Referentenentwurf: Patientenfach entfällt, mobiler Zugriff wird geregelt

Der Referentenentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) enthält auch Neuregelungen zur Telematik­infrastruktur und zu geplanten E-Health-Anwendungen.

Unter anderem werden die Krankenkassen in Paragraf 291a Sozialgesetzbuch (SGB) V verpflichtet, ihren Versicherten spätestens ab dem 1. Januar 2021 von der Gesellschaft für Telematik (gematik) zugelassene elektronische Patientenakten (ePA) zur Verfügung zu stellen. Intention des Gesetzgebers ist es, damit Patientenakten ins Gesundheits­system einzuführen, die sektorenübergreifend bei allen Leistungserbringern und auch kassenübergreifend nutzbar sind.

Zudem haben die Krankenkassen künftig zum Thema ePA eine Informationspflicht gegenüber ihren Versicherten: Sie müssen sie über die ePA und deren Funktionsweise einschließlich der Art der in ihr zu verarbeitenden Daten sowie über die verschiedenen Zugriffsrechte und -wege informieren.

Zwei-Schlüssel-Prinzip fällt weg

Das bisher vorgesehene elektronische Patientenfach wird mit der ePA begrifflich zusammengeführt, weil es sich nach den bisherigen Konzepten der gematik weitgehend um die gleichen Daten handele, „auf die nur mit unterschiedlichen Zugriffsrechten zugegriffen werden kann“. Da die Versicherten künftig auf die Daten der ePA auch ohne Heilberufsausweis (und damit ohne Anwesenheit eines Leistungs­erbringers) zugreifen können und dies der Zugriffsmöglichkeit des elektronischen Patientenfaches entspricht, ist Letzteres nach dem Entwurf als gesonderte Anwendung entbehrlich.

Das Verfahren bei der Erklärung und der Dokumentation der Einwilligung des Versicherten in die medizinischen Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) wird vereinfacht. So soll der Versicherte künftig auch in die Nutzung einer ePA gegenüber dem jeweiligen Aktenanbieter einwilligen können, und seine Einwilligung muss auch nicht auf der eGK gespeichert werden. Davon unberührt bleiben die Vorgaben der datenschutzrechtlichen Einwilligung nach der EU-Datenschutzgrund­verordnung unter anderem zur Einwilligung in die Verarbeitung von Gesundheitsdaten.

Mobiler Datenzugriff

Darüber hinaus erhalten die Versicherten künftig zusätzliche Zugriffs- und Authentifizierungsmöglichkeiten, um auch mit mobilen Endgeräten, wie Tablets oder Smartphones, und ohne Einsatz der elektronischen Gesundheitskarte auf die medizinischen Daten in ihrer ePA zugreifen zu können. Bisherige Zugriffswege mittels eGK sollen aber erhalten bleiben.

Die Krankenkassen sind künftig dazu verpflichtet, die Versicherten über die unterschiedlichen Zugangswege und damit verbundene Abstufungen bei den Sicherheitskriterien zu informieren und eine darauf basierende Erklärung der Versicherten zur Nutzung des zusätzlichen Authentifizierungsverfahrens zu dokumentieren.

Die gematik wird nach Paragraf 291b SGB V verpflichtet, die Voraussetzungen für diese zusätzlichen technischen Möglichkeiten im Benehmen mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zu schaffen. Außerdem soll die gematik für handelsübliche mobile Geräte und Dienste im Benehmen mit dem BSI ein neues Zulassungsverfahren mit geeigneten Kriterien bis zum 31. März 2019 erarbeiten. Für die erforderliche Spezifizierung der Authentifizierungsverfahren ohne Einsatz der eGK setzt das BMG einen einmaligen Erfüllungsaufwand von 200.000 Euro an.

Die gematik wird außerdem verpflichtet, das BMG über Störungen, die die Sicherheit oder Funktionsfähigkeit der Tele­ma­tik­infra­struk­tur erheblich beeinträchtigen können, oder über bereits eingetretene derartige Vorfälle zu informieren.

