Robert-Enke-Stiftung klärt mit Virtual-Reality über Depressionen auf

Jedes Jahr begehen rund 10.000 Menschen in Deutschland Suizid aufgrund von Depressionen. „Viele Suizide sind vermeidbar, denn psychische Erkrankungen sind be­handelbar. Darauf wollen wir aufmerksam machen“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn bei der Vorstellung des Projekts „Impression Depression“ der Robert-Enke-Stiftung gestern in Berlin.

Etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann ist nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen. Ein neues Projekt der Robert-Enke-Stiftung soll mithilfe von Virtual-Reality (VR) über Depressionen aufklä­ren und einen Einblick in die Gedanken und Gefühlswelt der Betroffenen bieten.

So sollen auch Nicht-Betroffene sensibilisiert, und ein besseres Verständnis der Krankheit Depression gefördert werden. Anlass der Aufklärungskampagne ist der zehnte Todestag des ehemaligen Fußball-Nationalspielers Robert Enke, der sich am 10. November 2009 aufgrund einer langjährigen Depression das Leben nahm.

„Das Projekt ist eine Herzensangelegenheit für mich“, sagte die Witwe des verstorbenen Fußballers, Teresa Enke, bei der Vorstellung des Projekts im Bundesministerium für Ge­sundheit (BMG). „Wir wollen deutlich machen, dass Depression keine Schwäche, sondern eine ernste Erkrankung ist.“

Nach einer Einleitung wird dazu 15 Minuten lang die Gefühls- und Erlebniswelt eines de­pressiv erkrankten Menschen mit Hilfe einer VR-Brille und Kopfhörern dargestellt. Die Teilnehmer tragen dabei eine Gewichtsweste, um auch die erdrückende Schwere nach­voll­ziehen zu können, die Betroffene häufig empfinden. Die Robert-Enke-Stiftung hat das VR-Projekt mit Psychotherapeuten, VR-Experten und Betroffenen entwickelt.

Das Projekt „Impression Depression“ wird ab November in verschiedenen Städten in Deutschland verfügbar sein: Es kann von Hochschulen, Unternehmen und anderen Orga­nisationen angefordert werden. Informationen gibt es bei der Robert-Enke-Stiftung.

Danach gefragt, ob es ausreichende Therapieplätze gebe, sagte Bundesgesundheits­mi­nister Spahn: „Diejenigen, die am dringendsten eine Behandlung benötigen, erhalten sie oft nicht. Es gelingt nicht, die Prioritäten richtig zu setzen.“ Auch deshalb entwickele man mit einer Regelung, die dem Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz angehängt wur­de, „das Thema Lotse durch das System“ weiter.

Die Robert-Enke-Stiftung wurde Anfang 2010 unter dem Vorsitz von Teresa Enke gegrün­det, nachdem ihr Mann sich nach langjährigen Depressionen das Leben genommen hatte. Ziel der Stiftung ist der Aufbau einer Versorgungsstruktur, die es Leistungssportlern, aber auch Menschen außerhalb des Leistungssports ermöglicht, schnell ein Behandlungsan­ge­bot für ihre Erkrankung zu bekommen.

Darüber hinaus engagiert sich die Stiftung in der Öffentlichkeitsarbeit und möchte damit das Thema Depression enttabuisieren. Zu diesem Zweck hat die Robert-Enke-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Rheinisch-Westfälisch-Technischen Hochschule Aachen bereits eine Beratungshotline (0241/8036777) ins Leben gerufen. 

Rückenwind für Videosprechstunden

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband wollen tele­medizinische Angebote stärken: Seit Anfang Oktober dürfen Ärzte fast aller Fachgruppen Videosprechstunden durchführen und abrechnen – ausgenommen sind nur Laborärzte, Nuklearmediziner, Pathologen und Radiologen.

Für Psychotherapien wurde die Videosprechstunde neu geöffnet, ebenso können ermäch­tigte Ärzte ihre Patienten nun per Video behandeln. Neu ist weiterhin, dass der erste Arzt-Patienten-Kontakt in einer Videosprechstunde stattfinden darf. Bislang musste der Arzt den Patienten kennen. Nunmehr ist die elektronische Visite auch bei „neuen“ Patienten berechnungsfähig.

Zur Förderung der Videosprechstunde wurde die Vergütung neu geregelt. Sie erfolgt seit 1. Oktober über die jeweilige Versicherten-, Grund- oder Konsiliarpauschale statt wie bisher über die Gebührenordnungsposition (GOP) 01439.

Die Pauschale nebst Zuschlägen wird in voller Höhe gezahlt, wenn im selben Quartal noch ein persönlicher Kontakt erfolgt. Ist dies nicht der Fall und der Kontakt erfolgt aus­schließlich per Video, werden die Pauschale und gegebenenfalls die sich darauf bezieh­en­den Zuschläge gekürzt.

Ärztliche und psychologische Psychotherapeuten dürfen nun bestimmte Leistungen der Richtlinien-Psychotherapie per Videosprechstunde durchführen und abrechnen. Voraus­setzung dafür ist, dass ein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt zur Eingangsdiagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung vorausgegangen ist.

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Auch Fallkonferenzen in der Pflege können nunmehr häufiger per Video erfolgen. Möglich waren sie bisher bereits zwischen Ärzten und Pflegekräften des Pflegeheimes, mit dem ein Kooperationsvertrag für den Versicherten besteht (GOP 37120 und 37320).

Seit Anfang des Monats können solche Fallkonferenzen auch per Video erfolgen und ab­gerechnet werden, wenn der Patient zu Hause oder in einer beschützenden Einrichtung lebt. Dazu wurde die GOP 01442 (Bewertung: 64 Punkte / 6,92 Euro) in den EBM auf­ge­nommen.

Fallbesprechungen nach den GOP 30210 (Hyperbare Sauerstofftherapie bei diabetischem Fußsyndrom), 30706 (Schmerztherapie), 30948 (MRSA-Fall- und/oder regionale Netz­werk­­konferenz) und 37400 (Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase) sind ab so­fort ebenfalls als Videofallkonferenz durchführbar.

Mit den getroffenen Vereinbarungen sollen Ärzte und Psychotherapeuten die Video­sprech­stunde einfacher in den Praxisalltag integrieren können und immer dann einset­zen, wenn sie es für sinnvoll erachten. Der Gesetzgeber hatte dies wiederholt gefordert und verlangt, das Angebot zur Videosprechstunde ausbauen.

Schön-Klinik Bad Arolsen: Bei Depression und Essstörungen steckt der Therapeut auch im Handy

Bad Arolsen. Psychotherapie am Computer, Online-Hilfe bei Depression oder Essstörung, geht das? – Die Psychotherapeuten der Schön-Klinik beantworten beide Fragen mit einem eindeutigen „In bestimmten Fällen, ja!“ und verweisen auf das von ihnen entwickelte System MindDoc.de

 „Online-Intervention in der psychotherapeutischen Versorgung“ lautete der Titel einer Fortbildungsveranstaltung in den Räumen der Klinik. Zehn interessierte Psychotherapeuten aus Nordhessen und dem angrenzenden Ost-Westfalen nutzten dabei die Gelegenheit, sich vom Psychotherapeuten Bernhard Backes und der Leitenden Psychologin der Klinik, Stephanie Brausewetter, in die nicht nur für medizinische Laien erstaunlichen technischen Neuerungen auf diesem Gebiet einführen zu lassen. 

Einige dieser online-basierten Therapie-Tools wurden von den Experten der Schön Klinik in Bad Arolsen im Rahmen eines von der EU-geförderten Forschungsprojektes entwickelten MindDoc-Systems einführen.

