Psychische Erkrankungen: Hohe ökonomische Kosten

Die ökonomischen Kosten psychischer Erkrankungen belaufen sich für alle 28 Staaten der Europäischen Union (EU) derzeit auf rund 600 Milliarden Euro pro Jahr. Das zeigt ein gemeinsamer Bericht der „Organisation for Economic Cooperation and Development“, (OECD) und der Europäischen Kommission. Ein großer Teil dieser Kosten ist auf niedrigere Beschäftigungsquoten und eine geringere Produktivität von Menschen mit Problemen der psychischen Gesundheit zurückzuführen (1,6 Prozent des EU-BIP oder 260 Milliarden Euro), auf höhere Ausgaben für Sozialversicherungsprogramme (1,2 Prozent des EU-BIP oder 170 Milliarden Euro). Der Rest sind direkte Ausgaben für die Gesundheitsversorgung (1,3 Prozent des EU-BIP oder 190 Milliarden Euro). Deutschland muss laut dem Bericht rund 4,8 Prozent seines Bruttoinlandproduktes (BIP) dafür aufwenden.

Wie der Report weiter zeigt, leiden Deutsche im Vergleich etwas häufiger an psychischen Erkrankungen als andere Europäer. Mit einem Anteil von 18 Prozent Betroffenen lag Deutschland im Jahr 2016 über dem EU-Durchschnitt von 17,3 Prozent. Den größten Anteil davon machten Angststörungen aus, dicht gefolgt von Depressionen sowie Alkohol- und Drogenkonsumstörungen.

Insgesamt litten EU-weit fast 84 Millionen Menschen an psychischen Erkrankungen. Am häufigsten kommen diese der Untersuchung zufolge in Finnland und den Niederlanden vor, am seltensten in Rumänien, Bulgarien und Polen. Die Verfasser weisen jedoch darauf hin, dass international sehr unterschiedlich mit psychischen Problemen umgegangen werde. Dort, wo solche Krankheiten eher als Tabuthema gelten, könne die Dunkelziffer höher sein. 

Gemeinsamer Bundes­aus­schuss erkennt Nutzen der systemischen Therapie an

Eine jahrelange Beratung im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) ist beendet: Mit der Anerkennung des Nutzens und der medizinischen Notwendigkeit der systemischen Therapie bei Erwachsenen als Psychotherapieverfahren hat der G-BA heute ein langjähriges Verfahren der Nutzenbewertung abgeschlossen.

Damit ist die Grundlage gelegt, dass die systemische Therapie im nächsten Verfahrensschritt in die Psychotherapie-Richtlinie aufgenommen werden kann. Der Antrag darauf war bereits im Februar 2013 gestellt worden, der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie setzte sich bereits vor zehn Jahren für die Anerkennung ein. Dieses Verfahren rund um die Methodenbewertung in der Psychotherapie gehört zu den Beratungen im G-BA, das am deutlichsten die vorgeschriebene Dauer überschreitet.

„Bevor Patientinnen und Patienten die systemische Therapie als GKV-Leistung in Anspruch nehmen können, müssen Einzelheiten zur praktischen Anwendung geregelt werden, beispielsweise auch zum Behandlungsumfang“, erklärte Monika Lelgemann, unparteiisches G-BA-Mitglied und Vorsitzende der beiden zuständigen Unterausschüsse Methodenbewertung und Psychotherapie, in einer Mitteilung im Anschluss an die Sitzung. „Wir gehen davon aus, dass dies innerhalb des nächsten Jahres abgeschlossen ist“, so Lelgemann.

Auch der unparteiische Vorsitzende Josef Hecken warnte, nun keine weiteren Zeitverzögerungen mehr zulassen zu wollen und zur Not von seinem gesetzlich zulässigen Steuerungsrecht Gebrauch zu machen. „Ich gebe ausdrücklich zu Protokoll, dass wir in den nächsten sechs Monaten große weitere Schritte gehen und in einer Frist von neun Monaten in die Nähe einer Finalisierung kommen. Das halte ich für machbar“, so Hecken nach der Plenumsentscheidung.

Damit wandte er sich vor allem an die Vertreter der Krankenkassen, die der Anerkennung des Nutzens und der medizinischen Notwendigkeit nicht zugestimmt hatten. Sie plädierten viel mehr für weitere Erprobungsstudien, die etwa drei bis vier Jahre dauern würden, um herauszufinden, welche Verfahren und Krankheitsbilder sich für eine systemische Therapie eignen.

