Traumatische Erlebnisse in der Kindheit erhöhen Psychoserisiko

Kinder und Jugendliche, die körperlichen und seelischen Misshandlungen, Mobbing, sexuellem Missbrauch, häuslicher Gewalt oder emotionaler Vernachlässigung ausgesetzt waren, berichteten in einer prospektiven Kohortenstudie in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.3155) häufiger über psychotische Symptome.

Psychosen werden nicht generell als die Folge von traumatisierenden Erlebnissen gedeutet. Körperliche und seelische Qualen können jedoch bei anfälligen Kindern und Jugendlichen eine psychotische Krise auslösen. Diese Beobachtung gründete sich bisher auf eine Reihe kleinerer Studien, die insgesamt kein umfassendes Bild ergaben.

Jazz Croft von der Bristol Medical School und Mitarbeiter haben den Zusammenhang jetzt an den Daten der ALSPAC-Kohorten untersucht, die eine größere Gruppe von Kindern seit der Schwangerschaft ihrer Mütter Anfang der 1990er-Jahre begleitet.

Eltern und Kinder wurden im Verlauf der Studie immer wieder interviewt. Die Fragen betrafen unter anderem Streitigkeiten unter den Eltern (häusliche Gewalt), die körperliche Züchtigung der Kinder (körperlicher Missbrauch), verletzende Äußerungen oder die Androhung von Gewalt (emotionaler Missbrauch), die fehlende Sorge der Eltern (emotionale Vernachlässigung), herabsetzende Äußerungen oder Angriffe in Schule oder Bekanntenkreis (Mobbing) oder auch sexuelle Übergriffe (sexueller Missbrauch).

2 Drittel aller Studienteilnehmer (64,5 %) waren in Kindheit und Jugend wenigstens einem dieser traumatisierenden Erlebnisse ausgesetzt.

Als die Kinder 12 und 18 Jahre alt waren, wurden sie mittels eines Fragebogens auf Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Denkstörungen hin untersucht. Etwa 5 % der Teilnehmer berichteten über ein psychotisches Ereignis. Die Analyse ergab, dass diese Kinder deutlich häufiger traumatisierenden Erlebnissen ausgesetzt waren als Kinder ohne psychotische Erlebnisse (83,8 versus 63,6 %). Croft ermittelte eine Odds Ratio von 3,13, die nach Berücksichtigung zahlreicher Begleitfaktoren leicht auf 2,91 abgeschwächt wurde, aber mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 2,15 bis 3,93 hoch signifikant blieb.

Sollte die Assoziation kausal sein, dann könnten nicht weniger als 45 % (25 bis 60 %) aller psychotischen Ereignisse auf traumatische Erlebnisse in Kindheit und Jugend zurückzuführen sein, wie die Berechnungen Crofts zum bevölkerungsbezogenen attributablen Risiko ergaben.

Für eine Kausalität spricht nicht nur, dass frühere Untersuchungen zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Croft fand auch eine Dosis-Wirkungs-Beziehung. Das Risiko auf ein psychotisches Ereignis stieg mit der Zahl der traumatisierenden Erlebnisse an. Es gab auch eine zeitliche Beziehung. Je kürzer die traumatisierenden Erlebnisse zurücklagen, desto stärker war die Assoziation mit einem psychotischen Ereignis. Hinzu kommt noch, dass die ALSPAC-Studie zu den international bestorganisierten Studien gehört. Eltern und Kinder wurden in kurzen Abständen zu einer Vielzahl von Lebensumständen und gesundheitlichen Problemen befragt.

Psychisch Kranke Kinder und Jugendliche: Diagnoseprävalenz gestiegen

Der Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hat gestern bei der Fachtagung „Psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen in der ambulanten Versorgung“ in Berlin neue Daten vorgestellt. Das Zi hat sich in diesem Jahr mit der Epidemiologie und der ambulanten Versorgung psychisch kranker Heranwachsender beschäftigt und dabei vertragsärztliche Abrechnungsdaten der Jahre 2009 bis 2017 herangezogen.