Elektronische Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen ab 2021

Ab 2021 soll darüber hinaus ein verbindliches elektronisches Verfahren zur Übermittlung von Arbeitsunfähigkeitsdaten durch Ärzte an Krankenkassen ermöglicht werden. Die sichere Übermittlung der Daten über die Tele­ma­tik­infra­struk­tur an die Krankenkasse sieht auch eine qualifizierte elektronische Signatur durch den Heilberufsausweis vor.

Nach Paragraf 305 SGB V dürfen Krankenkassen künftig auf Wunsch des Versicherten und mit dessen Einwilligung Leistungs- und Abrechnungsdaten an Dritte, etwa für die ePA, übermitteln. Dabei muss jedoch sichergestellt sein, dass die Daten ohne ausdrückliche Einwilligung des Versicherten nicht von einem Aktenanbieter oder den Krankenkassen eingesehen werden können.

Bundes­ärzte­kammer warnt vor Aufweichung ärztlicher Schweigepflicht

Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass alles, was sie ihrem Arzt anvertrauen, geheim bleiben muss. Das hat die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in ihrer Stellungnahme zur Umsetzung einer Richtlinie der Europäischen Union (EU) in Deutschland betont. Die bereits 2016 beschlossene EU-Richtlinie sowie der jetzt vom Bundesjustizministerium vorgelegte Referentenentwurf sollen Geschäftsgeheimnisse von Unternehmen besser schützen.

Zur Regelung des „Whistleblowing“ enthält der Entwurf aber auch einen Rechtferti­gungstatbestand. Danach wäre es erlaubt, Geschäftsgeheimnisse zu offenbaren, wenn dies zur Aufdeckung eines rechtmäßigen aber unethischen Fehlverhaltens erforderlich ist und die offenlegende Person in der Absicht handelt, das allgemeine öffentliche Interesse zu schützen.

Wäre dieser Rechtfertigungstatbestand auch auf die Verletzung von Privatgeheimnissen übertragbar, würde das laut BÄK bedeuten, dass auch das Offenbaren eines einem Arzt anvertrauten Geheimnisses nicht mehr strafbar und damit nicht mehr ausreichend geschützt wäre, wenn damit im vermeintlichen öffentlichen Interesse ein Fehlverhalten aufgedeckt werden soll.

„In diesem Fall würde das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt nachhaltig beeinträchtigt“, warnt die BÄK in ihrer Stellung­nahme. Sie fordert, im Gesetzestext, wenigstens aber in der Gesetzesbegründung, ausdrücklich klarzustellen, dass der Rechtfertigungstatbestand nur für Geschäfts­geheimnisse gelten dürfe und insbesondere Paragraf 203 Strafgesetzbuch davon unberührt bleibt – also jener Paragraf des Strafgesetzbuches, der die Verletzung von Privatgeheimnissen berührt.

Bisher ist die Vertraulichkeit zwischen Arzt und Patient durch Paragraf 203 Absatz eins des Strafgesetzbuches geschützt. Die Verschwiegenheit des Arztes darf nur im Einzelfall zum Schutz eines höherrangigen Rechtsguts durchbrochen werden – und eben nicht bereits bei journalistischem Interesse oder zur Aufdeckung eines rechtmäßigen aber unethischen anderen Fehlverhaltens.

Spahn will Digitalisierung zu einem Schwerpunkt machen

Die Digitalisierung soll zu einem von drei Schwerpunkten in der Arbeit des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) werden. Das hat der neue Bundesgesundheits­minister Jens Spahn (CDU) heute bei der offziellen Amtsübernahme von seinem Vorgänger Hermann Gröhe (CDU) betont.

