Psychothera­peuten beschließen regelhafte Fernbehandlung mit Face-to-face-Diag­nostik

Der 33. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) hat entschieden, dass künftig eine Fernbehandlung ergänzend im Rahmen einer Psychotherapie grundsätzlich unter Beachtung besonderer Sorgfaltspflichten eingesetzt werden kann. Eine ausschließliche Fernbehandlung von unbekannten Patienten lehnten die Delegierten aber ab.

„Diagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung der Patienten erfordern aber weiterhin den persönlichen Kontakt“, heißt es nun im neu beschlossenen Paragrafen 5 Absatz 5 der Musterberufsordnung (MBO) für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Damit folgten die Delegierten einem Antrag des Vorstands der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Die bisherige Regelung sah vor, dass eine Behandlung über Kommunikationsmedien nur in begründeten Ausnahmefällen durchgeführt werden darf. Die Mitwirkung an Forschungsprojekten, in denen Psychotherapie ausschließlich über das Internet durchgeführt wird, bedarf auch mit der geänderten MBO der Genehmigung durch die Landespsychotherapeutenkammern.

Große Entfernungen können überbrückt werden

Zuvor erläuterte Peter Lehndorfer, Mitglied im Vorstand der BPtK, die Chancen und Risiken der Psychotherapie über Videobehandlung: „Große Entfernungen zwischen Patienten und Psychotherapeut können so überbrückt werden. Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen werden erreicht, die keine Praxis aufsuchen können. Bei einem Umzug des Patienten kann eine Fernbehandlung den Therapeutenwechsel verhindern helfen.“

Die Evidenz rechtfertige inzwischen den Einsatz von Fernbehandlungen – „aber längst nicht für alle“. Auf der anderen Seite könne Onlinepsychotherapie nicht die Probleme der Bedarfsplanung lösen und bedeute auch keine Zeitersparnis für Psychotherapeuten.

Antrag zur ausschließlichen Fernbehandlung abgelehnt

Zur Abstimmung stand auch ein Antrag der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK), der eine ausschließliche Behandlung über Kommunikationsmedien „im Einzelfall“ erlauben wollte, wenn dies psychotherapeutisch vertretbar sei. Dem ablehnenden Votum der Delegierten war eine breite Debatte vorausgegangen.

„Wir wollen Psychotherapeuten zumuten, selbst zu entscheiden, ob sie den Patienten vor einer Fernbehandlung persönlich sehen wollen/müssen oder nicht“, sagte Andrea Mrazek, Präsidentin der OPK.

„Wir sollten uns der Möglichkeit der ausschließlichen Fernbehandlung nicht verschließen“, erklärte Cornelia Beeking, Delegierte aus Nordrhein-Westfalen (NRW). „Der Schaden für die Patienten ist größer, wenn wir sie gar nicht erreichen, dadurch, dass sie in die Praxis kommen müssen“, ergänzte die Berliner Delegierte Eva-Maria Schweitzer-Köhn.

„Zur Diagnostik gehört immer auch das persönliche Gespräch. Der klinische Eindruck ist wichtig, der sich auch im Geruch und im Händedruck zeigt“, sagte hingegen Petra Adler-Corman, NRW, beispielsweise für die Vertreter der Face-to-face-Diagnostik.

„Die Krankenkassen sind sehr erpicht auf die OnlinePsychotherapie ohne uns – wir können uns auch selbst abschaffen“, erklärte Rudi Bittner, Delegierter aus Bayern. „Wir müssen unsere Macht nutzen“, warb BPtK-Vizepräsident Nikolaus Melcop für den Antrag des Vorstands für die regelhafte Fernbehandlung, der schließlich mit großer Mehrheit angenommen wurde.

Psychotherapie braucht wissenschaftlich fundierte psychologische Kompetenzen!

Neue Website der DGPs zur Psychotherapie-Gesetzesreform online

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) bietet auf der neuen Website https://psychotherapie.dgps.de umfassende Informationen rund um die Psychotherapie-Reform. Kernstück ist das Eckpunktepapier der DGPs und des Fakultätentags Psychologie mit Vorschlägen für die Struktur des Studiums nach der Reform: „Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten der Zukunft sollen bereits im Studium sowohl wissenschaftlich als auch praktisch auf diesen Beruf vorbereitet werden“, sagt DGPs-Präsidentin Birgit Spinath. „Das erfordert ein wissenschaftliches Fundament psychologischer Kompetenzen.“

Für das vierte Quartal 2018 wird die Veröffentlichung eines Referentenentwurfs durch das Bundesministerium für Gesundheit zu einer Revision des Psychotherapeutengesetzes erwartet. „Die Psychologie als Basiswissenschaft der Psychotherapie trägt bei der Begleitung der Reform eine besondere Verantwortung“ erklärt Professor Winfried Rief, Vorsitzender der Kommission Psychologie und Psychotherapieausbildung in der DGPs. „Wir haben deshalb Vorschläge ausgearbeitet, wie eine moderne, qualitativ hochwertige Ausbildung in Psychotherapie in die Psychologie-Studiengänge integriert werden kann.“

Das Eckpunktepapier der DGPs und des Fakultätentags Psychologie mit diesen Vorschlägen kann hier eingesehen werden:

https://psychotherapie.dgps.de/aktuelles/meldung/news/eckpunktepapier-der-dgps-z…

Wichtige Kernpunkte des DGPs-Modells sind: (1) eine breite Ausbildung in der akademischen Psychologie, die nach dem Bachelorstudium Wahlmöglichkeiten für alle psychologischen Tätigkeitsfelder lässt; (2) eine vertiefte Ausbildung in einem Master-Studiengang der Psychologie, der eine Spezialisierung in Klinischer Psychologie und Psychotherapie vermittelt und neben der wissenschaftlichen Qualifizierung auch die Vermittlung praktischer Handlungskompetenzen beinhaltet; (3) am Ende des Studiums eine praxisorientierte Approbationsprüfung sowie eine anschließende Weiterbildung zur Vertiefung in wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Behandlungsansätzen entweder des Erwachsenen- oder des Kinder- und Jugendalters.