Die Diagnoseprävalenz sei in diesem Zeitraum um 21 Prozent angestiegen, erklärte Annika Steffen, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zi. Mehr als jeder vierte Heran­wachsende (3,2 Millionen) erhielt demnach im Jahr 2017 in mindestens einem Quartal eine Diagnose einer psychischen Störung; jeder sechste (1,9 Millionen) in mindestens zwei Quartalen. Mit Ausnahme der Entwicklungsstörungen und affektiven Störungen habe sich die Prävalenz aber seit 2014 stabilisiert. „Die Diagnoseprävalenz ist stark geschlechts- und altersabhängig“, betonte Steffen. Jungen sind generell häufiger von psychischen Störungen betroffen.

Ärzte für Kinder- und Jugendmedizin und Hausärzte spielen nach Angaben des Zi eine zentrale Rolle in der Versorgung: 97 Prozent der Betroffenen hatten mindestens einmal jährlich Kontakt zu ihnen. 70 Prozent hatten Kontakt zu Kinder- und Jugendpsychiatern oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Die Veröffentlichung der Daten im Versorgungsatlas ist für Dezember geplant.

ADHS bei Jungen dreimal häufiger diagnostiziert

Ein spezieller Fokus des Versorgungsatlas lag auf der Prävalenz der Aufmerksamkeits­defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in der ambulanten Versorgung. „Grundsätzlich gibt es keinen ansteigenden Trend der Diagnoseprävalenz in dem untersuchten Zeitraum von 2009 bis 2016“, sagte Manas Akmatov vom Zi. Bei Jungen werde etwa dreimal häufiger ADHS diagnostiziert als bei Mädchen. Festzustellen sei aber, dass die Diagnosecodes spezifischer würden.

Kinder in dünn besiedelten ländlichen Kreisen haben dem Epidemiologen zufolge eine höhere Diagnoseprävalenz als Gleichaltrige in der Stadt. Es gebe Hinweise auf einen Rückgang der regionalen Unterschiede (raumzeitliche Cluster) in der Diagnose­prävalenz, aber die Unterschiede seien immer noch erheblich. „Es gibt Hinweise auf unterdurchschnittliche Diagnosehäufigkeit bei Kindern mit Migrationshintergrund sowie auf überdurchschnittliche Diagnosehäufigkeit in Kreisen mit höherer Facharztdichte“, betonte Akmatov.

Eine weitere Erkenntnis, die bereits der Versorgungsatlas 2015 bereithielt: Kinder, deren Geburtstag kurz vor der Einschulungsdeadline liegt und die in dem entsprechenden Schuljahr eingeschult werden, haben ein um 25 Prozent höheres Risiko für eine ADHS-Diagnose als Kinder, die ein Schuljahr zurückgestellt wurden.

Frühzeitig erkennen und koordiniert behandeln

„Psychische Erkrankungen belasten nicht nur die betroffenen Heranwachsenden, sondern auch deren soziales Umfeld. Sie können eine eingeschränkte soziale Kompetenz und einen geringeren Bildungsabschluss nach sich ziehen, sie können chronifizieren und hohe Versorgungs- und Folgekosten verursachen“, sagte Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bei der Fachtagung.

Eine frühzeitige Erkennung und koordinierte Behandlung sei deshalb entscheidend, um Leid zu reduzieren, einer Chronifizierung vorzubeugen und die langfristigen Folgen zu minimieren, betonte er.

Konzept für mehr Schutz vor sexualisierter Gewalt

Kinder und Jugendliche in Deutschland sollen künftig besser vor sexualisierter Gewalt und Ausbeutung geschützt werden. Darauf zielt ein neues Konzept ab, das Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Franziska Giffey jetzt vorgelegt hat, und dass die Strukturen verbessern soll.

Kern des Vorhabens ist es, den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Zukunft als Amt dauerhaft einzurichten. Er soll die Bundes­regierung bei der Verbesserung von Schutz und Hilfen unterstützen, Handlungsbedarfe identifizieren und Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit leisten. Der Unabhängige Beauftragte soll einen festen Arbeitsstab erhalten. Die Beschäftigten erhielten damit eine dauerhafte Perspektive, hieß es weiter.

