelikte einher (IRR: 1,35), für Alzheimer gab es keinen signifikanten Zusammenhang (IRR:1,18). Die Suizidversuche stiegen aber auch bei Kindern, deren Eltern Alzheimer hatten (IRR: 1,79).

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Mädchen werden stärker beeinflusst als Jungs
Die Forscher beobachteten einen Unterschied zwischen gewalttätigen Mädchen und Jungen. Beim weiblichen Geschlecht wirkte sich die psychische Gesundheit der Eltern etwa um ein Drittel stärker aus (IRR: etwa 2 versus 3). Bei den kindlichen Suizid­versuchen hingegen konnten die Autoren keinen Genderunterschied feststellen.

Kommentar zur Studie
Die Studie weist ein paar Einschränkungen auf, schreiben die Autoren selbst sowie weitere Forscher um David A. Brent von der Western Psychiatric Institute and Clinic in Pittsburgh in einem Kommentar. Denn nicht alle möglichen Einflussparameter wurden untersucht.

Zwar floss der sozioökomische Status der Eltern in die Ergebnisse mit ein. Deren eigene eventuell kriminelle Vergangenheit und soziale wie auch umweltbedingte Einflüsse wurden bei der Auswertung jedoch nicht berücksichtigt. Der Einfluss psychisch kranker Eltern auf Suizidversuche und Gewaltdelikte ihrer Kinder könnte daher überbewertet sein, vermuten die Kommentatoren.

Sie nennen Misshandlung und Trennung der Eltern als Beispiele. Aber auch der Drogen- und Alkoholkonsum der Eltern während der Schwangerschaft wirke sich aus. So erklären sie auch, dass Cannabis­missbrauch unter den Top 3 beobachtet wurde. Zudem haben Eltern mit einem Drogenmissbrauch ein erhöhtes Risiko, selbst als Kind misshandelt worden zu sein.

Psychiatern empfehlen die Autoren, auch die Kinder ihrer psychisch kranken Patienten zu untersuchen. Die biologische Ursache für die beobachtete Häufung in Familien mit psychisch kranken Eltern führen die Forscher um Webb auf genetische, epigenetische, soziale wie auch Umwelteinflüsse zurück.

Suizidrisiko: Potenzieller Biomarker entdeckt

Grand Rapids – Menschen, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen, könnten eines Tages anhand eines Bluttests identifiziert werden. Forscher aus Australien, Schweden und den USA haben bei Betroffenen einen potenziellen Marker gefunden. Das Enzym mit reduzierter Aktivität spielt eine wichtige Rolle bei der Entzündungs­regulation: Amino-ß-Carboxymuconat Semialdehyd Decarboxylase (ACMSD). Die Ergebnisse wurden in Translational Psychiatry (doi:10.1038/tp.2016.133) publiziert.

Frühere Studien haben fortlaufende Entzündungsprozesse bei suizidgefährdeten und depressiven Menschen identifiziert. Die Autoren untersuchten daher das Blut und den Liquor von 137 Menschen, die sich das Leben nehmen wollten und 71 gesunden Probanden auf Komponenten des Immunsystems: Cytokine, den Kynurenin-Metabolit Quinolinsäure (QUIN) und dessen Kompetitor Picolinsäure (PIC). Die Suizid-Gruppe hatte reduzierte PIC-Level und ein höheres Verhältnis von PIC/QUIN. Daraus leiten die Forscher eine verminderte Aktivität des regulatorischen Enzyms ACMSD ab, das für ein Gleichgewicht der beiden Proteine sorgt.

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Infektionen könnten Suizid auslösen
Die Kynurenin-Metabolite könnten sich folglich nicht nur als Biomarker für das individuelle Suizidrisiko eignen. Sie stellen auch einen therapeutischen Angriffspunkt dar. Die Autoren sind sich sicher, dass Menschen mit einer reduzierten ACMSD-Aktivität besonders vulnerabel für Depressionen oder Suizidgedanken sind, wenn eine Infektion oder Entzündung vorliegt. Zudem könnten Entzündungen leichter chronifizieren. Genetische Varianten des ACMSD-Enzyms konnten kürzlich auch bei Parkinson-Patienten gefunden werden.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation nehmen sich weltweit jährlich mehr als 800.000 Menschen das Leben.

Neue Leitlinie soll Interventionen bei Suizidalität im Jugendalter verbessern

Marburg – Eine umfassend überarbeitete Leitlinie zur Intervention bei Suizidalität im Kin­des- und Jugendalter haben die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsy­chia­trie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) und die Philipps-Universität Marburg vorgelegt. Koordinatorin der Neuauflage ist Katja Becker, Direktorin der Klinik für Kinder- und Ju­gendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Marburg. „Klassifikation, Epidemiologie, spezifische Diagnostik und die verschiedenen Interventionen wurden umfassend dargestellt“, erklärte Becker. Zudem habe die Leit­li­nien­arbeitsgruppe ein Kapitel zur Vor- und Nachsorge neu aufgenommen.