Minddoc gilt als erste vollwertige Psychotherapie, die über das Internet erfolgt. Das System ist nach den Richtlinien der Psychotherapeutenkammer zertifiziert und beachtet alle Aspekte der Datensicherheit. Die Server stehen in Deutschland und unterliegen deutschem Datenschutzrecht. Die Kommunikation zwischen Therapeut und Patient erfolgt über eine End-to-End-Verschlüsselung mittels einer eigenen App. Skype oder gar Messengerdienste gelten als viel zu offen und unsicher.

Ganz ohne menschlichen Kontakt funktioniert aber auch diese Online-Therapie nicht: Patienten, die diese niedrigschwellige Therapie gegen ihre Depression, Angst- oder Essstörung nutzen wollen, müssen sich zunächst bei einem Psychotherapeuten, der mit der Schön-Klinik kooperiert einem zweimal 50-minütigem Diagnose-Gespräch unterziehen. Dabei werden die Symptome erfragt und die Therapiefähigkeit abgeklärt.

Wie kann der Therapeut Kontakt aufnehmen?

Danach können die Patienten ähnlich wie bei der klassischen ambulanten Therapie einmal oder mehrmals wöchentlich mit ihrem Therapeuten in der Schön-Klinik in Online-Kontakt treten. Das geht über ein besonderes Programm verschlüsselt von Computer zu Computer. Dabei sehen sich Therapeut und Patient auf dem Bildschirm und sprechen wie bei einem Praxisbesuch miteinander. Am Ende einer solchen Sitzung kann der Therapeut dem Patienten eine „Hausaufgabe“ mitgeben, genauso wie dies bei jeder Therapie üblich ist.

Die Fragebögen und Online-Tagebücher können am PC oder auf der Handy-App bearbeitet werden. So können Patienten auch unauffällig etwa im Bus oder im Zug ihre Aufgaben lösen ohne für jedermann sichtbar große Fragebögen auszufüllen.

Eventuell notwendige Krisengespräche lassen sich schneller und unkomplizierter vereinbaren und abwickeln. Allerdings kann ein Video-Gespräch immer nur vom Therapeuten begonnen werden. Der Patient aber, der etwa beieiner schweren Depression, das Bett nicht verlassen möchte. muss nicht das Haus verlassen und findet schnell einen kompetenten Ansprechpartner.

Wie können Apps bei der Behandlung von Essstörungen helfen?

In das Minddoc-System integriert ist die App „Recovery Record“ für die Behandlung von Esstörungen. Mit Hilfe dieser App können die Patienten zeitnah Buch führen über die Mahlzeiten, die sie aufgenommen haben, über die Gefühle, die sie dabei empfanden und viele Aspekte mehr.

Der Vorteil: Fast jeder Patient führt ohnehin ständig ein Smartphone mit sich. Deshalb gebe es keine Hürde, die überwunden werden muss. Kern von „Recovery Record“ ist ein Ernährungsprotokoll, das den behandelnden Medizinern genau aufzeigt, welche Fortschritte der Patient mit seinen Essstörungen macht. Automatisiert gibt die App positives, ermutigendes Feedback und formuliert Tipps, was als nächstes zu tun ist.

Bei der Behandlung von Angststörungen setzt die Schön-Klinik die neuste Generation von 3-D-Brillen ein, mit denen dem Gehirn ein „Virtual Reality“, also eine virtuelle Wirklichkeit vorgegaukelt wird. Diese Anwendungen, die an moderne Computerspiele erinnern, eignen sich dazu, Patienten mit einer Angst vor Menschenansammlungen oder einer Sprechhemmung vor Publikum ihrer individuellen Angstsituation auszusetzen. 

„Dr. Google“ kann erste Hinweise geben

Bernhard Backes: „Diese Programme simulieren einen Vortrag vor einem Publikum, das sich langweilt, gähnt oder provozierende Fragen stellt. Damit kann man die tollsten Sachen trainieren.“ Im Rahmen seines Vortrags stellte dertechnikbegeisterte Psychotherapeut auch eine Auswahl anderer Online-Angebote zur Psychotherapie vor. Einige dieser Angebote stammten von Krankenkassen und seien nicht zertifiziert: „Da weiß man nicht, wer die Daten sammelt und was damit geschieht.“ Andererseits seien die niedrigschwelligen Angebote zur Selbsteinschätzung auch eine gute Hilfe, seine eigene Behandlungsbedürftigkeit einzuschätzen. Der allgegenwärtige „Dr. Google“ habe durchaus seine Berechtigung wenn die dort gewonnenen Erkenntnisse dazu dienten, recht bald einen richtigen Mediziner aufzusuchen.

Als allgemein zugängliche Programme zur Selbsthilfe listete Backes Moodpath, Self-apy, Moodgym, iFightDepression, deprexis24 oder bei Essstörungen Jourvie auf. Manche Apps seien kostenlos, andere nur gegen Lizenzgebühr nutzbar. Gegen ein kritisches Ausprobieren spreche nichts, so der erfahrene Online-Therapeut.

Wenn denn diePrognose der Weltgesundheitsorganisation WHO stimme, wonach im Jahr 2030 Depressionen die größte Krankheitslast ausmachen, dann könnten gar nicht so viele Therapeuten ausgebildet werden wie nötig seien. Dann führe langfristig kein Weg an Online-Interventionen vorbei.

Viele Praxen gehen zu nachlässig mit Passwörtern um

Zwischen der optimistischen Selbsteinschätzung von Praxen und Krankenhäu­sern hinsichtlich ihrer IT-Sicherheit und der Realität besteht häufig eine große Kluft. Das lässt sich den Ergebnissen einer mehrstufigen Untersuchung zur IT-Sicherheit im Gesund­heitssektor im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) entnehmen, die der Verband heute in Berlin präsentierte. Schwachpunkte sind demnach vor allem elementare Sicherheitsversäumnisse wie die Verwendung schwacher Passwörter oder veralteter Software.

Nach einer bereits im Sommer 2018 durchgeführten Forsa-Umfrage im Auftrag des GDV waren 81 Prozent der teilnehmenden Ärzte der Meinung, ihre Computersysteme seien umfassend geschützt. Rund 44 Prozent der Praxen bewertete das Risiko, Opfer von Cyber­kriminalität zu werden, zwar als hoch, aber nur 17 Prozent der Ärzte sahen dieses Risiko auch für ihre Praxis.

„Das Bewusstsein ist da, dass Cyberangriffe jeden treffen können“, meinte Gert Baumeis­ter, Vorsitzender der Projektgruppe Cybersicherung im GDV. Die Einschätzung des eigenen Risikos sei in der Selbstwahrnehmung jedoch geringer ausgeprägt als in anderen Bran­chen. So halten etwa 56 Prozent der befragten Ärzte ihre Praxis für zu klein, um in den Fokus von Cyberkriminellen zu geraten – laut Baumeister ein Irrtum, da viele Angriffe ungezielt unternommen würden.

Zusätzlich zur Forsa-Umfrage hat der Verband einen mehrmonatigen IT-Sicherheitstest von November 2018 bis März 2019 mit dem Analysetool Cysmo beauftragt, in den die Mailserver von circa 1.200 willkürlich ausgewählte Praxen unterschiedlicher Größe und Fach­richtungen sowie 250 Kliniken und Apotheken einbezogen wurden. Mit dem automa­tisierten Tool lassen sich öffentlich einsehbare Informationen aus Sicht eines Angreifers erfassen und potenzielle Angriffspunkte ausmachen.

