»Wie stark Psilocybin Depressionen lindert, kann man noch nicht beurteilen«

Nicht nur Forscher, auch Zulassungsbehörden setzen zunehmend Hoffnungen in Psilocybin als Mittel gegen Depressionen. Der Psychiater Torsten Passie hält den Ansatz für viel versprechend – bislang fehlen allerdings stichhaltige Belege.

Die US-amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) hat Psilocybin, dem halluzinogen wirkenden Stoff in den so genannten Zauberpilzen, unlängst den Status einer »breakthrough therapy« für Depressionen zuerkannt. Britische Forscher hatten in Studien aus den Jahren 2016 und 2018 gezeigt, dass eine zweimalige Gabe von Psilocybin im Abstand weniger Tage Depressionen erheblich lindern kann. Bei fast der Hälfte der Patienten verschwanden die Symptome für drei bis sechs Monate. Je intensiver die psychedelische Wirkung war, umso stärker war der Effekt. Man vermutet, dass Psilocybin zu einer Art »Reset« im Gehirn führte.

»Spektrum.de« sprach zu der Entscheidung der FDA mit Torsten Passie, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Er hat die einzige deutsche Psilocybin-Studie der vergangenen 20 Jahre durchgeführt. Seit 30 Jahren erforscht er Psychedelika als Heilmittel bei psychischen Erkrankungen, darunter neben Psilocybin auch LSD, Ketamin und MDMA (Ecstasy).

»Spektrum.de«: Herr Passie, was bedeutet die Anerkennung als »breakthrough therapy«?

Das bedeutet, dass die Entwicklung eines Arzneimittels ausdrücklich Priorität hat. Es wird dann aktiv geprüft, wie man seine Entwicklung erleichtern und beschleunigen kann. Außerdem wird die Kommunikation zwischen Behörden und Entwicklern effektiver, was Abstimmungen erleichtert. Wichtig ist auch, dass die Behörde mit dieser Anerkennung signalisiert, dass es sich um eine viel versprechende Therapieoption handelt.

Waren Sie von der Entscheidung der FDA überrascht?

Ein bisschen schon. Ich hätte statt Psilocybin eher auf MDMA gesetzt, besser bekannt als Ecstasy. Daran wird schon seit 30 Jahren geforscht, und es hat 2016 ebenfalls eine Anerkennung als »breakthrough therapy« erhalten. Man setzt es für die Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen ein, mit wissenschaftlich gut belegten Ergebnissen. Zudem wurde nachgewiesen, dass sich die MDMA-unterstützte Psychotherapie gefahrlos anwenden lässt.

Wie und wie effizient Psilocybin bei den dadurch unterstützten Therapien von Depressionen wirkt und ob es hinreichend sicher ist, muss noch bewiesen werden. Entsprechende Studien werden zurzeit durchgeführt.

Welche Studien gibt es zur Therapie mit Psilocybin?

Es gab Studien in den USA und der Schweiz an Patienten mit Ängsten und Depressionen bei lebensbedrohlichen Erkrankungen. Die Resultate waren sehr gut. Untersucht wurden Menschen, die sich auf Grund einer bedrohlichen körperlichen Erkrankung in einer inneren Notlage befanden – ohne dass eine eigentliche psychische Erkrankung bestanden haben muss. Oft ging es um Krebs.

So etwas ist schwer auszuhalten, und die Betroffenen geraten in Angst vor dem Tod und verkrampfen sich innerlich. Sie tendieren dazu, sich zu isolieren und dämpfende Psychopharmaka zu nehmen, um Ängste zu lindern. Bei solchen Patienten kann die ein- oder zweimalige Gabe von Psilocybin beziehungsweise LSD Vertrauen und Öffnung erzeugen wie auch ganz neue Perspektiven auf ihre Situation eröffnen – und damit die psychischen Symptome erheblich vermindern.

Diese Situation ist nicht ohne Weiteres mit der eines Patienten vergleichbar, der seit Jahren unter Depressionen leidet. Da gibt es keine plötzliche Notlage, vielmehr beruht die Erkrankung meist auf strukturellen inneren und äußeren Problemen: Jemand hat typischerweise in seinem Leben schwere Phasen durchlebt, ist vielleicht durch längerfristige und aktuelle Probleme belastet. Sein Denken, Fühlen und Handeln entwickelten sich dadurch oft über lange Zeit in eine bestimmte Richtung, die dann in eine Depression mündeten. Jemanden da herauszubekommen, ist schwieriger und langwieriger. Mittel der Wahl ist in diesem Fall fast immer eine länger währende Psychotherapie.

Reset im Gehirn

In Bildgebungsstudien entdeckten Wissenschaftler, dass die funktionelle Konnektivität – also die Art und Weise, wie die Hirnareale bei der Lösung von Aufgaben, aber auch im Ruhezustand zusammenarbeiten – bei Menschen mit einer Depression stark eingeengt ist. Psychedelika scheinen hingegen generell die funktionelle Konnektivität »aufzubrechen«, indem sie viel mehr und ganz andere Konnektivitäten hervorrufen.

Auch bei Patienten mit einer Depression brechen Psychedelika die eingeengte funktionelle Konnektivität auf, vermuten Forscher, und ermöglichen so neue Sicht- und Empfindungsweisen. Dazu gehören typischerweise neue Einsichten in innere und äußere Situationen sowie ein umfassendes Verbundenheitserleben.

Man kann die Ergebnisse also nicht einfach übertragen. Wie ist das mit den Psilocybin-Studien des britischen Neuropsychopharmakologen David Nutt vom Imperial College London zur Behandlung von Depressionen?

Nutts Gruppe hat eine zweimalige Gabe von Psilocybin im Abstand von sieben Tagen bei Patienten mit Depressionen untersucht. Dies allerdings nicht in einer Studie mit einer Placebo-Kontrollgruppe, sondern allen Patienten wurde Psilocybin verabreicht. Nur im Vergleich mit einer Kontrollgruppe, die nicht oder anders behandelt wurde, lässt sich die Wirksamkeit einer Behandlung zweifelsfrei nachweisen.

Nach der Psilocybin-Behandlung haben sich die Symptome reduziert – über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten.

Wenn man sich lediglich die Mittelwerte aller Patienten zusammen ansieht, scheint das zu stimmen. Betrachtet man aber die individuellen Verläufe der Patienten, dann werden zwei Dinge deutlich: Einige Probanden haben längerfristig profitiert, einige bloß für kurze Zeit und einige nur geringfügig. Daher kann man derzeit noch nicht beurteilen, wie stark der depressionslindernde Effekt tatsächlich ist.

