Traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit oft Grund für psychische Symptome

Die Abteilung für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung der Theodor Fliedner Stiftung konnte an Hand einer Studie zeigen, dass die psychischen Symptome vieler Patienten überaus häufig auf traumatische Erlebnisse zurückgehen. Das stellt besondere Anforderungen an Diagnose und Therapie im klinischen Alltag. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitung „Trauma & Gewalt“ veröffentlicht.

„Die Seele des Menschen ist ein sensibles Konstrukt“, weiß Dr. Claudia Gärtner, Leiterin der Abteilung für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in der Theodor Fliedner Stiftung. Traumatische Erlebnisse, sei es aus frühster Kindheit, dem Heranwachsen oder im Erwachsenenalter, können sich vielfältig niederschlagen und bemerkbar machen. Die Folgen reichen von Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen bis zu körperlichen Erkrankungen, chronischen Schmerzen oder Asthma. So unterschiedlich die Symptome sind, so vielfältig ist auch die Bandbreite an traumatischen Ursachen. „Häufig haben wir es mit sogenannten komplexen Traumafolgestörungen zu tun, die aber in den gängigen Diagnosemanualen, wie sie im klinischen Alltag verwendet werden, nicht abgebildet sind“, betont Dr. Claudia Gärtner. „Patienten bleiben dadurch diagnostisch namenlos und heimatlos.“

Festhalten lassen sich jedoch fünf zentrale Bereiche traumatischer Erfahrungen, die emotionale Vernachlässigung, die emotionale Gewalt, körperliche Gewalt sowie sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt.

„Rund 90 Prozent der untersuchten Patienten in psychiatrischen oder psychosomatischen Einrichtungen haben eine traumatische Biografie, das hat unsere Studie gezeigt“, so Lena Schifferdecker, Mitarbeiterin in der Abteilung für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in der Theodor Fliedner Stiftung.

Die Ergebnisse der Studie „Traumatisierte Patienten in der stationären psychiatrisch, psychotherapeutischen Versorgung – Die Belastungssymptomatik als Ausdruck traumatischer Erfahrungen“ sind nun in der Fachzeitung „Trauma & Gewalt“ erschienen. Neben den Wissenschaftlerinnen aus der Theodor Fliedner Stiftung arbeiteten Dr. Michael Schifferdecker und Prof. Dr. Peer Abilgaard an der Studie mit.

„Das Problem ist, dass in vielen Einrichtungen oftmals nur die Behandlung aktueller Symptome im Vordergrund steht“, bedauert Dr. Claudia Gärtner.

Kaum jemand gehe direkt von einer traumatischen Biografie aus. „Dabei sollten Behandler genau das tun, wenn man sich unsere Ergebnisse anschaut.“ Die Schlussfolgerung basiert auf Patientenbefragungen, durchgeführt von Januar bis März 2014 in den Fachkliniken der Theodor Fliedner Stiftung in Ratingen, Gevelsberg und Düsseldorf sowie in der Helios St. Vinzenz Klinik in Duisburg. Der Problematik ist man sich in den eigenen Einrichtungen bewusst. „Wir schauen noch genauer hin und können die Behandlung unserer Patienten besser anpassen“, so Dr. Claudia Gärtner.

Die Erfahrungen in der Psychotraumatherapie geben die Experten der Theodor Fliedner Stiftung am 9. November 2016 bei dem Symposium „Fliedner Update Psychotraumatherapie“ weiter. Zu der kostenlosen Veranstaltung im Fliedner Krankenhaus Ratingen können sich interessierte Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte sowie Mitarbeitende aus sozialen und helfenden Berufe anmelden unter Telefon (0208) 48 43-135.