„Wir haben es hier ja nicht mit seltenen Erkrankungen zu tun, sondern mit Krankheitsbildern, für die es bereits sehr viele differenzierte Behandlungsangebote gibt“, so Bernhard Egger vom GKV-Spitzenverband in seiner Argumentation. Während die Krankenkassen gegen die Anerkennung stimmten, votierten die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) sowie die drei Unparteiischen des G-BA für eine Anerkennung. Auch die nicht stimmberechtigten Patientenvertreter sprachen sich für den Beschluss aus.

Vertreter von Patientenorganisationen sowie betroffenen Psychotherapeuten begrüßten die Entscheidung ausdrücklich. „Die Anerkennung der systemischen Therapie durch den G-BA ist eine gute Nachricht für die Patientinnen und Patienten in Deutschland. Das Angebot einer kassenfinanzierten systemischen Therapie bringt eine wichtige Verbesserung des psychotherapeutischen Behandlungsangebotes“, betonte Björn Enno Hermans, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF).

„Wir begrüßen es, dass erstmals nach 31 Jahren wieder ein hoch wirksames Psychotherapieverfahren vor der Aufnahme in den Leistungskatalog der Krankenkassen steht“, erklärte Ulrike Borst, Vorsitzende der Systemischen Gesellschaft.

Bei einer systemischen Therapie werden zusätzlich zu einem oder mehreren Patienten („Indexpatienten“) weitere Mitglieder des für den Patienten bedeutsamen sozialen Systems einbezogen. Die Therapie fokussiert auf die Interaktionen zwischen Mitgliedern der Familie oder des Systems und deren weitere soziale Umwelt.

Sie sieht wechselseitige intrapsychische (kognitiv-emotive) und biologisch-somatische Prozesse sowie interpersonelle Zusammenhänge von Individuen und Gruppen als wesentliche Aspekte von Systemen an. Die Elemente der jeweiligen Systeme und ihre wechselseitigen Beziehungen sind die Grundlage für die Diagnostik und Therapie von psychischen Erkrankungen.

Die systemische Therapie wird mit Aufnahme in die Psychotherapie-Richtlinie – zusammen mit der Verhaltenstherapie, der tiefenpsychologisch fundierten Therapie und der analytischen Psychotherapie – das vierte Psychotherapieverfahren sein, das im Rahmen der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung erbracht werden kann.

Viele Arbeitnehmer mit Kundenkontakt klagen über psychische Belastung

Wer viel mit Kunden, Schülern oder Patienten arbeitet, ist häufiger psychischen Belastungen ausgesetzt. Wie eine heute veröffentlichte Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) ergab, erlebt fast jeder fünfte solcher Beschäftigten häufig psychisch belastende Situationen. Demnach arbeiten zwei Drittel der Arbeitnehmer regelmäßig mit Kundenkontakt. 58 Prozent von ihnen fühlen sich laut Umfrage oft gehetzt.

Für die Studie befragte der DGB 8.000 Beschäftigte. Kontakt nach außen haben am häufigsten Beschäftigte im Dienstleistungssektor wie etwa dem Gesundheitswesen oder Erziehung. Viele von ihnen müssen ihre Gefühle verbergen und mit herablassender Behandlung oder Konflikten umgehen. 41 Prozent der Beschäftigten im Sozialwesen sind häufig oder oft von solchen negativen Situationen betroffen. Im Bereich Unterricht und Erziehung sind es 30 Prozent, im Gesundheitswesen und der Öffentlichen Verwaltung 27 Prozent.

Zwei Drittel der Betroffenen klagen, dass sie vom Arbeitgeber keine ausreichende Unterstützung bekommen, etwa in Form von Geld oder betrieblichen Maßnahmen. „Fakt ist aber, dass ausgerechnet diese gesellschaftlich wichtigen Tätigkeiten zu geringe Wertschätzung erfahren“, erklärte der Vorsitzende der Dienstleistungs­gewerkschaft Verdi, Frank Bsirske. „In welcher Welt leben wir denn, dass sich Arbeitgeber – öffentliche wie private – so einen Umgang mit ihren Beschäftigten leisten dürfen und dann klagen, es gebe nicht genügend Fachkräfte“. Er forderte bessere Personalschlüssel und mehr Gehalt für die Betroffenen.