Wie sah Ihre eigene Studie zu Psilocybin aus?

In den vergangenen 20 Jahren gab es in Deutschland lediglich mein Forschungsprojekt mit Psilocybin, das sich über mehrere Jahre erstreckte. Die Studie untersuchte in einem wohnlich gestalteten Umfeld Bewusstseinsveränderungen und kognitive Funktionen bei gesunden Probanden. Neben vertiefter Selbsteinsicht und mystischen Erlebnissen zeigte sich, dass nicht unerhebliche Belastungen wie zeitweilige Angstzustände, Realitätsverkennungen und Wahnideen auftreten können. Das mahnt zur Vorsicht. Daher würde ich viel Wert auf eine gute Ausbildung der Therapeuten legen. Diese sollte auch mehrere eigene Erfahrungen des Therapeuten mit Psilocybin beinhalten.

Aus Ihrer Sicht ist die Beweislage aktuell also noch recht dünn. Warum trifft die FDA dann jetzt eine solche Entscheidung?

Vor 20 Jahren dauerte die Entwicklung eines Medikaments von der ersten Studie bis zur Marktreife sieben Jahre, heute sind es 15. Das liegt an den immer anspruchsvolleren Vorgaben der Zulassungsbehörden, komplexeren Studien und höheren Kosten. Die FDA versucht daher mittlerweile, diese Prozesse zu beschleunigen. Die EMA, die Europäische Arzneimittelagentur, die für die Beurteilung und Überwachung von Arzneimitteln in Europa zuständig ist, möchte die Entwicklungszeiten ebenso verkürzen. Eine Möglichkeit dafür ist, aussichtsreichen Behandlungsmethoden eine Breakthrough-Anerkennung zu geben.

Benötigen wir denn so dringend neue Medikamente?

Absolut! Seit ungefähr zwei Jahrzehnten gibt es in der Psychopharmakologie keine neuen Medikamente, die eine Verbesserung für Menschen mit psychischen Erkrankungen gebracht hätten. So wurden beispielsweise in den vergangenen Jahren sieben Psychopharmaka beim Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) in Deutschland als innovative Medikamente vorgestellt. Doch für nicht eines davon ließ sich belegen, dass es besser ist als bereits vorhandene Arzneimittel. Die Neurochemie und -biologie des Gehirns sind offenbar so komplex, dass man sie nicht durch dauerhafte Gabe einzelner Wirkstoffe wieder »zurechtrücken« kann – wie man sich das bisher oft vorgestellt hat.

Somit können die Pharmakonzerne kein Geld mehr mit der Entwicklung neuer Wirkstoffe verdienen und haben sich deswegen seit zehn Jahren international aus der Entwicklung von Psychopharmaka zurückgezogen. Diese Entwicklung wird als »Krise der Psychopharmakologie« bezeichnet.

»Seit ungefähr zwei Jahrzehnten gibt es keine neuen Medikamente, die eine Verbesserung für Menschen mit psychischen Erkrankungen gebracht hätten«

Genügen die Antidepressiva, die schon auf dem Markt sind, also nicht? Ihre Verschreibungen haben sich ja laut Arzneiverordnungsreport 2018 von 2005 bis 2017 ungefähr verdoppelt.

Die meisten Antidepressiva wirken weniger gut, als man lange geglaubt hat. Sie haben viele Nebenwirkungen, und ihre nachgewiesenen positiven Folgen liegen genau genommen nur minimal über dem Placeboeffekt. Daher sehen viele Experten sie mittlerweile sehr kritisch – auch wenn sie noch immer, vor allem von Hausärzten, massenhaft verschrieben werden. Außer der Psychotherapie, die aufwändiger, aber gut als wirksam belegt ist, scheint es derzeit keine gute Alternative zu geben.

Könnten Behandlungen mit Psychedelika eine Alternative darstellen?

Ich denke schon. Damit würde allerdings auch ein Schwenk in Richtung einer neuen Art von Therapie einhergehen. Zu den nachgewiesenen Hauptwirkungen der Antidepressiva gehört, dass sich die Patienten weniger spüren. Ihr Gefühlsempfinden wird betäubt und reduziert. Die Patienten spüren folglich ihre Traurigkeit, Wut und Ängste, aber auch Freude und Sexualität deutlich weniger. Diese Gefühlsminimierung kann dabei helfen, bedrückende Situationen weiter zu ertragen, sei es in der Familie oder im Job. Es heißt aber nicht, dass ich Strategien finde, mit denen ich die Situation ändern kann, die diese Gefühle verursacht. Das wurde daher als »defensives Coping« bezeichnet: Ich nehme ein Mittel, durch das ich nur noch verringert wahrnehme, wie bedrückend und veränderungswürdig meine Situation ist.

Ist das bei der Behandlung mit Psilocybin anders?

Halluzinogene betäuben die Gefühle nicht, sondern aktivieren das Gefühlsleben. Dadurch fühlen die Patienten sehr intensiv und zugespitzt Ängste, Trauer, Wut ebenso wie Freude, Verbundenheit und Zuversicht. Das kann intensiv und beanspruchend für Patienten und Therapeuten sein, der Umgang damit ist nicht immer einfach.

»Halluzinogene aktivieren das Gefühlsleben«

Die Gefühlsaktivierung führt jedoch viel eher dazu, dass sich wirklich etwas ändert. Dass ich vielleicht mit dem Chef rede, der mich so wütend macht, oder einen Coach einschalte, der mir hilft, mit meinen Beziehungen oder mir selbst anders umzugehen. Psilocybin fördert also ein aktives Coping. Dazu benötigen wir allerdings gut ausgebildete Therapeuten, die so eine gefühlsintensive sechsstündige Psilocybin-Sitzung meistern können. Eher als in der ambulanten Praxis sehe ich das deshalb in Klinken anwendbar. Dort verfügt man über Behandlungsteams, kann Pausen machen und ökonomischer in Gruppen behandeln.

Ohne Einbettung in eine begleitende Therapie geht es nicht?

In den letzten Jahrzehnten dominierte die neurobiologische Psychiatrie. Deshalb gibt es die Versuchung, psychotherapeutische und soziale Aspekte zu vernachlässigen und zu glauben: Wir schütteln das Gehirn mal ordentlich durch und erwarten dann, dass die Depression weggeht. Doch so einfach ist es nicht. Die Studie der britischen Kollegen hat gezeigt, dass eine Psilocybin-Gabe allein kaum wirklich dauerhafte Veränderungen bewirkt. Ich glaube: Erst wenn die Psilocybin-Gaben konsequent in eine psychotherapeutische Behandlung eingebettet werden, kann man den dadurch geöffneten Zustand maximal für innere und äußere Veränderungen nutzen – und damit richtig viel erreichen.

