Experten: Roboter-Therapeuten brauchen Regeln

Künstliche Intelligenz (KI) wird bei psychischen Erkrankungen eingesetzt –  doch für die Roboter fehlen bisher umfassende ethische Regeln. Darauf weist eine am Mittwoch veröffentlichte Studie der Technischen Universität München hin. Untersucht worden sei darin erstmals, wie „verkörperte KI“ die Behandlung psychischer Erkrankungen unterstütze. Wichtige ethische Fragen zu dieser Technologie seien jedoch unbeantwortet. Es bestehe dringender Handlungsbedarf für Regierungen, Fachverbände und Forschung, so das Fazit.

Der Universität zufolge werden etwa Roboter-Puppen eingesetzt, mit denen autistische Kinder lernen, Menschen besser zu verstehen. Computergenerierte Avatare wiederum helfen, mit Halluzinationen umzugehen. Dazu kommen virtuelle Chats, die Unterstützung bei Depressionen bieten. Die Menschen interagierten mit einem künstlichen Gegenüber, wodurch neue Dynamiken entstünden. Diese Anwendungen hätten „enormes Potenzial“, heißt es. Sie könnten mehr Menschen Zugang zu einer Behandlung bieten, weil sie nicht an bestimmte Zeiten und Orte gebunden seien.

Künstliche Intelligenz darf nicht zu einer günstigen Alternative werden

Einigen Betroffenen fällt es zudem leichter, mit der KI zu kommunizieren als mit einem menschlichen Gegenüber, wie die Studie ergab. Doch Amelia Fiske, die daran mitwirkte, warnte, verkörperte KI dürfe kein billiger Ersatz für eine Behandlung durch reale Ärztinnen und Ärzte sein. Ihrer Ansicht nach ist es dringend nötig, die Vorteile dieser Technologien zu nutzen, zugleich aber die Nachteile zu vermeiden. Der Professor für Psychosomatische Medizin, Peter Henningsen, forderte, das Thema auch im Medizinstudium zu behandeln.

Derzeit werden laut der Professorin für Ethik der Medizin und Mitglied des Deutschen Ethikrates Alena Buyx bereits vermehrt Leitlinien für KI erstellt. Aus ihrer Sicht braucht es aber fachspezifische Regeln für therapeutische KI-Anwendungen: „Wenn die Programme beispielsweise erkennen können, ob Patienten Suizidgedanken haben, dann müssen sie, genau wie Therapeutinnen und Therapeuten, im Ernstfall klare Warn-Protokolle befolgen.“

Bisher gebe es auch kaum Erkenntnisse, wie sich der Kontakt mit KI auf Menschen auswirke, so Buyx. Womöglich lerne etwa ein Kind mit einer Störung aus dem Autismus-Spektrum durch den Kontakt mit einem Roboter nur, wie man besser mit diesem umgehe, nicht aber mit Menschen. 

Schön-Klinik Bad Arolsen: Bei Depression und Essstörungen steckt der Therapeut auch im Handy

Bad Arolsen. Psychotherapie am Computer, Online-Hilfe bei Depression oder Essstörung, geht das? – Die Psychotherapeuten der Schön-Klinik beantworten beide Fragen mit einem eindeutigen „In bestimmten Fällen, ja!“ und verweisen auf das von ihnen entwickelte System MindDoc.de

 „Online-Intervention in der psychotherapeutischen Versorgung“ lautete der Titel einer Fortbildungsveranstaltung in den Räumen der Klinik. Zehn interessierte Psychotherapeuten aus Nordhessen und dem angrenzenden Ost-Westfalen nutzten dabei die Gelegenheit, sich vom Psychotherapeuten Bernhard Backes und der Leitenden Psychologin der Klinik, Stephanie Brausewetter, in die nicht nur für medizinische Laien erstaunlichen technischen Neuerungen auf diesem Gebiet einführen zu lassen. 

Einige dieser online-basierten Therapie-Tools wurden von den Experten der Schön Klinik in Bad Arolsen im Rahmen eines von der EU-geförderten Forschungsprojektes entwickelten MindDoc-Systems einführen.

