Bundesregierung will Lage von Kindern psychisch Kranker verbessern

Die Bundesregierung will Kinder mit psychisch oder alkoholkranken Eltern künftig besser unterstützen. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe erarbeite derzeit Vorschläge für ein flächendeckendes Hilfssystem, teilte das federführende Familien­ministerium in Berlin mit.

Der Abschlussbericht mit Empfehlungen zur Verbesserung der Situation der drei bis vier Millionen oft stark belasteten Betroffenen werde dem Bundestag voraussichtlich im Frühjahr 2019 zugeleitet. Die Experten-Arbeitsgruppe unter Beteiligung des Bundesgesundheits- und Bundesarbeitsministeriums sowie der Drogenbeauftragten war durch einen Antrag der Fraktionen von CDU/CSU, SPD und Grünen im Juni 2017 auf den Weg gebracht worden.

Hilfsprogramme für die minderjährigen Angehörigen von Drogen- und psychisch Kranken sind derzeit rar. Dabei wachsen allein etwa 2,6 Millionen Mädchen und Jungen in suchtbelasteten Familien auf. Sie haben ein drei- bis vierfach erhöhtes Risiko, später selbst zu erkranken. Depressionen oder gar eine Alkoholsucht der Mutter oder des Vaters sind heute noch ein Tabu – häufig verschweigen die Kinder aus Scham die Probleme zu Hause. Hilfsangebote für die Betroffenen sind häufig über Spenden finanziert.

Missbrauchs­beauftragter fordert zusätzliche Kassenarztsitze für Traumatherapeuten

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, hat angemahnt, dass es bei der Versorgung von Betroffenen sexuellen Kindesmissbrauchs noch immer viele Defizite gibt.

„Wir benötigen in Deutschland dringend zusätzliche Kassenarztsitze für spezialisierte Psychotherapeuten und spezifische Angebote für komplex traumatisierte Betroffene“, sagte Rörig. Die Kosten für alternative Therapieformen wie Kreativtherapien würden von der Kran­ken­ver­siche­rung bis heute nicht übernommen. Zudem müsse die wertvolle Arbeit der auf sexuelle Gewalt spezialisierten Fachberatungsstellen bundesweit von Ländern und Kommunen finanziell gestärkt werden.

„Je früher Kinder und Jugendliche, die sexuelle Gewalt erlitten haben, Hilfe erhalten, desto besser können sie das Erlebte in ihr Leben integrieren und sich gute Lebens­perspektiven aufbauen“, betonte Rörig. Viele Betroffene, die keine angemessene Hilfe bekommen, kämpften nicht nur mit den psychischen und physischen Folgen des Missbrauchs, sondern litten auch unter schulischen Misserfolgen und Bildungs­abbrüchen, häufig auch unter Beziehungsabbrüchen. Sie seien dadurch im späteren Leben oft von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen.

Fehlender Zugang zu adäquater Therapie

„Mehr als 60 Prozent der psychisch auffälligen und behandlungsbedürftigen Kinder und Jugendlichen, die sexuellen Missbrauch erleiden mussten, nehmen keine missbrauchsbezogene therapeutische Hilfe in Anspruch oder haben keinen Zugang zu adäquater Therapie“, erklärte Jörg M. Fegert, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm.

Er zog zur Untermauerung Ergebnisse aus dem CANMANAGE-Projekt der Universität Ulm heran (2016), das gezielt Kinder und Jugendliche nach Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung untersuchte: Zwei Drittel der rund 300 untersuchten Kinder wiesen danach eine klinisch relevante Belastung nach ICD-10 auf, doch nur 36 Prozent haben eine psychotherapeutische Versorgung erhalten. Selbst wenn therapeutische Interventionen stattgefunden hätten, seien diese nicht immer hinreichend wirksam, berichtete Fegert.

Rahmenempfehlungen von 2012 wirkungslos

Dabei sollte der Zugang zur Versorgung für Betroffene sexuellen Missbrauchs bereits seit den Rahmenempfehlungen im Jahr 2012 vorangetrieben werden, kritisierte Fegert. Damals haben die Bundes­ärzte­kammer, die Bundes­psycho­therapeuten­kammer, die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Spitzenverband Deutscher Krankenhaus­versicherungen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung anlässlich eines soge­nannten Gesundheits-Hearings des UBSKM auch beschlossen, das Informations­angebot und die Zusammenarbeit in der Versorgung von Betroffenen sexuellen Missbrauchs zu verbessern.

