Viele Deutsche sehen keine gleichwertige Anerkennung psychischer Erkrankungen

Viele Deutsche haben den Eindruck, dass das Gesundheitssystem psychischen Erkrankungen nicht denselben Stellenwert einräumt wie körperlichen Erkrankungen. Das ergab eine heute vom Ipsos-Institut veröffentlichte Befragung. Während 84 Prozent die geistige Gesundheit für genauso wichtig halten wie die körper­liche, sehen nur 39 Prozent denselben Stellenwert der psychischen Erkrankungen im Ge­sundheitssystem.

Der Erhebung zufolge sehen 56 Prozent der Deutschen psychische Erkrankungen als Krank­heiten wie jede andere. 61 Prozent denken demnach, dass die Gesellschaft noch viel toleranter gegenüber psychisch Kranken werden müsse. 58 Prozent sehen es als Zeichen von Stärke, bei psychischen Erkrankungen Hilfe bei Experten zu suchen.

Die Auswertung ist Teil einer weltweiten Onlinebefragung. Diese ergab den Angaben zu­folge, dass sich die Deutschen deutlich weniger Gedanken über ihre psychische Gesund­heit machen als Einwohner anderer Länder.

Mit 45 Prozent gab weniger als die Hälfte der Befragten an, häufig über das eigene geisti­ge Wohlbefinden nachzudenken. Nur in vier der 29 untersuchten Länder seien es noch weniger Menschen – Schlusslicht sei Russland mit einem Anteil von 25 Prozent.

Das Institut befragte im August und September weltweit 20.030 Menschen online. In Deutsch­land umfasste die Stichprobe den Angaben zufolge 1.000 Menschen. Die Daten seien gewich­tet worden, damit sie den Strukturdaten der erwachsenen Bevölkerung ent­sprechen. 

Digitale-Versor­gung-Gesetz: Experten sehen noch Nachbesserungsbedarf

 Vor allem die digitalen Gesundheitsanwendungen und deren Implementierung in die Routineversorgung, aber auch die geplanten Regelungen zur Datentransparenz und damit verbundene Fragen zum Datenschutz und zur Datennutzung standen im Zentrum der gestrigen Anhörung des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) vor dem Gesundheits­ausschuss des Bundestages.

Die grundsätzliche Zielsetzung des Gesetzentwurfs der Bundesregierung, digitale Inno­vationen schneller in die medizinische Versorgung zu bringen, stößt dabei auf einhellige Zustimmung der Gesundheitsexperten. Viele Fragen ergaben sich dann aber im Detail im Hinblick auf die dafür vorgesehenen Maßnahmen.

So sollen sich Patienten künftig etwa Gesundheits-Apps vom Arzt verschreiben lassen können. Das beschleunigte Verfahren dazu sieht vor, dass das Bundesinstitut für Arznei­mittel und Medizinprodukte (BfArM) die Anwendung auf Datensicherheit und Funktiona­lität überprüft. Ein Jahr lang wird sie dann vorläufig von der gesetzlichen Krankenversi­cherung (GKV) erstattet. Während dieser Zeit muss der Hersteller positive Versorgungs­effekte nachweisen.

Risikobehaftetes Verfahren

Die Krankenkassen sehen jedoch Probleme bei der Bewertung digitaler Anwendungen und befürchten ein Missverhältnis zwischen Nutzen und Kosten solcher Programme. So hält etwa der GKV-Spitzenverband die Kriterien für eine Aufnahme digitaler Innovationen in das geplante Verzeichnis digitaler Versorgungsangebote beim Bundesinstitut für Arz­neimittel und Medizinprodukte (BfArM) für unzureichend.

Die wichtigsten geplanten Regelungen des DVG

  • Versicherten können digitale Versorgungsangebote wie Gesundheits-Apps auf Rezept erhalten.
  • Der Zugang für die Hersteller von digitalen Anwendungen in die Regelversorgung wird erleichtert.
  • Krankenhäuser müssen sich bis zum 1. Januar 2021 an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) anschließen, Apotheken bis zum 20. September 2020.
  • TI-Verweigerer unter den Ärzten werden mit einem erhöhten Honorarabzug von 2,5 Prozent ab dem 1. März 2020 sanktioniert.
  • Weitere Leistungserbringer wie etwa Hebammen und Physiotherapeuten können sich freiwillig anschließen.
  • Telemedizin wird gestärkt, indem etwa Telekonsile extrabudgetär vergütet werden.
  • Ärzte können auf ihrer Internetseite über ihr Angebot an Onlinesprechstunden informieren. Die Aufklärung für eine Videosprechstunde soll auch online möglich sein.
  • Krankenkassen können digitale Innovationen fördern und dafür im Rahmen von Investmentanlagen bis zu zwei Prozent ihrer Finanzreserven einsetzen.
  • Der Innovationsfonds wird bis 2024 mit 200 Millionen Euro jährlich fortgeführt.
  • Der Telefaxversand soll für Ärzte geringer als das Versenden eines elektronischen Arztbriefes vergütet werden.
  • Die Nutzbarkeit von Gesundheitsdaten für Forschungszwecke soll verbessert werden.

Eine Einführung von Anwendungen der Risikoklassen I und IIa allein aufgrund der Prü­fung von Unterlagen der Hersteller durch das BfArM ohne Einbezug von Ärzten und Kran­kenkassen sei „risikobehaftet“, so deren Vorstandsvorsitzende Doris Pfeiffer. Die Kriterien dafür seien unbedingt zu schärfen, etwa nach dem Vorbild des britischen NICE, das einen Anforderungsrahmen hierfür erarbeitet habe.