Das Testergebnis: Von den untersuchten Arztpraxen waren nur fünf (0,4 Prozent) bei den verwendeten Verschlüsselungsverfahren auf dem technischen Stand, den das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) empfiehlt. Die übrigen Praxen ließen eine Verschlüsselung des E-Mail-Verkehrs auch mit veralteten oder unsicheren Standards zu, sodass diese Mails potenziell auch von unbefugten Dritten gelesen werden könnten.  Zudem setzten nur fünf Prozent der Kliniken sichere Verschlüsselungstechnologie ein.

Größtes Risiko: Passwörter

Im dritten Schritt der Untersuchung hat der GDV die IT-Sicherheit von 25 niedergelasse­nen Ärzten von einem White-Hat-Hacker und IT-Sicherheitsexperten analysieren lassen. Michael Wiesner, Mitglied im Chaos Computer Club, testete dabei die technische und organisa­torische IT-Sicherheit von 25 freiwilligen Teilnehmern sowohl vor Ort in der Praxis als auch von außen mit Phishing-Mails und einem Penetrationstest.

Dabei zeigten sich erhebliche Defizite bei der organisatorischen Sicherheit. „Von außen sind die Praxen in der Regel gut abgesichert, doch bei Passörtern schludern fast alle Ärzte“, erklärte Wiesner.

Empfohlene Schutzmaßnahmen:

  • Sicherheitsupdates automatisch einspielen und Systeme aktuell halten
  • Mindestens einmal wöchentlich Sicherungskopien machen
  • Administratoren-Rechte nur an Administratoren vergeben
  • Über das Internet erreichbare oder mobile Systeme zusätzlich schützen
  • Manipulationen und unberechtigten Zugriff auf Sicherungskopien verhindern
  • Systeme mit Schutz vor Schadsoftware ausstatten und diesen automatisch aktualisieren lassen
  • Sicherungskopien physisch vom gesicherten System trennen
  • Mindestanforderungen für Passwörter verlangen und technisch erzwingen
  • Eigene Zugangskennung und individuelles Passwort für jeden Nutzer
  • Wiederherstellen der Daten aus der Sicherungskopie regelmäßig testen

So verwendeten neun von zehn Ärzten leicht zu erratende Passwörter. Am beliebtesten ist ihm zufolge das Passwort „praxis“, gefolgt vom Namen des jeweiligen behandelnden Arztes. Einige Praxen verzichteten sogar komplett auf einen Passwortschutz. Zudem konnte der Experte für Cybersicherheit in jeder zehnten Arztpraxis und bei 60 Prozent der Kliniken ohne besonderen Aufwand E-Mail- und Passwortkombinationen im Darknet recherchieren, wie er in einer Livedemonstration vorführte.

Auch für Phishing-Attacken zeigten sich viele Praxen äußerst anfällig: In jeder zweiten Praxis öffneten Mitarbeiter eine potenziell schadhafte E-Mail, 20 Prozent klickten auch auf einen Link oder öffneten einen Mailanhang. Dabei dient häufig das Erzeugen von Neugier oder Angst als Auslöser, um Nutzer zum Öffnen schadhafter Mails zu bewegen. So hatte Wiesner etwa eine fingierte Mail versandt, in der auf eine schlechte Bewertung der Praxis im Internet hingewiesen wurde, verbunden mit der Aufforderung, das Profil in dem Arzt-Bewertungsportal einzusehen.

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Datensicherung häufig unverschlüsselt

Laut Wiesner erstellten zwar alle Praxen mindestens wöchentlich eine Datensicherung, aber nur neun von 25 haben ihre Datensicherung auch verschlüsselt, und nur vier teste­ten gelegentlich, ob sich die Daten durch eine Rücksicherung auch wiederherstellen lassen. In neun von 25 Praxen fehlten aktuelle Sicherheitsupdates der IT-Systeme. Vor allem veraltete Betriebssysteme waren häufig anzutreffen.

Lediglich eine der untersuchten Praxen verfügte über ein schriftliches Notfallkonzept für den Fall eines IT-Ausfalls. Die anderen Praxen verwiesen für diesen Fall auf ihren IT-Dienstleister – aber nur zehn Praxen hatten auch einen entsprechenden Vertrag mit ihrem Dienstleister abgeschlossen. Das ist insofern bemerkenswert, als acht von zehn Arztpraxen laut Forsa-Umfrage nach eigenen Angaben ihre Arbeit bei einem Ausfall der Praxis-IT einstellen oder stark einschränken müssten.

„Die Qualität der Sicherheit steht und fällt mit der Qualität der IT-Dienstleister“, konsta­tierte der IT-Sicherheitsexperte. „IT-Sicherheit kostet Geld, wenn man sichere technische Lösungen haben will.“ Organisatorische Lösungen, wie etwa ein regelmäßiger Passwort-Wechsel, seien da erheblich leichter durchzusetzen.

„Depression ist ein Massenthema“

Jeder zweite Psychotherapie-Patient bekommt keine Behandlung. Nora Blum hat ein Online-Portal zur Selbsthilfe aufgebaut.

Frau Blum, wie geht’ s Deutschland, psychisch gesehen?

Nora Blum: Verbesserungswürdig. Es gibt in Deutschland noch immer sehr viele Menschen, die unter psychischen Erkrankungen leiden. Um die zehn Millionen Menschen haben Angststörungen und Depressionen. Diese Zahl ist seit Langem in etwa konstant, nur die Offenheit ist größer geworden. Die Anzahl derer, die Hilfe in Anspruch nehmen wollen, steigt. Viele davon bekommen diese Hilfe aber nicht.

Sie kommen aus einer Familie von Psychologen, richtig?

Meine Mutter ist Psychotherapeutin, mein Onkel Psychoanalytiker. Mein Bruder ist mittlerweile Life-Coach. Bei uns zu Hause am Esstisch war Psychologie ständig Thema. Meine Mutter hat uns schon früh Techniken beigebracht, wie wir es selbst schaffen, uns besser zu fühlen. Zum Beispiel, wenn ich nicht schlafen konnte.

Was haben Sie dann gemacht?

Viele Menschen geraten in eine Gedankenspirale. Das kennt jeder: Was muss ich morgen alles machen, hab ich dies und jenes bedacht? Es ist ein einfacher Trick, aber er hilft: vor dem Schlafengehen seine Gedanken externalisieren. Alles aufschreiben, dann ist das Wirrwarr nicht im Kopf, und auch hinzufügen, was man tun will, damit alles funktioniert. Ich war immer schon proaktiv, um zu schauen, wie ich Dinge ändern kann. Ich habe zum Beispiel eine Liste meiner Ressourcen angelegt, die half mir, wenn ich traurig war. Ich bin davon überzeugt, dass das eine gute Präventivarbeit gegen psychische Erkrankungen ist.

Was kam noch am Esstisch zur Sprache?

Gefühle wurden immer ausdiskutiert. Ich habe das als Privileg empfunden. Ich wurde zwar bedauert, schließlich ist meine Mutter auch Paar- und Sexualtherapeutin. Aber wenn meine Freundinnen bei uns anriefen, wollten sie oftmals nur mit ihr sprechen. Sie meldeten sich wegen ihres Liebeskummers, und dann schrieb meine Mutter mit ihnen Listen.

Ihr Berufswunsch war also früh klar?

Ich konnte gar nicht verstehen, wie jemand etwas anderes als Psychologie machen wollen könnte. Für mich gab es immer schon nichts Spannenderes als herauszufinden, warum wir uns so verhalten, wie wir uns verhalten. Ich habe die Entscheidung nie bereut, das Fach zu studieren. Ich fand alles spannend.

Dafür brachten Sie ein gutes Abitur mit?