Giffey plant außerdem, einen ehrenamtlich tätigen Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten einzurichten. Der Rat soll die strukturierte Beteiligung von Betroffenen auf Bundesebene gewährleisten. Darüber hinaus ist vorgesehen, die Laufzeit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland bis Ende 2023 zu verlängern. Die Kommission hat ihre Arbeit im Januar 2016 begonnen, um Ausmaß, Ursachen und Folgen von sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige aufzuklären.

„Opfer von sexualisierter Gewalt brauchen starke Strukturen, die sich auf allen Ebenen für sie einsetzen und für ihre Rechte einstehen. Das ist eine dauerhafte Aufgabe“, sagte Giffey. Das jetzt vorliegende Drei-Punkte-Konzept des Bundesfamilienministeriums soll der Ministerin zufolge in den kommenden Wochen vom Bundeskabinett beschlossen und anschließend in die Praxis umgesetzt werden.

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, begrüßte die Pläne der Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin. „Damit sind wir dem zentralen Anliegen, dass der Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und deren Folgen dauerhaft und konsequent geführt wird, einen großen Schritt näher gekommen“, sagte er.

Zustimmung signalisierte auch die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, forderte aber weitergehende Maßnahmen. „Die drei von der Ministerin genannten Punkte sind wichtig, aber nicht ausreichend“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Nadine Schön. Wichtig sei, Aspekte der Prävention, des Schutzes der Kinder und der konsequenten Strafverfolgung der Täter hinzuzunehmen. Schön kündigte einen 20-Punkte-Plan der CDU/CSU an, den die Union gemeinsam mit der SPD auf den Weg bringen wolle.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2017 13.500 Kinder und Jugendliche Opfer von sexualisierter Gewalt und Ausbeutung. 1.600 Opfer waren unter sechs Jahren. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) geht für Deutschland allerdings von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben. Das sind pro Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder.

Häufiger Wohnungswechsel erhöht Psychoserisiko bei Kindern und Jugendlichen

Ein häufiger Wohnungswechsel der Familie ging in einer prospektiven Kohortenstudie in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.2233) mit einem erhöhten Psychoserisiko von Kindern einher, das im Teenageralter besonders ausgeprägt war. Die Forscher vermuten die Ursache in einer sozialen Isolierung der Betroffenen während einer für die Persönlichkeitsbildung wichtigen Lebensphase.

Frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass jugendliche Flüchtlinge ein erhöhtes Risiko haben, an einer Psychose zu erkranken. Neben der internationalen Migration gibt es jedoch in den meisten Ländern auch eine innerstaatliche: Wenn die Eltern eine bessere Wohnung in einem anderen Stadtteil gefunden haben oder aus beruflichen Gründen umziehen, müssen auch die Kinder und Jugendlichen den Wohnort wechseln.

Der Umzug ist meistens mit einem Wechsel der Schule verbunden. Die Kinder und Jugendlichen müssen sich einen neuen Freundeskreis suchen. Dies kann rasch zu einer Verschlechterung der schulischen Leistungen führen, und die Kinder geraten in einer Lebensphase, in der Freunde als „Peer-group“ von großer Bedeutung für die Entwicklung von Selbstwertgefühl und Persönlichkeit sind, schnell in eine soziale Isolation.

Die meisten Kinder und Jugendlichen überwinden die Krise nach einiger Zeit. Bei einer fragilen Persönlichkeit kann es jedoch zum Ausbruch einer Psychose kommen. Ein Team um James Kirkbride vom University College London hat den Einfluss der innerstaatlichen Migration auf das Psychoserisiko durch einen Abgleich der Einwohnermelderegister mit dem nationalen Krankenhausregistern untersucht. Die Forscher führten die Untersuchung in Schweden durch, weil dort die Einwohner eine Personalnummer haben, die in allen Registern verwendet wird.

Die Untersuchung umfasst 1,4 Millionen Schweden, die zwischen 1982 und 1995 ihren 16. Geburtstag hatten. Von diesen sind 4.537 wegen einer nichtaffektiven Psychose später in einer Klinik behandelt worden. Die Erkrankung trat im Mittel im Alter von 21 Jahren auf. Der Stessor Wohnungs- und Umgebungswechsel lag da meist schon viele Jahre zurück.