Durch den Anspruch auf Kostenerstattung der App-Hersteller im ersten Jahr befürchten die Krankenkassen zudem Fehlanreize. Vor dem Hintergrund schneller Entwicklungszy­klen und der modularen Erweiterbarkeit der Produkte müsse damit gerechnet werden, dass es nach einem Jahr nicht mehr zu der geforderten Bewertung der Apps komme. Für die Hersteller müsse es außerdem strukturierte Informationsangebote über die verschie­denen Zugangswege in die Regelversorgung geben, forderte Pfeiffer.

Erprobungsregion für Gesundheits-Apps

Auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) bemängelte, dass bei den im Gesetzentwurf angeleg­ten neuen Zulassungsverfahren für digitale Gesundheitsanwendungen die spezifischen Bedürfnisse der Patienten und Ärzte nicht berücksichtigt würden, obgleich sie die Kern­zielgruppe dieser Anwendungen seien.

In ihrer Stellungnahme forderte sie zudem eine klare Regelung der datenschutzrechtli­chen Verantwortlichkeit innerhalb der Tele­ma­tik­infra­struk­tur sowie für Entwickler ver­lässliche Rahmenbedingungen zur Erprobung ihrer Technik. In diesem Kontext plädiert die BÄK für eine bundesweite Erprobungsregion für digitale Anwendungen.

„Digitale Anwendungen müssen belegen, dass sie keinen Schaden anrichten“, erläuterte Norbert Butz, Dezernatsleiter Telematik bei der BÄK. Hierzu sei eine Erprobung erforder­lich, die etwa ein Patientenkollektiv, teilnehmende Ärzte und andere Leistungserbringer, Krankenkassen und eine begleitende Evaluation umfasse.

Für die Hersteller digitaler Anwendungen stelle dieses Setting eine „prohibitiv hohe Hürde“ dar. Eine etablierte Erprobungsregion würden den Entwicklern digitaler Anwen­dungen verlässliche und dauerhafte Rahmenbedingungen für die Erprobung zur Verfügung stellen. Die Kosten für die Erprobung und die Evaluation würden dadurch deutlich geringer werden, das Verfahren dadurch insgesamt schneller, so Butz.

Kritik von Herstellern

Aus Sicht der Industrieverbände Bitkom, bvitg – Bundesverband Gesundheits-IT, dem Fachverband Elektromedizinische Technik (ZVEI) und dem Bundesverband Medizintechnik (bvmed) ist es nicht zielführend, den Versorgungsanspruch der Versicherten nur auf digi­tale Anwendungen der geringen Risikoklassen I und IIa der Medizinprodukteversorgung (MDR) zu beschränken.

Ein grundlegendes Problem bestehe unter anderem darin, dass es für eine digitale An­wen­dung „von ihrer Natur her häufig schwierig ist, die gewünschten Evidenznachweise zu erbringen“, erläuterte etwa Peter Bursig vom ZVEI. Viele der Anwendungen seien in sek­tor­übergreifende Versorgungsprozesse integriert, Beispiel Telemonitoring.

Der bvmed plädierte zudem dafür, Kombinationsprodukte in das DVG mit aufzunehmen, darunter fallen Software oder Zubehör-Apps, die Informationen eines Medizinprodukts wie eines Herzschrittmachers für den Arzt oder Patienten aufbereiten.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) begrüßt grundsätzlich, dass Gesundheits-Apps künftig von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung bezahlt werden sollen. „Digitale Anwendungen können gerade psychische Behandlungen intensivieren, Behandlungser­folge stabilisieren und dazu beitragen, psychische Erkrankungen zu vermeiden“, betonte Nikolaus Melcop, Vizepräsident des BPtK-Vorstandes.

Es gebe bereits eine Reihe evaluierter Anwendungen für psychische Erkrankungen. Wich­tig sei, dass Psychotherapeuten solche Programme auch verordnen könnten. In das BfArM­-­Verzeichnis „sollten allerdings nur solche Anwendungen aufgenommen werden, deren Wirksamkeit auch nachgewiesen ist“, forderte Melcop. Denn andernfalls könnte auch großer Schaden entstehen. Aus Sicht der BPtK haben zudem nur Psychotherapeuten oder Ärzte die fachliche Qualifikation zu beurteilen, ob und welche Gesundheits-App in einer Behandlung eingesetzt werden kann.

Bedeutung der arztgeführten Kommunikation

Auch aus Sicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ist es unbedingt erforder­lich, Ärzte bei der Ausgestaltung der Digitalisierung und bei der Entwicklung digitaler Angebote einzubeziehen. „Es wäre eine vertane Chance, wenn nur diejenigen tätig wer­den dürfen, die gar nicht in die Behandlung der Patienten eingebunden sind“, sagte der KBV-Vorstandsvize Stephan Hofmeister.

Die KBV lehne es daher ab, dass Krankenkassen ihren Versicherten künftig digitale Versorgungsangebote machen können, ohne die behandelnden Ärzte einzubeziehen. Denn auch digitale Angebote müssten in ein therapeutisches Gesamtkonzept integriert sein.

Hofmeister hob jedoch die Bedeutung der arztgeführten Kommunikation neben der elektronischen Patientenakte hervor: Die Ärzte seien besorgt, dass in der digitalisierten Welt der ursprünglich generische Weg der Arzt-Patienten-Kommunikation und der Arzt-zu-Arzt-Kommunikation untergehe. Aus Ärztesicht gehe es darum, dass die Kommuni­ka­tion zwischen den Ärzten für einen Patienten in einem Behandlungsfall vernünftig in Echt­zeit stattfinde.