Mit dem E-Health-Gesetz seien erste wichtige Schritte erfolgt, aber die Digitalisierung müsse dringend weiter ausgebaut werden, sagte Spahn. Es passiere „so wahnsinnig viel“ in dem Bereich, dass es richtig sei, einen stärkeren Fokus auf dieses Politikfeld zu legen. Er regte an, einmal im Quartal Start-ups ins BMG einzuladen, „um ein Gefühl dafür zu bekommen, was sich dort alles bewegt“.

Wartezeiten ein Aspekt

Als weiteres großes Thema bezeichnete Spahn die ambulante Versorgung. Das große Aufregerthema sei dabei, wie schnell gesetzlich Versicherte einen Termin beim Arzt erhielten. Ein weiterer Schwerpunkt sei die Pflege, vor allem die Situation und die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften. Spahn betonte aber auch, dass viele weitere kleinere Themen in der Gesundheitspolitik wichtig seien.

Der neue Minister ermunterte die Mitarbeiter im BMG heute dazu, mit ihm die an­stehenden Themen gemeinsam umzusetzen und kritisch zu diskutieren. „Was ich brauche, sind kontroverse Debatten“, sagte Spahn. Diese müsse man nicht öffentlich führen, sondern intern. Wichtig sei für ihn, andere Argumente zu kennen, um abwägen zu können.

Sein Vorgänger Gröhe machte vor den Mitarbeitern des Hauses unter großem Beifall deutlich, dass ihm der Abschied nicht leicht falle. Der 57-Jährige, der das Ressort in der vergangenen Legislaturperiode leitete, scheidet aus der Bundesregierung aus. Nach Informationen des Deutschen Ärzteblattes könnte er neuer stellvertretender Fraktions­vorsitzender der Unionsfraktion werden. Er könnte damit Sabine Weiss nachfolgen, die neue Parlamentarische Staatssekretärin im BMG ist.

Der Personalratsvorsitzende des BMG, Hans-Josef Marx, erinnerte Spahn heute an die Vorhaben der neuen Großen Koalition, die sachgrundlose Befristung von Arbeits­verhältnissen zur Ausnahme zu machen. Er forderte Spahn dazu auf, sich beim nächsten Personalhaushalt für mehr Stellen einzusetzen, damit sachgrundlose Befristungen auch im BMG „zur Ausnahme“ werden. So könnten die derzeit 61 befristet Beschäftigten im BMG „eine sichere Zukunftsperspektive“ bekommen.

Tests für medizinische Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte starten im Herbst

Bei der momentanen Anbindung der Arztpraxen an die Telematik­infrastruktur (TI) werden die Möglichkeiten der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) bislang nicht ausgeschöpft, nur die Versichertenstammdaten werden abgeglichen. Aber ab Herbst dieses Jahres sollen auch die ersten medizinischen Anwendungen der Karte erprobt werden – und zwar in Westfalen-Lippe.

Dabei soll es um den Not­fall­daten­satz und den Medikationsplan gehen, wie heute Thomas Müller, Mitglied des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe, und Frank Gotthardt, Vorsitzender des Vorstands der CompuGroup Medical SE (CGM), beim Gesundheitskongress des Westens in Köln erklärten.

„Um für noch mehr Akzeptanz der eGK bei Ärzten und Patienten zu sorgen, ist es sehr wichtig, dass mit dem Not­fall­daten­satz und dem elektronischen Medikationsplan nun möglichst bald auch medizinische Applikationen über die Karte aufrufbar sind“, sagte Müller. Gotthardt betonte, für die Feldtests seien die Praxisnetze in Westfalen-Lippe besonders geeignet. „Wir brauchen kritische und zugleich aufgeschlossene Ärzte für die Erprobung, um etwaiges Verbesserungspotenzial identifizieren zu können“, betonte er.

 An dem Feldtest sollen 70 bis 75 Arztpraxen, einige Zahnarztpraxen, bis zu 16 Apotheken, eine kassenärztliche Notfalldienstpraxis sowie ein Krankenhaus teilnehmen. Diese Akteure sollen über einen Zeitraum von acht Wochen 1.400 Notfalldatensätze und 2.100 Medikationspläne auf den elektronischen Gesundheits­karten der Versicherten speichern. Der Feldtest soll wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden.

