Sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen gehören zum Alltag

Cybermobbing und sexuelle Übergriffe unter Gleichaltrigen sind für viele Jugendliche alltäglich. „Die Formen der sexuellen Gewalt unter Jugendlichen gehen in dieselbe Richtung wie bei Erwachsenen: Beleidigungen, Diskriminierungen, Antatschen, versuchte Nötigung oder Vergewaltigung“, sagte Andrea Buskotte von der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen heute in Hannover.

Die Landesstelle beschäftigte sich auf ihrer Jahrestagung mit den Themen. Dabei ging es auch um Risikofaktoren sowie Ansatzpunkte für Vorbeugung und Hilfe für Betroffene. Mittlerweile werde mehr zu diesem Thema geforscht. „Wir wissen, dass knapp die Hälfte der Jugendlichen Erfahrungen mit sexueller Gewalt hat“, sagte Buskotte.

„Sexuelle Gewalt unter Jugendlichen, die von Erwachsenen nicht bemerkt wird, hat es schon immer gegeben“, so Buskotte. Es sei früher dazu nur nicht geforscht worden. Dies geschehe erst seit zehn bis 15 Jahren. Weil es dementsprechend keine Vergleichszahlen gibt, sei es schwierig, einen Anstieg solcher Übergriffe zu bilanzieren.

„Fest steht, dass sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen in allen sozialen Schichten vor­kommt. Und dass viele junge Menschen große Probleme damit haben“, sagte Buskotte. Diese Art von Übergriffen mache Stress, verunsichere und könne Anlass für Mobbing sein.

Ein Problem: Die Kommunikation von Jugendlichen in den sozialen Netzwerken sei schwer zu greifen und liege außerhalb des Radars von Pädagogen oder Eltern. Erotische Fotos oder Botschaften würden etwa verschickt, die dann der Ex-Partner frei benutzen könne.

Ab dem elften und zwölften Lebensjahr steigen demnach die Erfahrungen mit sexueller Gewalt sprunghaft an. Dabei seien die fünf häufigsten Risikoorte die Schule, das Internet, der öffentliche Raum, Partys in einer anderen Wohnung oder Zuhause, hieß es auf der Tagung. Nach Angaben von Betroffenen geht die sexuelle Gewalt zu knapp 75 Prozent von Zwölf- bis 18-Jährigen aus. Weil diese Erfahrungen so alltäglich seien, glaubten viele Jugendlich, dass diese normal seien.

Auch in Paarbeziehungen bei Jugendlichen spielen Gewalt und sexuelle Übergriffe eine Rolle, sagte Tanja Rusack, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Or­ganisationspädagogik der Stiftung Universität Hildesheim. Viele würden sich aus Scham oder Unsicherheit niemandem anvertrauen.

Wichtig sei deshalb, dass Jugendliche ein Gefühl dafür bekommen, was erlaubt ist. Päda­gogen müssten dafür sorgen, dass sie wissen, welche Rechte sie haben. In der Schule könnten zum Beispiel als Instrumente der Sexualkunde-Unterricht oder Gespräche zum Thema Gewalt unter Menschen dienen. Auch in der Jugendhilfe gebe es Möglichkeiten, Betroffenen zu helfen.

Auch eine neue Online-Beratungsplattform der Landesmedienanstalt verspricht Hilfe. Heute sollte es dazu erstmals einen Live-Chat auf der Seite juuuport.de geben, der psy­chologisch unterstützt wird.

Eine Expertin des Landeskriminalamtes hatte im September bei einer Tagung in Hanno­ver darauf verwiesen, dass niedersächsische Schüler immer häufiger von Cybermobbing betroffen seien. Mädchen seien häufiger Opfer als Jungen.

Konkrete Zahlen für Cybermobbing konnte das LKA nicht nennen, denn Mobbing ist im Strafgesetzbuch nicht als eigener Straftatbestand erfasst und taucht deshalb auch nicht in den Kriminalstatistiken auf. Es gebe viele Straftaten, die Mobbing seien, hieß es – etwa Stalking, Bedrohung oder üble Nachrede. 

Vermehrt Schüler wegen Depression in Klinik eingewiesen

Die Zahl der Schüler, die wegen einer Depression in eine Klinik eingewiesen werden, nimmt einer Untersuchung zufolge zu. Innerhalb von zwei Jahren stieg ihre Zahl in Deutschland um fünf Prozent, wie aus dem heute in Berlin vorgestellten aktuellen Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit hervorgeht. Für die Erhebung wurden Abrechnungs­daten der DAK-Gesundheit von rund 800.000 minderjährigen Versicherten für die Jahre 2016 und 2017 ausgewertet.

Demnach zeigte etwa jedes vierte Schulkind im Alter von 10 bis 17 Jahren psychische Auffälligkeiten. Jeweils rund zwei Prozent litten unter einer Depression oder Angststörun­gen, manche auch an beidem. Bei Mädchen träten diese beiden Krankheitsbilder doppelt so häufig auf wie bei Jungen. Hochgerechnet waren rund 238.000 Kinder dieser Alters­gruppe so stark betroffen, dass sie einen Arzt aufsuchten.

Acht Prozent aller depressiven Schulkinder wurden laut Report innerhalb eines Jahres sta­tionär in einer Klinik behandelt – im Durchschnitt blieben sie für 39 Tage. Depressio­nen führten unter den psychischen Erkrankungen am häufigsten zu einer Einweisung. Ein Viertel der Betroffenen kam innerhalb von zwei Jahren mehrfach ins Krankenhaus. Die DAK-Gesundheit folgerte daraus, dass es offenkundig Versorgungslücken bei der Nach­sorge gebe, die dringend geschlossen werden müssten.

Risikofaktoren für Depressionen und Angststörungen sind der Studie zufolge etwa chroni­sche körperliche Erkrankungen und psychische Vorerkrankungen. Auch das familiäre Um­feld spielt eine Rolle: Kinder seelisch kranker oder suchtkranker Eltern sind danach be­son­ders gefährdet. Nach Angaben des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte ist auch eine exzessive Mediennutzung ein Risikofaktor für Depressionen.

Spitze des Eisbergs

„Im Report sehen wir nur die Spitze des Eisbergs“, kommentierte Thomas Fischbach, Prä­sident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, den Bericht. „Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.“ Es gebe viele Kinder, die an Depressionen litten und erst spät in die Praxen kämen.

Dass Depressionen nicht allein ein Thema für Erwachsene sind, ist bekannt. „Wir gehen von etwa zwei betroffenen Kindern pro Schulklasse aus“, sagte auch Ulrich Hegerl, Vor­sitzen­der der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Der Psychiater schätzt die Zahlen der Kasse als realistisch ein. Für Deutschland gibt es Studien, nach denen rund acht Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer anhaltenden depressiven Störung erkranken. Das sind rund fünf Millionen Menschen.

