Fachgesellschaft sieht Nutzen von Online­interventionen bei Depressionen und Angststörungen als gut belegt an

Der Nutzen von Onlineangeboten zur Intervention ist bei einigen psychiatrischen Indikationen gut belegt. Bisher aber fehlen einheitliche Standards zu Qualität, Patientensicherheit und Finanzierung solcher Angebote. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) zusammen mit dem Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM).

Die meisten Erkenntnisse liegen danach für Interventionen bei Depressionen und Angststörungen vor. „Hier haben verschiedene Onlineprogramme in Studien ihre Wirksamkeit und nachhaltigen Effekte bewiesen – und zwar in vergleichbarer Qualität mit konventioneller Psychotherapie“, berichten die Fachgesellschaften.

Therapeutenunterstützt ist sinnvoll

Meist handle es sich dabei um therapeutenunterstützte Programme – das heißt, der Patient durchlaufe das Therapieprogramm weitestgehend selbstständig, erhalte aber regelmäßig Rückmeldung durch einen Therapeuten, der auch für Fragen zu Verfügung stehe. Digitale Anwendungen kämen außerdem ergänzend zur klassischen Therapie und in der Nachsorge zum Einsatz, etwa in der Rückfallprävention von Essstörungen und bei Adipositas.

Insbesondere für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen haben sich laut DGPM und DKPM Serious Games als wirksam erwiesen, in denen Therapieinhalte spielerisch vermittelt würden. Außerdem würden E-Mental-Health-Anwendungen für die Behandlung posttraumatischer Belastungs­störungen erforscht und vereinzelt eingesetzt. „Ungeeignet sind digitale Anwendungen, wenn sich Menschen in akuten, schweren Krisensituationen befinden“, betonte Stephan Zipfel, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Tübingen.

Im Allgemeinen gelte: Der therapeutische Effekt bei Onlineverfahren mit therapeutischer Unterstützung sei höher als bei Programmen, die ohne Kontakt zu einem Therapeuten angelegt seien. Angebote, die eine sehr niedrige Zugangsschwelle hätten, also beispielsweise anonym und ohne vorherigen Abklärungsprozess mit einem Therapeuten gestartet werden könnten, würden zwar gerne genutzt, aber oft auch wieder abgebrochen.

Angebote mit höherer Zugangsschwelle hätten sich in Studien als nachhaltiger erwiesen, das gelte vor allem bei Programmen zur Behandlung einer Depression. „Generell ist eine vorgeschaltete Diagnostik durch einen Facharzt empfehlenswert, bei der sich dieser einen ausreichenden Eindruck vom Patienten und seinem körperlichen und psychischen Zustand und seiner sozialen Einbindung machen kann“, empfiehlt Zipfel.

Problem der Vielfalt

Die Onlinetherapie von Patienten mit psychiatrischen Störungen ist aber nicht unumstritten: So warnte die zweite stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayerns, Claudia Ritter-Rupp, Mitte März auf einer KV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung vor einer „unüberschaubaren Angebotsvielfalt“ an psychotherapeutischen Interventionen im Onlinebereich, die momentan von einigen Krankenkassen vorangetrieben würden.

Auch wenn die ökonomischen Aspekte für Anbieter und Krankenkassen reizvoll seien, könne der fehlende reale Patientenkontakt gerade bei psychischen Erkrankungen dazu führen, dass diese nicht erkannt oder verharmlost würden. Dies könne zu einer krisenhaften Zuspitzung oder zur Chronifizierung von psychischen Leiden führen, warnte sie.

Neue Technologie für die Psychotherapie

Pharmafirmen und Wissenschaftler treiben mit Digitaltechnik die Automatisierung der Psychotherapie voran

Der psychotherapeutische Chatbot ist mithin keine neue Idee. Allerdings erreicht er heute in Gestalt von Woebot – „erhältlich bei Facebook Messenger, für iPhone oder iPad und bald auch Android“ – zum ersten Mal die Massen. Man mag die Idee einer automatisierten Psychotherapie für albern oder auch für unethisch halten. Sie verbreitet sich jedenfalls gegenwärtig mit Macht und großer Geschwindigkeit. Von der Depression bis zur Zwangsstörung, von der Phobie bis zur Sucht, für jedes psychologische Krankheitsbild entsteht gerade irgendwo eine „Internetintervention“, wie der Fachausdruck lautet.

Der Staat fördert die Forschung für Electronic Mental Health, und die Pharmaindustrie hat die digitale Versorgung von psychisch Kranken als Wachstumsmarkt ausgemacht. An den Universitäten etabliert sich Electronic Mental Health derweil als eigenständige Forschungsdisziplin, mit einem internationalen Verband und Fachzeitschriften.

Gleichzeitig existiert in der Bevölkerung offenbar eine enorme Nachfrage nach digitaler Unterstützung beim Stressmanagement und der Work-Life-Balance. Wer heute in den App Stores das Stichwort „Seelische / psychische Gesundheit“ eingibt, dem werden 300000 Programme angeboten, die gegen Niedergeschlagenheit helfen sollen, zur Stärkung des Selbstbewusstseins oder für eine bewusste Ernährung. Viele Millionen Menschen nutzen mittlerweile e-Mental Heath. Die meisten Apps richten sich an Depressive, Menschen mit Angststörungen und Alkoholproblemen, etwas seltener an Personen mit Essstörungen. Ein Teil dieser Programme dient lediglich der „Achtsamkeit“. Sie übertragen die Methoden der Selbstvermessung, die wir von den Fitness-Apps kennen, auf Stimmung und Affekte. Sie funktionieren wie ein digitalisiertes (und standardisiertes) Tagebuch und versorgen die Nutzerinnen – tatsächlich handelt es sich überwiegend um Frauen – in regelmäßigen Abständen mit guten Ratschlägen und aufmunternden Worten. Populäre Programme wie „Headspace“ oder „7 Minds“ sollen das Wohlbefinden steigern.

Allerdings verläuft keine klare Grenze zwischen den Nutzern, die mit den Apps lediglich ihre Laune verbessern wollen, und solchen, die sich tatsächlich hilfsbedürftig und behandlungsbedürftig fühlen. Ein Teil der Angebote richtet sich denn auch an Menschen, die einen echten und starken Leidensdruck spüren. Besonders für diese Zielgruppe gibt es die sogenannten Online-Therapien, die – vergleichbar mit dem sogenannten „Blended Learning“ bei den MOOCs -Inhalte im Internet (beispielsweise Lehrvideos auf Youtube und Multiple Choice-Aufgaben) mit regelmäßiger menschlicher Betreuung verbinden.

