Psychotherapeuten sehen Videobehandlung nicht als „Goldstandard“

Zwei Drittel der Psychotherapeuten schätzen die Wirksamkeit einer Videobe­handlung im Vergleich zum persönlichen Kontakt als schlechter ein. Das ergab eine Blitz­umfrage der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV), die ihre Mitglieder zwi­schen dem 3. und 7. April zur Nutzung von Videosoftware und Telefon während der Coro­napandemie befragt hatte.

4.466 in der ambulanten Versorgung tätige Psychotherapeuten haben demnach geant­wor­tet, davon fast 90 Prozent Vertragspsychotherapeuten in eigener Praxis. „Der Goldstan­dard in der Psychotherapie ist der persönliche Kontakt – und wir hoffen, dass dieser bald wieder problemlos möglich sein wird“, sagte Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der DPtV.

77 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben dem Berufsverband zufolge an, dass sie die Möglichkeit psychotherapeutischer Videobehandlungen nutzen – 95 Prozent davon erst seit Beginn der Krise. Die Befragten, die Video einsetzten, versorgten auf diesem Wege im Durchschnitt 40 Prozent ihrer Patienten.

In 15 Prozent dieser Praxen werden sogar 90 bis 100 Prozent der Patient per Video be­han­delt. Zwei Drittel der befragten Psychotherapeuten schätzten indes die Wirksamkeit einer Videobehandlung im Vergleich zum persönlichen Kontakt als schlechter ein.

Erhöhter Bedarf therapeutischer Hilfe per Telefon

66 Prozent der Befragten stellten in ihren Praxen einen erhöhten Bedarf an telefonischer Hilfe fest. „Video funktioniert nicht immer reibungslos. Über ein Fünftel der Befragten kri­tisierte schlechte Internetverbindungen. Telefon gibt es aber überall“, erklärte Hentschel.

Bislang steht die telefonische Versorgung nur Patienten offen, die sich bereits in Behand­lung befinden. Gerade in der psychisch belastenden Coronakrise müsse auch neuen Pa­tien­ten psychotherapeutische Unterstützung per Telefon zur Verfügung stehen, fordert der DPtV-Vorsitzende.

Fehlender Blickkontakt erschwert Therapie

„Die Videobehandlung stellt während der Coronapandemie sicher, dass auch Patienten mit Vorerkrankungen oder Risikogruppen psychotherapeutisch behandelt werden könn­en“, betonte Hentschel. Dennoch gebe es konkrete Nachteile im Vergleich zum persönli­chen Kontakt.

50 Prozent der Befragten habe angegeben, dass sie Video mehr anstrenge. Zudem er­schwe­re das Fehlen des direkten Blickkontakts für 39 Prozent die Therapie. Trotzdem könnten sich 57 Prozent der Befragten vorstellen, auch nach der Coronapandemie Video­sitzungen anzubieten – 19 Prozent lehnten dies ab, ein Viertel habe sich noch keine Mei­nung gebildet.

„Die Erfahrungen sind tatsächlich unterschiedlich. Wichtig ist aber, dass Psycho­therapeu­ten in diesen Zeiten flexible Möglichkeiten haben“, betonte Hentschel. Die DPtV fordert deshalb eine Verlängerung der Ausnahmeregelungen um ein weiteres Vierteljahr.

Laut der Befragung lag die Praxisauslastung insgesamt bei durchschnittlich 78 Prozent im Vergleich zum Zeitraum vor der Coronapandemie. Eine ähnliche Blitzumfrage der Ost­deutschen Psychotherapeutenkammer unter fast 1.200 Mitgliedern ergab vor kurzem, dass die Zahl der Anfragen um Hilfe in mehr als der Hälfte der Praxen gesunken ist. 

Psychotherapeuten fordern mehr digitalen Versorgungsspielraum

Damit die Versorgung psychisch kranker Menschen während der Corona-Pandemie nicht hinten runterfällt, braucht es mehr Möglichkeiten zur Telefon- und Videotherapie, fordern die Vertragspsychotherapeuten. Vor allem die Therapie von Kleinkindern sei gefährdet.

Eine drastische Ausweitung der Telefontherapie während der Corona-Pandemie fordern jetzt die Psychotherapeuten. Zudem sei auch die Akutbehandlung für die Videobehandlung freizugeben, um die Versorgung psychisch kranker Menschen in der derzeitigen Corona-Krise zu sichern, so der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp).

Auf der Delegiertenversammlung des Verbands, die am Wochenende per Videokonferenz stattgefunden hat, haben die Therapeuten ein ganzes Bündel an Ausnahmeregeln gepackt, dass befristet während der Pandemie greifen solle, so die Forderung. Demnach sollen:

Ein Bündel an Maßnahmen notwendig

  • alle psychotherapeutischen Leistungen, die derzeit per Videokonferenz erbracht werden können, alternativ auch als Behandlung per Telefonat ermöglicht werden. Denn nicht alle Patienten verfügten über die technischen Voraussetzungen oder seien mit diesem Medium vertraut, lautet die Begründung des bvvp. Als zwingend betrachtet der Verband dabei telefonische Kriseninterventionsmöglichkeiten, einen telefonischen Erstkontakt, stützende und orientierende telefonische Kontakte. Für diese telefonischen Interventionen sollten daher die 10-Minuten-Ziffern des jeweiligen Facharztkapitels der Psychologischen, Ärztlichen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten telefonisch erbracht werden können. Dabei solle die Begrenzung auf eine maximale 15-fache Nutzung je Behandlungsfall aufgegeben und die Leistungen sollten extrabudgetär vergütet werden – dies alles allerdings zeitlich begrenzt bis zum 30. Juni 2020, heißt es.
  • Auch die Akutbehandlung soll für die Videobesprechstunde freigegeben werden. Laut bvvp seien in den Psychotherapeutischen Praxen während der Corona-Pandemie vermehrt Menschen in psychischen Krisenzuständen zu erwarten.

