Erektile Dysfunktion ist unabhängiger Risikofaktor für Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen

Eine erektile Dysfunktion ist bei älteren Männern häufig Zeichen einer fortgeschrittenen Gefäßerkrankung. Das Risiko, in den nächsten Jahren einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder plötzlichen Herztod zu erleiden, war in einer prospektiven Kohortenstudie in Circulation (2018; doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.118.033990) auch dann noch erhöht, wenn andere Risikofaktoren berücksichtigt wurden.

Eine Erektion setzt gesunde Blutgefäße voraus. Das Endothel in den Arterien im Corpus cavernosum muss in der Lage sein, innerhalb kurzer Zeit genügend Stickstoffmonoxid freizusetzen, damit über eine Vasodilatation der Penisarterien die Schwellkörper mit Blut gefüllt werden können. Wenn dies nicht gelingt, sind meist auch die Arterien an anderen Orten des Körpers geschädigt. Es war deshalb bekannt, dass eine erektile Dysfunktion häufig ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko anzeigt.

Bislang gingen die Epidemiologen davon aus, dass die männlichen Potenzstörungen eine Folge des metabolischen Syndroms sind. Dies ist eine häufige Konstellation von adipösen Männern (und Frauen), bei der es infolge einer Insulinresistenz zu einer Erhöhung von Blutzucker, Blutfetten und Blutdruck kommt.

Eine Analyse der MESA-Kohorte (Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis), die mehr als 6.000 Männer und Frauen aus 6 US-Städten begleitet, zeigt jetzt jedoch, dass die erektile Dysfunktion bei Männern unabhängig von den anderen Komponenten des metabolischen Syndroms das Herz-Kreislauf-Risiko erhöht.

Von den 1.914 männlichen Teilnehmern, die zu Potenzstörungen befragt worden waren, hatten 877 im mittleren Alter von 69 Jahren Erektionsstörungen angegeben. Wie zu erwarten, gab es in dieser Gruppe mehr Menschen mit Diabetes mellitus sowie weitere Familienmitglieder mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Männer mit erektiler Dysfunktion nahmen auch häufiger Blutdruckmedikamente (darunter Betablocker), Lipidsenker und Antidepressiva ein.

Diese Faktoren erklärten jedoch nicht vollständig, warum die Männer mit erektiler Dysfunktion in den knapp 4 Jahren der Nachbeobachtungszeit zweieinhalbfach häufiger einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten als Männer ohne Potenzstörungen. Ein Team um Michael Blaha von der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore ermittelte eine Hazard Ratio von 2,5 (95-%-Konfidenzintervall 1,3 bis 4,8) für eine koronare Herzkrankheit und eine Hazard Ratio von 2,6 (1,6–4,1) für Herzinfarkt, Herzstillstand und Schlaganfall.

Entgegen der Erwartung ließ sich das Risiko nicht vollständig auf die anderen Risikofaktoren zurückführen. Das Risiko blieb in verschiedenen Modellberechnungen weiterhin erhöht. Für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse berechnet Blaha eine Hazard Ratio von 1,9 (1,1–3,4), für eine koronare Herzkrankheit betrug betrug die Hazard Ratio 1,8 (0,8–4,0). Für die kardialen Ereignisse war der Zusammenhang damit nicht mehr signifikant, was aber an der geringen Teilnehmerzahl und der kurzen Nachbeobachtung gelegen haben könnte.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass eine (nicht psychogene) erektile Dysfunktion bei älteren Männern immer ein ernster Hinweis auf ein drohendes kardiovaskuläres Ereignis ist. Die erektile Dysfunktion lässt sich zwar mit Sildenafil gut behandeln. Es gibt jedoch keine Hinweise, dass der PDE-5-Hemmer, der kurzzeitig die Konzentration von Stickstoffmonoxid erhöht, die Männer langfristig auch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt.

Probiotika könnten Depressionen bei Reizdarmsyndrom lindern

Depressive Patienten, die an einem Reizdarmsyndrom leiden, könnten mit­hilfe einer Probiotika-Therapie ihre psychischen Beschwerden lindern. So lautet das Ergebnis einer klinisch randomisierten Studie, die Forscher des Farncombe Family Digestive Health Research Institute um Premysl Bercik in der Fachezeitschrift Gastroenterology veröffentlichten (2017; doi: 10.1053/j.gastro.2017.05.003).