„Leider müssen wir aber feststellen, dass die Forderung der Betroffenen nach einem adäquaten Ausbau von Therapieangeboten und einer allgemeinen Zugänglichkeit von Hilfen im Gesundheitswesen noch lange nicht eingelöst ist“, betonte Fegert. Insbe­sondere auf dem Land und für betroffene Jungen und Männer gebe es noch erhebliche Versorgungslücken.

Hindernislauf auf der Suche nach einem Therapieplatz

„Wenn erwachsene Betroffene eine Psychotherapie in Anspruch nehmen wollen beginnt ein Hindernislauf“, berichtete Alex Stern, Mitglied im Betroffenenrat, einem politischen Fachgremium beim UBSKM. Die generell langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz verlängerten sich für von sexuellem Missbrauch Betroffene oft auf mehrere Jahre. Denn: „Viele niedergelassene Psychotherapeuten trauen sich die Behandlung komplexer Traumafolgestörungen nicht zu“, weiß Stern. Wer auf Barrierefreiheit und Fremdsprachenkenntnisse angewiesen sei oder auf dem Land wohne, habe es noch schwerer, einen passenden Therapieplatz zu finden.

Hilfe und Informationen

Die Stelle des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs bietet Betroffenen, Angehörigen, Ärzten und Psychotherapeuten zum Thema sexueller Kindesmissbrauch Hilfle und Informationen an. Es gibt ein Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (0800/2255530) und ein Hilfeportal Sexueller Missbrauch.

Seit der Strukturreform der ambulanten Psychotherapie im April vergangenen Jahres habe sich die Situation noch weiter verschärft, kritisierte Stern. „Die gesetzlichen Krankenkassen weigern sich seitdem häufiger, die Kosten für Therapien bei approbierten Psycho­therapeuten, die aber keinen Kassen­arztsitz haben, zu erstatten.“ Komplex traumatisierte Betroffene stattdessen auf Sprechstundentermine, kurze Akuttermine oder stationäre Behand­lungen zu verweisen, sei „zynisch“, so Alex Stern. Das notwendige Vertrauen in eine therapeutische Beziehung, das Betroffene brauchten, sei bei solch kurzen Begegnungen nicht gegeben.

Jedes siebte Kind in Deutschland zu dick oder fettleibig

Etwa jedes siebte Kind in Deutschland ist zu dick oder sogar fettleibig. Das zeigt eine aktuelle Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) heute vorstellte. Demnach sind 15,4 Prozent der Mädchen und Jungen im Alter zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig. Fast sechs Prozent davon haben Adipositas.

Damit sind genauso viele Kinder und Jugendliche übergewichtig oder fettleibig wie vor zehn Jahren, als es im Zeitraum von 2003 bis 2006 erstmals eine solch großangelegte Untersuchung zur Kinder- und Jugendgesundheit (Kiggs) gab. Der Anstieg von Übergewicht und Adipositas ist dem RKI zufolge zwar gestoppt, es gebe aber eine „Stabilisierung auf hohem Niveau“. Deshalb könne auch keine Entwarnung gegeben werden.

Unterschiede zwischen Einkommensklassen

Während sich zwischen Mädchen und Jungen keine Unterschiede zeigten, sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien jedoch rund viermal häufiger stark übergewichtig als Gleichaltrige mit hohem sozialökonomischen Status. Die Daten der jüngsten Studie stammen aus den Jahren 2014 bis 2017.

Sie zeigen zum Beispiel auch, dass mehr als die Hälfte der zwei- bis sechsjährigen Kinder mit Übergewicht oder Adipositas auch als Jugendliche übergewichtig beziehungsweise fettleibig sind. Im Umkehrschluss heißt das, dass weniger als die Hälfte es später schafft, die Pfunde wieder loszuwerden. Aus Sicht der Experten bestätigt dies, wie notwendig eine frühe Vorbeugung ist.