Minddoc gilt als erste vollwertige Psychotherapie, die über das Internet erfolgt. Das System ist nach den Richtlinien der Psychotherapeutenkammer zertifiziert und beachtet alle Aspekte der Datensicherheit. Die Server stehen in Deutschland und unterliegen deutschem Datenschutzrecht. Die Kommunikation zwischen Therapeut und Patient erfolgt über eine End-to-End-Verschlüsselung mittels einer eigenen App. Skype oder gar Messengerdienste gelten als viel zu offen und unsicher.

Ganz ohne menschlichen Kontakt funktioniert aber auch diese Online-Therapie nicht: Patienten, die diese niedrigschwellige Therapie gegen ihre Depression, Angst- oder Essstörung nutzen wollen, müssen sich zunächst bei einem Psychotherapeuten, der mit der Schön-Klinik kooperiert einem zweimal 50-minütigem Diagnose-Gespräch unterziehen. Dabei werden die Symptome erfragt und die Therapiefähigkeit abgeklärt.

Wie kann der Therapeut Kontakt aufnehmen?

Danach können die Patienten ähnlich wie bei der klassischen ambulanten Therapie einmal oder mehrmals wöchentlich mit ihrem Therapeuten in der Schön-Klinik in Online-Kontakt treten. Das geht über ein besonderes Programm verschlüsselt von Computer zu Computer. Dabei sehen sich Therapeut und Patient auf dem Bildschirm und sprechen wie bei einem Praxisbesuch miteinander. Am Ende einer solchen Sitzung kann der Therapeut dem Patienten eine „Hausaufgabe“ mitgeben, genauso wie dies bei jeder Therapie üblich ist.

Die Fragebögen und Online-Tagebücher können am PC oder auf der Handy-App bearbeitet werden. So können Patienten auch unauffällig etwa im Bus oder im Zug ihre Aufgaben lösen ohne für jedermann sichtbar große Fragebögen auszufüllen.

Eventuell notwendige Krisengespräche lassen sich schneller und unkomplizierter vereinbaren und abwickeln. Allerdings kann ein Video-Gespräch immer nur vom Therapeuten begonnen werden. Der Patient aber, der etwa beieiner schweren Depression, das Bett nicht verlassen möchte. muss nicht das Haus verlassen und findet schnell einen kompetenten Ansprechpartner.

Wie können Apps bei der Behandlung von Essstörungen helfen?

In das Minddoc-System integriert ist die App „Recovery Record“ für die Behandlung von Esstörungen. Mit Hilfe dieser App können die Patienten zeitnah Buch führen über die Mahlzeiten, die sie aufgenommen haben, über die Gefühle, die sie dabei empfanden und viele Aspekte mehr.

Der Vorteil: Fast jeder Patient führt ohnehin ständig ein Smartphone mit sich. Deshalb gebe es keine Hürde, die überwunden werden muss. Kern von „Recovery Record“ ist ein Ernährungsprotokoll, das den behandelnden Medizinern genau aufzeigt, welche Fortschritte der Patient mit seinen Essstörungen macht. Automatisiert gibt die App positives, ermutigendes Feedback und formuliert Tipps, was als nächstes zu tun ist.

Bei der Behandlung von Angststörungen setzt die Schön-Klinik die neuste Generation von 3-D-Brillen ein, mit denen dem Gehirn ein „Virtual Reality“, also eine virtuelle Wirklichkeit vorgegaukelt wird. Diese Anwendungen, die an moderne Computerspiele erinnern, eignen sich dazu, Patienten mit einer Angst vor Menschenansammlungen oder einer Sprechhemmung vor Publikum ihrer individuellen Angstsituation auszusetzen. 

„Dr. Google“ kann erste Hinweise geben

Bernhard Backes: „Diese Programme simulieren einen Vortrag vor einem Publikum, das sich langweilt, gähnt oder provozierende Fragen stellt. Damit kann man die tollsten Sachen trainieren.“ Im Rahmen seines Vortrags stellte dertechnikbegeisterte Psychotherapeut auch eine Auswahl anderer Online-Angebote zur Psychotherapie vor. Einige dieser Angebote stammten von Krankenkassen und seien nicht zertifiziert: „Da weiß man nicht, wer die Daten sammelt und was damit geschieht.“ Andererseits seien die niedrigschwelligen Angebote zur Selbsteinschätzung auch eine gute Hilfe, seine eigene Behandlungsbedürftigkeit einzuschätzen. Der allgegenwärtige „Dr. Google“ habe durchaus seine Berechtigung wenn die dort gewonnenen Erkenntnisse dazu dienten, recht bald einen richtigen Mediziner aufzusuchen.