Am meisten gefährdet waren Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren. Schon ein einziger Umzug war in dieser Lebensphase mit einem um 45 Prozent erhöhten Psychoserisiko verbunden. Kinder, die in dieser Zeit 4-mal oder noch häufiger den Wohnort wechselten, hatten sogar ein 4-fach erhöhtes Risiko.

Es ließ sich zwar häufig auf andere Faktoren wie frühere Umzüge oder schlechtere schulische Leistungen zurückführen (wobei letztere auch eine Folge des häufigeren Ortswechsels gewesen sein könnten). Es blieb jedoch ein signifikant erhöhtes Risiko übrig, dass mit der Zahl der Umzüge von 28 % bei einem Umzug auf 99 % bei 4 oder mehr Umzügen anstieg.

Am zweitgrößten war der Einfluss bei jüngeren Kindern im Alter von 5 bis 15 Jahren. Das Psychoserisiko stieg hier (nach Berücksichtigung anderer Risikofaktoren) um 22 %, wenn die Eltern einmal umgezogen waren, beziehungsweise um 95 % bei 4 oder mehr Umzügen.

Selbst bei Vorschulkindern waren die Umzüge der Eltern mit einem 13 bis 83 % (nach 1 oder nach 4 oder mehr Umzügen) erhöhten Psychoserisiko verbunden. Kirkbride rät deshalb den Psychiatern, bei ihren jugendlichen Patienten immer auch nach Umzügen der Eltern zu fragen und die entsprechenden Probleme durch Isolation und gestörter Selbstwertfindung zu thematisieren.

Depressive Symptomatik bei Jugendlichen weit verbreitet

Jugendliche in Deutschland sind häufig von einer depressiven Symptomatik betroffen. Zu diesem Ergebnis kamen Lutz Wartberg und Co-Autoren auf der Grundlage einer repräsentativen Befragung in der aktuellen Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes (Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 549–55).

Die Autoren aus dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf untersuchten 1.001 Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren. Anschließend bestimmten sie die Punktprävalenz einer depressiven Symptomatik und damit assoziierte Faktoren.

Laut Studie betraf eine depressive Symptomatik jeden 12. Jugendlichen. Die geschätzte Punktprävalenz war dabei unter Mädchen signifikant größer als unter Jungen. Neben Geschlecht und höherem Alter trat eine depressive Symptomatik häufiger in Verbindung mit bestimmten anderen Faktoren auf, wie etwa einem negativen Körperbild oder einem problematischen Umgang mit sozialen Medien und Computerspielen. Auch ein niedriges interpersonales Vertrauen und die Funktionalität der Familie gaben die Autoren als assoziierte Faktoren an.

Aus der Studie geht – für Deutschland erstmalig – hervor, dass ein Zusammenhang zwischen einer depressiven Symptomatik im Jugendalter und einer problematischen Nutzung sozialer Medien besteht.

Dialektische Verhaltenstherapie schützt Teenager vor Suiziden

Eine dialektische Verhaltenstherapie, entwickelt von einer US-Psychologin, die als Jugendliche selbst am Borderlinesyndrom litt, hat in einer randomisierten Studie in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.1109) die Suizidalität von Teenagern deutlich gesenkt.

Suizide sind nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache von Kindern und Jugend­lichen. Auf jeden Suizid kommen noch einmal 8 bis 25 Suizidversuche, und viele der betroffenen Teenager neigen zu selbstverletzendem Verhalten, das häufig Ausdruck einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ist. Psychologen finden selten Zugang zu ihren Patienten, und bisher mangelt es an evidenzbasierten Therapien, mit der sich die Zahl der Suizidversuche oder Selbstverletzungen senken lässt.