Neben der psychischen Belastung fragte der DGB auch andere Faktoren zur Arbeitsqualität ab. 45 Prozent der Beschäftigten erwarten, dass ihre Rente nicht, weitere 36 Prozent, dass sie „gerade so“ ausreichen wird. DGB-Chef Reiner Hoffmann forderte deshalb weitere Maßnahmen, die das Rentenniveau anheben und den „Sinkflug“ der gesetzlichen Rente dauerhaft stoppen. „Wir müssen das Vertrauen in die Altersvorsorge wiederherstellen.“

Psychothera­peuten beschließen regelhafte Fernbehandlung mit Face-to-face-Diag­nostik

Der 33. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) hat entschieden, dass künftig eine Fernbehandlung ergänzend im Rahmen einer Psychotherapie grundsätzlich unter Beachtung besonderer Sorgfaltspflichten eingesetzt werden kann. Eine ausschließliche Fernbehandlung von unbekannten Patienten lehnten die Delegierten aber ab.

„Diagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung der Patienten erfordern aber weiterhin den persönlichen Kontakt“, heißt es nun im neu beschlossenen Paragrafen 5 Absatz 5 der Musterberufsordnung (MBO) für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Damit folgten die Delegierten einem Antrag des Vorstands der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Die bisherige Regelung sah vor, dass eine Behandlung über Kommunikationsmedien nur in begründeten Ausnahmefällen durchgeführt werden darf. Die Mitwirkung an Forschungsprojekten, in denen Psychotherapie ausschließlich über das Internet durchgeführt wird, bedarf auch mit der geänderten MBO der Genehmigung durch die Landespsychotherapeutenkammern.

Große Entfernungen können überbrückt werden

Zuvor erläuterte Peter Lehndorfer, Mitglied im Vorstand der BPtK, die Chancen und Risiken der Psychotherapie über Videobehandlung: „Große Entfernungen zwischen Patienten und Psychotherapeut können so überbrückt werden. Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen werden erreicht, die keine Praxis aufsuchen können. Bei einem Umzug des Patienten kann eine Fernbehandlung den Therapeutenwechsel verhindern helfen.“

Die Evidenz rechtfertige inzwischen den Einsatz von Fernbehandlungen – „aber längst nicht für alle“. Auf der anderen Seite könne Onlinepsychotherapie nicht die Probleme der Bedarfsplanung lösen und bedeute auch keine Zeitersparnis für Psychotherapeuten.

Antrag zur ausschließlichen Fernbehandlung abgelehnt

Zur Abstimmung stand auch ein Antrag der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK), der eine ausschließliche Behandlung über Kommunikationsmedien „im Einzelfall“ erlauben wollte, wenn dies psychotherapeutisch vertretbar sei. Dem ablehnenden Votum der Delegierten war eine breite Debatte vorausgegangen.

„Wir wollen Psychotherapeuten zumuten, selbst zu entscheiden, ob sie den Patienten vor einer Fernbehandlung persönlich sehen wollen/müssen oder nicht“, sagte Andrea Mrazek, Präsidentin der OPK.

„Wir sollten uns der Möglichkeit der ausschließlichen Fernbehandlung nicht verschließen“, erklärte Cornelia Beeking, Delegierte aus Nordrhein-Westfalen (NRW). „Der Schaden für die Patienten ist größer, wenn wir sie gar nicht erreichen, dadurch, dass sie in die Praxis kommen müssen“, ergänzte die Berliner Delegierte Eva-Maria Schweitzer-Köhn.

„Zur Diagnostik gehört immer auch das persönliche Gespräch. Der klinische Eindruck ist wichtig, der sich auch im Geruch und im Händedruck zeigt“, sagte hingegen Petra Adler-Corman, NRW, beispielsweise für die Vertreter der Face-to-face-Diagnostik.

„Die Krankenkassen sind sehr erpicht auf die OnlinePsychotherapie ohne uns – wir können uns auch selbst abschaffen“, erklärte Rudi Bittner, Delegierter aus Bayern. „Wir müssen unsere Macht nutzen“, warb BPtK-Vizepräsident Nikolaus Melcop für den Antrag des Vorstands für die regelhafte Fernbehandlung, der schließlich mit großer Mehrheit angenommen wurde.