Kontakt bei Rückfragen:
Prof. Dr. Winfried Rief
Vorsitzender der Kommission Psychologie und Psychotherapieausbildung der DGPs
Ansprechpartner für Details der Psychotherapieausbildung, der Versorgung und alle Fragen rund um die Vernetzung von Psychologiestudium, Psychotherapieausbildung
Tel.: +49 6421 282 3657
E-Mail: riefw@staff.uni-marburg.de

Prof. Dr. Birgit Spinath
Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie
Tel.: +49 6221 547355
E-Mail: Birgit.Spinath@psychologie.uni-heidelberg.de

Pressestelle der DGPs:
Dr. Anne Klostermann
Pressereferentin DGPs
E-Mail: pressestelle@dgps.de
Tel.: 030 280 47718

Über die DGPs:
Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs e.V.) ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Die über 4500 Mitglieder erforschen das Erleben und Verhalten des Menschen. Sie publizieren, lehren und beziehen Stellung in der Welt der Universitäten, in der Forschung, der Politik und im Alltag.
Die Pressestelle der DGPs informiert die Öffentlichkeit über Beiträge der Psychologie zu gesellschaftlich relevanten Themen. Darüber hinaus stellt die DGPs Journalisten eine Datenbank von Experten für unterschiedliche Fachgebiete zur Verfügung, die Auskunft zu spezifischen Fragestellungen geben können.
Wollen Sie mehr über uns erfahren? Besuchen Sie die DGPs im Internet: www.dgps.de

Sollte mein Therapeut mir ähnlich sein?

Psychotherapie wirkt besser, wenn man sich dem Behandler nahe fühlt – oberflächliche Gemeinsamkeiten spielen dafür aber wohl keine große Rolle.

Sollten Frauen lieber zu Psychotherapeutinnen gehen statt zu männlichen Kollegen, ältere Patienten besser zu Behandlern mit größerer Lebenserfahrung? Und macht es für den Erfolg des Verfahrens einen Unterschied, ob Therapeut und Klient einen ähnlichen sozioökonomischen Hintergrund haben? Das versuchte ein chilenisches Forscherteam in einer neuen Studie herauszufinden.

Die Psychologen um Alex Behn von der Päpstlichen Katholischen Universität in Santiago de Chile untersuchten 547 Klienten und 28 Therapeuten, die im Rahmen einer ambulanten Psychotherapie zusammengefunden hatten. Die Vermittlung erfolgte durch ein Gesundheitszentrum vor Ort – die Patienten wurden dabei nicht nach ihren Wünschen gefragt, sondern zufällig einem Behandler zugeteilt. Die Therapeuten arbeiteten mit verschiedenen Verfahren, darunter sowohl Verhaltenstherapie als auch psychodynamische und systemische Ansätze.

Ab der zweiten Sitzung füllten die Klienten jedes Mal einen Fragebogen aus, der die Qualität der Beziehung zwischen ihnen und dem Therapeuten erfassen sollte, mit Statements wie »Ich spüre, dass mein/e Therapeut/in mich schätzt« oder »Mein/e Therapeut/in und ich arbeiten auf Ziele hin, über die wir uns einig sind«.

Die Qualität der therapeutischen Beziehung nahm nach der zweiten Sitzung im Durchschnitt erst einmal ab. Mit der Zeit besserte sie sich aber wieder und überstieg ab dem sechsten oder siebten Treffen das Ausgangsniveau. Ob sich Klient und Therapeut in einem der untersuchten Merkmale ähnlich waren, spielte hierfür keine Rolle. Allerdings schien es vorteilhafter zu sein, wenn die Therapeuten sich in einer etwas jüngeren Altersgruppe befanden als die Klienten. Auch wenn die Behandler ökonomisch bessergestellt waren als ihre Schützlinge, kam das der therapeutischen Beziehung zugute.

Die psychische Gesundheit der Probanden wurde nur am Anfang erfasst, der Ausgang der Therapie floss also nicht in die Analyse ein. Wie Patienten die Allianz mit ihrem Therapeuten einschätzen, hat sich jedoch schon in zahllosen Studien als einer der wichtigsten Faktoren für den Behandlungserfolg entpuppt. Die Ähnlichkeit der demografischen Daten hat diesen Ergebnissen zufolge aber darauf keinen Einfluss. In früheren Studien wurde beispielsweise untersucht, ob es günstig ist, wenn Therapeut und Klient derselben Ethnie angehören – auch hier fanden sich damals keine Vorteile für die therapeutische Beziehung und den Behandlungserfolg.

Unabhängige Empfehlungen zur Therapie der Multiplen Sklerose

Das Qualitätshandbuch des KKNMS ist eine Handreichung für Ärzte, die MS-/ NMOSD-Patienten behandeln. Es enthält Informationen zu Indikation und Kontraindikationen sowie Empfehlungen zu Untersuchungen vor, während und nach der Therapie mit Glatirameracetat, Interferon-beta, Dimethylfumarat, Teriflunomid, Alemtuzumab, Daclizumab, Fingolimod, Mitoxantron, Natalizumab sowie zur Schubtherapie und zur Therapie in Spezialsituationen (u. a. Schwangerschaft, Reisen, Impfungen). Neu hinzugekommen ist das Kapitel NMOSD mit Diagnoseinformationen und Therapieempfehlungen zu Rituximab und Azathioprin.