Wie kommt es, dass in Deutschland derzeit nicht mit Psilocybin geforscht wird?

Seit 2004 gibt es das neue Arzneimittelgesetz. Damit wurden die Hürden für Forscher denen für die Pharmaindustrie gleichgestellt. Das ist absurd, wenn man bedenkt, wie groß der Unterschied der jeweils zur Verfügung stehenden Finanzmittel ist. Leider sind seitdem experimentelle Studien mit jeglichen Pharmaka massiv erschwert und mit sehr hohen Kosten verbunden. Hatten wir bisher für einen Psilocybin-Versuch mit zwölf Versuchspersonen Kosten zwischen 5000 und 10 000 Euro, so sind wir heute bei hunderttausenden Euro. Das können selbst große Universitätskliniken nicht bezahlen.

Folglich hat man die Forschung an allen nicht unmittelbar lukrativen Pharmaka gestoppt, experimentelle Forschungsprojekte an Pharmaka gingen um etwa 80 Prozent zurück. Jene mit Halluzinogenen wurden sogar komplett eingestellt. Ohne diese engstirnigen Vorgaben wären wir in Deutschland erheblich weiter. So konnten wir 2008 eine LSD-Studie, für die alle Genehmigungen vorlagen, wegen genau dieser Probleme doch nicht durchführen. Andere EU-Länder wie Holland oder Spanien umgehen die Regelungen, indem sie Psychedelika nicht als Pharmaka, sondern als zu erforschende Freizeitdrogen behandeln. Die Engländer tun einfach so, als gäbe es die neuen Vorgaben nicht. Und die Schweizer, die seit Jahrzehnten führend auf diesem Gebiet sind, unterliegen nicht den EU-Richtlinien.

Zeigen die Pharmaunternehmen Interesse an dieser Forschung?

Nein, sie haben an Halluzinogenen kein Interesse. Antidepressiva verkaufen sich nach wie vor prächtig. Bei den Halluzinogenen geht es um Mittel, mit denen man eine Psychotherapie vertiefen und beschleunigen kann. Dadurch verabreicht man nur drei- bis fünfmal gezielt eine Dosis unter besonders geschützten Bedingungen. Das ist nichts, mit dem die Pharmaindustrie Geld verdienen kann – jedenfalls nicht im Vergleich zu Antidepressiva, die über Monate oder Jahre täglich eingenommen werden sollen. Außerdem kann man die Halluzinogene, die bereits in den 1960er Jahren in der Psychotherapie angewandt wurden, heute nicht mehr patentieren lassen.

Wie sehen Sie die Aussichten auf eine Zulassung von Psilocybin in den USA, in Deutschland und in den Nachbarländern – auch im Vergleich zu anderen Halluzinogenen?

Wegen der Krise der Psychopharmakologie richten sich aktuell große Hoffnungen auf den therapeutischen Einsatz von Halluzinogenen. Nicht nur für Depressionen, sondern auch bei Angsterkrankungen und in der Traumatherapie. Ob man Psilocybin so schnell als Medikament wird entwickeln können, beurteile ich etwas skeptisch, denn es ist noch viel zu erforschen. So machen Schweizer Wissenschaftler derzeit eine Studie mit Psilocybin bei Depressiven, in der zahlreiche Faktoren der Behandlung variiert werden, um ein optimales Vorgehen herauszufinden. Dadurch können wir lernen, wie oft Psilocybin verabreicht werden sollte, in welcher Dosis und wie viel Psychotherapie idealerweise dazugehört.

Bis das fundiert ergründet ist, dauert es noch etwas. Realistischer ist die Zulassung von MDMA schon in den nächsten Jahren. Auf Grund der längeren Vorlaufzeit liegt zur MDMA-unterstützten Psychotherapie eine Vielzahl von Studien vor. Eine entsprechende Therapeutenausbildung wurde bereits vor Jahren von der FDA anerkannt.

Wenn es gut läuft, könnte es schon in den nächsten Jahren zu einem Boom all dieser neuen Therapieoptionen kommen. Das hängt jedoch auch davon ab, ob die psychiatrische Profession sich für diesen Richtungswechsel öffnen kann: von der medikamentösen Gefühlsminimierung hin zum therapeutischen Umgang mit einer aktivierten Gefühlswelt.

Pregabalin: Studie sieht erhöhte Suizidalität und Gewaltprobleme bei jüngeren Patienten

Die Verordnung der Antiepileptika Gabapentin und Pregabalin an jüngere Patienten ist in Schweden mit einer erhöhten Zahl von Suiziden, Überdosierungen, Kopf-/Körperverletzungen sowie Unfällen und Verstößen im Straßenverkehr verbunden. Dies ist das Ergebnis einer bevölkerungsbasierten Kohortenstudie im britischen Ärzteblatt (BMJ 2019; 365: l2147), wobei die Probleme überwiegend mit Pregabalin assoziiert waren.

Die Gabapentinoide Gabapentin und Pregabalin haben neben antikonvulsiven auch analgetische und anxiolytische Wirkungen. Die ursprünglich als Antiepileptika entwickelten Wirkstoffe sind heute auch zur Behandlung neuropathischer Schmerzen zugelassen. Pregabalin darf auch zur Behandlung von Angststörungen bei Erwachsenen eingesetzt werden. Hinzu kommt ein breiter „off-label“-Einsatz bei verschiedenen Störungen, ohne den der Anstieg der Verordnungen nicht erklärbar ist, zu dem es in den letzten Jahren gekommen ist. Die beiden Gabapentinoide gehören weltweit zu den 15 umsatzstärksten Medikamenten. Aufgrund seiner in hoher Dosis euphorisierenden Wirkung ist vor allem Pregabalin unter Drogenkonsumenten beliebt.

Die Nebenwirkungen der beiden Gabapentinoide gehen möglicherweise über das hinaus, was in den Fachinformationen erwähnt wird. Ein Team um Seena Fazel von der Universität Oxford kann jetzt zeigen, dass von den 191.973 Schweden, denen in den Jahren 2006 bis 2013 Gabapentin oder Pregabalin verordnet wurde, 10.026 (5,2 %) an einem Suizid gestorben sind oder wegen eines Selbstmordversuchs in der Klinik behandelt wurden, 17.144 (8,9 %) wurden wegen Überdosierungen von Drogen oder Medikamenten in Notfallambulanzen behandelt, 12.070 (6,3 %) waren in Verkehrsunfälle oder -delikte involviert, 70.522 (36,7 %) wurden wegen Kopf-/Körperverletzungen behandelt und 7.984 (4,1 %) wurden wegen eines Gewaltverbrechens festgenommen. Das ist sicherlich mehr, als im Durchschnitt der schwedischen Bevölkerung zu erwarten ist.

