Psychopharmaka sind keine Lösung: Forscher äußern Kritik

Medikamente helfen langfristig nicht gegen psychische Störungen – diese Meinung vertreten die Bochumer Psychologen Prof. Dr. Jürgen Margraf und Prof. Dr. Silvia Schneider in einem Kommentar in „EMBO Molecular Medicine“. Die Forscher der Ruhr-Universität haben zahlreiche Studien zusammengetragen, die die nachhaltige Wirkung von Psychopharmaka infrage stellen, teils sogar negative Folgen bei längerer Einnahme dokumentieren.

Dauerhaft wirksamer seien Psychotherapien. Die Autoren fordern, psychische Krankheiten nicht allein auf biologische Ursachen zu reduzieren, sondern Forschung zu biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren besser zu verzahnen.

Die derzeit verfügbaren Medikamente können die Symptome psychischer Störungen nicht dauerhaft lindern.  Zu diesem Schluss kommen die Psychologen Prof. Dr. Jürgen Margraf und Prof. Dr. Silvia Schneider von der Ruhr-Universität Bochum in einem Kommentar in der Zeitschrift „EMBO Molecular Medicine“.

Medikamente haben nur kurzfristigen Effekt

Margraf und Schneider tragen zahlreiche Belege zusammen, die gegen eine nachhaltige Wirkung von Psychopharmaka sprechen. Medikamente gegen Depression, Angststörungen und das Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom wirken nur kurzfristig; setzt der Patient sie ab, kehren die Symptome zurück. So lautet das Fazit der zitierten Studien. Ähnliche Befunde vermuten die Autoren auch für Schizophrenie-Medikamente.

Eine langfristige Einnahme der Arzneien könne sogar negative Folgen haben, etwa ein gesteigertes Risiko für eine chronische Erkrankung oder erhöhte Rückfallraten.

Psychotherapien nicht schnell genug verfügbar

Psychotherapien wie die Kognitive Verhaltenstherapie erzielen laut den Autoren hingegen langfristig deutlich besser anhaltende Effekte. „Das Hauptproblem mit der Psychotherapie sind nicht die Wirksamkeit oder Kosten“, sagt Silvia Schneider. „Es ist die mangelnde Verfügbarkeit.“ Während Psychopharmaka schnell verabreicht werden könnten, müssten Betroffene oft lange auf einen Therapieplatz warten.

Biologische Konzepte reichen nicht

Die Bochumer Psychologen befassen sich in ihrem Artikel auch mit der Frage, warum es nach 60 Jahren intensiver Forschung keine besseren Therapieoptionen gibt. Verantwortlich ist ihrer Meinung nach die weit verbreitete Vorstellung, psychische Störungen könnten sich allein mit biologischen Konzepten erklären lassen.

„Es ist heute Standard, den Patienten und der Öffentlichkeit zu erzählen, dass ein aus dem Lot geratenes Neurotransmittersystem die Ursache für psychische Erkrankungen ist“, erklärt Jürgen Margraf. Dabei sei nach wie vor nicht klar, ob dieses Phänomen Ursache oder Folge sei. Soziale Faktoren dürften nicht vernachlässigt werden. Auch die starren Kategorien von „krank“ und „gesund“ seien bei psychischen Störungen mit ihren vielen unterschiedlichen Ausprägungen nicht hilfreich, so Schneider und Margraf.

Weniger Pharmamarketing, mehr Psychotherapie

Die Autoren fordern, die Forschung zu biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren besser zu verzahnen und den engen Blick auf mögliche biologische Ursachen zu weiten. Große Pharmaunternehmen müssten das Marketing im Bereich Psychopharmaka zurückfahren. Außerdem sollten Betroffene schneller Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten bekommen.

Originalveröffentlichung

Jürgen Margraf, Silvia Schneider: From neuroleptics to neuroscience and from Pavlov to psychotherapy: More than just the “emperor’s new treatments” for mental illnesses?, in: EMBO Molecular Medicine, 2016, DOI: 10.15252/emmm.201606650

http://embomolmed.embopress.org/cgi/doi/10.15252/emmm.201606650

Prof. Dr. Jürgen Margraf

Klinische Psychologie & Psychotherapie

Fakultät für Psychologie

Ruhr-Universität Bochum

Tel.: 0234 32 23169

E-Mail: juergen.margraf@rub.de

 

Prof. Dr. Silvia Schneider

Klinische Kinder- und Jugendpsychologie

Fakultät für Psychologie

Ruhr-Universität Bochum

Tel.: 0234 32 23168

E-Mail: silvia.schneider@rub.de

Systemische Psychotherapie wirkt – IQWiG veröffentlicht Prüfbericht

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen

(IQWiG) hat gestern einen Prüfbericht veröffentlicht, der zahlreiche Hinweise und Anhaltspunkte für den Nutzen von Systemischer Therapie bei Erwachsenen aufweist. Die beiden systemischen Fachverbände, DGSF und SG, begrüßen die positive Begutachtung und sind zuversichtlich, dass Systemische Therapie künftig in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen wird.