Suizidalität ist nach Unfällen die häufigste Todesursache im Jugendalter. Zur Suizidge­dan­ken und -absichten liegen laut Leitlinie in Deutschland nur begrenzt Daten vor. „Aber Gedanken an den Tod oder Suizidgedanken unter Kindern und Jugendlichen scheinen relativ häufig zu sein“, heißt es in der Leitlinie. In der sogenannten Heidelberger Schul­stu­die von 2007 berichteten 14,4 Prozent der 14 bis 15-jährigen Schüler von Suizid­ge­danken in der Vergangenheit.

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Offenbar bestehen deutliche Geschlechtsunterschiede hinsichtlich der Prävalenzvon Suizidgedanken im Jugendalter. Während in der Heidelberger Schulstudie 19,8 Prozent der Mädchen Suizidgedanken angaben, waren es bei den Jungen nur 9,3 Prozent. Nach den Angaben der Befragten werden diese Gedanken aber deutlich weniger als im Er­wachsenenalter in konkrete Suizidpläne umgesetzt. Allerdings berichten in stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Populationen 70,4 Prozent der jungen Menschen über konkrete Suizidgedanken.

„Wichtig für die Praxis ist zu wissen, dass insbesondere im Kindes- und Jugendalter nicht vorschnell von der Methode eines Suizidversuchs auf die Ernsthaftigkeit beziehungs­wei­se den Schweregrad der Suizidalität geschlossen werden kann“, heißt es in der Leitlinie – insbesondere bei Jüngeren oder unterdurchschnittlich begabten Jugendlichen. Selbst einer aus ärztlicher Sicht objektiv nicht lebensbedrohlichen Handlung könne ein starker Suizidwunsch zugrunde liegen, so die Autoren.

Geschlossene oder offene Psychiatrie: Suizidrisiko bleibt sich gleich

In ausschliesslich offen geführten psychiatrischen Kliniken ist das Risiko, dass Patienten Suizid begehen oder aus der Behandlung entweichen, nicht höher als in Kliniken mit geschlossenen Stationen. Dies zeigt eine grosse Studie der Universität Basel und der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel, für welche rund 350‘000 Fälle während 15 Jahren untersucht wurden. Die Resultate werden in der Fachzeitschrift «The Lancet Psychiatry» veröffentlicht.

Selbstgefährdendes Verhalten von Patienten, Suizidalität und Entweichungen aus der Behandlung stellen grosse Herausforderungen für alle medizinischen Institutionen dar. In vielen psychiatrischen Kliniken werden Risikopatienten daher auf geschlossenen Stationen untergebracht. Nur wenn sie von Suizidversuchen und Flucht abgehalten werden, so die Begründung, können Patienten ausreichend geschützt werden und eine angemessene Therapie erhalten. Doch dass geschlossene Stationen selbstgefährdendes Verhalten verhindern würden – dieser Nachweis fehlt. Bekannt ist aber, dass solche Stationen durch ihr Behandlungsklima erfolgreiche Therapien nicht begünstigen und die Motivation zu fliehen eher erhöhen.

15 Jahre Untersuchungszeitraum

In ihrer naturalistischen Beobachtungsstudie haben nun PD Dr. Christian Huber und Prof. Dr. Undine Lang von der Universität und den UPK Basel zusammen mit Kollegen 349‘574 Fälle in 21 deutschen Kliniken für die Zeit von 1998 bis 2012 untersucht. Von diesen Kliniken verfolgten einige eine Praxis der offenen Türen, kamen also ganz ohne geschlossene Stationen aus.

16 Kliniken unterhielten zusätzlich zu offenen Stationen auch noch zeitweise oder dauerhaft geschlossene Stationen. Alle Kliniken waren rechtlich verpflichtet, sämtliche Personen eines bestimmten Bereichs aufzunehmen, unabhängig von der Schwere einer Erkrankung oder von einem selbstgefährdenden Verhalten der Patienten.

In Kliniken mit geschlossenen Abteilungen treten Suizidversuche und Suizide nicht seltener auf, lautet ein Resultat der Studie. Zudem verzeichneten Institutionen mit offenen Türen nicht mehr Entweichungen.

«Die Wirkung von geschlossenen Kliniktüren wird überschätzt», sagt Erstautor Christian Huber. «Eingeschlossen zu sein, verbessert in unserer Untersuchung die Sicherheit der Patienten nicht und steht der Prävention von Suizid und Entweichung teilweise sogar entgegen. Eine Atmosphäre von Kontrolle, eingeschränkten persönlichen Freiheiten und Zwangsmassnahmen ist eher ein Risikofaktor für eine erfolgreiche Therapie.» Fokus auf ethische Standards

«Unsere Resultate sind wichtig für die Entstigmatisierung, die Partizipation und die Emanzipation der Patienten, aber auch für die psychiatrische Versorgung allgemein», kommentiert Letztautorin Undine Lang, Direktorin der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik der UPK Basel. Die Ergebnisse werden auch juristische Fragestellungen beeinflussen, die sich beim Öffnen von Kliniken ergeben. Die Behandlung soll künftig vermehrt auf ethische Standards fokussieren, in denen die Betroffenen ihre Autonomie möglichst bewahren können, so Undine Lang. Gefördert werden sollen auch eine Stärkung der therapeutischen Beziehung und die gemeinsame Entscheidungsfindung mit den Patienten.