Müller kündigte an, jetzt geeignete Arztpraxen auszuwählen, in denen die Funktionalität und die Interoperabilität der neuen medizinischen Anwendungen auf der eGK getestet werden können. „Verläuft der Test erfolgreich – wovon wir ausgehen –, so werden Not­fall­daten­satz und eMedikationsplan anschließend sehr zeitnah bundesweit über Tele­ma­tik­infra­struk­tur und die elektronische Gesundheitskarteabrufbar sein“, versprach der CGM-Vorstandsvorsitzende Gotthardt.

Künftige Staatsministerin für Digitales mahnt modernen Datenschutz a

Die designierte Staatsministerin für Digitales im Kanzleramt, Dorothee Bär (CSU), sieht in der Digitalisierung im Gesundheitsbereich viele Chancen. „Könnten Daten deutscher Patienten mit weltweiten Datenbanken abgeglichen werden, wäre eine Diagnose oft schneller da, als sie zehn Ärzte stellen können“, erklärte sie heute der Bild-Zeitung.

Dem stünde aber der derzeitig geltende Datenschutz entgegen. „Wir brauchen deshalb endlich eine smarte Datenkultur vor allem für Unternehmen. Tatsächlich existiert in Deutschland aber ein Datenschutz wie im 18. Jahrhundert“, so Bär.

Grundsätzlich mahnte die künftige Staatsministerin für Digitales bei der Digitalisierung Deutschlands mehr Tempo an. Insbesondere den Unternehmen wolle sie helfen, „Championsleague zu spielen, Weltmeister zu sein“, und dabei wolle sie „ein Taktgeber“ sein, sagte die CSU-Politikerin gestern in den ARD-Tagesthemen. Ihr gehe das „viel, viel zu langsam“.

Bär sieht auch in einzelnen Fachministerien Defizite bei der digitalen Entwicklung. Sie habe in den vergangenen Jahren festgestellt, „dass wir auch in unseren Ministerien unterschiedliche Geschwindigkeiten haben“, sagte sie. Es gebe welche, die viel, viel weiter seien, andere leider noch nicht. Jedes Ministerium in Deutschland müsse „ein Digitalministerium sein“, forderte die künftige Staatsministerin.

Gesundheitsbranche zieht es in die Cloud

Die Gesundheitsbranche wird künftig verstärkt in Cloud-Technologien investieren. Das geht aus einer aktuellen Studie des Marktforschungs­unternehmens Frost & Sullivan hervor. Demnach werden die Umsätze für Cloud-Services bis 2021 auf fast zehn Milliarden US-Dollar steigen. Ein wesentlicher Grund dafür ist die veränderte Haltung der Branche: Laut den Marktforschern glauben immer mehr Entscheidungsträger, dass Cloud-Umgebungen sicherer sind als interne Infra­strukturen – insbesondere in Bezug auf Datensicherung und Notfall­wiederherstellung.

Angekurbelt wird der Markt durch die Datenexplosion in der Branche. „Das Volumen unstrukturierter medizinischer und Gesundheitsdaten, die außerhalb klinischer Umgebungen generiert werden, wächst ins Unermessliche“, verdeutlichte Digital Health Research Manager Natasha Gulati. Gemeinsam betriebene Cloud-Plattformen könnten die Gesundheitsdaten künftig verschiedenen Interessengruppen zugänglich machen sowie Risiken und Kosten auf mehrere Schultern verteilen.

Aber auch Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und andere Teilnehmer des Pflege­spektrums werden nach Ansicht der Autoren verstärkt auf Cloud-Plattformen setzen. Ihr Ziel sei es, so Daten- und Anwendungszugriffe zu verbessern, die Interoperabilität zu erweitern und eine große Menge an Gesundheitsdaten effizient zu verwalten, zu speichern und zu archivieren.