Das Qualitätshandbuch können Sie hier als PDF abrufen. Derzeit wird es aktualisiert, daher findet kein Versand der Druckausgabe mehr statt. Das überarbeitete Handbuch erscheint zum diesjährigen DGN-Kongress (ab 30.10.2018) in digitaler Version.

Zusätzlich ist im Januar 2018 ein Kapitel zu Cladribin erschienen, das Sie hierabrufen können. Es wird in die nächste Druckausgabe des Qualitätshandbuchs aufgenommen.

Patientenaufklärungsbögen

Außerdem stellt das KKNMS Patientenaufklärungsbögen zu den einzelnen MS-Therapien bereit, die Sie hier herunterladen können:

Patietenaufklärungsbögen zu den NMOSD-Therapien können Sie hier herunterladen:

Patientenhandbücher

Seit Mai 2018 stellt das KKNMS gemeinsam mit der DMSG leicht verständliche Patientenhandbücher zu den vier Immuntherapeutika Alemtuzumab, Cladribin, Dimethylfumarat und Teriflunomid zur Verfügung. Nähere Informationen sowie die PDF-Dateien der Broschüren finden Sie hier. Printversionen für Ihre Patienten können Sie über unser Bestellformular beziehen.

App rundet Service-Angebot ab

Das KKNMS hat in Ergänzung zum gedruckten Handbuch eine App für Smartphones und Tablet PCs entwickelt. Alle Inhalte der Druckversion sind darin enthalten. Zusätzlich umfasst die App eine interaktive Umsetzung der Workflowtabellen, die SOP zur MS-Erstdiagnose, das Stufentherapieschema und eine automatische Berechnung des Behinderungsgrads (EDSS) nach Kurtzke. Die App ist kostenfrei und sowohl im App Store als auch bei Google Play verfügbar.

Produktion und Versand des Qualitätshandbuchs werden durch Spenden an den KKNMS e.V. finanziert. Leisten Sie einen Beitrag, damit wir auch nächstes Jahr eine Neuauflage des Handbuchs realisieren können >> zur Onlinespende

Bewegung verbessert die psychische Gesundheit – jedoch nur im zeitlichen Rahmen

Menschen, die sich sportlich betätigen, berichten seltener über depressive Phasen oder eine zuvor diagnostizierte Depression. In einer Beobachtungsstudie mit 1,2 Millionen US-Bürgern hatten Mannschaftssportarten, Radfahren, Aerobic und der Besuch des Fitnessstudios den größten Effekt, berichten Forscher in The Lancet Psychiatry (2018; doi: 10.1016/S2215-0366(18)30227-X).

Die Studienteilnehmer hatten 2011, 2013 und 2015 die Umfrage zum Behavioural Risk Factor Surveillance System abgeschlossen. Sie mussten schätzen, wie viele Tage sie ihre psychische Gesundheit im vergangenen Monat als „nicht gut“ bewerten würden, basierend auf Stress, Depressionen und emotionalen Problemen.

Im Durchschnitt fühlten sich die Teilnehmer jeden Monat 3,4 Tage „nicht gut“. Wer sich nicht bewegte, klagte monatlich 1,5 Tage mehr über eine schlechte psychische Gesundheit (Reduktion um 43,2 %; 2,0 Tage versus 3,4 Tage). Bewegung verringerte depressive Tage bei Personen, bei denen eine diagnostizierte Depression vorlag, um 3,75 Tage verglichen mit nicht trainierten Personen (Reduktion um 34,5%; 7,1 Tage versus 10,9 Tage).

Dabei zeigten alle Formen der Bewegung einen positiven Effekt – allen voran Mannschaftssport, der die psychischen Gesundheitstage um 22,3 % verringerte, Radfahren um 22,6 % und Aerobic und Fitnesstraining um 20,1 %. Selbst Hausarbeit ging mit einer besseren psychischen Gesundheit einher. Die psychisch belasteten Tage sanken um etwa 10 %.

Mehr Bewegung ist nicht immer besser

Den größten Effekt erzielten Teilnehmer, die 3- bis 5-mal pro Woche 45 Minuten trainierten. Wer sich jedoch mehr als 3 Stunden pro Tag körperlich betätigte, hatte sogar eine schlechtere psychische Gesundheit als jene, die sich gar nicht bewegten.

Die Studie umfasste 75 Arten körperlicher Aktivität, von Kinderbetreuung, Hausarbeit, Rasenmähen und Angeln bis hin zu Radfahren, Fitness, Laufen und Skifahren.

„Bewegung ist mit einer geringeren psychischen Belastung für Menschen verbunden, unabhängig von Alter, Rasse, Geschlecht, Haushaltseinkommen und Bildungsniveau“, sagt Adam Chekroud von der Yale University.

Nicht alle früheren Untersuchungen zur Auswirkungen von körperlicher Bewegung auf die psychische Gesundheit können dieses Ergebnis bestätigen. Eine Studie in BMJ mit 361 Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 69 Jahren konnte keinen positiven Einfluss auf Depressionen feststellen. Und auch Forscher der University of Cambridge fanden keinen Zusammenhang bei mehr als 700 Jugendlichen (Jama Pediatrics 2014).

Bewegung könnte mehr bewirken als soziale Faktoren

Im Vergleich zu Bewegung konnten soziale oder demografische Faktoren einen geringeren Einfluss auf die psychische Gesundheit nehmen. So hatten Menschen mit einer Collegeausbildung etwa eine 17,8-prozentige Reduktion schlechter psychischer Gesundheitstage im Vergleich zu Menschen ohne Bildung; ähnlich groß war der Vorteil für Menschen, die mehr als 50.000 US-Dollar verdienen verglichen mit Menschen, die weniger als 15.000 US-Dollar verdienen. Besonders gering war der Zusammenhang mit dem BMI: Ein normaler BMI ging mit einer Reduktion von 4 % einher im Vergleich zu Menschen, die übergewichtig waren.