„Wir sind dringend darauf angewiesen, dass hier unkompromittierte medizinische Fach­da­ten ausgetauscht werden können“, so Hofmeister. Hierfür sei eine sichere elektronisch gestützte arztgeführte Kommunikationslösung unerlässlich.

Gesundheitsdaten besser für Forschung nutzen

Aus Sicht einiger Experten besteht bei den erweiterten Regelungen zur Nutzung von Sozialdaten der Krankenkassen zu Forschungszwecken noch Nachbesserungsbedarf. So ist etwa für den Einzelsachverständigen Dominique Schröder, Universität Erlangen-Nürn­berg, der Datenschutz im Gesetzentwurf generell nicht ausreichend umgesetzt.

Die Patienten sollten ihm zufolge ein Recht haben, über ihre Daten zu entscheiden. Das sei im Gesetz nicht enthalten. Zudem gewährleiste ihm zufolge die „mangelhafte Tech­nik“ der Pseudonymisierung und Anonymisierung von Daten nicht unbedingt den Daten­schutz, wie Beispiele zur De-Anonymisierung von Daten aus der Kryptographie und der IT-Sicherheit gezeigt hätten.

Schröder empfahl, nur auf verschlüsselten Daten Berechnungen durchzuführen. „Das funktioniert, wir sind in der Forschung so weit“, sagte er. In einen Projekt konnte ihm zu­folge gezeigt werden, dass der Patient über die Verwendung einer einzelnen App jede Berechnung auf seinen genetischen Daten freigeben kann.

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Auch die Rolle des GKV-Spitzenverbandes als Datensammelstelle sieht der Experte kri­tisch. Hierfür sei eine unabhängige Stelle erforderlich, die keinerlei finanzielle Interessen verfolge. Die Daten angemessen zu schützen, sei schwierig und ein überaus komplexer Prozess, erläuterte er.

Bündnis 90/Die Grünen kritisieren in einem eigenen Antrag (DS 19/13539), der ebenfalls Gegenstand der Anhörung war, dass den Aktivitäten der Bundesregierung eine „kohärente Strategie für die weitere Digitalisierung des Gesundheitswesens“ fehle.

Unter anderem vermissen sie klare Vorgaben zur Interoperabilität der Daten und Systeme im Gesundheitswesen sowie Maßnahmen zur Verbesserung der Datenqualität. Sie fordern deshalb, unter Beteiligung der Patienten sowie weiterer Akteure eine sich an gesund­heits-, versorgungs- und pflegepolitischen Prioritäten orientierende Strategie zur Umset­zung der Digitalisierung für das Gesundheitswesen auf den Weg zu bringen. 

Rückenwind für Videosprechstunden

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband wollen tele­medizinische Angebote stärken: Seit Anfang Oktober dürfen Ärzte fast aller Fachgruppen Videosprechstunden durchführen und abrechnen – ausgenommen sind nur Laborärzte, Nuklearmediziner, Pathologen und Radiologen.

Für Psychotherapien wurde die Videosprechstunde neu geöffnet, ebenso können ermäch­tigte Ärzte ihre Patienten nun per Video behandeln. Neu ist weiterhin, dass der erste Arzt-Patienten-Kontakt in einer Videosprechstunde stattfinden darf. Bislang musste der Arzt den Patienten kennen. Nunmehr ist die elektronische Visite auch bei „neuen“ Patienten berechnungsfähig.

Zur Förderung der Videosprechstunde wurde die Vergütung neu geregelt. Sie erfolgt seit 1. Oktober über die jeweilige Versicherten-, Grund- oder Konsiliarpauschale statt wie bisher über die Gebührenordnungsposition (GOP) 01439.

Die Pauschale nebst Zuschlägen wird in voller Höhe gezahlt, wenn im selben Quartal noch ein persönlicher Kontakt erfolgt. Ist dies nicht der Fall und der Kontakt erfolgt aus­schließlich per Video, werden die Pauschale und gegebenenfalls die sich darauf bezieh­en­den Zuschläge gekürzt.

Ärztliche und psychologische Psychotherapeuten dürfen nun bestimmte Leistungen der Richtlinien-Psychotherapie per Videosprechstunde durchführen und abrechnen. Voraus­setzung dafür ist, dass ein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt zur Eingangsdiagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung vorausgegangen ist.

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Auch Fallkonferenzen in der Pflege können nunmehr häufiger per Video erfolgen. Möglich waren sie bisher bereits zwischen Ärzten und Pflegekräften des Pflegeheimes, mit dem ein Kooperationsvertrag für den Versicherten besteht (GOP 37120 und 37320).

Seit Anfang des Monats können solche Fallkonferenzen auch per Video erfolgen und ab­gerechnet werden, wenn der Patient zu Hause oder in einer beschützenden Einrichtung lebt. Dazu wurde die GOP 01442 (Bewertung: 64 Punkte / 6,92 Euro) in den EBM auf­ge­nommen.

Fallbesprechungen nach den GOP 30210 (Hyperbare Sauerstofftherapie bei diabetischem Fußsyndrom), 30706 (Schmerztherapie), 30948 (MRSA-Fall- und/oder regionale Netz­werk­­konferenz) und 37400 (Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase) sind ab so­fort ebenfalls als Videofallkonferenz durchführbar.

Mit den getroffenen Vereinbarungen sollen Ärzte und Psychotherapeuten die Video­sprech­stunde einfacher in den Praxisalltag integrieren können und immer dann einset­zen, wenn sie es für sinnvoll erachten. Der Gesetzgeber hatte dies wiederholt gefordert und verlangt, das Angebot zur Videosprechstunde ausbauen.