Ich war schon immer eine Streberin. Ich habe einfach gerne gelernt. Ich habe die Abiturnote 1,0 gemacht und wurde deshalb für ein Stipendium vorgeschlagen. Ich habe dann im englischen York meinen Bachelor gemacht und bin für den Master nach Cambridge gegangen. Dort hatten viele Psychologen, die ich bewunderte, studiert. Ich habe mich auf Sozialpsychologie und Hirnforschung fokussiert. Um das Stipendium zu behalten, musste ich stets zu den besten zehn Prozent gehören.

Was kam danach?

Ich wollte nicht direkt in die Klinische Psychologie. Und eigentlich wollte ich erst einmal etwas anderes, Aufregendes machen. So bin ich beim Startup-Inkubator Rocket Internet gelandet, in der Abteilung, die die unterschiedlichen Unternehmen aufbaut.

Ganz ohne betriebswirtschaftliche Kenntnisse?

Ich musste in kurzer Zeit sehr viel lernen. Das hat mir als Gründerin später sehr geholfen. Mein erstes Projekt war gleich Foodora. Die wuchsen rasend schnell, jede Woche verdoppelte sich die Mitarbeiterzahl. Meine Mutter meinte schon zu mir: Es ist ja in Ordnung, wenn du viel arbeitest, aber muss es unbedingt ein Essens-Lieferservice sein? Und auch ich dachte mir, dass ich eigentlich gerne wieder etwas mit Psychologie machen wollte.

Sie bekamen die Idee für Ihr Online-Soforthilfe-Portal gegen psychische Belastungen.

An Selfapy arbeitete ich zu der Zeit schon intensiv am Wochenende. Das Versorgungsdefizit in Deutschland ist riesengroß. Jeder zweite Patient bekommt keine Behandlung. Die Wartezeit beträgt im Schnitt fünf Monate. In der Psychia­trie, in der ich ein Praktikum gemacht hatte, wurden Menschen nur aufgenommen, wenn sie knapp vorm Suizid standen.

Nun geht es ja nicht allen Therapiebedürftigen so schlimm.

Jeder zweite Mensch erkrankt mindestens einmal im Leben an einer depressiven Episode. Das ist ein Massenthema. Meine Mitgründerin Katrin Bermbach arbeitete in der Charité Berlin. Ihre Hauptaufgabe war es, Therapieplätze abzusagen! Obendrein ist die Hemmschwelle groß. Im Studium habe ich erlebt, wie viele abgebrochen haben, weil der psychische Druck zu groß wurde. Wir haben uns gedacht: Es muss eine nie­drigschwellige Beratung geben, die sofort hilft, ein Online-Programm mit psychologischer Begleitung. An der Charité fing Katrin dann an, erste Kurse zu ­schreiben.

Ihr Online-Portal fing also ganz analog an?

Wir haben Bücher gewälzt und forschungsbasierten Content geschrieben, den wir mit den Charité-Professoren abgeglichen haben. Dann haben wir den Fragebogen kostenlos auf einer E-Learning-Plattform angeboten. Schon damals haben wir den Patienten angeboten, zusätzlich einmal die Woche ein Telefongespräch mit PsychologInnen führen zu können. Das waren damals nur wir beide. Das wurde sehr gut angenommen. Schließlich haben wir den Sprung ins kalte Wasser gewagt und ich habe bei Rocket Internet gekündigt. Die Tage waren lang, aber es hat unglaublich viel Spaß gemacht.

Ist das nicht eine Krankheit unserer Zeit, dass keiner mehr weiß, wo die Arbeit aufhört und wo die Freizeit anfängt?

Der Job soll heutzutage Selbstverwirklichung sein. Das ist schon so. Da muss man ein gutes Mittelmaß finden. Ich nehme mir mittlerweile auch mal Tage, an denen ich keine Mails beantworte. Aber Selfapy ist meine große Liebe, das Unternehmen habe ich immer im Kopf. Das ist gut, wenn es gut läuft, aber wenn es Probleme gibt, fällt es mir schwer, mich davon zu lösen.

Nun sind Sie Geschäftsführerin, mit 27 Jahren.

Der Titel bedeutet eigentlich nur, dass ich für alles zuständig bin. Heute fokussiere ich mich auf die Zusammenarbeit mit den Investoren und Krankenkassen. Wir müssen denen 113 gesetzliche Verträge vorlegen, dazu kommen 30 private. Ich tingele dafür durch das ganze Land. Es gibt ja so viele Kassen! Bisher übernimmt nur ein Teil davon die Kosten unserer Programme.

Im Schnitt kosten Ihre begleiteten Programme 100 Euro im Monat. Was ist, wenn Bedürftige das nicht zahlen können?

Wer es sich wirklich nicht leisten kann, der bekommt Rabatt. Wir wollen keine Abstriche machen, was die Wirksamkeit der Programme angeht. Wir sind kein Social-Profit-Unternehmen, aber unser Hauptziel ist auch nicht die Profitmaximierung. Investoren sind meist nicht begeistert davon, dass wir die kostenintensive telefonische Betreuung anbieten. Aber wir wollten nie ein reines Tech-Produkt machen. Menschlicher Kontakt ist wichtig.

Sie werben mittlerweile nicht mehr mit dem Begriff „Online-Therapie“.

Das ist kein geschützter Begriff, aber wir wollen nicht missverstanden werden. Wir bieten keine Psychotherapie an, das können nur approbierte Therapeuten face-to-face leisten. Für uns arbeiten Psychologen in Ausbildung, die parallel in Kliniken arbeiten. Für die ist das ein guter, flexibler Nebenjob.

Können denn unfertige Therapeuten mit schwerkranken Patienten umgehen?

Wir fragen immer mögliche Suizid-Absichten ab. Wer apathisch wirkt oder bestimmte Schlüsselwörter äußert, wird gleich an Kliniken weitergeleitet. Die Gespräche sollen keine Psychotherapie ersetzen, das ist per Telefon gar nicht zu leisten. Wir geben so eine Rückmeldung zum Online-Programm und motivieren, weiterzumachen. Es ist ein Selbsthilfeprogramm, das nur durch aktive Mitarbeit des Nutzers funktioniert und nachhaltig ist, weil man sich die Strategien selbst aneignet.

Was macht man so in Ihren Programmen?

Man lernt Strategien, die einem helfen, sich besser zu fühlen, zum Teil ganz banale Dinge, die aber viele nicht hinbekommen. Sich mit seinen Stärken befassen! Wer in einer Krise ist, vergisst die positiven Dinge um sich herum.

Sie haben auch ein Programm gegen Burn-Out. Ist das nicht bloß ein Modewort für „Depression“?

Das beobachten wir auch. Viele Nutzer buchen unser Burn-Out-Programm, und dann schieben wir sie im Verlauf in das Depressions-Programm. Burn-Out ist keine diagnostizierte Krankheit, aber es ist eine Sub-Form einer Erschöpfungsdepression.

Sie bieten auch Unternehmen psychologische Unterstützung an.

Es sind schon einige auf uns zugekommen, denn psychische Erkrankungen sind mittlerweile der zweithäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit. Das Angebot von Betriebspsychologen wird oft nicht wahrgenommen. Unser Programm ist niederschwellig und anonym. Und die Firma zahlt.

Hätten Sie ein Problem, wenn es auf einmal genug reguläre Therapieplätze für alle gäbe?

Es wird immer einen Bedarf für Online-Therapie geben. Wir behandeln auch Menschen, die normalerweise keine Therapie machen würden. Die schätzen die Flexibilität und brauchen gar keine richtige Gesprächstherapie. Unsere Übungen kann man per App auf dem Weg zur Arbeit machen.

Was haben Sie noch vor mit Selfapy?