Als allgemein zugängliche Programme zur Selbsthilfe listete Backes Moodpath, Self-apy, Moodgym, iFightDepression, deprexis24 oder bei Essstörungen Jourvie auf. Manche Apps seien kostenlos, andere nur gegen Lizenzgebühr nutzbar. Gegen ein kritisches Ausprobieren spreche nichts, so der erfahrene Online-Therapeut.

Wenn denn diePrognose der Weltgesundheitsorganisation WHO stimme, wonach im Jahr 2030 Depressionen die größte Krankheitslast ausmachen, dann könnten gar nicht so viele Therapeuten ausgebildet werden wie nötig seien. Dann führe langfristig kein Weg an Online-Interventionen vorbei.

Pro und Contra: Sind internet- und mobilbasierte Interventionen sinnvoll bei psychischen Störungen?

Mit fortschreitender Digitalisierung werden zunehmend internet- und mobil­basierte Selbstmanagement-Interventionen (IMI) für psychische Störungen angeboten, vornehmlich bei leichten bis mittelschweren Depressionen oder Angsterkrankungen. Beispiele dafür sind die von diversen Krankenkassen angebotenen Programme Deprexis oder moodgym, Ifightdepression von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, oder auch Apps, die sich jeder herunterladen kann, wie zum Beispiel moodpath. Befürworter und Bedenken­träger solcher Anwendungen halten sich zurzeit die Waage.

Philipp Klein: Auch Selbstmanagement-Interventionen führen zu einer messbaren und andauernden Verbesserung der psychischen Beschwerden.

Das wichtigste Beispiel für IMIs sind Selbstmanagement-Interventionen. Sie vermitteln Kenntnisse aus der Psychotherapie nicht durch einen Therapeuten, sondern durch ein internetbasiertes Computerprogramm. Der Einsatz dieser Interventionen sollte sich nach der Studienlage und der Diagnose richten, die idealerweise vor Nutzung der Intervention gesichert wird.

Jan Philipp Klein, Leitender Oberarzt, Zentrum für Integrative Psychiatrie ZiP gGmbH, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein /Malte Joost, GEO.de

Die Studienlage ist insbesondere bei Depressionen und Angsterkrankungen sehr gut. Die Studien zeigen beispielsweise, dass Selbstmanagement-Interventionen besonders geeignet sind für Menschen mit psychischen Störungen, die gegenwärtig nicht in Behandlung sind. Denn eine fehlende Behandlung bei bestehender psychischer Störung kann verschiedene Gründe haben. Viele Betroffene ziehen es vor, ihre psychische Störung aus eigener Kraft zu überwinden. Für diese Menschen kann eine Selbstmanagement-Intervention eine sinnvolle Alternative zur Psychotherapie im persönlichen Kontakt sein. Denn auch Selbstmanagement-Interventionen führen zu einer messbaren und andauernden Verbesse­rung der psychischen Beschwerden.

Sie eignen sich darüber hinaus als Ergänzung zu einer ambulanten oder stationären Psychotherapie. In diesem Fall können sie die Wirksamkeit der Psychotherapie steigern. Studien geben aber auch Hinweise darauf, in welchen Fällen der Einsatz von Selbstmanagement-Interventionen an seine Grenzen stößt: Beispielsweise sind diese Interventionen weniger wirksam bei Menschen, die einer Psychotherapie im persönlichen Kontakt mehr vertrauen oder bei Menschen, die auf der Warteliste für eine Psychotherapie stehen. Das bedeutet, dass diese Interventionen trotz ihrer nachgewiesenen guten Wirksamkeit keinesfalls immer als Behandlung der ersten Wahl angesehen werden können. Ferner sollten nur Programme zum Einsatz kommen, deren Wirksamkeit in randomisierten Studien gezeigt wurde.

Timo Beeker: Unspezifisch konstruierte Eingangstests suggerieren Usern einen höheren als tatsächlich bestehenden Hilfsbedarf.

