Bis zu einer Milliarde Kinder und Jugendliche erleben Gewalt

Bis zu einer Milliarde Kinder und Jugendliche weltweit sind der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zufolge körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt ausgesetzt oder werden vernachlässigt. Damit sei jeder zweite Minderjährige zwischen zwei und 17 Jahren im vergangenen Jahr betroffen gewesen, berichtete die Organisation heute in Genf. Bei einer Konferenz mit WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, Königin Silvia von Schweden und 30 Ministern sollen am 14. und 15. Februar in Stockholm Lösungen gesucht werden.

Nach Angaben der WHO erlebt jedes fünfte Kind irgendwann im Leben körperliche Gewalt, jedes dritte Kind emotionale Misshandlung. 18 Prozent der Mädchen und acht Prozent der Jungen erlebten sexuelle Gewalt. Missbrauchte Kinder rauchten und tränken mehr Alkohol als andere, nähmen höhere Risiken in Kauf und seien später anfälliger für Krankheiten wie Angststörungen, Depressionen, Krebs und HIV-Infektionen, so die WHO. Die Organisation benutzt den Begriff „Kinder“ für alle Minderjährigen.

Kinderschutzgesetze seien wichtig, sagte Etienne Krug von der WHO, aber das reiche nicht. „Wir brauchen einen Kulturwandel, es muss Null Toleranz bei Gewalt gegen Kinder geben.“ Regierungen könnten etwa Eltern bei der Erziehung unterstützen, Kindern Sozialverhalten, emotionale Kontrolle und Selbstbewusstsein vermitteln, den Schulbesuch wenn nötig durch finanzielle Zuwendung an die Eltern sichern und in Problem-Stadtteilen Spannungen abbauen.

Akne erhöht Risiko auf Depressionen

Eine Akne bedeutet für viele jüngere Menschen eine erhebliche psychische Belastung. Die Analyse eines Patientenregisters im British Journal of Dermatology (2018; doi: 10.1111/bjd.16099) ergab, dass die Patienten in den ersten 5 Jahren der Behand­lung häufiger an einer Major-Depression erkranken.

Ein Team um Isabelle Vallerand von der Universität von Calgary hat die Daten von „The Health Improvement Network“ (THIN) ausgewertet, einer der weltweit größten Sammlungen von elektronischen Krankenakten. Sie verglichen die Daten von 134.427 Männern und Frauen mit Akne und mit 1.731.608 Kontrollen, die wegen anderer Krankheiten vom Hausarzt oder einem Spezialisten betreut wurden.

Die Gruppe der Aknepatienten war jünger und hatte einen höheren Frauenanteil als die Kontrollgruppe. Sie wiesen einen höheren sozioökonomischen Standard auf, rauchten seltener, tranken seltener Alkohol und waren seltener fettleibig. Sie hatten aber häufiger Begleiterkrankungen.

In den folgenden 15 Jahren erkrankten 18,5 % der Patienten an Akne, aber nur 12 % der Kontrollgruppe an einer schweren Depression. Das Risiko war vor allem im ersten Jahr der Behandlung am höchsten. Vallerand ermittelt eine Hazard Ratio vom 1,63 ( 95-%-Konfidenzintervall 1,33–2,00). In den Jahren danach nahm das Risiko auf eine Major-Depression langsam wieder ab. Patienten, die bereits seit 5 Jahren in Behandlung waren, hatten kein erhöhtes Risiko mehr. Ob dies eine Folge der erfolgreichen Therapie war oder ob sich die Patienten mit der Krankheit abgefunden haben oder diese sich mit der Zeit von selbst wieder abschwächte, konnte die Studie nicht klären.

Neuer Trend unter Jugendlichen: Selbstverletzung im Netz

US-amerikanische Kinder- und Jugendärzte machen auf einen neuen, besorgniserregenden Trend bei Jugendlichen aufmerksam: „Digital self-harm“, selbstverletzendes Verhalten im Netz, bei dem Jugendliche anonym gemeine Dinge über sich selbst ins Netz stellen oder in sozialen Medien posten.