 

Kontakt:

Theodor Fliedner Stiftung

Dr. Claudia Gärtner

Tel.: (0208) 48 43-151

Fax: (0208) 48 43-2494

claudia.gaertner@fliedner.de

www.fliedner.de

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter

http://www.fliedner.de/de/ausbildung_forschung/forschung/home_forschung.php

Posttraumatische Belastungsstörung: Psychologen identifizieren Risikofaktoren

Die Konfrontation mit Extremsituationen im Berufsalltag kann Posttraumatische Belastungsstörungen oder Depressionen auslösen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass bestimmte Denkmuster das Risiko für solche Reaktionen erhöhen und damit mögliche Ansatzpunkte für gezielte Trainingsprogramme liefern. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um die renommierte Psychologin Anke Ehlers begleiteten 386 Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter während ihrer Ausbildung und untersuchten, wie diese mit belastenden Ereignissen umgingen. Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift „Psychological Medicine“ erschienen.

Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sind häufig mit belastenden Situationen konfrontiert. Schwere Unfälle, Suizidversuche oder lebensbedrohliche Krankheiten gehören zu ihrem Berufsalltag. Diese Erfahrungen steigern das Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Aber nicht jeder Betroffene erkrankt in der Folge schwerer traumatischer Erlebnisse. „Wir wollten herausfinden, ob es bestimmte Risikofaktoren gibt, die vorhersagen, ob Notfallsanitäter im Berufsalltag beeinträchtigende psychische Reaktionen wie Depressionen oder eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln“, sagt Anke Ehlers, Professorin für experimentelle Psychopathologie an der University of Oxford.

Die Studie

Das Forscherteam untersuchte 386 Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter während ihrer Ausbildung. Zu Beginn der Ausbildung beantworteten sie ausgewählte Fragebögen zu möglichen Risikofaktoren (darunter Fragen zu früheren psychischen Störungen, traumatischen Situationen und zum Umgang mit belastenden Erfahrungen). In den folgenden zwei Jahren wurde mit Fragebögen und Interviews alle vier Monate erfasst, welche belastenden Ereignisse die Befragten erlebt hatten und wie sie darauf reagierten. So konnte festgestellt werden, wer im Laufe der zwei Jahre Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression entwickelte. Am Ende der Studie machten die Befragten Angaben zu verschiedenen Aspekten ihres Wohlbefindens. Dazu zählten Anzeichen für Burnout, Anzahl der Arbeitsfehltage, Angaben zu Schlaflosigkeit und Lebensqualität.

Umgang mit belastenden Erfahrungen ausschlaggebend

Fast alle Personen erlebten während ihrer Ausbildung mindestens eine sehr stark belastende Situation. Im Laufe der zwei Jahre entwickelten 32 Befragte (8.6%) eine posttraumatische Belastungsstörung und 41 Befragte

(10.6%) eine Depression. Das Forscherteam identifizierte eine Reihe von Faktoren, die es wahrscheinlicher machten, dass jemand in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung oder depressive Episode entwickelte.

Personen, die häufig über belastende Situationen grübelten, waren besonders anfällig dafür, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Dabei kam es nicht auf die Anzahl der traumatischen Ereignisse vor und während der Ausbildung an. Für die Vorhersage von Depressionen war der Grad an Selbstvertrauen in die eigene Fähigkeit, mit Belastungen fertig zu werden – die Resilienz einer Person – besonders bedeutsam. „Es sind also weniger die belastenden Ereignisse an sich, die eine psychische Störung vorhersagen, sondern mehr die eigenen Denkmuster und der individuelle Umgang mit diesen Erfahrungen“, erläutert Anke Ehlers.

Die Erhebung am Ende der Studie zeigt: Obwohl sich die betroffenen Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter fast alle innerhalb von 4 Monaten von ihren Problemen erholten, blieben sie stärker als ihre Kolleginnen und Kollegen in ihrer Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Auch schliefen sie schlechter und berichteten einen stärkeren Gewichtszuwachs.

Ansatzpunkte für Begleitung in der Ausbildung: Widerstandskraft erhöhen

Im nächsten Schritt will das Forscherteam untersuchen, ob gefährdete Personen während ihrer Ausbildung besonders unterstützt werden können, um dadurch das Risiko von Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen zu senken. „Es lässt sich nicht vermeiden, dass Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter schlimme Situationen erleben“, sagt Anke Ehlers, „aber es gilt zu prüfen, ob gezielte Trainingsprogramme zur Veränderung von Denkmustern dazu beitragen können, die psychische Widerstandskraft gegen Extrembelastung zu erhöhen.“

Die Originalstudie finden Sie hier:

Wild, J., Smith, K., Thompson, E., Bear, F., Lommen, M. & Ehlers, A.

