Drogenbeauftragte für mehr Prävention gegen Alkohol- und Tabakkonsum

Berlin – Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), hat eine stärkere auch gesamtgesellschaftliche Prävention vor allem gegen den übermäßigen Konsum von Alkohol und Tabak angemahnt. Alkohol werde in Deutschland noch deutlich zu viel und „viel zu gedankenlos“ getrunken, sagte sie heute bei der Vorstellung des neuen Drogen- und Suchtberichts in Berlin.

Übermäßiger Alkoholkonsum habe Folgen für die gesamte Gesellschaft, nicht nur aufgrund der volkswirtschaftlichen Kosten in Höhe von knapp 40 Milliarden Euro. „Die Diagnose ‚Psychische Störungen und Verhaltensstörungen durch Alkohol‘ ist bei Männern inzwischen der häufigste Grund für eine Aufnahme im Krankenhaus“, stellte Mortler heraus.

120.000 Tabaktote im Jahr sind zu viel

Auch bei der Reduzierung der Raucherquote dürfe man nicht „auf halber Strecke stehen bleiben“, betonte die Drogenbeauftragte. „Rund 120.000 Tabaktote im Jahr sind immer noch deutlich zu viel“, wenngleich der Anteil der Raucher bei Erwachsenen in den letzten 15 Jahren um rund 30 Prozent gesunken sei und der Anteil rauchender Jugendlicher sich in dieser Zeit um zwei Drittel verringert habe.

Mortler will sich deshalb weiter und verstärkt für ein Verbot der Tabakwerbung auf Plakaten und im Kino einsetzen. Ein entsprechender Gesetzentwurf zum Verbot von Tabakaußenwerbung war 2016 unter anderem am Widerstand der Unionsfraktionsführung unter dem Vorsitz von Volker Kauder gescheitert, der diesen vor kurzem abgeben musste. „Diesen Gesetzentwurf wollen wir nun wieder herausholen“, sagte sie.

Aufwärtstrend beim Konsum von E-Zigaretten

Bei den neuen Rauchprodukten wie E-Zigaretten und IQOS gebe es einen „klaren Aufwärtstrend“ beim Konsum sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen. „Von diesen Produkten geht ein gesundheitliches Risiko aus, auch wenn sie zum Teil weniger Schadstoffe als herkömmliche Tabakprodukte haben“, sagte Mortler. Man könne deshalb keine Entwarnung geben, auch nicht zu ihrem Einsatz zur Tabakentwöhnung.

Hinsichtlich der illegalen Drogen ist nach Angaben der Drogenbeauftragten seit längerem ein leichter Rückgang der Drogentoten festzustellen. Deren Zahl sank im vergangen Jahr auf 1272. Hauptursache für einen Drogentod sind nach wie vor Überdosierungen von Opioiden wie Heroin und Morphin. „In Bayern habe ich einen Modellversuch zur Abgabe von Naloxon (Opioid-Antagonist) durch geschulte Laien bei Überdosierung initiert“, berichte Mortler. Auf die Ergebnisse in eineinhalb Jahren sei sie gespannt.

Cannabiskonsum häufigster Grund für Suchtbehandlung

Besorgt zeigte sich die Drogenbeauftragte über den Anstieg des Cannabiskonsums bei Jugendlichen und Erwachsenen, vor allem auch weil der THC-Gehalt der Pflanze in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen sei.

„Die gesundheitlichen Folgen des Konsums sind immens und deshalb auch der häufigste Grund für eine Suchtbehandlung“, sagte Mortler. Hinsichtlich der Prävention verwies sie auf eine neue Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) zum Umgang mit Cannabis in der Schule.

Die landesweite Legalisierung von Marihuana in Kanada kritisierte Marlene Mortler ausdrücklich: „Das ist eine Kapitulation und ein Schritt in die falsche Richtung“, sagte sie.

Die Alkohol-in-Maßen-Lüge

Alkohol ist nicht gesund, auch nicht in Maßen. Das ist das ernüchternde Ergebnis einer weltweiten Meta-Analyse zum Alkoholkonsum und seinen gesundheitlichen Folgen. Zahlreicher Expertenaussagen zum Trotz tut uns das tägliche Glas Rotwein wohl doch nicht so gut.

Obwohl die Wissenschaft Alkoholkonsum als maßgeblichen Risikofaktor für frühzeitigen Tod sowie Behinderungen anerkennt, gibt es auch immer wieder Aussagen, ein niedriger Konsum von Alkohol könne auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Gestern wurde im Lancet eine Studie veröffentlicht, in der das Gegenteil behauptet wird. Die Autoren stellen die Aussagekraft von wissenschaftlicher Thesen, in denen moderater Alkoholkonsum unkritisch oder sogar positiv bewertet wird, infrage.

So wurde untersucht

Die großangelegte Meta-Analyse ist ein von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziertes Projekt. Es wurden 694 unterschiedliche Datenquellen zu individuellem und bevölkerungsbezogenem Alkoholkonsum untersucht, sowie weitere 592 prospektive und retrospektive Studien zu Risiken von Alkoholkonsum. Die Auswertung wurde im Global Burden of Disease Report aus dem Jahr 2016 zusammengefasst. Die Werte beziehen sich auf Männer und Frauen im Alter von 15 bis 95 Jahren und älter (gruppiert in 5-Jahres-Abständen) von 195 verschiedenen Orten im Zeitraum von 1990 bis 2016.

Anhand dieser Daten wurden folgende Werte ermittelt:

Im Rahmen der Analyse wurde ein „Standard-Drink“ mit 10 g oder 12 Milliliter purem Ethanol pro Getränk definiert. Bei der Häufigkeit des Trinkens setzten die Forscher strenge Maßstäbe an: Als Gelegenheitstrinker galten Personen bereits, wenn sie in den vergangen 12 Monaten ein oder mehr alkoholische Getränke zu sich genommen hatten.

