Spahn will Digitalisierung zu einem Schwerpunkt machen

Die Digitalisierung soll zu einem von drei Schwerpunkten in der Arbeit des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) werden. Das hat der neue Bundesgesundheits­minister Jens Spahn (CDU) heute bei der offziellen Amtsübernahme von seinem Vorgänger Hermann Gröhe (CDU) betont.

Mit dem E-Health-Gesetz seien erste wichtige Schritte erfolgt, aber die Digitalisierung müsse dringend weiter ausgebaut werden, sagte Spahn. Es passiere „so wahnsinnig viel“ in dem Bereich, dass es richtig sei, einen stärkeren Fokus auf dieses Politikfeld zu legen. Er regte an, einmal im Quartal Start-ups ins BMG einzuladen, „um ein Gefühl dafür zu bekommen, was sich dort alles bewegt“.

Wartezeiten ein Aspekt

Als weiteres großes Thema bezeichnete Spahn die ambulante Versorgung. Das große Aufregerthema sei dabei, wie schnell gesetzlich Versicherte einen Termin beim Arzt erhielten. Ein weiterer Schwerpunkt sei die Pflege, vor allem die Situation und die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften. Spahn betonte aber auch, dass viele weitere kleinere Themen in der Gesundheitspolitik wichtig seien.

Der neue Minister ermunterte die Mitarbeiter im BMG heute dazu, mit ihm die an­stehenden Themen gemeinsam umzusetzen und kritisch zu diskutieren. „Was ich brauche, sind kontroverse Debatten“, sagte Spahn. Diese müsse man nicht öffentlich führen, sondern intern. Wichtig sei für ihn, andere Argumente zu kennen, um abwägen zu können.

Sein Vorgänger Gröhe machte vor den Mitarbeitern des Hauses unter großem Beifall deutlich, dass ihm der Abschied nicht leicht falle. Der 57-Jährige, der das Ressort in der vergangenen Legislaturperiode leitete, scheidet aus der Bundesregierung aus. Nach Informationen des Deutschen Ärzteblattes könnte er neuer stellvertretender Fraktions­vorsitzender der Unionsfraktion werden. Er könnte damit Sabine Weiss nachfolgen, die neue Parlamentarische Staatssekretärin im BMG ist.

Der Personalratsvorsitzende des BMG, Hans-Josef Marx, erinnerte Spahn heute an die Vorhaben der neuen Großen Koalition, die sachgrundlose Befristung von Arbeits­verhältnissen zur Ausnahme zu machen. Er forderte Spahn dazu auf, sich beim nächsten Personalhaushalt für mehr Stellen einzusetzen, damit sachgrundlose Befristungen auch im BMG „zur Ausnahme“ werden. So könnten die derzeit 61 befristet Beschäftigten im BMG „eine sichere Zukunftsperspektive“ bekommen.

Tests für medizinische Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte starten im Herbst

Bei der momentanen Anbindung der Arztpraxen an die Telematik­infrastruktur (TI) werden die Möglichkeiten der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) bislang nicht ausgeschöpft, nur die Versichertenstammdaten werden abgeglichen. Aber ab Herbst dieses Jahres sollen auch die ersten medizinischen Anwendungen der Karte erprobt werden – und zwar in Westfalen-Lippe.

Dabei soll es um den Not­fall­daten­satz und den Medikationsplan gehen, wie heute Thomas Müller, Mitglied des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe, und Frank Gotthardt, Vorsitzender des Vorstands der CompuGroup Medical SE (CGM), beim Gesundheitskongress des Westens in Köln erklärten.

„Um für noch mehr Akzeptanz der eGK bei Ärzten und Patienten zu sorgen, ist es sehr wichtig, dass mit dem Not­fall­daten­satz und dem elektronischen Medikationsplan nun möglichst bald auch medizinische Applikationen über die Karte aufrufbar sind“, sagte Müller. Gotthardt betonte, für die Feldtests seien die Praxisnetze in Westfalen-Lippe besonders geeignet. „Wir brauchen kritische und zugleich aufgeschlossene Ärzte für die Erprobung, um etwaiges Verbesserungspotenzial identifizieren zu können“, betonte er.

 An dem Feldtest sollen 70 bis 75 Arztpraxen, einige Zahnarztpraxen, bis zu 16 Apotheken, eine kassenärztliche Notfalldienstpraxis sowie ein Krankenhaus teilnehmen. Diese Akteure sollen über einen Zeitraum von acht Wochen 1.400 Notfalldatensätze und 2.100 Medikationspläne auf den elektronischen Gesundheits­karten der Versicherten speichern. Der Feldtest soll wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden.

Müller kündigte an, jetzt geeignete Arztpraxen auszuwählen, in denen die Funktionalität und die Interoperabilität der neuen medizinischen Anwendungen auf der eGK getestet werden können. „Verläuft der Test erfolgreich – wovon wir ausgehen –, so werden Not­fall­daten­satz und eMedikationsplan anschließend sehr zeitnah bundesweit über Tele­ma­tik­infra­struk­tur und die elektronische Gesundheitskarteabrufbar sein“, versprach der CGM-Vorstandsvorsitzende Gotthardt.