Bei Internetkursen wie Selkapy oder Novego telefonieren die Patienten beispielsweise pro Woche eine halbe Stunde mit einem Therapeuten. Sie werden unter anderem als Mittel gegen Depressionen, Angst- und Essstörungen vermarktet.

Die Digitalisierung der Psychotherapie nimmt also ganz unterschiedliche Formen an. Das weite Feld lässt sich unterteilen anhand des Automatisierungsgrades einerseits, anhand der Schwere der Erkrankung andererseits. Dementsprechend reicht das Spektrum von eher spielerischen „Achtsamkeits-Enhancern“ und Meditations-Apps bis zu einer engmaschigen Überwachung über das Smartphone bei schweren Suchterkrankungen oder Suizidgefahr.

Entlang der Dimension „Automatisierungsgrad“ wiederum reicht die Bandbreite von Gesprächstherapien, die über Skype statt wie bisher in der Praxis eines Therapeuten stattfinden, bis zu Versuchen einer „psychotherapeutischen Vollautomation“ mittels Chatbot und Emotionsklassifizierung mittels Sensorik und Software. Die bloße Verlagerung ins Internet ändert an der verausgabten Arbeitszeit aber natürlich nichts (möglicherweise abgesehen von Anfahrtszeiten), so wie das schon bei den MOOCs der Fall war.

„Automatisierung“ bedeutet in der Praxis daher vor allem Selbstbedienung, sprich: Die Patienten übernehmen Aufgaben, die früher die Heilberufe ausfüllten. Zu den Online-Therapien zählen dementsprechend viele „angeleitete“ und „nichtangeleitete Selbstmanagementinterventionen“ (wobei Therapien mit Anleitung in der Regel besser wirken) – die Kranken arbeiten sich eine Lektion nach der anderen durch, wie mit einem Selbsthilfe-Lehrbuch.

Kommen Online-Therapien bald in die Regelversorgung der Krankenkassen?

Ein neunwöchiger Online-Kurs gegen Depressionen (inklusive wöchentlicher halbstündiger Telefongespräche mit einem Coach) ist ab 180 Euro zu haben. Die deutschen gesetzlichen Krankenkassen zahlen für nur eine Sitzung Gesprächs- oder Verhaltenstherapie bei einem niedergelassenen Psychologen 90 Euro. Eine ausgemachte Sache also, dass sich die billigere Variante durchsetzen wird?

Bislang werden die Online-Therapien von den Kassen höchstens auf Antrag als „Präventionsmaßnahme“ erstattet. Einen Anspruch darauf haben die Versicherten nicht. Die Kassen bremsen, denn sie wollen sich nicht von den kommerziellen Online-Anbietern abhängig machen, die übrigens mit großen Pharmakonzernen verwoben sind. Außerdem existiert bisher keine wirkliche Qualitätssicherung. Zwar gelten für die Apps gesetzliche Vorschriften als Medizinprodukte, ihre psychiatrische Wirksamkeit dagegen wird nicht systematisch untersucht.

Der Fachverband der psychotherapeutischen und psychiatrischen Ärzte DGPPN hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die Qualitätskriterien für die Therapie-Programme entwickeln soll. Der Gemeinsame Bundesausschuss aus Krankenkassen, Ärzteverbänden und Krankenhäusern, der über die Erstattungsfähigkeit von Behandlungen entscheidet, macht bisher keine Anstalten, sich mit den Online-Psychotherapien zu beschäftigen. Bis sie Teil der Regelversorgung sind, wird es also noch dauern.

In anderen europäischen Ländern sieht das anders aus. In den Niederlanden etwa werden Online-Behandlungen von Depressionen und Angststörungen von den Kassen finanziert, ähnlich in Schweden, Dänemark und Großbritannien

Viele Krankenkassen haben dafür eigene „Online-Coaches“ in ihr Angebot aufgenommen. Diese dienen allerdings nicht als Ersatz für eine regelrechte Psychotherapie, sondern kommen bei leichteren Erkrankungen („Befindlichkeitsstörungen“) zum Einsatz und um die Wartezeit bis zum Beginn einer herkömmlichen Therapie zu überbrücken. Dabei greifen die Kassen häufig auf private Dienstleister zurück, die teilweise auch die Betreuung der Patienten abwickeln.

Die jährlichen Nutzerzahlen liegen bisher selbst bei großen Krankenkassen wie der AOK lediglich im niedrigen vierstelligen Bereich – angesichts von insgesamt 1,7 Millionen Psychotherapien pro Jahr ist die Versorgung online bisher nicht wirklich von Belang! Dazu kommen allerdings die Patienten, die sich eine solche Behandlung selbst verordnen und sie aus eigener Tasche bezahlen; wie viele es sind, ist unklar.

Die neuen Akteure im Bereich Psychotherapien verändern auch das Berufsbild, was den Psychotherapeuten Sorgen bereitet. Zwar betonen die Anbieter der Online-Therapien, dass sie nur ausgebildete Psychologen beschäftigen. Tatsächlich decken sie ihren Personalbedarf teilweise mit Werkstudenten, Praktikanten und Fachpflegern aus den Psychiatrien. Die „psychologischen Online-Berater“ und „Coaches“ haben mit einem niedergelassenen, formal unabhängigen Psychotherapeuten jedenfalls wenig gemeinsam.

Aber wirken die psychologischen Internetinterventionen überhaupt? Diese Frage lässt sich durchaus nicht einfach beantworten, denn mit der wissenschaftlichen Evidenz in diesem Bereich ist es so eine Sache. Zwar zeigen einige klinische Studien und Metaanalysen, dass die Online-Therapien Patienten mit Depressionen, Schizophrenie und posttraumatischen Belastungsstörungen helfen können. Allerdings fehlt bislang ein Nachweis, dass sie mit den herkömmlichen psychologischen Behandlungen – also denen von Angesicht zu Angesicht – mithalten können.

Dass es den Teilnehmern in klinischen Studien regelmäßig besser geht, wenn sie eine bestimmte Software benutzen, ist, für sich genommen, nicht sonderlich beeindruckend. Denn depressive Menschen profitieren in der Regel ohnehin davon, dass sie sich behandeln lassen. Die wissenschaftliche Evidenz für die Überlegenheit einer bestimmten Behandlungsform ist insgesamt ziemlich dünn.