Die US-Psychologin Marsha Linehan, die selbst als Jugendliche an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung litt, hat für die betroffenen Patienten eine Variante der kognitiven Verhaltenstherapie entwickelt, die den jungen Patienten Einsicht in ihre Erkrankung vermitteln und Wege aufzeigen soll, die sie von weiteren Suizidversuchen abhält. Der Kerngedanke der dialektischen Verhaltenstherapie ist dabei, eine Konfrontation zwischen Psychologen und Patienten zu vermeiden, die sich bei einer Suizidalität von Jugendlichen schnell entwickeln kann.

Bei der dialektischen Verhaltenstherapie soll der Therapeut zunächst die Absichten des Patienten (als „These“) akzeptieren, um dann in einer therapeutischen Allianz einen Gegenentwurf („Antithese“) zu entwickeln, der unter Akzeptanz der Persönlichkeit des Patienten in einer „Synthese“ ein Weiterleben ermöglicht.

Die dialektische Verhaltenstherapie bestand aus wöchentlichen individuellen Psychotherapien, einem Mehrfamiliengruppen-Training, einem Jugend- und Eltern-Telefoncoaching sowie wöchentlichen Therapeuten-Teamberatungen. Die Kontroll­gruppe nahm lediglich an regelmäßigen unterstützenden Gruppensitzungen teil.

Nach den jetzt vorgestellten Ergebnissen erzielte die dialektische Verhaltenstherapie bessere Ergebnisse: 90,3 % der Teenager gegenüber 78,9 % in der Kontrollgruppe unternahmen keine weiteren Suizidversuche. Die Odds Ratio von 0,30 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,10 bis 0,91 signifikant.

Auf nichtsuizidale Selbstverletzungen verzichteten in den ersten 6 Monaten nach der dialektischen Verhaltenstherapie 56,9 % der Teilnehmer gegenüber 40,0 % in der Kontrollgruppe (Odds Ratio 0,32; 0,13–0,70). Frei von sämtlichen selbst zugefügten Verletzungen blieben 54,2 % der Teenager gegenüber 36,9 % in der Kontrollgruppe (Odds Ratio 0,33; 0,14–0,78).

Damit erzielte die dialektische Verhaltenstherapie in allen Endpunkten eine bessere Wirkung. Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen verringerten sich allerdings im Zeitraum von 6 Monaten und einem Jahr. In dieser Zeit war kein statistisch signifikanter Unterschied zur Kontrollgruppe mehr erkennbar. Es gab jedoch keinen Anstieg des suizidalen oder selbstverletzenden Verhaltens, sodass die Behandlung langfristig erfolgreich sein könnte. Allerdings ist die Therapie weit davon entfernt, alle Teenager von ihrer Suizidalität zu befreien. Laut Linehan sind deshalb weitere Anstrengungen erforderlich, um das Therapiekonzept weiter zu verbessern.

Antipsychotika fördern Adipositas und Insulinresistenz bei Kindern und Jugendlichen

Die Behandlung mit 3 häufig „off label“ verordneten Anti­psychotika führt schon in niedriger Dosierung bei Kindern und Jugendlichen nach wenigen Wochen zu einer Zunahme des Fettgewebes und zu einer Verschlechterung der Insulinwirkung, was laut einer Publikation in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/ jamapsychiatry.2018.1088) langfristig das Risiko auf einen Typ-2-Diabetes erhöht.

Die Antipsychotika (Neuroleptika) Aripiprazol, Olanzapin und Risperidon wurden ursprünglich zur Behandlung von Psychosen wie der Schizophrenie entwickelt. Sie werden heute jedoch häufig auch zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyper­aktivitätsstörung  (ADHS) und verwandter Verhaltensstörungen eingesetzt, wenn die Jugendlichen auf Stimulanzien wie Methylphenidat nicht ansprechen. Die Dosis ist dabei deutlich niedriger als zur Behandlung von Psychosen.

Von der Behandlung der Schizophrenie her ist bekannt, dass viele Patienten unter der Behandlung (teilweise beträchtlich) an Gewicht zunehmen. Epidemiologische Studien zeigen, dass diese Gewichtszunahme mit einem erhöhten Diabetesrisiko verbunden ist.