Nicht weniger als 780 Seiten lang ist der Vorbericht, in dem das IQWiG Studien zur Wirksamkeit von Systemischer Therapie gesammelt und ausgewertet hat. Fazit: in nahezu allen relevanten Störungsbereichen liegen Hinweise oder Anhaltspunkte für den Nutzen vor. Besonders klare Hinweise auf die Wirksamkeit Systemischer Therapie fanden die Forscherinnen und Forscher für die Störungsbereiche Angst- und Zwangsstörungen sowie Schizophrenie. Dabei handelt es sich um für die psychotherapeutische Versorgung besonders relevante Störungen: Angst- und Zwangsstörungen zählen zu den am stärksten verbreiteten und Schizophrenie zu den schwersten Störungen mit einem besonders hohen Leidensdruck für Patientinnen und Patienten und deren Angehörige.

„Damit bestätigt das IQWiG unsere Einschätzung der guten wissenschaftlichen Studienlage zu Systemischer Therapie“, freuen sich Dr. Ulrike Borst und Dr. Björn Enno Hermans, die Vorsitzenden der beiden Fachverbände für Systemische Therapie, Systemische Gesellschaft (SG) und Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF).

Im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), dem Selbstverwaltungsorgan von Krankenkassen und Leistungserbringern, untersucht das IQWiG derzeit, ob genügend Nachweise für die erfolgreiche Behandlung psychischer Störungen mit Systemischer Therapie vorliegen. Den Nachweis für den Nutzen eines Psychotherapieverfahrens zu erbringen, ist nicht leicht. Wirksamkeitsstudien sind im Bereich der Psychotherapie sehr viel schwerer durchzuführen als z.B. im Bereich von Pharmaprodukten, weil Psychotherapie nicht mit der Einnahme einer Tablette vergleichbar ist.

Dazu Stefan Lange, stellvertretender Institutsleiter, in der IQWiG-Pressemitteilung: „Aber auch hier sind aussagekräftige Studien machbar, wie die vorläufigen Ergebnisse zur Systemischen Therapie zeigen.“

Wie geht es weiter?

Von dem Ergebnis der Untersuchung beim IQWiG hängt ab, ob der G-BA Systemische Therapie in den Leistungskatalog gesetzlicher Krankenkassen aufnimmt. Bereits heute wollen einzelne Krankenkassen auf das Behandlungsangebot mit Systemischer Therapie nicht verzichten und haben Modellprojekte gestartet. Bis März 2017 wird das IQWiG dem G-BA seinen Abschlussbericht vorlegen. „Wir sind sehr zuversichtlich“, so Hermans und Borst, „dass der G-BA in Kürze allen Versicherten gesetzlicher Krankenkassen dieses effektive und effiziente Verfahren zur Verfügung stellen wird.“

verantwortlich:

Bernhard Schorn, DGSF
Jakordenstraße 23, 50668 Köln
Fon 0221 61 31 33 | Fax 0221 9 77 21 94
E-Mail: schorn@dgsf.org
www.dgsf.org

Sebastian Baumann, Vorstandsbeauftragter Psychotherapie SG Brandenburgische Str. 22, 10707 Berlin
Fon: 030 53 69 85 04 | Fax: 030 53 69 85 05
E-Mail: sbaumann@systemische-gesellschaft.de
www.systemische-gesellschaft.de

Weitere Informationen finden Sie unter

http://www.dgsf.org

http://www.systemische-gesellschaft.de

Empathisch sein heißt nicht unbedingt verstehen

Netzwerke für Hineinfühlen und Perspektivenübernahme kooperieren

Würzburg/Leipzig (pte/28.04.2016/10:30) Menschen, die sich gut in andere hineinfühlen können, müssen diese nicht unbedingt auch gut verstehen. Im Gegenteil: Überbordendes Einfühlen kann das Verstehen sogar beeinträchtigen. Das zeigt eine neue Studie von Psychologen der beiden Universitäten Würzburg http://uni-wuerzburg.de und Leipzig http://uni-leipzig.de .