Originalbeitrag

Christian G. Huber, Andres R. Schneeberger, Eva Kowalinski, Daniela Fröhlich, Stefanie von Felten, Marc Walter, Martin Zinkler, Karl Beine, Andreas Heinz, Stefan Borgwardt, and Undine E. Lang Suicide Risk and Absconding in Psychiatric Hospitals with and without Open Door Policies: A 15-year Naturalistic Observational Study The Lancet Psychiatry (2016) | DOI: 10.1016/S2215-0366(16)30168-7

Weitere Auskünfte

PD Dr. Christian Huber, Leitender Arzt der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik der Universitären Psychiatrischen Kliniken und Universität Basel, Tel. +41 61 325 53 61, E-Mail: christian.huber@upkbs.ch

Prof. Dr. Undine Lang, Klinikdirektorin der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik der Universitären Psychiatrische Kliniken und Universität Basel, Tel. +41 61 325 52 00, E-Mail: undine.lang@upkbs.ch

Weitere Informationen finden Sie unter

https://www.unibas.ch/de/Aktuell/News/Uni-Research/Geschlossene-oder-offene-Psychiatrie-Suizidrisiko-bleibt-sich-gleich

Erhöhte Suizidalität beim chronischen Erschöpfungssyndrom

London – Die Patienten eines führenden britischen Behandlungszentrums für das chronische Erschöpfungssyndrom (CFS) hatten in einer Studie im Lancet (2016; doi: 10.1016/S0140-6736(15)01223-4) kein erhöhtes Sterberisiko. Es kam aber zu einer ungewöhnlichen Häufung von Suiziden.

Die Ursachen des chronischen Erschöpfungssyndroms, das nach einem oft plötzlichen Beginn mit einer mindestens sechs Monate anhaltenden geistigen und körperlichen Erschöpfbarkeit einhergeht, sind nicht bekannt. Psychiater neigen dazu, die Symptome als Somatisierungsstörung zu betrachten, während viele Patienten davon überzeugt sind, dass es sich um eine primär organische Erkrankung handelt, die nicht nur die Psyche belastet, sondern auch zu körperlichen Schäden führt. In britischen Internetforen wurde zuletzt über eine erhöhte Sterblichkeit spekuliert. Von einer erhöhten Rate von Todesfällen an Krebserkrankungen war die Rede.Chronische Erschöpfung

Dies veranlasste Emmert Roberts vom King’s College London zu einer Nachbeobach­tung von 2.147 Patienten mit CFS, die seit 2007 an der CFS-Ambulanz des South London and Maudsley NHS Foundation Trust (SLaM) behandelt wurden. Die Auswertung der elektronischen Krankenakten ergab, dass bis Ende 2013 insgesamt 17 Patienten verstorben waren, darunter acht an Krebs, fünf durch Selbstmord und vier aus anderen Ursachen.

Die acht Krebstoten stellen laut der Analyse keinen Anstieg gegenüber der Krebs­sterblichkeit in der Allgemeinbevölkerung dar. Roberts ermittelte eine standardisierte Mortalitätsrate (SMR) von 1,39, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,60 bis 2,73 das Signifikanzniveau verfehlte. Auch die SMR der Gesamtsterblichkeit war mit 1,14 (0,65-1,85) nicht signifikant erhöht. Die fünf Suizide fallen jedoch aus dem Rahmen. Im Vergleich zur Suizidrate in der Allgemeinbevölkerung hätte in der Patientengruppe weniger als ein Suizid auftreten sollen. Die SMR von 6,85 war signifikant, wenn auch mit einem sehr weiten 95-Prozent-Konfidenzintervall von 2,22 bis 15,98.

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Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Patienten mit CSF eine psychiatrische (Ko)-Morbidität haben, was viele Betroffene, die organische Ursachen ihrer Erkrankung vermuten, nicht akzeptieren dürften. Viele Patienten lehnen eine psychiatrische Betreuung strikt ab. Die Beweiskraft der Studie, der bisher größten ihrer Art, sollte nach Ansicht von Nav Kapur vom Centre for Suicide Prävention an der Universität Manchester jedoch nicht überbewertet werden.

Zwei Suizide weniger hätten die statistische Signifikanz aufgehoben, schreibt der Psychiater im Editorial, der gleichwohl glaubt, dass es sich nicht um ein Zufallsergebnis handelt. Auch wenn das CFS organische Ursachen haben sollte, könnten die Einschränkungen im Alltagsleben, die mit der Erkrankung einher gehen, die Psyche der Patienten belasten und den Wunsch nach einem Freitod fördern. © rme/aerzteblatt.de