Neue Technologie für die Psychotherapie

Pharmafirmen und Wissenschaftler treiben mit Digitaltechnik die Automatisierung der Psychotherapie voran

Der psychotherapeutische Chatbot ist mithin keine neue Idee. Allerdings erreicht er heute in Gestalt von Woebot – „erhältlich bei Facebook Messenger, für iPhone oder iPad und bald auch Android“ – zum ersten Mal die Massen. Man mag die Idee einer automatisierten Psychotherapie für albern oder auch für unethisch halten. Sie verbreitet sich jedenfalls gegenwärtig mit Macht und großer Geschwindigkeit. Von der Depression bis zur Zwangsstörung, von der Phobie bis zur Sucht, für jedes psychologische Krankheitsbild entsteht gerade irgendwo eine „Internetintervention“, wie der Fachausdruck lautet.

Der Staat fördert die Forschung für Electronic Mental Health, und die Pharmaindustrie hat die digitale Versorgung von psychisch Kranken als Wachstumsmarkt ausgemacht. An den Universitäten etabliert sich Electronic Mental Health derweil als eigenständige Forschungsdisziplin, mit einem internationalen Verband und Fachzeitschriften.

Gleichzeitig existiert in der Bevölkerung offenbar eine enorme Nachfrage nach digitaler Unterstützung beim Stressmanagement und der Work-Life-Balance. Wer heute in den App Stores das Stichwort „Seelische / psychische Gesundheit“ eingibt, dem werden 300000 Programme angeboten, die gegen Niedergeschlagenheit helfen sollen, zur Stärkung des Selbstbewusstseins oder für eine bewusste Ernährung. Viele Millionen Menschen nutzen mittlerweile e-Mental Heath. Die meisten Apps richten sich an Depressive, Menschen mit Angststörungen und Alkoholproblemen, etwas seltener an Personen mit Essstörungen. Ein Teil dieser Programme dient lediglich der „Achtsamkeit“. Sie übertragen die Methoden der Selbstvermessung, die wir von den Fitness-Apps kennen, auf Stimmung und Affekte. Sie funktionieren wie ein digitalisiertes (und standardisiertes) Tagebuch und versorgen die Nutzerinnen – tatsächlich handelt es sich überwiegend um Frauen – in regelmäßigen Abständen mit guten Ratschlägen und aufmunternden Worten. Populäre Programme wie „Headspace“ oder „7 Minds“ sollen das Wohlbefinden steigern.

Allerdings verläuft keine klare Grenze zwischen den Nutzern, die mit den Apps lediglich ihre Laune verbessern wollen, und solchen, die sich tatsächlich hilfsbedürftig und behandlungsbedürftig fühlen. Ein Teil der Angebote richtet sich denn auch an Menschen, die einen echten und starken Leidensdruck spüren. Besonders für diese Zielgruppe gibt es die sogenannten Online-Therapien, die – vergleichbar mit dem sogenannten „Blended Learning“ bei den MOOCs -Inhalte im Internet (beispielsweise Lehrvideos auf Youtube und Multiple Choice-Aufgaben) mit regelmäßiger menschlicher Betreuung verbinden.

Bei Internetkursen wie Selkapy oder Novego telefonieren die Patienten beispielsweise pro Woche eine halbe Stunde mit einem Therapeuten. Sie werden unter anderem als Mittel gegen Depressionen, Angst- und Essstörungen vermarktet.

Die Digitalisierung der Psychotherapie nimmt also ganz unterschiedliche Formen an. Das weite Feld lässt sich unterteilen anhand des Automatisierungsgrades einerseits, anhand der Schwere der Erkrankung andererseits. Dementsprechend reicht das Spektrum von eher spielerischen „Achtsamkeits-Enhancern“ und Meditations-Apps bis zu einer engmaschigen Überwachung über das Smartphone bei schweren Suchterkrankungen oder Suizidgefahr.

Entlang der Dimension „Automatisierungsgrad“ wiederum reicht die Bandbreite von Gesprächstherapien, die über Skype statt wie bisher in der Praxis eines Therapeuten stattfinden, bis zu Versuchen einer „psychotherapeutischen Vollautomation“ mittels Chatbot und Emotionsklassifizierung mittels Sensorik und Software. Die bloße Verlagerung ins Internet ändert an der verausgabten Arbeitszeit aber natürlich nichts (möglicherweise abgesehen von Anfahrtszeiten), so wie das schon bei den MOOCs der Fall war.

„Automatisierung“ bedeutet in der Praxis daher vor allem Selbstbedienung, sprich: Die Patienten übernehmen Aufgaben, die früher die Heilberufe ausfüllten. Zu den Online-Therapien zählen dementsprechend viele „angeleitete“ und „nichtangeleitete Selbstmanagementinterventionen“ (wobei Therapien mit Anleitung in der Regel besser wirken) – die Kranken arbeiten sich eine Lektion nach der anderen durch, wie mit einem Selbsthilfe-Lehrbuch.

Kommen Online-Therapien bald in die Regelversorgung der Krankenkassen?