Bei Teenagern kann es für Laien schwer sein, Anzeichen für eine Depression vom norma­lem „Pubertieren“ mit heftigen Stimmungsschwankungen zu unterscheiden. Für Fach­leute sei es jedoch recht gut möglich, zum Beispiel Gefühle von innerer Versteinerung zu erkennen, so Hegerl.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe geht davon aus, dass im Vorschulalter ein Prozent der Kinder und im Grundschulalter rund zwei Prozent betroffen sind. Bei Jugendlichen stiegen die Raten dann an: Zwischen 12 und 17 Jahren seien es drei bis zehn Prozent Be­troffene. Hegerl zufolge geht mit einer unbehandelten depressiven Erkrankung bei jun­gen Menschen ein hohes Risiko einher, Schule oder Ausbildung nicht erfolgreich be­enden zu können.

Die Zahlen der Kasse zeigen Zusammenhänge, die ähnlich bereits in anderen Studien be­legt wurden: So steigt laut Report das Depressionsrisiko bei Kindern und Teenagern, wenn bereits Elternteile psychisch oder anders chronisch erkrankt sind. Auch eine eigene chronische Erkrankung, Adipositas, Diabetes, Asthma und Schmerzen können das De­pressionsrisiko bei jungen Menschen laut Bericht erhöhen.

Für Jungen geht die DAK-Gesundheit davon aus, dass Depressionen unterdiagnostiziert sind: Wie erwachsene Männer bagatellisierten sie häufig seelische Probleme.

Insgesamt zählten im Report Atemwegserkrankungen, Infektionen, Augen- und Hautprob­leme zu den häufigsten Erkrankungen bei den 10- bis 17-Jährigen. Psychische Erkrankun­gen folgten mit 24 Prozent auf Platz fünf. Depressionen machten darunter nur einen klei­nen Teil aus – am häufigsten diagnostizierten Ärzte Entwicklungs- und Verhaltensstö­run­gen. 

Prävention von Adipositas bei Kindern erfordert gesündere Lebensbedingungen

Verhaltenspräventive Ansätze reichen nicht aus, um unter den heutigen adipoge­nen Lebensbedingungen etwas gegen Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen auszu­richten. Für eine erfolgreiche Prävention der Adipositas sind vor allem verhältnispräven­tive Maßnahmen erforderlich, die durch Gesellschaft und Politik initiiert werden müssen. Dies zeigen die wissenschaftlichen Studien, die der heute vorgelegten Leitlinie „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ zugrunde liegen.

Die evidenzbasierte S3-Leitlinie wurde von 40 Experten aus 16 medizinisch-wissen­schaft­lichen Fachgesellschaften, Berufsverbänden und weiteren Organisationen erarbei­tet. Federführend waren die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Deutsche Gesellschaft für Kinder-und Jugendmedizin (DGKJ).

Die Anleitung und Schulung der betroffenen Kinder und ihrer Familien mit dem Ziel, den persönlichen Lebensstil in einer multimodalen Adipositastherapie zu ändern, kann unter Umständen ebenfalls erfolgversprechend sein. Dies gilt insbesondere für die Schulung von Kindern im Grundschulalter und vor allem deren Familien. Dennoch heißt es in der fast 80-seitigen Leitlinie, dass die „erreichten Therapieeffekte eher gering“ seien und „oft nicht den Erwartungen der Betroffenen“ entsprächen.

Experten zufolge profitieren Kinder und Jugendliche am ehesten von ambulanten Ange­boten. „Daher gilt für die Adipositastherapie ganz klar die Empfehlung ,ambulant vor sta­tionär’“, sagte Susanna Wiegand, vormals Sprecherin der AGA und seit Oktober Vize­prä­sidentin der Deutschen Adipositas Gesellschaft. Allerdings gebe es zu wenig Plätze für diese Konzepte, nach denen das Kind inmitten von Familie, Schule und Freundeskreis betreut werde.

Krankenkassen zu zögerlich

Der Grund: Noch immer würden ambulante Angebote seitens der Krankenkassen nur zö­gerlich unterstützt. Daher hätten sich schon viele Anbieter aus diesem Segment zurück­gezogen, berichtet Wiegand. „Wir benötigen bundesweit Schulungsangebote für junge Kinder und deren Familien. Die Leitlinie betont, dass allen Betroffenen der Zugang zu einem Schulungsprogramm ermöglicht werden sollte. Dies gilt auch für den ländlichen Bereich, in dem die Adipositasprävalenz höher liegt als in der Stadt.

Martin Wabitsch, einer der federführenden Autoren der neuen Leitlinie, gibt allerdings zu bedenken: „Bei Jugendlichen mit extremer Adipositas liegt die Erfolgsrate deutlich niedri­ger als bei jüngeren Kindern. Für diese spezielle Gruppe von jungen Patienten benötigen wir neue Therapiekonzepte“.

DGKJ-Präsidentin Ingeborg Krägeloh-Mann ergänzte: „Die umfangreiche Cochrane-Ana­lyse […] gibt Entscheidungsträgern jetzt fundierte wissenschaftsbasierte Empfehlungen an die Hand.“ Denn die neu erschienene Leitlinie macht deutlich: Die Adipositas ist das Ergebnis des Lebensstils unserer Gesellschaft.

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Und „die derzeitigen Mechanismen, mit denen Übergewicht und Adipositas auf Bevölke­rungsebene begegnet wird, sind […] noch unzureichend und zum Teil inadäquat“, so die Schlussfolgerung der Leitlinienautoren. Für das gesunde Aufwachsen von Kindern seien tiefergreifende Änderungen erforderlich, für die eine starke politische Unterstützung nötig ist.

Dem Kinder- und Jugendarzt komme dabei in Zusammenarbeit mit weiteren Professionen eine wichtige Rolle zu. Er sei der Vermittler der in der Leitlinie zusammengetragenen Em­pfehlungen und Botschaften: Hierzu gehören unter anderem die Reduktion zuckerhaltiger Getränke und die Beachtung der Portionsgrößen, die Ausrichtung des Speiseangebots in Kitas und Ganztagsschulen an den Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und die Förderung der körperlichen Aktivität im Kindes- und Jugendalter.

Deshalb sollte, so die Leitlinie, der Prävention der Adipositas in der Aus- und Weiterbil­dung der Ärzte ein wesentlicher Stellenwert eingeräumt werden. 

Bluttest misst traumatische Stresserlebnisse in Kindheit und Jugend

Misshandlungen und Gewalt an Kindern und Jugendlichen führen zu einer chronischen Entzündungsreaktion im Körper, die laut einer Studie in JAMA Pediatrics (2019; doi: 10.1001/jamapediatrics.2019.3875) am Übergang zum Erwachsenenalter durch einen Bluttest gemessen werden kann.

Die zunehmenden sozioökonomischen Unterschiede in vielen Ländern, Flüchtlingskrisen und der Klimawandel haben zur Folge, dass Kindheit und Jugend für immer mehr Men­schen mit körperlicher und seelischer Gewalt verbunden sind. Die traumatischen Erleb­nisse können mentale und körperliche Krankheiten im Erwachsenenalter zur Folge haben, deren gemeinsamer Nenner eine erhöhte Entzündungsreaktion im Körper ist. Die bisheri­gen Biomarker CRP (C-reaktives Protein) und IL 6 (Interleukin 6) sind nicht in der Lage, die betroffenen Personen zu identifizieren.