Experimente mit 200 Probanden

Anne Böckler: Hineinfühlen nicht gleich Verstehen (Foto: uni-wuerzburg/D. Peter)

„Eine erfolgreiche soziale Interaktion basiert auf unserer Fähigkeit, an den Gefühlen anderer teilzuhaben und deren Gedanken und Absichten zu verstehen“, erklärt die Würzburger Psychologie-Juniorprofessorin Anne Böckler. Unklar sei bislang allerdings gewesen, ob und wie diese beiden Fähigkeiten miteinander zusammenhängen – ob also beispielsweise Menschen, die sich sehr gut in ihr Gegenüber einfühlen können, ebenfalls in der Lage sind, dessen Gedanken und Absichten gut zu verstehen.

Auch die Frage, ob die für diese Leistungen zuständigen neuronalen Netze sich gegenseitig beeinflussen, war bislang unklar. In einer Studie mit 200 Teilnehmern konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass Menschen, die zu Mitgefühl neigen, nicht notwendigerweise diejenigen sind, die andere Menschen kognitiv gut verstehen. Soziale Kompetenz scheint also auf verschiedenen und eher unabhängigen Fertigkeiten zu beruhen. Auch was die Zusammenarbeit der verschiedenen Netzwerke im Gehirn betrifft, liefert die Studie Ergebnisse.

Überbordendes Mitgefühl unzuträglich

Laut Böckler interagieren Netzwerke, die für Empathie und kognitive Perspektivenübernahme wichtig sind, miteinander. In sehr emotionalen Situationen – beispielsweise, wenn jemand vom Tod eines Freundes erzählt – kann die Aktivierung in der Insula, eines Teils des Empathie-relevanten Netzwerkes, bei manchen Menschen einen hemmenden Einfluss auf Gehirnareale haben, die für die Perspektivenübernahme relevant sind. Das führt in vielen Fällen letzten Endes dazu, dass überbordendes Mitgefühl soziales Verstehen sogar beeinträchtigen kann.

Die Probanden sahen Videosequenzen, in denen der Erzähler mal mehr oder weniger emotional war. Anschließend sollten sie angeben, wie sie sich selbst fühlten, wie sehr sie mit der Person in dem Film mitgefühlt hatten und Fragen zu den Filmen beantworten – was die Personen gedacht, gewusst oder gemeint haben könnten. Nachdem die Psychologen auf diesem Weg Menschen mit einem hohen Maß an Empathie identifiziert hatten, untersuchten sie deren Anteil unter den Versuchsteilnehmern, die bei dem Test zur kognitive Perspektivübernahme gut beziehungsweise schlecht abgeschnitten hatten – und umgekehrt.

Reform der ambulanten psycho­therapeutischen Versorgung geht in die Endphase

Berlin – Die ambulante psychotherapeutische Versorgung wird reformiert. Denn die Bedeutung psychischer Erkrankungen nimmt zu. Betroffene müssen aber häufig drei Monate und länger auf einen Ersttermin bei einem Psychotherapeuten warten. Der Gesetzgeber hat die Reform bereits mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz in die Wege geleitet und den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beauftragt, bis zum 30. Juni die Psychotherapie-Richtlinie entsprechend zu überarbeiten. Im Mittelpunkt dieser Reform steht die Einrichtung einer psychotherapeutischen Sprechstunde zur schnellen diagnostischen Abklärung, um Patienten auch akut versorgen zu können. Das Antrags- und Gutachterverfahren soll überprüft werden. Die Kurzzeittherapie und die Gruppenpsychotherapie sollen gefördert werden.

Bei einer Veranstaltung des Bundesverbands Managed Care heute in Berlin wurden die zum Teil recht unterschiedlichen Positionen zwischen Psychotherapeuten und Psychiatern auf der einen Seite und den Krankenkassen auf der anderen Seite deutlich. Dabei zeigte sich der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), Dietrich Munz, „optimistisch, dass der G-BA die Psychotherapie-Richtlinie bis Ende Juni fertig haben wird“. Das Stellungnahmeverfahren – Bundesärztekammer und BPtK müssen Stellung zur Richtlinie beziehen – sei am heutigen Tag eingeleitet worden.