Ein neunwöchiger Online-Kurs gegen Depressionen (inklusive wöchentlicher halbstündiger Telefongespräche mit einem Coach) ist ab 180 Euro zu haben. Die deutschen gesetzlichen Krankenkassen zahlen für nur eine Sitzung Gesprächs- oder Verhaltenstherapie bei einem niedergelassenen Psychologen 90 Euro. Eine ausgemachte Sache also, dass sich die billigere Variante durchsetzen wird?

Bislang werden die Online-Therapien von den Kassen höchstens auf Antrag als „Präventionsmaßnahme“ erstattet. Einen Anspruch darauf haben die Versicherten nicht. Die Kassen bremsen, denn sie wollen sich nicht von den kommerziellen Online-Anbietern abhängig machen, die übrigens mit großen Pharmakonzernen verwoben sind. Außerdem existiert bisher keine wirkliche Qualitätssicherung. Zwar gelten für die Apps gesetzliche Vorschriften als Medizinprodukte, ihre psychiatrische Wirksamkeit dagegen wird nicht systematisch untersucht.

Der Fachverband der psychotherapeutischen und psychiatrischen Ärzte DGPPN hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die Qualitätskriterien für die Therapie-Programme entwickeln soll. Der Gemeinsame Bundesausschuss aus Krankenkassen, Ärzteverbänden und Krankenhäusern, der über die Erstattungsfähigkeit von Behandlungen entscheidet, macht bisher keine Anstalten, sich mit den Online-Psychotherapien zu beschäftigen. Bis sie Teil der Regelversorgung sind, wird es also noch dauern.

In anderen europäischen Ländern sieht das anders aus. In den Niederlanden etwa werden Online-Behandlungen von Depressionen und Angststörungen von den Kassen finanziert, ähnlich in Schweden, Dänemark und Großbritannien

Viele Krankenkassen haben dafür eigene „Online-Coaches“ in ihr Angebot aufgenommen. Diese dienen allerdings nicht als Ersatz für eine regelrechte Psychotherapie, sondern kommen bei leichteren Erkrankungen („Befindlichkeitsstörungen“) zum Einsatz und um die Wartezeit bis zum Beginn einer herkömmlichen Therapie zu überbrücken. Dabei greifen die Kassen häufig auf private Dienstleister zurück, die teilweise auch die Betreuung der Patienten abwickeln.

Die jährlichen Nutzerzahlen liegen bisher selbst bei großen Krankenkassen wie der AOK lediglich im niedrigen vierstelligen Bereich – angesichts von insgesamt 1,7 Millionen Psychotherapien pro Jahr ist die Versorgung online bisher nicht wirklich von Belang! Dazu kommen allerdings die Patienten, die sich eine solche Behandlung selbst verordnen und sie aus eigener Tasche bezahlen; wie viele es sind, ist unklar.

Die neuen Akteure im Bereich Psychotherapien verändern auch das Berufsbild, was den Psychotherapeuten Sorgen bereitet. Zwar betonen die Anbieter der Online-Therapien, dass sie nur ausgebildete Psychologen beschäftigen. Tatsächlich decken sie ihren Personalbedarf teilweise mit Werkstudenten, Praktikanten und Fachpflegern aus den Psychiatrien. Die „psychologischen Online-Berater“ und „Coaches“ haben mit einem niedergelassenen, formal unabhängigen Psychotherapeuten jedenfalls wenig gemeinsam.

Aber wirken die psychologischen Internetinterventionen überhaupt? Diese Frage lässt sich durchaus nicht einfach beantworten, denn mit der wissenschaftlichen Evidenz in diesem Bereich ist es so eine Sache. Zwar zeigen einige klinische Studien und Metaanalysen, dass die Online-Therapien Patienten mit Depressionen, Schizophrenie und posttraumatischen Belastungsstörungen helfen können. Allerdings fehlt bislang ein Nachweis, dass sie mit den herkömmlichen psychologischen Behandlungen – also denen von Angesicht zu Angesicht – mithalten können.

Dass es den Teilnehmern in klinischen Studien regelmäßig besser geht, wenn sie eine bestimmte Software benutzen, ist, für sich genommen, nicht sonderlich beeindruckend. Denn depressive Menschen profitieren in der Regel ohnehin davon, dass sie sich behandeln lassen. Die wissenschaftliche Evidenz für die Überlegenheit einer bestimmten Behandlungsform ist insgesamt ziemlich dünn.

Unschön und vieldeutig sprechen Mediziner vom Placebo-Effekt. Um diesen Effekt ranken sich viele Missverständnisse. Jede Behandlung beruht auch darauf, dass sie von den Patienten für heilsam gehalten wird. Dies gilt für eine Kopfschmerztablette ebenso sehr wie für die chirurgische Operation eines gebrochenen Knochens, für einen schamanischen Tanz ebenso wie für eine Psychoanalyse. (Dies bedeutet natürlich nicht, dass sich jede Behandlung in der Placebo-Wirkung erschöpft, weshalb bei Kopfschmerzen eine Aspirin-Tablette empfehlenswerter ist als ein Schamane.)

