Psychothera­peuten beschließen regelhafte Fernbehandlung mit Face-to-face-Diag­nostik

Der 33. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) hat entschieden, dass künftig eine Fernbehandlung ergänzend im Rahmen einer Psychotherapie grundsätzlich unter Beachtung besonderer Sorgfaltspflichten eingesetzt werden kann. Eine ausschließliche Fernbehandlung von unbekannten Patienten lehnten die Delegierten aber ab.

„Diagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung der Patienten erfordern aber weiterhin den persönlichen Kontakt“, heißt es nun im neu beschlossenen Paragrafen 5 Absatz 5 der Musterberufsordnung (MBO) für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Damit folgten die Delegierten einem Antrag des Vorstands der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Die bisherige Regelung sah vor, dass eine Behandlung über Kommunikationsmedien nur in begründeten Ausnahmefällen durchgeführt werden darf. Die Mitwirkung an Forschungsprojekten, in denen Psychotherapie ausschließlich über das Internet durchgeführt wird, bedarf auch mit der geänderten MBO der Genehmigung durch die Landespsychotherapeutenkammern.

Große Entfernungen können überbrückt werden

Zuvor erläuterte Peter Lehndorfer, Mitglied im Vorstand der BPtK, die Chancen und Risiken der Psychotherapie über Videobehandlung: „Große Entfernungen zwischen Patienten und Psychotherapeut können so überbrückt werden. Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen werden erreicht, die keine Praxis aufsuchen können. Bei einem Umzug des Patienten kann eine Fernbehandlung den Therapeutenwechsel verhindern helfen.“

Die Evidenz rechtfertige inzwischen den Einsatz von Fernbehandlungen – „aber längst nicht für alle“. Auf der anderen Seite könne Onlinepsychotherapie nicht die Probleme der Bedarfsplanung lösen und bedeute auch keine Zeitersparnis für Psychotherapeuten.

Antrag zur ausschließlichen Fernbehandlung abgelehnt

Zur Abstimmung stand auch ein Antrag der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK), der eine ausschließliche Behandlung über Kommunikationsmedien „im Einzelfall“ erlauben wollte, wenn dies psychotherapeutisch vertretbar sei. Dem ablehnenden Votum der Delegierten war eine breite Debatte vorausgegangen.

„Wir wollen Psychotherapeuten zumuten, selbst zu entscheiden, ob sie den Patienten vor einer Fernbehandlung persönlich sehen wollen/müssen oder nicht“, sagte Andrea Mrazek, Präsidentin der OPK.

„Wir sollten uns der Möglichkeit der ausschließlichen Fernbehandlung nicht verschließen“, erklärte Cornelia Beeking, Delegierte aus Nordrhein-Westfalen (NRW). „Der Schaden für die Patienten ist größer, wenn wir sie gar nicht erreichen, dadurch, dass sie in die Praxis kommen müssen“, ergänzte die Berliner Delegierte Eva-Maria Schweitzer-Köhn.

„Zur Diagnostik gehört immer auch das persönliche Gespräch. Der klinische Eindruck ist wichtig, der sich auch im Geruch und im Händedruck zeigt“, sagte hingegen Petra Adler-Corman, NRW, beispielsweise für die Vertreter der Face-to-face-Diagnostik.

„Die Krankenkassen sind sehr erpicht auf die OnlinePsychotherapie ohne uns – wir können uns auch selbst abschaffen“, erklärte Rudi Bittner, Delegierter aus Bayern. „Wir müssen unsere Macht nutzen“, warb BPtK-Vizepräsident Nikolaus Melcop für den Antrag des Vorstands für die regelhafte Fernbehandlung, der schließlich mit großer Mehrheit angenommen wurde.

Neue Medien verändern die Glücksspielsucht

Glücksspiel ist in Deutschland weiterhin verbreitet. Rund 40 Prozent der 16- bis 70-Jährigen geben an, im vergangenen Jahr Glücksspiele gespielt zu haben. Rund eine halbe Million Menschen dieser Altersgruppe haben ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten. Das berichtet die Bundeszentrale für gesund­heitliche Aufklärung (BZgA) zum heutigen bundesweiten Aktionstag Glücksspielsucht. Danach ist insbesondere unter jungen Menschen im Alter von 21 bis 25 Jahren problematisches Glücksspiel verbreitet. Ein überdurchschnittlich hohes Risiko, eine Suchtproblematik infolge ihres Glücksspielverhaltens zu entwickeln, haben laut der BZgA 18- bis 25-jährige Männer mit niedrigerem Bildungsgrad und Migrations­hintergrund.

