Metaanalyse: Früher Cannabiskonsum erhöht Depressions- und Suizidrisiko im Erwachsenenalter

Während immer mehr Länder den Cannabiskonsum legalisieren und die THC-Droge zunehmend zu medizinischen Zwecken eingesetzt wird, warnen Epidemiologen vor den Folgen für die Gehirne jugendlicher Menschen. Eine Metaanalyse in JAMA Psychiatry (2019; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.4500) kommt zu dem Ergebnis, dass ein Cannabiskonsum vor dem 18. Lebensjahr das Risiko auf spätere Depressionen und Suizide erhöht.

Tetrahydrocannabinol (THC) und andere Bestandteile von Cannabis sativa oder indica wirken auf Cannabinoidrezeptoren in Hippocampus, Basalganglien und auch im Cortex. Dies mag für den Moment ein erhebendes Gefühl ergeben, das Sorgen und Schmerzen verdrängt und vielleicht auch kognitive Hemmungen beseitigt. Wie andere Pharmaka hat THC jedoch Risiken und Nebenwirkungen, zu denen möglicherweise Ängste und Depressionen gehören. Und da das Gehirn von Teenagern eine Entwicklungsphase durchläuft, könnten diese Risiken auch von Dauer sein. 

Da es kaum Ergebnisse aus randomisierten klinischen Studien gibt, in denen THC etwa mit anderen Schmerzmitteln verglichen würde, sind die Forscher bei ihrer Bewertung auf die Ergebnisse epidemiologischer Studien angewiesen. Diese sind prinzipiell fehleranfällig, da es natürlich sein kann, dass Menschen mit Depressionen und Ängsten eher dazu neigen könnten, sich durch den einen oder anderen „Joint“ zu entspannen. Eine Assoziation könnten dann Folge einer reversen Kausalität sein. 

Gabriella Gobbi von der McGill Universität in Montreal und Mitarbeiter nehmen jedoch für sich in Anspruch, von den zahlreichen seit 1993 publizierten Studien nur jene 11 ausgewählt zu haben, die den höchsten Qualitätsansprüchen an Metaanalysen genügen. Diese Studien hatten 23.317 Jugendliche im Alter von unter 18 Jahren nach ihrem Cannabiskonsum befragt und die Antworten dann mit späteren psychischen Erkrankungen in Beziehung gesetzt.

Für die Entwicklung einer späteren Depression fanden die Forscher eine Odds Ratio von 1,37, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,16 bis 1,62 signifikant war. Der Heterogenitätsindex I2 betrug 0 %. Das heißt: Die Zusammensetzung der Kohorten und die Messinstrumente waren ähnlich. Es wurden also nicht „Äpfel mit Birnen“ verglichen. Eine Odds Ratio von 1,37 bedeutet, dass das Risiko für den einzelnen Konsumenten relativ gering ist. Da der Cannabiskonsum weit verbreitet ist, kann aber auch ein geringer Anstieg des individuellen Risikos für eine größere Anzahl von Erkrankungen in einer Bevölkerung verantwortlich sein. Für die USA, wo jeder fünfte Jugendliche gelegentlich einen „Joint“ raucht, könnte der Anteil der Depressionen, der durch Cannabis verursacht wurde (attributables Risiko), 7,5 % betragen (für Deutschland wären die Zahlen deutlich niedriger).

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Für Angstzustände ließ sich keine eindeutige Assoziation nachweisen. Die Odds Ratio von 1,18 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,84 bis 1,67 nicht signifikant, was an der hohen Heterogenität (I2 = 42 %) zwischen den Studien gelegen haben könnte.

Eine Folge von Depressionen sind Suizide. Sowohl für Suizidgedanken (Odds Ratio 1,50; 1,11-2,03; I2 = 0 %) als auch für Suizidversuche (Odds Ratio 3,46; 1,53-7,84, I2 = 61,3 %) konnte Gobbi eine signifikante Assoziation nachweisen. Für einige Konsumenten könnte der leichtfertige Umgang mit der Droge deshalb tödliche Folgen haben – was den Ruf von Cannabis als eigentlich harmlose Droge infrage stellt – sofern den Assoziationen denn eine Kausalität zugrunde liegt.

Beweisen kann Gobbi dies nicht. Sie kann allerdings auf zahlreiche Tierversuche hinweisen, in denen die regelmäßige Exposition mit THC zu depressiven Verhaltensweisen geführt hat. Und in jüngster Zeit wurde in bildgebenden Verfahren (in der Regel Magnetresonanztomografie) ein Rückgang der grauen Substanz ausgerechnet in den Regionen (Hippocampus, Amygdala, präfrontaler Cortex) gefunden, in denen sich die meisten Endocannabinoid-Rezeptoren befinden). Ganz sicher können sich Jugendliche Cannabiskonsumenten deshalb nicht sein, dass die von der Forschung aufgetischten Daten für sie nicht relevant sind. 