Die Studie „Healthcare Cloud Computing Outlook, Global, 2016–2021“ untersucht Wachstumsmöglichkeiten, Geschäftsmodelle, Herausforderungen, markttreibende Faktoren und branchenspezifische Cloud-Lösungen. Zudem werden Marktteilnehmer, Käuferverhalten und Kundenerwartungen vorgestellt.

Ärzte und Psychotherapeuten offen für neue digitale Möglichkeiten im Gesundheitswesen

Hamburg – Das Interesse an Videosprechstunden und anderen digitalen Möglichkeiten wächst bei Ärzten, Zahnärzten und psychologischen Psychotherapeuten. „Rund die Häl­fte aller Ärzte kann sich vorstellen, Videosprechstunden mit Patienten abzuhalten“, be­rich­tete die Stiftung Gesundheit Mitte Januar in Hamburg. Sie beruft sich dabei auf eine Umfrage im Rahmen ihrer Studienreihe „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit“. Diese Stu­dienreihe bearbeitet die Stiftung seit 2005.

Danach war im Jahr 2015 rund ein Drittel der Ärzte Videosprechstunden gegenüber auf­geschlossen. Im Jahr 2016 stieg der Anteil der Befürworter auf 47 Prozent und jener der Gegner von 61,3 Prozent auf 53 Prozent.

Diejenigen Ärzte, die Videosprechstunden positiv gegenüberstehen, wurden zusätzlich ge­fragt, bei welchen Patientengruppen sie sich diese Kommunikationsform besonders gut vorstellen könnten. An erster Stelle nannten die Ärzte dabei Patienten, die nur ein­ge­schränkt mobil sind (81,6 Prozent). Weitere sinnvolle Zielgruppen wären Patienten, die ei­nen weiten Anfahrtsweg zur Praxis haben (72,3 Prozent) sowie chronisch kranke Pa­tien­ten (52,8 Prozent).

Die Stiftung hatte für ihre Online-Befragung im Sommer 2016 10.000 Ärzte, Zahnärzte und psychologische Psychotherapeuten angeschrieben. Der Rücklauf betrug 3,74 Pro­zent. Erwartet hatte die Stiftung einen Rücklauf von drei Prozent.

Das E-Health-Gesetz sieht vor, dass ab Juli 2017 Online-Videosprechstunden finanziell ge­fördert werden. Hierbei geht es um eine telemedizinisch gestützte Betreuung von Pa­tienten, die eine wiederholte persönliche Vorstellung in der Praxis ersetzen soll.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) weist in diesem Zusammenhang auf das sogenannte Fernbehandlungsverbot hin, das bekanntlich Bestandteil der ärztlichen Mus­terberufsordnung ist. Danach dürfen Ärzte individuelle Behandlungen und Bera­tungen nicht ausschließlich über Kommunikationsmedien abwickeln. Bei telemedizini­schen Ver­fah­ren muss gewährleistet sein, dass ein Arzt den Patienten unmittelbar behandelt. „So­mit ist die Fernbehandlung nicht grundsätzlich verboten, sondern nur die ‚ausschließ­liche‘ Fernbehandlung“, informiert die KBV.

Ambulante Psychotherapie: G-BA beschließt Strukturreform

Berlin­ – Eine Sprechstunde soll den Patienten künftig auch von ärztlichen und Psycholo­gischen Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ange­boten werden können. Damit sollen vor allem die langen Wartezeiten auf ein erstes Gespräch bei einem Psychotherapeuten reduziert werden. Die psychotherapeutische Sprechstunde ermöglicht zudem einen kurzfristigen Zugang zur Beratung und eine erste psychodiagnostische Abklärung. Die Sprechstunde ist das Kernstück der Strukturreform der ambulanten Psychotherapie, die der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) heute mit der Änderung der Psychotherapie-Richtlinie auf den Weg gebracht hat.

Mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz hatte der Gesetzgeber das Gremium beauf­tragt, bis zum 30. Juni Regelungen zur Flexibilisierung des Therapieangebots, zur Ein­richtung von Sprechstunden, zur Akutbehandlung, zur Förderung von Gruppentherapien und der Rezidivprophylaxe sowie zur Vereinfachung des Antrags- und Gutachterver­fahrens zu beschließen.

„Das waren mühselige und langwierige Diskussionen und Verhandlungen“, merkte der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken bei der öffentlichen Sitzung an. „Wir betreten hier Neu­land und deshalb wollen wir die Psychotherapie-Richtlinie nach fünf Jahren evaluieren.“

Einrichtung der psychotherapeutischen Sprechstunden freiwillig
Die psychotherapeutische Sprechstunde dient der zeitnahen Abklärung, ob ein Verdacht auf eine krankheitswertige Störung vorliegt oder nicht. Dazu kann eine orientierende diagnostische Abklärung erfolgen und, wenn notwendig, auch eine differenzialdignos­tische. Ein erwachsener Patient kann bis zu sechsmal 25-minütige Termine erhalten, Kinder und Jugendliche und deren Eltern bis zu zehnmal.

Die Patientenvertreter im G-BA bemängelten in der Sitzung, dass die Sprechstunde nicht verpflichtend eingeführt wird. Psychotherapeuten können selbst entscheiden, ob sie künftig mindestens zwei Stunden pro Woche zu festen Zeiten eine Sprechstunde an­bieten. „Für die Patienten sind die Sprechstunden verpflichtend, für die Psycho­thera­peu­ten nicht – das wird ein Nadelöhr in der Versorgung, sagte PatientenvertreterJürgen Matzat.

„Das wird kein Nadelöhr, sondern ein neuer Korridor in der Versorgung“, betonte hin­gegen Timo Harfst von der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), die im G-BA Anhörungsrecht hat. „Hier werden sehr starke Anreize gesetzt, so dass die allermeisten die Sprechstunde anbieten werden – das ist motivationspsychologisch ein kluger Weg.“ Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der GKV-Spitzenverband stimmten eindeutig für die Freiwilligkeit.

Psychotherapeutische Akutbehandlung künftig möglich
Unmittelbar nach der Sprechstunde kann künftig für Patienten in akuten psychischen Krisen- und Ausnahmezuständen eine psychotherapeutische Akutbehandlung beginnen. Diese kurzfristige Intervention zur Vermeidung von Fixierungen und Chronifizierungen psychischer Symptomatik besteht aus bis zu 24 Gesprächseinheiten á 25 Minuten, die nicht bei der Krankenkasse beantragt werden müssen. Diese Neuerung bezeichnen der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp), die Deutsche Psychothera­peu­tenvereinigung (DPtV) und die Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugend­lichen­psycho­therapeuten (VAKJP) in einer gemeinsamen Pressemitteilung als wichtige Ergänzung des bisherigen Leistungsangebots.

Zweiteilung der Kurzeittherapie stark kritisiert
Darüber hinaus soll künftig die Kurzzeittherapie (KZT) in zwei Abschnitte á zwölf Stunden unterteilt werden, statt wie bisher bis zu 25 Stunden am Stück zu umfassen. Jeder Abschnitt ist antrags- aber nicht gutachterpflichtig. „Wir versuchen die Behandlung damit zu akzentuieren – das ist keine Willkür“, sagte Thomas Uhlemann vom GKV-Spitzenband bei der Sitzung, der für diese Zweiteilung schon im Vorfeld immer wieder kritisiert worden war. Durch die Befreiung von der Gutachterpflicht solle der Patient zudem schneller in die Behandlung gebracht werden, erklärte Uhlemann.

zum Thema

Psychotherapie-Richtlinie im Wortlaut (Stand: 16.06.2016)