Face-to-Face-Therapie kaum möglich

  • Kinder-Behandlungsstunden sollten unbürokratisch per Anzeige an die Krankenkasse in Bezugspersonen-stunden umgewandelt werden können, analog der Möglichkeit, Gruppen- in Einzelsitzungen umwandeln zu können. Denn, so der Verband, die Weiterführung der regulären Face-to-Face-Psychotherapie sei gerade mit kleinen Kindern derzeit kaum möglich. Videobehandlung sei hier vollkommen ausgeschlossen. Eine intensivere Begleitung der Bezugspersonen könne jedoch helfen, Bezugspersonen und Kinder zu entlasten.
  • Die bei PP und KJP notwendigen Konsiliarberichte zur Beantragung einer genehmigungspflichtigen Psychotherapie sollten angesichts der Überlastung der Hausarztpraxen und der dortigen Ansteckungsgefahr nachgereicht werden können.
  • Privatpatienten dürften von der digitalen Versorgung nicht ausgeschlossen werden. Deshalb sollten auch alle Gesprächsleistungen der GOÄ bzw. GOP per Videokonferenz und per Telefon für einen befristeten Zeitraum freigegeben werden.

Um alle Ressourcen in der Psychotherapie auch nutzen zu können, sollten die Regelungen äquivalent für die ambulante Versorgung durch Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) in den Institutsambulanzen getroffen werden. „Dies verhindert, dass Patienten in dieser Krise unversorgt bleiben und dass sich die laufenden Ausbildungen durch die Corona-Krise verzögern“, erklärt der bvvp.

COVID-19: Bundespsycho­therapeutenkammer fordert Behandlung per Telefon und weitere Ausnahmeregelungen

Psychisch kranke Menschen brauchen auch während der COVID-19-Pandemie weiter eine psychotherapeutische Versorgung. Solange weder Patientinnen und Patienten noch Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten Symptome für Atem­wegs­erkrankungen haben, sei dies auch weiterhin möglich, erklärt Dietrich Munz, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Dann sei es jedoch notwendig, einen ausreichenden Abstand von ein bis zwei Metern eingehalten, auf das Hände-Schütteln zu verzichten, die Husten- und Nies-Etikette zu beachten sowie Türklinken regelmäßig zu desinfizieren.

Begrenzungen der Videobehandlung aufgehoben

Wenn der Patient Kontakt zu einem COVID-19-Erkrankten hatte, bestehe die Möglichkeit, die Behandlung online per Videosprechstunde fortzuführen, betonte Munz. Diese Möglichkeit war bis vor Kurzem noch auf 20 Prozent je Gebührenordnungsposition begrenzt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband der gesetz­lichen Krankenkassen haben jedoch noch Mitte März beschlossen, diese Begrenzungen der Videobehandlung aufzuheben. Die neue Regelung gilt vorläufig ab dem 1. April für das II. Quartal 2020.

„Wir begrüßen diese Entscheidung sehr, weil sie es überhaupt erst ermöglicht, die psychotherapeutische Versorgung auch für Patienten, die sich in Quarantäne befinden, sicherzustellen“, sagte der BPtK-Präsident.

Wenn für Patienten aber kein Videotelefonat möglich ist, sollte auch die Behandlung per Telefon möglich sein. „Beides ist wichtig, weil sich bei einem Teil der Patienten ohne Behandlung die psychischen Erkrankungen verschlimmern oder chronifizieren können“, erklärte Munz.

„Gerade ältere Menschen bevorzugen die traditionelle Methode der Kommunikation, die aber mit niedrigerer Vergütung und in geringerem Umfang als die Videosprechstunde vorgesehen ist, sagte auch Martin Klett, Vizepräsident der Landespsychotherapeuten­kammer Baden-Württemberg. Insbesondere gefährdete ältere Leute kämen nicht mehr in die Praxen, um Ansteckung zu vermeiden. Die Kammer fordert eine vorübergehende Gleichstellung der Telefon- mit der Videosprechstunde, betonte Klett.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz ermöglicht indes bereits Ärzten und Psychotherapeuten, Patienten in der Telefonsprechstunde zu versorgen.

In der zeitlich befristeten Regelung bis zum 19. April kann das problemorientierte ärztliche Gespräch, das kinder- und jugendpsychiatrische Gespräch, das neurologische, psychiatrische und psychotherapeutische Gespräch sowie die Einzelpsychotherapie abgerechnet werden. „Das Einlesen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) ist nicht notwendig. Es kommt das Ersatzverfahren zur Anwendung“, heißt es aus der KV.

Auch Akutbehandlungen, Sprechstunde und Probatorik über Videotelefonat ermöglichen
Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer kritisiert darüber hinaus, dass Akutbehandlungen für Menschen in akuten Krisen weiterhin von der Videobehandlung ausgenommen sind.