Drogenbeauftragte: Cannabiskonsum für Jugendliche nicht verharmlosen

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) hat erneut vor gesundheitlichen Gefahren des Cannabiskonsums gewarnt und sich für mehr Aufklärung an Schulen ausgesprochen. „Vor allem für Kinder und Jugendliche kann Kiffen zum Problem werden“, sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Eine Reihe von Studien zeige deutlich, wie sich der Cannabiskonsum auf die Gehirnentwicklung gerade bis Anfang 20 auswirken könne, so die Politikerin.

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„Die Folgen des Konsums von Cannabis werden in der öffentlichen Debatte häufig verharmlost“, kritisierte Mortler. Nur weil manche Erwachsenen meinten, mit Cannabis kein Problem zu haben, sei die Droge für andere noch lange nicht harmlos. Die Bundesregierung werde in den kommenden Jahren mehr Geld in die Präventionsarbeit stecken, kündigte sie an.

Laut einer neuen Studie eines internationalen Forscherverbundes kann Cannabis bei jungen Konsumenten schon in minimalen Mengen merkliche Veränderungen des Gehirns hervorrufen. Der im Dezember veröffentlichte Jahresbericht der deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht geht davon aus, dass knapp sieben Prozent der 12- bis 17-Jährigen Cannabis konsumiert. Mehr als doppelt so viele Jungen wie Mädchen würden die Droge nehmen. 

Von ashtonFlickr: When in Amsterdam…, CC BY 2.0, Link

Drogenbeauftragte für mehr Prävention gegen Alkohol- und Tabakkonsum

Berlin – Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), hat eine stärkere auch gesamtgesellschaftliche Prävention vor allem gegen den übermäßigen Konsum von Alkohol und Tabak angemahnt. Alkohol werde in Deutschland noch deutlich zu viel und „viel zu gedankenlos“ getrunken, sagte sie heute bei der Vorstellung des neuen Drogen- und Suchtberichts in Berlin.

Übermäßiger Alkoholkonsum habe Folgen für die gesamte Gesellschaft, nicht nur aufgrund der volkswirtschaftlichen Kosten in Höhe von knapp 40 Milliarden Euro. „Die Diagnose ‚Psychische Störungen und Verhaltensstörungen durch Alkohol‘ ist bei Männern inzwischen der häufigste Grund für eine Aufnahme im Krankenhaus“, stellte Mortler heraus.

120.000 Tabaktote im Jahr sind zu viel

Auch bei der Reduzierung der Raucherquote dürfe man nicht „auf halber Strecke stehen bleiben“, betonte die Drogenbeauftragte. „Rund 120.000 Tabaktote im Jahr sind immer noch deutlich zu viel“, wenngleich der Anteil der Raucher bei Erwachsenen in den letzten 15 Jahren um rund 30 Prozent gesunken sei und der Anteil rauchender Jugendlicher sich in dieser Zeit um zwei Drittel verringert habe.

Mortler will sich deshalb weiter und verstärkt für ein Verbot der Tabakwerbung auf Plakaten und im Kino einsetzen. Ein entsprechender Gesetzentwurf zum Verbot von Tabakaußenwerbung war 2016 unter anderem am Widerstand der Unionsfraktionsführung unter dem Vorsitz von Volker Kauder gescheitert, der diesen vor kurzem abgeben musste. „Diesen Gesetzentwurf wollen wir nun wieder herausholen“, sagte sie.

Aufwärtstrend beim Konsum von E-Zigaretten

Bei den neuen Rauchprodukten wie E-Zigaretten und IQOS gebe es einen „klaren Aufwärtstrend“ beim Konsum sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen. „Von diesen Produkten geht ein gesundheitliches Risiko aus, auch wenn sie zum Teil weniger Schadstoffe als herkömmliche Tabakprodukte haben“, sagte Mortler. Man könne deshalb keine Entwarnung geben, auch nicht zu ihrem Einsatz zur Tabakentwöhnung.

Hinsichtlich der illegalen Drogen ist nach Angaben der Drogenbeauftragten seit längerem ein leichter Rückgang der Drogentoten festzustellen. Deren Zahl sank im vergangen Jahr auf 1272. Hauptursache für einen Drogentod sind nach wie vor Überdosierungen von Opioiden wie Heroin und Morphin. „In Bayern habe ich einen Modellversuch zur Abgabe von Naloxon (Opioid-Antagonist) durch geschulte Laien bei Überdosierung initiert“, berichte Mortler. Auf die Ergebnisse in eineinhalb Jahren sei sie gespannt.