Ein Reizdarm geht typischerweise mit Blähungen, Durchfall und Schmerzen einher. Da die Symptome zu teilweise großen Belastungen im Alltag führen, leiden laut den Autoren viele Betroffenen unter depressiven Verstimmungen. Der Grund für die Symptome ist bisher unklar. Neben einem hypersensiblen enterischen Nervensystem werden auch Faktoren wie Immunreaktionen nach Gastroenteritiden oder bakterielle Fehlbesiedlungen des Darms diskutiert. Der bakteriellen Flora wird auch in der momentanen Leitlinie zum Reizdarmsyndrom eine wichtige Rolle beigemessen. So wird in der 2010 veröffentlichten Leitlinie unter anderem eine Empfehlung für eine Behand­lung mit Probiotika ausgesprochen.

Kleine Studienpopulation

In der aktuellen – kleinen – Studie wollten die Wissenschaftler überprüfen, ob die Probiotika auch einen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Patienten ausüben. Sie rekrutierten 44 Patienten mit einem Reizdarmsyndrom für ihre Studie. Die Hälfte wurde über zehn Wochen mit Probiotika behandelt, die Bifidobacterium longum enthielten, während die andere Hälfte ein Placebo erhielt.

Es zeigte sich, dass nach sechs Wochen 14 Patienten der Behandlungsgruppe unter weniger depressiven Symptomen litten, gegenüber sieben Patienten in der Placebo-Gruppe. In zusätzlichen funktionellen MRT-Aufnahmen zeigten sich in der Gruppe der behandelten Patienten Änderungen der Amygdala-Funktion und des limbischen Systems, die unter anderem an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind.

Die ersten Ergebnisse dieser kleinen Studie bewerten die Forscher als vielverspre­chend. Künftige Untersuchungen müssten aber noch zeigen, ob sich diese auch in größeren Patientenkollektiven bestätigen lassen. Die Ergebnisse würden außerdem noch einmal die wichtige Verbindung zwischen Darmflora und Psyche unterstreichen, hieß es aus der Arbeitsgruppe.

Depressionen bei Jugendlichen gehen auf den Magen, Ängste unter die Haut

Psychische Störungen und körperliche Erkrankungen kommen häufig im Doppelpack vor. Psychologen der Universität Basel und der Ruhr-Universität Bochum haben dabei bei Jugendlichen erstmals zeitliche Muster identifiziert: Arthritis und Erkrankungen des Verdauungssystems treten häufiger nach Depressionen auf, und Angststörungen ziehen Hautkrankheiten nach sich.

Körperliche Erkrankungen und psychische Störungen beeinträchtigen die Lebensqualität und sind eine grosse Herausforderung für das Gesundheitssystem. Vor allem wenn körperliche und psychische Störungen bereits im frühen Lebensalter systematisch und gemeinsam auftreten, bedeuten sie ein Risiko für ungünstige Entwicklungsverläufe der erkrankten Kinder und Jugendlichen.

Daten von 6500 Teens

In welchem zeitlichen Zusammenhang und Muster körperliche Erkrankungen und psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen auftreten, hat nun eine Forschungsgruppe um PD Dr. Marion Tegethoff in Kooperation mit Prof. Gunther Meinlschmidt von der Fakultät für Psychologie der Universität Basel in einem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt untersucht. Im Fachmagazin Plos One analysierten sie die Daten einer repräsentativen Stichprobe aus den USA mit 6483 Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren.

Die Forschenden stellten fest, dass Kinder und Jugendliche an manchen körperlichen Krankheiten auffällig häufig erkranken, nachdem sie bereits unter bestimmten psychischen Störungen leiden. Umgekehrt treten manche psychischen Störungen öfter nach bestimmten körperlichen Erkrankungen auf. Affektive Störungen wie Depressionen waren häufiger gefolgt von Arthritis und Erkrankungen des Verdauungssystems, gleiches galt für Angststörungen und Hauterkrankungen. Herzbeschwerden zogen vermehrt Angststörungen nach sich. Ein enger Zusammenhang wurde erstmals auch zwischen epileptischen Erkrankungen und folgenden Essstörungen gefunden.