IMI für psychische Störungen werden medial und in der Fachwelt oftmals einhellig begrüßt. Dabei gerät allzu leicht aus dem Blick, dass es sich bei ihnen nicht nur um ein Hilfsangebot handelt, sondern auch um ein lukratives Geschäftsmodell, hinter dem Start-Up-Unternehmen und Investorengelder stehen.

Timo Beeker, Assistenzarzt, Hochschulklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Brandenburg /privat

Besondere Skepsis ist gegenüber sogenannten Psycho­therapie-Apps angezeigt, die versprechen, vollautomati­siert eine ähnliche Wirkung wie eine herkömmliche Verhaltenstherapie zu erzielen. Bereits aus dem Aufbau dieser Anwendungen wird der Einfluss expansiver Marktlogik ersichtlich: Unspezifisch konstruierte Eingangs­tests suggerieren Usern einen höheren als tatsächlich bestehenden Hilfs­bedarf. Dadurch werden gezielt Menschen angesprochen, die lediglich unter lebens­bedingungs- oder stressassoziierten Allgemein­beschwerden leiden. Nichtsdestotrotz erfolgt die Interaktion mit den Programmen unter der Hypothese, die subjektiven Beschwerden seien in Wirklichkeit Symptome einer Erkrankung. Diese subtile Umdeutung des eigenen Befindens kann schnell in Selbstpatholo­gisierung umschlagen. Spätestens wenn die Beschwer­den nachlassen, was ohnehin zumeist spontan geschieht, scheint der Beweis erbracht, dass man wohl tatsächlich krank gewesen ist. Diese per self-fulfilling prophecy gewonnene Überzeugung sichert die zukünftige Kundentreue und erhöht zugleich das Risiko, dass User auch im analogen Gesundheitssystem eigentlich inadäquate Diagnosen erhalten.

Angesichts des expandierenden psychiatrischen Versorgungssystems und der inflationären Vergabe psychiatrischer Diagnosen sollte dies Anlass zur Sorge bieten. Ähnlich wie der Antidepressiva-Boom in den 1990er-Jahren könnten IMI für psychische Störungen eine neue Welle der Psychiatrisierung von Gesellschaft und individuellen Lebenswelten auslösen.

„Depression ist ein Massenthema“

Jeder zweite Psychotherapie-Patient bekommt keine Behandlung. Nora Blum hat ein Online-Portal zur Selbsthilfe aufgebaut.

Frau Blum, wie geht’ s Deutschland, psychisch gesehen?

Nora Blum: Verbesserungswürdig. Es gibt in Deutschland noch immer sehr viele Menschen, die unter psychischen Erkrankungen leiden. Um die zehn Millionen Menschen haben Angststörungen und Depressionen. Diese Zahl ist seit Langem in etwa konstant, nur die Offenheit ist größer geworden. Die Anzahl derer, die Hilfe in Anspruch nehmen wollen, steigt. Viele davon bekommen diese Hilfe aber nicht.

Sie kommen aus einer Familie von Psychologen, richtig?

Meine Mutter ist Psychotherapeutin, mein Onkel Psychoanalytiker. Mein Bruder ist mittlerweile Life-Coach. Bei uns zu Hause am Esstisch war Psychologie ständig Thema. Meine Mutter hat uns schon früh Techniken beigebracht, wie wir es selbst schaffen, uns besser zu fühlen. Zum Beispiel, wenn ich nicht schlafen konnte.

Was haben Sie dann gemacht?

Viele Menschen geraten in eine Gedankenspirale. Das kennt jeder: Was muss ich morgen alles machen, hab ich dies und jenes bedacht? Es ist ein einfacher Trick, aber er hilft: vor dem Schlafengehen seine Gedanken externalisieren. Alles aufschreiben, dann ist das Wirrwarr nicht im Kopf, und auch hinzufügen, was man tun will, damit alles funktioniert. Ich war immer schon proaktiv, um zu schauen, wie ich Dinge ändern kann. Ich habe zum Beispiel eine Liste meiner Ressourcen angelegt, die half mir, wenn ich traurig war. Ich bin davon überzeugt, dass das eine gute Präventivarbeit gegen psychische Erkrankungen ist.

Was kam noch am Esstisch zur Sprache?