„Das ist ein Unding vor allem für COVID-19-Patienten. Gerade sie brauchen unbedingt Beratung und Behandlung. Dies muss über Video oder Telefonat noch ermöglicht werden“, fordert BPtK-Präsident Munz. Denkbar wäre noch eine Behandlung im Schutz­anzug. Doch dafür fehle es zum einen in den Praxen an Atemschutzmasken und Schutzkleidung. „Zum anderen stellt sich die Frage, ob ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten in Alienverkleidung den Patienten tatsächlich hilft“, so Munz.

Die BPtK hält es darüber hinaus auch für notwendig, befristet psychotherapeutische Sprechstunden und probatorische Gespräche per Video in begründbaren Einzelfällen zu ermöglichen. Grundsätzlich muss die Diagnostik einer psychischen Erkrankung von Angesicht zu Angesicht stattfinden, damit ein vollständiger, auch nicht-visueller Eindruck von der Patienten möglich ist.

„Die Corona-Epidemie schafft hier jedoch Notlagen bei den Patienten, die wir lösen müssen. Deshalb ist es in dieser noch nie dagewesenen Ausnahmesituation notwendig, auf die Videobehandlung zurückzugreifen, wenn sonst keine psychotherapeutische Versorgung möglich ist“, erklärt der BPtK-Präsident.

Für die Behandlung per Videotelefonat hat die Bundes­psycho­therapeuten­kammer bereits im November 2019 einen „BPtK-Ratgeber“ herausgegeben. Darin werden Fragen zur Praxisorganisation beantwortet, beispielsweise welche technische Ausstattung notwendig ist und in welchen Räumen eine Videobehandlung möglich ist. Auch über zertifizierte Videodienstanbieter wird informiert. 

Stiftung Deutsche Depressionshilfe stellt Online-Intervention ohne Einschränkungen zur Verfügung

Die mit dem Corona-Virus verbundenen Ängste und Einschränkungen wie Isolation stellen für an Depression erkrankte Menschen große Herausforderungen dar. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe will Betroffene daher mit digitalen Angeboten unterstützen. Wichtig sei, sich abzulenken, aktiv zu bleiben und das Gespräch mit Freunden und Familie zu suchen, erklärte die unabhängige gemeinnützige Stiftung gestern in Leipzig.

„Sehr wichtig ist darüber hinaus, die Bettzeit nicht zu verlängern, da bei vielen Betroffenen eine längere Liegedauer und auch längerer Schlaf nicht zu einem Abbau, sondern einer Zunahme des Erschöpfungsgefühls und der Depressionsschwere führen“, erklärt der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt. Der Psychiater ist auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundes­ärzte­kammer. Hilfreich sei es für Betroffene, sich einen detaillierten Tages- und Wochenplan zu machen.

Überdies stellt die Depressionhilfe ihr Online-Programm iFightDepression zur Struktu­rierung des Alltags nun aufgrund der Corona-Krise Betroffenen für sechs Wochen ohne Einschränkungen zur Verfügung. Normalerweise setze das Programm eine Begleitung durch einen Arzt oder psychologischen Psychotherapeuten voraus. Da viele Patienten durch das Corona-Virus zuhause bleiben müssten und Hausärzte und Psychotherapeuten an ihre Belastungsgrenzen stießen, sei das Programm nun auch ohne Begleitung zugänglich.

Das Selbstmanagement-Programm unterstützt Menschen mit leichteren Depressions­formen ab 15 Jahren beim eigenständigen Umgang mit den Symptomen einer Depression und gibt praktische Hinweise für den Alltag. Durch Übungen lernen sie zum Beispiel, den Tag zu strukturieren und negative Gedankenkreise zu durchbrechen. Das Programm ist derzeit in zwölf Sprachen verfügbar.

Betroffene können sich formlos über die E-Mail-Adresse ifightdepression@deutsche-depressionshilfe.de für das Programm anmelden und werden innerhalb von 24 Stunden freigeschaltet. 

Keine Belege für Nutzen von EMDR bei Angststörungen

Die aktuelle Studienlage bietet keinen Anhaltspunkt dafür, dass Patienten mit Angststörungen von einer Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) profi­tieren.

Das hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Universität Witten/Herdecke und der Fernuniversität Hagen in Auftrag des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Ge­sundheitswesen (IQWiG) ermittelt. Die Arbeit im Rahmen eines ThemenCheck Medizin geht auf einen Vorschlag von Bürgern zurück.

Nach Darstellung der Befürworter der EMDR-Methode sollen bei dieser Therapie angst­besetzte Ereignisse oder Situationen aus der Vergangenheit vergegenwärtigt und mit Hilfe der wechselseitigen Aktivierung beider Gehirnhälften aufgearbeitet werden – zum Beispiel durch das Folgen eines sich hin und her bewegenden Fingers mit den Augen oder durch wechselseitige Töne oder das wechselseitige Berühren der Patienten­hände.

Nach mehreren Wiederholungen der EMDR-Behandlung soll die negative Reaktion auf die Erinnerung schwächer und so die Angststörung gemildert werden.

EMDR wird in Deutschland seit den 1990er-Jahren bei der Behandlung von posttrauma­tischen Belastungsstörungen eingesetzt und nur für diese Indikation – nicht aber für Angststörungen – seit 2015 von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) bezahlt.