(2016). A prospective study of pre-trauma risk factors for posttraumatic stress disorder and depression. Psychological Medicine http://journals.cambridge.org/action/displayIssue?jid=PSM&tab=firstview

 

Weitere Informationen:

Prof. Dr Anke Ehlers

Department of Experimental Psychology

University of Oxford

South Parks Road

Oxford, OX1 3UD

UK

Tel. 0044 1865 618600

email: anke.ehlers@psy.ox.ac.uk

Ist Exposition notwendig für die Behandlung einer PTSD?

Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) verbessert sich auch, wenn Expositionsübungen nicht im Mittelpunkt der Behandlung stehen. Das berichten John Markowitz von der Columbia University in New York und Mitarbeiter im American Journal of Psychiatry.

Die Anwendung von Expositionsübungen gilt als eine wichtige Gemeinsamkeit von wirksamen PTSD-Behandlungen. Bei der Exposition werden die Patienten objektiv sicheren Ereignissen ausgesetzt, die sie an das Trauma erinnern. Das Ziel dieser Behandlung ist es, sich an die dabei aufsteigenden Angstsymptome im Laufe der Zeit zu gewöhnen.

Traumata ereignen sich jedoch oft im zwischenmenschlichen Bereich und haben auch zwischenmenschliche Schwierigkeiten zur Folge. Daher untersuchten John Markowitz und Mitarbeiter, ob eine Interpersonelle Psychotherapie (IPT) einer Expositionsbehandlung tatsächlich unterlegen ist. John Markowitz zählt zu den wichtigen Vertretern der IPT in den USA.

Für ihre Studie randomisierten die Forscher 110 unmedizierte Patienten auf 3 Behandlungsarme: Expositionsbehandlung, IPT oder Entspannungstherapie. Die Wirksamkeit der Behandlung maßen sie mit der durch Fremdrater durchgeführten PTSD-Skala (CAPS). Die Behandlung dauerte etwas mehr als 3 Monate. Die Patienten litten zum großen Teil an interpersonellen Traumata wie sexuellem oder körperlichem Missbrauch.

Am Ende der Behandlung war die Exposition etwas wirksamer als die IPT. Die Beschwerden der Patienten in der Expositionsbehandlung verbesserten sich auch schneller. Der Unterschied in den CAPS-Werten war jedoch geringer als die zu Beginn der Studie festgelegte minimale Differenz. Wenn man die Ansprechraten betrachtete, war IPT der Expositionsbehandlung sogar überlegen (63 % vs. 47 %). Auf die Entspannungstherapie sprachen im Vergleich dazu nur 38 % der Patienten an. Besonders deutlich überlegen war die IPT der Expositionsbehandlung in der Gruppe der Patienten, die neben der PTSD auch an einer Depression litten.

FAZIT

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Interpersonelle Psychotherapie einer Expositionsbehandlung nicht unterlegen ist. Sie vermuten, dass sich Patienten im Rahmen einer IPT-Behandlung von alleine gegenüber Situationen exponieren, welche sie an das Trauma erinnern, nachdem sie durch die IPT-Behandlung Sicherheit in ihren sozialen Interaktionen im Alltag erworben haben.
Bei komorbider Depression könnte die IPT der Expositionsbehandlung sogar überlegen sein, schreiben die Autoren. Als Grund dafür nehmen sie an, dass die Expositionsbehandlung bei Vorliegen einer Depression deutlich schwerer auszuhalten ist.

Markowitz JC et al.
Is Exposure necessary? A Randomized Clinical Trial of Interpersonal Psychotherapy for PTSD.

Am J Psychiatry 2015;
DOI: appiajp201414070908