Psychotherapie braucht wissenschaftlich fundierte psychologische Kompetenzen!

Neue Website der DGPs zur Psychotherapie-Gesetzesreform online

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) bietet auf der neuen Website https://psychotherapie.dgps.de umfassende Informationen rund um die Psychotherapie-Reform. Kernstück ist das Eckpunktepapier der DGPs und des Fakultätentags Psychologie mit Vorschlägen für die Struktur des Studiums nach der Reform: „Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten der Zukunft sollen bereits im Studium sowohl wissenschaftlich als auch praktisch auf diesen Beruf vorbereitet werden“, sagt DGPs-Präsidentin Birgit Spinath. „Das erfordert ein wissenschaftliches Fundament psychologischer Kompetenzen.“

Für das vierte Quartal 2018 wird die Veröffentlichung eines Referentenentwurfs durch das Bundesministerium für Gesundheit zu einer Revision des Psychotherapeutengesetzes erwartet. „Die Psychologie als Basiswissenschaft der Psychotherapie trägt bei der Begleitung der Reform eine besondere Verantwortung“ erklärt Professor Winfried Rief, Vorsitzender der Kommission Psychologie und Psychotherapieausbildung in der DGPs. „Wir haben deshalb Vorschläge ausgearbeitet, wie eine moderne, qualitativ hochwertige Ausbildung in Psychotherapie in die Psychologie-Studiengänge integriert werden kann.“

Das Eckpunktepapier der DGPs und des Fakultätentags Psychologie mit diesen Vorschlägen kann hier eingesehen werden:

https://psychotherapie.dgps.de/aktuelles/meldung/news/eckpunktepapier-der-dgps-z…

Wichtige Kernpunkte des DGPs-Modells sind: (1) eine breite Ausbildung in der akademischen Psychologie, die nach dem Bachelorstudium Wahlmöglichkeiten für alle psychologischen Tätigkeitsfelder lässt; (2) eine vertiefte Ausbildung in einem Master-Studiengang der Psychologie, der eine Spezialisierung in Klinischer Psychologie und Psychotherapie vermittelt und neben der wissenschaftlichen Qualifizierung auch die Vermittlung praktischer Handlungskompetenzen beinhaltet; (3) am Ende des Studiums eine praxisorientierte Approbationsprüfung sowie eine anschließende Weiterbildung zur Vertiefung in wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Behandlungsansätzen entweder des Erwachsenen- oder des Kinder- und Jugendalters.

Kontakt bei Rückfragen:
Prof. Dr. Winfried Rief
Vorsitzender der Kommission Psychologie und Psychotherapieausbildung der DGPs
Ansprechpartner für Details der Psychotherapieausbildung, der Versorgung und alle Fragen rund um die Vernetzung von Psychologiestudium, Psychotherapieausbildung
Tel.: +49 6421 282 3657
E-Mail: riefw@staff.uni-marburg.de

Prof. Dr. Birgit Spinath
Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie
Tel.: +49 6221 547355
E-Mail: Birgit.Spinath@psychologie.uni-heidelberg.de

Pressestelle der DGPs:
Dr. Anne Klostermann
Pressereferentin DGPs
E-Mail: pressestelle@dgps.de
Tel.: 030 280 47718

Über die DGPs:
Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs e.V.) ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Die über 4500 Mitglieder erforschen das Erleben und Verhalten des Menschen. Sie publizieren, lehren und beziehen Stellung in der Welt der Universitäten, in der Forschung, der Politik und im Alltag.
Die Pressestelle der DGPs informiert die Öffentlichkeit über Beiträge der Psychologie zu gesellschaftlich relevanten Themen. Darüber hinaus stellt die DGPs Journalisten eine Datenbank von Experten für unterschiedliche Fachgebiete zur Verfügung, die Auskunft zu spezifischen Fragestellungen geben können.
Wollen Sie mehr über uns erfahren? Besuchen Sie die DGPs im Internet: www.dgps.de

Sollte mein Therapeut mir ähnlich sein?

Psychotherapie wirkt besser, wenn man sich dem Behandler nahe fühlt – oberflächliche Gemeinsamkeiten spielen dafür aber wohl keine große Rolle.