Könnte die Einnahme der Gabapentinoide für diesen Anstieg von Suizidalität und Gewaltbereitschaft mitverantwortlich sein? Zu den häufigen Nebenwirkungen gehören neben Benommenheit und Schläfrigkeit auch Koordinationsstörungen, Aufmerksamkeits­störungen sowie kognitive Beeinträchtigung und suizidale Gedanken.

Um die Frage zu klären, hat Fazel bei den einzelnen Patienten die Zeiten, in denen sie die Medikamente eingenommen haben, mit den Zeiten verglichen, in denen sie kein Rezept erhalten hatten. Dieser interpersonelle Vergleich vermeidet viele Verzerrungen, die bei epidemiologischen Studien leicht auftreten können.

zum Thema

Die Analyse ergab, dass es während der Gabapentinoid-Behandlung zu 26 % häufiger zur Suizidalität, zu 24 %häufiger zu unbeabsichtigten Überdosierungen, zu 22 % häufiger zu Kopf-/Körperverletzungen und zu 13 %häufiger zu Vorfällen und Straftaten im Straßenverkehr kam. Nur ein Anstieg von Gewaltverbrechen ließ sich nicht eindeutig nachweisen.

Die Probleme scheinen weitgehend auf Pregabalin beschränkt zu sein. Für Gabapentin waren die Hazard Ratios in allen Endpunkten niedriger und nur bei Kopf-/Körper­verletzungen signifikant.

Ein entscheidender Faktor könnte das Alter der Patienten sein. Betroffen von den negativen Folgen waren vor allem jüngere Patienten. Die Hazard Ratios waren bei den 15- bis 24-Jährigen am höchsten und nahmen in höheren Altersgruppen kontinuierlich ab. 

Depressionen: Wie Ketamin im Gehirn wirkt

Die erstaunliche antidepressive Wirkung des Anästhetikums Ketamin, dessen Enantiomer Esketamin kürzlich in dieser Indikation in den USA zugelassen wurde, könnte auf der Wiederherstellung von Synapsen im medialen präfrontalen Cortex beruhen, dem Entscheidungszentrum des Gehirns. Dies legen tierexperimentelle Studien in Science (2019: 364: eaat8078) nahe.

Ein wichtiger Auslöser von Depressionen ist chronischer Stress. Dieser kann im Tierver­such durch die Gabe des Stresshormons Cortison im Trinkwasser ausgelöst werden – wie auch Depressionen zu den Nebenwirkungen einer Steroidtherapie gehören. Eine weitere Methode, Depressionen bei Mäusen zu erzeugen, besteht darin, die Tiere über mehrere Tage in einem kleinen Käfig von anderen Tieren zu isolieren.

Die Folgen lassen sich bei den Mäusen mit neuen Untersuchungsmethoden „live“ im Ge­hirn beobachten. Danach entstehen Depressionen im medialen präfrontalen Cortex. Dort kommt es nach der Steroidgabe zu einem Rückgang in der Zahl der Dornenfortsätze („Spines“) an den Dendriten der Nervenzellen. Auf vielen Spines befinden sich Synapsen, über die Nervenzellen mit einander verknüpft sind. Die Folge von Stress ist deshalb eine verminderte Konnektivität im Stirnhirn.

Die Experimente, die ein Team um Conor Liston vom Weill Cornell Medical College in New York City durchgeführt hat, zeigen nun, dass es nach einmaliger Gabe von Ketamin zur Erneuerung alter Spines und zur Bildung zusätzlicher Spines kommt, die die Konnek­tivität im medialen präfrontalen Cortex wieder herstellen. Das Auftreten der neuen Spi­nes korrelierte mit der langdauernden Wirkung von Ketamin, die auch in klinischen Stu­dien nach Gabe von Esketamin beobachtet wurde. In einem Experiment, in dem die Neu­bildung von Spines verhindert wurde, blieb die antidepressive Wirkung von Ketamin bei den Mäusen aus.

zum Thema

Die Befunde liefern damit eine mögliche Erklärung für die anhaltende Wirkung von Keta­min. Die Bildung neuer Spines war allerdings erst nach 12 bis 24 Stunden nachweisbar. Die Wirkung von Ketamin setzt früher ein, weshalb sie andere Ursachen haben muss. Die Forscher konnten in einem weiteren Experiment nachweisen, dass es schon drei bis sechs Stunden nach der Behandlung im medialen präfrontalen Cortex zu einem Anstieg der funktionalen Konnektivität kommt, die bei den Tieren mit der Abnahme von depressiven Verhaltensweisen korrelierte.

Die Neubildung von Spines nach der Gabe von Ketamin war bei den Versuchstieren nicht von Dauer. Dies entspricht der Erfahrung mit der Ketamintherapie, die Depressionen zwar über längere Zeit lindern, aber nicht ausheilen kann.

Interessant ist, dass die Entdeckung neuer Medikamente häufig die Vorstellungen von der Pathogenese einer Erkrankung verändern. Nach der Entdeckung der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, die die Konzentration von Serotonin erhöhen, wurde die Ursa­che der Depression in einer gestörten Freisetzung dieses Neurotransmitters vermutet. Mit der Entdeckung der Ketamin-Wirkung verschieben sich die Erklärungsversuche für die Depression auf die Ebene der Spines an den Dendriten der Nervenzellen. 

Beipackzettel: Informationen zu Nebenwirkungen verwirren Patienten

ONLINESTUDIE ZEIGT, WELCHE ZUSATZINFORMATIONEN HELFEN KÖNNTEN

 

Die Beschreibungen von Nebenwirkungen in Beipackzetteln von Medikamenten sind für Patient*innen oft nicht zu verstehen, dabei könnte schon ein kleiner Zusatz helfen. Zu diesem Schluss kommt eine Onlinestudie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und der Universität Hamburg mit fast 400 Laien. Die Ergebnisse wurden im Journal PLOS ONE veröffentlicht.