Neues Zentrum soll psychisch Kranken schneller helfen

Das neue Zentrum für Innovative Psychiatrie- und Psychotherapieforschung (ZIPP) in Mannheim soll psychisch erkrankten Menschen schneller und zielgerichteter helfen. Erreicht werden soll dies den Angaben zufolge durch rasch aus wissenschaftli­chen Erkenntnissen entwickelte maßgeschneiderte Behandlungen.

„Mit dem ZIPP entsteht eine in Europa bisher einmalige Struktur für die Erforschung neuropsychiatrischer Volkserkrankungen“, sagte Baden-Württembergs Wissenschaftsmi­nis­terin Theresia Bauer (Grüne) gestern bei der Eröffnung der zum Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI) gehören­den Ein­richtung.

Es werde internationale Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen anziehen und damit den Wissenschaftsstandort Baden-Württemberg stärken. Zugleich werde durch das ZIPP die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen dem ZI, dem Universitätsklinikum Mannheim und der Medizinischen Fakultät der Universität intensiviert.

Rund 40 Prozent aller Menschen haben nach Angaben des ZI im Laufe ihres Lebens eine psychische Erkrankung, die behandelt werden sollte. Das ZIPP wird vom Bund und dem Land finanziell gefördert. Ein weiterer wichtiger Sponsor ist den Angaben zufolge die Klaus Tschira Stiftung, die wissenschaftliche Projekte unterstützt. Das Zentrum hat 56 Millionen Euro gekostet. 

Therapy conversation with the psychologist

Netzwerke für schnellere Psychotherapie

Die Bundesregierung will für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen eine Verbesserung der Situation erreichen. Für dieses Ziel sollen alle Berufsgruppen, die an der Versorgung beteiligt sind, enger zusammenarbeiten: Psychotherapeuten, Psychiater und Hausärzte sowie weitere Therapeuten und Pfleger.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will dazu diese Woche einen Änderungsantrag zum Gesetzentwurf zur Reform der Psychotherapeutenausbildung in den Bundestag einbringen. Konkret heißt es: „Der Gemeinsame Bundesausschuss kann Regelungen treffen, die diagnoseorientiert und leitliniengerecht den Behandlungsbedarf konkretisieren. In der Richtlinie sind auch Regelungen zur Erleichterung des Übergangs von der stationären in die ambulante Versorgung zu treffen.“

Dem Antrag zufolge, der der „Ärzte Zeitung“ vorliegt, sollen außerdem erforderliche probatorische Sitzungen künftig nach einer Krankenhausbehandlung und wenn sich eine ambulante Therapie anschließen soll, bereits in den Räumen des Krankenhauses gestartet werden können – und dennoch ambulant honoriert werden.

Um ambulante Psychotherapien in Form von Gruppentherapie, die derzeit nur in geringem Umfang durchgeführt werden, zu fördern, soll zudem das Gutachterverfahren für Gruppentherapien aufgehoben werden.

Der GBA soll Einzelheiten in einer Richtlinie bis Ende 2020 festlegen.

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Verbände monieren Vorzug der Kurzzeit-Psychotherapie

Änderungsanträge zur Reform der Psychotherapeutenausbildung sorgen für massiven Unmut bei Fachverbänden. So sei die Bevorzugung der Kurzzeittherapie „ethisch nicht vertretbar“, schreiben sie.

Kurzfristig noch in die Reform der Psychotherapeutenausbildung gedrückte Änderungen sorgen für Unmut bei den psychoanalytischen Fachverbänden. Es sei „ethisch nicht vertretbar“, dass die Koalition plane, dass Kurzzeittherapien gegenüber aufwändigeren Behandlungen bevorzugt werden sollen, heißt es in einer am Montagabend verbreiteten gemeinsamen Pressemitteilung verschiedener Fachverbände*. Das Gesetz soll bereits am Donnerstag abschließend im Bundestag beraten und beschlossen werden.

Die Kritik der Verbände entzündet sich an zwei der am 18. September beschlossenen Änderungsanträge, die der „Ärzte Zeitung“ vorliegen. So sollen die Manteltarifpartner im einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) binnen drei Monaten nach Inkrafttreten des Gesetzes einen Zuschlag von 15 Prozent auf psychotherapeutische Leistungen vereinbaren, die im ersten Therapieblock einer Kurzzeittherapie erbracht werden.

Ausdrücklich begründen die Koalitionäre dies als Anreiz, Psychotherapeuten mit einer Mindestsprechstundenzeit von 25 Wochenstunden einen Anreiz zu geben, anstelle von Langzeittherapien mehr Patienten zu behandeln, die einer neuen Kurzzeittherapie bedürfen.

Der Anreiz, in kurzer Zeit mehr Patienten zu behandeln, widerspreche den Intentionen, die Versorgung von Patienten mit chronifizierten psychischen Erkrankungen zu verbessern, die in der Regel länger behandelt werden müssten, monieren die Verbände. Die Versorgung müsse den Patienten vielmehr „indikationsbezogen zur Verfügung stehen und dürfe nicht durch weitere Kommerzialisierung aufs Spiel gesetzt werden“, heißt es in der Mitteilung.

Steine des Anstoßes sind auch die Ansätze der Koalition, die Gruppentherapie zu fördern und dafür das Gutachterverfahren abzuschaffen. Zuvor soll der Gemeinsame Bundesausschuss bis 31. Dezember 2020 einrichtungsübergreifende und sektorspezifische Qualitätssicherungsverfahren für die ambulante psychotherapeutische Versorgung entwickeln. Die Gutachterverfahren werden seit vielen Jahren kontrovers diskutiert.