Bessere Bedarfsplanung und mehr Befugnisse für Psychologische Psychotherapeuten
Munz wies noch einmal auf die Punkte hin, die über die Richtlinie hinausgehen, aber für eine Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Versorgung erforderlich sind und vom Gesetzgeber auch eingefordert werden: mehr Transparenz und Vernetzung der Versorgungsangebote, eine Korrektur der Defizite in der Bedarfsplanung „für Psychotherapeuten aber auch für Psychiater und Nervenärzte“, stellte Munz klar, sowie neue Befugnisse für Psychologische Psychotherapeuten wie stationäre Einweisungen und Verordnung von Heilmitteln und Soziotherapie. Eine Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung mittels „Home-Treatment“ für schwer psychisch Kranke hält der BPtK-Präsident indes für „keine gute Lösung“.

Kurzzeitpsychotherapie ohne Antrags- und Gutachterpflicht
„Der Gesetzgeber hat uns sehr detaillierte Anweisungen gegeben, das war fast schon übergriffig“, sagte der Vertreter des GKV-Spitzenverbands, Thomas Uhlemann. Eine psychotherapeutische Sprechstunde und eine Stärkung der Gruppenpsychotherapie sei natürlich auch im Sinne der Krankenkassen. „Bei der Kurzzeitpsychotherapie wollen wir von der Antrags- und Gutachterpflicht absehen“, berichtete er. Diese stellen sich die Kassen künftig „akzentuierter“ vor: Nach maximal sechs Stunden Sprechstunde oder Probatorik sollen zwölf Stunden Richtlinien-Psychotherapie zur Akutversorgung ange­boten werden und bei Bedarf dann noch einmal maximal zwölf Stunden – für alle Verfahren. Daran soll sich, wenn nötig, eine Langzeitpsychotherapie anschließen können, der dann ein Gutachterverfahren vorgeschaltet ist.

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„Nach unserer Ansicht müssen Patienten direkt Anspruch auf 25 Stunden Kurzzeit­therapie haben“, betonte Barbara Lubisch, Vorsitzende der Deutschen Psychothera­peuten Vereinigung (DPtV). „Die nochmalige Aufteilung sei „sinnfrei“ und bedeute zusätzliche Unsicherheit für die Patienten und mehr bürokratischen Aufwand für die Therapeuten. „Die Indikationsstellung für Verfahren und Behandlungsumfang muss in den Händen der Psychotherapeuten bleiben“, forderte Lubisch. „Und grundsätzlich wünschen wir uns die Krankenkassen als Partner und nicht als Alleinentwickler von Konzepten, die uns betreffen“, kritisierte die DTtV-Vorsitzende.

Mehr Flexibilität, multimodale Therapien und vernetzte Versorgung
Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Iris Hauth, wies auf die Bedeutung der koordinierten Versorgung „zwischen Soma und Psyche“ hin. Die Hilfebedarfe für psychisch Kranke seien sehr unterschiedlich und nicht allein mit der Richtlinien-Psychotherapie zu beheben. „Wir brauchen mehr Flexibilität und wir brauchen multimodale Therapie als state-of-the-art. Außerdem müssen Kombinationsbehand­lungen (psychotherapeutisch und medikamentös) auch ambulant möglich sein können, nicht nur stationär“, forderte Hauth.

Möglich sei dies mit einer koordinierten und strukturierten Versorgung verschiedener Fachgruppen. „Das haben wir aber leider immer noch nicht hinbekommen“, sagte die DGPPN-Präsidentin. Abgesehen von einigen kleinen Projekten, wie beispielsweise dem Projekt zur Versorgung von neurologischen und psychiatrischen Patienten (NPV) in Nordrhein, sei von Vernetzungen nicht viel in der Regelversorgung angekommen. © PB/aerzteblatt.de

Therapeutenkontakt auch bei Online-Psycho­therapie wichtig

Potsdam – Psychologische Onlineprogramme sind eine vielversprechende Option zur Selbsthilfe, Nachsorge und Therapieunterstützung, jedoch kein Ersatz für eine Psychotherapie. Darauf haben Experten anlässlich des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Mitte März hingewiesen. Studien zeigten, dass auch bei Onlineprogrammen der Kontakt zu einem Therapeuten entscheidend ist.

„Verschiedene Studien zeigen, dass bei zahlreichen psychischen Problemen, etwa Depression oder Angststörungen, Teilnehmer von psychologischen Onlineprogrammen deutlich profitieren und zwar vergleichbar mit klassischen Therapieangeboten“, sagte Manfred Beutel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der UniversPsychotherapieitätsmedizin Mainz.