Vor der Einnahme eines Medikaments sollte man den Beipackzettel lesen, um sich vor allem über die richtige Einnahme und mögliche Nebenwirkungen zu informieren. Letzteres gestaltet sich jedoch meist schwierig. Missverständnisse entstehen vor allem, weil vergleichende Angaben dazu fehlen, wie häufig unerwünschte Symptome, die als Nebenwirkungen aufgeführt werden, mit und ohne Arzneimitteleinnahme auftreten. Aktuell sind solche vergleichenden Angaben aber weder auf Beipackzetteln in Deutschland noch in anderen europäischen Ländern zu finden.

„Den wenigsten Menschen ist bekannt, dass kein ursächlicher Zusammenhang zwischen den als Nebenwirkungen gelisteten Symptomen und der Arzneimitteleinnahme bestehen muss. Eine frühe Studie zeigt, dass selbst Ärzte und Apotheker irrtümlicherweise denken, dass die gelisteten Nebenwirkungen in der genannten Häufigkeit durch das jeweilige Arzneimittel verursacht werden“, sagt Erstautorin Viktoria Mühlbauer, Apothekerin und Doktorandin an der Universität Hamburg.

Ziel der Studie war es, zu untersuchen, ob alternative Beipackzettel mit ergänzten Vergleichsinformationen Fehlinterpretationen verringern. Dafür zeigten die Wissenschaftler*innen in einer Onlinestudie 397 Teilnehmer*innen jeweils einen von vier Beipackzetteln. Alle Beipackzettel listeten dieselben vier Symptome (Nebenwirkungen) auf. Drei der vier Beipackzettel waren dabei alternative Versionen, die die entsprechende Häufigkeit der Symptome sowohl mit als auch ohne Medikament aufführten und zusätzlich Erklärungen zur Kausalität zwischen dem Auftreten der Symptome und der Medikamenteneinnahme lieferten. Der vierte genutzte Beipackzettel in der Studie entsprach dem gegenwärtig in der Praxis verwendeten Standardbeipackzettel. Dieser stellte – wie aktuell üblich – lediglich Informationen zur Häufigkeit der Symptome unter Medikamenteneinnahme dar.

Bei der anschließenden Befragung punkteten vor allem jene, die einen alternativen Beipackzettel gelesen hatten. Während nur zwei bis drei Prozent der Teilnehmer*innen mit dem Standardbeipackzettel Fragen zu kausalen Häufigkeit korrekt beantworten konnten, waren es bei den alternativen Formaten bis zu 82 Prozent. Die alternativen Beipackzettel führten somit zu weniger Fehlinterpretationen. „Das nach wie vor Informationsformate in unserem Gesundheitssystem genutzt werden, die Patienten und praktizierende Ärzte verwirren, ist ein Gesamtproblem, welches die Patienten- und Arzneimittelsicherheit gefährdet“, sagt Seniorautorin Odette Wegwarth, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich „Adaptive Rationalität“ des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Es gäbe mittlerweile eine fundierte Studienlage dazu, welche Informationsformate Patient*innen und Ärzt*innen im Verständnis von Nutzen und Schaden medizinischer Interventionen unterstützen und welche nicht. „Was wir brauchen, um diese Erkenntnisse in der Realität umzusetzen, ist der Wille und die Anstrengung aller Beteiligten im Gesundheitswesen“, so Wegwarth.

Macht Ketamin abhängig? Antidepressive Wirkung beruht auf Aktivierung von Opiatrezeptoren

Die schnelle antidepressive Wirkung von Ketamin wurde in einer kleinen randomisierten Studie durch die vorherige Gabe des Opioidantagonisten Naltrexon blockiert. Die im American Journal of Psychiatry (2018; doi: 10.1176/appi.ajp.2018.180201389) vorgestellten Ergebnisse werfen die beängstigende Frage auf, ob das neue Mode-Antidepressivum möglicherweise suchterregend ist.

Berichte über die exzellente Wirkung von Ketamin bei Depressionen hat in den USA zur Gründung von „Ketamin Clinics“ geführt. Dort wird Patienten, die auf herkömmliche Antidepressiva nicht ansprechen, eine schnelle Lösung ihrer Probleme versprochen. An psychiatrischen Kliniken setzen Ärzte Ketamin auch als Notfallbehandlung bei Suizidalität ihrer Patienten ein. Beide agieren, ohne die langfristigen Auswirkungen der Ketamintherapie zu kennen.

Ketamin wurde bereits 1962 entwickelt und seit den 1970er-Jahren als Anästhetikum eingesetzt. Die Kombination aus schmerzlindernder Wirkung und Bewusstlosigkeit ermöglichte beispielsweise im Vietnamkrieg schmerzfreie Operationen ohne Beatmungsgeräte. Heute wird Ketamin in der Anästhesie wegen seiner psychotropen Nebenwirkungen (Halluzinationen, Alpträume) nur noch selten verwendet. Dafür wurde Ketamin als Straßendroge beliebt, da die dissoziative Wirkung einen Rausch erzeugen kann. Drogenexperten warnen seit einiger Zeit vor dem Abhängigkeitspotenzial von „Special K“ oder „Vitamin K“.

Vor wenigen Jahren wurde entdeckt, dass eine Ketamininfusion Patienten innerhalb kurzer Zeit von zuvor therapieresistenten Depressionen befreit, während die Wirkung von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern und anderen konventionellen Antidepressiva häufig erst nach Wochen eintritt.

Wie die rasche Wirkung zustande kommt, war bislang nicht bekannt. Wegen der guten schmerzlindernden Wirkung hatten Nolan Williams und Boris Heifets von der Stanford University in Palo Alto den Verdacht, dass Ketamin möglicherweise die Opiatrezeptoren im Gehirn aktiviert.

Um dies zu prüfen, ließen die Mediziner 30 Patienten mit therapieresistenter Depression vor einer geplanten Ketamininfusion mit dem Opioidantagonisten Naltrexon oder mit Placebo behandeln. Während die Symptome in der Placebogruppe wie erwartet um 90 % zurückgingen, blockierte Naltrexon die antidepressive Wirkung von Ketamin komplett. Die halluzinogenen und dissoziativen Effekte von Ketamin blieben dagegen erhalten. Die Studie wurde wegen der klar erkennbaren Effekte vorzeitig abgebrochen.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die antidepressive Wirkung von Ketamin nicht wie bisher angenommen auf einer Blockade der NMDA-Rezeptoren beruht, sondern durch die Aktivierung von Opioidrezeptoren zustande kommt.

Wenn dies zutrifft, dann könnte die Behandlung von Depressionen mit Ketamin eine Abhängigkeit auslösen (wovor Drogenexperten seit Längerem warnen). Da es in den USA viele Patienten gibt, die unter Depressionen leiden, könnte ein breiter Einsatz der Droge in den „Ketamin-Clinics“ eine weitere Drogenepidemie auslösen, warnt Mark George von der Medizinischen Universität von South Carolina Charleston in einem Editorial.