Güte- und Mitgefühls-Meditationen können auch gegen ernste psychische Erkrankungen helfen

Übersichtsarbeit zeigt die Wirksamkeit z.B. bei Depression, Suizidversuchen, und Borderline-Störung

Auch schwere psychische Störungen wie Borderline-Störungen, Depressionen oder Schizophrenie lassen sich mit den beiden Methoden „compassion-based interventions“ (CBIs) und „Loving Kindness Meditation“ (LKM) behandeln und lindern. Das ist das Ergebnis einer Übersichtsarbeit von Johannes Graser, Universität Witten/Herdecke (UW/H), und Ulrich Stangier von der Frankfurter Goethe-Universität.

Aus über 9.000 Arbeiten, die zu diesem Forschungsfeld veröffentlich wurden, haben die beiden die 26 Studien ausgewählt, die strenge Kriterien erfüllten und klinische Stichproben behandelten. „ In diesen wenigen Studien zeigen die beiden Methoden gute Wirkung“, fasst Johannes Graser das Ergebnis zusammen. Wenn man ins Detail geht, zeigt sich, dass neben den Effekten auf die Symptomatik der Störungen CBIs vor allem auch gegen Selbst-Abwertung und Scham gut helfen. LKM steigert den positiven Affekt, also die Häufigkeit von Glücklichsein, positiver Stimmung oder Optimismus. Die Studie ist jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Harvard Review of Psychiatry (impactfactor 3.264) (doi: 10.1097/HRP.0000000000000192 oder https://journals.lww.com/hrpjournal/Abstract/2018/07000/Compassion_and_Loving_Ki…) erschienen.

Die Forschung hat bisher häufig die Wirksamkeit von achtsamkeitsbasierten Therapieverfahren bestätigt. Das sind zum Beispiel Verfahren wie die Mindfulness-based Stress-Reduction (MBSR) oder die Mindfulness-based Cognitive Therapy (MBCT). Weniger gut war bisher die Forschungslage bei Meditations- und Therapieformen, die zur Entwicklung von Güte (s.o.) und Mitgefühl entwickelt wurden. „Wir erreichen heute nur bei ca. 60 Prozent der Patienten, die an Borderline oder chronischer Depression leiden nachhaltige und deutliche Linderung der Symptomatik. Wissenschaftler und Therapeuten suchen daher mit großem Nachdruck nach neuen Ansätzen, die helfen können“, ordnet Graser die Situation ein. Das war Auslöser dieser Untersuchung.

CBIs bauen darauf auf, dass Menschen das Leid anderer wahrnehmen und eine Motivation entwickeln, dieses Leid zu verringern. Auch eine mitfühlende Haltung gegenüber der eigenen Person und dem eigenen Leid soll kultiviert werden. In der LKM wird zunächst versucht, positive Wünsche wie das Glücklich-Sein, Sorgenfreiheit, Freiheit von Leid anderen Menschen zukommen zu lassen. „Die Patienten nehmen das gut an, haben aber häufig Schwierigkeiten, sich selbst gute Wünsche zukommen zu lassen“, erklärt Graser das Therapieproblem. Wie Therapeuten mit diesem Widerstand umgehen können, ist ebenfalls Teil der Übersichtsarbeit. Außerdem deuten manche der Studien darauf hin, dass die Ansätze von CBIs und LKM auch bei Angststörungen, chronischen Schmerzen und post-traumatischem Stress helfen können. „Es wird jedoch noch einige Forschung nötig sein, um genau zu klären, wie die Techniken im therapeutischen Alltag angewendet werden können, um möglichst effektiv verschiedenen Patientengruppen helfen zu können“, sagt Graser.

Weitere Informationen bei Dipl.-Psych. Johannes Graser, 02302- 926 883, johannes.graser@uni-wh.de

Über uns:
Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als Modelluniversität mit rund 2.400 Studierenden in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit Werteorientierung und Persönlichkeitsentwicklung.

Witten wirkt. In Forschung, Lehre und Gesellschaft.

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wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dipl.-Psych. Johannes Graser, 02302- 926 883, johannes.graser@uni-wh.de

Originalpublikation:
doi: 10.1097/HRP.0000000000000192

Fachgesellschaft sieht Nutzen von Online­interventionen bei Depressionen und Angststörungen als gut belegt an

Der Nutzen von Onlineangeboten zur Intervention ist bei einigen psychiatrischen Indikationen gut belegt. Bisher aber fehlen einheitliche Standards zu Qualität, Patientensicherheit und Finanzierung solcher Angebote. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) zusammen mit dem Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM).

Die meisten Erkenntnisse liegen danach für Interventionen bei Depressionen und Angststörungen vor. „Hier haben verschiedene Onlineprogramme in Studien ihre Wirksamkeit und nachhaltigen Effekte bewiesen – und zwar in vergleichbarer Qualität mit konventioneller Psychotherapie“, berichten die Fachgesellschaften.

Therapeutenunterstützt ist sinnvoll

Meist handle es sich dabei um therapeutenunterstützte Programme – das heißt, der Patient durchlaufe das Therapieprogramm weitestgehend selbstständig, erhalte aber regelmäßig Rückmeldung durch einen Therapeuten, der auch für Fragen zu Verfügung stehe. Digitale Anwendungen kämen außerdem ergänzend zur klassischen Therapie und in der Nachsorge zum Einsatz, etwa in der Rückfallprävention von Essstörungen und bei Adipositas.

