Menschen mit hohem Body-Mass-Index rauchen häufiger und mehr

Übergewichtig oder adipös zu sein, ist auch mit einem erhöhten Risiko für Tabakmissbrauch verbunden. Das berichten Wissenschaftler der Bristol Medical School und der International Agency for Research on Cancer, Lyon, im British Medical Journal(2018; doi: 10.1136/bmj.k1767). „Wenn festgestellt werden könnte, dass Adipositas das Rauchverhalten beeinflusst, hätte dies Auswirkungen auf Präventionsstrategien, die darauf abzielen, diese wichtigen Risikofaktoren zu reduzieren“, betonen die Wissenschaftler.

Die Forscher untersuchten, ob genetische Marker, die mit Adipositas assoziiert sind, eine direkte Rolle im Rauchverhalten spielen. Dafür analysierten sie genetische Varianten mit bekannten Auswirkungen auf den Body-Mass-Index (BMI), den Körperfettanteil und den Taillenumfang für fast 450.000 Personen aus der britischen Biobank-Datenbank und dem Tobacco-and-Genetics-(TAG-)Konsortium.

Sie erfassten drei Maßnahmen des Rauchverhaltens: aktuelles und vergangenes Rauchen, Anzahl der pro Tag gerauchten Zigaretten und Alter des Rauchbeginns. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer lag bei 58 Jahren.

Die Ergebnisse zeigen laut den Forschern, dass jeder Anstieg des BMI um 4,6 kg/m2mit einem zwischen 18 und 19 % erhöhten Risiko verbunden war zu rauchen. Ebenso sehen sie einen Zusammenhang zwischen dem Körperfettanteil sowie dem Taillenumfang und dem Rauchverhalten.

Die Wissenschaftler gehen aufgrund des Studiendesigns von einem kausalen Zusammenhang aus: „Unsere Studie liefert Belege dafür, dass Unterschiede im Body-Mass-Index und in der Körperfettverteilung verschiedene Aspekte des Rauchverhaltens kausal beeinflussen, einschließlich des Risikos, dass Personen mit dem Rauchen beginnen, der Rauchintensität und der Raucherentwöhnung“, berichten sie.

Dies habe Auswirkungen auf Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die darauf abzielen, die Prävalenz dieser wichtigen Risikofaktoren zu verringern, hieß es aus der Arbeitsgruppe.

E-Zigaretten zur Tabakentwöhnung – eine Gratwanderung

In Großbritannien werden E-Zigaretten zur Rauchentwöhnung offensiver eingesetzt als in Deutschland. Die meisten britischen Forscher hätten eine eher pragmatische Haltung, erklärte der Suchtexperte Peter Hajek von der Queen Mary University in London am Montag bei einer Veranstaltung in Berlin, die vom Bündnis für Tabakfreien Genuss gesponsert wurde. „Wir verstehen die E-Zigarette als Möglichkeit, Todesfälle zu verhindern.“

In seinem Vortrag in Berlin plädierte Hajek sehr deutlich für einen breiteren Einsatz von E-Zigaretten zur Tabakentwöhnung. Er verwies zunächst auf Studienergebnisse, die die britische Gesundheitsbehörde (PHE) im Februar 2018 veröffentlicht hatte. Sie knüpfen an eine Publikation aus 2015 an. Erneut konnte die PHE den Nutzen von E-Zigaretten bestätigen: Die E-Zigarette ist mindestens 95 Prozent weniger schädlich als Tabakzigaretten. Raucher, denen die Tabakentwöhnung nicht gelingt, sollte daher zum tabakfreien Verdampfer geraten werden.

Kontroverse zur Gateway-Theorie

„Auch in Deutschland sollten wir diese Alternative zur Zigarette besser bekannt machen“, sagte Wieland Schinnenburg (FDP), Mitglied des Ausschusses für Gesundheit im Bundestag. Man dürfe E-Zigaretten gleichzeitig aber nicht verharmlosen. Alexander Krauß (CDU), ebenfalls Mitglied im Ausschuss für Gesundheit, äußerte bekannte Bedenken, dass E-Zigaretten als Einstiegsdroge für Zigaretten dienen könnten. Er verwies dabei auf eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung(BZgA).

Die vorliegende Evidenz zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist – E-Zigaretten ersetzen das Tabakrauchen.Peter Hajek, Queen Mary University in London

Hajek kann die Gateway-Theorie nicht nachvollziehen: „Die vorliegende Evidenz zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist – E-Zigaretten ersetzen das Tabakrauchen.“ Die bisher vorliegenden statistischen Daten, die er am Montag in der Landesvertretung Hamburg in Berlin präsentierte, sprechen alle gegen E-Zigaretten als Einstiegsdroge.