Die Wissenschaftler identifizierten zunächst 22 Studien zur EMDR-Behandlung bei Angststörungen. Die darin untersuchten Indikationen waren Prüfungsangst, Angst vor öffentlichem Reden und Auftritten, Panikstörungen, Angst vor Spinnen oder zahnärzt­lichen Behandlungen und Flugangst.

Die Studien verglichen eine EMDR-Therapie mit den Alternativen „keine Behandlung“, Verhaltenstherapie, EMDR ohne Augenbewegung, EMDR mit einem anderen Stimulus, Hypnose/Biofeedback und mit einer imaginären Expositionstherapie.

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„Ein hohes Verzerrungspotenzial und eine mangelhafte Berichtsqualität erschwerten die Interpretation der Daten. Zudem war die Studiendauer vielfach zu kurz, um zu Langzeit­effekten Aussagen treffen zu können“, berichten die Wissenschaftler. Somit bleibe unklar, ob ein möglicher Therapieerfolg anhalte, heißt es in dem Bericht.

Dies gelte für alle patientenrelevanten Endpunkte, die in den Studien berichtet wurden: Angst, Depression, angstspezifische Effekte wie Vermeidungsverhalten oder körperliche Symptome, gesundheitsbezogene Lebensqualität und psychosoziale Aspekte.

Die Forscher empfehlen daher „angemessen konzipierte und gut durchgeführte Studien mit hinreichender Darstellungsqualität der Ergebnisse und mit ausreichend langer Nach­beobachtungsdauer“, um die Frage nach einem möglichen Nutzen der EMDR bei Angst­störungen in Zukunft besser beantworten zu können.

Psychotherapie: Verhaltens­therapeutische Ausrichtung befürchtet

Der Bundesrat hat die Approbationsordnung für Psychotherapeuten abgesegnet. Das hat erneut Kritik einer Reihe von Fachverbänden ausgelöst. Die Debatte ist noch nicht beendet.

Nach Ansicht der Deutschen Ge­sellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nerven­heilkunde (DGPPN) grenzt sich die neue Berufsbezeichnung „Psychotherapeu­tin/Psychotherapeut“ nicht ausreichend von der der psychologischen und ärztlichen Psy­chotherapeuten ab.

Die zukünftige Versorgung der Patienten mit tiefenpsychologisch fundierter, analytischer Psychotherapie und systemischer Therapie gefährdet, sehen die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) und der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp).

Mit dem Gesetz zur Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung vom 26. September 2019 wird es Abiturienten ermöglicht, zum Wintersemester 2020/2021 direkt ein Universitäts­studium der Psychotherapie zu absolvieren. Die Approbation kann dann nach einer staat­lichen psychotherapeutischen Prüfung künftig bereits nach dem fünfjährigen Studium beantragt werden.

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hatte eine Approbationsordnung vorgelegt, der der Bundesrat am 14. Februar mit einer Reihe von Änderungen und Entschließungen zuge­stimmt hat. Setzt die Bundesregierung die Änderungen um, tritt die Verordnung am 1. September in Kraft. Die Berufsbezeichnung nach Approbation lautet künftig „Psycho­the­rapeutin/Psychothera­peut“. Ärzte können den Zusatz „ärztlich“ verwenden.

Das stößt auf Unmut. „Patienten werden so im Unklaren gelassen, wer ihnen gegenüber­sitzt und die therapeutische Behandlung verantwortet“, heißt es aus der DGPPN. Die Ori­en­tierung des Patienten im Gesundheitswesen würde damit erschwert, so die Psychiater.

Auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) sieht die Verkürzung der bisherigen Berufsbezeich­nungen Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut weiterhin kritisch.

Die Approbationsordnung trage der in den vergangenen Monaten vorgebrachten Kritik der BÄK und einiger ärztlicher Verbände nur bedingt Rechnung, schreibt die DGPPN und: „Es bleibt jetzt abzuwarten, wie der neue Studiengang bundesweit an den Hochschulen eingerichtet wird.“ Nach Auffassung der Fachgesellschaft sollte die Kooperation mit me­di­zinischen Fakultäten und ihr Wissenstransfer als Garant für eine größtmögliche Versor­gungssicherheit des Patienten eine Voraussetzung sein.

Die DGPT und der bvvp – beide Verbände mit ärztlichen und psychologischen Psychothe­ra­peuten gemischt – begrüßen, dass durch die vom Bundesrat eingebrachten Änderun­gen die Strukturqualität der Lehre und die verfahrensbreite Ausrichtung des Studiums noch verbessert werden konnten.

Insbesondere sei bei der staatlichen Prüfung nun klargestellt worden, dass die Prüfer in größerem Umfang die Fachkunde in unterschiedlichen Therapierichtungen nachweisen müssten. „Sonst könnte beispielsweise ein Verhaltenstherapeut psychoanalytische Inhalte prüfen“, erläuterte der DGPT-Vorsitzende Georg Schäfer.

Auch verweist die Approbationsordnung nach den Änderungen explizit auf die im Psycho­therapeutengesetz vorgegebenen Ausbildungsziele: eine Grundqualifizierung in allen wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieerfahren über alle Altersgruppen hinweg, also analytische Psychotherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, systemi­sche Therapie und Verhaltenstherapie.