Wir wollen das Thema Sucht angehen, aber auch Zwangsstörungen. Schizophrenie würden wir gerne behandeln, auch wenn es schwierig ist. Posttraumatische Belastungsstörungen würden sich dagegen gut online behandeln lassen.

Haben Sie selbst Zwänge und Süchte?

Eigentlich nicht. Ich fühle mich durch meinen Hintergrund sehr gut gewappnet. Ein kleiner Zwang vielleicht: Ich telefoniere noch immer jeden Tag mit meiner Mutter. Da bin ich ganz Mamakind.

Sie wohnen und arbeiten mittlerweile in Berlin. Da sind Sie ja in guter Start-Up-Gesellschaft.

Ich wohne seit vier Jahren in einer Siebener-WG. Alle meine MitbewohnerInnen sind selbständig. Das Berliner Umfeld hat mich schon geprägt: Mach dein Ding, und wenn du fällst, dann fällst du eben – und machst was anderes.

Haben Sie auch das Nachtleben der Hauptstadt für sich entdeckt?

Die Techno-Szene ist nicht so meine. Ich höre vor allem deutschen Schnulzpop, also Philipp Poisel und Co. Meine Freunde meinen, davon würden sie depressiv werden. Aber ich finde das schön.

Psychothera­peuten beschließen regelhafte Fernbehandlung mit Face-to-face-Diag­nostik

Der 33. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) hat entschieden, dass künftig eine Fernbehandlung ergänzend im Rahmen einer Psychotherapie grundsätzlich unter Beachtung besonderer Sorgfaltspflichten eingesetzt werden kann. Eine ausschließliche Fernbehandlung von unbekannten Patienten lehnten die Delegierten aber ab.

„Diagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung der Patienten erfordern aber weiterhin den persönlichen Kontakt“, heißt es nun im neu beschlossenen Paragrafen 5 Absatz 5 der Musterberufsordnung (MBO) für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Damit folgten die Delegierten einem Antrag des Vorstands der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Die bisherige Regelung sah vor, dass eine Behandlung über Kommunikationsmedien nur in begründeten Ausnahmefällen durchgeführt werden darf. Die Mitwirkung an Forschungsprojekten, in denen Psychotherapie ausschließlich über das Internet durchgeführt wird, bedarf auch mit der geänderten MBO der Genehmigung durch die Landespsychotherapeutenkammern.

Große Entfernungen können überbrückt werden

Zuvor erläuterte Peter Lehndorfer, Mitglied im Vorstand der BPtK, die Chancen und Risiken der Psychotherapie über Videobehandlung: „Große Entfernungen zwischen Patienten und Psychotherapeut können so überbrückt werden. Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen werden erreicht, die keine Praxis aufsuchen können. Bei einem Umzug des Patienten kann eine Fernbehandlung den Therapeutenwechsel verhindern helfen.“

Die Evidenz rechtfertige inzwischen den Einsatz von Fernbehandlungen – „aber längst nicht für alle“. Auf der anderen Seite könne Onlinepsychotherapie nicht die Probleme der Bedarfsplanung lösen und bedeute auch keine Zeitersparnis für Psychotherapeuten.

Antrag zur ausschließlichen Fernbehandlung abgelehnt

Zur Abstimmung stand auch ein Antrag der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK), der eine ausschließliche Behandlung über Kommunikationsmedien „im Einzelfall“ erlauben wollte, wenn dies psychotherapeutisch vertretbar sei. Dem ablehnenden Votum der Delegierten war eine breite Debatte vorausgegangen.

„Wir wollen Psychotherapeuten zumuten, selbst zu entscheiden, ob sie den Patienten vor einer Fernbehandlung persönlich sehen wollen/müssen oder nicht“, sagte Andrea Mrazek, Präsidentin der OPK.

„Wir sollten uns der Möglichkeit der ausschließlichen Fernbehandlung nicht verschließen“, erklärte Cornelia Beeking, Delegierte aus Nordrhein-Westfalen (NRW). „Der Schaden für die Patienten ist größer, wenn wir sie gar nicht erreichen, dadurch, dass sie in die Praxis kommen müssen“, ergänzte die Berliner Delegierte Eva-Maria Schweitzer-Köhn.

„Zur Diagnostik gehört immer auch das persönliche Gespräch. Der klinische Eindruck ist wichtig, der sich auch im Geruch und im Händedruck zeigt“, sagte hingegen Petra Adler-Corman, NRW, beispielsweise für die Vertreter der Face-to-face-Diagnostik.

„Die Krankenkassen sind sehr erpicht auf die OnlinePsychotherapie ohne uns – wir können uns auch selbst abschaffen“, erklärte Rudi Bittner, Delegierter aus Bayern. „Wir müssen unsere Macht nutzen“, warb BPtK-Vizepräsident Nikolaus Melcop für den Antrag des Vorstands für die regelhafte Fernbehandlung, der schließlich mit großer Mehrheit angenommen wurde.

Neue Medien verändern die Glücksspielsucht

Glücksspiel ist in Deutschland weiterhin verbreitet. Rund 40 Prozent der 16- bis 70-Jährigen geben an, im vergangenen Jahr Glücksspiele gespielt zu haben. Rund eine halbe Million Menschen dieser Altersgruppe haben ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten. Das berichtet die Bundeszentrale für gesund­heitliche Aufklärung (BZgA) zum heutigen bundesweiten Aktionstag Glücksspielsucht. Danach ist insbesondere unter jungen Menschen im Alter von 21 bis 25 Jahren problematisches Glücksspiel verbreitet. Ein überdurchschnittlich hohes Risiko, eine Suchtproblematik infolge ihres Glücksspielverhaltens zu entwickeln, haben laut der BZgA 18- bis 25-jährige Männer mit niedrigerem Bildungsgrad und Migrations­hintergrund.

Neue Formen

Laut der Fachstelle Glücksspielsucht in der Ambulanten Suchthilfe Bethel des Evangelischen Klinikums Bethel (EvKB) verändert sich die Art der Glücksspiele: Der Klassiker „Automatenspiele“ stagniere, Onlinespiele und Sportwetten nähmen dagegen zu.

Aggressive Werbung

Laut der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern (LSG) gibt die Glücksspielindustrie jährlich mehrere Hundert Millionen Euro für Werbung aus. „Gerade Jugendliche, die per Gesetz in besonderem Maße vor den Risiken des Glücksspielens geschützt werden sollen, erreicht diese aggressive Form der Werbung sehr schnell und wirksam“, sagte Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle. Auch wenn sich Werbung für Glücksspiel nicht gezielt an Jugendliche wenden dürfe, so seien junge Menschen doch besonders anfällig für diese Botschaften, warnte er.

Hilfe für Betroffene

Hilfe bei problematischem Glücksspiel bietet unter anderem die BZgA mit ihrer Kampagne „Check dein Spiel“. Sie beeinhaltet unter anderem einen Online-Selbsttest zur Überprüfung der Risiken des eigenen Spielverhaltens und ein qualitätsgesichertes Online-Verhaltensänderungsprogramm, mit dem das Spielverhalten reguliert werden kann. Ergänzend hält die Kampagne Broschüren und Faltblätter zum Thema Glücksspielsuchtprävention in verschiedenen Sprachen vor.

Unter der kostenfreien Rufnummer 0800 1372700 bietet die BZgA auch eine persönliche Telefonberatung zur Glücksspielsucht an.

E-Health Diskussion – Vision und Wirklichkeit

„Beim Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur würde man gerne von den 15 Jahren die ersten zehn Jahre vergessen, weil das in der Tat zunächst nicht so gut gelaufen ist“, erklärte Stefan Bales, Ministerialrat im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), beim gevko/GRPG-Symposium gestern in Berlin. Jetzt aber werden nach Meinung von Bales und weiterer E-Health-Experten endlich Fortschritte sichtbar.