„Placebo / Nocebo“ ist in Wirklichkeit ein vielfältiges Set von psychosozialen Effekten. Dieses Set ist nicht statisch, sondern dynamisch, weil bestätigte Erwartungen stärker werden: Je besser eine bestimmte Tablette die Kopfschmerzen lindert, umso größer der Glaube an ihre Wirksamkeit. Aus diesem Grund erzeugen „aktive Placebos“, die Nebenwirkungen auslösen, deutlich größere Effekte als „inaktive“ Mittel, die körperlich nicht wahrzunehmen sind. Wir haben gelernt, dass die Sinneseindrücke eine Besserung ankündigen, und bereits diese Erwartung lindert die Schmerzen.

Bei psychologischen und psychiatrischen Behandlung ist es besonders schwierig, die Wirkungen der Erwartungen von den Wirkungen der Intervention zu unterscheiden. Psychische Störungen zeichnen sich schließlich durch starre und einseitige Erwartungshaltungen und Wahrnehmungen aus – keine Depression ohne Hoffnungslosigkeit!

Wenn Depressive sich zum ersten Mal in Behandlung begeben, haben sie einen wichtigen Schritt bereits hinter sich gebracht: Sie werden aktiv und suchen nach Hilfe. Wie diese Hilfe dann aussieht – ob die Patienten Fluoxetin schlucken oder eine wöchentliche Gesprächstherapie durchführen – macht dann überraschend wenig Unterschied. Der amerikanische Psychiater Lester Luborkys zitiertein diesem Zusammenhang den schönen Satz aus „Alice im Wunderland“: „Alle haben gewonnen und jeder muss einen Preis bekommen.“

Um diese Behauptung rankt sich seit Jahrzehnten ein erbitterter Streit. Psychotherapeuten wenden typischerweise ein, dass statistische Verfahren nicht geeignet seien, um die individuellen Verbesserungen zu erfassen, weil sich ihre Interventionen kaum standardisieren und vergleichen lassen – Gesprächstherapie ist nun einmal nicht gleich Gesprächstherapie. Dieses Argument läuft allerdings natürlich lediglich darauf hinaus, dass Patienten hoffen dürfen, dass bei ihnen die Behandlung überdurchschnittlich erfolgreich sein wird.

Zu den schwer zu beurteilenden und in der Regel schwachen Wirkungen kommen noch zahlreiche methodische Schwierigkeiten, klinische Effekte durch psychiatrische Behandlungen hieb- und stichfest zu beweisen. So ist eine Verblindung wie in randomisiert-kontrollierten pharmakologischen Studien bei Psychotherapien nicht möglich. Objektive Biomarker gibt es nicht. Deshalb werden in den Studien die Symptome mit Messinstrumenten wie der Hamilton-Skala erfasst. Depressivität wird also auf einer kontinuierlichen Skala dargestellt, und alle Grenzwerte haben bekanntlich etwas Willkürliches an sich.

Einigermaßen klar ist jedenfalls: Bei Depressionen kann ein Placebo durchaus eine Verbesserung zwischen 30 und 40 Prozent bringen (definiert als Minderung der Symptome, erfasst mit Fragebögen). Psychotherapie und Antidepressiva schneiden mit Verbesserungen zwischen 40 und 50 Prozent ziemlich gleich ab. Die Kombination aus beidem wirkt am besten (wenn nicht nach verschiedenen Patentengruppen unterschieden wird).

Eine Besserung ihrer Leiden dürfen depressive Patienten, die sich zum ersten Mal in Behandlung begeben, also ohnehin erwarten. Andererseits sind Rückfälle durchaus häufig, etwa die Hälfte der Patienten (!) wird innerhalb von zwei Jahren nach einer abgeschlossenen Behandlung wieder depressiv (weshalb einige Psychiater bekanntlich die Antidepressiva am liebsten überhaupt nicht mehr absetzen).

Letztlich besteht der Beweis des Puddings in der Mahlzeit, wie der pragmatische Engländer sagt. Eine Psychotherapie ist erfolgreich, wenn die Patienten sich (subjektiv) besser fühlen und (objektiv) ihre verschiedenen sozialen Rollen ausfüllen. Ob Internet-Interventionen dazu ebenso gut taugen erreichen wie Pharmakotherapien oder „Face to Face“-Behandlungen, ist bislang unklar. Allerdings gibt es keinen Grund dafür, warum eine digitale Psychotherapie schlechter funktionieren sollte als beispielsweise eine Behandlung „face to face“ durch einen unengagierten oder schlechten Verhaltenstherapeuten.

Neue Technologien sollen Gesundheits­versorgung der Zukunft ermöglichen

Die Kosten für die Gesundheitsversorgung werden weltweit in den kommenden Jahren weiter steigen. Davon sind die Autoren der Expertise „Global Health Care Outlook“ des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte überzeugt. Sie gehen von einem Anstieg der weltweiten Gesundheitsausgaben pro Jahr um mehr als vier Prozent bis 2021 aus.