„Problematisch bleibt aber weiterhin, dass eine verbindliche Vorgabe für eine fachkun­di­ge Lehre der Psychotherapieverfahren im gesamten Studium fehlt“, kritisierte Schäfer. Es sei nicht festgelegt, dass die Lehrenden eine abgeschlossene Weiterbildung in dem von ihnen gelehrten Psychotherapieverfahren absolviert haben. Lediglich für die berufs­prak­tische Qualifizierung habe der Bundesrat die Verpflichtung zur fachkundigen Lehre mit aufgenommen.

Nur Lehrende mit entsprechender Fachkunde sollen unterrichten

„Es muss sichergestellt werden, dass die Lehre der Psychotherapieverfahren nur von Leh­renden mit entsprechender Fachkunde erfolgen darf“, fordert auch Martine Klett, stellver­tretender Vorsitzender des bvvp.

Man hoffe auf die Einsicht der überwiegend verhaltenstherapeutisch orientierten Univer­sitäten, dass deren Professoren nicht alles fachkundig lehren könnten. Von 60 Lehrstüh­len für Klinische Psychologie und Psychotherapie in Deutschland sind 59 mit Verhaltens­therapeuten besetzt.

Die DGPT befürchtet, dass die gegenwärtig einseitig verhaltenstherapeutisch ausgerich­tete Lehre an den staatlichen Universitäten weitergeführt wird. „Damit wird erheblich be­einflusst, welches Vertiefungsverfahrens die angehenden Psychotherapeuten in der nach­folgenden Weiterbildung wählen“, betont Schäfer.

Wegen des absehbaren Ausscheidens der geburtenstarken Jahrgänge werde dies zur Kon­sequenz haben, dass es immer weniger nicht-verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Psy­chotherapeuten in der Versorgung der Patienten geben werde. 

Psychotherapie für Geflüchtete: Sprachmittlung ist ein Problem

Fehlende Finanzierungsregelungen und der Mangel an qualifizierten Sprach­mittlern sind Hauptprobleme bei der ambulanten Psychotherapie von Geflüchteten. Das berichten die Landesärzte- und die Landespsychotherapeuten­kammer Baden-Württem­berg nach einer Umfrage bei niedergelassenen psychologischen und ärztlichen Psycho­the­rapeuten.

In der Umfrage gaben 56 Prozent der Befragten an, dass sie Psychotherapien auf Englisch durchführen. 53 Prozent setzen Sprachmittler ein. Aufgrund der mangelnden Verfügbar­keit kann nur ein Drittel dabei ausschließlich auf Sprachmittler zurückgreifen, die explizit für den Einsatz in der Psychotherapie geschult sind.

Die beiden Kammern setzen sich zusammen mit „refugio stuttgart“ – einem psychoso­zia­len Zentrum für traumatisierte Flüchtlinge – dafür ein, zusätzliche Qualifizierungsmög­lichkeiten für Sprachmittler zu schaffen, die eine Zertifizierung für den Einsatz in der Psychotherapie beinhalten.

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Ein weiteres Problem ist die Finanzierung der Sprachmittlerleistungen: „Die Kosten für Sprachmittlung werden von den Krankenkassen nicht übernommen, und es gibt keine alternative einheitliche Lösung für die Finanzierung des Sprachmittler-Einsatzes“, hieß es aus den Kammern.

Dies führe dazu, dass Sprachmittler zum Teil nicht bezahlt werden oder dass Psychothe­ra­peuten diese Kosten selbst übernehmen. Die Organisationen fordern die Landesregie­rung daher auf, bis auf weiteres die Kosten für die Sprachmittlung zu übernehmen. 

Kabinett billigt Verbot von „Konversionstherapien“

Das Bundeskabinett hat ein weitreichendes Verbot sogenannter Konversionstherapien beschlossen. Verstöße sollen mit hohen Strafen geahndet werden.

Das Bundeskabinett hat grünes Licht für ein Verbot sogenannter Konversionstherapien zur „Umpolung“ von Homosexualität gegeben. Die Ministerrunde billigte am Mittwochvormittag einen entsprechenden Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Der Entwurf sieht ein generelles Verbot von Konversionsbehandlungen an Minderjährigen vor. Untersagt sein sollen entsprechende medizinische Interventionen auch bei Volljährigen, deren Einwilligung auf einem „Willensmangel“ beruht – beispielsweise, weil der Behandler sie nicht über die Schädlichkeit der Therapie aufgeklärt hat. Auch das Bewerben, Anbieten und Vermitteln der Behandlungen soll untersagt sein.

„Homosexualität keine Krankheit“

Das Ministerium hatte den Gesetzentwurf zuletzt noch verschärft. Ursprünglich waren für Heranwachsende im Alter zwischen 16 und 18 Jahren Ausnahmeregeln geplant. Das war auf massive Kritik gestoßen.

Dem Gesetzentwurf zufolge soll das Verbot im Strafrecht verankert werden. Verstöße gegen das Verbot von Konversionsbehandlungen sollen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr belegt werden. Verstöße gegen das Verbot der Werbung, des Anbietens und Vermittelns sollen mit einem Bußgeld von bis zu 30 000 Euro geahndet werden.

Gesundheitsminister Spahn betonte, Homosexualität sei keine Krankheit. „Daher ist schon der Begriff Therapie irreführend.“ Ziel der Bundesregierung sei es, sogenannte Konversionstherapien „soweit wie möglich“ zu verbieten. Wo sie durchgeführt würden, entstehe oft schweres körperliches und seelisches Leid, sagte Spahn am Mittwoch in Berlin. „Diese angebliche Therapie macht krank und nicht gesund. Und ein Verbot ist auch ein wichtiges gesellschaftliches Zeichen an alle, die mit ihrer Homosexualität hadern: Es ist ok, so wie du bist.“ Dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ hatte Spahn zuvor gesagt, dass bundesweit jedes Jahr schätzungsweise bis zu 2000 Konversionstherapien durchgeführt würden.