Gefühle wurden immer ausdiskutiert. Ich habe das als Privileg empfunden. Ich wurde zwar bedauert, schließlich ist meine Mutter auch Paar- und Sexualtherapeutin. Aber wenn meine Freundinnen bei uns anriefen, wollten sie oftmals nur mit ihr sprechen. Sie meldeten sich wegen ihres Liebeskummers, und dann schrieb meine Mutter mit ihnen Listen.

Ihr Berufswunsch war also früh klar?

Ich konnte gar nicht verstehen, wie jemand etwas anderes als Psychologie machen wollen könnte. Für mich gab es immer schon nichts Spannenderes als herauszufinden, warum wir uns so verhalten, wie wir uns verhalten. Ich habe die Entscheidung nie bereut, das Fach zu studieren. Ich fand alles spannend.

Dafür brachten Sie ein gutes Abitur mit?

Ich war schon immer eine Streberin. Ich habe einfach gerne gelernt. Ich habe die Abiturnote 1,0 gemacht und wurde deshalb für ein Stipendium vorgeschlagen. Ich habe dann im englischen York meinen Bachelor gemacht und bin für den Master nach Cambridge gegangen. Dort hatten viele Psychologen, die ich bewunderte, studiert. Ich habe mich auf Sozialpsychologie und Hirnforschung fokussiert. Um das Stipendium zu behalten, musste ich stets zu den besten zehn Prozent gehören.

Was kam danach?

Ich wollte nicht direkt in die Klinische Psychologie. Und eigentlich wollte ich erst einmal etwas anderes, Aufregendes machen. So bin ich beim Startup-Inkubator Rocket Internet gelandet, in der Abteilung, die die unterschiedlichen Unternehmen aufbaut.

Ganz ohne betriebswirtschaftliche Kenntnisse?

Ich musste in kurzer Zeit sehr viel lernen. Das hat mir als Gründerin später sehr geholfen. Mein erstes Projekt war gleich Foodora. Die wuchsen rasend schnell, jede Woche verdoppelte sich die Mitarbeiterzahl. Meine Mutter meinte schon zu mir: Es ist ja in Ordnung, wenn du viel arbeitest, aber muss es unbedingt ein Essens-Lieferservice sein? Und auch ich dachte mir, dass ich eigentlich gerne wieder etwas mit Psychologie machen wollte.

Sie bekamen die Idee für Ihr Online-Soforthilfe-Portal gegen psychische Belastungen.

An Selfapy arbeitete ich zu der Zeit schon intensiv am Wochenende. Das Versorgungsdefizit in Deutschland ist riesengroß. Jeder zweite Patient bekommt keine Behandlung. Die Wartezeit beträgt im Schnitt fünf Monate. In der Psychia­trie, in der ich ein Praktikum gemacht hatte, wurden Menschen nur aufgenommen, wenn sie knapp vorm Suizid standen.

Nun geht es ja nicht allen Therapiebedürftigen so schlimm.

Jeder zweite Mensch erkrankt mindestens einmal im Leben an einer depressiven Episode. Das ist ein Massenthema. Meine Mitgründerin Katrin Bermbach arbeitete in der Charité Berlin. Ihre Hauptaufgabe war es, Therapieplätze abzusagen! Obendrein ist die Hemmschwelle groß. Im Studium habe ich erlebt, wie viele abgebrochen haben, weil der psychische Druck zu groß wurde. Wir haben uns gedacht: Es muss eine nie­drigschwellige Beratung geben, die sofort hilft, ein Online-Programm mit psychologischer Begleitung. An der Charité fing Katrin dann an, erste Kurse zu ­schreiben.

Ihr Online-Portal fing also ganz analog an?

Wir haben Bücher gewälzt und forschungsbasierten Content geschrieben, den wir mit den Charité-Professoren abgeglichen haben. Dann haben wir den Fragebogen kostenlos auf einer E-Learning-Plattform angeboten. Schon damals haben wir den Patienten angeboten, zusätzlich einmal die Woche ein Telefongespräch mit PsychologInnen führen zu können. Das waren damals nur wir beide. Das wurde sehr gut angenommen. Schließlich haben wir den Sprung ins kalte Wasser gewagt und ich habe bei Rocket Internet gekündigt. Die Tage waren lang, aber es hat unglaublich viel Spaß gemacht.