Im Zuge der Studie fand man heraus, dass im Jahr 2016 weltweit etwa 2,4 Milliarden Menschen gelegentlich oder häufiger Alkohol tranken. Davon sind 25 Prozent Frauen, die täglich durchschnittlich 0,73 alkoholische Getränke zu sich nehmen. Bei den Männern sind es 39 Prozent, die durchschnittlich 1,7 Drinks am Tag trinken.

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Tod durch Alkohol: Länder- und Gendervergleich

Alkohol war im Jahr 2016 der führende Risikofaktor für Erkrankungen und frühzeitigen Tod weltweit bei Männern und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren. Weltweit war Alkohol für 2,2 Prozent der Todesfälle bei Frauen und 6,8 Prozent der Männer verantwortlich, so das Ergebnis der Studie.

Für die Altergsgruppe 50 plus waren Krebserkrankungen der Hauptgrund alkoholbedingter Tode, in der Gruppe der 15- bis 49-Jährigen waren es Verkehrsunfälle, Selbstverletzungen und Tuberkulose. Bezogen auf alle Altersgruppen wurde der Konsum von Alkohol in diesem Jahr mit 2,8 Millionen Toden asoziiert, dazu zählen neben den genannten Gründen mit Alkohol in Verbindung stehende Herzerkrankungen, Gewalteinwirkung sowie Brandunfälle oder Ertrinken.

Wenig überraschend aufgrund der Einwohnerzahlen führen China, Indien und Russland die weltweite Liste der alkoholbedingten Tode bei Frauen und Männern an. Die USA sind bei Männern an fünfter und bei Frauen an siebter Stelle, Großbritannien an 21. Stelle bei den Männern, dafür an neunter bei den Frauen. Deutschland befindet sich sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen auf dem achten Platz, wie aus einer von CNN erstellten Tabelle hervor geht.

Am besten ist kein Alkohol

„Die gesundheitlichen Risiken, die mit Alkohol assoziiert werden, sind massiv,“ wird Seniorautorin Dr. Emmanuela Gakidou in der Pressemitteilung des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) zitiert. „Unsere Ergebnisse decken sich mit anderen aktuellen Forschungen, die klare und überzeugende Korrelationen zwischen Alkoholkonsum und frühzeitigem Tod, Krebs und kardiovaskulären Problemen nahelegen. Ein Verzicht auf Alkohol minimiert das allgemeine Risiko für gesundheitliche Schäden.“

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Besonders überrascht waren sie darüber, dass auch kleine Mengen an Alkohol nicht zu verharmlosen sind. „Für gewöhnlich hört man, dass ein Drink oder zwei pro Tag in Ordnung sind. Aber Beweise sind Beweise,“ betont Gakidou. Verglichen mit Menschen, die gelegentlich oder öfter Alkohol trinken, ist bei Menschen, die gar keinen Alkohol trinken, das relative Risiko für gesundheitliche Beeinträchtigungen minimiert. Das Risiko stieg monoton mit steigender Menge an täglich konsumiertem Alkohol, berichten die Autoren.

Weltweit jährlich 2,8 Millionen Todesfälle durch Alkoholkonsum

Der Alkoholkonsum ist weltweit für 2,2 % aller Todesfälle bei Frauen und 6,8 % bei Männern verantwortlich. In der Altersgruppe der 15 bis 49-jährigen ist laut einer systematischen Analyse im Lancet(2018: doi: 10.1016/S0140-6736(18)31310-2) sogar jeder zehnte vorzeitige Todesfall auf den Alkoholkonsum zurückzuführen. Auch ein geringer Alkoholkonsum schadet nach Einschätzung der Autoren, da die günstigen Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System und die Vermeidung eines Typ 2-Diabetes durch ein erhöhtes Risiko auf Krebserkrankungen mehr als aufgehoben werden.

Die Analyse, die 694 Datenquellen zum Alkoholkonsum in 195 Ländern mit den Ergebnissen aus 592 prospektiven und retrospektiven Studien zu den Risiken des Alkoholkonsums in Beziehung setzt, wurde vom Institute for Health Metrics and Evaluation in Seattle durchgeführt, das von der Bill & Melinda Gates Foundation gesponsert wird. Mehr als 500 Forscher aus über 40 Nationen waren an der Studie beiteiligt, die damit das mit Abstand größte epidemiologische Forschungsprojekt zum Einfluss des Alkoholkonsums auf die Gesundheit der Weltbevölkerung ist.

Das Team um Emmanuela Gakidou von der Universität des Staates Washington in Seattle hat recherchiert, dass 2,4 Milliarden (erwachsene) Menschen, das ist ein Drittel der Weltbevölkerung, Alkohol konsumiert. Darunter sind 1,5 Milliarden Männer und 900 Millionen Frauen.

Am höchsten ist die durchschnittliche Prävalenz mit 72 Prozent in hochentwickelten Ländern, die sich eher in den polnäheren kälteren Regionen befinden. Deutschland liegt mit einer Prävalenz von 94,3 Prozent bei den Männern nach Dänemark, Norwegen und Argentinien an der vierten Stelle. Bei den Frauen beträgt die Prävalenz 90,0 Prozent. Das ist Position drei nach Dänemark und Norwegen.

Der tägliche Konsum ist bei den Männern in Rumänien mit 8,2 Drinks pro Tag am höchsten (Deutschland ist hier nicht unter den ersten zehn Ländern vertreten). Frauen trinken in der Ukraine mit 4,2 Drinks pro Tag am meisten (Deutschland mit 2,9 Drinks pro Tag an Position 9).

In ärmeren, zumeist wärmeren Ländern trinken dagegen nur 8,9 Prozent der Bevöl­kerung Alkohol und wenn, dann meist in geringen Mengen. In diesen Regionen sind Religionen wie der Islam oder der Hinduismus, die Alkohol strikt ablehnen, stärker verbreitet.