Ein Team um Hartmann Rasmussen von der Duke University in Durham hat deshalb nach einem besseren Biomarker für die gesundheitlichen Folgen traumatischer Erlebnisse in Kindheit und Jugend gesucht. Die Forscher haben dazu die Daten der Environmental Risk Longitudinal Twin Study ausgewertet, die seit1994/95 eine Gruppe von Zwillingen aus verschiedenen Gruppen der britischen Bevölkerung begleitet.

Die Heranwachsenden wurden im Alter von 5, 7, 10, 12 und zuletzt 18 Jahren nach 20 ver­schiedenen traumatischen Erlebnissen befragt. Dazu gehörten körperlicher, sexueller und emotionaler Missbrauch und verschiedene Formen der Vernachlässigung im Kindes­alter sowie negative Erfahrungen als Teenager.

Im Alter von 18 Jahren wurden bei den Teilnehmern Blutproben entnommen. Dort wurde neben CRP und IL 6 auch der lösliche Urokinase-Plasminogen-Aktivator-Rezeptor (suPAR) bestimmt. Es handelt sich um ein Membranprotein von Abwehrzellen, das bei einer er­höhten entzündlichen Aktivität ans Plasma abgegeben wird.

Gewalterlebnisse waren keineswegs selten: 213 Kinder (15,3 %) waren der Gewalt durch Intimpartner der Mutter oder des Vaters ausgesetzt, 354 Kinder (25,4 %) wurden von Gleichaltrigen gemobbt oder waren in Kindheit und Jugend Straßenkriminalität ausge­setzt. 129 Kinder hatten gleich mehrere Arten von Gewalt erlebt.

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Diese Erfahrungen hinterließen Spuren in den 3 Entzündungsparametern, von denen su­PAR sich als der zuverlässigste Biomarker erwies. Jede negative Kindheitserfahrung er­höhte die suPAR-Konzentration um 0,03 ng/ml, bei schwerwiegenden kindlichen Miss­handlungen stieg der Serumwert um 0,09 ng/ml pro Trauma. Negative Erfahrungen im Jugendalter erzeugten einen Anstieg um jeweils 0,04 ng/ml. Die 95-%-Konfidenzin­ter­valle waren weit und im Fall der Jugenderlebnisse nicht signifikant.

Dennoch könnte der Biomarker für die Beurteilung der gesundheitlichen Folgen von traumatischen Erlebnissen herangezogen werden, meint Rasmussen. Die Kombination mit CRP und IL 6 könne die Beurteilung weiter erleichtern. Es fehlt allerdings noch die Bestätigung aus anderen Kohortenstudien, wobei der Bluttest sicherlich nicht die psychi­atrische Anamnese ersetzen kann. Schließlich müsste noch untersucht werden, ob der Bio­marker tatsächlich mit einer erhöhten körperlichen und mentalen Morbidität im Er­wachsenenalter verbunden ist. 

Schönheits­operationen bei Jugendlichen an psychologische Aufklärung binden

Rein ästhetisch motivierte und nicht indizierte Schönheitsoperationen und Behandlun­gen bei Minderjährigen solten zwingend an eine vorherige psychologische Aufklä­rung gebunden sein. Das hat Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, heute angemahnt.

Dadurch könnten Eingriffe vermieden werden, die aus einem gestörten Selbstbild be­ziehungs­weise Körperbild oder aus sonstigen unrealistischen Erwartungen heraus erfolgen würde, sagte Henke in Düsseldorf.

Den Vorstoß Spahns für ein Werbeverbot für solche Schönheitsoperationen bei Kindern und Jugendlichen unterstützt Henke. Er regt zugleich an, das Werbeverbot gleichzeitig auch auf Preisausschreiben, Rabattaktionen, Spiele, Verlosungen oder vergleichbare Ver­fahren auszuweiten, mit denen für operative plastisch-chirurgische Eingriffe geworben würde.

Henke betonte zugleich, dass die meisten seriösen Fachärzte für ästhetische und plasti­sche Chirurgie schon heute Operationen und Behandlungen ohne medizinische Notwen­digkeit bei Jugendlichen unter 18 Jahren ablehnten.

Mit Sorge beobachte die Ärztekammer Nordrhein jedoch den Trend, dass Schönheitsope­rati­onen für viele Menschen mittlerweile so alltäglich geworden sind wie der Gang zum Friseur oder ins Fitnessstudio.

Nicht wenige, vor allem junge Erwachsene, so Henke, gingen von der irrigen Vorstellung aus, dass Schönheit käuflich sei und risikolos herbeigeführt werden könne. „Sie vergessen dabei, dass Schönheitsoperationen, je nach Art des Eingriffs, mit einem hohen gesund­heit­­lichen Risiko verbunden sind, das keineswegs bagatellisiert werden sollte“, mahnte Henke.

Spahn hatte gestern Pläne vorgelegt, mit dem Werbemaßnahmen für plastisch-chirurgi­sche Eingriffe ohne medizinische Notwendigkeit schon mit Blick auf Kinder unter 14 Jah­ren untersagt werden sollen. Es soll künftig generell für Jugendliche gelten, also auch für junge Leute ab 14 Jahre. Dabei geht es um alle Werbemaßnahmen, die sich „ausschließ­lich oder über­wiegend an Jugendliche richten“ – auch in sozialen Medien, hieß es.

Zustimmung signalisierte die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirugie (DGÄPC). „Als Fachgesellschaft würden wir ein Verbot der Werbung für ästhetisch-plas­tisch chirurgische Eingriffe gegenüber Jugendlichen und Kindern – wie es aktuell disku­tiert wird – zu 100 Prozent unterstützen“, sagte DGÄPC-Präsident Torsten Kantelhardt. 

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Suizide steigen bei Jugendlichen nach den Ferien an

Forscher des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung vermuten einen engeren Zusammenhang zwischen Suiziden bei Jugendlichen und deren Situation in der Schule. Hintergrund ist, dass die Wahrscheinlichkeit einer Selbsttötung insbesondere an den ersten beiden Schultagen nach Ferienende laut einer neuen Studie des Instituts er­höht ist.

Die Untersuchung basiert auf Daten der deutschen Todesursachenstatistik der Jahre 2001 bis 2015. Danach ist die Wahrscheinlichkeit einer Selbsttötung unter Kindern und Ju­gend­­li­chen während der Ferien um 19 Prozent verringert. Am höchsten ist die Suizidrate an den ersten beiden Schultagen nach den Ferien. Die Wahrscheinlichkeit eines Suizids ist an diesen Tagen um etwa 30 Prozent erhöht. Schüler sind vom Anstieg der Suizidrate an Schultagen stärker betroffen als Schülerinnen.

Fast jeder achte Todesfall unter Jugendlichen in Deutschland geht auf Selbsttötung zu­rück. Von rund zehn Millionen Deutschen im Alter zwischen 6 und 19 Jahren nehmen sich laut dem RWI pro Jahr durchschnittlich 221 das Leben.

„Im Verhältnis zur großen Zahl der Personen kommen Suizide unter Jugendlichen zum Glück relativ selten vor. Der Anstieg der Suizidrate nach den Ferien deutet aber darauf hin, dass ein gewisser Zusammenhang zwischen der Schule und psychischen Krisen von Jugendlichen besteht“, sagte die RWI-Gesundheitsökonomin Dörte Heger, eine der Auto­rinnen der Studie.