Epilepsie und Essstörungen

Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise darauf, wie psychische Störungen und körperliche Erkrankungen auch ursächlich miteinander zusammenhängen könnten. Die nun gefundenen zeitlichen Zusammenhänge lenken das Augenmerk auf Prozesse, die sowohl für die Entstehung der körperlichen Erkrankungen und psychischen Störungen als auch für ihre Therapie relevant sein könnten. Bereits in einer früheren Arbeit konnten dieselben Autoren Zusammenhänge zwischen psychischen Störungen und körperliche Erkrankungen bei Jugendlichen nachweisen.
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«Wir fanden nun als Erste, dass Epilepsie ein erhöhtes Risiko für Essstörungen nach sich zieht – ein Phänomen, das bislang nur an wenigen Patienten beschrieben wurde. Dies deutet darauf hin, dass Ansätze der Epilepsiebehandlung auch im Kontext von Essstörungen Potenzial haben könnten», erläutert Marion Tegethoff, Erstautorin der Studie. Aus gesundheitspolitischer Perspektive unterstreichen die Befunde, dass es nötig ist, die Behandlung psychischer Störungen und körperlicher Erkrankungen bereits im Kindes- und Jugendalter eng miteinander zu verzahnen.

Originalbeitrag
Marion Tegethoff, Esther Stalujanis, Angelo Belardi, Gunther Meinlschmidt
Chronology of Onset of Mental Disorders and Physical Diseases in Mental-Physical Comorbidity – A National Representative Survey of Adolescents
Plos One (2016), doi: 10.1371/journal.pone.0165196

Weitere Auskünfte
PD Dr. Marion Tegethoff, Universität Basel, Fakultät für Psychologie, Abteilung für Klinische Psychologie und Psychiatrie, Tel. +41 61 207 02 61, E-Mail: marion.tegethoff@unibas.ch

Missbrauch und Misshandlung verändern Immunprozesse

Ulm – Molekulare Ursachen dafür, dass sich noch Jahre nach Misshandlungen erhöhte Entzündungswerte im Blut von Kindern und Jugendlichen nachweisen lassen, hat eine Arbeitsgruppe der Ulmer Universität und Uniklinik beschrieben. Die Studienergebnisse sind in der Zeitschrift Mitochondrion erschienen (doi 10.1016/j.mito.2016.08.006).

„Langfristig bestehende Entzündungen können auf Dauer die Struktur sowie die Funk­tion von Zellen schädigen und das Immunsystem schwächen. Eine erhöhte Anfälligkeit für körperliche und psychische Erkrankungen kann die Folge sein“, erklärte Iris-Tatjana Kolassa, Leiterin der Abteilung klinische und biologische Psychologie an der Universität Ulm.

Ihr besonderes Interesse gilt molekularen Mechanismen, die Misshandlungserfahrungen und chronische Entzündungsprozesse miteinander verknüpfen. „Eine Schlüsselrolle spie­len dabei die Mitochondrien, also die Kraftwerke der Zellen. Diese kommen nicht zuletzt bei der Initiierung von Entzündungsreaktionen ins Spiel“, erläuterte Christina Böck, die Erstautorin der Studie. Das Ulmer Forscherteam beschreibt darin erste Hinweise auf eine veränderte Mitochondrienfunktion bei misshandelten Frauen.

Im Rahmen einer Voruntersuchung zur Ulmer Studie „Meine Kindheit – Deine Kindheit“ haben die Forscher zunächst 30 Frauen im Alter von 22 bis 44 Jahren Blut entnommen, die bis zum Alter von 18 Jahren in unterschiedlichem Ausmaß emotionale und körper­li­che Misshandlung und Vernachlässigung oder sexuellen Missbrauch erlebt haben. Ihr Blut wurde auf pro-entzündliche Biomarker (Zytokine, C-reaktives Protein), Hinweise auf oxidativen Stress und die Aktivität der Mitochondrien untersucht.