Grüne: Überfälliger Schritt!

Die Sprecherin für Queerpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion Ulle Schauws nannte das geplante Verbot einen „überfälligen Schritt“. Sogenannte Konversionstherapien seien „gefährliche Scharlatanerie“. Mit dem von der Bundesregierung beschlossenen Entwurf erfülle sich „die grüne Forderung nach einem Verbot dieser Pseudotherapien, das wir erstmals 2013 in einem Gesetzentwurf gefordert haben“. Kritisch bewerte ihre Fraktion einen Passus im Gesetzentwurf, „der es Eltern und Erziehungsberechtigten weiterhin und ohne Folgen ermöglicht, Pseudotherapien durchzuführen“. Dies könne dazu führen, dass Jugendliche weiter unter enormen Druck gerieten

Das Gesetz soll voraussichtlich Mitte 2020 in Kraft treten. Der Bundesrat muss nicht zustimmen.

Die YouTube-Therapie

Die Suche nach einem Psychotherapeuten kann zu einer langwierigen Tortur werden. Onlineangebote sollen Betroffenen Alternativen bieten. Doch kann man psychische Krankheiten tatsächlich im Internet heilen?

Dami Charf spricht ruhig und gestikuliert ausladend mit den Händen. „Wer in der Kindheit traumatische Erfahrungen gemacht hat, merkt das an seinen Reaktionen im Erwachsenenalter“, sagt sie in einem ihrer YouTube-Videos. „Etwa durch Verlustängste oder das Gefühl, ständig etwas leisten zu müssen, um geliebt zu werden.“

Charf, 55, graumeliertes lockiges Haar, spricht über Verhaltensmuster. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und hat sich auf Traumaheilung spezialisiert. In ihrem Online-Selbsthilfekurs erklärt sie, dass bereits in den ersten drei Lebensjahren festgelegt wird, wie wir auf Ereignisse und Personen reagieren.

Charf ist eine von zahlreichen Anbieterinnen für Online-Therapien. Sucht man auf Google nach den Angeboten, wird es schnell unübersichtlich: Selfapy, Minddoc oder Mentavio heißen die Websites, die Hilfe in psychologischen Notlagen versprechen.

„Für Hilfesuchende ist es oft schwer, die Qualität solcher Angebote einzuschätzen“, heißt es auf der Website des Verbands „Pro Psychotherapie“. Wichtig sei vor allem, auf die Qualifikation des Anbieters zu achten: darauf, ob das Internetprogramm von einem Psychotherapeuten oder einem Facharzt im Bereich Psychotherapie eingesetzt oder begleitet wird.

Händeschütteln ist online nicht möglich

Wendet man die Checkliste auf das Angebot von Dami Charf an, erfüllt sie nicht jeden einzelnen Punkt. Zwar gibt sie ausführlich ihre Aus- und Weiterbildungen an, macht ihre Kursinhalte transparent, und auch die Zufriedenheit der Nutzer ist in Kommentaren auf ihrer Seite sichtbar. Jedoch bietet ihr Programm keine Möglichkeit, individuell zu überprüfen, ob die Behandlung erfolgreich ist: Es gibt nicht immer ein vorgesehenes Feedback für den Nutzer, er muss selbst beurteilen, ob das Programm ihm etwas bringt.

„Im Laufe des Kurses wirst du merken, dass du Dinge anders siehst, anders wahrnimmst und irgendwann anfängst, dich auch anders zu verhalten“, verspricht Charf und lächelt aufmunternd in die Kamera. „In dem Moment wird auch deine Umwelt sich anders verhalten.“ Durch ihre gutmütige Art vermittelt sie ihrem Zuschauer das Gefühl, da eine mitfühlende Person vor Augen zu haben, die weiß, wovon sie spricht – sofern man das beurteilen kann, wenn man einen Menschen nur auf dem Bildschirm sieht.

Doch kann man mit einem Onlinekurs tatsächlich tiefsitzende Erfahrungen bearbeiten – oder braucht es bei einem so sensiblen Thema einen einfühlsamen Gesprächspartner, der physisch anwesend ist? Muss es nicht eine Interaktion geben zwischen Patient und Therapeut, braucht es nicht konkrete Antworten auf individuelle Fragen?

„Onlineangebote sind ein wirksamer alternativer Zugang zu therapeutischen Maßnahmen“, meint Heinz Thiery, Geschäftsführer der Deutschsprachigen Gesellschaft für Onlineberatung (DGOB). „Vor allem werden Menschen erreicht, die über Face-to-Face-Angebote nicht erreicht werden.“ Arbeitnehmer etwa, die aufgrund ihrer Arbeitszeiten nur schwer einen freien Therapieplatz finden. Jugendliche, die sich von Erwachsenen nicht ernst genommen fühlen. Gehörlose oder Menschen, die in ländlichen Regionen leben und keinen Therapeuten vor Ort haben. Aber auch Menschen, die sich aufgrund ihrer Erfahrungen schämen und zunächst nicht unbedingt darüber reden möchten – zum Beispiel Opfer von sexuellem Missbrauch. Auch als Überbrückung für die Wartezeit bis zum Therapieplatz können die Angebote dienen

Eine Onlineberatung biete ein alternatives Setting: „Es macht für viele einen Unterschied, ob sie zu Hause entspannt vor dem Computer sitzen können oder in einer fremden Umgebung sich einer zunächst fremden Person gegenüber vorbehaltlos öffnen sollen“, sagt Thiery. Gerade in der Verhaltenstherapie, die etwa auch bei Traumata zum Einsatz kommt, könne man durch kompetente Onlineangebote große Erfolge beobachten: „Patienten wird ein passendes Lernprogramm angeboten, mit dem sie dann im Alltag üben“, sagt Thiery. Dies könne auch gut per Video-Tutorial vermittelt werden.