Zu wenig Bewegung

Wie die Studie weiter zeigt, bewegen sich Kinder und Jugendliche in Deutschland entschieden zu wenig. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) empfiehlt den Heranwachsenden mindestens 60 Minuten aktive Bewegungszeit pro Tag – doch nur 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen schaffen dies. Das sind weniger als bei der ersten Untersuchung vor gut zehn Jahren.

Der Konsum zuckerhaltiger Getränke sank zwar deutlich, ist aber immer noch viel zu hoch. Aktuell trinken knapp 17 Prozent der Mädchen und rund 22 Prozent der Jungen ein- oder mehrmals täglich zuckergesüßte Erfrischungsgetränke. Vor einem Jahrzehnt war der Konsum mit rund 28 Prozent bei den Mädchen und 34 Prozent bei den Jungen noch erheblich höher. Cola, Limonade und Co. gelten als Risikofaktor für die Entstehung von Übergewicht, Adipositas, Diabetes und weiteren chronischen Krankheiten.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch wies der Lebensmittelindustrie eine Mitverant­wortung zu. Neun von zehn Lebensmitteln, die etwa mit Comicfiguren für Kinder beworben würden, seien „zu süß, zu fettig, zu salzig“ und entsprächen nicht den Vorgaben der WHO für gesunde Kinderprodukte.

Foodwatch forderte die Bundesregierung zu wirksamen Maßnahmen auf. „Wir brauchen Werbebeschränkungen für ungesunde Kinderlebensmittel, eine verständliche Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben und eine Herstellerabgabe für überzuckerte Getränke“, erklärte Luise Molling von der Verbraucherorganisation.

Weniger Frauen Rauchen in der Schwangerschaft

Die Studie wartet auch mit weiteren Ergebnissen auf. So hat zum Beispiel bei jedem neunten Kind im Alter von null bis sechs Jahren die Mutter in der Schwangerschaft geraucht. Im Vergleich zur ersten Erhebung von 2003 bis 2006 ist damit der Anteil der schwangeren Raucherinnen um die Hälfte gesunken. Weiterhin bleiben die Hauptrisikogruppen sehr junge Mütter und Frauen aus einem sozial schwachen Umfeld.

Die Kiggs-Daten seien eine wichtige Grundlage für evidenzbasierte Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar H. Wieler. „Vor allem die Frage, wann entscheidende Weichen für die körperliche und seelische Gesundheit gestellt werden, können wir mit den neuen Längsschnittdaten besser untersuchen.“

Bei rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen finden sich der Erhebung zufolge Anhaltspunkte für psychische Auffälligkeiten. Die Häufigkeit ist im Vergleich zu den letzten Erhebungen etwa gleich geblieben. Jungen haben häufiger sowohl emotionale als auch verhaltensbezogene Probleme als Mädchen. Wie aus der Erhebung weiter hervorgeht, bleibt die Mehrheit rauchender Jugendlicher (85 Prozent) auch im Erwachsenenalter Raucher. Nur 15 Prozent gelingt es, aufzuhören.

Kiggs ist die einzige umfassende Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. An der jüngsten Untersuchung beteiligten sich rund 10.800 Teilnehmer aus der ersten Befragung. Zudem gab es eine neue unter rund 15.000 Kindern und Jugendlichen. Untersucht wurden dabei etwa auch psychische Auffälligkeiten im Lebensverlauf, die Entwicklung des Rauchverhaltens und die Verbreitung von Allergien.

Depressionen: Vor allem ältere Studierende sind gefährdet

Bei Studierenden steigt mit zunehmendem Alter das Risiko für eine Depression deutlich an. Ab einem Alter von 27 Jahren übersteigt die Inzidenz der Ersterkrankungen die der Nichtstudierenden. Das ergab die Auswertung der Routinedaten aus zwölf Jahren und 822 Millionen Abrechnungsfällen der Barmer GEK, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung abdecken. Den Arztreport, der federführend vom aQua-Institut in Göttingen betreut wurde, stellte die Krankenkasse heute in Berlin vor.

Depressionen, Angststörungen oder Panikattacken bei jungen Menschen nehmen zu. Allein zwischen den Jahren 2005 bis 2016 ist der Anteil der 18- bis 25-Jährigen mit psychischen Diagnosen um 38 Prozent gestiegen.