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Allerdings könne die Studie nicht zeigen, ob das an Problemen mit Mitschülern, Schwie­rigkeiten im Unterricht oder an anderen Gründen im schulischen Umfeld liege.

Die Wissenschaftler empfehlen Eltern, Lehrern und anderen Akteuren der Bildungspolitik, die psychische Verfassung der Schüler und die Gefahren von Mobbing und Schulstress stärker in den Blick zu nehmen, insbesondere an den ersten Tagen nach den Ferien. Sie könnten zum Beispiel Hinweise auf spezielle Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche wie die „Nummer gegen Kummer“ geben, so die Epidemiologen.

Sexueller Missbrauch durch katholische Kleriker

Retrospektive Kohortenstudie zum Ausmaß und zu den gesundheitlichen Folgen der betroffenen Minderjährigen (MHG-Studie)

Sexual abuse at the hands of Catholic clergy—a retrospective cohort study of its extent and health consequences for affected minors (The MHG Study)

Dtsch Arztebl Int 2019; 116(22): 389-96; DOI: 10.3238/arztebl.2019.0389

Dreßing, HaraldDölling, DieterHermann, DieterKruse, AndreasSchmitt, EricBannenberg, BrittaHoell, AndreasVoss, ElkeSalize, Hans Joachim

Hintergrund: Nach dem Bekanntwerden von sexuellen Missbrauchsfällen innerhalb der katholischen Kirche hatte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) ein interdisziplinär besetztes Konsortium mit der Forschung zur Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs durch katholische Kleriker in Deutschland beauftragt (MHG-Studie).

Methode: Es wurden qualitative und quantitative Forschungsmethoden angewandt und die Thematik in sieben Teilprojekten analysiert. Zur Bestimmung der Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs wurden 38 156 Personalakten von Klerikern aus dem Zeitraum von 1946 bis 2014 untersucht und die epidemiologischen Ergebnisse dieser Auswertungen dargestellt.

Ergebnisse: 1 670 Kleriker, die des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen beschuldigt waren, wurden anhand von Personalakten identifiziert. Die Quote beschuldigter Kleriker betrug 4,4 %. 3 677 von sexuellem Missbrauch Betroffene konnten ermittelt werden. Die Betroffenen waren in 62,8 % männlich und in 66,7 % unter 14 Jahre alt. Die Dauer des individuellen Missbrauchsgeschehens betrug im Durchschnitt 1,3 Jahre. In über 80 % der Fälle lagen „hands on“-Delikte (Handlungen mit Körperkontakt) vor. Die gesundheitlichen und sozialen Folgen waren für viele Betroffene erheblich, wobei Ängste, Depressionen, Misstrauen, sexuelle Probleme und Kontaktschwierigkeiten am häufigsten genannt wurden.

Schlussfolgerung: Die ermittelten Zahlen sind als untere Schätzgröße des tatsächlich geschehenen Missbrauchs anzusehen. Asymmetrische Machtverhältnisse und ein geschlossenes System, wie es bei der katholischen Kirche vorherrscht, können einen sexuellen Missbrauch begünstigen. Ärzte spielen sowohl bei der Diagnostik und der therapeutischen Begleitung von Betroffenen als auch bei der Diagnostik und der Therapie von tatgeneigten Personen und Missbrauchstätern sowie bei der Mitwirkung an Präventionskonzepten eine besondere Rolle.

Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein weltweit verbreitetes Problem mit hohen Prävalenzen von 18 % bei Mädchen und 7,6 % bei Jungen (1). Abhängig von unterschiedlichen Einschlusskriterien und Erhebungsmethoden ergeben sich höhere oder niedrigere Angaben zur Lebenszeitprävalenz (2). Die Auswirkungen von sexuellen Missbrauchsdelikten können erheblich sein und umfassen unmittelbare bis mittelbare sowie kurzfristige und langfristige Folgen. Die Wahrscheinlichkeit einer schlechten gesundheitlichen Verfassung steigt, je früher im Leben der sexuelle Missbrauch stattfindet (3). Zahlreiche Studien verweisen – im Vergleich zu sonstigen Straftaten – auf eine erhöhte Prävalenz beziehungsweise eine stärkere Ausprägung von posttraumatischen Belastungsstörungen bei Opfern sexuellen Kindesmissbrauchs (4). Angststörungen, Depressionen, suizidales Verhalten, Schlaf- und Essstörungen sind weitere Folgen, die mit erlebten Missbrauchsdelikten in der Kindheit assoziiert sein können (5). Außerdem berichten Studien von einem Zusammenhang zwischen einem erlittenen sexuellen Missbrauch und späterem Substanzmissbrauch sowie selbstschädigendem Verhalten im Zuge maladaptiver Bewältigungsstrategien (6).

Sexueller Kindesmissbrauch findet am häufigsten in Familien, gefolgt von Institutionen, statt (7). Systematische Untersuchungen über die Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs im institutionellen Kontext liegen weltweit überwiegend für die katholische Kirche vor (8). Auch wenn es innerhalb der Institution der katholischen Kirche einige spezifische Strukturen und Dynamiken gibt, die als Risikofaktoren für sexuellen Missbrauch anzusehen sind (9), können Erkenntnisse zu Missbrauchsgeschehen in der katholischen Kirche auch exemplarisch für den Umgang mit sexuellem Missbrauch in anderen Institutionen genutzt werden. Vergleichbare Angaben zur Häufigkeit sexueller Viktimisierung von Kindern in zum Beispiel der evangelischen Kirche oder anderen Institutionen liegen bisher nicht vor (10). Anliegen der vorliegenden Arbeit ist es, herauszuarbeiten, wie die Erkenntnisse der MHG-Studie in der ärztlichen Praxis umgesetzt werden können.

Methode

In der vorliegenden Arbeit werden epidemiologische Daten berichtet, die sich aus einer Personalaktenanalyse von Angehörigen des Klerus ergaben. Betrachtet wurden alle in dem Untersuchungszeitraum von 1946 bis 2014 aktiven oder im Ruhestand befindlichen Kleriker sowie deren minderjährige Opfer des sexuellen Missbrauchs. Zu den Klerikern zählten katholische Priester („Diözesanpriester“), hauptamtliche Diakone und Ordenspriester im Gestellungsauftrag, das heißt Priester katholischer Orden, die vorübergehend oder dauerhaft Priesterfunktionen im Verantwortungsbereich der DBK ausübten. Eine ausführliche Darstellung der Methodik findet sich im eMethodenteil.

Ergebnisse

Beschuldigte Kleriker

Hinweise auf Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen fanden sich bei insgesamt 1 670 Personen. Dies entspricht einem Anteil von 4,4 % an der untersuchten Population. Bei Diözesanpriestern betrug der entsprechende Anteil 5,1 %, bei hauptamtlichen Diakonen 1,0 % und bei Ordenspriestern im Gestellungsauftrag 2,1 % (Tabelle 1). Der Unterschied zwischen den Anteilen beschuldigter Diözesanpriester und beschuldigter Diakone war statistisch signifikant (χ= 78,6607; p < 0,0001).