Die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) in dieser Legislaturperiode vollzieht sich aus Sicht des BMG in drei Schritten: Der erste Schritt war die Verpflichtung der für die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) verantwortlichen Betreiber­gesellschaft gematik, eine Spezifikation und Zulassungsverfahren für die ePA bis Ende 2018 fertigzustellen. Der zweite Schritt: „Spätestens ab 2021 hat jeder gesetzlich Versicherte Anspruch auf eine ePA von seiner Krankenkasse, und zwar nach den Vorgaben der gematik“, betonte Bales. Diese Zeitschiene stehe im Koalitionsvertrag und im Referentenentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG).  In einem dritten Schritt seien dann über ein E-Health-Gesetz II Einzelheiten zu regeln, wie die ePA in der Versorgung genutzt werden könne.

28.000 Praxen an das Gesundheitsnetz angeschlossen

Die dafür notwendige TI befinde sich derzeit im Aufbau. Rund 28.000 Arztpraxen sind laut Bales inzwischen an das sichere Gesundheitsnetz angeschlossen. Zudem erwartet das BMG, das nach den bisherigen zwei zugelassenen Konnektoren zum Anschluss der Praxen an die TI in den nächsten Monaten noch die Geräte von zwei weiteren Anbie­tern dazukommen werden.

Bales verwies zudem darauf, dass in der letzten Woche auch die Finanzierungs­vereinbarung für den Anschluss der Krankenhäuser an die TI abgeschlossen wurde. Damit seien Anreize für die Entwicklungsarbeiten im stationären Sektor geschaffen worden.  Für die Apotheken erwartet er eine entsprechende Vereinbarung in den nächsten Wochen. Bis Ende 2019 soll ihm zufolge der Anschluss von Arztpraxen, Krankenhäusern und Apotheken an die TI abgeschlossen sein.

Spätestens ab Mitte 2019 sollen außerdem der elektronische Medikationsplan und die Notfalldaten als erste medizinische Anwendungen  eingeführt werden. Hierfür hatte die gematik bereits Ende 2017 fristgerecht entsprechende Spezifikationen vorgelegt. Für die Notfalldaten hat die Selbstverwaltung auch die ersten Finanzierungsregelungen getroffen.

Versorgungszentriert versus versichertenzentriert

Jetzt stehe vor allem die Patientenakte im Mittelpunkt, erklärte Bales. Im TSVG hat die gematik den Auftrag erhalten, zusätzliche Authentifizierungsverfahren zu spezifizieren, damit Patienten auf ihre ePA mit Smartphone oder Tablet alleine zugreifen können. Derzeit befinde sich die gematik noch in der Spezifizierungsphase der ePA, während die Kassen bereits elektronische Akten nach § 68 Sozialgesetzbuch (SGB) V auf den Markt bringen. „Sie sammeln damit erste Erfahrungen, wie man mit diesen Akten umgehen kann und wie diese bei den Versicherten ankommen“, meinte Bales.

Dabei hätten die Kassen ein anderes Vorgehensmodell als die gematik: Sie entwickelten aus der Sicht des Versicherten, wohingegen die gematik eher von der Leistungserbringerseite her agiere, um eine ePA zu schaffen, die sektorenübergreifend genutzt werden könne und nach vorgegebenen Regeln funktional, interoperabel und sicher sein müsse, erläuterte der BMG-Experte.

gematik-Akte versorgungszentriert

Sie soll zudem bei einem Kassenwechsel übertragbar sein und ziele darauf ab, den Behandlern valide Daten zur Verfügung zu stellen. Die gematik-Akte sei daher eher versorgungszentriert, während die Kassen-Akten versichertenzentriert seien. Bis Ende des Jahres werde ausgelotet, wie die Erfahrungen aus den Kassenprojekten in die Entwicklung der gematik eingebracht werden könnten, meinte Bales. Wichtig sei aus BMG-Perspektive, dass die Kassen bei dem ePA-Projekt auch individuelle Angebote machen können.

fristverlängerung zur TI-Anbindung sinnvoll

Auch aus Sicht von Martin Litsch, dem Vorstandsvorsitzenden des AOK-Bundesver­bandes, hat das Thema Digitalisierung eine andere Qualität bekommen. Dennoch sieht er an vielen Stellen noch Handlungsbedarf. So sind aus seiner Sicht noch viel zu wenige Arztpraxen an die TI angebunden. Eine weitere Fristverlängerung sei wahrscheinlich, „denn bis Ende des Jahres wird das nichts werden“. Das sei vernünftig, weil den Ärzten nicht anzulasten sei, dass die Industrie keine Konnektoren geliefert hat, meinte Litsch. Auch habe man eine weitere Finanzierungsvereinbarung mit den Krankenhäusern getroffen, allerdings gebe es derzeit „noch nichts, das zu finanzieren ist“, kritisierte der AOK-Chef. So fehlten geeignete Konnektoren für die Krankenhäuser, die andere IT-Voraussetzungen hätten als die Arztpraxen.

E-Health-Gesetz II frühestens Ende 2019

„Die Regelungen des TSVG finden wir gut“, betonte Litsch. Das Gesetz schaffe für die ePA die erforderlichen Voraussetzungen, sodass die Kassen ihre Projekte schneller in die Breite bringen können – zumal ein E-Health-Gesetz II nicht vor Ende 2019 zu erwarten sei. Zudem werden sich ihm zufolge durch die EU-Datenschutzgrund­verordnung die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessern. Sie habe „extrem klar“ in der öffentlichen Wahrnehmung positioniert, dass die Daten dem Versicherten gehören.

Mit der Digitalisierung werden sich zudem die Prozesse verändern, meinte Litsch.  So sei damit zu rechnen, dass sich die Arbeit etwa des Arztes, des Krankenhauses verän­dern werde. Denn wenn der Versicherte entscheide, welche Daten er wem zeige, führe das zu mehr Transparenz. Herkömmliche Geschäftsmodelle, etwa bei Abrechnungs­zentren, könnten zudem dadurch infrage gestellt werden, wenn die Daten andere Wege nähmen.

Wettbewerb auf Anwendungs-, nicht auf der Technologieebene

Das TSVG regele zudem die sicheren Authentifizierungsverfahren und den Einsatz der elektronischen Gesundheitskarte. Die Möglichkeit einer 2-Faktor-Authentifizierung müsse ausreichen, damit die Patienten auf ihre Daten zugreifen könnten, ohne dass ein Zweiter, zum Beispiel ein Arzt mit seinem Heilberufsausweis, dies ermögliche, sagte Litsch. Auch die Verpflichtung der Kassen, ihren Versicherten eine Akte anzubieten, sieht der AOK-Chef positiv: „Das entfaltet einen gewissen Druck.“ Der selbstverwalteten Krankenkasse biete sich dabei die Chance zu zeigen, dass sie das umsetzen kann und dabei Geld in die Hand nimmt. „Dabei ist es wichtig, dass wir als Krankenkassen auch zusammenarbeiten, denn es macht wenig Sinn, bei Fragen von Standardisierung und Rahmenbedingungen, die uns allen helfen, wechselseitig Kassenwettbewerb zu betreiben. Der Wettbewerb muss bei den Anwendungen stattfinden, und er darf nicht bei den technischen Grundregeln und den Rahmenbedingungen stattfinden.“ Dies sei mit Blick auf die Wahlfreiheit der Versicherten wichtig.

Litsch sprach sich zudem dafür aus, § 67 SGB V derart zu erweitern, dass nicht nur Leistungserbringer und Krankenkassen Daten etwa für wirtschaftliche Zwecke austauschen können, sondern dass hierbei auch der Versicherte einbezogen wird.