Dennoch seien die internetbasierten Angebote mit Text-, Chat- oder Videomodulen in Deutschland noch nicht Teil der Routineversorgung. „Das liegt auch daran, dass Betroffene ihnen oft noch skeptisch gegenüberstehen, sei es aus mangelnder Vertrautheit mit dem Medium oder wegen Bedenken im Hinblick auf die Daten­sicherheit“, so Beutel.

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Doch es gebe noch andere Einschränkungen: „Die Behandlung psychischer Störungen erfordert eine fachgerechte Diagnostik, Indikationsstellung und Behandlungsplanung“, sagte der Mediziner. Die Berufsordnung für Ärzte gebe zudem vor, dass mindestens bei Diagnostik und Indikationsstellung ein persönlicher, physischer Kontakt zum Patienten bestehen muss. Beutel: „Auch deshalb sind psychologische Onlineprogramme nicht als Ersatz, sondern vielmehr als Ergänzung zur Psychotherapie zu verstehen.“

In Deutschland werden psychologische Onlineprogramme den Experten zufolge derzeit vor allem im Rahmen von Forschungsprojekten an Universitätskliniken angeboten und sind noch kein Teil der Routineversorgung. „Wer im Netz nach Programmen sucht, sollte darauf achten, von wem das Programm entwickelt wurde, wie es evaluiert wird und ob es fundierte Angaben zum Datenschutz enthält“, sagte Beutel.

© hil/aerzteblatt.de

Depression: Kognitive Verhaltenstherapie langfristig wirksam und kosteneffektiv

 

Bristol – Eine kognitive Verhaltenstherapie kann Depressionen, die nicht allein auf eine medikamentöse Therapie ansprechen, langfristig lindern. Dies zeigt die Nach­beobachtung von Teilnehmern einer randomisierten klinischen Studie in Lancet Psychiatry (2016; doi 10.1016/S2215-0366(15)00495-2).

An der CoBalT-Studie hatten zwischen 2008/2009 469 Patienten mit leichten Depressionen (Beck-Depressions-Inventar, BDI-II 14 oder mehr Punkte) teilgenommen, die zuvor über mindestens 6 Wochen erfolglos mit einem Antidepressivum behandelt worden waren. Sie wurden auf eine alleinige Fortsetzung der medikamentösen Therapie oder auf eine Kombination der medikamentösen Therapie mit einer kognitiven Verhaltenstherapie randomisiert. Die kognitive Verhaltenstherapie, eine derzeit bevorzugte Variante der Psychotherapie, informiert den Patienten zu den Ursachen der Erkrankung und vermittelt ihnen Instrumente, um die Entstehung depressiver Krisen zu vermeiden.

Vor drei Jahren hatte ein Team um Nicola Wiles vPsychotherapieon der Universität Bristol berichtet, dass die Kombination mit der Psychotherapie die Therapieergebnisse verbessert. Nach einem Jahr wurde bei 46 Prozent der Patienten eine Reduktion der Symptome um wenigstens 50 Prozent erzielt. Unter einer alleinigen Fortsetzung der medikamentösen Therapie erreichten nur 22 Prozent eine Response (Lancet 2013; 381: 375-384).

Mit der aktuellen Publikation will Wiles Bedenken zur langfristigen Effektivität und zur Kosten-Effektivität zerstreuen. Eine kognitive Verhaltenstherapie ist personalintensiv und von ausgebildeten Psychologen durchgeführt auch kostspielig. Ein früher Wirkungs­verlust würde die Wirtschaftlichkeit dieses Therapieansatzes infrage stellen.

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Doch die neuen Ergebnisse zeigen, dass auch nach 46 Monaten noch 43 Prozent der Patienten, die (zumeist) weiter ihre Medikamente einnahmen, aber keine zusätzliche Psychotherapie erhielten, in Remission sind. Nach einer alleinigen medikamentösen Therapie waren es nur 27 Prozent. Der mittlere BDI-II-Score war von 23,5 unter alleiniger medikamentöser Therapie auf 19,2 nach zusätzlicher Psychotherapie gefallen. Der Unterschied von 4,7 Punkten war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 3,0 bis 6,4 Punkten signifikant.