Unschön und vieldeutig sprechen Mediziner vom Placebo-Effekt. Um diesen Effekt ranken sich viele Missverständnisse. Jede Behandlung beruht auch darauf, dass sie von den Patienten für heilsam gehalten wird. Dies gilt für eine Kopfschmerztablette ebenso sehr wie für die chirurgische Operation eines gebrochenen Knochens, für einen schamanischen Tanz ebenso wie für eine Psychoanalyse. (Dies bedeutet natürlich nicht, dass sich jede Behandlung in der Placebo-Wirkung erschöpft, weshalb bei Kopfschmerzen eine Aspirin-Tablette empfehlenswerter ist als ein Schamane.)

„Placebo / Nocebo“ ist in Wirklichkeit ein vielfältiges Set von psychosozialen Effekten. Dieses Set ist nicht statisch, sondern dynamisch, weil bestätigte Erwartungen stärker werden: Je besser eine bestimmte Tablette die Kopfschmerzen lindert, umso größer der Glaube an ihre Wirksamkeit. Aus diesem Grund erzeugen „aktive Placebos“, die Nebenwirkungen auslösen, deutlich größere Effekte als „inaktive“ Mittel, die körperlich nicht wahrzunehmen sind. Wir haben gelernt, dass die Sinneseindrücke eine Besserung ankündigen, und bereits diese Erwartung lindert die Schmerzen.

Bei psychologischen und psychiatrischen Behandlung ist es besonders schwierig, die Wirkungen der Erwartungen von den Wirkungen der Intervention zu unterscheiden. Psychische Störungen zeichnen sich schließlich durch starre und einseitige Erwartungshaltungen und Wahrnehmungen aus – keine Depression ohne Hoffnungslosigkeit!

Wenn Depressive sich zum ersten Mal in Behandlung begeben, haben sie einen wichtigen Schritt bereits hinter sich gebracht: Sie werden aktiv und suchen nach Hilfe. Wie diese Hilfe dann aussieht – ob die Patienten Fluoxetin schlucken oder eine wöchentliche Gesprächstherapie durchführen – macht dann überraschend wenig Unterschied. Der amerikanische Psychiater Lester Luborkys zitiertein diesem Zusammenhang den schönen Satz aus „Alice im Wunderland“: „Alle haben gewonnen und jeder muss einen Preis bekommen.“

Um diese Behauptung rankt sich seit Jahrzehnten ein erbitterter Streit. Psychotherapeuten wenden typischerweise ein, dass statistische Verfahren nicht geeignet seien, um die individuellen Verbesserungen zu erfassen, weil sich ihre Interventionen kaum standardisieren und vergleichen lassen – Gesprächstherapie ist nun einmal nicht gleich Gesprächstherapie. Dieses Argument läuft allerdings natürlich lediglich darauf hinaus, dass Patienten hoffen dürfen, dass bei ihnen die Behandlung überdurchschnittlich erfolgreich sein wird.

Zu den schwer zu beurteilenden und in der Regel schwachen Wirkungen kommen noch zahlreiche methodische Schwierigkeiten, klinische Effekte durch psychiatrische Behandlungen hieb- und stichfest zu beweisen. So ist eine Verblindung wie in randomisiert-kontrollierten pharmakologischen Studien bei Psychotherapien nicht möglich. Objektive Biomarker gibt es nicht. Deshalb werden in den Studien die Symptome mit Messinstrumenten wie der Hamilton-Skala erfasst. Depressivität wird also auf einer kontinuierlichen Skala dargestellt, und alle Grenzwerte haben bekanntlich etwas Willkürliches an sich.

Einigermaßen klar ist jedenfalls: Bei Depressionen kann ein Placebo durchaus eine Verbesserung zwischen 30 und 40 Prozent bringen (definiert als Minderung der Symptome, erfasst mit Fragebögen). Psychotherapie und Antidepressiva schneiden mit Verbesserungen zwischen 40 und 50 Prozent ziemlich gleich ab. Die Kombination aus beidem wirkt am besten (wenn nicht nach verschiedenen Patentengruppen unterschieden wird).

Eine Besserung ihrer Leiden dürfen depressive Patienten, die sich zum ersten Mal in Behandlung begeben, also ohnehin erwarten. Andererseits sind Rückfälle durchaus häufig, etwa die Hälfte der Patienten (!) wird innerhalb von zwei Jahren nach einer abgeschlossenen Behandlung wieder depressiv (weshalb einige Psychiater bekanntlich die Antidepressiva am liebsten überhaupt nicht mehr absetzen).

Letztlich besteht der Beweis des Puddings in der Mahlzeit, wie der pragmatische Engländer sagt. Eine Psychotherapie ist erfolgreich, wenn die Patienten sich (subjektiv) besser fühlen und (objektiv) ihre verschiedenen sozialen Rollen ausfüllen. Ob Internet-Interventionen dazu ebenso gut taugen erreichen wie Pharmakotherapien oder „Face to Face“-Behandlungen, ist bislang unklar. Allerdings gibt es keinen Grund dafür, warum eine digitale Psychotherapie schlechter funktionieren sollte als beispielsweise eine Behandlung „face to face“ durch einen unengagierten oder schlechten Verhaltenstherapeuten.

Psychologie ist die „Mutterwissenschaft“ der Psychotherapie

Wissenschaftsrat legt Empfehlungen zu den Perspektiven der Psychologie vor

Gemeinsame Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und des Fakultätentags Psychologie

Der Wissenschaftsrat hat am 29. Januar 2018 Empfehlungen zur Zukunft des Faches Psychologie veröffentlicht. Einen Schwerpunkt bildet die geplante Reform der Psychotherapeutenausbildung. Der Wissenschaftsrat sieht die akademische Psychologie als „Mutterwissenschaft“ der Psychotherapie. Deshalb sollen Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in einem ersten Studienabschnitt (einem Bachelor-Studium) das Fach Psychologie in seiner gesamten Breite kennenlernen und dabei die Grundlagen, Methoden und Anwendungsfächer der Psychologie studieren. Anschließend sollen in einem zweiten Studienabschnitt praktische und wissenschaftliche Fertigkeiten in den Bereichen Klinische Psychologie und Psychotherapie in einem spezialisierten Master-Programm erworben werden. „Wir begrüßen es sehr, dass der Wissenschaftsrat anregt, die Psychotherapie-Ausbildung an die Strukturen anderer selbstständiger akademischer Heilberufe wie Medizin und Zahnmedizin anzugleichen“ sagt Conny Antoni, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