Sollten Frauen lieber zu Psychotherapeutinnen gehen statt zu männlichen Kollegen, ältere Patienten besser zu Behandlern mit größerer Lebenserfahrung? Und macht es für den Erfolg des Verfahrens einen Unterschied, ob Therapeut und Klient einen ähnlichen sozioökonomischen Hintergrund haben? Das versuchte ein chilenisches Forscherteam in einer neuen Studie herauszufinden.

Die Psychologen um Alex Behn von der Päpstlichen Katholischen Universität in Santiago de Chile untersuchten 547 Klienten und 28 Therapeuten, die im Rahmen einer ambulanten Psychotherapie zusammengefunden hatten. Die Vermittlung erfolgte durch ein Gesundheitszentrum vor Ort – die Patienten wurden dabei nicht nach ihren Wünschen gefragt, sondern zufällig einem Behandler zugeteilt. Die Therapeuten arbeiteten mit verschiedenen Verfahren, darunter sowohl Verhaltenstherapie als auch psychodynamische und systemische Ansätze.

Ab der zweiten Sitzung füllten die Klienten jedes Mal einen Fragebogen aus, der die Qualität der Beziehung zwischen ihnen und dem Therapeuten erfassen sollte, mit Statements wie »Ich spüre, dass mein/e Therapeut/in mich schätzt« oder »Mein/e Therapeut/in und ich arbeiten auf Ziele hin, über die wir uns einig sind«.

Die Qualität der therapeutischen Beziehung nahm nach der zweiten Sitzung im Durchschnitt erst einmal ab. Mit der Zeit besserte sie sich aber wieder und überstieg ab dem sechsten oder siebten Treffen das Ausgangsniveau. Ob sich Klient und Therapeut in einem der untersuchten Merkmale ähnlich waren, spielte hierfür keine Rolle. Allerdings schien es vorteilhafter zu sein, wenn die Therapeuten sich in einer etwas jüngeren Altersgruppe befanden als die Klienten. Auch wenn die Behandler ökonomisch bessergestellt waren als ihre Schützlinge, kam das der therapeutischen Beziehung zugute.

Die psychische Gesundheit der Probanden wurde nur am Anfang erfasst, der Ausgang der Therapie floss also nicht in die Analyse ein. Wie Patienten die Allianz mit ihrem Therapeuten einschätzen, hat sich jedoch schon in zahllosen Studien als einer der wichtigsten Faktoren für den Behandlungserfolg entpuppt. Die Ähnlichkeit der demografischen Daten hat diesen Ergebnissen zufolge aber darauf keinen Einfluss. In früheren Studien wurde beispielsweise untersucht, ob es günstig ist, wenn Therapeut und Klient derselben Ethnie angehören – auch hier fanden sich damals keine Vorteile für die therapeutische Beziehung und den Behandlungserfolg.

Unabhängige Empfehlungen zur Therapie der Multiplen Sklerose

Das Qualitätshandbuch des KKNMS ist eine Handreichung für Ärzte, die MS-/ NMOSD-Patienten behandeln. Es enthält Informationen zu Indikation und Kontraindikationen sowie Empfehlungen zu Untersuchungen vor, während und nach der Therapie mit Glatirameracetat, Interferon-beta, Dimethylfumarat, Teriflunomid, Alemtuzumab, Daclizumab, Fingolimod, Mitoxantron, Natalizumab sowie zur Schubtherapie und zur Therapie in Spezialsituationen (u. a. Schwangerschaft, Reisen, Impfungen). Neu hinzugekommen ist das Kapitel NMOSD mit Diagnoseinformationen und Therapieempfehlungen zu Rituximab und Azathioprin.

Das Qualitätshandbuch können Sie hier als PDF abrufen. Derzeit wird es aktualisiert, daher findet kein Versand der Druckausgabe mehr statt. Das überarbeitete Handbuch erscheint zum diesjährigen DGN-Kongress (ab 30.10.2018) in digitaler Version.

Zusätzlich ist im Januar 2018 ein Kapitel zu Cladribin erschienen, das Sie hierabrufen können. Es wird in die nächste Druckausgabe des Qualitätshandbuchs aufgenommen.