Ist das nicht eine Krankheit unserer Zeit, dass keiner mehr weiß, wo die Arbeit aufhört und wo die Freizeit anfängt?

Der Job soll heutzutage Selbstverwirklichung sein. Das ist schon so. Da muss man ein gutes Mittelmaß finden. Ich nehme mir mittlerweile auch mal Tage, an denen ich keine Mails beantworte. Aber Selfapy ist meine große Liebe, das Unternehmen habe ich immer im Kopf. Das ist gut, wenn es gut läuft, aber wenn es Probleme gibt, fällt es mir schwer, mich davon zu lösen.

Nun sind Sie Geschäftsführerin, mit 27 Jahren.

Der Titel bedeutet eigentlich nur, dass ich für alles zuständig bin. Heute fokussiere ich mich auf die Zusammenarbeit mit den Investoren und Krankenkassen. Wir müssen denen 113 gesetzliche Verträge vorlegen, dazu kommen 30 private. Ich tingele dafür durch das ganze Land. Es gibt ja so viele Kassen! Bisher übernimmt nur ein Teil davon die Kosten unserer Programme.

Im Schnitt kosten Ihre begleiteten Programme 100 Euro im Monat. Was ist, wenn Bedürftige das nicht zahlen können?

Wer es sich wirklich nicht leisten kann, der bekommt Rabatt. Wir wollen keine Abstriche machen, was die Wirksamkeit der Programme angeht. Wir sind kein Social-Profit-Unternehmen, aber unser Hauptziel ist auch nicht die Profitmaximierung. Investoren sind meist nicht begeistert davon, dass wir die kostenintensive telefonische Betreuung anbieten. Aber wir wollten nie ein reines Tech-Produkt machen. Menschlicher Kontakt ist wichtig.

Sie werben mittlerweile nicht mehr mit dem Begriff „Online-Therapie“.

Das ist kein geschützter Begriff, aber wir wollen nicht missverstanden werden. Wir bieten keine Psychotherapie an, das können nur approbierte Therapeuten face-to-face leisten. Für uns arbeiten Psychologen in Ausbildung, die parallel in Kliniken arbeiten. Für die ist das ein guter, flexibler Nebenjob.

Können denn unfertige Therapeuten mit schwerkranken Patienten umgehen?

Wir fragen immer mögliche Suizid-Absichten ab. Wer apathisch wirkt oder bestimmte Schlüsselwörter äußert, wird gleich an Kliniken weitergeleitet. Die Gespräche sollen keine Psychotherapie ersetzen, das ist per Telefon gar nicht zu leisten. Wir geben so eine Rückmeldung zum Online-Programm und motivieren, weiterzumachen. Es ist ein Selbsthilfeprogramm, das nur durch aktive Mitarbeit des Nutzers funktioniert und nachhaltig ist, weil man sich die Strategien selbst aneignet.

Was macht man so in Ihren Programmen?

Man lernt Strategien, die einem helfen, sich besser zu fühlen, zum Teil ganz banale Dinge, die aber viele nicht hinbekommen. Sich mit seinen Stärken befassen! Wer in einer Krise ist, vergisst die positiven Dinge um sich herum.

Sie haben auch ein Programm gegen Burn-Out. Ist das nicht bloß ein Modewort für „Depression“?

Das beobachten wir auch. Viele Nutzer buchen unser Burn-Out-Programm, und dann schieben wir sie im Verlauf in das Depressions-Programm. Burn-Out ist keine diagnostizierte Krankheit, aber es ist eine Sub-Form einer Erschöpfungsdepression.

Sie bieten auch Unternehmen psychologische Unterstützung an.

Es sind schon einige auf uns zugekommen, denn psychische Erkrankungen sind mittlerweile der zweithäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit. Das Angebot von Betriebspsychologen wird oft nicht wahrgenommen. Unser Programm ist niederschwellig und anonym. Und die Firma zahlt.

Hätten Sie ein Problem, wenn es auf einmal genug reguläre Therapieplätze für alle gäbe?

Es wird immer einen Bedarf für Online-Therapie geben. Wir behandeln auch Menschen, die normalerweise keine Therapie machen würden. Die schätzen die Flexibilität und brauchen gar keine richtige Gesprächstherapie. Unsere Übungen kann man per App auf dem Weg zur Arbeit machen.