Besondere Anforderungen an Ausbildungsstätten

Als Ausbildungsstätten für ein solches konsekutives Studium kommen laut Wissenschaftsrat ausschließlich Hochschulen in Frage, die neben einer Praxisausbildung (zum Beispiel in angegliederten Hochschulambulanzen) auch höchsten Ansprüchen genügende Forschung im Bereich Psychotherapie sowie den damit assoziierten Grundlagen- und Anwendungsfächern nachweisen können. „Dieser Schritt ist eine notwendige Konsequenz aus den aktuellen Diskussionen zur Qualitätssicherung“, sagt Conny Antoni. „Die Stärke der universitären Ausbildung im Fach Psychologie liegt in der Trias von Forschung, Lehre und Praxis. Hiervon wird auch die Psychotherapieausbildung in hohem Maße profitieren.“

Psychotherapie braucht Therapieforschung

Der Wissenschaftsrat mahnt in seiner Stellungnahme auch eine bessere Vernetzung der praktischen Ausbildung mit wissenschaftlichen Inhalten an. Während die bisherige Psychotherapie-Ausbildung weitgehend selbstfinanziert an privaten Instituten erfolgte, soll sie nun stärker an die Hochschulen angebunden werden. „Nur dadurch ist eine enge Vernetzung der praktischen Ausbildung mit aktuellsten wissenschaftlichen Entwicklungen möglich. Psychotherapie braucht eine lebendige und sich weiter entwickelnde Therapieforschung“, sagt Markus Bühner, Vorsitzender des Fakultätentags Psychologie, und ergänzt: „Diese Forschung leisten bislang primär die Universitäten.“

Kontakt bei Rückfragen:
Prof. Dr. Conny H. Antoni
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie
Professor für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie
Universität Trier
E-Mail: antoni@uni-trier.de

Prof. Dr. Markus Bühner
Vorsitzender des Fakultätentags Psychologie
Lehrstuhl für psychologische Methodenlehre und Diagnostik
Ludwig-Maximilians-Universität München
E-Mail: buehner@lmu.de

Pressestelle der DGPs:
Dr. Anne Klostermann
Pressereferentin
Tel.: 030 280 47718
E-Mail: pressestelle@dgps.de

Über die DGPs:
Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs e.V.) ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Die über 4400 Mitglieder erforschen das Erleben und Verhalten des Menschen. Sie publizieren, lehren und beziehen Stellung in der Welt der Universitäten, in der Forschung, der Politik und im Alltag.
Die Pressestelle der DGPs informiert die Öffentlichkeit über Beiträge der Psychologie zu gesellschaftlich relevanten Themen. Darüber hinaus stellt die DGPs Journalisten eine Datenbank von Experten für unterschiedliche Fachgebiete zur Verfügung, die Auskunft zu spezifischen Fragestellungen geben können.
Wollen Sie mehr über uns erfahren? Besuchen Sie die DGPs im Internet: www.dgps.de

Altersdepression: Große Studie zur Psychotherapie

Die Möglichkeiten der medikamentösen Therapie der Altersdepression sind nicht selten begrenzt. In der bislang größten klinischen Studie zu dieser Fragestellung soll nunmehr der Nutzen einer Psychotherapie bei der Depression im Alter verifiziert werden.

Die Depression im höheren bis hohen Lebensalter ist eine schwerwiegende – bisweilen lebensgefährliche und zunehmende psychische Erkrankung. Psychotherapeutische Konzepte, die spezifisch die Themen des alten Menschen aufgreifen, liegen zwar vor, wurden bisher aber nur unzureichend in klinischen Studien geprüft, heißt es in einer Mitteilung der Universitätsklinik Köln. Mit einer Gesamtsumme von mehr als 1,9 Millionen Euro fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) nunmehr die weltweit größte multizentrische Studie zur Psychotherapie der Altersdepression. Die Studie wird koordiniert von Professor Dr. Frank Jessen, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Köln zusammen mit Professor Dr. Martin Hautzinger vom Universitätsklinikum Tübingen.
„Da medikamentöse antidepressive Therapien im höheren Alter häufig aufgrund von Kontraindikationen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten nur begrenzt eingesetzt werden können und auch in ihrer Wirksamkeit schwächer sind als im jüngeren Lebensalter, wären wirksame psychotherapeutische Strategien zur Behandlung der Altersdepression von großem Wert“, kommentiert Prof. Jessen die Bedeutung der Studie.
An dieser nehmen sieben Zentren in Deutschland teil. Es werden insgesamt 248 Personen über jeweils acht Wochen mit einer spezifisch für die Altersdepression entwickelten verhaltenstherapeutischen Intervention im Vergleich zu einer unspezifischen unterstützenden Therapie behandelt.
Vorrangiges Ziel der Studie ist es, die Depressivität sechs Monate nach Beginn zu untersuchen. „Sollte die Studie die Wirksamkeit von spezifischer Psychotherapie im Alter belegen, würde ein sofort implementierbares wirksames Behandlungsverfahren für diese häufig komplex zu therapierende Patientengruppe zur Verfügung stehen“ sagt Studienkoordinator Jessen.

Quelle: Pressemitteilung der Universitätsklinik Köln vom 2. Oktober 2017

Wissenschaftsrat empfiehlt Öffnung der Psychologie und neue Wege in der Psychotherapieausbildung

Die Psychologie in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in beachtenswerter Weise zu einer international angesehenen empirischen Wissenschaft entwickelt. Derzeit befindet sich diese akademische Disziplin, die mit die meisten Studierenden anzieht, jedoch in einer Umbruchsituation und ist mit verschiedenen strukturellen Herausforderungen insbesondere im Zusammenhang mit der künftigen Organisation der Psychotherapieausbildung konfrontiert.

Das war Anlass für den Wissenschaftsrat, sich mit den Perspektiven dieses Faches zu beschäftigen und mit seinen Empfehlungen zur erfolgreichen Bewältigung der aktuellen Situation beizutragen. Auf ihrem Weg in die Zukunft muss sich die Psychologie, so ein Kurzfazit, sowohl innerhalb der akademischen Strukturen wie auch gegenüber den Anliegen der Gesellschaft stärker öffnen.

Für die Fachvertreterinnen und -vertreter heißt das konkret, sich offener für Zusammenarbeit zu zeigen – sei es bei der Entwicklung gemeinsamer Forschungsprofile und Forschungsstrategien an den einzelnen Instituten oder aber im Zusammenhang mit Initiativen für interdisziplinäre Kooperationen und kooperative Projekte. Gleichzeitig appelliert der Wissenschaftsrat an Psychologinnen und Psychologen, noch intensiver als bisher ihrer besonderen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nachzukommen und ihren Beitrag zur Bewältigung zentraler gesellschaftlicher Herausforderungen – von der Migration bis zum digitalen Wandel – zu leisten. Er ermuntert die psychologische Fachgemeinschaft in diesem Sinne, den Austausch mit der Gesellschaft zu suchen und die dafür erforderlichen verschiedenartigen Kommunikations- und Transferprozesse auszugestalten.