Nach einem Wegfall der Gutachterverfahren würden Langzeittherapien künftig einer für die Patienten unklaren und für sie nicht nachvollziehbaren Qualitätsprüfung unterliegen, bemerken dazu die Verbände. Zudem unterlaufe der Gesetzgeber damit die Regelungskompetenz der Gemeinsamen Selbstverwaltung.

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Nach 20 Jahren eine „fast normale Fachgruppe in der KV“

Bei einer Jubiläumsfeier anlässlich von 20 Jahren Psychotherapeutengesetz überwogen die Dur-Töne: Der direkte Zugang der Patienten zu Therapeuten ist ein Fortschritt. Doch lange Wartezeiten wegen fehlender Sitze treiben den Berufsverband weiterhin um.

Die psychologischen Psychotherapeuten sind im KV-System angekommen. 20 Jahre nach Inkrafttreten des Psychotherapeuten-Gesetzes wissen sie die Vorteile der Integration in die Körperschaft und in das System der gesetzlichen Krankenversicherung zu schätzen. Gleichzeitig stoßen die Psychotherapeuten wie ihre ärztlichen Kollegen schmerzhaft an die Grenzen des Systems.

Viele Ärzte hätten sich zunächst mit der Aufnahme der Berufsgruppe in die KV schwergetan, sagte der Vorsitzende der KV Westfalen-Lippe (KVWL), Dr. Gerhard Nordmann, anlässlich der Jubiläumsfeier „20 Jahre Psychotherapeutengesetz“ in Dortmund. „Das ist heute kein Thema mehr“, betonte er.

Durch das Gesetz habe sich die Versorgung verbessert: Der Zugang sei für die Patienten einfacher geworden, gleichzeitig sei die Qualität der psychotherapeutischen Versorgung vereinheitlicht und angehoben worden. Die Nachfrage der Patienten nach psychotherapeutischen Leistungen sei ungebrochen, ebenso wie der Drang der Therapeuten, die ins System wollen.

Anders als die Ärzte hätten die Psychotherapeuten keine Nachwuchsprobleme, betonte der KVWL-Chef. „Wenn ein Sitz frei wird, haben wir meist ein Dutzend Bewerber.“

800 Therapeuten gaben halben Sitz ab

Die Zahl der zugelassenen Therapeuten hat sich in Westfalen-Lippe von 981 auf heute 2520 erhöht. Von ihnen sind 1839 Vollzeit tätig. Da sie in der Einzelpraxis den vollen Versorgungsauftrag von 46.000 Minuten (780 Stunden) pro Quartal nicht erfüllen konnten, haben rund 800 Therapeuten einen halben Sitz abgegeben.

Die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) habe für diese Maßnahme geworben, sagte die Bundesvorsitzende Barbara Lubisch. „Das ist der Versorgung zugutegekommen.“ Das den Patienten zur Verfügung stehende Leistungsangebot habe sich vergrößert.

Den direkten Zugang der Patienten zu Psychotherapeuten bezeichnete Lubisch als enormen Fortschritt. „Das hat dazu beigetragen, dass die Nachfrage gestiegen ist und psychische Krankheiten ein Stück Normalisierung erfahren haben.“ Das Dilemma der Psychotherapeuten sei, dass sie der Nachfrage der Patienten nicht im ausreichenden Maß nachkommen können.

Bedarfsplanung – eine Dauerbaustelle

Die Versorgung leide nach wie vor unter der Hypothek, dass für die erstmalige Bedarfsplanung nicht alle Psychotherapeuten mitgezählt wurden, sondern nur diejenigen, die nach dem Delegationsverfahren tätig gewesen waren und sofort eine Kassenzulassung erhalten hatten. Die Bedarfsplanung sei eine „Dauerbaustelle“, sagte Lubisch. Denn obwohl im Jahr 2018 ein unabhängiges Gutachten die Notwendigkeit von 2400 zusätzlichen Plätzen für psychologische und ärztliche sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten belegt habe, habe der Gemeinsame Bundesausschuss nur 776 Sitze beschlossen. „Wir können damit nicht zufrieden sein.“ Lange Wartezeiten seien unvermeidbar.

Das Grundproblem sei die Vorgabe der Kassen, dass die Integration der Psychotherapeuten kostenneutral erfolgen musste, erläuterte Manfred Radau, Vorsitzender des Beratenden Fachausschusses Psychotherapie bei der KVWL und stellvertretender Vorsitzender der DPtV in Westfalen-Lippe. „Der Behandlungsbedarf ist nie empirisch ermittelt worden.“ Die Zahl der Sitze hinke dem steigenden Bedarf immer weiter hinterher. „Unsere Forderung: Stellt ausreichend Therapieplätze zur Verfügung, schafft neue Psychotherapeuten-Sitze.“

Honorarschere im Vergleich zu Ärzten geht auf

Radau begrüßte, dass es der KVWL im Sauerland gelungen sei, die Bedarfsplanung sehr kleinräumig auszulegen. Auf diesem Weg hätten Sitze in besonders unterversorgten Regionen besetzt werden können. „Eine kleinräumige Verteilungsplanung wünschen wir uns auch bei der Ausschreibung neuer Versorgungsaufträge in Westfalen-Lippe.“

Ein Thema, das Radau besonders zu schaffen macht, ist das Honorar. Bis heute komme es „zu teilweise existenzbedrohenden und dramatischen Mängeln in der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen“ durch die Kassen. Auch 20 Jahre nach der Integration in die KVen seien die psychologischen Psychotherapeuten die mit Abstand am schlechtesten vergütete Fachgruppe.