Was haben Sie noch vor mit Selfapy?

Wir wollen das Thema Sucht angehen, aber auch Zwangsstörungen. Schizophrenie würden wir gerne behandeln, auch wenn es schwierig ist. Posttraumatische Belastungsstörungen würden sich dagegen gut online behandeln lassen.

Haben Sie selbst Zwänge und Süchte?

Eigentlich nicht. Ich fühle mich durch meinen Hintergrund sehr gut gewappnet. Ein kleiner Zwang vielleicht: Ich telefoniere noch immer jeden Tag mit meiner Mutter. Da bin ich ganz Mamakind.

Sie wohnen und arbeiten mittlerweile in Berlin. Da sind Sie ja in guter Start-Up-Gesellschaft.

Ich wohne seit vier Jahren in einer Siebener-WG. Alle meine MitbewohnerInnen sind selbständig. Das Berliner Umfeld hat mich schon geprägt: Mach dein Ding, und wenn du fällst, dann fällst du eben – und machst was anderes.

Haben Sie auch das Nachtleben der Hauptstadt für sich entdeckt?

Die Techno-Szene ist nicht so meine. Ich höre vor allem deutschen Schnulzpop, also Philipp Poisel und Co. Meine Freunde meinen, davon würden sie depressiv werden. Aber ich finde das schön.

Psychothera­peuten beschließen regelhafte Fernbehandlung mit Face-to-face-Diag­nostik

Der 33. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) hat entschieden, dass künftig eine Fernbehandlung ergänzend im Rahmen einer Psychotherapie grundsätzlich unter Beachtung besonderer Sorgfaltspflichten eingesetzt werden kann. Eine ausschließliche Fernbehandlung von unbekannten Patienten lehnten die Delegierten aber ab.

„Diagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung der Patienten erfordern aber weiterhin den persönlichen Kontakt“, heißt es nun im neu beschlossenen Paragrafen 5 Absatz 5 der Musterberufsordnung (MBO) für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Damit folgten die Delegierten einem Antrag des Vorstands der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Die bisherige Regelung sah vor, dass eine Behandlung über Kommunikationsmedien nur in begründeten Ausnahmefällen durchgeführt werden darf. Die Mitwirkung an Forschungsprojekten, in denen Psychotherapie ausschließlich über das Internet durchgeführt wird, bedarf auch mit der geänderten MBO der Genehmigung durch die Landespsychotherapeutenkammern.

Große Entfernungen können überbrückt werden

Zuvor erläuterte Peter Lehndorfer, Mitglied im Vorstand der BPtK, die Chancen und Risiken der Psychotherapie über Videobehandlung: „Große Entfernungen zwischen Patienten und Psychotherapeut können so überbrückt werden. Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen werden erreicht, die keine Praxis aufsuchen können. Bei einem Umzug des Patienten kann eine Fernbehandlung den Therapeutenwechsel verhindern helfen.“

Die Evidenz rechtfertige inzwischen den Einsatz von Fernbehandlungen – „aber längst nicht für alle“. Auf der anderen Seite könne Onlinepsychotherapie nicht die Probleme der Bedarfsplanung lösen und bedeute auch keine Zeitersparnis für Psychotherapeuten.

Antrag zur ausschließlichen Fernbehandlung abgelehnt

Zur Abstimmung stand auch ein Antrag der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK), der eine ausschließliche Behandlung über Kommunikationsmedien „im Einzelfall“ erlauben wollte, wenn dies psychotherapeutisch vertretbar sei. Dem ablehnenden Votum der Delegierten war eine breite Debatte vorausgegangen.

„Wir wollen Psychotherapeuten zumuten, selbst zu entscheiden, ob sie den Patienten vor einer Fernbehandlung persönlich sehen wollen/müssen oder nicht“, sagte Andrea Mrazek, Präsidentin der OPK.

„Wir sollten uns der Möglichkeit der ausschließlichen Fernbehandlung nicht verschließen“, erklärte Cornelia Beeking, Delegierte aus Nordrhein-Westfalen (NRW). „Der Schaden für die Patienten ist größer, wenn wir sie gar nicht erreichen, dadurch, dass sie in die Praxis kommen müssen“, ergänzte die Berliner Delegierte Eva-Maria Schweitzer-Köhn.