Zur Öffnung gegenüber der Gesellschaft und ihren Anforderungen gehört es auch, dass die Psychologie Verantwortung für die Psychotherapieausbildung übernimmt. Deshalb sind die aktuellen Bestrebungen, diese Ausbildung künftig als zur Approbation führendes Studium mit sich anschließender fachkundlicher Weiterbildung zu gestalten, aus Sicht des Wissenschaftsrats positiv einzuschätzen. Von der engeren Verzahnung von Lehre und Praxis mit der Forschung erwartet er eine stärkere wissenschaftliche Fundierung der Psychotherapie und damit letztlich einen Qualitätssprung.

Das vom Wissenschaftsrat vorgeschlagene Standardmodell für die Psychotherapieausbildung sieht vor, diese während des ersten Studienabschnitts in ein allgemeines Psychologiestudium zu integrieren und in einem Masterstudium „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ fortzuführen. Neben diesem Regelfall soll es aber ausdrücklich möglich sein, auch alternative Studienmodelle, beispielsweise in Kooperation mit der Medizin, zu erproben und zu evaluieren. Zur Qualitätssicherung benennt der Wissenschaftsrat Grundvoraussetzungen für Hochschulen, die eine Psychotherapieaus­bildung anbieten wollen. Dazu gehören unter anderem einschlägige aktive Forschung und ein systematischer und qualitätsgesicherter Zugang zur Patientenversorgung.

„Der Bedarf an Erkenntnissen über Phänomene des menschlichen Erlebens und Verhaltens ist größer denn je und wächst auch in neuen Feldern, wie sie sich beispielsweise mit den Schlagworten „User Experience“ oder „Industrie 4.0“ verbinden. Mit seinen Empfehlungen möchte der Wissenschaftsrat dazu beitragen, dass die Psychologie in Zukunft eine noch bedeutendere Rolle im inner- wie außerakademischen Raum einnehmen und zudem die psychotherapeutische Versorgung verbessert werden kann“, so Martina Brockmeier, Vorsitzende des Wissenschaftsrates.


Weitere Informationen:

https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/6825-18.pdf – Perspektiven der Psychologie in Deutschland (Drs. 6825-18)

Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie lehnt Humanistische Psychotherapie ab

Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) erkennt die Humanistische Psychotherapie nicht als zur Krankenbehandlung geeignetes Psychotherapieverfahren entsprechend den Kriterien seines Methodenpapiers an. Zu diesem Ergebnis kommt der WBP in einem Gutachten, das am Freitag auf der Homepage des abwechselnd bei der Bundes­ärzte­kammer und der Bundes­psycho­therapeuten­kammer angesiedelten Gremiums veröffentlich worden ist.

Damit kann die Humanistische Psychotherapie (HP) nicht als Verfahren für die vertiefte Ausbildung zum Psychologischen Psychothera­peuten empfohlen werden. Auch die Zulassung als GKV-finanziertes Verfahren durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) ist der HP damit verwehrt.

Im Oktober 2012 hatte die Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT) einen Antrag auf Anerkennung der zehn psychotherapeutischen Ansätze beim WBP gestellt, die unter dem Dachbegriff „Humanistische Psychotherapie“ firmieren. Diese historisch heterogenen Ansätze sind: Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie, Emotionsfokussierte Therapie, Psychodrama, Logotherapie, Existenzanalyse, Körper­psychotherapie, Pesso Boyden System Psychomotor, Integrative Therapie und Transaktions­analyse.

Hochwertige Studien für die Wirksamkeit bei Angststörungen fehlen

„Für eine wissenschaftliche Anerkennung als Psychotherapieverfahren fehlen den zehn psychotherapeutischen Ansätzen insbesondere qualitativ hochwertige Studien für ihre Wirksamkeit bei Angststörungen“, erläuterte der erste Vorsitzende des WBP, Gereon Heuft, in einer Pressemitteilung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer.

Einzig für die Gesprächspsychotherapie, die von den Antragstellern der Humanis­tischen Psychotherapie zugeordnet wurde, hat der WPB jetzt die wissenschaftliche Anerkennung für die Anwendungsbereiche „Affektive Störungen, „Anpassungs- und Belastungsstörungen“ sowie „Psychische und soziale Faktoren bei somatischen Erkrankungen“ bei Erwachsenen festgestellt.

Nach den Kriterien des Methodenpapiers nach § 11 Psychotherapeutengesetz werden jedoch nur solche Verfahren für die vertiefte Ausbildung empfohlen, die bei „Affektiven Störungen“ sowie „Angst- und Zwangsstörungen“ – die beide eine besondere Versorgungsrelevanz haben – wirksam sind. Zusätzlich muss das Verfahren noch in mindestens ein bis zwei weiteren (von insgesamt 18) Anwendungsbereichen mit geringer Versorgungsrelevanz wirksam sein. Diese Kriterien erfüllen nach dem Gutachten weder die Gesprächspsychotherapie, noch weniger die übrigen neun Ansätze der HP aufgrund der vorhandenen Studien.

Keine Vermittlung der HP in gemeinsamer Aus-, Weiter- und Fortbildung

Der WBP konnte bei den Ansätzen der Humanistischen Psychotherapie insgesamt zwar „eine übergeordnete psychotherapeutische Grundorientierung, die im internationalen Schrifttum repräsentiert ist“, feststellen. Für eine Anerkennung als Psychotherapie­verfahren fehle es jedoch insbesondere an einer systematischen und differenzierten Vermittlung der zehn Ansätze in einer gemeinsamen Aus-, Weiter- und Fortbildung. Auch mangele es der HP an einem Konzept der differenziellen Indikationsstellung.

„Die Beurteilung aller Kriterien erlaubt es somit nicht, von der Humanistischen Psychotherapie als von einem Psychotherapieverfahren im Sinne des Methodenpapiers des Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie zu sprechen“, heißt es in dem Gutachten.