Ein Team um John Newcomer von der Florida Atlantic University in Boca Raton (nördlich von Miami) hat jetzt untersucht, welche Auswirkungen eine niedrig dosierte Behandlung mit Aripiprazol, Olanzapin und Risperidon bei Kindern und Jugendlichen hat. An der Studie nahmen 144 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 19 Jahren teil, bei denen die Ärzte ADHS oder andere Verhaltensstörungen diagnostiziert hatten. Die Patienten wurden über 12 Wochen mit Aripiprazol, Olanzapin oder Risperidon mit der in der Altersgruppe üblichen niedrigen Dosierung behandelt.

Vor der Behandlung sowie nach 6 und 12 Wochen wurde das Gesamtkörperfett mit der Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA) und das viszerale und subkutane Fett mit der Magnetresonanztomographie bestimmt. Außerdem wurde mit der hyperinsulinä­mi­schen-euglykämischen Clamp-Technik die Insulinsensitivität von Muskel-, Leber- und Fettgewebe gemessen.

Die Untersuchungen ergaben, dass die Zunahme des Körpergewichts – der Anteil der übergewichtigen und adipösen Patienten stieg innerhalb von 12 Wochen von 29,9 auf 46,5 % an – tatsächlich auf einer Zunahme des Fettgewebes beruhte.

Die größten Auswirkungen hatte Olanzapin. Der DXA-Anteil des Gesamtkörperfetts erhöhte sich um 4,12 %. Unter der Behandlung mit Aripiprazol kam es zu einer Zunahme um 1,66 % und bei Risperidon zu einer Zunahme um 1,18 %. Der Unterschied zu Olanzapin war jeweils signifikant. Olanzapin führte zu einer stärkeren Vergrößerung der subkutanen Fettdepots, während die Auswirkungen auf das viszerale Fettgewebe bei allen 3 Antipsychotika gleich waren.

Die Clamp-Untersuchungen ergaben, dass die Insulinsensitivität in allen 3 Geweben (Muskel-, Leber- und Fettgewebe) abnahm und zwar in allen 3 Gruppen gleich stark.

Die Studie kann nicht beweisen, dass die metabolischen Störungen langfristig das Diabetesrisiko erhöhen. Nach den Erfahrungen bei Erwachsenen muss aber damit gerechnet werden. Newcomer rät den Kinderpsychiatern, diese möglichen Folgen bei der Nutzen-Risiko-Abschätzung der „off label“-Verordnung zu beachten.

Gestresste Kinder werden schneller erwachsen

Stress in der frühen Kindheit führt zu einer schnelleren Reifung bestimmter Hirnregionen während der Adoleszenz. Im späteren Leben führt Stress hingegen zu einer langsameren Reifung des heranwachsenden Gehirns. Dies ist das Ergebnis einer Langzeitstudie in Scientific Reports von Forschern der Radboud-Universität, die 37 Patienten über fast 20 Jahren beobachtet haben (2018; doi: 10.1038/s41598-018-27439-5).

1998 wurde die Gruppe, die damals 129 Einjährige und ihre Eltern umfasste, erstmals getestet (Nijmegen Longitudinale Studie). In den letzten 20 Jahren haben Forscher unter anderem Interaktionen beispielsweise beim Spielen mit Eltern, Freunden und Klassenkameraden untersucht. Die Kinder wurden auch MRI-Scans unterzogen, um zu untersuchen, wie Stress in verschiedenen Lebensstadien das jugendliche Gehirn beeinflusst und sich auf die zerebrale Reifung auswirkt. Während der Pubertät findet im Gehirn ein natürlicher Prozess statt, in dem Verbindungen zwischen Gehirnzellen verfeinert werden, um effizienterer Netzwerke zu schaffen.

Die Forscher untersuchten negative Lebensereignisse und negative Einflüsse aus dem sozialen Umfeld in 2 Lebensphasen ihrer Probanden: frühe Kindheit (0–5 Jahre) und Adoleszenz (14–17 Jahre). Stress aufgrund von negativen Erfahrungen in der Kindheit, wie Krankheit oder Scheidung, scheint demnach mit einer schnelleren Reifung des präfrontalen Kortex und der Amygdala in der Adoleszenz in Zusammenhang zu stehen.