Patientenaufklärungsbögen

Außerdem stellt das KKNMS Patientenaufklärungsbögen zu den einzelnen MS-Therapien bereit, die Sie hier herunterladen können:

Patietenaufklärungsbögen zu den NMOSD-Therapien können Sie hier herunterladen:

Patientenhandbücher

Seit Mai 2018 stellt das KKNMS gemeinsam mit der DMSG leicht verständliche Patientenhandbücher zu den vier Immuntherapeutika Alemtuzumab, Cladribin, Dimethylfumarat und Teriflunomid zur Verfügung. Nähere Informationen sowie die PDF-Dateien der Broschüren finden Sie hier. Printversionen für Ihre Patienten können Sie über unser Bestellformular beziehen.

App rundet Service-Angebot ab

Das KKNMS hat in Ergänzung zum gedruckten Handbuch eine App für Smartphones und Tablet PCs entwickelt. Alle Inhalte der Druckversion sind darin enthalten. Zusätzlich umfasst die App eine interaktive Umsetzung der Workflowtabellen, die SOP zur MS-Erstdiagnose, das Stufentherapieschema und eine automatische Berechnung des Behinderungsgrads (EDSS) nach Kurtzke. Die App ist kostenfrei und sowohl im App Store als auch bei Google Play verfügbar.

Produktion und Versand des Qualitätshandbuchs werden durch Spenden an den KKNMS e.V. finanziert. Leisten Sie einen Beitrag, damit wir auch nächstes Jahr eine Neuauflage des Handbuchs realisieren können >> zur Onlinespende

Bewegung verbessert die psychische Gesundheit – jedoch nur im zeitlichen Rahmen

Menschen, die sich sportlich betätigen, berichten seltener über depressive Phasen oder eine zuvor diagnostizierte Depression. In einer Beobachtungsstudie mit 1,2 Millionen US-Bürgern hatten Mannschaftssportarten, Radfahren, Aerobic und der Besuch des Fitnessstudios den größten Effekt, berichten Forscher in The Lancet Psychiatry (2018; doi: 10.1016/S2215-0366(18)30227-X).

Die Studienteilnehmer hatten 2011, 2013 und 2015 die Umfrage zum Behavioural Risk Factor Surveillance System abgeschlossen. Sie mussten schätzen, wie viele Tage sie ihre psychische Gesundheit im vergangenen Monat als „nicht gut“ bewerten würden, basierend auf Stress, Depressionen und emotionalen Problemen.

Im Durchschnitt fühlten sich die Teilnehmer jeden Monat 3,4 Tage „nicht gut“. Wer sich nicht bewegte, klagte monatlich 1,5 Tage mehr über eine schlechte psychische Gesundheit (Reduktion um 43,2 %; 2,0 Tage versus 3,4 Tage). Bewegung verringerte depressive Tage bei Personen, bei denen eine diagnostizierte Depression vorlag, um 3,75 Tage verglichen mit nicht trainierten Personen (Reduktion um 34,5%; 7,1 Tage versus 10,9 Tage).

Dabei zeigten alle Formen der Bewegung einen positiven Effekt – allen voran Mannschaftssport, der die psychischen Gesundheitstage um 22,3 % verringerte, Radfahren um 22,6 % und Aerobic und Fitnesstraining um 20,1 %. Selbst Hausarbeit ging mit einer besseren psychischen Gesundheit einher. Die psychisch belasteten Tage sanken um etwa 10 %.

Mehr Bewegung ist nicht immer besser

Den größten Effekt erzielten Teilnehmer, die 3- bis 5-mal pro Woche 45 Minuten trainierten. Wer sich jedoch mehr als 3 Stunden pro Tag körperlich betätigte, hatte sogar eine schlechtere psychische Gesundheit als jene, die sich gar nicht bewegten.

Die Studie umfasste 75 Arten körperlicher Aktivität, von Kinderbetreuung, Hausarbeit, Rasenmähen und Angeln bis hin zu Radfahren, Fitness, Laufen und Skifahren.

„Bewegung ist mit einer geringeren psychischen Belastung für Menschen verbunden, unabhängig von Alter, Rasse, Geschlecht, Haushaltseinkommen und Bildungsniveau“, sagt Adam Chekroud von der Yale University.

Nicht alle früheren Untersuchungen zur Auswirkungen von körperlicher Bewegung auf die psychische Gesundheit können dieses Ergebnis bestätigen. Eine Studie in BMJ mit 361 Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 69 Jahren konnte keinen positiven Einfluss auf Depressionen feststellen. Und auch Forscher der University of Cambridge fanden keinen Zusammenhang bei mehr als 700 Jugendlichen (Jama Pediatrics 2014).