Neue Formen

Laut der Fachstelle Glücksspielsucht in der Ambulanten Suchthilfe Bethel des Evangelischen Klinikums Bethel (EvKB) verändert sich die Art der Glücksspiele: Der Klassiker „Automatenspiele“ stagniere, Onlinespiele und Sportwetten nähmen dagegen zu.

Aggressive Werbung

Laut der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern (LSG) gibt die Glücksspielindustrie jährlich mehrere Hundert Millionen Euro für Werbung aus. „Gerade Jugendliche, die per Gesetz in besonderem Maße vor den Risiken des Glücksspielens geschützt werden sollen, erreicht diese aggressive Form der Werbung sehr schnell und wirksam“, sagte Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle. Auch wenn sich Werbung für Glücksspiel nicht gezielt an Jugendliche wenden dürfe, so seien junge Menschen doch besonders anfällig für diese Botschaften, warnte er.

Hilfe für Betroffene

Hilfe bei problematischem Glücksspiel bietet unter anderem die BZgA mit ihrer Kampagne „Check dein Spiel“. Sie beeinhaltet unter anderem einen Online-Selbsttest zur Überprüfung der Risiken des eigenen Spielverhaltens und ein qualitätsgesichertes Online-Verhaltensänderungsprogramm, mit dem das Spielverhalten reguliert werden kann. Ergänzend hält die Kampagne Broschüren und Faltblätter zum Thema Glücksspielsuchtprävention in verschiedenen Sprachen vor.

Unter der kostenfreien Rufnummer 0800 1372700 bietet die BZgA auch eine persönliche Telefonberatung zur Glücksspielsucht an.

E-Health Diskussion – Vision und Wirklichkeit

„Beim Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur würde man gerne von den 15 Jahren die ersten zehn Jahre vergessen, weil das in der Tat zunächst nicht so gut gelaufen ist“, erklärte Stefan Bales, Ministerialrat im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), beim gevko/GRPG-Symposium gestern in Berlin. Jetzt aber werden nach Meinung von Bales und weiterer E-Health-Experten endlich Fortschritte sichtbar.

Die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) in dieser Legislaturperiode vollzieht sich aus Sicht des BMG in drei Schritten: Der erste Schritt war die Verpflichtung der für die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) verantwortlichen Betreiber­gesellschaft gematik, eine Spezifikation und Zulassungsverfahren für die ePA bis Ende 2018 fertigzustellen. Der zweite Schritt: „Spätestens ab 2021 hat jeder gesetzlich Versicherte Anspruch auf eine ePA von seiner Krankenkasse, und zwar nach den Vorgaben der gematik“, betonte Bales. Diese Zeitschiene stehe im Koalitionsvertrag und im Referentenentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG).  In einem dritten Schritt seien dann über ein E-Health-Gesetz II Einzelheiten zu regeln, wie die ePA in der Versorgung genutzt werden könne.

28.000 Praxen an das Gesundheitsnetz angeschlossen

Die dafür notwendige TI befinde sich derzeit im Aufbau. Rund 28.000 Arztpraxen sind laut Bales inzwischen an das sichere Gesundheitsnetz angeschlossen. Zudem erwartet das BMG, das nach den bisherigen zwei zugelassenen Konnektoren zum Anschluss der Praxen an die TI in den nächsten Monaten noch die Geräte von zwei weiteren Anbie­tern dazukommen werden.

Bales verwies zudem darauf, dass in der letzten Woche auch die Finanzierungs­vereinbarung für den Anschluss der Krankenhäuser an die TI abgeschlossen wurde. Damit seien Anreize für die Entwicklungsarbeiten im stationären Sektor geschaffen worden.  Für die Apotheken erwartet er eine entsprechende Vereinbarung in den nächsten Wochen. Bis Ende 2019 soll ihm zufolge der Anschluss von Arztpraxen, Krankenhäusern und Apotheken an die TI abgeschlossen sein.