Die Aufgaben der gematik sieht er vor allem in einer regulierenden Funktion: Sie soll für die Sicherstellung der Interoperabilität und die Einhaltung der grundlegenden Infrastruktur und der Standards sorgen.

Annäherung an Position der Ärzte

Das digitale Gesundheitsnetzwerk der AOK diene dem Austausch von Gesundheits­daten zwischen Patienten, niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern sowie anderen medizinischen Einrichtungen. Denn nur das Teilen von Daten führe dazu, dass Versorgungsketten vernünftig unterstützt werden.  „Wir brauchen mehr als eine DropBox für Versicherte“, so Litsch.

Ein besonderes Merkmal dabei sei die Speicherung der medizinischen Daten im Netzwerk. „Unsere Auffassung ist, dass nicht alle Informationen, die in einer ePA geführt werden, physikalisch an einer Stelle zentral gespeichert werden, sondern auf den verschiedenen Systemen verteilt sind, sodass die jeweils spezifischen Informa­tionen einer ePA da sind, wo sie auch erzeugt werden.“ Dabei erzeuge die Arztakte die Patienteninformationen, die dann an eine ePA transferiert werden, von wo aus sie auch „geshared“ werden können.

AOK: Streit mit KBV beigelegt

Die Arztpraxis selbst sei dabei „völlig safe“, betonte Litsch mit Blick auf die Kritik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) an diesem Modell. Die AOK verstehe dabei die Verteilung der Daten auch als Sicherheitskomponente, weil die Daten dadurch nicht komplett an einer Stelle korrumpiert werden können. Zudem würden Daten nicht an vielen Stellen kopiert und verdoppelt. Der Streit mit den Ärzten ist ihm zufolge mittlerweile beigelegt.  „Die Ärzte legen großen Wert darauf, dass ihre Systeme nicht korrumpiert werden, vor allem aus rechtlichen Gründen. Sobald die Informationen aus dem Arztsystem in die Patientenakte übermittelt wird, ist der Patient dafür verantwortlich oder der Dienstleister, den der Patient gewählt hat ­- nicht mehr der Arzt.“

Die Ärzte wollten bei der ePA die medizinische Semantik und die Strukturen im Interesse einer besseren Versorgung ihrer Patienten mit vorgeben, betonte Florian Fuhrmann, Geschäftsführer der KV Telematik GmbH, einem Tochterunternehmen der KBV. Auch werde noch diskutiert, wie die Architektur einer solchen Akte genau aussehen soll: „Ist es die Architektur einer klassischen IHE-Akte mit Repositories, Registries et cetera“, oder gehe man den Weg von Techniker Krankenkasse und Vivy mit zentralen Lösungen? Die Diskussionen hierzu seien noch nicht abgeschlossen.

E-Health-Gesamtstrategie fehlt

Aus Sicht der gesundheitspolitischen Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Maria Klein-Schmeink (MdB), ist man inzwischen zwar „besser unterwegs als vor vier Jahren“, aber es räche sich jetzt, dass sich das E-Health-Gesetz nur auf die sichere TI und darauf, die Gesundheitskarte endlich in Gang zu bekommen, beschränkt habe. Nach wie vor fehle eine Gesamtstrategie, „wie wir die Digitalisierung im Gesundheitswesen nutzen wollen“.

Es gebe viele Baustellen, ohne dass klar sei, wie daraus etwas Kohärentes entstehen soll, zumal viele Dinge verstreut in unterschiedlichen Gesetzen geregelt würden. So regele das Pflegepersonalstärkungsgesetz etwa nur den digitalen Anschluss der stationären Pflege. „Wir haben aber nichts, was die Gesundheitsberufe insgesamt mit einbezieht“, kritisierte sie. „Wir haben noch nicht einmal den Zugang der Heilberufe zum Heilberufsausweis.“ Der Datenschutz müsse „patientenorientiert und bürgerrechts­orientiert“ an moderne Anforderungen der Digitalisierung im Gesundheitswesen angepasst werden, forderte sie. Patientenverbände müssten stärker in der gematik verortet werden.

Kassen schlagen Fristverlängerung bis Juni 2019 für Anbindung der Arztpraxen an Telematik­infrastruktur vor

Der GKV-Spitzenverband hat heute Verständnis für die Forderungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gezeigt, eine Fristverlängerung für die Anbindung der Arztpraxen an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) zu verlangen. Die Frist bis Ende des Jahres einzuhalten, sei „bisher faktisch nicht möglich“, sagte Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands bei der heutigen Verwaltungsrats­sitzung in Berlin.

Es habe bisher nur einen Anbieter gegeben und auch der könne mit dem Rollout nicht so schnell vorankommen. Zwar gebe es zwischenzeitlich einen zweiten Konnektor am Markt. Durch die Verzögerungen in der Vergangenheit seien die KBV-Forderungen allerdings „durchaus nachvollziehbar“.

Pfeiffer regte eine Fristverlängerung bis zum 30. Juni 2019 an. „Hier müsste das Ministerium eine entsprechende Verlängerung der Frist in Gang setzen, weil ansonsten ab dem 1. Januar eine Sanktionierung der Ärzte, die nicht an die TI angeschlossen sind, erfolgt“, so Pfeiffer.

Die KBV hat wiederholt darauf hingewiesen, dass eine Anbindung der Praxen an die TI bislang nicht möglich war, weil die notwendigen Kompo­nenten wie Konnektor und Kartenterminal noch nicht zur Verfügung standen. Der Anschluss ist erforderlich, damit Praxen die Daten des Versicherten auf der elektro­nischen Gesundheitskarte (eGK) abgleichen und aktualisieren können.

„Wir haben stets vehement darauf hingewiesen, dass die Frist angesichts der noch immer fehlenden Technik zu kurz ist“, betonte KBV-Vorstandsmitglied Thomas Kriedel mehrfach. Zudem würden die damit verbundenen Honorarkürzungen die Falschen treffen.

Konnektoren: Ob du willst oder nicht

Für Praxisinhaber sind die Konnektoren ein großes Ärgernis: Es gibt Probleme bei der Installation, im Alltag ist die Technik zu langsam und wer die Anschaffung verweigert, dem drohen Geldstrafen. Derweil sagt Spahn: „Ohne Konnektoren verlieren Ärzte den Anschluss an die Zukunft.“

„Wir wehren uns alle mit Händen und Füßen gegen die Konnektoren“, erzählt der kinderdok, ein bloggender Kinderarzt bei DocCheck. Er betreibt eine eigene Praxis und muss sich zwangsläufig mit dem Thema Konnektoren auseinandersetzen. Diese Tools sind Teil der Telematikinfrastruktur des deutschen Gesundheitswesens und stellen die Schnittstelle zu den Gesetzlichen Krankenversicherungen dar, etwa um Stammdaten von Versicherten abzufragen. Später soll auch das Abrufen der elektronischen Patientenakte und des elektronischen Rezepts über die Konnektoren möglich sein.

Etwas technischer ausgedrückt bauen Konnektoren ein virtuelles privates Netzwerk (VPN), also ein in sich geschlossenes sicheres Netz auf, um mit externen Systemen zu kommunizieren. Laut gematik-Fachportal wurden bislang zwei Konnektoren zugelassen, nämlich die KoCoBox MED+ (KoCo Connector GmbH) und der VSDM-Konnektor (T-Systems). Die KoCo Connector GmbH arbeitet mit CGM und der Concat AG als Vertriebspartner. T-Systems bietet die Tools direkt an. Der Markt ist momentan also recht überschaubar.