Bewegung könnte mehr bewirken als soziale Faktoren

Im Vergleich zu Bewegung konnten soziale oder demografische Faktoren einen geringeren Einfluss auf die psychische Gesundheit nehmen. So hatten Menschen mit einer Collegeausbildung etwa eine 17,8-prozentige Reduktion schlechter psychischer Gesundheitstage im Vergleich zu Menschen ohne Bildung; ähnlich groß war der Vorteil für Menschen, die mehr als 50.000 US-Dollar verdienen verglichen mit Menschen, die weniger als 15.000 US-Dollar verdienen. Besonders gering war der Zusammenhang mit dem BMI: Ein normaler BMI ging mit einer Reduktion von 4 % einher im Vergleich zu Menschen, die übergewichtig waren.

Güte- und Mitgefühls-Meditationen können auch gegen ernste psychische Erkrankungen helfen

Übersichtsarbeit zeigt die Wirksamkeit z.B. bei Depression, Suizidversuchen, und Borderline-Störung

Auch schwere psychische Störungen wie Borderline-Störungen, Depressionen oder Schizophrenie lassen sich mit den beiden Methoden „compassion-based interventions“ (CBIs) und „Loving Kindness Meditation“ (LKM) behandeln und lindern. Das ist das Ergebnis einer Übersichtsarbeit von Johannes Graser, Universität Witten/Herdecke (UW/H), und Ulrich Stangier von der Frankfurter Goethe-Universität.

Aus über 9.000 Arbeiten, die zu diesem Forschungsfeld veröffentlich wurden, haben die beiden die 26 Studien ausgewählt, die strenge Kriterien erfüllten und klinische Stichproben behandelten. „ In diesen wenigen Studien zeigen die beiden Methoden gute Wirkung“, fasst Johannes Graser das Ergebnis zusammen. Wenn man ins Detail geht, zeigt sich, dass neben den Effekten auf die Symptomatik der Störungen CBIs vor allem auch gegen Selbst-Abwertung und Scham gut helfen. LKM steigert den positiven Affekt, also die Häufigkeit von Glücklichsein, positiver Stimmung oder Optimismus. Die Studie ist jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Harvard Review of Psychiatry (impactfactor 3.264) (doi: 10.1097/HRP.0000000000000192 oder https://journals.lww.com/hrpjournal/Abstract/2018/07000/Compassion_and_Loving_Ki…) erschienen.

Die Forschung hat bisher häufig die Wirksamkeit von achtsamkeitsbasierten Therapieverfahren bestätigt. Das sind zum Beispiel Verfahren wie die Mindfulness-based Stress-Reduction (MBSR) oder die Mindfulness-based Cognitive Therapy (MBCT). Weniger gut war bisher die Forschungslage bei Meditations- und Therapieformen, die zur Entwicklung von Güte (s.o.) und Mitgefühl entwickelt wurden. „Wir erreichen heute nur bei ca. 60 Prozent der Patienten, die an Borderline oder chronischer Depression leiden nachhaltige und deutliche Linderung der Symptomatik. Wissenschaftler und Therapeuten suchen daher mit großem Nachdruck nach neuen Ansätzen, die helfen können“, ordnet Graser die Situation ein. Das war Auslöser dieser Untersuchung.

CBIs bauen darauf auf, dass Menschen das Leid anderer wahrnehmen und eine Motivation entwickeln, dieses Leid zu verringern. Auch eine mitfühlende Haltung gegenüber der eigenen Person und dem eigenen Leid soll kultiviert werden. In der LKM wird zunächst versucht, positive Wünsche wie das Glücklich-Sein, Sorgenfreiheit, Freiheit von Leid anderen Menschen zukommen zu lassen. „Die Patienten nehmen das gut an, haben aber häufig Schwierigkeiten, sich selbst gute Wünsche zukommen zu lassen“, erklärt Graser das Therapieproblem. Wie Therapeuten mit diesem Widerstand umgehen können, ist ebenfalls Teil der Übersichtsarbeit. Außerdem deuten manche der Studien darauf hin, dass die Ansätze von CBIs und LKM auch bei Angststörungen, chronischen Schmerzen und post-traumatischem Stress helfen können. „Es wird jedoch noch einige Forschung nötig sein, um genau zu klären, wie die Techniken im therapeutischen Alltag angewendet werden können, um möglichst effektiv verschiedenen Patientengruppen helfen zu können“, sagt Graser.