Grund dafür ist unter anderem eine steigende Lebenserwartung, die dann bei 74,1 Jahren liegen wird. Der Anteil der Über-65-Jährigen wächst demnach auf global 11,5 Prozent. Zudem spielen – meistens chronische – Zivilisations- und Alterskrankheiten eine zunehmende Rolle. „Alle drei Sekunden erkrankt ein Mensch durchschnittlich an Demenz, schon heute kostet die Behandlung der Krankheit und ihrer Folgen weltweit Billionen“, erläuterte Sebastian Krolop, Partner und Leiter Life Sciences & Health Care bei Deloitte.

In Westeuropa, wo die Über-65-Jährigen in drei Jahren laut dem Unternehmen rund ein Fünftel der Population ausmachen werden, steigen die Gesundheitsausgaben schätzungsweise auf mehr als zwei Billionen US-Dollar – 2015 waren es noch knapp 1,7 Billionen. In Deutschland entspreche dies rund elf Prozent des Bruttosozial­produkts. „Damit die Kosten nicht überhandnehmen und die Anbieter profitabel arbeiten können, braucht es völlig neue Strategien, die das System deutlich smarter machen“, mahnte Deloitte.

Vor allem neue technische Möglichkeiten sollen die Versorgung der Zukunft ermöglichen. Sie erlaubten laut dem Beratungsunternehmen zum Beispiel einen Wechsel vom „Reparaturansatz“ zu präventiver Versorgung. Basis dafür seien Big-Data-Technologien und die Fähigkeit, diese Informationen adäquat auszuwerten und zu nutzen. Die Patienten lieferten Daten dabei auch über smarte, mobile Einheiten, sogenannte Wearables.

„Unternehmen könnten einige der neuen Zielstellungen der Gesundheitsversorgung erreichen, indem sie die Digitalisierung des Versorgungssystems vorantreiben. Zunächst erfordert das Schritthalten mit dem raschen technologischen Fortschritt voraussichtlich erhebliche Investitionen in (unter anderem) elektronische Patientenakten, E-Health/M-Health, Interoperabilität und Big Data“, schreiben die Deloitte-Autoren.

Dies ermögliche aber mittel- und langfristig unter anderem eine engere Patientenbindung. „Krankenhäuser können bei der Gesundheitsversorgung einen höheren Personalisierungsgrad erreichen, indem sie Patienten enger an sich binden und die Patientenerfahrung verbessern – mithilfe digitaler Lösungen zur Unterstützung des Zugangs zum Patienten auf allen Kanälen, darunter Kunden-Apps, Patientenportale, personalisierte digitale Informationspakete und Self-Check-in-Schalter“, so die Berater.

Verbände fordern gesamt­gesellschaftliche Anstrengung bei Digitalisierung

Eine „inhaltlich schlüssige Agenda für die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesen“ haben sechs Verbände in einer gemeinsamen Erklärung von der Politik gefordert. „Ohne die Erwartungen dämpfen oder den Erfolg des bislang Erreichten schmälern zu wollen: Von einer konsequenten und flächendeckenden Digitalisierung des Gesundheitswesens kann keine Rede sein“, heißt es darin.

Zusammengeschlossen haben sich für den Forderungskatalog das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS), der Bundesverband Managed Care (BMC), der Bund zur Verbreitung digitaler Innovationen im Gesundheitswesen (BVdIG), das Deutsche Netzwerk Versorgungsforschung (DNVF), die Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen (GRPG) und der Verbandes digitale Gesundheit (VdigG).

Zu viele Insellösungen

Die Verbände kritisieren zum Beispiel, dass das Potenzial der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) noch immer nicht ausgeschöpft werde. Außerdem gebe es „zu viele Insellösungen, die zwar für sich genommen funktionieren, aber nicht mit den Angeboten anderer Akteure verzahnt sind“. Sie regen zudem an, dass digitale Anwendungen und Lösungen an internationalen Standards ausgestaltet werden müssen.

„EDV-technische Insellösungen, die nicht mit anderen Anwendungen vernetzt werden können, führen in eine Sackgasse“, heißt es in der Erklärung. Außerdem sei eine bundesweit einheitliche Lockerung des Fernbehandlungsverbotes für Ärzte und andere Berufsgruppen über Pilotprojekte hinaus überfällig und die Musterberufsordnung für Ärzte entsprechend anzupassen. „Hier sollte der nächste Ärztetag ein Zeichen setzen“, erklärten die Verbände weiter.

Das informationelle Selbstbestimmungsrecht der Bürger dürfe dabei aber nicht aufgeweicht werden. „Die Digitalisierung ist für die Leistungserbringer Pflicht, für die Patienten freiwillig“, heißt es. Digitale Angebote müssten für Patienten und Bürger diskriminierungsfrei und ohne besondere technische Zugangshürden nutzbar sein. Digitale Anwendungen sollten dazu flächendeckend in ganz Deutschland verfügbar und zugänglich sein, insbesondere in ländlichen Regionen und strukturschwachen Gebieten. „Darum müssen Bund und Länder für einen flächendeckenden Breitband­ausbau und eine umfassende Internetverfügbarkeit sorgen“, so die Forderung.