Teilweise gibt es große Unterschiede zwischen den Geschlechtern wie in Nepal, wo 21 Prozent der Männer, aber nur 1,5 Prozent der Frauen Alkohol trinken, während der Anteil in Schweden mit 87 Prozent bei Männern und 86 Prozent bei Frauen praktisch identisch ist.

Nach den Berechnungen von Gakidou verursachte der Alkoholkonsum im Jahr 2016 weltweit 2,8 Millionen Todesfälle. Das entspricht den genannten 2,2 Prozent der Todesfälle bei Frauen und 6,8 Prozent bei Männern. Der Alkoholkonsum war weltweit für 1,6 Prozent aller durch Krankheit oder Behinderung verlorenen Lebensjahre (DALY) verantwortlich. Bei Frauen waren es 6,0 Prozent.

Bei jungen Erwachsenen (15 bis 49 Jahre) war der Alkoholkonsum der weltweit führende Risikofaktor für einen vorzeitigen Tod mit 8,9 Prozent aller DALYs bei Männern und 2,3 Prozent bei Frauen. Bei Frauen waren in dieser Altersgruppe 3,8 Prozent und bei Männern 12,2 Prozent aller Todesfälle auf Alkohol zurückzuführen.

Alkohol erhöht das Risiko einer Reihe von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dazu gehören Vorhofflimmern und -flattern, Schlaganfall, hypertensive Herzkrankheit, ischämische Herzkrankheit und die alkoholische Kardiomyopathie.

Alkohol ist auch mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden. Dazu gehören Karzinome in Brustdrüse, Dick- und Enddarm, Leber, Speiseröhre, Kehlkopf, Lippen, Mundhöhle und Nase.

Alkohol ist eine wichtige Ursache für die Leberzirrhose, es hat jedoch einen einen Anteil an Typ 2-Diabetes, Epilepsie und Pankreatitis. Alkohol kann außerdem zur Sucht führen.

Alkohol begünstigt laut Gakidou Infektionen der unteren Atemwege und eine Tuber­kulose. In ärmeren Ländern sterben alkohol-bedingt sogar mehr Menschen an einer Tuberkulose als in Verkehrsunfällen.

Alkohol ist häufig die Ursache zwischenmenschlicher Gewalt und von Selbstverletzungen. Schließlich erhöht Alkohol aufgrund der Trunkenheit das Risiko von Unfällen im Straßenverkehr sowie von Verletzungen aller Arten.

Alkohol kann in Maßen konsumiert jedoch auch vor Krankheiten schützen, zu denen ischämische Herzerkrankungen und mit Einschränkungen auch der Typ 2-Diabetes zählt. Gakidou fand für beide Erkrankungen eine J-förmige Dosis-Wirkungskurve, die für eine protektive Wirkung eines mäßigen Alkoholkonsums spricht. Diese Schutzwirkung wird jedoch durch ein erhöhtes Risiko vor allem von Krebserkrankungen überlagert, so dass Gakidou abschließend zu dem Ergebnis kommt, dass die Grenze für eine schädliche Wirkung von Alkohol bei Null Drinks pro Tag liegt.

Riskante Langzeitverordnungen von Benzodiazepinen und Z-Substanzen betreffen vor allem Senioren

Schlaf- und Beruhigungsmittel werden in Deutschland nicht immer leitliniengerecht verschrieben. Jeder sechste Kassenpatient könnte betroffen sein. Das zeigt eine Analyse von GKV-Abrechnungsdaten aus 4 Bundesländern, die in Suchttherapie erschienen ist (2018; doi: 10.1055/s-0043-109361). Vor allem ältere Patienten bekommen Benzodiazepine und Z-Substanzen oft zu lange und in zu hoher Dosierung, was eine Abhängigkeit zur Folge haben kann.

Die meisten Fälle einer Medikamentenabhängigkeit gehen auf eine über- und regelmäßige Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln zurück. Oft beginnt die Abhängigkeit mit einer ärztlich verordneten Einnahme, die über den in den Leitlinien vorgegebenen Zeitrahmen von maximal 4 bis 8 Wochen hinaus fortgesetzt wird. Der Psychologe und Suchtforscher Uwe Verthein hat daher gemeinsam mit 3 Kollegen des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg (ZIS) die Verschreibungspraxis anhand von Daten des Norddeutschen Apotheken-Rechenzentrums ausgewertet. Dort werden die Abrechnungen für gesetzlich Versicherte aus Niedersachen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen erfasst.

In den Jahren 2006 bis 2008 haben in den genannten Bundesländern insgesamt 1,2 Millionen Patienten Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben bekommen. Das entspricht rund 13 % der dort gesetzlich Versicherten. Der Anteil der Frauen lag mit gut 64 % über dem der Männer.

Gut 16 % der Patienten wiesen jedoch problematische oder sogar riskante Verschreibungsmuster auf und wurden in die Kategorien ‚rot’  beziehungsweise ‚schwarz’ eingestuft.Uwe Verthein, Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg

Je nach Dosis und Dauer der Einnahme teilten die Forscher die Patienten in Risikoklassen ein. Dabei fielen im jeweils ersten Beobachtungsjahr drei Viertel in die unbedenkliche „grüne“ Kategorie: Die Patienten hatten die Mittel leitliniengerecht beziehungsweise nicht länger als 2 Monate erhalten. „Gut 16 % der Patienten wiesen jedoch problematische oder sogar riskante Verschreibungsmuster auf und wurden in die Kategorien ‚rot’ beziehungsweise ‚schwarz’ eingestuft“, so Verthein. Ihnen wurden die Mittel entweder länger als 6 Monate und/oder in deutlich erhöhter Dosierung verschrieben.

Dass solche Verschreibungsmuster zu Problemen führen können, zeigte sich im weiteren Verlauf der Auswertung: In den 2 auf die erste Verordnung folgenden Jahren verblieb jeweils ein großer Teil der als „rot“ (36,2 %) und „schwarz“ (41,2 %) klassifizierten Patienten noch im dritten Jahr in ihrer riskanten Gruppe. „Das deutet auf die Entwicklung einer Niedrig- oder sogar Hochdosisabhängigkeit hin“, sagt Verthein weiter. Dagegen kamen 85 % der leitliniengerecht behandelten Patienten in den beiden Folgejahren ganz ohne die Substanzen aus.