Auch Charf hat einige ihrer Erklärvideos auf YouTube hochgeladen, rund 15.000 Menschen haben ihren Kanal abonniert. Die kompletten Selbsthilfekurse kann man auf ihrer Website kaufen. Zwischen 57 und 270 Euro kosten die Tutorials. Online-Therapien sind in Deutschland zwar noch keine Regelleistungen, einige Krankenkassen übernehmen jedoch bereits die Kosten.

Charf sieht auch Grenzen ihrer Onlinekurse: Zwar könne sie erklären, wie die Psyche funktioniere, wie gewisse Konditionierungen ablaufen und woher sie kommen. „Wenn ich mit einer Person in einem Raum sitze, kann ich jedoch körperliche Reaktionen mit einbeziehen.“ Es löse in jedem Menschen ein bestimmtes Gefühl aus, einem anderen gegenüber zu sitzen oder die Hand zu schütteln.

Besser online als gar keine Beratung?

Der persönliche Kontakt – mindestens in der Diagnostik und Aufklärung der Patienten – sei unerlässlich, heißt es in einer Stellungnahme der Bundespsychotherapeutenkammer (BPTK) zur Digitalisierung in der Psychotherapie. „Während der Behandlung ist die Therapieüberwachung durch Psychotherapeuten oder Ärzte zu gewährleisten.“ Wichtig sei zudem ein Nachweis der Wirksamkeit. Denn therapeutische Übungen, die gar nicht oder zu wenig wirken, könnten beim Patienten den Eindruck verstärken, nicht gegen ihre depressive Verstimmung ankommen zu können. „Er erlebt sich weiter seiner Erkrankung hilflos ausgeliefert“, heißt es in der Stellungnahme.

„Wir plädieren für eine Integration von digitalen Programmen in die Psychotherapie“, sagte zudem ein Sprecher der BPTK. Digitale Angebote könnten die Psychotherapie ergänzen, aber nicht ersetzen. „Außerdem fordern wir, dass auch digitale Behandlungsprogramme ihre Wirksamkeit belegen müssen, bevor sie zum Einsatz kommen.“

Thiery von der DGOB sieht unseriöse Therapieangebote ebenfalls als gefährlich an. „Durch ein unfachliches Angebot kann die Krankheit tatsächlich eher noch verschlimmert werden“, sagt er. Wichtig sei, dass die Therapeuten, die hinter den Onlinekursen stehen, für die Patienten erreichbar sind, etwa per Chat oder E-Mail.

Allgemein sei eine Onlineberatung aber besser als gar keine Beratung. Der Fachverband wolle daher ein Register mit zertifizierten Angeboten zusammenstellen. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen hat bereits eine solche Übersicht.

Wie kann ein Unternehmen das Tabuthema Psyche aufbrechen?

Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz sind noch immer ein Tabuthema. Wie kann ein Unternehmen dieses Tabu aufbrechen?

Die Psyche ist etwas sehr Privates. Darüber spricht man nicht. Oder erst, wenn sie belastet ist oder sich Schlafprobleme, Angststörungen, ein Burnout oder Depressionen bemerkbar machen. Und selten finden solche Gespräche am Arbeitsplatz statt. Zu groß ist die Angst vor negativen Konsequenzen.

Das Tabu erschwert den Umgang mit dem Thema Psyche

Die soziale Umwelt – und dazu gehört das Arbeitsumfeld – beeinflusst das psychische Wohlbefinden. Die Psyche ist also auch Teil des öffentlichen Lebens. Doch am Arbeitsplatz wird das Thema zum Tabu. Das schützt die Privatsphäre. Es verhindert aber auch, dass ein Unternehmen den Umgang mit den Themen Psyche bzw. psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz fördern kann.

Wissen zum Thema Psyche ist gering

Vordergründig ist es einfacher geworden, über psychisches Befinden zu sprechen. Medien berichten über Burnout und Depressionen. Regelmäßig werden Zahlen zu psychischen Erkrankungen veröffentlicht. Das Wissen rund um das Thema Psyche ist bei den meisten allerdings gering. Doch ohne Wissen sind z. B. keine gezielten Präventionsmaßnahmen im Unternehmen möglich.

Für psychische Belastung gibt es keine objektive Maßeinheit

Jeder nimmt psychische Belastungen individuell wahr und kann sehr unterschiedlich darauf reagieren. Ist aber die Psyche zu sehr belastet, kann es zu vielfältigen und unterschiedlich stark ausgeprägten psychischen Erkrankungen kommen. So können z. B. Angststörungen, Suchtprobleme, Panikattacken oder Depressionen oder auch verschiedene Krankheitsbilder gleichzeitig auftreten. Die Diagnose kann schwierig sein und die passenden Therapien stecken z. T. noch in der (Weiter-)Entwicklung.