Insbesondere für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen haben sich laut DGPM und DKPM Serious Games als wirksam erwiesen, in denen Therapieinhalte spielerisch vermittelt würden. Außerdem würden E-Mental-Health-Anwendungen für die Behandlung posttraumatischer Belastungs­störungen erforscht und vereinzelt eingesetzt. „Ungeeignet sind digitale Anwendungen, wenn sich Menschen in akuten, schweren Krisensituationen befinden“, betonte Stephan Zipfel, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Tübingen.

Im Allgemeinen gelte: Der therapeutische Effekt bei Onlineverfahren mit therapeutischer Unterstützung sei höher als bei Programmen, die ohne Kontakt zu einem Therapeuten angelegt seien. Angebote, die eine sehr niedrige Zugangsschwelle hätten, also beispielsweise anonym und ohne vorherigen Abklärungsprozess mit einem Therapeuten gestartet werden könnten, würden zwar gerne genutzt, aber oft auch wieder abgebrochen.

Angebote mit höherer Zugangsschwelle hätten sich in Studien als nachhaltiger erwiesen, das gelte vor allem bei Programmen zur Behandlung einer Depression. „Generell ist eine vorgeschaltete Diagnostik durch einen Facharzt empfehlenswert, bei der sich dieser einen ausreichenden Eindruck vom Patienten und seinem körperlichen und psychischen Zustand und seiner sozialen Einbindung machen kann“, empfiehlt Zipfel.

Problem der Vielfalt

Die Onlinetherapie von Patienten mit psychiatrischen Störungen ist aber nicht unumstritten: So warnte die zweite stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayerns, Claudia Ritter-Rupp, Mitte März auf einer KV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung vor einer „unüberschaubaren Angebotsvielfalt“ an psychotherapeutischen Interventionen im Onlinebereich, die momentan von einigen Krankenkassen vorangetrieben würden.

Auch wenn die ökonomischen Aspekte für Anbieter und Krankenkassen reizvoll seien, könne der fehlende reale Patientenkontakt gerade bei psychischen Erkrankungen dazu führen, dass diese nicht erkannt oder verharmlost würden. Dies könne zu einer krisenhaften Zuspitzung oder zur Chronifizierung von psychischen Leiden führen, warnte sie.

Neue Technologie für die Psychotherapie

Pharmafirmen und Wissenschaftler treiben mit Digitaltechnik die Automatisierung der Psychotherapie voran

Der psychotherapeutische Chatbot ist mithin keine neue Idee. Allerdings erreicht er heute in Gestalt von Woebot – „erhältlich bei Facebook Messenger, für iPhone oder iPad und bald auch Android“ – zum ersten Mal die Massen. Man mag die Idee einer automatisierten Psychotherapie für albern oder auch für unethisch halten. Sie verbreitet sich jedenfalls gegenwärtig mit Macht und großer Geschwindigkeit. Von der Depression bis zur Zwangsstörung, von der Phobie bis zur Sucht, für jedes psychologische Krankheitsbild entsteht gerade irgendwo eine „Internetintervention“, wie der Fachausdruck lautet.

Der Staat fördert die Forschung für Electronic Mental Health, und die Pharmaindustrie hat die digitale Versorgung von psychisch Kranken als Wachstumsmarkt ausgemacht. An den Universitäten etabliert sich Electronic Mental Health derweil als eigenständige Forschungsdisziplin, mit einem internationalen Verband und Fachzeitschriften.

Gleichzeitig existiert in der Bevölkerung offenbar eine enorme Nachfrage nach digitaler Unterstützung beim Stressmanagement und der Work-Life-Balance. Wer heute in den App Stores das Stichwort „Seelische / psychische Gesundheit“ eingibt, dem werden 300000 Programme angeboten, die gegen Niedergeschlagenheit helfen sollen, zur Stärkung des Selbstbewusstseins oder für eine bewusste Ernährung. Viele Millionen Menschen nutzen mittlerweile e-Mental Heath. Die meisten Apps richten sich an Depressive, Menschen mit Angststörungen und Alkoholproblemen, etwas seltener an Personen mit Essstörungen. Ein Teil dieser Programme dient lediglich der „Achtsamkeit“. Sie übertragen die Methoden der Selbstvermessung, die wir von den Fitness-Apps kennen, auf Stimmung und Affekte. Sie funktionieren wie ein digitalisiertes (und standardisiertes) Tagebuch und versorgen die Nutzerinnen – tatsächlich handelt es sich überwiegend um Frauen – in regelmäßigen Abständen mit guten Ratschlägen und aufmunternden Worten. Populäre Programme wie „Headspace“ oder „7 Minds“ sollen das Wohlbefinden steigern.

Allerdings verläuft keine klare Grenze zwischen den Nutzern, die mit den Apps lediglich ihre Laune verbessern wollen, und solchen, die sich tatsächlich hilfsbedürftig und behandlungsbedürftig fühlen. Ein Teil der Angebote richtet sich denn auch an Menschen, die einen echten und starken Leidensdruck spüren. Besonders für diese Zielgruppe gibt es die sogenannten Online-Therapien, die – vergleichbar mit dem sogenannten „Blended Learning“ bei den MOOCs -Inhalte im Internet (beispielsweise Lehrvideos auf Youtube und Multiple Choice-Aufgaben) mit regelmäßiger menschlicher Betreuung verbinden.

Bei Internetkursen wie Selkapy oder Novego telefonieren die Patienten beispielsweise pro Woche eine halbe Stunde mit einem Therapeuten. Sie werden unter anderem als Mittel gegen Depressionen, Angst- und Essstörungen vermarktet.