In der Adoleszenz wirkt Stress anders als im Kindesalter

Hingegen war Stress aufgrund eines negativen sozialen Umfelds während der Adoleszenz, wie etwa ein geringes Ansehen in der Schule, mit einer langsameren Reifung des Hippocampus und einem anderen Teil des präfrontalen Kortex verbunden. Einen kauslen Zusammenhang können die Forscher mit ihrer Studie nicht mit Sicherheit nachweisen. Tierversuche würden dies aber nahelegen, sagt die Doktorandin und Erstautorin Anna Tyborowska.

„Dass Stress in der frühen Kindheit den Reifungsprozess während der Adoleszenz beschleunigt, stimmt mit den Theorien der Evolutionsbiologie überein“, sagt Tyborowska. Aus einer evolutionären Perspektive sei es nützlich, in einer stressigen Umgebung schneller zu reifen. Gleichzeitig verhindere es, dass sich das Gehirn flexibel an die aktuelle Umgebung anpasst. Mit anderen Worten, das Gehirn wird zu früh reif. Überrascht waren die Forscher jedoch, dass sozialer Stress im späteren Leben zu einer langsameren Reifung während der Adoleszenz führt. Interessant findet Tyborowska dabei den Aspekt, dass eine stärkere Wirkung von Stress auf das Gehirn auch das Risiko der Entwicklung von antisozialen Persönlichkeitsmerkmalen erhöht.

Tyborowska führt jetzt die 11. Runde der Messungen durch, wobei die Probanden mittlerweile in ihren Zwanzigern sind.

Bundesregierung will Lage von Kindern psychisch Kranker verbessern

Die Bundesregierung will Kinder mit psychisch oder alkoholkranken Eltern künftig besser unterstützen. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe erarbeite derzeit Vorschläge für ein flächendeckendes Hilfssystem, teilte das federführende Familien­ministerium in Berlin mit.

Der Abschlussbericht mit Empfehlungen zur Verbesserung der Situation der drei bis vier Millionen oft stark belasteten Betroffenen werde dem Bundestag voraussichtlich im Frühjahr 2019 zugeleitet. Die Experten-Arbeitsgruppe unter Beteiligung des Bundesgesundheits- und Bundesarbeitsministeriums sowie der Drogenbeauftragten war durch einen Antrag der Fraktionen von CDU/CSU, SPD und Grünen im Juni 2017 auf den Weg gebracht worden.

Hilfsprogramme für die minderjährigen Angehörigen von Drogen- und psychisch Kranken sind derzeit rar. Dabei wachsen allein etwa 2,6 Millionen Mädchen und Jungen in suchtbelasteten Familien auf. Sie haben ein drei- bis vierfach erhöhtes Risiko, später selbst zu erkranken. Depressionen oder gar eine Alkoholsucht der Mutter oder des Vaters sind heute noch ein Tabu – häufig verschweigen die Kinder aus Scham die Probleme zu Hause. Hilfsangebote für die Betroffenen sind häufig über Spenden finanziert.

Missbrauchs­beauftragter fordert zusätzliche Kassenarztsitze für Traumatherapeuten

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, hat angemahnt, dass es bei der Versorgung von Betroffenen sexuellen Kindesmissbrauchs noch immer viele Defizite gibt.

„Wir benötigen in Deutschland dringend zusätzliche Kassenarztsitze für spezialisierte Psychotherapeuten und spezifische Angebote für komplex traumatisierte Betroffene“, sagte Rörig. Die Kosten für alternative Therapieformen wie Kreativtherapien würden von der Kran­ken­ver­siche­rung bis heute nicht übernommen. Zudem müsse die wertvolle Arbeit der auf sexuelle Gewalt spezialisierten Fachberatungsstellen bundesweit von Ländern und Kommunen finanziell gestärkt werden.

„Je früher Kinder und Jugendliche, die sexuelle Gewalt erlitten haben, Hilfe erhalten, desto besser können sie das Erlebte in ihr Leben integrieren und sich gute Lebens­perspektiven aufbauen“, betonte Rörig. Viele Betroffene, die keine angemessene Hilfe bekommen, kämpften nicht nur mit den psychischen und physischen Folgen des Missbrauchs, sondern litten auch unter schulischen Misserfolgen und Bildungs­abbrüchen, häufig auch unter Beziehungsabbrüchen. Sie seien dadurch im späteren Leben oft von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen.