Die Akteure im Gesundheitswesen benötigten ein dauerhaftes und angemessenes Innovationsbudget für digitale Versorgungsmodelle. „Patienten erwarten in erster Linie von ihrem Arzt sowie von den Heilberufen insgesamt eine entsprechende Beratung und Empfehlung hinsichtlich der für sie geeigneten digitalen Gesundheitsangebote“, stellen die Verbände klar. Hierzu seien adäquate Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote zu schaffen, so die Forderung.

Mit der gemeinsamen Erklärung wollen die Verbände und Organisationen nicht zuletzt deutlich machen, dass eine Digitalisierung des Gesundheitswesens nur gelingen kann, wenn sich alle wichtigen Akteure dafür engagieren. Das gelte sowohl für die Politik als auch Gesundheitsberufe, Kostenträger, Industrie, Wissenschaft, Gemeinsame Selbstverwaltung, Verbände und Organisationen aus dem E-Health-Sektor bis hin zu den Bürgern beziehungsweise Patienten.

Künftige Staatsministerin für Digitales mahnt modernen Datenschutz a

Die designierte Staatsministerin für Digitales im Kanzleramt, Dorothee Bär (CSU), sieht in der Digitalisierung im Gesundheitsbereich viele Chancen. „Könnten Daten deutscher Patienten mit weltweiten Datenbanken abgeglichen werden, wäre eine Diagnose oft schneller da, als sie zehn Ärzte stellen können“, erklärte sie heute der Bild-Zeitung.

Dem stünde aber der derzeitig geltende Datenschutz entgegen. „Wir brauchen deshalb endlich eine smarte Datenkultur vor allem für Unternehmen. Tatsächlich existiert in Deutschland aber ein Datenschutz wie im 18. Jahrhundert“, so Bär.

Grundsätzlich mahnte die künftige Staatsministerin für Digitales bei der Digitalisierung Deutschlands mehr Tempo an. Insbesondere den Unternehmen wolle sie helfen, „Championsleague zu spielen, Weltmeister zu sein“, und dabei wolle sie „ein Taktgeber“ sein, sagte die CSU-Politikerin gestern in den ARD-Tagesthemen. Ihr gehe das „viel, viel zu langsam“.

Bär sieht auch in einzelnen Fachministerien Defizite bei der digitalen Entwicklung. Sie habe in den vergangenen Jahren festgestellt, „dass wir auch in unseren Ministerien unterschiedliche Geschwindigkeiten haben“, sagte sie. Es gebe welche, die viel, viel weiter seien, andere leider noch nicht. Jedes Ministerium in Deutschland müsse „ein Digitalministerium sein“, forderte die künftige Staatsministerin.

Gesundheitsbranche zieht es in die Cloud

Die Gesundheitsbranche wird künftig verstärkt in Cloud-Technologien investieren. Das geht aus einer aktuellen Studie des Marktforschungs­unternehmens Frost & Sullivan hervor. Demnach werden die Umsätze für Cloud-Services bis 2021 auf fast zehn Milliarden US-Dollar steigen. Ein wesentlicher Grund dafür ist die veränderte Haltung der Branche: Laut den Marktforschern glauben immer mehr Entscheidungsträger, dass Cloud-Umgebungen sicherer sind als interne Infra­strukturen – insbesondere in Bezug auf Datensicherung und Notfall­wiederherstellung.

Angekurbelt wird der Markt durch die Datenexplosion in der Branche. „Das Volumen unstrukturierter medizinischer und Gesundheitsdaten, die außerhalb klinischer Umgebungen generiert werden, wächst ins Unermessliche“, verdeutlichte Digital Health Research Manager Natasha Gulati. Gemeinsam betriebene Cloud-Plattformen könnten die Gesundheitsdaten künftig verschiedenen Interessengruppen zugänglich machen sowie Risiken und Kosten auf mehrere Schultern verteilen.

Aber auch Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und andere Teilnehmer des Pflege­spektrums werden nach Ansicht der Autoren verstärkt auf Cloud-Plattformen setzen. Ihr Ziel sei es, so Daten- und Anwendungszugriffe zu verbessern, die Interoperabilität zu erweitern und eine große Menge an Gesundheitsdaten effizient zu verwalten, zu speichern und zu archivieren.

Die Studie „Healthcare Cloud Computing Outlook, Global, 2016–2021“ untersucht Wachstumsmöglichkeiten, Geschäftsmodelle, Herausforderungen, markttreibende Faktoren und branchenspezifische Cloud-Lösungen. Zudem werden Marktteilnehmer, Käuferverhalten und Kundenerwartungen vorgestellt.

Neuer Trend unter Jugendlichen: Selbstverletzung im Netz

US-amerikanische Kinder- und Jugendärzte machen auf einen neuen, besorgniserregenden Trend bei Jugendlichen aufmerksam: „Digital self-harm“, selbstverletzendes Verhalten im Netz, bei dem Jugendliche anonym gemeine Dinge über sich selbst ins Netz stellen oder in sozialen Medien posten.

So hatten in einer Umfrage unter knapp 6.000 amerikanischen Schülern rund sechs Prozent der Jugendlichen angegeben, sie hätten sich im Internet schon einmal selbst bloßgestellt (Journal of Adolescent Health 2017, doi: 10.1016/j.jadohealth.2017.06.012). Als Grund dafür gaben sie vorwiegend Selbsthass, den Wunsch nach Aufmerksamkeit und Depressionen an.