Im Jahr 2016 haben 850.000 Raucher in Großbritannien auf Verdampfer gewechselt. Weitere 710.000 hörten auf zu rauchen (Tabak und E-Zigaretten). Die Raucherrate sank auf 16,9 Prozent. Für 2017 berichtete das National Office of Statistics von dem bisher größten Rückgang bei den 18- bis 24-Jährigen auf 15,8 %. Die Londoner Nichtraucher­schutz-Organisation „Action on Smoking and Health“ (ASH) berichtet, dass 2016 zwei Prozent der Jugendlichen (elf bis 16 Jahre) regelmäßig Verdampfer nutzen, nahezu alle rauchten aber auch Tabak.

Auswirkung von Snus in Schweden

Auf dem Eurobarometer teilt sich Großbritannien mit 16 Prozent täglichen Tabak­rauchern Platz zwei mit Dänemark und den Niederlanden (Deutschland: 23 Prozent). Den ersten Platz mit fünf Prozent täglichen Rauchern belegt Schweden, was sich Hajek mit dem Gebrauch des Kautabaks Snus erklärt, der ausschließlich in Schweden erlaubt ist. Für ihn bieten Snus genau wie auch E-Zigaretten einen Ausweg vom Tabakrauchen („Gateway away from Smoking“).

Studien, die die Gateway-Theorie unterstützen, würden meist einmaliges Probieren von E-Zigaretten mit einem Dauerkonsum gleichsetzen, was zu falschen Schluss­folgerungen führe, erklärte Hajek. Das verbreitete Unwissen über E-Zigaretten kritisierte auch Dustin Dahlmann, Geschäftsführer von InnoCigs und Gründer des Bündnisses Tabakfreier Genuss.

Gegner von E-Zigaretten warnen vor Nikotinsucht

Diese positive Sichtweise auf E-Zigaretten als Entwöhnungsmittel vertreten nicht alle Experten, wie eine aktuelle Debatte im BMJ zeigt, die diese Woche sowohl Befürworter als auch Kritiker zu Wort kommen lässt (2018; doi: 10.1136/bmj.k1759). Für die Empfehlung, E-Zigaretten zur Rauchentwöhnung einzusetzen, sprechen sich Paul Aveyard von der University of Oxford und Deborah Arnottaus von der Nichtraucher­schutz-Organisation ASH aus: E-Zigaretten scheinen die Wahrscheinlichkeit der Abstinenz zu verdoppeln und könnten genauso wirksam sein wie Nikotinersatztherapie (Cochrane Database Syst Rev 2016, BMJ 2018, Public Health England 2018).

Gegen den Einsatz von E-Zigaretten positioniert sich der Kanadier Kenneth C. Johnson von der University of Ottawa: Die derzeitige Nutzung der Verdampfer würde die Rauchentwöhnung eher verhindern (Annu Rev Public Health 2018). Auf der Gegnerseite finden sich zudem die Autoren der Tabakproduktrichtlinie und der Weltgesundheits­organisation (WHO). Für sie stelle die E-Zigarette in erster Linie eine Gefahr für die Entwöhnung von Nikotin dar, sagte Hajek.

Auch die Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin stuft E-Ziga­retten und neuere Tabakverdampfer aufgrund der Gefahr eines „harmlosen“ Einstiegs in den Konsum konventioneller Tabakprodukte weiterhin als gefährlich ein. In einer Pressemitteilung erklärten sie darüber hinaus, dass belastbare (Langzeit-)Studien zu Krebsrisiken und zu Lungenerkrankungen fehlen würden. Vom medizinischen Stand­punkt müsse man zudem bedenken, dass E-Zigaretten-Nutzer bei Transplantationen als Raucher gelten, warnte der Pneumologe Christian Witt von der Charité – Universitäts­medizin Berlin am Montag in Berlin: Wer raucht, wird von der Herz- und der Lungen­trans­plan­ta­tion ausgeschlossen.

Einige neue Geräte hinterlassen weit größere Dampfwolken als andere, was einen unterschiedlichen Effekt auf die Gesundheit haben könnte. Untersuchungen dazu liegen aber noch nicht vor.Frank Henkler-Stephani, Bundesinstitut für Risikoforschung

Qualitätsunterschiede bei E-Zigaretten problematisch

Als gesundheitlich unbedenklich würde auch Frank Henkler-Stephani vom Bundes­institut für Risikobewertung (BfR) die E-Zigaretten nicht einschätzen. Ein wichti­ges Problem: Inzwischen gebe es so viele verschiedene E-Zigaretten-Produkte mit gravierenden Qualitätsunterschieden und Produktmerkmalen. „Einige neue Geräte hinterlassen weit größere Dampfwolken als andere, was einen unterschiedlichen Effekt auf die Gesundheit haben könnte. Untersuchungen dazu liegen aber noch nicht vor“, sagte er. Zur verstärkten Dampferzeugung neuerer Geräte (zum Beispiel E-Box-Applikationen) werden leistungsstärkere Verdampfer mit bis zu 50 Watt eingesetzt.