„Zur Diagnostik gehört immer auch das persönliche Gespräch. Der klinische Eindruck ist wichtig, der sich auch im Geruch und im Händedruck zeigt“, sagte hingegen Petra Adler-Corman, NRW, beispielsweise für die Vertreter der Face-to-face-Diagnostik.

„Die Krankenkassen sind sehr erpicht auf die OnlinePsychotherapie ohne uns – wir können uns auch selbst abschaffen“, erklärte Rudi Bittner, Delegierter aus Bayern. „Wir müssen unsere Macht nutzen“, warb BPtK-Vizepräsident Nikolaus Melcop für den Antrag des Vorstands für die regelhafte Fernbehandlung, der schließlich mit großer Mehrheit angenommen wurde.

Fachgesellschaft sieht Nutzen von Online­interventionen bei Depressionen und Angststörungen als gut belegt an

Der Nutzen von Onlineangeboten zur Intervention ist bei einigen psychiatrischen Indikationen gut belegt. Bisher aber fehlen einheitliche Standards zu Qualität, Patientensicherheit und Finanzierung solcher Angebote. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) zusammen mit dem Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM).

Die meisten Erkenntnisse liegen danach für Interventionen bei Depressionen und Angststörungen vor. „Hier haben verschiedene Onlineprogramme in Studien ihre Wirksamkeit und nachhaltigen Effekte bewiesen – und zwar in vergleichbarer Qualität mit konventioneller Psychotherapie“, berichten die Fachgesellschaften.

Therapeutenunterstützt ist sinnvoll

Meist handle es sich dabei um therapeutenunterstützte Programme – das heißt, der Patient durchlaufe das Therapieprogramm weitestgehend selbstständig, erhalte aber regelmäßig Rückmeldung durch einen Therapeuten, der auch für Fragen zu Verfügung stehe. Digitale Anwendungen kämen außerdem ergänzend zur klassischen Therapie und in der Nachsorge zum Einsatz, etwa in der Rückfallprävention von Essstörungen und bei Adipositas.

Insbesondere für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen haben sich laut DGPM und DKPM Serious Games als wirksam erwiesen, in denen Therapieinhalte spielerisch vermittelt würden. Außerdem würden E-Mental-Health-Anwendungen für die Behandlung posttraumatischer Belastungs­störungen erforscht und vereinzelt eingesetzt. „Ungeeignet sind digitale Anwendungen, wenn sich Menschen in akuten, schweren Krisensituationen befinden“, betonte Stephan Zipfel, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Tübingen.

Im Allgemeinen gelte: Der therapeutische Effekt bei Onlineverfahren mit therapeutischer Unterstützung sei höher als bei Programmen, die ohne Kontakt zu einem Therapeuten angelegt seien. Angebote, die eine sehr niedrige Zugangsschwelle hätten, also beispielsweise anonym und ohne vorherigen Abklärungsprozess mit einem Therapeuten gestartet werden könnten, würden zwar gerne genutzt, aber oft auch wieder abgebrochen.

Angebote mit höherer Zugangsschwelle hätten sich in Studien als nachhaltiger erwiesen, das gelte vor allem bei Programmen zur Behandlung einer Depression. „Generell ist eine vorgeschaltete Diagnostik durch einen Facharzt empfehlenswert, bei der sich dieser einen ausreichenden Eindruck vom Patienten und seinem körperlichen und psychischen Zustand und seiner sozialen Einbindung machen kann“, empfiehlt Zipfel.

Problem der Vielfalt

Die Onlinetherapie von Patienten mit psychiatrischen Störungen ist aber nicht unumstritten: So warnte die zweite stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayerns, Claudia Ritter-Rupp, Mitte März auf einer KV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung vor einer „unüberschaubaren Angebotsvielfalt“ an psychotherapeutischen Interventionen im Onlinebereich, die momentan von einigen Krankenkassen vorangetrieben würden.

Auch wenn die ökonomischen Aspekte für Anbieter und Krankenkassen reizvoll seien, könne der fehlende reale Patientenkontakt gerade bei psychischen Erkrankungen dazu führen, dass diese nicht erkannt oder verharmlost würden. Dies könne zu einer krisenhaften Zuspitzung oder zur Chronifizierung von psychischen Leiden führen, warnte sie.