Vorwurf der „machtpolitischen und lobbyistischen Interessen“

Aus Sicht des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie, Manfred Thielen, haben nicht wissenschaftliche Kriterien den Ausschlag für die Ablehnung der HP gegeben, sondern „machtpolitische und lobbyistische Interessen“. „Es geht schließlich um den großen Markt der Approbationsausbildungen, der von verhaltenstherapeutischen und psychodynamischen Instituten beherrscht wird“, heißt es in einer vorläufigen Stellungnahme der AGHPT, die dem Deutschen Ärzteblattvorliegt. Alle Vertreter des WBP gehörten zudem den Richtlinienverfahren an, niemand einem humanistischen Ansatz.

Enttäuschend ist das Votum des WBP nach Thielens Ansicht nicht nur für Psychothera­peuten, die seit Jahrzehnten mit humanistischen Ansätzen arbeiten, sondern auch für die Patienten. Sie könnten künftig nur noch in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken sowie in Privatpraxen mit Humanistischer Psychotherapie behandelt werden.

Die Bewertungen des WBP für „in hohem Maße sachwidrig“ hält auch Jürgen Kriz, emeritierter Professor der Universität Oldenburg, der den Antrag der AGHPT 2012 federführend ausgearbeitet hat. Man habe „über 300 Wirkstudien vorgelegt, die ganz überwiegend in internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften mit wissenschaft­lichen Gutachtern publiziert worden waren. Von diesen hat der WBP letztlich nur 29 als Wirksamkeitsnachweise nach seinen aktuellen Kriterien anerkannt“, schreibt er in einer Stellungnahme.

Neue Metaanalysen kratzen am Selbstverständnis der Psychotherapeuten:

Ist das psychotherapeutische Verfahren irrelevant für die Wirksamkeit? Haben Medikamente einen stärkeren Effekt bei Angststörungen?

Wissenschaftlich betrachtet erlebt die Psychotherapie mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen gerade spannende Zeiten. In mehreren Symposien des Weltkongresses der Psychiatrie, der in diesem Jahr in Berlin ausgetragen wurde, ging es um ihren Stellenwert und um Wirksamkeitsvergleiche. So auch beim State-of-the-Art-Symposium zu Angststörungen, bei dem sich Prof. Jürgen Hoyer von der Technischen Universität Dresden mit der Psychotherapie und ihren Wirkmechanismen auseinandersetzte.

Ist die Medikation der Psychotherapie überlegen?

Die internationale Literatur zu Angst und kausaler Mediation ist dünn gesät. Bei seiner Recherche im Web of Science stieß Hoyer nur auf 18 Einträge. Allerdings gibt es einige rezente Publikationen, die in Fachkreisen für Furore sorgen. Ist etwa die Psychotherapie bei Angststörungen weniger wirksam als die Pharmakotherapie? Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2015 mit Studiendaten von über 37.000 Patienten ermittelte als Prä-Post-Effektstärken für die Pharmakotherapie 2,02 und für die Psychotherapie 1,22. „Ich dachte eigentlich, die Psychotherapie sei der Mercedes unter den Behandlungsverfahren“, kommentierte Hoyer dieses Ergebnis.

Anschließend rückte er die vermeintliche Überlegenheit der Medikamente zurecht: Einerseits ist der Vergleich von Prä-Post-Effektstärken in Metaanalysen methodisch nicht zuverlässig. Andererseits sind es gerade die als höchst problematisch zu bewertenden Benzodiazepine, die zu einer hohen pharmakologischen Effektstärke beitragen. Interessant ist auch die Tatsache, dass die Effektstärke (ES) von Placebo-Pillen in den letzten Jahren gestiegen ist. Den Grund dafür sieht Hoyer im verbesserten Studienmanagement, bei dem vermehrtes Kümmern auch zu einem stärkeren Placebo-Effekt führt. Zieht man die Placebo-ES von der Medikations-ES ab, landet Letztere bei < 1.

In der Praxis punkten die Medikamente allerdings mit ihrer überragenden Verfügbarkeit. Das sieht bei der Psychotherapie viel schwieriger aus, weshalb Hoyer in diesem Zusammenhang auf das Potenzial internetbasierter Interventionen verwies. Psychopharmaka sollten allerdings nur kurzfristig gegeben werden und nur, wenn es die Schwere der Erkrankung tatsächlich erfordert. Offen bleibt bisher die Frage, unter welchen Voraussetzungen eine vorausgehende Pharmakotherapie die langfristig meist indizierte Psychotherapie jeweils fördert oder behindert.

Ein „Knüller“: Psychotherapie wirkt unabhängig vom Verfahren

„Jetzt ein Knüller“ – mit diesen Worten leitete Hoyer zur nächsten Fragestellung über, die das Selbstbild der Psychotherapeuten tangiert:  Ist das psychotherapeutische Verfahren bei Angststörungen irrelevant? In einer ganz aktuellen Metaanalyse mit 23 randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) zeigte sich bei insgesamt 2.751 Patienten verfahrensunabhängig überall die gleiche Effektstärke. Ein direkter Vergleich von psychodynamischer Psychotherapie (PDT) versus kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) wurde allerdings nur in vier Studien vorgenommen.

Hoyer gab auch zu bedenken, dass hier manualisierte Formen von psychodynamischer Psychotherapie am Start waren, die in der Praxis noch nicht verbreitet sind und auch zu neuem Verhalten (Exposition) ermuntern – also eine Überlappung zwischen den eher existenzialistisch und den eher mechanistisch orientierten Konzepten.

Im Unterschied zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie mit ihrem „Leuchtturm-Problem“ ist die Verhaltenstherapie flächendeckend und weltweit verbreitet. Eine aktuelle Studie belegt zudem, dass die Wirksamkeit der KVT in der Routineversorgung keineswegs schlechter ist als in der kontrollierten Welt der universitären RCTs.

„Insbesondere die KVT bleibt Methode der Wahl“

Das Fazit Hoyers zum „Update Wirksamkeit“ lautete: Die Psychotherapie, insbesondere die KVT, bleibt die Methode der Wahl bei Angststörungen. Nach Auffassung des Experten sollten zukünftige Psychotherapie-Studien nicht nur gegen Wartekontrollgruppen testen. Außerdem sollten sie stärker Wirkprofile von Therapien vergleichen und nicht nur die Symptomreduktion als Outcome berücksichtigen.

Bei Angststörungen sind komplexe Prozesse betroffen. Mit einem klar definierbaren Defekt fehlt auch ein klar bestimmbarer „Heil-Mechanismus“. Eine mögliche Beliebigkeit, die daraus resultiert, lässt immerhin Raum für Therapeuten-Präferenzen, so Hoyer. Ungeachtet der Logik des Vorgehens ist die Entfaltung von Überzeugungskraft von entscheidender Bedeutung, um positive Bewältigungserfahrungen und damit assoziierte Prozesse beim Patienten, wie Veränderungswillen und Selbstkontrolle, zu ermöglichen.