Insgesamt bewertet der Mitarbeiter in der Abteilung Chemikalien- und Produkt­sicherheit des BfR die gesundheitlichen Risiken von E-Zigaretten deutlich geringer als die durch Zigarettenrauchen. „Beim Dampfen moderner E-Zigaretten können die erreichbaren Nikotinkonzentrationen im Blutplasma allerdings ähnlich hoch wie beim Rauchen sein. Deshalb muss auch für E-Zigaretten von einem Abhängigkeitspotenzial ausgegangen werden, das aber geringer als für Tabakzigaretten eingeschätzt wird“ erklärt Henkler-Stephani auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes.

Ich hätte mir gewünscht, dass das Tabakwerbeverbot in den Koalitionsvertrag aufgenommen worden wäre. Das Thema bleibt aber auf der politischen Agenda und wird weiter diskutiert.Alexander Krauß (CDU)

Besteuerung von E-Zigaretten nicht auf der politischen Agenda

Die Bundesregierung habe sich mit den tabakfreien Verdampfern bisher kaum befasst – mit Ausnahme der Verschärfung des Jugendschutzgesetzes, sagte Krauß. Seit April 2016 gelten für E-Zigaretten und E-Shishas die gleichen Verbreitungsverbote wie bei herkömmlichen Tabakerzeugnissen. Dass auch in Deutschland immer weniger Menschen rauchen, führt Krauß vor allem auf die Nichtraucherschutzgesetze zurück – obwohl Deutschland im Europavergleich schlecht abschneidet, Großbritannien ist hingegen führend bei der Tabakkontrolle. Im Gegensatz zu vielen Unionsmitgliedern unterstützt Krauß ein umfassendes Tabakwerbeverbot, wie er dem Deutschen Ärzteblattmitteilte: „Ich hätte mir gewünscht, dass das Tabakwerbeverbot in den Koalitions­vertrag aufgenommen worden wäre. Das Thema bleibt aber auf der politischen Agenda und wird weiter diskutiert.“

Ein komplettes Werbeverbot für sämtliche Suchtmittel und Drogen, einschließlich E-Zigaretten, forderte Niema Movassat (Die Linke), drogenpolitischer Sprecher. „Wenn es der politische Wille ist, die E-Zigarette als Entwöhnung zur Zigarette einzusetzen, wäre auch ein niedriger Steuersatz denkbar.“ Eine Empfehlung des tabakfreien Verdampfers in der Therapie lehnte Movassat aber ab. Auch Krauß ist überzeugt, dass steuerliche Anreize das Verhalten beeinflussen könnten. Das Thema würde aktuell aber nicht debattiert.

Onlineberatung gegen Alkohol- und Tabakmissbrauch in der Schwangerschaft

Eine neue Internetseite will Schwangeren helfen, während der Schwangerschaft auf Alkohol und Zigaretten zu verzichten. Das von der Universität Tübingen und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) entwickelte Projekt www.iris-plattform.de ging heute online. Die Angebote sind ab sofort kostenlos und anonym abrufbar.

So gibt es Informationen darüber, wie Alkohol und Rauchen ungeborene Kinder in ihrer Gesundheit und Entwicklung gefährden. Per E-Mail ist eine persönliche Beratung durch qualifizierte Therapeutinnen möglich. Alkohol und Tabak in der Schwangerschaft müssten endlich ein selbstverständliches Tabu werden, forderte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler. „Jede Schwangere gefährdet sich und ihr Ungeborenes massiv.“

„Das Programm IRIS ergänzt in hervorragender Weise die Präventionsangebote der BZgA für Schwangere im Bereich der Suchtprävention. Wir wollen Frauen darüber informieren, dass Alkohol- und Tabakkonsum in der Schwangerschaft zu schwerwie­genden gesundheitlichen Folgen beim Ungeborenen führen kann“, sagte BZgA-Leiterin Heidrun Thaiss. Gleichzeitig sei es ein wichtiges Anliegen, Frauen bei der Konsum­reduzierung zu unterstützen. Ein persönliches, individualisiertes Online­programm wie IRIS eigne sich dafür besonders gut.

Laut BZgA rauchen immer noch zwölf Prozent der schwangeren Frauen, etwas mehr als 25 Prozent trinken zumindest gelegentlich Alkohol, obwohl die negativen Folgen von Tabak- und Alkoholkonsum wissenschaftlich vielfach belegt sind.