Belegen lässt sich diese Gefahr durch eine kleine randomisierte Studie sicherlich nicht. Die derzeitige Opiatkrise in den USA zeigt jedoch, dass der unkritische Einsatz von Medikamenten mit einer nicht erkannten Suchtwirkung schnell außer Kontrolle geraten kann. Die Tatsache, das Ketamin nicht zur Behandlung von Depressionen zugelassen ist, würde den Missbrauch vermutlich nicht verhindern, da Ärzte für andere Zwecke zugelassene Wirkstoffe grundsätzlich „off-label“ einsetzen können.

ADHS: Metanalyse gibt Methylphenidat bei Kindern und Amphetaminen bei Erwachsenen den Vorzug

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), an der weltweit 5 % der Schulkinder und 2,5 % der Erwachsenen leiden, sollte bei Kindern zunächst mit Methylphenidat und bei Erwachsenen zunächst mit Amphetaminen behandelt werden. Diesen Rat geben die Autoren einer Netzwerk-Metaanalyse in Lancet Psychiatry (2018; doi: 10.1016/S2215-0366(18)30269-4).

Für die Behandlung des ADHS stehen heute Psychostimulanzien wie Methylphenidat und Amphetamine, aber auch nichtpsychostimulierende Medikamente wie die selektiven Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Atomoxetin und Bupropion (die ursprünglich als Antidepressiva entwickelt wurden) oder Alpha2-Agonisten wie Clonidin und Guanfacin (ursprünglich Antihypertensiva) zur Verfügung. Auch das Narkolepsiemittel Modafinil wird „off label“ häufig eingesetzt. Hinzu kommen noch weitere Antidepressiva und Antipsychotika, die ebenfalls häufig „off label“ eingesetzt werden. Ihr Einsatz ist umstritten, da es kaum Studien zur Wirksamkeit gibt. Diese Mittel wurden deshalb nicht von der Netzwerk-Metaanalyse, deren Ergebnisse jetzt ein Team um Andrea Cipriani von der Universität Oxford vorstellt.

Die Forscher haben die Daten aus 131 Doppelblindstudien ausgewertet, an denen 14.346 Kinder und 10.296 Erwachsene teilgenommen hatten. Die Wirksamkeit wurde einmal anhand der Angaben der Ärzte zu den Kernsymptomen Aufmerksamkeits­störungen, Hyperaktivität und Impulsivität beurteilt. Bei den Schulkindern wurde auch das Urteil der Lehrer berücksichtigt.

Bei Kindern und Jugendlichen waren nach Einschätzung der Ärzte alle untersuchten Wirkstoffe Placebo überlegen. Die Lehrer sahen dagegen nur für Methylphenidat und Modafinil eine bessere Wirkung als in den Placebogruppen. Bei Erwachsenen stuften die Ärzte die Wirksamkeit von Amphetaminen, Methylphenidat, Bupropion und Atomoxetin, nicht aber von Modafinil besser ein als Placebo.

Der direkte Vergleich der Wirkstoffe, der ein Ziel der Netzwerk-Metaanalyse ist, ergab, dass bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Amphetamine effektiver sind als Modafinil, Atomoxetin und Methylphenidat. Bei Kindern und Jugendlichen waren Amphetamine auch effektiver als Guanfacin, und Methylphenidat war effektiver als Atomoxetin. Bei Erwachsenen war Methylphenidat, Atomoxetin und Bupropion effektiver als Modafinil.

Die Eltern und die betroffenen Erwachsenen stimmten in den meisten Fällen mit den Ärzten überein. Die Ausnahme waren Guanfacin und Bupropion, die nach Ansicht der Eltern nicht besser wirken als Placebo. Bupropion war auch nach dem Urteil der erwachsenen Patienten nicht besser wirksam als ein Placebo.

Neben der Effektivität entscheidet auch die Verträglichkeit über die Auswahl der Medikamente. Bei Kindern und Jugendlichen waren Amphetamine schlechter verträglich als Placebo, weshalb Cipriani Methylphenidat in dieser Gruppe trotz der etwas schlechteren Wirkung den Vorzug vor Amphetaminen gibt.

Amphetamine waren zwar auch bei Erwachsenen schlechter verträglich als Placebo. Dies gilt bei Erwachsenen aber auch für Methylphenidat, sodass die bessere Wirksamkeit und auch die höhere Akzeptanz nach Ansicht von Cipriani für Amphetamine als erste Wahl bei der Behandlung von Erwachsenen spricht. Auch Atomoxetin und Modafinil wurden von Erwachsenen schlechter vertragen als Placebo.

Zu den Schwächen der Studie gehört sicherlich, dass die Effektivität nur nach 12 Wochen beurteilt werden konnte. Zur langfristigen Wirksamkeit gibt es laut Cipriani zu wenig Daten.

Warum starke Schmerzmittel ihre Wirkung verlieren

Ein internationales Wissenschaftlerteam aus Jena, Sydney, Melbourne und Marburg hat weitere molekulare Details der Toleranzentwicklung gegen Opiate aufklären können. In seiner Studie beschreibt es für Morphin und synthetische Opioide in Ablauf und Geschwindigkeit unterschiedliche Mechanismen, die zur Desensibilisierung der Opioidrezeptoren führen. Die jetzt in „Science Signaling“ veröffentlichten Ergebnisse liefern wichtige Ansätze für die Entwicklung synthetischer Wirkstoffe mit geringer Toleranzentwicklung und reduziertem Suchtpotenzial.

Für die Behandlung starker Schmerzen, zum Beispiel nach Operationen oder bei Krebserkrankungen, sind Opiate wie Morphin oder synthetische Opioide nach wie vor die wichtigsten Schmerzmittel. Ihr Nutzen wird jedoch stark eingeschränkt durch eine Verlangsamung der Atmung und das große Suchtpotential. Vergrößert wird die Gefahr dieser Nebenwirkungen noch durch einen Gewöhnungseffekt. Die Toleranzentwicklung kann eine Verzehnfachung der Dosis notwendig machen, um die gewünschte Schmerzlinderung zu erzielen. Dies sind die Schlüsselfaktoren für Todesfälle infolge einer Opioidüberdosis, deren Zahl vor allem in den USA im letzten Jahrzehnt dramatisch gestiegen ist.