„Die Schere zu den Ärzten klafft immer ein bisschen weiter auseinander“, beklagte Radau. Die Situation wäre sogar noch schlechter, wenn die Psychotherapeuten nicht gelernt hätten, gegen jeden Honorarbescheid Widerspruch einzulegen.

Als weitere Baustellen nannte die DPtV-Vorsitzende Lubisch die Weiterentwicklung der Psychotherapie-Richtlinie und die Reform der Aus- und Weiterbildung. „Wir sind auf dem besten Weg, eine ganz normale Fachgruppe in der KV zu sein mit bestimmten Schwierigkeiten wie jede Fachgruppe.“

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Online-­Interventionen nicht ohne ärztliche oder psychotherapeutische Diagnose

Internetgestützte und mobilbasierte Interventionen (IMI) können die psycho­the­rapeutische Versorgung sinnvoll ergänzen – Ersatz für einen Psychotherapeuten oder Psychiater sind sie hingegen nicht. Das war das Fazit des „Zukunftsforums“, zu dem der Verband der Ersatzkassen (vdek) gestern Abend Experten aus der Medizin, der Psychothe­ra­pie, der Politik und der Selbstverwaltung eingeladen hatte.

„Schafft die Digitalisierung die Psychotherapeuten ab?“, lautete der provokante Titel der Veranstaltung. Deprexis, Novego, IfightDepression, TK-Depressionscoach oder Moodgym sind einige be­kannte IMI, die Versicherten mit psychischen Problemen, zum Teil von den Kranken­kass­en, angeboten werden.

„Die Programme sind gut evaluiert und haben durchaus positive Effekte für die Nutzer“, betonte Iris Hauth, die bei Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psy­cho­somatik und Nervenheilkunde (DGPPN) der „Taskforce E-Mental-Health“ angehört. Sie könnten zur Prävention, Frühintervention, hausarztbegleitend oder zu Nachsorge einge­setzt werden.

Hauth wies auf die Qualitätskriterien für IMI hin, die die DGPPN zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie erarbeitet hat. „Wichtig ist aber in jedem Fall eine vorherige Diagnose durch einen Arzt oder Psychotherapeuten, schließlich gibt es auch Komorbiditäten“, erläuterte sie. Zudem könne beispielsweise auch eine Schilddrüsen­unter­funktion die Ursache für eine Depression sein.

Krankenkassen sollten nicht über Behandlung entscheiden

Der Vorstellung der vdek-Vorstandvorsitzenden, Ulrike Elsner, dass die Krankenkassen künf­tig „mehr in die Versorgung gehen“, erteilte Hauth, auch ärztliche Direktorin der Kli­nik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Alexianer in Berlin-Weissen­see, eine eindeutige Absage: „Wenn Sachbearbeiter über die Behandlung entscheiden, können hochgefährliche Situationen entstehen.“

Darüber hinaus baue es auf psychisch kranke Patienten „einen Riesendruck“ auf, wenn diese beispielsweise nach drei Wochen Arbeitsunfähigkeit, von einem Kassenmitarbeiter angerufen würden und eine Online-Intervention angeboten bekommen.

Elsner erwiderte, dass die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz sehr lang seien, trotz Einführung der psychotherapeutischen Sprechstunde. IMI’s könnten deshalb „in be­stimmten Fällen, zum Beispiel bei einer leichten Depression, eine face-to-face-Behand­lung ersetzen“, so die vdek-Vorstandsvorsitzende.

Ein solch niedrigschwelliges Angebot habe gleichzeitig den positiven Effekt, dass mehr Therapieplätze für Patienten mit schweren psychischen Störungen zur Verfügung stehen. „Daher ist es gut, dass digitale Gesundheitsanwendungen mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz künftig schneller in die Regelversorgung kommen sollen“, erklärte Elsner.

Nur gut im Rahmen einer Psychotherapie oder ärztlichen Behandlung

„Auch wir sehen die Krankenkassen nicht als Player in der Versorgung – Behandlung und Versicherung müssen getrennt sein“, erklärte Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Wichtig sei, dass nur IMI den Zugang in die Versorgung erlangen, die nachweislich wirk­sam und qualitätsgesichert seien. „Aber auch sehr gute Interventionen sind nur gut im Rahmen einer Psychotherapie oder ärztlichen Behandlung“, betonte sie.

Für die Anbieterseite stellte Mario Weiss, Vorstand der Firma GAIA, die deprexis entwi­ckelt hat, klar: „Ein Therapieprogramm braucht keinen Arzt oder Psychotherapeuten, um wirksam zu sein – aber ein Patient braucht einen Arzt oder Therapeuten.“

Diese sollten künftig auf eine IMI zugreifen und sie verordnen, wie ein Arzneimittel. Ärzte und Therapeuten könnten dadurch „ihre eigene Wirksamkeit verdoppeln“, sagte Weiss. „Das ist eine Riesenchance, die auch honorarpolitisch genutzt werden kann.“ Die Beden­ken, die gerade viele Psychotherapeuten gegen IMI haben, verstehe er nicht.

Durch das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), das Ende September im Bundestag disku­tiert werden soll, sollen Ärzte und Psychotherapeuten ihren Patienten künftig digitale Ge­sundheitsanwendungen – für alle medizinischen Fachbereiche – zulasten der gesetz­lichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) verordnen können.

Der Gesetzgeber plant, die Anwendung vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) als Medizinprodukte der Klassen I und II a prüfen zu lassen und in ein spezielles Verzeichnis aufzunehmen.