Bislang ist noch nicht umfassend und sicher geklärt, was Teenager dazu bewegt, sich selbst online zu mobben. Experten vermuten jedoch, dass digitale Selbstverletzung zumindest zum Teil Ähnlichkeiten mit körperlichem selbstverletzendem Verhalten wie Ritzen aufweist: Es ist ein Mittel, um mit psychischen Schmerzen und Problemen umzugehen und dient vermutlich auch dazu, im schlechten Selbstbild bestätigt zu werden.

„Wenn Eltern von ihrem Kind erfahren, dass es über soziale Medien gemobbt wird, sollten sie nicht zögern, eine gründliche Untersuchung einzuleiten, um den Ursprung des Cybermobbings aufzuklären“, rät Harald Tegtmeyer-Metzdorf vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Sollte sich ein Jugendlicher zusätzlich aber auch selbst online beschimpft haben, gelte es, dies als Hilferuf zu verstehen und umgehend geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter

Deutschland gehört mit 25–35 % Lebenszeitprävalenz von zumindest einmaligem nichtsuizidalen selbstverletzenden Verhalten (NSSV) unter Jugendlichen innerhalb Europas zu den Ländern mit den höchsten Prävalenzraten (1, 2). Diese Thematik besitzt daher für Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachdisziplinen eine hohe Relevanz. In den letzten Jahren haben drei Leitlinien und ein Cochrane Review den

Jeder fünfte Jugendliche ist spielsuchtgefährdet

Im Vorfeld des Safer Internet Days am 6. Februar haben Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und Drogenbeauftragte der Bundesregierung vor steigenden Suchtgefahren durch Online-Glücks- und Computerspiele gewarnt. Vor allem junge Menschen seien dadurch besonders gefährdet.

Vor diesem Hintergrund forderte Drogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) klare rechtlichen Rahmenbedingungen sowie eine bessere Aufklärung und einen konsequenten Jugend­schutz. „Außerdem ist es höchste Zeit, dass sich die zuständigen Länder endlich auf eine Novelle des Glücksspielstaatsvertrages einigen, mit der die Grenze zwischen legalem und illegalem Glücksspiel im Internet klar gezogen wird“, sagte Mortler.

Laut einer bundesweiten Repräsentativbefragung der BZgA nutzen aktuell bundesweit rund 725.000 Menschen Online-Glücksspiele. Junge Menschen seien vor allem durch Internetangebote und Computerspiele gefährdet.

Mehr als ein Fünftel (22,4 Prozent) der Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren sowie rund 14,9 Prozent der jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren nutzen entsprechende Angebote exzessiv und riskieren damit negative gesundheitliche Folgen oder den Verlust sozialer Kontakte.

„Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass die Grenze zwischen Online-Computerspielen und Online-Glücksspielen zunehmend verschwimmt. Vor allem junge Menschen, die gerne Onlinespiele nutzen, müssen daher die Risiken des Glücksspiels kennen, um nicht nach Verlusten erneut spielen zu wollen und so in die Abhängigkeit zu geraten“, warnte BZgA-Leiterin Heidrun Thaiss.

Die BZgA informiert über auf einer Internetseite über die Risiken von Online-Glücksspielen und sonstigen Glücksspielen, bietet Hilfestellungen und vermittelt Kontakte zu wohnortnahen Beratungsstellen. Außerdem können sich Glücksspiel-Nutzende, deren Angehörige oder Interessierte per Telefon kostenfrei und anonym beraten lassen.

Patienten schätzen „Dr. Googles“ Vielseitigkeit

Mehr als die Hälfte der Patienten sind mit den im Internet gefundenen Gesundheitsinformationen zufrieden. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung. Diese bringt ans Licht, wie vielfältig die Gründe für die Besuche bei „Dr. Google“ sind. Ob es darum geht, einen Arzttermin vorzubereiten, Therapien zu vergleichen oder sich mit anderen auszutauschen: Patienten finden,
wonach sie suchen – neben harten Fakten auch Trost und Zerstreuung. Doch nutzen Ärzte und Patienten das Potenzial des Internets aus?

Gütersloh, 26. Januar 2018. Wenn Patienten „Dr. Google“ um Rat fragen, geht es keineswegs nur um rationale Bedürfnisse. Das belegen Tiefeninterviews, die das Marktforschungsinstitut Rheingold im Auftrag der Bertelsmann Stiftung geführt hat. Diese qualitative Studie zur Frage, wie Patienten nach Informationen im Netz suchen und diese nutzen, wurde durch eine repräsentative Bevölkerungsbefragung von Kantar Emnid ergänzt. Sie offenbart eine große Zufriedenheit der Patienten mit den Antworten aus dem Netz. Gemeinsam zeichnen die Untersuchungen ein Bild darüber, wie Patienten in Deutschland „Dr. Google“ nutzen, welche Chancen das Internet für das Arzt-Patienten-Verhältnis bietet und welche Herausforderungen zu meistern sind.