So hatten in einer Umfrage unter knapp 6.000 amerikanischen Schülern rund sechs Prozent der Jugendlichen angegeben, sie hätten sich im Internet schon einmal selbst bloßgestellt (Journal of Adolescent Health 2017, doi: 10.1016/j.jadohealth.2017.06.012). Als Grund dafür gaben sie vorwiegend Selbsthass, den Wunsch nach Aufmerksamkeit und Depressionen an.

Bislang ist noch nicht umfassend und sicher geklärt, was Teenager dazu bewegt, sich selbst online zu mobben. Experten vermuten jedoch, dass digitale Selbstverletzung zumindest zum Teil Ähnlichkeiten mit körperlichem selbstverletzendem Verhalten wie Ritzen aufweist: Es ist ein Mittel, um mit psychischen Schmerzen und Problemen umzugehen und dient vermutlich auch dazu, im schlechten Selbstbild bestätigt zu werden.

„Wenn Eltern von ihrem Kind erfahren, dass es über soziale Medien gemobbt wird, sollten sie nicht zögern, eine gründliche Untersuchung einzuleiten, um den Ursprung des Cybermobbings aufzuklären“, rät Harald Tegtmeyer-Metzdorf vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Sollte sich ein Jugendlicher zusätzlich aber auch selbst online beschimpft haben, gelte es, dies als Hilferuf zu verstehen und umgehend geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter

Deutschland gehört mit 25–35 % Lebenszeitprävalenz von zumindest einmaligem nichtsuizidalen selbstverletzenden Verhalten (NSSV) unter Jugendlichen innerhalb Europas zu den Ländern mit den höchsten Prävalenzraten (1, 2). Diese Thematik besitzt daher für Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachdisziplinen eine hohe Relevanz. In den letzten Jahren haben drei Leitlinien und ein Cochrane Review den

Jeder fünfte Jugendliche ist spielsuchtgefährdet

Im Vorfeld des Safer Internet Days am 6. Februar haben Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und Drogenbeauftragte der Bundesregierung vor steigenden Suchtgefahren durch Online-Glücks- und Computerspiele gewarnt. Vor allem junge Menschen seien dadurch besonders gefährdet.

Vor diesem Hintergrund forderte Drogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) klare rechtlichen Rahmenbedingungen sowie eine bessere Aufklärung und einen konsequenten Jugend­schutz. „Außerdem ist es höchste Zeit, dass sich die zuständigen Länder endlich auf eine Novelle des Glücksspielstaatsvertrages einigen, mit der die Grenze zwischen legalem und illegalem Glücksspiel im Internet klar gezogen wird“, sagte Mortler.

Laut einer bundesweiten Repräsentativbefragung der BZgA nutzen aktuell bundesweit rund 725.000 Menschen Online-Glücksspiele. Junge Menschen seien vor allem durch Internetangebote und Computerspiele gefährdet.

Mehr als ein Fünftel (22,4 Prozent) der Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren sowie rund 14,9 Prozent der jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren nutzen entsprechende Angebote exzessiv und riskieren damit negative gesundheitliche Folgen oder den Verlust sozialer Kontakte.

„Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass die Grenze zwischen Online-Computerspielen und Online-Glücksspielen zunehmend verschwimmt. Vor allem junge Menschen, die gerne Onlinespiele nutzen, müssen daher die Risiken des Glücksspiels kennen, um nicht nach Verlusten erneut spielen zu wollen und so in die Abhängigkeit zu geraten“, warnte BZgA-Leiterin Heidrun Thaiss.

Die BZgA informiert über auf einer Internetseite über die Risiken von Online-Glücksspielen und sonstigen Glücksspielen, bietet Hilfestellungen und vermittelt Kontakte zu wohnortnahen Beratungsstellen. Außerdem können sich Glücksspiel-Nutzende, deren Angehörige oder Interessierte per Telefon kostenfrei und anonym beraten lassen.

Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen: Hohe Prävalenz in Deutschland

Zwischen 25 und 35 Prozent der Jugendlichen in Deutschland haben sich zumindest einmal im Leben absichtlich selbst verletzt – manche tun dies sogar regelmäßig. Mit diesen Zahlen gehört Deutschland in Europa zu den Ländern mit den höchsten Prävalenzraten. Die Autorengruppe um Paul L. Plener, Universitätsklink Ulm, präsentiert im Deutschen Ärzteblatt den aktuellen Wissensstand zu selbstverletzendem Verhalten ohne Suizidabsicht im Jugendalter und geht dabei auch auf die leitlinien­gerechte Behandlung ein (Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 23–30).

Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten, so Plener et al., dient häufig der Regu­lation aversiver emotionaler Zustände. Es gibt eine Reihe von Risikofaktoren für diese Handlungen. Zu den wesentlichen zählen Mobbing, begleitende psychiatrische Erkrankungen sowie Missbrauch und Vernachlässigung in der Kindheit. Neurobiolo­gische Forschungen der letzten Jahre weisen auf eine abweichende Stressverarbeitung bei den Betroffenen hin. Es zeigte sich, dass bei wiederholten selbstverletzenden Handlungen offenbar die Schmerzschwelle erhöht ist.

Die Behandlung erfolgt in erster Linie psychotherapeutisch. Dabei, erklären die Forscher, müssen psychische Komorbiditäten mitberücksichtigt werden. Mithilfe psychotherapeutischer Interventionen gelingt es, die Frequenz der selbstverletzenden Handlungen zu verringern. Dabei hat sich bisher keine der Therapieformen als deutlich überlegen erwiesen. Allerdings zeigen randomisierte kontrollierte Studien bei Adoles­zenten kleine bis mittlere Effekte nach der kognitiven Verhaltenstherapie, der dialek­tisch-behavioralen und mentalisierungsbasierten Behandlung. Die Wirksamkeit einer spezifischen pharmakologischen Behandlung konnte bislang nicht belegt werden.

Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten wird definiert als eine direkte, wieder­holte, sozial nicht akzeptierte Schädigung von Körpergewebe ohne Selbsttötungs­absicht. Dazu schneiden, ritzen oder verbrennen sich die Betroffenen beispielsweise an der Körperoberfläche oder sie schlagen gegen Objekte und verletzen dadurch die Haut oder Knochen. Selbstverletzungen können auch eine Rolle spielen, wenn Straftaten vorgetäuscht werden.

ICD-10-GM: Übersicht über wichtige Änderungen

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat in einer Präsentationeinzelne wichtige Änderungen der neuen Version 2018 der ICD-10-GM zusammengestellt. Darauf hat die Körperschaft jetzt aufmerksam gemacht.

Die vom Deutschen Institut für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) herausgegebene Version für 2018 enthält einige neue ICD-Kodes. Zudem wurden redaktionelle Anpassungen, Klarstellungen und Streichungen vorgenommen.

Grundlage für die Überarbeitung der ICD-10-GM waren Änderungen durch die Welt­gesund­heits­organi­sation sowie Vorschläge von Fachgesellschaften, Berufsverbänden, Krankenhäusern und Krankenkassen für die ICD-10-GM.

Die wichtigsten Änderungen im Kapitel F (Psychische und Verhaltensstörungen) sind

  • die Erweiterung der Anorexia nervosa:

  • die Erweiterung der F98:

Vernachlässigung und psychische Misshandlung von Kindern häufig

Die Jugendämter haben im vergangenen Jahr deutlich häufiger eine Gefährdung des Kindeswohls prüfen müssen. Vernachlässigung und psychische Misshandlung von Kindern waren am häufigsten. Das hat das Statistische Bundesamt (Destatis) mitgeteilt.

Demnach wuchs die Zahl der Verfahren im Vergleich zum Vorjahr um 5,7 Prozent auf 136.900. Auch die Zahl der am Ende tatsächlich als Gefährdung des Kindeswohls eingestuften Fälle stieg. 21.600 Mal wurde eindeutig eine akute Kindeswohl­gefährdung festgestellt. Das ist ein Plus von 3,7 Prozent. In 24.200 Fällen konnte eine Gefährdung nicht ausgeschlossen werden (+ 0,1 Prozent). 46.600 Mal (+ acht Prozent) sahen die Jugendämter zwar keine Gefährdung, dafür aber weiteren Hilfe- und Unterstützungsbedarf. In 44.500 vielen Fällen machten die Ämter weder Gefährdung noch Hilfebedarf (+ 7,8 Prozent) aus.