Vor allem alte Menschen erhalten riskante Verschreibungen

Zudem fiel auf, dass der Anteil leitlinienkonformer Verschreibungen mit zunehmendem Alter der Patienten abnahm. „Liegt dieser bei den unter 30-Jährigen noch bei rund 92 %, so sinkt er bei den älteren Patientengruppen kontinuierlich auf bis zu etwa 54 %. In der Altersgruppe ab 75 Jahre macht der Anteil an Patienten mit problematischen beziehungsweise riskanten Verschreibungen fast ein Drittel aus (32 %), bei den Patienten unter 30 sind es hingegen nur etwa 4 %.“

Die dauerhafte Einnahme werde oft nicht als Problem wahrgenommen, erklärt Verthein. „Viele der Betroffenen empfinden sich nicht als süchtig.“ Das gelte vor allem für Patienten, die längere Zeit niedrige Wirkstoffdosen erhielten. Es sei daher nicht verwunderlich, aber dennoch alarmierend, dass nicht einmal jeder 100. Betroffene Angebote einer Suchthilfestelle in Anspruch nehme. „Vermutlich spielen hier zudem hohe Zugangsschwellen und nicht passende Angebote eine Rolle“, sagt Verthein.

Die in der Studie untersuchten Benzodiazepine und Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon) werden hauptsächlich gegen Ein- und Durchschlafstörungen verschrieben. Die Z-Substanzen gehen dabei mit geringeren Nebenwirkungen einher als Benzodiazepine, können aber – ebenso wie diese – abhängig machen. Zum einen kommt es bei plötzlichem Absetzen oft verstärkt zu Schlafstörungen, zum anderen können Entzugserscheinungen wie Ängste, Wahrnehmungsstörungen oder Delirien auftreten.

Menschen mit hohem Body-Mass-Index rauchen häufiger und mehr

Übergewichtig oder adipös zu sein, ist auch mit einem erhöhten Risiko für Tabakmissbrauch verbunden. Das berichten Wissenschaftler der Bristol Medical School und der International Agency for Research on Cancer, Lyon, im British Medical Journal(2018; doi: 10.1136/bmj.k1767). „Wenn festgestellt werden könnte, dass Adipositas das Rauchverhalten beeinflusst, hätte dies Auswirkungen auf Präventionsstrategien, die darauf abzielen, diese wichtigen Risikofaktoren zu reduzieren“, betonen die Wissenschaftler.

Die Forscher untersuchten, ob genetische Marker, die mit Adipositas assoziiert sind, eine direkte Rolle im Rauchverhalten spielen. Dafür analysierten sie genetische Varianten mit bekannten Auswirkungen auf den Body-Mass-Index (BMI), den Körperfettanteil und den Taillenumfang für fast 450.000 Personen aus der britischen Biobank-Datenbank und dem Tobacco-and-Genetics-(TAG-)Konsortium.

Sie erfassten drei Maßnahmen des Rauchverhaltens: aktuelles und vergangenes Rauchen, Anzahl der pro Tag gerauchten Zigaretten und Alter des Rauchbeginns. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer lag bei 58 Jahren.

Die Ergebnisse zeigen laut den Forschern, dass jeder Anstieg des BMI um 4,6 kg/m2mit einem zwischen 18 und 19 % erhöhten Risiko verbunden war zu rauchen. Ebenso sehen sie einen Zusammenhang zwischen dem Körperfettanteil sowie dem Taillenumfang und dem Rauchverhalten.

Die Wissenschaftler gehen aufgrund des Studiendesigns von einem kausalen Zusammenhang aus: „Unsere Studie liefert Belege dafür, dass Unterschiede im Body-Mass-Index und in der Körperfettverteilung verschiedene Aspekte des Rauchverhaltens kausal beeinflussen, einschließlich des Risikos, dass Personen mit dem Rauchen beginnen, der Rauchintensität und der Raucherentwöhnung“, berichten sie.

Dies habe Auswirkungen auf Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die darauf abzielen, die Prävalenz dieser wichtigen Risikofaktoren zu verringern, hieß es aus der Arbeitsgruppe.

Drogenbeauftragte warnt vor Verharmlosung von Cannabis

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), warnt vor einer Verharmlosung von Cannabis. „Wegen keiner anderen illegalen Droge müssen heute so viele Menschen behandelt werden wie wegen Cannabis“, sagte sie der Welt. Das Cannabis auf dem Markt sei nicht harmlos und solle nicht als Lifestyleprodukt bagatellisiert werden. Sie sehe daher keinen Grund, die illegale Droge zu legalisieren, so Mortler. Der Konsum von Cannabis sei riskant. Fast zehn Prozent der Konsumenten würden laut Studien süchtig werden. Zudem steige das Risiko für Psychosen und Angststörungen.

Von Maßnahmen wie in der Schweiz, wo den Angaben zufolge Hanfblüten zum Selbstdrehen von Zigaretten im Discounter angeboten werden, grenzt Mortler sich ab. „Die in der Schweiz angebotenen Produkte enthalten angeblich unter einem Prozent der berauschenden Substanz THC, so dass sie dort nicht unter die Drogengesetzgebung fallen.“ In Deutschland liege die Grenze deutlich niedriger.

Außenwerbung erneut in der Kritik

Weiter will die Drogenbeauftragte den Angaben zufolge gegen Medikamentensucht angehen. Sie appellierte an Ärzte, verantwortungsvoll mit der Verschreibung von Psychopharmaka umzugehen. Auch nicht verschreibungspflichtige Schlaf- oder Schmerzmittel sollten zurückhaltend eingesetzt werden. „Solche Tabletten dürfen nicht wie Zuckerstückchen geschluckt werden.“ Zudem brauche es eine stabile Finanzierung der Suchthilfe in Städten und Gemeinden.