Weitere Informationen bei Dipl.-Psych. Johannes Graser, 02302- 926 883, johannes.graser@uni-wh.de

Über uns:
Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als Modelluniversität mit rund 2.400 Studierenden in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit Werteorientierung und Persönlichkeitsentwicklung.

Witten wirkt. In Forschung, Lehre und Gesellschaft.

www.uni-wh.de / #UniWH / @UniWH

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dipl.-Psych. Johannes Graser, 02302- 926 883, johannes.graser@uni-wh.de

Originalpublikation:
doi: 10.1097/HRP.0000000000000192

Fachgesellschaft sieht Nutzen von Online­interventionen bei Depressionen und Angststörungen als gut belegt an

Der Nutzen von Onlineangeboten zur Intervention ist bei einigen psychiatrischen Indikationen gut belegt. Bisher aber fehlen einheitliche Standards zu Qualität, Patientensicherheit und Finanzierung solcher Angebote. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) zusammen mit dem Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM).

Die meisten Erkenntnisse liegen danach für Interventionen bei Depressionen und Angststörungen vor. „Hier haben verschiedene Onlineprogramme in Studien ihre Wirksamkeit und nachhaltigen Effekte bewiesen – und zwar in vergleichbarer Qualität mit konventioneller Psychotherapie“, berichten die Fachgesellschaften.

Therapeutenunterstützt ist sinnvoll

Meist handle es sich dabei um therapeutenunterstützte Programme – das heißt, der Patient durchlaufe das Therapieprogramm weitestgehend selbstständig, erhalte aber regelmäßig Rückmeldung durch einen Therapeuten, der auch für Fragen zu Verfügung stehe. Digitale Anwendungen kämen außerdem ergänzend zur klassischen Therapie und in der Nachsorge zum Einsatz, etwa in der Rückfallprävention von Essstörungen und bei Adipositas.

Insbesondere für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen haben sich laut DGPM und DKPM Serious Games als wirksam erwiesen, in denen Therapieinhalte spielerisch vermittelt würden. Außerdem würden E-Mental-Health-Anwendungen für die Behandlung posttraumatischer Belastungs­störungen erforscht und vereinzelt eingesetzt. „Ungeeignet sind digitale Anwendungen, wenn sich Menschen in akuten, schweren Krisensituationen befinden“, betonte Stephan Zipfel, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Tübingen.

Im Allgemeinen gelte: Der therapeutische Effekt bei Onlineverfahren mit therapeutischer Unterstützung sei höher als bei Programmen, die ohne Kontakt zu einem Therapeuten angelegt seien. Angebote, die eine sehr niedrige Zugangsschwelle hätten, also beispielsweise anonym und ohne vorherigen Abklärungsprozess mit einem Therapeuten gestartet werden könnten, würden zwar gerne genutzt, aber oft auch wieder abgebrochen.

Angebote mit höherer Zugangsschwelle hätten sich in Studien als nachhaltiger erwiesen, das gelte vor allem bei Programmen zur Behandlung einer Depression. „Generell ist eine vorgeschaltete Diagnostik durch einen Facharzt empfehlenswert, bei der sich dieser einen ausreichenden Eindruck vom Patienten und seinem körperlichen und psychischen Zustand und seiner sozialen Einbindung machen kann“, empfiehlt Zipfel.

Problem der Vielfalt

Die Onlinetherapie von Patienten mit psychiatrischen Störungen ist aber nicht unumstritten: So warnte die zweite stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayerns, Claudia Ritter-Rupp, Mitte März auf einer KV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung vor einer „unüberschaubaren Angebotsvielfalt“ an psychotherapeutischen Interventionen im Onlinebereich, die momentan von einigen Krankenkassen vorangetrieben würden.

Auch wenn die ökonomischen Aspekte für Anbieter und Krankenkassen reizvoll seien, könne der fehlende reale Patientenkontakt gerade bei psychischen Erkrankungen dazu führen, dass diese nicht erkannt oder verharmlost würden. Dies könne zu einer krisenhaften Zuspitzung oder zur Chronifizierung von psychischen Leiden führen, warnte sie.