Mit jedem Monat der Langzeitwirkung verbessert sich die Kosteneffektivität der kognitiven Verhaltenstherapie, für die im Durchschnitt 343 britische Pfund pro Patient in Rechnung gestellt  wurden. Wiles kommt in ihren Kalkulationen zu dem Ergebnis, dass ein zusätzliches Lebensjahr in guter Lebensqualität (QALY) 5.374 Pfund kostet und damit günstiger ist als die vom National Institute for Health and Care Excellence angegebene Kosten-Effektivitäts-Grenze von 20.000 Pfund. © rme/aerzteblatt.de

Internetbehandlung mit Manga-Comics schützt vor Depression

Ein mit Manga-Comics gestaltetes psychotherapeutisches Internetangebot ist geeignet, depressive Episoden bei gesunden Mitarbeitern zweier IT-Firmen zu verhindern. Das berichten Kotarao Imamura von der University of Tokyo und Mitarbeiter jetzt im Fachjournal Psychological Medicine. Einschränkend muss jedoch gesagt werden, dass eine große Anzahl an gesunden IT-Mitarbeitern behandelt werden muss, um auch nur eine depressive Episode zu verhindern (NNT 32).

Das Management der beiden IT-Firmen schrieb für diese Studie ihre Mitarbeiter an und lud sie zur Studienteilnahme ein. Etwa die Hälfte nahm die Einladung an (850 von ca. 1790, 47,5 %), die meisten von ihnen konnten auch an der Studie teilnehmen. Nur 88 wurden von der Teilnahme ausgeschlossen, beispielsweise weil sie gegenwärtig an einer depressiven Episode litten oder in den letzten Monaten häufig krankgeschrieben waren.

Die Studienteilnehmer wurden zufällig auf 2 Gruppen verteilt: die Interventionsgruppe erhielt eine 6 Wochen dauernde internetbasierte psychologische Behandlung, in der u.a. Problemlösestrategien, Selbstsicherheit und Entspannungstechniken vermittelt wurden. Die Präsentation der Inhalte erfolgte u. a. in Form von Manga-Comics. Diese sollte zur Teilnahme an dem Programm motivieren. Darüber hinaus erhielten die Teilnehmer regelmäßige E-Mails, um sie an die Nutzung des Programms zu erinnern. Sie wurden auch gebeten, Hausaufgaben zu machen, zu denen sie eine schriftliche Rückmeldung erhielten.

Die Kontrollgruppe erhielt zunächst nur kurze monatliche E-Mails mit Tipps zur Stressbewältigung, konnte nach 6 Monaten aber auch die internetbasierte psychologische Behandlung nutzen. In der Interventionsgruppe begannen die meisten Patienten (89 %) die internetbasierte Behandlung und etwa 2 Drittel nutzten sogar alle 6 Sitzungen des Programms. Immerhin ein Viertel erledigte auch alle vorgesehenen Hausaufgaben.

Die Studienteilnehmer füllten regelmäßig Fragebögen aus zum Vorliegen einer depressiven Episode (WHO-Composite International Diagnostic Interview – WHO-CIDI) und zu ihren gegenwärtigen depressiven Symptomen (Beck-Depressions-Inventar, BDI). Diese Fragen beantworteten sie 3, 6 und 12 Monate nach Beginn der Studie.

In diesen 12 Monaten entwickelten 3 Teilnehmer der Interventionsgruppe (0,8 %) und 15 Teilnehmer der Kontrollgruppe (3,9 %) eine depressive Episode. Dieser kleine Unterschied war statistisch signifikant. In der Interventionsgruppe kam es vorübergehend auch zu einer geringen, statistisch nicht signifikanten, Abnahme der Depressionsschwere. Der geringe Unterschied zwischen den beiden Gruppen kann möglicherweise auch dadurch erklärt werden, dass die Kontrollgruppe auch E-Mails mit Tipps zur Stressbewältigung bekam und das Internetprogramm bereits während der letzten 6 Monate des Nachbeoachtungszeitraums nutzen konnte.

FAZIT

Internetbasierte psychologische Behandlung kann ohne großen Aufwand einer großen Anzahl an Menschen zur Verfügung gestellt werden. Deswegen eignet sie sich zur Prävention depressiver Episoden bei Angestellten, wie diese Studie überzeugend zeigt. Allerdings müssen wegen der geringen Häufigkeit von neu auftretenden Depressionen sehr viele Menschen das Programm nutzen, damit auch nur einer profitiert. Möglicherweise sollte das Programm daher etwas gezielter Mitarbeitern angeboten werden, die ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer depressiven Episode haben.

Imamura K et al.
Does Internet-based cognitive behavioural therapy (iCBT) prevent major depressive episode for workers? A 12-month follow-up of a randomized controlled trial.

Psychological Medicine 2015;
DOI: 10.1017/S0033291714003006