Mortler sprach sich ferner gegen Außenwerbung für Zigaretten insbesondere auf Schulwegen und an öffentlichen Verkehrsmitteln aus. Vor allem junge Menschen seien empfänglich für die Botschaft, dass Rauchen cool sei. „Ich werde es nicht hinnehmen, dass junge Menschen weiter auf diese Weise zum Rauchen verführt werden“, sagte sie.

Das Bewusstsein für gesundheitliche Gefahren durch das Rauchen habe zugenommen, fügte Mortler hinzu. „Da sind wir deutlich weiter als beim Alkohol.“ Bier, Wein und Schnaps gehörten für viele noch immer zum Feiern dazu „wie die Butter zum Brot“. Es könne nicht sein, so die Drogenbeauftragte, „dass es als normal gilt, andere nach Kräften zum Trinken aufzufordern, derjenige, der zum Alkoholiker geworden ist, am Ende aber stigmatisiert wird“.

Kritik an Mortler kam heute von den Grünen. „Die Cannabispolitik der Drogenbeauf­tragten Mortler steht in einer Tradition mit der Alkoholprohibition der USA in den 1920er Jahren. An jeder Straßenecke in Berlin ist Cannabis erhältlich, nur eben unter den Bedingungen des Schwarzmarkts. Das gefährdet die Gesundheit“, sagte Kirsten Kappert-Gonther, Sprecherin für Drogenpolitik. Auf dem Schwarzmarkt gebe es keinen Gesundheits- und Jugendschutz. Dort frage niemand nach dem Ausweis. Das Cannabis sei zudem oft mit gefährlichen Streckmitteln versetzt. Kappert-Gonther betonte, es sei Zeit für eine Kehrtwende hin zu einer vernunftgeleiteten Drogenpolitik.

Sie fordetr Mortler auf, ihren Worten zum Verbot der Tabakaußenwerbung Taten folgen zu lassen. Deutschland sei das letzte Land in der EU, in dem alle Präventions­bemühungen noch durch großflächige Werbeplakate für Zigaretten konterkariert werden. „Nach den Ankündigungen von Frau Mortler erwarten wir, dass sie dem Gesetz der Grünen Bundestagsfraktion zum Verbot der Tabakaußenwerbung zustimmen wird“, sagte Kappert-Gonther.

E-Zigaretten zur Tabakentwöhnung – eine Gratwanderung

In Großbritannien werden E-Zigaretten zur Rauchentwöhnung offensiver eingesetzt als in Deutschland. Die meisten britischen Forscher hätten eine eher pragmatische Haltung, erklärte der Suchtexperte Peter Hajek von der Queen Mary University in London am Montag bei einer Veranstaltung in Berlin, die vom Bündnis für Tabakfreien Genuss gesponsert wurde. „Wir verstehen die E-Zigarette als Möglichkeit, Todesfälle zu verhindern.“

In seinem Vortrag in Berlin plädierte Hajek sehr deutlich für einen breiteren Einsatz von E-Zigaretten zur Tabakentwöhnung. Er verwies zunächst auf Studienergebnisse, die die britische Gesundheitsbehörde (PHE) im Februar 2018 veröffentlicht hatte. Sie knüpfen an eine Publikation aus 2015 an. Erneut konnte die PHE den Nutzen von E-Zigaretten bestätigen: Die E-Zigarette ist mindestens 95 Prozent weniger schädlich als Tabakzigaretten. Raucher, denen die Tabakentwöhnung nicht gelingt, sollte daher zum tabakfreien Verdampfer geraten werden.

Kontroverse zur Gateway-Theorie

„Auch in Deutschland sollten wir diese Alternative zur Zigarette besser bekannt machen“, sagte Wieland Schinnenburg (FDP), Mitglied des Ausschusses für Gesundheit im Bundestag. Man dürfe E-Zigaretten gleichzeitig aber nicht verharmlosen. Alexander Krauß (CDU), ebenfalls Mitglied im Ausschuss für Gesundheit, äußerte bekannte Bedenken, dass E-Zigaretten als Einstiegsdroge für Zigaretten dienen könnten. Er verwies dabei auf eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung(BZgA).

Die vorliegende Evidenz zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist – E-Zigaretten ersetzen das Tabakrauchen.Peter Hajek, Queen Mary University in London

Hajek kann die Gateway-Theorie nicht nachvollziehen: „Die vorliegende Evidenz zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist – E-Zigaretten ersetzen das Tabakrauchen.“ Die bisher vorliegenden statistischen Daten, die er am Montag in der Landesvertretung Hamburg in Berlin präsentierte, sprechen alle gegen E-Zigaretten als Einstiegsdroge.

Im Jahr 2016 haben 850.000 Raucher in Großbritannien auf Verdampfer gewechselt. Weitere 710.000 hörten auf zu rauchen (Tabak und E-Zigaretten). Die Raucherrate sank auf 16,9 Prozent. Für 2017 berichtete das National Office of Statistics von dem bisher größten Rückgang bei den 18- bis 24-Jährigen auf 15,8 %. Die Londoner Nichtraucher­schutz-Organisation „Action on Smoking and Health“ (ASH) berichtet, dass 2016 zwei Prozent der Jugendlichen (elf bis 16 Jahre) regelmäßig Verdampfer nutzen, nahezu alle rauchten aber auch Tabak.

Auswirkung von Snus in Schweden

Auf dem Eurobarometer teilt sich Großbritannien mit 16 Prozent täglichen Tabak­rauchern Platz zwei mit Dänemark und den Niederlanden (Deutschland: 23 Prozent). Den ersten Platz mit fünf Prozent täglichen Rauchern belegt Schweden, was sich Hajek mit dem Gebrauch des Kautabaks Snus erklärt, der ausschließlich in Schweden erlaubt ist. Für ihn bieten Snus genau wie auch E-Zigaretten einen Ausweg vom Tabakrauchen („Gateway away from Smoking“).