Wie sieht es nun bei den neuen Applikationsformen der Psychotherapie aus, sprich bei E-Mental-Health?  Hier gibt es die internetbasierte Psychotherapie bzw. Internet-Therapie als Alternative zur schwerer zugänglichen Face-to-Face-Therapie. Bei den sogenannten Serious Games handelt es sich um „Computerspiele mit expliziter und sorgsam bedachter Bildungsabsicht“. Unter Virtual Reality Exposure wiederum versteht man die Exposition des Patienten gegenüber angstbesetzten, virtuellen Stimuli in einer computergenerierten virtuellen Umwelt.

Praxis-Methode der Zukunft: „blended therapy“

„Anxiety: There is an app for that.“ Diesen Titel trägt ein kürzlich publizierter systematischer Review. Aus 5.078 kommerziell verfügbaren Apps wurden 52 ausgewählt und analysiert. Bei über der Hälfte von ihnen liegt der Fokus auf Ängsten im Allgemeinen. Implementierte Interventionsansätze beruhen zu einem Drittel auf der KVT, bei den übrigen zwei Dritteln gibt es dazu keine Angabe. Die verwendeten Techniken decken eine große Bandbreite ab, sind aber nicht in ein therapeutisches Rationale integriert. Bei mehr als der Hälfte der mobilen Angebote fehlen Angaben zur psychologischen Ausbildung der Entwickler, nur in zwei Fällen gibt es Informationen zur empirischen Evidenz. Richtlinien zur Erstellung von Apps für die psychische Gesundheitsfürsorge und eine evidenzbasierte Überprüfung fehlen bisher.

Die Internet-Therapie hat sich bei sozialer Angststörung bereits als sehr erfolgreich erwiesen. Sie könnte das Verfügbarkeitsproblem von Psychotherapie nach Ansicht Hoyers erheblich mildern. Der Verhaltenstherapeut vermutet, dass in der Praxis „blended therapy“, also die Kombination aus Face-to-Face- und internetbasierten Angeboten, von Therapeuten und Patienten am besten angenommen werden wird. Andere neue Applikationsformen erscheinen ihm bei sozialer Angststörung dagegen weniger aussichtsreich.

Referenz: Hoyer J. Update Psychotherapie und Wirkmechanismen. Angststörungen – State-of-the-Art-Symposium. WPA XVII World Congress Of Psychiatry 2017. Berlin, 11.Oktober 2017.

Internetbasierte Akzeptanz- und Commitment-Therapie reduziert Schmerzen

Chronische Schmerzen akzeptieren – das lernen Patienten bei einer onlinebasierten Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Der Ansatz kann Schmerzen reduzieren und führt gleichzeitig zu einer höheren Schmerzakzeptanz, vor allem, wenn das digitale Programm durch Psychologen begleitet wird. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Universitäten Freiburg und Erlangen-Nürnberg in einer Studie (ACTonPain), die im Deutschen Ärzteblatt erschienen ist (Dtsch Arztebl Int 2017; 114 (41): 681-8).

Aufbau ACTonPain

  • sieben Module (eins pro Woche) mit interaktiven Übungen, Videos und Audios basierend auf einer Plattform von Minddistrict.com
  • ein Modul nimmt etwa 60 Minuten in Anspruch
  • bei der bgleiteten Version geben Psychologen Rückmeldung per Mail innerhalb von zwei Arbeitstagen

Bei ACTonPain untersuchten die Studienautoren erstmals die Wirkung einer onlinebasierten ACT mit und ohne Begleitung. Schmerzintensität, emo­tionale Funktionalität, Lebensqualität und Zufriedenheit nach neun Wochen und sechs Monaten verglichen sie mit einer Wartelisten-Kontrollgruppe. In der begleiteten ACTonPain-Version gaben Psychologen (eCoaches) unter Super­vision eines erfahrenen psychologischen Psychotherapeuten ihren Patienten personalisierte und standardisierte Rückmeldungen per Mail. Pro Teil­nehmer nahm die Begleitung durchschnittlich 105 Minuten in Anspruch. Der Inhalt der sieben Module wurde in einer Studie beschrieben, die 2014 in Internet Interventions erschienen ist (siehe 2.7 Intervention content).

Nach einem halben Jahr war fast die Hälfte der ursprünglich 302 Teilnehmer aus der Studie ausgeschieden. 43 Schmerzpatienten verblieben in der ACTonPain-begleiteten Gruppe, 30 in der ACTonPain-unbegleiteten und 71 in der Kontroll-Gruppe.

eCoach verhilft zu weniger Schmerzen

Im Vergleich zu Kontrollgruppe klagten die Patienten der begleiteten ACTonPain-Gruppe nach neun Wochen und auch noch nach sechs Monaten über eine deutlich geringere Schmerzbeeinträchtigung (number needed to treat: 3,14). Auch die unbegleitete ACTonPain-Gruppe profitierte im Vergleich zur Kontrollgruppe.

Zwar zeigten sich zwischen den beiden ACT-Gruppen keine signifikanten Unterschiede in der Wirksamkeit. Mithilfe der eCoaches bearbeiteten die Teilnehmer aber mehr der sieben Module und brachen die Therapie seltener ab (40 versus 61 Prozent). Sie wiesen nach sechs Monaten deutlich weniger Depressionen auf. Der entscheidende primäre Endpunkt (Schmerzbeeinträchtigung) wich bei der unbegleiteten Gruppe jedoch nicht signifikant von der Kontrollgruppe ab (p = 0,09).

Ob mit oder ohne elektronischen Ansprechpartner, zeigten sich beide Gruppe gleichermaßen zufrieden. Mehr als 80 Prozent der Interventionsgruppe würde das Therapieprinzip einem Freund weiterempfehlen. Eine Implementierung von ACTonPain mit psychologischer Begleitung in das Gesundheitssystem halten die Autoren daher für sinnvoll. Das könne dazu beitragen, Wartezeiten zu verkürzen und den Zugang zur Schmerzbehandlung zu verbessern.

Psychologische Behandlungen, wie die Akzeptanz- und Commitment-Therapie stellen mittlerweile ein Kernelement innerhalb der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) dar. Dabei lernen die Patienten, unangenehme und unveränderbare Empfindungen wie Schmerzen anzunehmen. Ein wertorientiertes Leben steht im Fokus. Studien weisen darauf hin, dass ACT gleichermaßen wirkt wie KVT (unter anderem Cognitive Behaviour Therapy 2016).