Spätestens ab Mitte 2019 sollen außerdem der elektronische Medikationsplan und die Notfalldaten als erste medizinische Anwendungen  eingeführt werden. Hierfür hatte die gematik bereits Ende 2017 fristgerecht entsprechende Spezifikationen vorgelegt. Für die Notfalldaten hat die Selbstverwaltung auch die ersten Finanzierungsregelungen getroffen.

Versorgungszentriert versus versichertenzentriert

Jetzt stehe vor allem die Patientenakte im Mittelpunkt, erklärte Bales. Im TSVG hat die gematik den Auftrag erhalten, zusätzliche Authentifizierungsverfahren zu spezifizieren, damit Patienten auf ihre ePA mit Smartphone oder Tablet alleine zugreifen können. Derzeit befinde sich die gematik noch in der Spezifizierungsphase der ePA, während die Kassen bereits elektronische Akten nach § 68 Sozialgesetzbuch (SGB) V auf den Markt bringen. „Sie sammeln damit erste Erfahrungen, wie man mit diesen Akten umgehen kann und wie diese bei den Versicherten ankommen“, meinte Bales.

Dabei hätten die Kassen ein anderes Vorgehensmodell als die gematik: Sie entwickelten aus der Sicht des Versicherten, wohingegen die gematik eher von der Leistungserbringerseite her agiere, um eine ePA zu schaffen, die sektorenübergreifend genutzt werden könne und nach vorgegebenen Regeln funktional, interoperabel und sicher sein müsse, erläuterte der BMG-Experte.

gematik-Akte versorgungszentriert

Sie soll zudem bei einem Kassenwechsel übertragbar sein und ziele darauf ab, den Behandlern valide Daten zur Verfügung zu stellen. Die gematik-Akte sei daher eher versorgungszentriert, während die Kassen-Akten versichertenzentriert seien. Bis Ende des Jahres werde ausgelotet, wie die Erfahrungen aus den Kassenprojekten in die Entwicklung der gematik eingebracht werden könnten, meinte Bales. Wichtig sei aus BMG-Perspektive, dass die Kassen bei dem ePA-Projekt auch individuelle Angebote machen können.

fristverlängerung zur TI-Anbindung sinnvoll

Auch aus Sicht von Martin Litsch, dem Vorstandsvorsitzenden des AOK-Bundesver­bandes, hat das Thema Digitalisierung eine andere Qualität bekommen. Dennoch sieht er an vielen Stellen noch Handlungsbedarf. So sind aus seiner Sicht noch viel zu wenige Arztpraxen an die TI angebunden. Eine weitere Fristverlängerung sei wahrscheinlich, „denn bis Ende des Jahres wird das nichts werden“. Das sei vernünftig, weil den Ärzten nicht anzulasten sei, dass die Industrie keine Konnektoren geliefert hat, meinte Litsch. Auch habe man eine weitere Finanzierungsvereinbarung mit den Krankenhäusern getroffen, allerdings gebe es derzeit „noch nichts, das zu finanzieren ist“, kritisierte der AOK-Chef. So fehlten geeignete Konnektoren für die Krankenhäuser, die andere IT-Voraussetzungen hätten als die Arztpraxen.

E-Health-Gesetz II frühestens Ende 2019

„Die Regelungen des TSVG finden wir gut“, betonte Litsch. Das Gesetz schaffe für die ePA die erforderlichen Voraussetzungen, sodass die Kassen ihre Projekte schneller in die Breite bringen können – zumal ein E-Health-Gesetz II nicht vor Ende 2019 zu erwarten sei. Zudem werden sich ihm zufolge durch die EU-Datenschutzgrund­verordnung die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessern. Sie habe „extrem klar“ in der öffentlichen Wahrnehmung positioniert, dass die Daten dem Versicherten gehören.