Viele Kinder unter drei Jahren betroffen

Die meisten der rund 45.800 Kinder in einer akuten oder latenten Gefährdungslage wiesen Anzeichen von Vernachlässigung auf (61,1 Prozent). In 28,4 Prozent der Fälle seien Anzeichen für psychische Misshandlungen festgestellt worden, bei 25,7 Prozent und damit ebenfalls mehr als 11.000 Kindern auch Anzeichen für körperliche Misshandlungen. Anzeichen für sexuelle Gewalt gab es in 4,4 Prozent der Fälle.

Die Gefährdungseinschätzungen betrafen in etwa gleich häufig Jungen und Mädchen. Besonders häufig traf es Kleinkinder, in fast jedem vierten Verfahren ging es um unter Dreijährige. Drei- bis fünfjährige Kinder waren in einem Fünftel (19,4 Prozent) der Verfahren betroffen, Kinder im Grundschulalter zwischen sechs und neun Jahren in 22,7 Prozent der Fälle. Mit zunehmendem Alter nehmen die Gefährdungseinschätzungen der Statistik zufolge ab.

Mit einem Anteil von 22,1 Prozent machten am häufigsten Polizei, Gerichte oder Staatsanwaltschaften die Jugendämter auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung aufmerksam. In 12,9 Prozent der Fälle kamen die Hinweise von Schulen oder Kindertageseinrichtungen, bei 11,6 Prozent waren es Bekannte oder Nachbarn. Etwa jeden zehnten Hinweis erhielten die Jugendämter anonym.

Adipositas: Hirnscan zeigt Gefährdung von Jugendlichen an

Das Lesen einer Speisekarte weckt bei schlanken und adipösen Jugendlichen die gleichen Erwartungen im Gehirn. Bei den schlanken Jugendlichen kommt es aber gleichzeitig zu einer Aktivierung in Regionen, die für die Kontrolle des Essverhaltens zuständig sind. Bei adipösen Jugendlichen und solchen mit adipösen Eltern war dies in einer Studie in NeuroImage (2017; doi: 10.1016/j.neuroimage.2017.07.052) nicht der Fall.

Die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) erkennt an einer Zunahme der Durchblutung, welche Regionen das Gehirn zum Denken benötigt. Die Aussicht auf ein leckeres Essen aktivierte bei 36 Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren, die Susan Carnell von der Johns Hopkins University in Baltimore und Mitarbeiter untersucht haben, vor allem die Insula und den vorderen anterioren Gyrus cinguli (ACC). Es handelt sich um Regionen, die sich mit bevorstehenden Ereignissen beschäftigen und diese emotional bewerten. „Pommes frites“, „Eis“ und „Nutella“, sind für meisten Jugendlichen eindeutige Signale. Die Vorfreude war in der fMRT an der verstärkten Aktivierung von vorderem ACC und Insula erkennbar.

Diese beiden Regionen kommunizieren mit dem dorsolateralen präfrontalen Cortex (PFC) und den Basalganglien. Der PFC ist Sitz des Verstandes. Er teilt dem Jugendlichen möglicherweise mit, dass er für den Tag schon genug gegessen hat und lieber auf weitere Leckereien verzichten sollte. Die Basalganglien sind für Bewegungs­automatismen zuständig. Ihre Rolle bei der Nahrungsaufnahme ist nicht ganz klar.

Carnell hat nur drei Gruppen von Jugendlichen verglichen. Die erste Gruppe war bereits übergewichtig oder fettleibig. Die zweite Gruppe war noch schlank, hatte aber übergewichtige oder fettleibige Eltern, was meistens eine Gefährdung der Jugendlichen anzeigt. In der dritten Gruppe waren die Jugendlichen und ihre Eltern schlank. Während sich die drei Gruppen in der Vorfreude auf das Essen glichen, waren die Reaktionen in PFC und Basalganglien unterschiedlich.

Hier kam es nur bei den schlanken Kindern mit schlanken Eltern zu einer vermehrten Aktivität. Vor allem die vermehrte Aktivität im PFC zeigt Carnell, dass die Kinder (vielleicht von ihren Eltern, die nicht untersucht wurden) gelernt haben, dass man nicht allen kulinarischen Versuchungen nachgeben darf. Da die fMRT nur die Aktivität anzeigt, aber keine Gedanken lesen kann, ist dies eine spekulative Schlussfolgerung.