Nutzen und Schaden der systemischen Therapie bleiben vage

Bei seiner ersten Bewertung eines Psychotherapieverfahrens – der syste­mi­schen Therapie – kommt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesund­heits­wesen (IQWiG) zu uneinheitlichen Ergebnissen. „Weil Daten zu unerwünschten Ereignissen fehlen, ist eine Gesamtabwägung zu Nutzen und Schaden nicht möglich“, berichtet das Qualitätsinstitut.

Die systemische Therapie ist bislang keine Leistung der gesetzlichen Krankenversiche­rung (GKV). Das Verfahren wird ambulant und stationär eingesetzt. Es existieren systemische Einzeltherapien sowie Paar- oder Gruppentherapien.

„Bei der systemischen Therapie handelt es sich um eine ausgesprochen vielgestaltige Therapieform – für die theoretischen Konzepte gilt das ebenso wie für die eingesetz­ten Techniken“, hieß es aus dem IQWiG. Häufig gehe es nicht darum, die einzelne Person oder das Symptom zu betrachten, sondern den Kontext, in dem ein Symptom auftrete. Mittels einer Vielzahl von Techniken versuchten die Therapeuten unter anderem, symptomfördernde Interaktionen und Strukturen infrage zu stellen und ihnen neue, gemeinsam mit dem Patienten zu entwickelnde Interaktionen entgegenzusetzen. „Im Idealfall kann das System so verändert werden, dass das Symptom nicht mehr notwendig ist“, berichten die IQWiG-Wissenschaftler.

Mängel in den Studien

Laut Institut sind die Studien zu der Therapie zumeist relativ klein: Die größte umfasste 326 Patienten. Die Wissenschaftler konnten 33 Studien in ihre Auswertung einbeziehen. Methodisch waren sie offenbar häufig schlecht – so war nicht immer klar, ob die zufällige Zuteilung der Studienteilnehmer zu einem der Studienarme verdeckt geschah.

„Was wir hier sehen, scheint leider typisch zu sein für die psychotherapeutische For­schung. Internationale Standards haben sich hier bedauerlicherweise noch immer nicht durchgesetzt“, sagte Stefan Sauerland, Leiter des Ressorts nichtmedikamentöse Verfah­ren im IQWiG. So wurden in den vom IQWiG ausgewerteten Studien unerwünschte Ereignisse nicht abgebildet. „Wir können deshalb hier keine Aussagen treffen und es ist auch nicht möglich, den festgestellten Nutzen gegen einen möglichen Schaden abzu­wä­gen“, bemängelte Sauerland.

Das IQWiG bündelte die Studienergebnisse zu neun Störungsbereichen: Angst- und Zwangsstörungen, Demenz, depressive Störungen, Essstörungen, gemischte Störungen, körperliche Erkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie und affektive psychotische Störungen sowie Substanzkonsumstörungen. Weder Vor- noch Nachteile der systemischen Therapie konnten die Wissenschaftler bei der Demenz sowie bei Persönlichkeitsstörungen feststellen. Entweder es gab keine Daten oder sie zeigten keine relevanten Unterschiede.

Jeweils einen Hinweis auf einen Nutzen gibt es bei Angst- und Zwangsstörungen sowie bei der Schizophrenie, allerdings gilt dies nur für den Vergleich mit „keine Behand­lung“. Gegenüber Beratung und Informationsvermittlung zeigen die Daten bei den Angst- und Zwangsstörungen lediglich einen Anhaltspunkt für einen Nutzen und gegenüber der Psychotherapie fallen die Ergebnisse sogar zuungunsten der systemi­schen Therapie aus.

Bei den übrigen fünf Störungsbereichen (depressive Störungen, Essstörungen, ge­misch­te Störungen, körperliche Erkrankungen, Substanzkonsumstörungen) liefern die Daten jeweils Anhaltspunkte für einen Nutzen bei einem oder mehreren Vergleichen.

Neues Forschungsprojekt: Was passiert zwischen den Psychotherapiestunden?

Eine Psychotherapiestunde dauert in der Regel 50 Minuten und findet häufig einmal in der Woche statt. Die Psychotherapieforschung vermutet, dass zwischen den Therapiesitzungen relevante Prozesse ablaufen. Diese möchte nun ein Forschungsteam, gefördert vom Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank, untersuchen und darauf basierend eine App entwickeln, die die so genannten Intersession-Prozesse erhebt, kontrolliert und fördert.
„Rechnet man die tatsächliche Therapiezeit gegen die durchschnittliche Wachzeit auf, so zeigt sich, dass die Therapiezeit nur einen sehr geringen Anteil hat“, so Projektleiterin Sylke Andreas (Institut für Psychologie). Aktuelle Forschungen zu den sogenannten „Intersessions-Prozessen“ lassen vermuten, dass sich eine intensivere Beschäftigung mit der Zeit zwischen den Psychotherapiestunden lohnen könnte. Der Begriff wurde von den Psychotherapieforschern David E. Orlinsky und Jesse D. Geller geprägt und beschreibt die Verarbeitung der Therapie und deren Inhalten zwischen den einzelnen Therapiesitzungen sowie alle spontanen und intentionalen Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Phantasien über die Therapie und den oder die TherapeutIn.

Diese „Zwischensitzungsprozesse“ sind, so zeigen bisherige Studien, mit dem Behandlungserfolg und der therapeutischen Beziehung assoziiert. Sylke Andreas führt zu den Zielen des nun startenden Projekts aus: „Wir wollen zunächst den genauen Zusammenhang zwischen den in der Therapiestunde ablaufenden Prozessen und den darauffolgenden Intersession-Prozessen untersuchen, um Interaktions-Muster zu identifizieren, die Hinweise auf die Förderung bzw. Hemmung der Intersession-Prozesse geben können.“

Aufbauend darauf will das Team eine App entwickeln, welche die Intersession-Prozesse der Patientinnen und Patienten erhebt, kontrolliert und fördert. Sylke Andreas stellt in Aussicht: „Die App soll auch als Mentoring-Funktion für die Therapeutinnen und Therapeuten verwendet werden können. Mit ihrer Hilfe soll es gelingen, die Intersession-Prozesse ökonomisch und einfach im psychotherapeutischen Prozess einzubinden, um so die Therapie und vor allem das Behandlungsergebnis zu optimieren.“ Da das Projekt eine Laufzeit von 3 Jahren beansprucht, kann ab 2019 mit den ersten Ergebnissen gerechnet werden.
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.aau.at