Studien, die die Gateway-Theorie unterstützen, würden meist einmaliges Probieren von E-Zigaretten mit einem Dauerkonsum gleichsetzen, was zu falschen Schluss­folgerungen führe, erklärte Hajek. Das verbreitete Unwissen über E-Zigaretten kritisierte auch Dustin Dahlmann, Geschäftsführer von InnoCigs und Gründer des Bündnisses Tabakfreier Genuss.

Gegner von E-Zigaretten warnen vor Nikotinsucht

Diese positive Sichtweise auf E-Zigaretten als Entwöhnungsmittel vertreten nicht alle Experten, wie eine aktuelle Debatte im BMJ zeigt, die diese Woche sowohl Befürworter als auch Kritiker zu Wort kommen lässt (2018; doi: 10.1136/bmj.k1759). Für die Empfehlung, E-Zigaretten zur Rauchentwöhnung einzusetzen, sprechen sich Paul Aveyard von der University of Oxford und Deborah Arnottaus von der Nichtraucher­schutz-Organisation ASH aus: E-Zigaretten scheinen die Wahrscheinlichkeit der Abstinenz zu verdoppeln und könnten genauso wirksam sein wie Nikotinersatztherapie (Cochrane Database Syst Rev 2016, BMJ 2018, Public Health England 2018).

Gegen den Einsatz von E-Zigaretten positioniert sich der Kanadier Kenneth C. Johnson von der University of Ottawa: Die derzeitige Nutzung der Verdampfer würde die Rauchentwöhnung eher verhindern (Annu Rev Public Health 2018). Auf der Gegnerseite finden sich zudem die Autoren der Tabakproduktrichtlinie und der Weltgesundheits­organisation (WHO). Für sie stelle die E-Zigarette in erster Linie eine Gefahr für die Entwöhnung von Nikotin dar, sagte Hajek.

Auch die Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin stuft E-Ziga­retten und neuere Tabakverdampfer aufgrund der Gefahr eines „harmlosen“ Einstiegs in den Konsum konventioneller Tabakprodukte weiterhin als gefährlich ein. In einer Pressemitteilung erklärten sie darüber hinaus, dass belastbare (Langzeit-)Studien zu Krebsrisiken und zu Lungenerkrankungen fehlen würden. Vom medizinischen Stand­punkt müsse man zudem bedenken, dass E-Zigaretten-Nutzer bei Transplantationen als Raucher gelten, warnte der Pneumologe Christian Witt von der Charité – Universitäts­medizin Berlin am Montag in Berlin: Wer raucht, wird von der Herz- und der Lungen­trans­plan­ta­tion ausgeschlossen.

Einige neue Geräte hinterlassen weit größere Dampfwolken als andere, was einen unterschiedlichen Effekt auf die Gesundheit haben könnte. Untersuchungen dazu liegen aber noch nicht vor.Frank Henkler-Stephani, Bundesinstitut für Risikoforschung

Qualitätsunterschiede bei E-Zigaretten problematisch

Als gesundheitlich unbedenklich würde auch Frank Henkler-Stephani vom Bundes­institut für Risikobewertung (BfR) die E-Zigaretten nicht einschätzen. Ein wichti­ges Problem: Inzwischen gebe es so viele verschiedene E-Zigaretten-Produkte mit gravierenden Qualitätsunterschieden und Produktmerkmalen. „Einige neue Geräte hinterlassen weit größere Dampfwolken als andere, was einen unterschiedlichen Effekt auf die Gesundheit haben könnte. Untersuchungen dazu liegen aber noch nicht vor“, sagte er. Zur verstärkten Dampferzeugung neuerer Geräte (zum Beispiel E-Box-Applikationen) werden leistungsstärkere Verdampfer mit bis zu 50 Watt eingesetzt.

Insgesamt bewertet der Mitarbeiter in der Abteilung Chemikalien- und Produkt­sicherheit des BfR die gesundheitlichen Risiken von E-Zigaretten deutlich geringer als die durch Zigarettenrauchen. „Beim Dampfen moderner E-Zigaretten können die erreichbaren Nikotinkonzentrationen im Blutplasma allerdings ähnlich hoch wie beim Rauchen sein. Deshalb muss auch für E-Zigaretten von einem Abhängigkeitspotenzial ausgegangen werden, das aber geringer als für Tabakzigaretten eingeschätzt wird“ erklärt Henkler-Stephani auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes.

Ich hätte mir gewünscht, dass das Tabakwerbeverbot in den Koalitionsvertrag aufgenommen worden wäre. Das Thema bleibt aber auf der politischen Agenda und wird weiter diskutiert.Alexander Krauß (CDU)

Besteuerung von E-Zigaretten nicht auf der politischen Agenda

Die Bundesregierung habe sich mit den tabakfreien Verdampfern bisher kaum befasst – mit Ausnahme der Verschärfung des Jugendschutzgesetzes, sagte Krauß. Seit April 2016 gelten für E-Zigaretten und E-Shishas die gleichen Verbreitungsverbote wie bei herkömmlichen Tabakerzeugnissen. Dass auch in Deutschland immer weniger Menschen rauchen, führt Krauß vor allem auf die Nichtraucherschutzgesetze zurück – obwohl Deutschland im Europavergleich schlecht abschneidet, Großbritannien ist hingegen führend bei der Tabakkontrolle. Im Gegensatz zu vielen Unionsmitgliedern unterstützt Krauß ein umfassendes Tabakwerbeverbot, wie er dem Deutschen Ärzteblattmitteilte: „Ich hätte mir gewünscht, dass das Tabakwerbeverbot in den Koalitions­vertrag aufgenommen worden wäre. Das Thema bleibt aber auf der politischen Agenda und wird weiter diskutiert.“

Ein komplettes Werbeverbot für sämtliche Suchtmittel und Drogen, einschließlich E-Zigaretten, forderte Niema Movassat (Die Linke), drogenpolitischer Sprecher. „Wenn es der politische Wille ist, die E-Zigarette als Entwöhnung zur Zigarette einzusetzen, wäre auch ein niedriger Steuersatz denkbar.“ Eine Empfehlung des tabakfreien Verdampfers in der Therapie lehnte Movassat aber ab. Auch Krauß ist überzeugt, dass steuerliche Anreize das Verhalten beeinflussen könnten. Das Thema würde aktuell aber nicht debattiert.