Zahl der beschuldigten Kleriker

Tabelle 1Zahl der beschuldigten KlerikerBild vergrößernAlle Bilder

Bei 1 485 Beschuldigten (88,9 %) bestanden Angaben zu ihrem Alter bei der angeschuldigten ersten Missbrauchstat. Das mittlere Alter betrug 42,6 Jahre (SD = 11,4 Jahre, 95-%-Konfidenzintervall [KI]: [42,0; 43,1]) mit einer Spanne von 20 bis 82 Jahren.

Bei 472 der belasteten Kleriker (28,3 %) gab es Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch von mindestens zwei Minderjährigen, die höchstens 13 Jahre alt waren, und auf ein Missbrauchsgeschehen, das sich über mehr als sechs Monate hinzog. Diese 472 Kleriker waren bei der Ersttat statistisch signifikant jünger (das heißt zwischen 20 und 39 Jahren alt) als solche, die diese Konstellation nicht aufwiesen (χ= 14,284; p < 0,001). Aus den Personalakten ergab sich, dass in 38,3 % eine Strafanzeige erfolgte. Aus einer gesondert durchgeführten Strafaktenanalyse geht hervor, dass 67,1 % der Strafverfahren eingestellt wurden, überwiegend wegen Verjährung. Sofern eine rechtskräftige Entscheidung des Gerichts vorlag, gab es nur in einem einzigen Fall einen Freispruch.

Im Untersuchungszeitraum besteht das Maximum an beschuldigten Klerikern in den 1960er bis 1980er Jahren, wobei sich bis zum Ende der Erhebungsperiode im Jahre 2014 jedoch neue Erstbeschuldigungen finden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die absolute Zahl der Kleriker in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat.

Betroffene

Den Beschuldigten konnte eine Gesamtzahl von 3 677 sexuell missbrauchten Minderjährigen zugeordnet werden. Bei 706 (42,3 %) der 1 670 Belasteten wurden Hinweise auf mutmaßlich sexuelle Missbrauchshandlungen an mehr als einem Minderjährigen identifiziert („Mehrfachbeschuldigte“). Bei 902 beschuldigten Klerikern (54,0 %) lagen Hinweise auf jeweils einen einzelnen missbrauchten Minderjährigen vor („Einmalbeschuldigte“). Bei 62 Beschuldigten (3,6 %) konnte die Anzahl der jeweiligen Betroffenen nicht bestimmt werden.

Die mittlere Anzahl von Missbrauchsopfern über alle Beschuldigten hinweg betrug 2,5 (SD = 3,5 Betroffene; 95-%-KI: [2,4; 2,7]). Bei alleiniger Betrachtung der 706 Mehrfachbeschuldigten bezifferte sich die mittlere Anzahl an Betroffenen pro Beschuldigtem auf 4,7 (SD = 4,5 Betroffene; 95-%-KI: [4,4; 5,0]).

Von den insgesamt ermittelten 3 677 sexuell Missbrauchten waren 2 309 männlich (62,8 %) und 1 284 weiblich (34,9 %). Bei 84 Betroffenen (2,3 %) lagen keine Informationen zum Geschlecht vor.

Bei 2 847 Betroffenen (77,4 %) lagen Daten zum Alter beim ersten sexuellen Missbrauch vor; im Mittel ergab sich ein Alter von 12,0 Jahren (SD = 3,1 Jahre; 95-%-KI: [11,9; 12,2]). Zwei Drittel dieser Betroffenen waren beim ersten sexuellen Missbrauch 13 Jahre alt oder jünger (n = 1 899; 66,7 %) (Tabelle 2). Das Geschlechterverhältnis von einem Drittel weiblicher gegenüber zwei Drittel männlicher Betroffener unterschied sich in beiden Altersgruppen nicht.

Alter der Betroffenen beim ersten sexuellen Missbrauch

Tabelle 2Alter der Betroffenen beim ersten sexuellen MissbrauchBild vergrößernAlle Bilder

Bei 2 993 Betroffenen (81,4 %) lagen Angaben zum Jahr des Beginns und dem Jahr des Endes des jeweiligen Missbrauchsgeschehens vor, beziehungsweise die Information, dass es sich um eine einmalige Tat handelte. Aus diesen Daten ließ sich die ungefähre Dauer des Geschehens im jeweiligen Einzelfall berechnen. Die errechnete mittlere Dauer der individuellen Missbrauchsverläufe betrug 1,3 Jahre (SD = 2,3 Jahre; 95-%-KI: [1,3; 1,5]).

Tathandlungen

Bei 3 388 Betroffenen (92,1 %) waren Angaben zur Art der Missbrauchshandlungen vorhanden (Tabelle 3). Dabei waren Mehrfachnennungen möglich. Es handelte sich in mindestens 582 Fällen um genitale oder manuelle Penetration (15,8 % aller Betroffenen beziehungsweise 17,2 % der Betroffenen mit Angaben zur Art). In 1 360 Fällen lagen in irgendeiner Form Masturbationshandlungen vor (37,0 % aller Betroffenen beziehungsweise 40,1 % der Betroffenen mit Angaben zur Art).

Art und Zahlen der Missbrauchshandlungen (Mehrfachnennungen)

Tabelle 3Art und Zahlen der Missbrauchshandlungen (Mehrfachnennungen)Bild vergrößernAlle Bilder

Tatfolgen

Tabelle 4 zeigt die Spannbreite der möglichen gesundheitlichen Auswirkungen. Bei mindestens 244 Betroffenen (6,6 % aller Betroffenen beziehungsweise 23,7 % der Betroffenen mit Angaben zu gesundheitlichen Folgen) weist die Clusterung der Items auf eine Symptomatik im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung hin. Da eine standardisierte Erhebung und Dokumentation der Befunde im vorliegenden Kontext nicht stattfand, war das Stellen einer validen klinischen Diagnose nicht möglich.

Gesundheitliche Probleme bei Betroffenen (Mehrfachnennungen)

Tabelle 4Gesundheitliche Probleme bei Betroffenen (Mehrfachnennungen)Bild vergrößernAlle Bilder

Bei 890 Betroffenen (24,3 %) bestanden Informationen zu Problemen hinsichtlich sozialer Bereiche. Dokumentiert waren Probleme in Beziehungen (53,1 %), im Sexualleben (43,0 %), dem beruflichen Werdegang (34,2 %) und bezüglich der gesellschaftlichen Teilhabe (32,5 %).

Daneben wurden Kirchenaustritte von 144 Betroffenen (3,9 %) angegeben. Mindestens 626 Betroffene (17,0 %) ließen sich in Anbetracht der Tatfolgen psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandeln. Aufgrund der nichtstandardisierten Dokumentation kann von einer Unterschätzung der wahren Behandlungsprävalenz ausgegangen werden.

Bei 348 Betroffenen (9,5 %) lagen Informationen über den Schweregrad der gesundheitlichen oder sozialen Tatfolgen vor, wobei die Einstufung nicht nach standardisierten Kriterien erfolgte. Die Tatfolgen wurden in der überwiegenden Zahl der Fälle als schwerwiegend eingeschätzt (Tabelle 5).