Erst mal keinen Konnektor anschaffen

Der kinderdok sieht bei Konnektoren noch viele Baustellen:  „Zu viel Kontrolle, zu viele Hardware-Probleme. Jedes Einlesen der Karte braucht bis zu zwei Minuten für den Online-Abgleich mit dem Kassenserver, bei uns sind das 200 Minuten am Tag.“ Außerdem handle es sich momentan noch um ein Monopolisten-Geschäft. „Ein heißes Thema, unser Berufsverband der Kinderärzte empfiehlt intern, sich keinen Konnektor anzuschaffen“, erzählt der Insider weiter. Doch wer sich weigert, muss Strafe zahlen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung informiert: Ab dem 1. Januar 2019 müssen alle Praxen in der Lage sein, diesen Datenabgleich durchführen zu können. Das heißt: Sie müssen an die TI angeschlossen sein, sonst drohen Honorarabzüge von einem Prozent. Das ist dem kinderdok aber egal: „Ich habe keinen Konnektor und werde auch erstmal keinen anschaffen.“

Diesen Ansatz vertritt auch Dr. Hermann Josef Kahl gegenüber DocCheck. Er ist Arzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendkardiologie, aus Düsseldorf: „Wir haben von den Schwierigkeiten gehört und setzen deshalb auch keine Konnektoren ein.“ Dies sei angesichts der Abstürze und der wenigen Geräte derzeit nicht sinnvoll. „Wir warten ab, bis ein vernünftiges, gut implementierbares System verfügbar ist.“

Technik legt Praxen lahm

Es handelt sich hier nicht um Einzelfälle, wie Dr. Werner Baumgärtner von MEDI GENO Deutschland schreibt. Sein Verbund vertritt nach eigenen Angaben knapp 17.000 niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten und gehört damit zu den größten Ärztenetzen in Deutschland.

Baumgärtner stellt in einem Artikel auf der Medi-Verbund-Seite die Ergebnisse einer Befragung mit 1.259 Praxen vor. Von ihnen haben 860 bereits Konnektoren im Einsatz.

  • 24 Prozent berichteten von Problemen bei der Installation. Dazu zählten vor allem Systemabstürze und -ausfälle, lange Installationszeiten oder inkompatible Hardware-Komponenten.
  • 64 Prozent aller User gaben an, dass es durch den Datenabgleich zu Verzögerungen im Praxisablauf kommt.
  • Bei 30 Prozent waren es maximal 5 Sekunden, bei weiteren 31 Prozent 6 bis 10 Sekunden, bei 11 Prozent 11 bis 15 Sekunden und bei 8 Prozent sogar 16 bis 20 Sekunden.
  • 48 Prozent kreuzten an, seit der Installation komme es zu Systemabstürzen.
  • 61 Prozent gaben sonstige Schwierigkeiten zu Protokoll. Teilweise funktionierten Online-Abgleiche nicht, manchmal ließen sich Gesundheitskarten nicht einlesen.
  • Auch die Service-Hotline sei schlecht erreichbar gewesen, teilweise schalteten sich Techniker erst 10 Tage nach der Fehlermeldung auf ein System.

In der Umfrage wurde auch nach den Anschaffungskosten und den Erstattungen durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) gefragt. Eine Frage lautete: Wurden alle Installationskosten von der KV ersetzt? 29 Prozent gaben an, dass die Kosten erstattet wurden; 31 Prozent verneinten die Frage und weitere 40 Prozent wissen noch nicht, ob die Kosten erstattet werden.

Als Unterdeckung, also Eigenanteil, geben Kollegen vor allem 100 bis 1.000 Euro an (62 Prozent), seltener waren es 1.000 bis 2.000 Euro (17 Prozent), 2.000 bis 3.000 Euro (5 Prozent) oder 3.000 bis 4.000 Euro (9 Prozent).

Details hat das Bundesgesundheitsministerium noch im E-Health-Gesetz geregelt. Laut KBV sinkt der Zuschuss je nach Quartal der ersten Nutzung (nicht Anschaffung) stetig ab:

connector

© KBV

Im Artikel geht Baumgärtner auf alle Ergebnisse der Umfrage ein und nennt diese alarmierend. „Das Hauptproblem bleibt, dass Praxen nach der Konnektorinstallation die elektronische Gesundheitskarte 1, die sich immer noch im Umlauf befindet, oft nicht mehr einlesen können und deshalb für jeden Patienten ein aufwendiges Ersatzverfahren durchführen müssen“.

Er bewertet es als „Skandal, dass unter diesen Voraussetzungen die Praxen unter gesetzlicher Strafandrohung gezwungen werden, den TI-Konnektor zu installieren“. Für ihn ist klar, dass eine unabhängige Stelle prüfen muss, warum es zu Abstürzen kommt. Gleichzeitig will der Experte klären lassen, wer für finanzielle Schäden aufkommt, sollten sich alte eGK1 nicht einlesen lassen.

Apos: Derzeit keine Sanktionen

Werfen wir noch ein Blick auf öffentliche Apotheken. Laut E-Health-Gesetz müssen sie ebenfalls Konnektoren anschaffen, um elektronische Gesundheitskarten einzulesen und E-Medikationspläne zu bearbeiten. Ab dem 1. Januar 2019 sollen nach dem E-Health-Gesetz alle Praxen und Apotheken an die Telematikinfrastruktur(TI) angeschlossen sein. DAZ.online vermutet, es sei noch keine Apotheke mit einem Hardwarekonnektor an die TI angeschlossen. Das hat drei Gründe:

  • Anders als Ärzte müssen Apotheker im Tagesgeschäft derzeit noch keine eGK einlesen.
  • Apothekern drohen keine Sanktionen, sollten sie sich querstellen.
  • Medikationspläne sind eher in Praxen als in Apotheken ein Thema. Mediziner erhalten ein Honorar für ihre Leistung, Apotheker nicht.

Der Druck steigt

Doch zurück zu den Ärzten. Mittlerweile ist die Kritik auch in Berlin angekommen. „Angesichts anhaltender Verzögerungen auf Herstellerseite fordere ich ein rasches Umdenken beim Rollout der Telematikinfrastruktur“, so Tino Sorge. Er ist Bundestagsabgeordneter der CDU – und seine Äußerungen dürften dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nicht wirklich gefallen. Sorge weiter: „Ärzte sollen für unverschuldete Verspätungen nicht sanktioniert werden.“ Er spricht von einem „Oligopol-ähnlicher Markt“ mit knappen Angeboten ohne echten Wettbewerb. Seine Forderungen sind mehr als deutlich:

  • Weitere Konnektoren sind in einem „Express-Verfahren“ zuzulassen.
  • Für die Erstattung soll der Bestellzeitraum ausschlaggebend sein – und nicht der Zeitpunkt der Inbetriebnahme.

Sowohl die FDP als auch die AfD fordern mittlerweile, die Fristen um mindestens sechs Monate zu verlängern. „Da aktuell nur rund 17.000 Praxen (ca. 12 % aller Praxen) vollständig an die Telematikinfrastruktur angebunden sind, ist nicht damit zu rechnen, dass die fehlenden 85.000 Praxen rechtzeitig zum Jahresende mit der notwendigen Hard- und Software versorgt und angebunden werden können“, schreibt Dr. Wieland Schinnenburg von der FDP. Jetzt kommt es auf Spahn an, ob der Fristtermin am 31. Dezember 2018 gekippt wird. Ob er das tun wird ist fraglich. „Auch wenn ich die Reserviertheit nach 14 Jahren Warten auf die Gesundheitskarte verstehe, rate ich den Ärzten: Besorgen Sie sich einen Konnektor“, so Spahn im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt. „Ohne Konnektoren verlieren Ärzte den Anschluss an die Zukunft!“