Die Arbeitsgruppe von Stefan Schulz am Universitätsklinikum Jena erforscht seit Jahren die molekularen Mechanismen der Regulation von Opiodrezeptoren, der spezifischen Andockstellen für diese Wirkstoffe auf der Oberfläche von Nervenzellen. „Es ist ein eigentlich sinnvoller Schutzmechanismus der Zelle vor einer Dauerreizung, dass sie bei einem Überangebot von Botenstoffen die Rezeptoren weniger empfindlich macht“, beschreibt der Professor für Pharmakologie und Toxikologie den Prozess, der die Wirkung der eigentlich effektiven Schmerzmittel immer mehr abschwächt. Nach der Aktivierung des Rezeptors durch den Wirkstoff sorgen Enzyme dafür, dass Phosphatgruppen an Bereiche des Rezeptormoleküls gebunden werden, die im Zellinneren liegen. Dann wird das Gerüstprotein Arrestin an den Rezeptor gebunden, welcher schließlich in die Zelle aufgenommen wird. „In früheren Arbeiten konnten wir zeigen, dass dieser Prozess bei synthetisch hergestellten hochwirksamen Opioiden wesentlich ausgeprägter ist als beim natürlich vorkommenden Wirkstoff Morphin“, so Stefan Schulz, „die Signalwege für die Toleranzentstehung unterscheiden sich für diese Wirkstoffgruppen.“

Gemeinsam mit Kollegen aus Sydney, Melbourne und Marburg konnten die Jenaer Forscher jetzt weitere Details der an der Toleranzentwicklung beteiligten Mechanismen aufklären. In ihren Untersuchungen konzentrierten sie sich dabei auf die genauen räumlichen und zeitlichen Abläufe der Bindungsprozesse. „Wir fanden Phosphorylierungsmuster, die hochspezifisch für die verschiedenen Wirkstoffe sind und ein ausgeklügeltes Zusammenspiel der Enzyme und Gerüstproteine ansteuern. Im Vergleich zu Morphin bewirken synthetische Opioide eine höhere Enzymaktivität und eine schnellere Desensibilisierung der Rezeptoren“, fasst die Erstautorin der Studie, Dr. Elke Miess zusammen. Neben den molekulargenetischen Standardverfahren, die in der Zellkultur zum Einsatz kamen, nutzen die Wissenschaftler auch hochempfindliche biooptische Methoden für ihre Untersuchungen. Den Nachweis, dass im Einzelfall eine Bindung des Proteins Arrestin an den Rezeptor stattgefunden hatte, führten sie mit gleich drei voneinander unabhängigen Verfahren.

„Wir konnten wesentliche molekulare Details der Toleranzentstehung gegen Opioid-Analgetika aufklären“, wertet Stefan Schulz die Ergebnisse der Arbeit. „Sie liefert hilfreiche Ansätze für weiterführende Entwicklung von Opioiden, die weniger Toleranz und Abhängigkeit auslösen.“

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Stefan Schulz
Institut für Pharmakologie und Toxikologie, Universitätsklinikum Jena
Tel.: 03641/9395651
E-Mail: stefan.schulz@med.uni-jena.de

Originalpublikation:
Miess E, et al. Multisite phosphorylation is required for sustained interaction with GRKs and arrestins during rapid µ-opioid receptor desensitization. Sci. Signal. 17 Jul 2018,
DOI: 10.1126/scisignal.aas9609

Dr. Elke Miess vom Uniklinikum Jena konnte in Kooperation mit einem Wissenschaftlerteam aus Sydney, Melbourne und Marburg weitere molekulare Details der Toleranzentwicklung gegen Opiate aufklären.
Dr. Elke Miess vom Uniklinikum Jena konnte in Kooperation mit einem Wissenschaftlerteam aus Sydney, Melbourne und Marburg weitere molekulare Details der Toleranzentwicklung gegen Opiate aufklären

Antipsychotika fördern Adipositas und Insulinresistenz bei Kindern und Jugendlichen

Die Behandlung mit 3 häufig „off label“ verordneten Anti­psychotika führt schon in niedriger Dosierung bei Kindern und Jugendlichen nach wenigen Wochen zu einer Zunahme des Fettgewebes und zu einer Verschlechterung der Insulinwirkung, was laut einer Publikation in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/ jamapsychiatry.2018.1088) langfristig das Risiko auf einen Typ-2-Diabetes erhöht.

Die Antipsychotika (Neuroleptika) Aripiprazol, Olanzapin und Risperidon wurden ursprünglich zur Behandlung von Psychosen wie der Schizophrenie entwickelt. Sie werden heute jedoch häufig auch zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyper­aktivitätsstörung  (ADHS) und verwandter Verhaltensstörungen eingesetzt, wenn die Jugendlichen auf Stimulanzien wie Methylphenidat nicht ansprechen. Die Dosis ist dabei deutlich niedriger als zur Behandlung von Psychosen.

Von der Behandlung der Schizophrenie her ist bekannt, dass viele Patienten unter der Behandlung (teilweise beträchtlich) an Gewicht zunehmen. Epidemiologische Studien zeigen, dass diese Gewichtszunahme mit einem erhöhten Diabetesrisiko verbunden ist.

Ein Team um John Newcomer von der Florida Atlantic University in Boca Raton (nördlich von Miami) hat jetzt untersucht, welche Auswirkungen eine niedrig dosierte Behandlung mit Aripiprazol, Olanzapin und Risperidon bei Kindern und Jugendlichen hat. An der Studie nahmen 144 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 19 Jahren teil, bei denen die Ärzte ADHS oder andere Verhaltensstörungen diagnostiziert hatten. Die Patienten wurden über 12 Wochen mit Aripiprazol, Olanzapin oder Risperidon mit der in der Altersgruppe üblichen niedrigen Dosierung behandelt.

Vor der Behandlung sowie nach 6 und 12 Wochen wurde das Gesamtkörperfett mit der Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA) und das viszerale und subkutane Fett mit der Magnetresonanztomographie bestimmt. Außerdem wurde mit der hyperinsulinä­mi­schen-euglykämischen Clamp-Technik die Insulinsensitivität von Muskel-, Leber- und Fettgewebe gemessen.

Die Untersuchungen ergaben, dass die Zunahme des Körpergewichts – der Anteil der übergewichtigen und adipösen Patienten stieg innerhalb von 12 Wochen von 29,9 auf 46,5 % an – tatsächlich auf einer Zunahme des Fettgewebes beruhte.