Die Digitalisierung der Psychotherapie nimmt also ganz unterschiedliche Formen an. Das weite Feld lässt sich unterteilen anhand des Automatisierungsgrades einerseits, anhand der Schwere der Erkrankung andererseits. Dementsprechend reicht das Spektrum von eher spielerischen „Achtsamkeits-Enhancern“ und Meditations-Apps bis zu einer engmaschigen Überwachung über das Smartphone bei schweren Suchterkrankungen oder Suizidgefahr.

Entlang der Dimension „Automatisierungsgrad“ wiederum reicht die Bandbreite von Gesprächstherapien, die über Skype statt wie bisher in der Praxis eines Therapeuten stattfinden, bis zu Versuchen einer „psychotherapeutischen Vollautomation“ mittels Chatbot und Emotionsklassifizierung mittels Sensorik und Software. Die bloße Verlagerung ins Internet ändert an der verausgabten Arbeitszeit aber natürlich nichts (möglicherweise abgesehen von Anfahrtszeiten), so wie das schon bei den MOOCs der Fall war.

„Automatisierung“ bedeutet in der Praxis daher vor allem Selbstbedienung, sprich: Die Patienten übernehmen Aufgaben, die früher die Heilberufe ausfüllten. Zu den Online-Therapien zählen dementsprechend viele „angeleitete“ und „nichtangeleitete Selbstmanagementinterventionen“ (wobei Therapien mit Anleitung in der Regel besser wirken) – die Kranken arbeiten sich eine Lektion nach der anderen durch, wie mit einem Selbsthilfe-Lehrbuch.

Kommen Online-Therapien bald in die Regelversorgung der Krankenkassen?

Ein neunwöchiger Online-Kurs gegen Depressionen (inklusive wöchentlicher halbstündiger Telefongespräche mit einem Coach) ist ab 180 Euro zu haben. Die deutschen gesetzlichen Krankenkassen zahlen für nur eine Sitzung Gesprächs- oder Verhaltenstherapie bei einem niedergelassenen Psychologen 90 Euro. Eine ausgemachte Sache also, dass sich die billigere Variante durchsetzen wird?

Bislang werden die Online-Therapien von den Kassen höchstens auf Antrag als „Präventionsmaßnahme“ erstattet. Einen Anspruch darauf haben die Versicherten nicht. Die Kassen bremsen, denn sie wollen sich nicht von den kommerziellen Online-Anbietern abhängig machen, die übrigens mit großen Pharmakonzernen verwoben sind. Außerdem existiert bisher keine wirkliche Qualitätssicherung. Zwar gelten für die Apps gesetzliche Vorschriften als Medizinprodukte, ihre psychiatrische Wirksamkeit dagegen wird nicht systematisch untersucht.

Der Fachverband der psychotherapeutischen und psychiatrischen Ärzte DGPPN hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die Qualitätskriterien für die Therapie-Programme entwickeln soll. Der Gemeinsame Bundesausschuss aus Krankenkassen, Ärzteverbänden und Krankenhäusern, der über die Erstattungsfähigkeit von Behandlungen entscheidet, macht bisher keine Anstalten, sich mit den Online-Psychotherapien zu beschäftigen. Bis sie Teil der Regelversorgung sind, wird es also noch dauern.

In anderen europäischen Ländern sieht das anders aus. In den Niederlanden etwa werden Online-Behandlungen von Depressionen und Angststörungen von den Kassen finanziert, ähnlich in Schweden, Dänemark und Großbritannien

Viele Krankenkassen haben dafür eigene „Online-Coaches“ in ihr Angebot aufgenommen. Diese dienen allerdings nicht als Ersatz für eine regelrechte Psychotherapie, sondern kommen bei leichteren Erkrankungen („Befindlichkeitsstörungen“) zum Einsatz und um die Wartezeit bis zum Beginn einer herkömmlichen Therapie zu überbrücken. Dabei greifen die Kassen häufig auf private Dienstleister zurück, die teilweise auch die Betreuung der Patienten abwickeln.

Die jährlichen Nutzerzahlen liegen bisher selbst bei großen Krankenkassen wie der AOK lediglich im niedrigen vierstelligen Bereich – angesichts von insgesamt 1,7 Millionen Psychotherapien pro Jahr ist die Versorgung online bisher nicht wirklich von Belang! Dazu kommen allerdings die Patienten, die sich eine solche Behandlung selbst verordnen und sie aus eigener Tasche bezahlen; wie viele es sind, ist unklar.

Die neuen Akteure im Bereich Psychotherapien verändern auch das Berufsbild, was den Psychotherapeuten Sorgen bereitet. Zwar betonen die Anbieter der Online-Therapien, dass sie nur ausgebildete Psychologen beschäftigen. Tatsächlich decken sie ihren Personalbedarf teilweise mit Werkstudenten, Praktikanten und Fachpflegern aus den Psychiatrien. Die „psychologischen Online-Berater“ und „Coaches“ haben mit einem niedergelassenen, formal unabhängigen Psychotherapeuten jedenfalls wenig gemeinsam.

Aber wirken die psychologischen Internetinterventionen überhaupt? Diese Frage lässt sich durchaus nicht einfach beantworten, denn mit der wissenschaftlichen Evidenz in diesem Bereich ist es so eine Sache. Zwar zeigen einige klinische Studien und Metaanalysen, dass die Online-Therapien Patienten mit Depressionen, Schizophrenie und posttraumatischen Belastungsstörungen helfen können. Allerdings fehlt bislang ein Nachweis, dass sie mit den herkömmlichen psychologischen Behandlungen – also denen von Angesicht zu Angesicht – mithalten können.