Führungskräfte sind keine Psychologen

Am Arbeitsplatz geht es allerdings nicht um die Diagnose von psychischen Erkrankungen. Es geht nicht darum, in die Seele des Kollegen oder Mitarbeiters zu schauen. Und es geht auch nicht darum, über Erkrankungen zu spekulieren oder Verhalten zu deuten. Im Unternehmen geht es um die psychische Gesundheit und darum, diese zu erhalten und zu fördern.

Die psychische Gesundheit fördern und die Psyche stärken

Wenn es um psychische Gesundheit und entsprechende Präventionsmaßnahmen geht, muss der Fokus weg von Kennzahlen über Fehlzeiten. Denn diese spiegeln ein Bild von Krankheit wider. Wichtiger ist der Austausch mit den Beschäftigten über mögliche Belastungen und was dazu beitragen kann, dass diese gemindert oder vermieden werden können. Denn es geht darum, die psychische Gesundheit zu fördern und die Psyche zu stärken.

Es geht nicht um die Psyche des Einzelnen

Viele Beschäftigte kennen Stress am Arbeitsplatz und den Punkt der Erschöpfung, wenn nichts mehr geht. Trotzdem wird die Gestaltung der Arbeitsbedingungen in vielen Unternehmen noch nicht als ausschlaggebender Faktor für die psychische Gesundheit erkannt. Und so verpassen die Verantwortlichen die Chance, psychische Belastungen am Arbeitsplatz durch eine Gefährdungsbeurteilung zu ermitteln. Und bei dieser geht es eben nicht um die Psyche des Einzelnen, sondern um die Faktoren, die zu Belastungen führen können, wie z. B. wenn ständig zu viele Aufgaben in zu wenig Zeit bewältigt werden müssen.

Impulse für einen proaktiven Umgang mit dem Thema Psyche

Ob Mitarbeiter offen mit dem Thema Psyche umgehen, ist eine Frage des Vertrauens. Stimmt die Unternehmenskultur ist die Grundlage für vertrauensvolle Gespräche gegeben. Weltweit gibt es Initiativen, um psychische Themen aus der Tabuzone zu holen. Sie können Impulse für das betriebliche Gesundheitsmanagement sein:

  • Die neuseeländische Regierung hat die Haushaltsplanung für 2019 unter den Gesichtspunkt des Wohlbefindens gestellt. Die Ministerien sind somit verpflichtet, das Wohlergehen der Gesellschaft u. a. im Bereich psychischer Gesundheit zu fördern.
  • 2018 hat das Vereinigte Königreich einen Ministerposten für Einsamkeit eingerichtet. Ärzte können gemeinschaftliche Aktivitäten verschreiben.
  • 2013 bis 2018 gab es in der Schweiz die Kampagne Deine Psyche! Kein Tabu!. Dabei ging es darum, Gesprächsanlässe zu schaffen, um die Gesellschaft u. a. am Arbeitsplatz für das Thema zu öffnen.
  • In Kanada gibt es seit 2013 die Aktion „Heute bin ich nicht ich selbst.“ Mithilfe einer Toolbox können Mitarbeiter am Arbeitsplatz für das Thema psychische Erkrankungen sensibilisiert werden. Dadurch soll das Thema Psyche aus der Tabuzone geholt werden.

Offen über psychische Belastungen sprechen fällt am Arbeitsplatz immer noch schwer

Nach wie vor gibt es weitaus mehr Vorbehalte am Arbeitsplatz über Depressionen zu berichten als über Rückenschmerzen. Zu groß ist die Unsicherheit, welche Reaktionen dadurch ausgelöst werden, also ob es Unterstützung gibt oder ob eher mit Nachteilen zu rechnen ist.

Jeder kann das Tabu aufbrechen

Um verfestigte Strukturen aufzubrechen und dafür zu sorgen, dass es nicht länger ein Tabu ist, über das Thema Psyche zu sprechen, sind alle im Unternehmen gefragt.

  • Führungskräfte haben mit ihrer Vorbildfunktion einen besonderen Stellenwert. Außerdem sind sie für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter verantwortlich. Und sie sehen Verhaltens- oder Leistungsveränderungen meist sehr schnell.
  • Betriebs- und Personalräte können das Thema forcieren und u. a. Verantwortlichkeiten ansprechen oder belastende Arbeitsbedingungen aufdecken.
  • Fachkräfte für Arbeitsschutz und Betriebsärzte können das Thema Psyche in den Fokus rücken, wenn sie selbst gut darüber informiert sind.

Einen Mitarbeiter ansprechen geht auch beim Tabuthema Psyche

Wer eine Veränderung bei einen Kollegen oder Mitarbeiter wahrnimmt, sollte nicht lange zögern, sondern das Gespräch suchen. Dabei ist es wichtig, zwischen Person und möglicher Krankheit zu trennen. Es geht darum, Veränderungen wahrzunehmen und ausschließlich darüber zu sprechen. Also z. B. „Mir fällt auf, dass Sie häufiger zu spät kommen und Aufträge nicht mehr pünktlich abliefern.“ Auf gar keinen Fall sollte man „therapeutisch“ auftreten. Der Betroffene entscheidet, ob und in welchem Umfang er über psychische Belastungen oder Erkrankungen reden möchte.