Das vorherrschende Bild der Studieren­den, die bisher als weitgehend gesunde Gruppe galten, musste die Barmer GEK revidieren. Bei den Studierenden sei inzwischen mehr als jeder sechste (17 Prozent) von einer psychischen Dia­gnose betroffen, berichtete Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer. Das entspricht rund 470.000 Menschen. „Die absoluten Zahlen sind beunruhigend“, sagte Straub. Vieles spreche dafür, dass es künftig noch deutlich mehr psychisch kranke junge Menschen geben werde, ergänzt Straub und beruft sich auf Schätzungen der Weltgesundheits­orga­nisation.

Im 18. Lebensjahr erkrankten laut dem Arztreport 1,4 Prozent der Studierenden erstmals an einer Depression. Bei den Nichtstudierenden waren es 3,2 Prozent. Gut zehn Jahre später lag der Anteil bei den Studierenden bei 3,9 Prozent und bei den Nichtstudierenden bei 2,7 Prozent. Über den gesamten Beobachtungszeitraum (2005 bis 2016) ergab sich ein relativer Anstieg der Verordnung von Antidepressiva von 60 Prozent. Im Jahr 2016 erhielten von den gut sieben Millionen jungen Erwachsenen in Deutschland demnach 241.000 mindestens eine Antidepressiva-Verordnung.

Über die Ursachen können Straub und der Geschäftsführer des aQua-Instituts Joachim Szecsenyi nur Vermutungen äußern. „Gerade bei den angehenden Akademikern steigen Zeit- und Leistungsdruck kontinuierlich, hinzu kommen finanzielle Sorgen und Zukunfts­ängste“, sagte Straub. Ob der Bologna-Prozess oder die Digitalisierung Einfluss hatten, bleibt ungewiss. Auch, ob einige Studienfächer oder Universitätsstädte mit einem besonders hohen Risiko für Depressionen einhergehen, kann der Arztreport nicht klären.

Niedrigschwellige Angebote zur Prävention

Nach Ansicht der Barmer liegt der richtige Ansatz in der Prävention. Es seien mehr niedrigschwellige Angebote erforderlich, die psychische Erkrankungen vermeiden und junge Erwachsene frühzeitig erreichen. „Ein großes Potenzial sehen wir daher in Onlineangeboten, vor allem, wenn sie anonym sind und den Nutzungsgewohnheiten der Generation Smartphone entgegenkommen“, so Straub.

Hilfestellung bietet schon jetzt beispielsweise das von der Barmer geförderte Projekt StudieCare, in dessen Rahmen auch Einflussfaktoren für die Erstmanifestation von psychischen Erkrankungen im Studierendenalter evaluiert werden. Seit 2015 steht zudem Pro Mind zur Verfügung, ein Onlinetraining für Menschen mit leichten psychischen Beschwerden, das inzwischen 2.100 Barmer-Versicherte nutzen.

Wie sich traumatische Erfahrung in der Kindheit auch im Erwachsenenalter auswirkt

Wer in der Kindheit traumatische Erfahrungen durchmachen musste, ist auch im Erwachsenenalter anfälliger für psychische Krankheiten, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gastrointestinale Störungen, Diabetes und Krebs. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN).

In einer deutschlandweiten Umfrage gaben 27,7 Prozent der befragten Erwachsenen an, mindestens eine Form der Misshandlung in ihrer Kindheit erfahren zu haben. „Zahlreiche Studien belegen, dass belastende Erfahrungen im Kindesalter das Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen im Erwachsenenalter erhöhen“, sagte die DGKN-Präsidentin Agnes Flöel, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Greifswald.

Grundstein für Gesundheit

Einen Pathomechanismus dazu erläutert die DGKN-Expertin Christine Heim, Direktorin des Instituts für medizinische Psychologie an der Charité in Berlin. Bildgebende Verfahren zeigten, dass die Gehirnareale, die für die Stressregulation zuständig sind, bei den Probanden verkleinert seien. Weitere Untersuchungen zeigen außerdem, dass Erwachsene, die von belastenden Erfahrungen wie körperliche oder psychische Misshandlungen in der Kindheit berichten, chronisch erhöhte Entzündungswerte aufwiesen.