Dass es den Teilnehmern in klinischen Studien regelmäßig besser geht, wenn sie eine bestimmte Software benutzen, ist, für sich genommen, nicht sonderlich beeindruckend. Denn depressive Menschen profitieren in der Regel ohnehin davon, dass sie sich behandeln lassen. Die wissenschaftliche Evidenz für die Überlegenheit einer bestimmten Behandlungsform ist insgesamt ziemlich dünn.

Unschön und vieldeutig sprechen Mediziner vom Placebo-Effekt. Um diesen Effekt ranken sich viele Missverständnisse. Jede Behandlung beruht auch darauf, dass sie von den Patienten für heilsam gehalten wird. Dies gilt für eine Kopfschmerztablette ebenso sehr wie für die chirurgische Operation eines gebrochenen Knochens, für einen schamanischen Tanz ebenso wie für eine Psychoanalyse. (Dies bedeutet natürlich nicht, dass sich jede Behandlung in der Placebo-Wirkung erschöpft, weshalb bei Kopfschmerzen eine Aspirin-Tablette empfehlenswerter ist als ein Schamane.)

„Placebo / Nocebo“ ist in Wirklichkeit ein vielfältiges Set von psychosozialen Effekten. Dieses Set ist nicht statisch, sondern dynamisch, weil bestätigte Erwartungen stärker werden: Je besser eine bestimmte Tablette die Kopfschmerzen lindert, umso größer der Glaube an ihre Wirksamkeit. Aus diesem Grund erzeugen „aktive Placebos“, die Nebenwirkungen auslösen, deutlich größere Effekte als „inaktive“ Mittel, die körperlich nicht wahrzunehmen sind. Wir haben gelernt, dass die Sinneseindrücke eine Besserung ankündigen, und bereits diese Erwartung lindert die Schmerzen.

Bei psychologischen und psychiatrischen Behandlung ist es besonders schwierig, die Wirkungen der Erwartungen von den Wirkungen der Intervention zu unterscheiden. Psychische Störungen zeichnen sich schließlich durch starre und einseitige Erwartungshaltungen und Wahrnehmungen aus – keine Depression ohne Hoffnungslosigkeit!

Wenn Depressive sich zum ersten Mal in Behandlung begeben, haben sie einen wichtigen Schritt bereits hinter sich gebracht: Sie werden aktiv und suchen nach Hilfe. Wie diese Hilfe dann aussieht – ob die Patienten Fluoxetin schlucken oder eine wöchentliche Gesprächstherapie durchführen – macht dann überraschend wenig Unterschied. Der amerikanische Psychiater Lester Luborkys zitiertein diesem Zusammenhang den schönen Satz aus „Alice im Wunderland“: „Alle haben gewonnen und jeder muss einen Preis bekommen.“

Um diese Behauptung rankt sich seit Jahrzehnten ein erbitterter Streit. Psychotherapeuten wenden typischerweise ein, dass statistische Verfahren nicht geeignet seien, um die individuellen Verbesserungen zu erfassen, weil sich ihre Interventionen kaum standardisieren und vergleichen lassen – Gesprächstherapie ist nun einmal nicht gleich Gesprächstherapie. Dieses Argument läuft allerdings natürlich lediglich darauf hinaus, dass Patienten hoffen dürfen, dass bei ihnen die Behandlung überdurchschnittlich erfolgreich sein wird.

Zu den schwer zu beurteilenden und in der Regel schwachen Wirkungen kommen noch zahlreiche methodische Schwierigkeiten, klinische Effekte durch psychiatrische Behandlungen hieb- und stichfest zu beweisen. So ist eine Verblindung wie in randomisiert-kontrollierten pharmakologischen Studien bei Psychotherapien nicht möglich. Objektive Biomarker gibt es nicht. Deshalb werden in den Studien die Symptome mit Messinstrumenten wie der Hamilton-Skala erfasst. Depressivität wird also auf einer kontinuierlichen Skala dargestellt, und alle Grenzwerte haben bekanntlich etwas Willkürliches an sich.

Einigermaßen klar ist jedenfalls: Bei Depressionen kann ein Placebo durchaus eine Verbesserung zwischen 30 und 40 Prozent bringen (definiert als Minderung der Symptome, erfasst mit Fragebögen). Psychotherapie und Antidepressiva schneiden mit Verbesserungen zwischen 40 und 50 Prozent ziemlich gleich ab. Die Kombination aus beidem wirkt am besten (wenn nicht nach verschiedenen Patentengruppen unterschieden wird).

Eine Besserung ihrer Leiden dürfen depressive Patienten, die sich zum ersten Mal in Behandlung begeben, also ohnehin erwarten. Andererseits sind Rückfälle durchaus häufig, etwa die Hälfte der Patienten (!) wird innerhalb von zwei Jahren nach einer abgeschlossenen Behandlung wieder depressiv (weshalb einige Psychiater bekanntlich die Antidepressiva am liebsten überhaupt nicht mehr absetzen).

Letztlich besteht der Beweis des Puddings in der Mahlzeit, wie der pragmatische Engländer sagt. Eine Psychotherapie ist erfolgreich, wenn die Patienten sich (subjektiv) besser fühlen und (objektiv) ihre verschiedenen sozialen Rollen ausfüllen. Ob Internet-Interventionen dazu ebenso gut taugen erreichen wie Pharmakotherapien oder „Face to Face“-Behandlungen, ist bislang unklar. Allerdings gibt es keinen Grund dafür, warum eine digitale Psychotherapie schlechter funktionieren sollte als beispielsweise eine Behandlung „face to face“ durch einen unengagierten oder schlechten Verhaltenstherapeuten.