Wir können nicht noch zehn Jahre warten.Gottfried Ludewig

Der Abteilungsleiter Digitalisierung im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Gottfried Lude­wig, verteidigte das DVG bei der Diskussion: „Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Wir können nicht noch zehn Jahre warten, sondern müssen Schritte nach vorne gehen, auch wenn sie mit einem Risiko verbunden sind.“ Wichtig sei der regulierte Zugang zu den IMI, und die Prüfung der Anwendungen als Medizinprodukt. Beides werde mit dem Gesetz geregelt.

„Immens wichtig ist auch, dass die Daten der Patienten, die die digitalen Anwendungen nutzen, unter unserer Kontrolle bleiben“, betonte Ludewig. „Wenn wir uns nicht darum kümmern, dann machen das die großen amerikanischen Internetkonzerne“, gab er zu Be­denken.

Mehr Vertrauen in den G-BA

Die vdek-Vorstandvorsitzende Elsner sieht den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) als das „geeignetere Gremium“ für das vorgesehene Bewertungsverfahren der Internet- und mobilbasierten Interventionen. „Das BfArM ist zwar in der Lage dies zu tun, aber ich ver­traue der gemeinsamen Selbstverwaltung mehr“, betonte sie. Im Vordergrund stehe schließlich der Patientenschutz, deshalb sei auch eine Nutzenbewertung erforderlich.

Zuletzt hatte der Gesundheitsausschuss des Bundesrates gefordert, dass Gesundheitsan­wendungen nicht am G-BA vorbei in den GKV-Leistungskatalog aufgenommen werden sollten.

„Der Markt ist bunt. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Ärzte und Psychotherapeuten er­kennen können, welche IMI nachweislich wirksam und qualitätsgesichert sind und auch die Patientendaten schützen“, sagte BPtK-Geschäftsführerin Tophoven. Sie müssten sich vor allem auf ein solches Verzeichnis verlassen können und die Bewertungskriterien müssten transparent sein – „egal ob es vom BfArM oder vom G-BA erarbeitet wird“, erklärte sie.

DMP Depression: Ausschluss von Psychotherapeuten als Koordinatoren kritisiert

Patienten mit einer chronischen Depression können sich nicht bei ihrem Psy­cho­thera­peuten in das neue Disease-Management-Programm (DMP) Depression einschreiben lassen, das der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) am 15. August beschlossen hat. Das hat heute die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) bemängelt.

Die Langzeitbetreuung und Koordination der Behandlung soll in dem neuen strukturier­ten Behandlungsprogramm grundsätzlich durch den Hausarzt erfolgen. In Ausnahme­fäll­en können dies auch Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie übernehmen.

„Damit werden für Patienten, die bereits beim Psychotherapeuten in Behandlung sind, völlig unnötige Hürden für die Teilnahme am DMP aufgebaut“, kritisiert BPtK-Präsident Dietrich Munz. „Patienten sollten die Wahl haben, dass der Arzt oder Psychotherapeut die Koordination ihrer Versorgung übernehmen kann, der am besten mit ihrer Erkrankung vertraut und für sie der wichtigste Ansprechpartner ist.“ Der zentralen Rolle der Psycho­therapie in der Versorgung depressiver Erkrankungen müsse hier stärker Rechnung ge­tragen werden, fordert die BPtK.

Patienten mit chronischen oder wiederholt auftretenden depressiven Episoden mit mitt­le­rer bis schwerer Ausprägung können sich künftig im Rahmen eines DMP behandeln lassen. Der G-BA hat mit diesem Beschluss einen gesetzlichen Auftrag aus dem Jahr 2015 umgesetzt.

Leitlinienorientierte Behandlung mit Psychotherapie und Medikamenten

Zentrale Bausteine des DMP-Depression sind nach Angaben der BPtK eine leitlinien­orien­tierte Behandlung mit Psychotherapie und medikamentöser Therapie. Die konkreten The­rapieempfehlungen richteten sich insbesondere nach Verlauf und Schweregrad der De­pression unter Berücksichtigung komorbider körperlicher und psychischer Erkrankungen.

Auch das Vorgehen bei Suizidalität und Maßnahmen des Krisenmanagements werde im DMP adressiert. Jedem Patienten solle zudem – sofern sie aus ärztlicher oder psycho­the­rapeutischer Sicht davon profitieren können – ein evaluiertes digitales Selbstmanage­mentprogramm unter qualifizierter Begleitung angeboten werden. Alternativ könnten auch evaluierte Präsenzschulungen angeboten werden.

Psychiater und Psychotherapeuten werden eingebunden

Als „sinnvoll“ beurteilt die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hingegen, dass das DMP eine systematische Einbindung der Psychotherapeuten und Fachärzte im Behandlungs­ver­lauf vorsieht. Eine Grundlage dafür bilden laut G-BA-Beschluss die regelmäßigen Ver­laufskontrollen, bei denen der koordinierende Arzt insbesondere die Symptomausprä­gung und -veränderung, das psychosoziale Funktionsniveau und Behandlungseffekte beurteilt.

Wenn nach sechs Wochen hausärztlicher Behandlung noch keine ausreichende Besserung erzielt wurde, muss er demnach die Überweisung zum beispielsweise Facharzt für Psy­chia­trie und Psychotherapie oder Psychotherapeuten zu prüfen. „Eine stärkere Koope­ra­tion zwischen Hausärzten und Psychotherapeuten kann so zu einer leitlinienorientierten Behandlung beitragen“, erklärt BPtK-Präsident Munz.

Bevor sich Patienten in das neue DMP-Depression einschreiben lassen können, muss das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium dem Beschluss des G-BA noch zustimmen.