Schweregrad von gesundheitlichen oder sozialen Tatfolgen

Tabelle 5Schweregrad von gesundheitlichen oder sozialen TatfolgenBild vergrößernAlle Bilder

Diskussion

Die Methode unterlag Einschränkungen hinsichtlich der Standardisierung, Validität und Reliabilität des Datenmaterials. Dabei ist davon auszugehen, dass das ganze Ausmaß des Missbrauchsgeschehens durch Kleriker nicht abgebildet wurde. Nicht alle entsprechenden Vorkommnisse wurden dokumentiert und eine unbekannte Anzahl von Akten war zum Studienbeginn nicht mehr vorhanden oder nicht mehr vollständig. Daraus resultierte zum einen ein Unterschätzen der Anzahl beschuldigter Kleriker und minderjähriger Missbrauchsopfer. Zum anderen ergab sich eine Vielzahl von fehlenden Angaben zu einzelnen Aspekten in den Erfassungsbögen, die als solche vermerkt wurden. Alle Informationen wurden in anonymisierter Form an das Forschungskonsortium zur Auswertung weitergeleitet, sodass die Einschätzung der Beurteiler nicht überprüft werden konnte. Da die Akten von Rechercheteams der Diözesen ausgewertet wurden, sind weder ein Interessenkonflikt noch ein unvollständiges Übermitteln von Informationen auszuschließen. Eine quantitative Schätzung dieses Bias ist nicht möglich. Dabei ist anzumerken, dass sich in 50 % der Missbrauchsfälle, die durch die katholische Kirche selbst als plausibel eingeschätzt wurden, keine entsprechenden Hinweise in den Personalakten oder sonstigen Dokumenten fanden. Trotz dieser Limitationen konnte eine sehr große Stichprobe analysiert und eine Fülle bisher unbekannter empirischer Befunde zusammengetragen werden.

Die für den Zeitraum von 1946 bis 2014 ermittelten Zahlen von 1 670 Klerikern, die des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen beschuldigt waren, sowie die diesen Beschuldigten zugeordnete Zahl von 3 677 Betroffenen sind als untere Schätzgröße des tatsächlich stattgefundenen Missbrauchsgeschehens anzusehen. Auch wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass einige Kleriker falsch beschuldigt wurden, so ist aufgrund von Erkenntnissen der Dunkelfeldforschung davon auszugehen, dass einer geringen Anzahl von möglichen Falschbeschuldigungen eine wesentlich höhere Zahl von nicht entdeckten Fällen gegenübersteht (11). Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt, dass Studien zur Häufigkeit von falschen Beschuldigungen keine belastbaren Prävalenzschätzungen erlauben und die weit überwiegende Zahl solcher Beschuldigungen doch der Wahrheit entspricht (12). Die Erkenntnisse der MHG-Studie können einen Beitrag leisten, um professionelle Zugänge für das Gesundheitssystem zum Umgang mit sexuellem Missbrauch im institutionellen Kontext zu schaffen (13). Neben allgemeinen Mechanismen, die den sexuellen Missbrauch in Institutionen begünstigen (zum Beispiel asymmetrische Machtverhältnisse oder ein geschlossenes System), sind bei der katholischen Kirche auch spezifische risikoreiche Konstellationen zu bedenken. Dazu gehören der Missbrauch klerikaler Macht, eine restriktive katholische Sexualmoral, eine problematische Einstellung zur Homosexualität sowie ein problematischer Umgang mit dem Zölibat und dem Beichtgeheimnis (14). Ob es spezifische Risikokonstellationen für sexuellen Missbrauch von Kindern in der evangelischen Kirche oder anderen Institutionen gibt, wurde bisher nicht umfassend untersucht. Auffällig ist der – im Vergleich zu anderen Institutionen – sehr hohe Anteil missbrauchter Jungen im Verantwortungsbereich der katholischen Kirche. Das wirft Fragen im Hinblick auf die Bedeutung der katholischen Sexualmoral und ihrer Verlautbarungen zur Homosexualität auf. Ärzte sollten Kenntnisse über allgemeine und spezifische Risikokonstellationen bezüglich der Thematik des institutionellen sexuellen Missbrauchs von Kindern haben, da sie sowohl für Betroffene wie auch für Tatgeneigte und Täter Ansprechpartner sein können. Ärztliche Expertise kann zudem bei Präventionsprogrammen gefragt sein oder bei der Intervention, wenn es um den konkreten Schutz eines gefährdeten Kindes geht.

In der Gruppe der Betroffenen zeigen die Ergebnisse der vorliegenden Studie, dass sich vielfältige gesundheitliche und soziale Beeinträchtigungen finden. In Anbetracht des Fehlens einer Kontrollgruppe können allerdings keine kausalen Beziehungen zum erlittenen sexuellen Missbrauch hergestellt werden. Da die Informationen nicht aus medizinischen oder psychologischen Berichten stammen, sondern den Personalakten der Kleriker entnommen wurden, können auch keine Diagnosen nach ICD-10 (ICD, International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) gestellt werden. Während sich jedoch in der deutschen Allgemeinbevölkerung in einer aktuellen Untersuchung nur eine Prävalenz depressiver Störungen von 6,4 % fand (15), betrug der Anteil – sofern entsprechende Angaben vorlagen – bei den Missbrauchsopfern 42,4 % beziehungsweise 11,9 % für die gesamte Gruppe der Betroffenen. Auch für die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung ergab sich in der Gruppe der Betroffenen eine deutlich höhere Prävalenz. Diese belief sich auf 23,7 % der Betroffenen, wenn entsprechende Angaben bestanden, beziehungsweise 6,6 % für die gesamte Gruppe der Betroffenen. Für die posttraumatische Belastungsstörung ist in der deutschen Allgemeinbevölkerung eine Prävalenz von 2,9 % berichtet (16). Bemerkenswert ist, dass in den Unterlagen, die im Rahmen der vorliegenden Studie ausgewertet wurden, nur für knapp ein Drittel der Betroffenen Informationen über gesundheitliche und soziale Folgen dokumentiert waren. Aus den fehlenden Angaben kann jedoch nicht abgeleitet werden, dass entsprechende Sachverhalte nicht vorlagen, sondern lediglich, dass keine entsprechenden Informationen verfügbar wurden.

Kinder und Jugendliche sind in geschlossenen institutionellen Systemen häufig von sexualisierter Gewalt betroffen (1718). Es ist eine wichtige ärztliche Aufgabe, für eventuelle Missbrauchsfolgen sensibilisiert zu sein und durch eine behutsame Anamnese mögliche Traumatisierungen frühzeitig zu erkennen, diagnostisch zu erfassen und gegebenenfalls notwendige, weitere Schritte einzuleiten.