Alkohol: Deutschland bleibt ein Hochkonsumland

Der Alkoholkonsum sinkt in Deutschland nur geringfügig auf jährlich 10,7 Liter Reinalkohol pro Kopf. Im internationalen Vergleich sei dies immer noch ein sehr hoher Wert, weshalb Deutschland auch weiterhin zurecht als „Hochkonsumland“ bezeichnet werden könne. Dieses Fazit ziehen die Autoren des Jahrbuchs Sucht, das heute in Berlin von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) vorgestellt wurde.

Alkoholkonsum: Zahlen und Fakten

Im Jahr 2015 betrug der Alkoholkonsum 10,7
Liter Reinalkohol pro Bundesbürgerin oder -bürger im Lebensalter ab 15 Jahren. Der Gesamtverbrauch an alkoholischen Getränken sank im Jahr 2016 gegenüber dem Vorjahr um 1,25 % auf 133,8 Liter pro Kopf der Bevölkerung. Auf den gesamten Alkoholkonsum, gemessen in Reinalkohol pro Kopf, entfallen 5,0 Liter auf Bier, 2,3 Liter auf Wein, 1,8 Liter auf Spirituosen und 0,4 Liter auf Schaumwein.

Wie die Ergebnisse repräsentativer Umfragen und Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes zeigen, sind insgesamt 3,38 Mio. Erwachsene in Deutschland von einer alkoholbezogenen Störung in den letzten zwölf Monaten betroffen (Missbrauch: 1,61 Mio.; Abhängigkeit: 1,77 Mio.) 74.000 Todesfälle werden jährlich durch Alkoholkonsum oder den kombinierten Konsum von Tabak und Alkohol verursacht.

Alkohol- und Medikamenten­abhängigkeit (vor allem Benzodia­zepine) liefern sich nach wie vor ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz eins der Süchte in Deutschland. Validere Zahlen zum Pro-Kopf-Verbrauch liegen dieses Jahr erstmals zum Alkoholkonsum vor. Deren Ermittlung wurden im vorlie­genden Bericht präzisiert.

„Wir haben den Alkoholverbrauch anhand von Erzeugermeldungen an die Zollämter geschätzt“, erklärte Ulrich John, Mitglied des Wissenschaftlichen Kuratoriums der DHS.

Denn Bevöl­kerungsumfragen würden nur etwa 30 Prozent des tatsächlichen Konsums offenlegen. Dennoch müsse man davon ausgehen, dass auch die aktuelle Auswertung von 10,7 Liter den tatsächlichen Konsum unterschätze, sagte John, der das Institut für Sozialmedizin und Prävention an der Universität Leipzig leitet.

Politik soll sich an internationalen Standarsds orientieren

Der stetige aber minimale Rückgang des Alkoholkonsums seit den 1970er-Jahren um durchschnittlich ein Prozent pro Jahr geht der DHS nicht schnell genug. Sie fordern die Politik auf, tätig zu werden und sich dabei an internationalen Standards zu orientieren: Steuern erhöhen und für verschiedene Alkoholika vereinheitlichen, den Jugendschutz und Werbeverbot verbessern.

Die Freigabe von Bier, Wein und Sekt ab 16 Jahren und anderen Alkoholika ab 18 bezeichnete der DHS-Geschäftsführer Raphael Gaßmann als „absurd“ – diese Unterscheidung nach Alter entbehre jeglicher Begründung. Billigwodka für 3,99 Euro sollte zukünftig eher 10 Euro kosten.

„In Deutschland haben wir einen großen Mangel an Präventionsmaßnahmen“, sagte John. Auch Gaßmann sieht keine nennenswerten Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten – gerade beim Alkohol: „Die Politik steht still.“

Wir sollten darüber sprechen, ob Preise von weniger als 20 Cent für einen halben Liter Bier oder weniger als 4 Euro für Spirituosen sein müssen.Marlene Mortler, rogenbeauftragte der Bundesregierung (CSU)

Anlässlich des Jahrbuchs Sucht warnte auch die Drogenbeauftragte der Bundesre­gierung, Marlene Mortler vor billigem Bier und Schnaps. „Wir sollten darüber sprechen, ob Preise von weniger als 20 Cent für einen halben Liter Bier oder weniger als 4 Euro für Spirituosen sein müssen“, sagte die CSU-Politikerin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Sie will sich auch dafür einsetzen, der „Omnipräsenz von Alkohol“ entgegen zu wirken. „Permanentes Angebot schafft einfach Nachfrage“, beklagte Mortler. „Ob an der Tankstelle, bei Familienfeiern oder auf Werbeplakaten – nahezu überall wird uns Alkohol ,schmackhaft‘ gemacht.“

Empfehlungen für Ärzte

Von Ärzten wünscht sich die DHS, dass diese jeden ihrer Patienten systematisch auf ihren Alkohol- und Tabakkonsum ansprechen. Die Empfehlung sollte lauten: Egal wie viel sie trinken, weniger ist besser und die Abstinenz ist das Optimum. Hausärzte und Allgemeinmediziner würden das noch nicht in ausreichendem Maße berücksichtigen, sagte John. Dabei sei dieses Gespräch in drei bis fünf Prozent der Fälle erfolgreich.

