Fachgesellschaft sieht Nutzen von Online­interventionen bei Depressionen und Angststörungen als gut belegt an

Der Nutzen von Onlineangeboten zur Intervention ist bei einigen psychiatrischen Indikationen gut belegt. Bisher aber fehlen einheitliche Standards zu Qualität, Patientensicherheit und Finanzierung solcher Angebote. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) zusammen mit dem Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM).

Die meisten Erkenntnisse liegen danach für Interventionen bei Depressionen und Angststörungen vor. „Hier haben verschiedene Onlineprogramme in Studien ihre Wirksamkeit und nachhaltigen Effekte bewiesen – und zwar in vergleichbarer Qualität mit konventioneller Psychotherapie“, berichten die Fachgesellschaften.

Therapeutenunterstützt ist sinnvoll

Meist handle es sich dabei um therapeutenunterstützte Programme – das heißt, der Patient durchlaufe das Therapieprogramm weitestgehend selbstständig, erhalte aber regelmäßig Rückmeldung durch einen Therapeuten, der auch für Fragen zu Verfügung stehe. Digitale Anwendungen kämen außerdem ergänzend zur klassischen Therapie und in der Nachsorge zum Einsatz, etwa in der Rückfallprävention von Essstörungen und bei Adipositas.

Insbesondere für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen haben sich laut DGPM und DKPM Serious Games als wirksam erwiesen, in denen Therapieinhalte spielerisch vermittelt würden. Außerdem würden E-Mental-Health-Anwendungen für die Behandlung posttraumatischer Belastungs­störungen erforscht und vereinzelt eingesetzt. „Ungeeignet sind digitale Anwendungen, wenn sich Menschen in akuten, schweren Krisensituationen befinden“, betonte Stephan Zipfel, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Tübingen.

Im Allgemeinen gelte: Der therapeutische Effekt bei Onlineverfahren mit therapeutischer Unterstützung sei höher als bei Programmen, die ohne Kontakt zu einem Therapeuten angelegt seien. Angebote, die eine sehr niedrige Zugangsschwelle hätten, also beispielsweise anonym und ohne vorherigen Abklärungsprozess mit einem Therapeuten gestartet werden könnten, würden zwar gerne genutzt, aber oft auch wieder abgebrochen.

Angebote mit höherer Zugangsschwelle hätten sich in Studien als nachhaltiger erwiesen, das gelte vor allem bei Programmen zur Behandlung einer Depression. „Generell ist eine vorgeschaltete Diagnostik durch einen Facharzt empfehlenswert, bei der sich dieser einen ausreichenden Eindruck vom Patienten und seinem körperlichen und psychischen Zustand und seiner sozialen Einbindung machen kann“, empfiehlt Zipfel.

Problem der Vielfalt

Die Onlinetherapie von Patienten mit psychiatrischen Störungen ist aber nicht unumstritten: So warnte die zweite stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayerns, Claudia Ritter-Rupp, Mitte März auf einer KV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung vor einer „unüberschaubaren Angebotsvielfalt“ an psychotherapeutischen Interventionen im Onlinebereich, die momentan von einigen Krankenkassen vorangetrieben würden.

Auch wenn die ökonomischen Aspekte für Anbieter und Krankenkassen reizvoll seien, könne der fehlende reale Patientenkontakt gerade bei psychischen Erkrankungen dazu führen, dass diese nicht erkannt oder verharmlost würden. Dies könne zu einer krisenhaften Zuspitzung oder zur Chronifizierung von psychischen Leiden führen, warnte sie.