Psychologie ist die „Mutterwissenschaft“ der Psychotherapie

Wissenschaftsrat legt Empfehlungen zu den Perspektiven der Psychologie vor

Gemeinsame Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und des Fakultätentags Psychologie

Der Wissenschaftsrat hat am 29. Januar 2018 Empfehlungen zur Zukunft des Faches Psychologie veröffentlicht. Einen Schwerpunkt bildet die geplante Reform der Psychotherapeutenausbildung. Der Wissenschaftsrat sieht die akademische Psychologie als „Mutterwissenschaft“ der Psychotherapie. Deshalb sollen Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in einem ersten Studienabschnitt (einem Bachelor-Studium) das Fach Psychologie in seiner gesamten Breite kennenlernen und dabei die Grundlagen, Methoden und Anwendungsfächer der Psychologie studieren. Anschließend sollen in einem zweiten Studienabschnitt praktische und wissenschaftliche Fertigkeiten in den Bereichen Klinische Psychologie und Psychotherapie in einem spezialisierten Master-Programm erworben werden. „Wir begrüßen es sehr, dass der Wissenschaftsrat anregt, die Psychotherapie-Ausbildung an die Strukturen anderer selbstständiger akademischer Heilberufe wie Medizin und Zahnmedizin anzugleichen“ sagt Conny Antoni, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

Besondere Anforderungen an Ausbildungsstätten

Als Ausbildungsstätten für ein solches konsekutives Studium kommen laut Wissenschaftsrat ausschließlich Hochschulen in Frage, die neben einer Praxisausbildung (zum Beispiel in angegliederten Hochschulambulanzen) auch höchsten Ansprüchen genügende Forschung im Bereich Psychotherapie sowie den damit assoziierten Grundlagen- und Anwendungsfächern nachweisen können. „Dieser Schritt ist eine notwendige Konsequenz aus den aktuellen Diskussionen zur Qualitätssicherung“, sagt Conny Antoni. „Die Stärke der universitären Ausbildung im Fach Psychologie liegt in der Trias von Forschung, Lehre und Praxis. Hiervon wird auch die Psychotherapieausbildung in hohem Maße profitieren.“

Psychotherapie braucht Therapieforschung

Der Wissenschaftsrat mahnt in seiner Stellungnahme auch eine bessere Vernetzung der praktischen Ausbildung mit wissenschaftlichen Inhalten an. Während die bisherige Psychotherapie-Ausbildung weitgehend selbstfinanziert an privaten Instituten erfolgte, soll sie nun stärker an die Hochschulen angebunden werden. „Nur dadurch ist eine enge Vernetzung der praktischen Ausbildung mit aktuellsten wissenschaftlichen Entwicklungen möglich. Psychotherapie braucht eine lebendige und sich weiter entwickelnde Therapieforschung“, sagt Markus Bühner, Vorsitzender des Fakultätentags Psychologie, und ergänzt: „Diese Forschung leisten bislang primär die Universitäten.“

Kontakt bei Rückfragen:
Prof. Dr. Conny H. Antoni
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie
Professor für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie
Universität Trier
E-Mail: antoni@uni-trier.de

Prof. Dr. Markus Bühner
Vorsitzender des Fakultätentags Psychologie
Lehrstuhl für psychologische Methodenlehre und Diagnostik
Ludwig-Maximilians-Universität München
E-Mail: buehner@lmu.de

Pressestelle der DGPs:
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Pressereferentin
Tel.: 030 280 47718
E-Mail: pressestelle@dgps.de

Über die DGPs:
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Altersdepression: Große Studie zur Psychotherapie

Die Möglichkeiten der medikamentösen Therapie der Altersdepression sind nicht selten begrenzt. In der bislang größten klinischen Studie zu dieser Fragestellung soll nunmehr der Nutzen einer Psychotherapie bei der Depression im Alter verifiziert werden.

Die Depression im höheren bis hohen Lebensalter ist eine schwerwiegende – bisweilen lebensgefährliche und zunehmende psychische Erkrankung. Psychotherapeutische Konzepte, die spezifisch die Themen des alten Menschen aufgreifen, liegen zwar vor, wurden bisher aber nur unzureichend in klinischen Studien geprüft, heißt es in einer Mitteilung der Universitätsklinik Köln. Mit einer Gesamtsumme von mehr als 1,9 Millionen Euro fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) nunmehr die weltweit größte multizentrische Studie zur Psychotherapie der Altersdepression. Die Studie wird koordiniert von Professor Dr. Frank Jessen, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Köln zusammen mit Professor Dr. Martin Hautzinger vom Universitätsklinikum Tübingen.
„Da medikamentöse antidepressive Therapien im höheren Alter häufig aufgrund von Kontraindikationen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten nur begrenzt eingesetzt werden können und auch in ihrer Wirksamkeit schwächer sind als im jüngeren Lebensalter, wären wirksame psychotherapeutische Strategien zur Behandlung der Altersdepression von großem Wert“, kommentiert Prof. Jessen die Bedeutung der Studie.
An dieser nehmen sieben Zentren in Deutschland teil. Es werden insgesamt 248 Personen über jeweils acht Wochen mit einer spezifisch für die Altersdepression entwickelten verhaltenstherapeutischen Intervention im Vergleich zu einer unspezifischen unterstützenden Therapie behandelt.
Vorrangiges Ziel der Studie ist es, die Depressivität sechs Monate nach Beginn zu untersuchen. „Sollte die Studie die Wirksamkeit von spezifischer Psychotherapie im Alter belegen, würde ein sofort implementierbares wirksames Behandlungsverfahren für diese häufig komplex zu therapierende Patientengruppe zur Verfügung stehen“ sagt Studienkoordinator Jessen.

Quelle: Pressemitteilung der Universitätsklinik Köln vom 2. Oktober 2017