Die Wege, auf denen ein Arzt Informationen, über einen sexuellen Missbrauch erhält, können sehr unterschiedlich sein. Sie können zum Beispiel vom Kind selbst oder dessen Bezugspersonen stammen. Denkbar ist auch, dass ein Arzt aufgrund unspezifischer Symptome, die er bei einem Minderjährigen feststellt, einen sexuellen Missbrauch vermutet. Solche unspezifischen Symptome können bei Kindern zum Beispiel Ängstlichkeit, Aggressivität, Leistungsabfall in der Schule, Rückzugstendenzen oder psychosomatische Beschwerden sein (7). Unter Umständen können Informationen über einen sexuellen Missbrauch auch anonym an einen Arzt herangetragen werden. Bei begründetem Verdacht sollte eine sichere Umgebung als Sofortmaßnahme hergestellt werden. Der individuelle Therapiebedarf sollte dann zeitnah von einem Kinder- und Jugendpsychiater eingeschätzt werden (7). Zu bedenken ist dabei, dass sich viele Betroffene gar nicht oder erst nach Jahrzehnten offenbaren und unter vielfältigen psychischen und körperlichen Symptomen leiden. Die Möglichkeit eines erlittenen Missbrauchs im Kontext der katholischen Kirche ist deshalb auch bei Erwachsenen in Betracht zu ziehen und bei unklarer Ätiologie gegebenenfalls behutsam zu explorieren. Dabei kann zunächst darauf hingewiesen werden, dass eine gegebene Symptomatik bei manchen Patienten auch als Folge eines Missbrauchs auftreten kann. Abhängig von der Reaktion des Patienten können dann potenzielle Missbrauchssituationen über Fragen zur Biografie exploriert werden. Die Kunst des ärztlichen Gesprächs besteht darin, möglichst konkrete Informationen zu erhalten, dabei an eine mögliche Reaktualisierung einer posttraumatischen Symptomatik zu denken und keine suggestiven Fehlerinnerungen hervorzurufen.

Im Hinblick auf die beschuldigten Kleriker ist zu beachten, dass Ärzte auch mit dieser Personengruppe in einen professionellen Kontakt kommen können; möglicherweise zu einem Zeitpunkt, in dem ein Kleriker nur tatgeneigt, aber noch nicht zum Täter geworden ist. Hier kann Prävention ansetzen: zum Beispiel können Mediziner im Rahmen einer umfassenden Sexualanamnese mögliche risikoreiche Konstellationen frühzeitig erkennen und daraufhin spezifische sexualtherapeutische Maßnahmen einleiten. Als Ansprechpartner eignet sich das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“. Ärzte sind angehalten, sich bei der Diagnostik, Intervention und Prävention von sexuellen Missbrauchsfällen immer als Partner in einem interdisziplinären Team zu verstehen und auch Justiz, staatliche Behörden und Beratungsstellen einzubeziehen.

Aufgrund der Studienmethodik ist auch bezüglich der beschuldigten Kleriker in den meisten Fällen keine sichere diagnostische Einordnung möglich, sodass Überlegungen hinsichtlich Motivation und Typologie nur sehr vorsichtig vorgenommen werden dürfen. Es kann für die Praxis hilfreich sein, wenn man von einem Kontinuum von Tätern und tatgeneigten Personen ausgeht. Dieses Kontinuum reicht von einem fixiertem Typus mit einer pädophilen Präferenzstörung bis hin zu regressiven Tätern oder Tatgeneigten mit zum Beispiel einer unreifen oder narzisstischen Persönlichkeitsproblematik.

Die katholische Kirche hat zwar mittlerweile in allen Diözesen mit dem Implementieren von Präventions- und Schutzkonzepten auf den Missbrauchsskandal reagiert. Die Umsetzung ist jedoch ausgesprochen heterogen. Es fehlt bisher eine Fokussierung der Präventionsarbeit auf die spezifischen Risikokonstellationen des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker (19). Sofern Evaluationsstudien erfolgt sind, stellten diese überwiegend einen Effekt der jeweiligen Präventionsprogramme zugunsten der Interventionsgruppe fest (20). Eine Evaluation der kirchlichen Präventionsarbeit, die wissenschaftlichen Kriterien genügt, steht bisher aus.

Vergleichbare Prävalenzen beschuldigter Kleriker wie in der MHG-Studie mit 4,4 % finden sich auch in den USA (4 %) und Australien (7 %) (Tabelle 6).

Übersicht zu ausgewählten Studienbefunden

Tabelle 6Übersicht zu ausgewählten StudienbefundenBild vergrößernAlle Bilder

Die Ähnlichkeit der Prävalenzen unterstreicht, dass sexueller Missbrauch durch katholische Kleriker ein weltweit verbreitetes Phänomen ist und auch entsprechende Reaktionen der jeweiligen Gesundheitssysteme verlangt.

Hessen fördert Online-­Stottertherapie für Kinder

Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration fördert die Ent­wicklung einer Online-Stottertherapie namens „Frankini“ für drei- bis sechsjährige Kin­der. Die Therapie des Instituts der Kasseler Stottertherapie (KST) hat sich nach Anga­ben des Ministeriums für Jugendliche und Erwachsene ab 13 Jahren bereits be­währt. Mit der Förderung von rund 490.000 Euro will das Institut seine Onlinetherapie auf die Altersgruppe der Drei- bis Sechsjährigen ausweiten.

„Frühes Stottern wächst sich nicht von alleine aus, aber mit einer evidenzbasierten, standardisierten Therapie zum frühestmöglichen Zeitpunkt können wir vielen Kindern einen späteren Therapiemarathon ersparen“, sagte Alexander Wolff von Gudenberg, Leiter des KST. Je jünger ein Kind bei Behandlungsbeginn sei und je kürzer der Zeit­raum sei, in dem es stottert, desto höher sei die Chance, dass sich die Sprechstörung wieder komplett auflöse.

Bei der Kasseler Stottertherapie eignen sich die Patienten durch das Üben mit einem Biofeedbackprogramm eine spezielle weiche Sprechweise an, die Unflüssigkeiten beim Sprechen deutlich verringert. Selbst schwer stotternde Menschen lernen laut KST, ohne Hast, Spannung oder Druck weich und ohne Stolpern zu sprechen. Im „Frankini“-Projekt werden die Drei- bis Sechsjährigen mit einer kindgerechten Form der Trainingssoftware behandelt. Ein zentrales Element ist, dass die Eltern zu Thera­peuten ihrer Kinder ausgebildet werden und deren Therapie begleiten.

Die Behandlung ist in vier Module aufgeteilt, die jeweils zwischen zwei und vier Mo­na­ten dauern. Sie beginnt mit einem Onlinetraining, in dem zunächst die Eltern Hand­lungs­strategien erlernen, wie sie mit dem Stottern ihrer Kinder umgehen können und wie sie gemeinsam mit ihren Kindern das Softwareprogramm nutzen können, mit dem diese ein neues Sprechmuster erlernen und vertiefen können. Darauf aufbauend folgt im nächsten Schritt die Onlinetherapie der Kinder, die in den beiden letzten Modulen zudem von einer Präsenztherapie begleitet wird.

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Die Behandlungskosten für die Betreuung von Kindern im „Frankini-Projekt“ über­nimmt die Techniker Krankenkasse (TK) bundesweit für die kommenden zwei Jahre. Weitere interessierte Krankenkassen können sich beteiligen. Kooperationspartner der Kasseler Stottertherapie im „Frankini-Projekt“ sind neben der TK das Unternehmen vitero sowie das Telemedizinische Zentrum Bad Kissingen.