Das Internet ist ein besserer Ratgeber als häufig angenommen
Die Motive der Online-Suchenden sind sehr vielfältig, das decken die Tiefeninterviews auf. Patienten nehmen „Dr. Google“ in Anspruch, um ärztliche Empfehlungen zu überprüfen, sich über Behandlungsalternativen zu informieren, sich mit anderen auszutauschen und emotionale Unterstützung zu erhalten. Die Recherche gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit, Beruhigung oder auch Zerstreuung.
So verschieden die Suchmotive, so groß ist die Zufriedenheit mit den Treffern. 52 Prozent sind „immer zufrieden“ oder „meistens zufrieden“, 44 Prozent sind „teils, teils zufrieden“, „selten zufrieden“ sind nur zwei Prozent der Befragten. Niemand, so zeigen die repräsentativen Ergebnisse, ist mit den eigenen Suchergebnissen „immer unzufrieden“.

„Anders als vielfach behauptet, ist das Internet ein geschätzter Ratgeber. Patienten finden, wonach sie suchen“, so Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. „Dr. Google“ ist einfach zu kontaktieren, immer und überall erreichbar, hat unbegrenzt Zeit, bietet Expertenwissen für Laien. Und: Die Suchenden finden in vielen reichweitenstarken Portalen Informationen von solider bis sehr guter Qualität, wie die Universität Frankfurt am Main 2017 für das Magazin Ökotest ermittelte. Dass Patienten bei ihrer Suche auch auf Fehlinformationen treffen und unseriösen Websites vertrauen, ist dabei unbestritten. „Um Patienten vor gezielten Falschinformationen zu schützen, muss im Sinne einer Marktwächterfunktion konsequent dagegen vorgegangen werden. Bislang gibt es dafür wenig Konzepte und Verantwortlichkeiten. Die Entwicklung erfolgversprechender Strategien ist daher eine Aufgabe, die dringend angegangen werden muss“, so Mohn.

Potenzial des Internets wird nicht ausgeschöpft
Die Analyse zeigt: Das Internet zählt nach Gesprächen mit Ärzten und Angehörigen oder Freunden zu den drei am häufigsten herangezogenen Informationsquellen in Gesundheitsfragen. Aus Sicht der Befragten haben einige Mediziner die Bedeutung von „Dr. Google“ für Patienten bereits erkannt: Gut 60 Prozent der Ärzte gehen laut Patienten auf die selbst recherchierten Infos ein. Bislang verweisen allerdings nur 40 Prozent der Ärzte auf gute Informationsquellen und nur ein Fünftel ermutigt ihre Patienten, sich selbst zu informieren. 14 Prozent raten sogar davon ab. „In den Praxen wird das Potenzial von Dr. Google häufig noch verschenkt. Patienten sollten offen über selbst gefundene Informationen sprechen, Ärzte und Therapeuten verlässliche Websites oder Apps empfehlen können“, so Marion Grote-Westrick, Gesundheitsexpertin der Bertelsmann Stiftung. Noch verschweigen 30 Prozent der Patienten ihrem Arzt den Besuch von „Dr. Google“.

Um die Potenziale von Gesundheitsinformationen im Netz besser für gute Behandlungsergebnisse zu nutzen, empfehlen die Studienmacher:
1. Alle Akteure im Gesundheitssystem sollten die Vielfalt von Gesundheitsinformationen anerkennen: Sie erfüllt die unterschiedlichen Bedürfnisse der Patienten. Darüber hinaus sollten die in Entstehung befindlichen Elektronischen Patientenakten als Plattform in Betracht gezogen werden, um Gesundheitsinformationen für Patienten bereitzustellen.
2. Ärzte sollten Patienten bestärken, sich selbst zu informieren. Zudem sollten Ärzte gute Infoquellen kennen und empfehlen, um Praxisbesuche und Krankenhausaufenthalte gezielt vor- oder nachzubereiten.
3. Patienten sollten offen mit ihrem Arzt über eigene Rechercheergebnisse sprechen.

Zusatzinformationen
Die Bertelsmann Stiftung hat untersucht, wie sich die Bevölkerung online über Gesundheitsthemen informiert. Dafür haben Psychologen des Rheingold-Instituts 36 Tiefeninterviews geführt. Die qualitative Studie wird ergänzt durch eine repräsentative Bevölkerungsbefragung und einen Literaturüberblick über die Nutzung und Verbreitung von Gesundheitsinformationen. Die Untersuchungen entstanden im Rahmen des neuen Projekts „Patient mit Wirkung“, das sich dafür einsetzt, das Konzept der gemeinsamen Entscheidungsfindung von Arzt und Patient im Versorgungsalltag zu integrieren. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse bietet die Publikation „Spotlight Gesundheit“.

Unsere Expertinnen:
Claudia Haschke, Telefon: 0 52 41 81 81 542
E-Mail: Claudia.Haschke@bertelsmann-stiftung.de

Marion Grote-Westrick, Telefon: 0 52 41 81 81 271
E-Mail: Marion.GroteWestrick@bertelsmann-stiftung.de


Weitere Informationen:

http://www.bertelsmann-stiftung.de/patient-mit-wirkung