Bei den schlanken Kindern mit fehlendem Vorbild, war die Aktivität im PFC schon geringer, und bei den adipösen Kindern scheinen die höheren Hirnzentren (wieder eine spekulative Annahme) keine größeren Bedenken gegen die bevorstehende Nahrungsaufnahme zu haben.

Diese Vorhersagen erfüllten sich im Anschluss an die Untersuchung. Alle Teilnehmer durften sich an einem Buffett frei bedienen. Die adipösen Kinder mit den geringsten Hemmungen im PFC griffen am stärksten zu gefolgt von den schlanken Jugendlichen und adipösen Eltern und den schlanken Jugendlichen mit schlanken Eltern.

Carnell schließt daraus, dass die Entwicklung von Übergewicht im Jugendalter ein (von den Eltern) erlerntes Verhalten ist. Die fMRT könnte möglicherweise anzeigen, welche Jugendlichen besonders gefährdet sind. Allerdings sei die Untersuchung für ein Screening aller Jugendlicher zu aufwendig.

Psychotherapeuten fordern flexiblere Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher

Mehr Daten zur Versorgungssituation psychisch kranker Kinder und Jugendlicher fordert die Deutsche PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) anlässlich des Symposiums „Psychotherapie in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen“, das heute in Berlin stattfand. „Die Datenbasis ist bisher wenig aussagekräftig, insbesondere auch zur Situation von Kindern psychisch kranker Eltern, die eine Betreuung brauchen, bevor sie richtig krank werden“, erklärte die DPtV-Bundesvorsitzende Barbara Lubisch.

Nach Schätzungen der Bundesregierung leben 3,8 Millionen Kinder mit psychisch kranken Eltern zusammen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke hervor. Genauere Zahlen gibt es nicht. „Psychisch kranke Eltern können die Bedürfnisse ihrer Kinder schlechter wahrnehmen“, betonte Michaela Willhauck-Fojkar, Fachbeauftragte der DPtV für Kinder- und Jugendlichen­psychotherapie. Auch hätten sie oft Schwierigkeiten, ihre Kinder beim Aufsuchen eines Therapeuten beziehungsweise bei der Freistellung von der Schule zu unterstützen.

Diese Probleme erlebt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (KJP) indes auch bei sozial schwachen Familien. „Bei machen Kindern, die aus Familien kommen, die von der Grundsicherung leben, kann ich davon ausgehen, dass sie spätestens den dritten Therapietermin nicht wahrnehmen, weil sie das Geld für eine Fahrkarte nicht aufbringen.“

Psychisch kranke Kinder dort erreichen, wo sie sich aufhalten

Sinnvoll sei deshalb auch die Option, die Kinder dort zu behandeln, wo sie sich aufhalten, so Willhauck-Fojkar: zuhause, in der Kita, in der Schule oder auch in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. „Wir brauchen viel flexiblere Behandlungs­möglichkeiten, als wir sie jetzt haben.“

Günstig sei solch ein Setting-Wechsel auch, um die Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen, also Eltern, Lehrer, Erzieher oder Mitarbeiter der Jugendhilfe, in die Behandlung miteinzubeziehen. „Doch es ist nicht erlaubt, psychotherapeutische Behandlungen regelhaft außerhalb der Praxisräume abzuhalten“, bedauert die KJP. Doch nur so könnten die Kinder erreicht werden, die es aus unterschiedlichsten Gründen nicht in Praxis schaffen.

Keine Kasse als Vertragspartner für KBV-Verbundkonzept

Aufsuchende Hilfen sind auch Teil des Versorgungskonzepts für psychisch kranke Heranwachsende, das die Kassenärztliche Bundesvereinigung zusammen mit der DPtV und dem Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Februar vorgestellt hat. Ziel ist es, durch den Aufbau von Kompetenzverbünden eine vernetzte und kontinuierliche Therapie zu ermöglichen, die auch die Familie, Kita oder Schule mit einbezieht. Trotz steigenden Behand­lungsbedarfs konnte noch kein Kind von diesem Konzept profitieren. Denn: „Bisher hat sich noch keine Krankenkasse als Vertragspartner gefunden“, berichtete Willhauck-Fojkar.