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Die Analyse der Blutproben zeigte unter anderem, dass diese Frauen mehr Entzün­dungs­marker im Blut aufwiesen und dass dies mit einer gesteigerten Aktivität der Mito­chon­drien einherging. Die Analyse machte zudem deutlich, dass die Veränderungen auf Zellebene umso ausgeprägter waren, je schwerwiegender die Vernachlässigungs- und Misshandlungserfahrungen waren.

„Die vermehrten Entzündungsprozesse und die erhöhte mitochondriale Aktivität könnten eine schützende Anpassungsreaktion des Körpers unter exzessivem und chronischem Stress sein“, vermutete Kolassa. Langfristig führten diese aber zu einer erhöhten Anfälligkeit für bestimmte körperliche Folgeerkrankungen.

Meditation und Psychotherapie lindern chronische Kreuzschmerzen

Seattle – Die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, eine in den USA verbreitete „westliche“ Meditationstechnik, hat in einer randomisierten klinischen Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2016; 315: 1240-1249) Kreuzschmerzen signifikant gelindert. Die Wirkung war genauso stark wie nach einer kognitiven Verhaltenstherapie.

Die „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) wurde in den späten 1970er Jahren von dem Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn am University of Massachusetts Medical Center entwickelt. Die inzwischen standardisierte Therapie vermittelt in acht wöchent­lichen Gruppensitzungen relativ einfache Yoga-Übungen, die die Probanden im Anschluss daran täglich über 45 Minuten durchführen sollen. Die MBSR wird seit einigen Jahren zunehmend als medizinisch effektive Entspannungstherapie eingestuft, was sich in einer steigenden Anzahl von randomisierten klinischen Studien zeigt.

Ein Team um Daniel Cherkin vom Group Health Research Institute in Seattle hat die MBSR jetzt mit der kognitiven Verhaltenstherapie (CBT) unKreuzschmerzend einer Kontrollgruppe verglichen. Insgesamt 342 Erwachsene im Alter
von 20 bis 70 Jahren, die seit durchschnittlich 7,3 Jahren fast täglich unter Kreuzschmerzen litten, wurden auf die drei Studienarme randomisiert.

Beide Therapien wurden in acht wöchentlichen Gruppensitzungen von jeweils zwei Stunden vermittelt. Den Teilnehmern aller drei Gruppen stand es frei, nebenbei ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, die in der Kontrollgruppe die einzige Therapie war. Primärer Endpunkt war einmal der Anteil der Patienten, die 26 Wochen nach Beginn der Studie eine klinisch bedeutsame Verbesserung (um 30 Prozent oder mehr) ihrer funktionellen Fähigkeiten im modifizierten Roland Disability Questionnaire verzeichneten. Der andere primäre Endpunkt war eine Einschätzung der allgemeinen Störungen („bothersomeness“) durch die Kreuzschmerzen, die die Patienten auf einer Skala von 0 bis 10 bewerteten.

Wie Chefkin und Mitarbeiter jetzt berichten, erreichten in beiden Studiengruppen signifikant mehr Patienten die Behandlungsziele als in der Kontrollgruppe: Die funktionellen Einschränkungen besserten sich in der MBSR-Gruppe bei 60,5 Prozent der Patienten und in der CBT-Gruppe bei 57,6 Prozent der Patienten. In der Kontrollgruppe waren es 44,1 Prozent. Die „pain bothersomeness“ nahm in der MBSR-Gruppe bei 43,6 Prozent und in der CBT-Gruppe bei 44,9 Prozent deutlich ab gegenüber 26,6 Prozent in der Kontroll-Gruppe.

Die Vorteile waren umso bemerkenswerter, als in der MBSR-Gruppe nur 50,9 Prozent an mindestens sechs der acht Sitzungen teilgenommen hatten. In der CBT-Gruppe waren es 56,6 Prozent der Teilnehmer. Damit bleibt offen, ob ein Teil der Wirkung auf die Erwartung der Patienten zurückzuführen war, wie Madhav Royal und Jennifer Haythornthwaite von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore im Editorial anmerken. Für die Patienten dürfte dies allerdings keine Rolle gespielt haben. Für sie zählt, dass ihre Schmerzen gelindert wurden.