„Die Behandlung kann auf diese Weise nicht sinnvoll kürzer gemacht werden“, betonte hingegen BPtK-Vertreter Harfst. Zudem sei auch die sogenannte Genehmigungsfiktion „ein sinnfreier Vorgang“, kritisierte er. Danach haben die  Krankenkassen drei Wochen Zeit, einen Antrag auf KZT zu genehmigen. Wenn sie diese Frist verstreichen lassen, gilt der Antrag auch als genehmigt. Die drei Verbände (bvvp, DPtV, VAKJP) bezeichnen die künftige Zweiteilung der KZT darüber hinaus als „willkürlichen Eingriff in die Behand­lungs­planung von Psychotherapeuten“ und „unnötigen bürokratischen Aufwand“.

Rezidivprophylaxe nach Langzeittherapie
Nach Beendigung einer Langzeittherapie kann künftig eine Rezidivprophylaxe durch­geführt werden: Eine niederfrequente therapeutische Arbeit, die zur Stabilisierung der Patienten beitragen und Rückfällen vorbeugen soll. Die Stunden, die dafür genutzt werden sollen, sind kein eigenes Modul, sondern Teil des bewilligten Gesamtkontingents. Die Rezidivprophylaxe kann über einen Zeitraum von zwei Jahren nach Abschluss der Behandlung durchgeführt werden.

Nach Ansicht der Bundespsychotherapeutenkammer hatte der G-BA den Auftrag, für die Rezidivprophylaxe einen eigenen Leistungsbereich zu schaffen, um chronisch und schwer psychisch Kranken ein flexibles Behandlungsangebot nach Abschluss einer Psychotherapie zu bieten. „Diesen  Auftrag hat das Gremium nicht erfüllt“, kritisiert BPtK-Präsident Dietrich Munz. „Nicht nachvollziehbar“ sei zudem die Beschränkung auf Langzeittherapie als Voraussetzung für eine Rezidivprophylaxe. Auch nach einer Kurz­zeittherapie könne es notwendig sein, Rückfällen vorzubeugen. Auch die drei Berufs­verbände kritisieren diesen Teil des Beschlusses als „Mogelpackung“: Das letzte Therapie­kontingent einer Langzeittherapie auf bis zu zwei Jahre zu strecken, sei auch bisher schon möglich gewesen.

Weitere Änderungen der Psychotherapie-Richtlinie betreffen die probatorischen Sitzungen, die Gruppentherapie und die Standarddokumentation. Der vollständige Beschlusstext wird in Kürze auf der Internetseite des G-BA veröffentlicht.

Der Beschluss wird nun dem Bundesministerium für Gesundheit zur Prüfung vorgelegt. Die geänderte Psychotherapie-Richtlinie tritt geplant am 1. April 2017 in Kraft. Bis dahin müssen insbesondere die Vergütungsregelungen für die neuen Leistungen der Sprechstunde und der Akutbehandlung getroffen werden.

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Illustrationen: Das Buch enthält leider keine Illustrationen.

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Das Buch gibt dem interessierten Leser, ob psychologischer oder ärztlicher Psychotherapeut, einen globalen Überblick über das Thema Antragspsychotherapie und ist in der Kombination mit dem „Praxisbuch VT-Bericht“ eine gute Grundlage zur Erstellung von Antragsberichten. Die Lektüre dieses Buches gibt dem Leser eine Grundlage zur eigenen Erstellung von Psychotherapieanträgen im verhaltenstherapeutischen und psychodynamischen Bereich.

Erster Eindruck          + + + +

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Inhalt                                + + + +

Fazit                                  + + + +

Fallberichte aus der Psychotherapie


Hergenröther D.
Fallberichte aus der Psychotherapie: 47 Beispiele für eine erfolgreiche Falldokumentation im Antragsverfahren

Stuttgart: Thieme; 2014. 196 Seiten, 39,99 Euro
ISBN: 9783132014916