Er empfiehlt Ärzten, sich dabei an standardisierte Interventionsformen zu halten, etwa die motivierende Gesprächsführung oder auch Computersysteme, die den Arzt zeitlich entlasten. „Diese Mittel werden im Gesundheitswesen noch nicht genügend in Anspruch, was auch an der Vergütung liegt.“

Passivtrinken schädigt Unbeteiligte

Christina Rummel, stellvertretende Geschäftsführerin der DHS, machte auf das Problem des Passivtrinkens aufmerksam. Bereits der akute Konsum könne Dritte schädigen. Dramatisch ist das Passivtrinken für ungeborene Kinder. Studien zufolge trinken mehr als ein Viertel der Frauen in der Schwangerschaft in Deutschland. Hinzukommen rund 2,65 Millionen Kinder, die in einer Suchtfamilie aufwachsen. In diesen Familien kommt es überdurchschnittlich oft zu sexuellen Übergriffen, Missbrauch und körperlicher Gewalt.

Als Passivtrinker gelten zudem Unfallopfer im Straßenverkehr. Im Jahr 2016 wurden 16.770 Menschen bei einem Alkoholunfall verletzt. Etwa jeder 14. Verkehrstote stirbt, weil ein Verkehrsteilnehmer zu viel Alkohol getrunken hat. Schließlich sind alle Steuerzahler und Beitragszahler in Renten- und Krankenkassen betroffen. Die direkten und indirekten Kosten des Alkoholkonsums in Deutschland würden sich auf rund 40 Milliarden Euro belaufen, berichtete Rummel. „Dem stehen aber nur alkoholbezogene Steuereinnahmen von 3,165 Milliarden Euro gegenüber.“

Onlineberatung gegen Alkohol- und Tabakmissbrauch in der Schwangerschaft

Eine neue Internetseite will Schwangeren helfen, während der Schwangerschaft auf Alkohol und Zigaretten zu verzichten. Das von der Universität Tübingen und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) entwickelte Projekt www.iris-plattform.de ging heute online. Die Angebote sind ab sofort kostenlos und anonym abrufbar.

So gibt es Informationen darüber, wie Alkohol und Rauchen ungeborene Kinder in ihrer Gesundheit und Entwicklung gefährden. Per E-Mail ist eine persönliche Beratung durch qualifizierte Therapeutinnen möglich. Alkohol und Tabak in der Schwangerschaft müssten endlich ein selbstverständliches Tabu werden, forderte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler. „Jede Schwangere gefährdet sich und ihr Ungeborenes massiv.“

„Das Programm IRIS ergänzt in hervorragender Weise die Präventionsangebote der BZgA für Schwangere im Bereich der Suchtprävention. Wir wollen Frauen darüber informieren, dass Alkohol- und Tabakkonsum in der Schwangerschaft zu schwerwie­genden gesundheitlichen Folgen beim Ungeborenen führen kann“, sagte BZgA-Leiterin Heidrun Thaiss. Gleichzeitig sei es ein wichtiges Anliegen, Frauen bei der Konsum­reduzierung zu unterstützen. Ein persönliches, individualisiertes Online­programm wie IRIS eigne sich dafür besonders gut.

Laut BZgA rauchen immer noch zwölf Prozent der schwangeren Frauen, etwas mehr als 25 Prozent trinken zumindest gelegentlich Alkohol, obwohl die negativen Folgen von Tabak- und Alkoholkonsum wissenschaftlich vielfach belegt sind.

Warum Alkohol Menschen aggressiver macht

Australische Forscher um Thomas Denson von der University of New South Wales haben mittels Magnetresonanztomographien (MRT), die den Blutfluss im Gehirn messen, untersucht, warum Menschen oft aggressiv und gewalttätig werden, nachdem sie Alkohol getrunken haben. Nach nur zwei Drinks stellten die Forscher Verän­derungen in der Funktionsweise des präfrontalen Kortex des Gehirns fest, dem Teil, der normalerweise an der Regulierung der Aggressionsniveaus einer Person beteiligt ist. Die Studie ist in der Zeitschrift Cognitive, Affective, & Behavioral Neuroscience erschienen (2018; doi: 10.3758/s13415-017-0558-0).

„Nach den meisten Theorien wird die alkoholbedingte Aggression durch Verän­derungen im präfrontalen Kortex verursacht. Allerdings fehlte es an substanziellen Belegen, um diese Ideen zu untermauern“, berichten die Wissenschaftler. In dieser Studie rekrutierten Denson und sein Team, zu dem auch Wissenschaftler aus Lübeck gehörten, 50 gesunde junge Männer. Die Teilnehmer erhielten entweder 2 Getränke mit Wodka oder Placebogetränke ohne Alkohol. Während die Teilnehmer in einem MRT-Scanner lagen, mussten sie eine Aufgabe bewältigen, die in den letzten 50 Jahren regelmäßig genutzt wurde, um Aggressionen als Reaktion auf Provokationen zu beobachten.

Die funktionelle Magnetresonanztomographie ermöglichte es den Forschern zu sehen, welche Hirnareale bei der Durchführung der Aufgabe besonders aktiviert wurden. Sie stellten fest, dass die Provokation allein zunächst keinen Einfluss auf die neuronalen Reaktionen der Teilnehmer hatte. Bei aggressivem Verhalten kam es jedoch zu einem Rückgang der Aktivität im präfrontalen Kortex des Gehirns derjenigen, die alkoholische Getränke konsumiert hatten. Diese dämpfende Wirkung zeigte sich auch in den Bereichen des Gehirns, in denen die Belohnung beteiligt ist.

„Obwohl es einen insgesamt dämpfenden Effekt von Alkohol auf die präfrontale Kortikalis gab, beobachteten wir selbst bei niedriger Alkoholdosis eine signifikante positive Beziehung zwischen dorsomedialer und dorsolateraler präfrontaler Kortexaktivität und alkoholbedingter Aggression“, erklärte Denson.

Die Wissenschaftler empfehlen jetzt weitere umfangreichere Untersuchungen zu den neuronalen Grundlagen alkoholbedingter Aggressionen. „Dies könnte letztendlich die alkoholbedingten Schäden erheblich reduzieren“, so Denson.