Cannabiskonsum häufigster Grund für Suchtbehandlung

Besorgt zeigte sich die Drogenbeauftragte über den Anstieg des Cannabiskonsums bei Jugendlichen und Erwachsenen, vor allem auch weil der THC-Gehalt der Pflanze in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen sei.

„Die gesundheitlichen Folgen des Konsums sind immens und deshalb auch der häufigste Grund für eine Suchtbehandlung“, sagte Mortler. Hinsichtlich der Prävention verwies sie auf eine neue Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) zum Umgang mit Cannabis in der Schule.

Die landesweite Legalisierung von Marihuana in Kanada kritisierte Marlene Mortler ausdrücklich: „Das ist eine Kapitulation und ein Schritt in die falsche Richtung“, sagte sie.

Drogenbeauftragte warnt vor Verharmlosung von Cannabis

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), warnt vor einer Verharmlosung von Cannabis. „Wegen keiner anderen illegalen Droge müssen heute so viele Menschen behandelt werden wie wegen Cannabis“, sagte sie der Welt. Das Cannabis auf dem Markt sei nicht harmlos und solle nicht als Lifestyleprodukt bagatellisiert werden. Sie sehe daher keinen Grund, die illegale Droge zu legalisieren, so Mortler. Der Konsum von Cannabis sei riskant. Fast zehn Prozent der Konsumenten würden laut Studien süchtig werden. Zudem steige das Risiko für Psychosen und Angststörungen.

Von Maßnahmen wie in der Schweiz, wo den Angaben zufolge Hanfblüten zum Selbstdrehen von Zigaretten im Discounter angeboten werden, grenzt Mortler sich ab. „Die in der Schweiz angebotenen Produkte enthalten angeblich unter einem Prozent der berauschenden Substanz THC, so dass sie dort nicht unter die Drogengesetzgebung fallen.“ In Deutschland liege die Grenze deutlich niedriger.

Außenwerbung erneut in der Kritik

Weiter will die Drogenbeauftragte den Angaben zufolge gegen Medikamentensucht angehen. Sie appellierte an Ärzte, verantwortungsvoll mit der Verschreibung von Psychopharmaka umzugehen. Auch nicht verschreibungspflichtige Schlaf- oder Schmerzmittel sollten zurückhaltend eingesetzt werden. „Solche Tabletten dürfen nicht wie Zuckerstückchen geschluckt werden.“ Zudem brauche es eine stabile Finanzierung der Suchthilfe in Städten und Gemeinden.

Mortler sprach sich ferner gegen Außenwerbung für Zigaretten insbesondere auf Schulwegen und an öffentlichen Verkehrsmitteln aus. Vor allem junge Menschen seien empfänglich für die Botschaft, dass Rauchen cool sei. „Ich werde es nicht hinnehmen, dass junge Menschen weiter auf diese Weise zum Rauchen verführt werden“, sagte sie.

Das Bewusstsein für gesundheitliche Gefahren durch das Rauchen habe zugenommen, fügte Mortler hinzu. „Da sind wir deutlich weiter als beim Alkohol.“ Bier, Wein und Schnaps gehörten für viele noch immer zum Feiern dazu „wie die Butter zum Brot“. Es könne nicht sein, so die Drogenbeauftragte, „dass es als normal gilt, andere nach Kräften zum Trinken aufzufordern, derjenige, der zum Alkoholiker geworden ist, am Ende aber stigmatisiert wird“.

Kritik an Mortler kam heute von den Grünen. „Die Cannabispolitik der Drogenbeauf­tragten Mortler steht in einer Tradition mit der Alkoholprohibition der USA in den 1920er Jahren. An jeder Straßenecke in Berlin ist Cannabis erhältlich, nur eben unter den Bedingungen des Schwarzmarkts. Das gefährdet die Gesundheit“, sagte Kirsten Kappert-Gonther, Sprecherin für Drogenpolitik. Auf dem Schwarzmarkt gebe es keinen Gesundheits- und Jugendschutz. Dort frage niemand nach dem Ausweis. Das Cannabis sei zudem oft mit gefährlichen Streckmitteln versetzt. Kappert-Gonther betonte, es sei Zeit für eine Kehrtwende hin zu einer vernunftgeleiteten Drogenpolitik.

Sie fordetr Mortler auf, ihren Worten zum Verbot der Tabakaußenwerbung Taten folgen zu lassen. Deutschland sei das letzte Land in der EU, in dem alle Präventions­bemühungen noch durch großflächige Werbeplakate für Zigaretten konterkariert werden. „Nach den Ankündigungen von Frau Mortler erwarten wir, dass sie dem Gesetz der Grünen Bundestagsfraktion zum Verbot der Tabakaußenwerbung zustimmen wird“, sagte Kappert-Gonther.