Die größten Auswirkungen hatte Olanzapin. Der DXA-Anteil des Gesamtkörperfetts erhöhte sich um 4,12 %. Unter der Behandlung mit Aripiprazol kam es zu einer Zunahme um 1,66 % und bei Risperidon zu einer Zunahme um 1,18 %. Der Unterschied zu Olanzapin war jeweils signifikant. Olanzapin führte zu einer stärkeren Vergrößerung der subkutanen Fettdepots, während die Auswirkungen auf das viszerale Fettgewebe bei allen 3 Antipsychotika gleich waren.

Die Clamp-Untersuchungen ergaben, dass die Insulinsensitivität in allen 3 Geweben (Muskel-, Leber- und Fettgewebe) abnahm und zwar in allen 3 Gruppen gleich stark.

Die Studie kann nicht beweisen, dass die metabolischen Störungen langfristig das Diabetesrisiko erhöhen. Nach den Erfahrungen bei Erwachsenen muss aber damit gerechnet werden. Newcomer rät den Kinderpsychiatern, diese möglichen Folgen bei der Nutzen-Risiko-Abschätzung der „off label“-Verordnung zu beachten.

Nebenwirkungen – die am häufigsten verdächtigten Arzneimittelgruppen

Spitzenreiter unter den Arzneimittelgruppen, die verdächtigt wurden, Neben­wirkungen ausgelöst zu haben, sind antithrombotische Mittel (8,4 %), Antibiotika zur systemischen Anwendung (8,4 %) und dämpfend wirkende Psychopharmaka (7,9 %). Zu diesem Ergebnis kommen Bernhardt Sachs und Co-Autoren vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in der aktuellen Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes (Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 393–400) nach einer Analyse von 345.662 Verdachtsmeldungen über Nebenwirkungen, die beim BfArM in den Jahren 1978 bis 2016 eingegangen sind.

In diesen sogenannten Spontanberichten wurde beispielsweise im Zusammenhang mit Antithrombosemitteln am häufigsten über Blutungen und eine zu geringe Thrombo­zytenzahl, bei Anwendung von Antibiotika über Durchfall, Ausschlag und Juckreiz sowie beim Einsatz von Psychopharmaka über Arzneimittelabhängigkeit, eine vermin­derte Anzahl weißer Blutkörperchen und Fieber berichtet. 4 der 10 am häufigsten im Zusammenhang mit Nebenwirkungen genannten Arzneimittelgruppen lassen sich den „Arzneimitteln zur Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems“ (23,1 %) zuordnen.

Die 3 im gesamten Beobachtungszeitraum insgesamt am häufigsten berichteten Nebenwirkungen sind Übelkeit, Juckreiz und Schwindelgefühl. Unter den 15 häufigsten Nebenwirkungen finden sich viele weitere unspezifische Allgemeinsymptome (zum Beispiel Erbrechen, Kopfschmerz, Fieber oder Hautveränderungen), die – so die Vermutung der Autoren – assoziiert mit der führenden Nebenwirkung auftreten und mitgemeldet würden, daher in der Auswertung übermäßig häufig erschienen.

Die Gesamtzahl der pro Jahr beim BfArM eingehenden Spontanberichte, die zumeist (64,1 %) von Ärzten stammten, habe seit 1978 kontinuierlich zugenommen, berichten die Autoren. Dies sei insbesondere darauf zurückzuführen, dass die pharmazeutischen Unternehmen zunehmend verpflichtet worden seien, ihnen zugehende Meldungen an das BfArM weiterzuleiten.

Antidepressiva führen zur Gewichtszunahme

Viele Patienten, die mit Antidepressiva behandelt werden, nehmen vor allem im zweiten und dritten Behandlungsjahr deutlich an Gewicht zu, wie die Ergebnisse einer Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2018; 361: k1951) zeigen.

Nicht nur die Zahl der übergewichtigen und fettleibigen Menschen hat in den letzten Jahren zugenommen. In Großbritannien sind es bereits 61 % der Erwachsenen. Auch Depressionen werden immer häufiger. In Großbritannien stieg die Zahl der Verord­nungen zuletzt auf 129,9 pro 1.000 Personenjahre, und von den Hausarzt­patienten hat laut einer jüngsten Untersuchung fast jeder vierte schon einmal ein Antidepressivum verschrieben bekommen (in einem 17-Jahres-Zeitraum). Eine Adipositas ist zudem ein bekannter Risikofaktor für eine Depression.

Vor diesem Hintergrund könnte eine Gewichtszunahme durch die Einnahme von Antidepressiva ein ernst zu nehmendes „Public Health“-Problem sein.

Rafael Gafoor vom King’s College London hat hierzu die Daten von 300.000 erwachsenen Patienten ausgewertet, die in der UK Clinical Practice Research Datalink (CPRD) gespeichert wurden und bei denen im Verlauf von 10 Jahren mindestens dreimal das Körpergewicht notiert worden war.

Die Forscher fanden heraus, dass die Inzidenz einer Gewichtszunahme um wenigstens 5 % bei Patienten, denen keine Antidepressiva verordnet wurden, 8,1 pro 100 Personenjahre betrug. Bei den Patienten, die Antidepressiva einnahmen, waren es 9,8 Gewichtszunahmen pro 100 Personenjahre.

Der Unterschied mag gering erscheinen. Er bedeutet allerdings, dass auf 59 Patienten, die Antidepressiva einnehmen, innerhalb von 10 Jahren einer kommt, der deutlich an Gewicht zunimmt.

Das Risiko war im zweiten und dritten Behandlungsjahr am größten. Gafoor ermittelte für das zweite Behandlungsjahr eine Rate Ratio auf eine Gewichtszunahme um mindestens 5 % von 1,46 (95-%-Konfidenzintervall 1,43–1,49) und für das dritte Behandlungsjahr von 1,48 (1,45–1,51). Danach sinkt das Risiko, es blieb aber über den gesamten Zeitraum erhöht.

Die Einzelbetrachtung zeigt für alle 12 untersuchten Wirkstoffe ein erhöhtes Risiko. Die Bandbreite der Rate Ratio reichte von 1,05 (1,00–1,10) für Paroxetin bis zu 1,50 (1,45–1,56) für (das eher selten verordnete) Mirtazapin.

Nach Einschätzung der Editorialisten Alessandro Serretti und Stefano Porcelli von der Universität Bologna lässt sich derzeit nicht vorhersagen, bei welchen Patienten es unter der Therapie zu einer Gewichtszunahme kommt. Deshalb sollte vorsichtshalber allen Patienten geraten werden, auf ihr Gewicht zu achten und durch Ernährung und Sport einer Gewichtszunahme frühzeitig gegenzusteuern.