Die MBSR dürfte insofern eine nachhaltige Wirkung erzielen, als die Teilnehmer gebeten werden, die Übungen täglich zu wiederholen. Sie erzielten nach 52 Wochen in beiden primären Endpunkten ein besseres Ergebnis als die Kontrollgruppe. Für die CBT war zu diesem Zeitpunkt kein signifikanter Unterschied zur Kontrollgruppe mehr nachweisbar.

Die Ergebnisse einer weiteren randomisierten Studie wurden kürzlich in JAMA Internal Medicine (2016; 176: 329-337) publiziert. Natalia Morone von der University of Pittsburgh School of Medicine hatte 282 Senioren (Alter über 65 Jahre) auf acht wöchentliche Gruppensitzungen mit Meditationsübungen oder eine Gesundheits­aufklärung randomisiert. Endpunkt war eine Verbesserung der funktionellen Störungen im Roland and Morris Disability Questionnaire. Auch hier kam es zu Verbesserungen, die allerdings bei der Nachuntersuchung nach sechs Monaten nicht mehr signifikant waren, was Morone auf eine gewisse Wirkung in der Kontrollgruppe zurückführt. © rme/aerzteblatt.de

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Psychotherapien können Reizdarmsyndrom langfristig lindern

Psychotherapien können Reizdarmsyndrom langfristig lindern

Nashville – Das Reizdarmsyndrom spricht relativ gut auf Psychotherapien an und die Wirkung hält häufig über das Ende der Behandlung hinaus an. Zu dieser Einschätzung gelangt eine Meta-Analyse in Clinical Gastroenterology and Hematology (2016; doi: 10.1016/j.cgh.2015.11.020).

Funktionelle Darmbeschwerden bei Erwachsenen sind häufig. In einer Stichprobe gaben 13 Prozent der deutschen Bevölkerung an, in den letzten sieben Tagen unter Blähungen gelitten zu haben, und 11 Prozent fühlten sie sich durch Bauchschmerzen beeinträchtigt. Viele Patienten suchen im Verlauf ihres Leidens einen Arzt auf, der dann – oft nach einer intensiven Ursachensuche – die „Ausschlussdiagnose“ eines Reizdarmsyndroms (Colon irritabile) stellt.

Neben rein symptomatischen Medikamenten gegen Schmerzen oder Durchfälle sowie Ratschlägen zur Diät und Lebensführung sind die therapeutischen Angebote der Ärzte beschränkt. Psychotherapeutische Optionen kommen selten zum Einsatz, wenn sie nicht von den Patienten, die eine organische Ursache, etwa ein „Candida-Hypersensitivitäts­syndrom“ vermuten, sogar abgelehnt werden.

Doch die Ergebnisse der Psychotherapie sind besser als ihr Ruf, wie die aktuelle Meta-Analyse zeigt, die eine Gruppe um Lynn Walker vom Vanderbilt University Medical Center durchgeführt hat. In die Untersuchung flossen die Ergebnisse aus 41 klinischen Studien mit mehr als 2.200 Patienten ein, die in den USA, Schweden und Großbri­tannien durchgeführt worden waren.

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In den Studien wurden unterschiedliche Psychotherapien eingesetzt, am häufigsten waren dies kognitive Verhaltenstherapien, Entspannungsübungen und Hypnose. Alle Therapien erzielten eine gleich gute Wirkung, deren Effektstärke Walker mit einem Cohen d-Wert von 0,69 beziffert. Werte über 0,5 werden als mittlere Wirkung, Werte über 0,8 als starker Effekt gedeutet. Laut Walker erzielten Patienten unter der Psychotherapie eine stärkere Linderung ihrer gastrointestinalen Symptome als 75 Prozent der Personen in der Kontrollgruppe.

Die Meta-Analyse kommt erstmals zu dem Ergebnis, dass die Psychotherapie, deren Techniken die Patienten auch nach dem Ende der Betreuung weiter durchführen können, durchaus eine Langzeitwirkung erzielt. Die Effektstärke nach Cohen war auch sechs und zwölf Monate nach der letzten Sitzung nicht abgeschwächt.

Für Walker bestätigten die Ergebnisse die Existenz einer „Hirn-Darm-Achse“, nach der psychische Probleme Auswirkungen auf die Gesundheit des Darms haben können andererseits aber auch der Darm das psychische Gleichgewicht beeinflusst. © rme/aerzteblatt.de