Stottern ist die häufigste und bekannteste Sprechstörung und entsteht meist im Alter von zwei bis fünf Jahren. Jedes zwanzigste Kind ist davon betroffen. Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung bleibt ein chronisches Stottern bestehen. 

Videospielende Kinder und Jugendliche sind nicht dicker

Das Klischee vom übergewichtigen Computerspielenerd könnte der Realität entsprechen – aber nur im geringen Maß und auch nur bei Er­wachsenen und nicht bei Kindern und Jugendlichen. Das zeigen Forscher der Univer­sität Würzburg, der Universität Linz und dem Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg in einer Metastudie, die in Social Science and Medicine erschienen ist (2019; doi: 10.1016/j.socscimed.2019.05.030).

Insgesamt wurden 20 Studien mit mehr als 38.000 Teilnehmern ausgewertet. Der Zu­sammenhang zwischen Videospielen und Übergewicht beziehungsweise Körper­mas­se zeigt sich aber nur in geringem Umfang. Lediglich 1 % des individuellen Überge­wichts kann demnach durch die Zeit mit Videospielen erklärt werden.

Der Zusammenhang konnte auch nur bei Erwachsenen nachgewiesen werden. Die Studienlage bei Kindern und Jugendlichen widerspreche dem Stereotyp, erklärte Mar­kus Appel, Kommunikationspsychologe an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg.

„Es ist möglich, dass es sich um kumulierte Effekte handelt“, sagte Erstautorin Caro­line Marker. Mechanismen, die zu Gewichtszunahme führen, wirkten eher über länge­re Zeiträume. Eventuell hätten Erwachsene über die Jahre mehr Zeit mit Videospielen verbracht als Jugendliche, die sich oft nur vorübergehend intensiv mit Videospielen beschäftigten.

Über 34 Millionen Gamer gibt es laut Bundesverband Game in Deutschland. Sie zocken auf Smartphones und Tablets, PCs und Spielekonsolen. Gleichzeitig sind viele Bundesbürger übergewichtig – nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung 59 % der Männer und 37 % der Frauen.

Studien zeigen, dass Fernseh-Sofahocker durchaus ordentlich Gewicht zulegen können. Auf die Frage, warum das bei Gamern nicht so ist, liefert die neue Meta­analy­se keine eindeutige Antwort. Die Autoren haben mehrere mögliche Erklärungen: Zum einen verbrauche Spielen trotz des Sitzens mehr Energie als Fernsehen. Zum ande­ren sei Knabbern beim Fernsehen einfacher als beim Zocken. Außerdem könne TV-Werbung zu kalorienreichen Speisen verführen.

Zudem hatte kürzlich die MoMo-Studie (Motorik-Modul) in Deutschland ergeben, dass daddelnde Kinder sich nicht unbedingt weniger bewegen. Allerdings bewegen sich Kinder und Jugendliche demnach allgemein immer weniger. Die körperliche Alltags­aktivität in der Gruppe der 4- bis 17-Jährigen sank der Untersuchung zufolge in den vergangenen 12 Jahren um mehr als ein Drittel (37 %).

Weniger Zeit beim Sport

Eine weitere Korrelation könnte den beobachteten Zusammenhang erklären: „Wir haben einen signifikanten indirekten Effekt gefunden, der zeigt, dass Menschen, die mehr Zeit mit Videospielen verbringen auch weniger Zeit mit Sport verbringen und daher ein höheres Körpergewicht haben“, schreiben die Autoren. Andere Faktoren, wie zum Beispiel eine ungesunde Ernährung vor der Spielekonsole oder Schlafman­gel, konnten aufgrund zu weniger Studien nicht überprüft werden.

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Für die Studie betrachteten die Wissenschaftler nur Spiele, bei denen Menschen sit­zen und Knöpfe drücken. Aktive Spiele mit größeren Bewegungen, wie etwa Wii-Sports oder Pokémon Go, können anderen Untersuchungen zufolge sogar Überge­wicht vorbeugen. Laut einer Metaanalyse aus dem Jahr 2015 können sie für die Ge­sundheit von Kindern und Jugendlichen genauso förderlich sein wie Bewegung im Freien.

In der Vergangenheit haben sich schon einige Forscher mit der Frage beschäftigt, inwiefern Videospiele und Übergewicht zusammenhängen. „Übergewicht und Fett­lei­bigkeit werden meist mit Medienkonsum im Sitzen verbunden, wie Fernsehen oder nichtaktive Videospiele“, schreibt das Forscherteam. Doch die einzelnen Untersuchun­gen kamen bislang zu unterschiedlichen Ergebnissen. 

Schüler bewegen Landtag in Bayern zu mehr Einsatz gegen Depressionen in Schulen

Mitten im Prüfungsstress ist es einer Gruppe engagierter Abiturienten gelun­gen, dass psychischen Krankheiten in den Schulen künftig mehr Aufmerksamkeit ge­schenkt wird. Die Schüler hatten eine – rechtlich nicht bindende – Petition initiiert, die heute im Bildungsausschuss des Landtages ungewöhnlich lange diskutiert und dann zur Würdigung an die Staatsregierung überwiesen wurde – ein ziemlich seltener Schritt, der bedeutet, dass sich die Staatsregierung nun detailliert mit dem Anliegen befassen muss.

„Das ist dem überragenden Engagement der jungen Leute zu verdanken“, bilanzierte der Berichterstatter im Ausschuss, Max Deisenhofer (Grüne). Der ausgebildete Lehrer sieht einen wunden Punkt getroffen. „Wir brauchen mehr Wissen zum Thema Depression und psychische Erkrankungen, und wir brauchen eine Sensibilisierung bei den Schülern und Mitschülern, aber auch bei den Lehrerinnen und Lehrern“, sagte er.

Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) sprach von einem guten Anstoß. Allerdings setze das Ministerium nicht bei Null an; zudem hatte es schon im Vorfeld der Sitzung einen Zehn-Punkte-Plan veröffentlicht. „Nun geht es darum, dass wir nochmal deutlich machen, was dieser Maßnahmenkatalog alles beinhaltet und konkret bedeutet“, sagte er.

So sollten psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen in der Leh­rer­ausbildung eine größere Rolle spielen. Auch ältere Lehrer würden gezielt informiert. Im kommenden Doppelhaushalt soll zudem Geld für 100 weitere Schulpsychologen und Sozialpädagogen zur Verfügung gestellt werden – ein Schritt, der allerdings schon länger geplant gewesen sei, wie Piazolo betonte.

Die Schüler sind mit dem Ergebnis zufrieden. „Wir sind schon stolz, dass man jetzt wirk­lich was macht“, sagte Alexander Spöri. Er und seine Mitstreiter hatten zunächst einen Film über Depressionen bei Jugendlichen gedreht und dann die Onlinepetition gestartet. Diese wurde inzwischen von mehr als 42.000 Menschen unterschrieben.

Die Kaufmännische Krankenkasse KKH hat auf Basis ihrer Versichertendaten errechnet, dass 2017 in Deutschland rund 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren von psychischen Erkrankungen ohne organische Ursache betroffen waren. Grün­de seien permanenter Leistungsdruck in der Schule, Mobbing sowie gesellschaftli­cher Druck durch Medien, Idole und Influencer.