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

116117 wird zur umfassenden Servicenummer

Die Rufnummer 116117, über die zurzeit außerhalb der Sprechzeiten der kassen­ärztliche Bereitschaftsdienst erreichbar ist, wird vom 1. Januar 2020 an zu einer um­fassen­den Servicenummer ausgebaut. Das hat der Vorstandsvorsitzende der Kassen­ärztli­chen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, gestern Abend vor Journalisten in Lieben­berg bekräftigt.

Ab diesem Zeitpunkt ist die Rufnummer rund um die Uhr erreichbar und gilt auch für die Terminservicestellen (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigungen, die gesetzlich Kranken­versicherten Termine bei Haus- und Fachärzten sowie bei Psychotherapeuten vermitteln. Die KBV setzt damit einen Auftrag aus dem Terminservice- und Versorgungsgesetz um. Zum Start des erweiterten Angebots werden die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) die Zahl ihrer Mitarbeiter in den Call-Centern auf etwa 1.200 aufstocken.

Mit einer groß angelegten Werbekampagne, die am 30. August starten soll, will die KBV die 116117 in der Bevölkerung bekannter machen. Der KBV-Versichertenbefragung zu­folge kannten im vergangenen Jahr 37 Prozent der Befragten die Nummer für den ärztli­chen Bereitschaftsdienst.

Der Ausbau des Angebots soll dazu beitragen, dass die Patienten in der Versorgungsebe­ne behandelt werden, die ihren Beschwerden angemessen ist. So soll künftig verhindert werden, dass Patienten mit Bagatellerkrankungen die Notaufnahmen der Krankenhäuser verstopfen. „In Verbindung mit einem standardisierten medizinischen Ersteinschätzungs­system ist die 116117 die Eintrittspforte in das Versorgungssystem“, sagte Gassen.

Ersteinschätzung generiert keine Diagnose

Ein solches System hat das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) gemein­sam mit Partnern entwickelt. Dabei wurde eine Software aus der Schweiz auf deutsche Verhältnisse angepasst. Mit dem „strukturierten medizinischen Ersteinschätzungsver­fah­ren für Deutschland“ (SmED) werden Patientendaten wie Geschlecht und Alter, chronische Krankheiten, Vorerkrankungen und Medikation, Leitsymptome und Begleitbeschwerden abgefragt.

Das Ergebnis sei keine Diagnose, sondern eine Einschätzung der Dringlichkeit der Be­hand­lung, sagte Zi-Geschäftsführer Dominik von Stillfried. Die medizinisch geschulten Disponenten empfehlen den Anrufern anschließend die richtige Anlaufstelle für eine Behandlung: die Praxis eines niedergelassenen Arztes zu den regulären Sprechzeiten, eine Bereitschaftsdienstpraxis oder die Notaufnahme eines Krankenhauses.

Ist der Zustand des Anrufers nach Einschätzung der Disponenten lebensbedrohlich, ver­binden sie zum Rettungsdienst. SmED wird zurzeit in mehreren KVen getestet. Ab Januar 2020 soll das System flächendeckend ausgerollt werden und auch an den Tresen der Be­reitschaftspraxen oder Notaufnahmen zum Einsatz kommen.

Um sämtliche digitalen Möglichkeiten für die Patientensteuerung zu nutzen, stellt die KBV ab Ende August auch eine 116117-App bereit. Darüber können Nutzer unter ande­rem eine telefonische Verbindung zum Notruf 112 herstellen und auf die bundesweite Arztsuche zugreifen. Ab Anfang nächsten Jahres sollen Nutzer online Termine der TSS buchen können. Voraussichtlich Mitte 2020 soll auch eine für Patienten adaptierte Versi­on von SmED über die App nutzbar sein.

KBV-Vorstand spricht sich gegen dritten Sektor zur Notfallbehandlung aus

Der KBV-Vorstand äußerte sich in Liebenberg auch ganz grundsätzlich zu den Plänen des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums für eine Reform der Notfallversorgung, die aber offenbar noch nicht mit Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) abgestimmt sind.

Sie sehen unter anderem vor, dass künftig die Länder die Planung und Gestaltung der integrierten Notfallversorgung übernehmen sollen. Den KVen den Sicherstellungsauftrag für den Bereitschaftsdienst zu entziehen, mache medizinisch keinen Sinn und stelle die Krankenhäuser aufgrund des Ärztemangels vor unlösbare Aufgaben, warnte der stellver­tretende KBV-Vorsitzende Stephan Hofmeister.

Er räumte allerdings ein, dass viele Vertragsärzte es sicherlich begrüßen würden, den un­geliebten Bereitschaftsdienst nachts und an den Wochenenden loszuwerden. Darüber hi­naus lasse der Gesetzentwurf aus dem Ministerium offen, wie viele integrierte Notfall­zentren an welchen Standorten künftig benötigt würden. „Dazu müsste mal jemand den Mut haben“, erklärte auch KBV-Vorstand Gassen. Es könnten nicht an allen 2.000 Kranken­hausstandorten solche Zentren geschaffen werden.

Sowohl Gassen als auch Hofmeister sprachen sich dagegen aus, dass Krankenhäuser und KVen die integrierten Notfallzentren künftig gemeinsam betreiben. „Wir brauchen keinen dritten Versorgungssektor“, sagte Hofmeister. „Wir wollen die Patienten integriert versor­gen, aber nicht gemeinsam.“ Deshalb plädierte er dafür, dass die KVen den Tresen für ambulante Patienten betreiben und die Krankenhäuser für die Notaufnahmen zuständig sind, wo die Patienten mit dem Rettungswagen eintreffen.