„Das Immunsystem ist quasi dauerhaft im Einsatz, und damit schreitet auch die Zellalterung schneller voran“, so Heim. Diese Menschen reagierten sensibler auf Belastungssituationen, weil ihr Stressreaktionssystem möglicherweise dauerhaft sensibilisiert sei, erläuterte Heim. Der Grundstein für Gesundheit beziehungsweise für Krankheit werde also bereits sehr früh im Leben gelegt. Traumatische Erfahrungen im Kindesalter hinterließen neurobiologische Spuren, die die Betroffenen ihr ganzes Leben lang anfällig für Erkrankungen machen könnten.

Neue Diagnostik- und Therapieansätze könnten diese Kausalkette aber durchbrechen, ist Heim überzeugt. Dafür sei es nötig, Betroffene mit einem erhöhten Krankheitsrisiko früh zu erkennen und individuell zu behandeln. Zum Beispiel könnte die Hirn­stimulation gegebenenfalls künftig eingesetzt werden, um die schädlichen Veränderungen in den betroffenen Hirnstrukturen umzukehren. „Prävention und Intervention müssen frühestmöglich greifen, um die lebenslangen Auswirkungen für die Betroffenen minimieren zu können“, so Heim.

Schulbasierte Programme erfolglos gegen Adipositasepidemie bei Kindern

Schulbasierte Ernährungsprogramme sind gegen die Adipositasepidemie bei Kindern chancenlos. Zwar gebe die Schule einen wichtigen Rahmen für die Unterstützung eines gesunden Lebensstils, aber Familien, lokale Gemeinschaften und die Lebensmittelindustrie haben eine größere Wirkung als jede schulische Intervention, berichten Forscher um Peymane Adab vom Institut für angewandte Gesundheits­forschung der Universität Birmingham. Ihre Untersuchung ist im British Medical Journalerschienen (2018; doi: 10.1136/bmj.k211).

Im Vereinigten Königreich sind etwa ein Viertel der Kinder übergewichtig, wenn sie in die Schule kommen. Der Anteil der sehr übergewichtigen – adipösen – Kinder verdoppelt sich in den folgenden 6 Jahren laut den Autoren von etwa 9 auf 19 Prozent.

Die Wissenschaftler wollten in ihrer Untersuchung die Wirksamkeit eines Programms für Lebensstil und gesunde Ernährung namens „West Midlands ActiVe lifestyle and healthy Eating in School children“ (WAVES) ermitteln. WAVES ist eine 12-monatige schulische Intervention, die sich auf gesunde Ernährung und körperliche Aktivität bei Grundschulkindern konzentriert.

Die Ergebnisse basieren auf Daten von rund 1.400 6- bis 7-Jährigen an 54 zufällig ausgewählten staatlichen Grundschulen in den West Midlands, die über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren beobachtet wurden. Zu Beginn der Studie wurden für jedes Kind Größe und Gewicht sowie weitere Messungen in Bezug auf Körperfett, Ernährung und körperliche Aktivität aufgezeichnet.

Das Programm beinhaltete täglich Möglichkeiten zur körperlichen Betätigung in den Schulen, ein Bewegungs- und Ernährungsprogramm in Verbindung mit lokalen Sportlern, regelmäßige Information der Eltern über lokale Bewegungsmöglichkeiten und Workshops zum gesunden Kochen für Familien in den Schulen.

Aber die Forscher fanden keinen signifikanten Unterschied im Gewichtsstatus und keinen signifikanten Einfluss auf Körperfettmessungen, Ernährung oder körperliche Aktivität bei Kindern, die an dem Programm teilnahmen, im Vergleich zu Kindern, die nicht teilnahmen. Die Forscher weisen in diesem Zusammenhang auf die große Zahl der beteiligten Schulen und die lange Nachbeobachtungszeit hin. Sie kommen zu dem Schluss, dass schulische Motivations- und Bildungsansätze „die Adipositasepidemie im Kindesalter wahrscheinlich nicht stoppen werden“.

„Diese Ergebnisse könnten dazu beitragen, den Kreislauf der politischen Entscheidungsträger zu durchbrechen, die mit ineffektiven pädagogischen Präventionsansätzen fortfahren, welche die Adipositasepidemie nicht stark beeinflussen werden“ schreibt Melissa Wake, Kinderärztin und aus Victoria, Australien, in einem verbundenen Editorial. Es sei an der Zeit, neue, lösungsorientierte Ansätze zu entwickeln, „die den Nutzen für die Gesundheit maximieren und rigoros und schnell getestet werden können“, so Wake.