Adipositas: Lebensstil-Inter­ventionen bei Kindern und Jugendlichen erfolgversprechend

Die U.S. Preventive Services Task Force (USPSTF) fordert in einer aktuellen Empfehlung (JAMA 2017; 317: 2417-2426), dass Ärzte bei Kindern ab dem Alter von sechs Jahren das Gewicht kontrollieren und bei einer Adipositas eine Behandlung einleiten sollten. Lebensstilbasierte Interventionen haben sich laut dem Evidenz-Report (JAMA 2017; 317: 2427-2444) als effektiv erwiesen, wenn sie über längere Zeit durchgeführt werden. Metformin und Orlistat erzielten in Studien nur eine begrenzte Wirkung.

In den USA ist eines von drei Kindern und Jugendlichen übergewichtig, bei einem von sechs liegt sogar eine Adipositas vor, die im späteren Leben das Risiko von kardio­metabolischen Erkrankungen erhöht, wenn die Kinder nicht schon vor dem Erwachsenenalter an einem Typ 2-Diabetes erkranken. Experten sind sich einig, dass Übergewicht und Fettleibigkeit bei Kindern möglichst frühzeitig behandelt werden sollten.

Dass das USPSTF, das als unabhängiges Gremium das US-Ge­sund­heits­mi­nis­terium berät, eine Diätberatung erst ab dem Alter von sechs Jahren empfiehlt, resultiert einzig daraus, dass für jüngere Kinder keine Studien vorliegen, die eine Wirkung beweisen.

Mittel der Wahl sind Lebensstil-orientierte Programme zur Gewichtsreduktion. Es handelt sich um Schulungsprogramme, die den Kindern eine gesunde und ausge­wogene Ernährung vermitteln sollen. Elizabeth O’Connor vom Forschungszentrum des Anbieters Kaiser Permanente in Portland und Mitarbeiter bewerten in ihrem Evidenz-Report 42 Studien mit 6.956 Teilnehmern.

Der Erfolg der lebensstilbasierten Programme hing in erster Linie von der Dauer der Schulung ab. Bei 52 oder mehr Kontakten verbesserte sich der Z-Score des BMI um 0,22 bis 0,34, was einer absoluten Gewichtsreduktion um 2,6 bis 7,0 Pfund entsprach (gegenüber einer Zunahme um 8 bis 17 Pfund in der Kontrollgruppe). In diesen Studien wurde auch ein günstiger Effekt auf den Blutdruck beobachtet. Der systolische Wert ging um 6,4 mm Hg und der diastolische Wert um 4,0 mm Hg zurück. Die Auswirkungen auf den Glukose- und Lipid-Stoffwechsel waren nicht eindeutig.

Interventionen mit 26 bis 51 Kontakten verbesserten den Z-Score des BMI um 0,11 bis 0,59. Die Gewichtsreduktion betrug zwischen 1 und 5 Pfund (gegenüber einer Gewichtszunahme um 5 bis 10 Pfund in den Kontrollgruppen). Bei Interventionen mit weniger als 26 Kontakten wurde keine signifikante Gewichtsreduktion mehr erzielt.

Die lebensstilbasierten Programme sind demnach effektiv, aber zeitintensiv und damit sicherlich auch eine finanzielle Belastung für das Gesundheitswesen. Hinzu kommt, dass die Schulungen in den USA (und auch in Deutschland) nur von wenigen Zentren überhaupt angeboten werden.

Medikamente erzielen laut dem Evidenz-Report nur eine begrenzte Wirkung. Bei Metformin schwankten die Ergebnisse in den Studien zwischen einer Gewichts­abnahme um 5 Pfund und einer Gewichtszunahme um 5 Pfund (gegenüber einer Abnahme um 2 Pfund und einer Zunahme um 11 Pfund unter Placebo). Metformin wurde vor allem bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt, bei denen der Glukose-Stoffwechsel bereits gestört war. Metformin, das bei Erwachsenen mit Typ 2-Diabetes Mittel der Wahl ist, erzielte hier übrigens keine günstigen Wirkungen.

Auch unter einer Behandlung mit Orlistat schwankten die Ergebnisse stark von einer Gewichtsabnahme um 12 Pfund bis zu einer Zunahme um 1 Pfund (gegenüber einer Reduktion um 4 Pfund und einer Zunahme um 7 Pfund in der Kontrollgruppe). Ein günstiger Einfluss von Orlistat auf kardiometabolische Parameter war laut dem Evidenz-Report nicht sicher nachweisbar.