Fehlender Zugang zu adäquater Therapie

„Mehr als 60 Prozent der psychisch auffälligen und behandlungsbedürftigen Kinder und Jugendlichen, die sexuellen Missbrauch erleiden mussten, nehmen keine missbrauchsbezogene therapeutische Hilfe in Anspruch oder haben keinen Zugang zu adäquater Therapie“, erklärte Jörg M. Fegert, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm.

Er zog zur Untermauerung Ergebnisse aus dem CANMANAGE-Projekt der Universität Ulm heran (2016), das gezielt Kinder und Jugendliche nach Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung untersuchte: Zwei Drittel der rund 300 untersuchten Kinder wiesen danach eine klinisch relevante Belastung nach ICD-10 auf, doch nur 36 Prozent haben eine psychotherapeutische Versorgung erhalten. Selbst wenn therapeutische Interventionen stattgefunden hätten, seien diese nicht immer hinreichend wirksam, berichtete Fegert.

Rahmenempfehlungen von 2012 wirkungslos

Dabei sollte der Zugang zur Versorgung für Betroffene sexuellen Missbrauchs bereits seit den Rahmenempfehlungen im Jahr 2012 vorangetrieben werden, kritisierte Fegert. Damals haben die Bundes­ärzte­kammer, die Bundes­psycho­therapeuten­kammer, die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Spitzenverband Deutscher Krankenhaus­versicherungen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung anlässlich eines soge­nannten Gesundheits-Hearings des UBSKM auch beschlossen, das Informations­angebot und die Zusammenarbeit in der Versorgung von Betroffenen sexuellen Missbrauchs zu verbessern.

„Leider müssen wir aber feststellen, dass die Forderung der Betroffenen nach einem adäquaten Ausbau von Therapieangeboten und einer allgemeinen Zugänglichkeit von Hilfen im Gesundheitswesen noch lange nicht eingelöst ist“, betonte Fegert. Insbe­sondere auf dem Land und für betroffene Jungen und Männer gebe es noch erhebliche Versorgungslücken.

Hindernislauf auf der Suche nach einem Therapieplatz

„Wenn erwachsene Betroffene eine Psychotherapie in Anspruch nehmen wollen beginnt ein Hindernislauf“, berichtete Alex Stern, Mitglied im Betroffenenrat, einem politischen Fachgremium beim UBSKM. Die generell langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz verlängerten sich für von sexuellem Missbrauch Betroffene oft auf mehrere Jahre. Denn: „Viele niedergelassene Psychotherapeuten trauen sich die Behandlung komplexer Traumafolgestörungen nicht zu“, weiß Stern. Wer auf Barrierefreiheit und Fremdsprachenkenntnisse angewiesen sei oder auf dem Land wohne, habe es noch schwerer, einen passenden Therapieplatz zu finden.

Hilfe und Informationen

Die Stelle des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs bietet Betroffenen, Angehörigen, Ärzten und Psychotherapeuten zum Thema sexueller Kindesmissbrauch Hilfle und Informationen an. Es gibt ein Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (0800/2255530) und ein Hilfeportal Sexueller Missbrauch.

Seit der Strukturreform der ambulanten Psychotherapie im April vergangenen Jahres habe sich die Situation noch weiter verschärft, kritisierte Stern. „Die gesetzlichen Krankenkassen weigern sich seitdem häufiger, die Kosten für Therapien bei approbierten Psycho­therapeuten, die aber keinen Kassen­arztsitz haben, zu erstatten.“ Komplex traumatisierte Betroffene stattdessen auf Sprechstundentermine, kurze Akuttermine oder stationäre Behand­lungen zu verweisen, sei „zynisch“, so Alex Stern. Das notwendige Vertrauen in eine therapeutische Beziehung, das Betroffene brauchten, sei bei solch kurzen Begegnungen nicht gegeben.