Mehr Hilfe für Kinder mit suchtkranken Eltern

Auf ein Angebot für Kinder von suchtkranken Eltern weist die Drogen­beauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) hin. Das Onlineprojekt „KidKit networks“ bietet Kindern und Jugendlichen von zehn bis 18 Jahren Beratung per E-Mail und Chat und stellt bei Bedarf den Kontakt zu lokalen Hilfsangeboten her. Eine digitale Landkarte ermöglicht Betroffenen zudem, selbst geeignete Hilfsangebote zu finden. Träger von KidKit networks sind die Drogenhilfe Köln und der Verein KOALA.

„Kaum etwas überfordert Kinder und Jugendliche so sehr wie die Suchterkrankung eines Elternteils. KidKit networks soll es Kindern und Jugendlichen so leicht wie möglich machen, Kontakt mit professionellen Helfern aufzunehmen“, sagte Mortler.

Kinder können selbst aktiv werden
„Stets dreht sich alles um den kranken Vater oder die kranke Mutter, die Kinder bleiben häufig ungesehen. Sie sind quasi der Kollateralschaden der familiären Suchter­krankung“, sagte Thomas Hambüchen, Geschäftsführer der Drogenhilfe Köln. Das müsse sich ändern, nötig seien mehr Öffentlichkeit und entsprechend finanzierte Angebote . „Mit Hilfe von Kidkit networks und unserer digitalen Landkarte können Kinder und Jugendliche selbst aktiv werden und für sich und ihre Geschwister die notwendigen Hilfen anfordern“, sagte der Geschäftsführer der Drogenhilfe Köln.

Rund sechs Millionen Erwachsene in Deutschland sind als Kinder in Suchtfamilien aufgewachsen. Kinder von Suchtkranken (Children of Alcoholics/ Children of Addicts, COA) sind Risikokandidaten, selber eine stoffliche Sucht oder eine psychische oder soziale Störung zu entwickeln. Die Forschung zeigt, dass bislang etwa ein Drittel der Kinder suchtbelasteter Eltern ebenfalls suchtkrank wird und ein weiteres Drittel andere psychische Krankheiten entwickelt.

Eine Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien – die „COA-Aktionswoche“ – lenkt jedes Jahr in der Woche um den Valentinstag am 14. Februar die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Medien auf die mehr als 2,6 Millionen Kinder, die in Deutschland unter einem Suchtproblemen ihrer Eltern leiden.

Bis zu einer Milliarde Kinder und Jugendliche erleben Gewalt

Bis zu einer Milliarde Kinder und Jugendliche weltweit sind der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zufolge körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt ausgesetzt oder werden vernachlässigt. Damit sei jeder zweite Minderjährige zwischen zwei und 17 Jahren im vergangenen Jahr betroffen gewesen, berichtete die Organisation heute in Genf. Bei einer Konferenz mit WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, Königin Silvia von Schweden und 30 Ministern sollen am 14. und 15. Februar in Stockholm Lösungen gesucht werden.

Nach Angaben der WHO erlebt jedes fünfte Kind irgendwann im Leben körperliche Gewalt, jedes dritte Kind emotionale Misshandlung. 18 Prozent der Mädchen und acht Prozent der Jungen erlebten sexuelle Gewalt. Missbrauchte Kinder rauchten und tränken mehr Alkohol als andere, nähmen höhere Risiken in Kauf und seien später anfälliger für Krankheiten wie Angststörungen, Depressionen, Krebs und HIV-Infektionen, so die WHO. Die Organisation benutzt den Begriff „Kinder“ für alle Minderjährigen.

Kinderschutzgesetze seien wichtig, sagte Etienne Krug von der WHO, aber das reiche nicht. „Wir brauchen einen Kulturwandel, es muss Null Toleranz bei Gewalt gegen Kinder geben.“ Regierungen könnten etwa Eltern bei der Erziehung unterstützen, Kindern Sozialverhalten, emotionale Kontrolle und Selbstbewusstsein vermitteln, den Schulbesuch wenn nötig durch finanzielle Zuwendung an die Eltern sichern und in Problem-Stadtteilen Spannungen abbauen.

Akne erhöht Risiko auf Depressionen

Eine Akne bedeutet für viele jüngere Menschen eine erhebliche psychische Belastung. Die Analyse eines Patientenregisters im British Journal of Dermatology (2018; doi: 10.1111/bjd.16099) ergab, dass die Patienten in den ersten 5 Jahren der Behand­lung häufiger an einer Major-Depression erkranken.

Ein Team um Isabelle Vallerand von der Universität von Calgary hat die Daten von „The Health Improvement Network“ (THIN) ausgewertet, einer der weltweit größten Sammlungen von elektronischen Krankenakten. Sie verglichen die Daten von 134.427 Männern und Frauen mit Akne und mit 1.731.608 Kontrollen, die wegen anderer Krankheiten vom Hausarzt oder einem Spezialisten betreut wurden.

Die Gruppe der Aknepatienten war jünger und hatte einen höheren Frauenanteil als die Kontrollgruppe. Sie wiesen einen höheren sozioökonomischen Standard auf, rauchten seltener, tranken seltener Alkohol und waren seltener fettleibig. Sie hatten aber häufiger Begleiterkrankungen.

In den folgenden 15 Jahren erkrankten 18,5 % der Patienten an Akne, aber nur 12 % der Kontrollgruppe an einer schweren Depression. Das Risiko war vor allem im ersten Jahr der Behandlung am höchsten. Vallerand ermittelt eine Hazard Ratio vom 1,63 ( 95-%-Konfidenzintervall 1,33–2,00). In den Jahren danach nahm das Risiko auf eine Major-Depression langsam wieder ab. Patienten, die bereits seit 5 Jahren in Behandlung waren, hatten kein erhöhtes Risiko mehr. Ob dies eine Folge der erfolgreichen Therapie war oder ob sich die Patienten mit der Krankheit abgefunden haben oder diese sich mit der Zeit von selbst wieder abschwächte, konnte die Studie nicht klären.

Neuer Trend unter Jugendlichen: Selbstverletzung im Netz

US-amerikanische Kinder- und Jugendärzte machen auf einen neuen, besorgniserregenden Trend bei Jugendlichen aufmerksam: „Digital self-harm“, selbstverletzendes Verhalten im Netz, bei dem Jugendliche anonym gemeine Dinge über sich selbst ins Netz stellen oder in sozialen Medien posten.

So hatten in einer Umfrage unter knapp 6.000 amerikanischen Schülern rund sechs Prozent der Jugendlichen angegeben, sie hätten sich im Internet schon einmal selbst bloßgestellt (Journal of Adolescent Health 2017, doi: 10.1016/j.jadohealth.2017.06.012). Als Grund dafür gaben sie vorwiegend Selbsthass, den Wunsch nach Aufmerksamkeit und Depressionen an.

Bislang ist noch nicht umfassend und sicher geklärt, was Teenager dazu bewegt, sich selbst online zu mobben. Experten vermuten jedoch, dass digitale Selbstverletzung zumindest zum Teil Ähnlichkeiten mit körperlichem selbstverletzendem Verhalten wie Ritzen aufweist: Es ist ein Mittel, um mit psychischen Schmerzen und Problemen umzugehen und dient vermutlich auch dazu, im schlechten Selbstbild bestätigt zu werden.

„Wenn Eltern von ihrem Kind erfahren, dass es über soziale Medien gemobbt wird, sollten sie nicht zögern, eine gründliche Untersuchung einzuleiten, um den Ursprung des Cybermobbings aufzuklären“, rät Harald Tegtmeyer-Metzdorf vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Sollte sich ein Jugendlicher zusätzlich aber auch selbst online beschimpft haben, gelte es, dies als Hilferuf zu verstehen und umgehend geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter

Deutschland gehört mit 25–35 % Lebenszeitprävalenz von zumindest einmaligem nichtsuizidalen selbstverletzenden Verhalten (NSSV) unter Jugendlichen innerhalb Europas zu den Ländern mit den höchsten Prävalenzraten (1, 2). Diese Thematik besitzt daher für Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachdisziplinen eine hohe Relevanz. In den letzten Jahren haben drei Leitlinien und ein Cochrane Review den