Mit der Digitalisierung werden sich zudem die Prozesse verändern, meinte Litsch.  So sei damit zu rechnen, dass sich die Arbeit etwa des Arztes, des Krankenhauses verän­dern werde. Denn wenn der Versicherte entscheide, welche Daten er wem zeige, führe das zu mehr Transparenz. Herkömmliche Geschäftsmodelle, etwa bei Abrechnungs­zentren, könnten zudem dadurch infrage gestellt werden, wenn die Daten andere Wege nähmen.

Wettbewerb auf Anwendungs-, nicht auf der Technologieebene

Das TSVG regele zudem die sicheren Authentifizierungsverfahren und den Einsatz der elektronischen Gesundheitskarte. Die Möglichkeit einer 2-Faktor-Authentifizierung müsse ausreichen, damit die Patienten auf ihre Daten zugreifen könnten, ohne dass ein Zweiter, zum Beispiel ein Arzt mit seinem Heilberufsausweis, dies ermögliche, sagte Litsch. Auch die Verpflichtung der Kassen, ihren Versicherten eine Akte anzubieten, sieht der AOK-Chef positiv: „Das entfaltet einen gewissen Druck.“ Der selbstverwalteten Krankenkasse biete sich dabei die Chance zu zeigen, dass sie das umsetzen kann und dabei Geld in die Hand nimmt. „Dabei ist es wichtig, dass wir als Krankenkassen auch zusammenarbeiten, denn es macht wenig Sinn, bei Fragen von Standardisierung und Rahmenbedingungen, die uns allen helfen, wechselseitig Kassenwettbewerb zu betreiben. Der Wettbewerb muss bei den Anwendungen stattfinden, und er darf nicht bei den technischen Grundregeln und den Rahmenbedingungen stattfinden.“ Dies sei mit Blick auf die Wahlfreiheit der Versicherten wichtig.

Litsch sprach sich zudem dafür aus, § 67 SGB V derart zu erweitern, dass nicht nur Leistungserbringer und Krankenkassen Daten etwa für wirtschaftliche Zwecke austauschen können, sondern dass hierbei auch der Versicherte einbezogen wird.

Die Aufgaben der gematik sieht er vor allem in einer regulierenden Funktion: Sie soll für die Sicherstellung der Interoperabilität und die Einhaltung der grundlegenden Infrastruktur und der Standards sorgen.

Annäherung an Position der Ärzte

Das digitale Gesundheitsnetzwerk der AOK diene dem Austausch von Gesundheits­daten zwischen Patienten, niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern sowie anderen medizinischen Einrichtungen. Denn nur das Teilen von Daten führe dazu, dass Versorgungsketten vernünftig unterstützt werden.  „Wir brauchen mehr als eine DropBox für Versicherte“, so Litsch.

Ein besonderes Merkmal dabei sei die Speicherung der medizinischen Daten im Netzwerk. „Unsere Auffassung ist, dass nicht alle Informationen, die in einer ePA geführt werden, physikalisch an einer Stelle zentral gespeichert werden, sondern auf den verschiedenen Systemen verteilt sind, sodass die jeweils spezifischen Informa­tionen einer ePA da sind, wo sie auch erzeugt werden.“ Dabei erzeuge die Arztakte die Patienteninformationen, die dann an eine ePA transferiert werden, von wo aus sie auch „geshared“ werden können.

AOK: Streit mit KBV beigelegt

Die Arztpraxis selbst sei dabei „völlig safe“, betonte Litsch mit Blick auf die Kritik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) an diesem Modell. Die AOK verstehe dabei die Verteilung der Daten auch als Sicherheitskomponente, weil die Daten dadurch nicht komplett an einer Stelle korrumpiert werden können. Zudem würden Daten nicht an vielen Stellen kopiert und verdoppelt. Der Streit mit den Ärzten ist ihm zufolge mittlerweile beigelegt.  „Die Ärzte legen großen Wert darauf, dass ihre Systeme nicht korrumpiert werden, vor allem aus rechtlichen Gründen. Sobald die Informationen aus dem Arztsystem in die Patientenakte übermittelt wird, ist der Patient dafür verantwortlich oder der Dienstleister, den der Patient gewählt hat ­- nicht mehr der Arzt.“

Die Ärzte wollten bei der ePA die medizinische Semantik und die Strukturen im Interesse einer besseren Versorgung ihrer Patienten mit vorgeben, betonte Florian Fuhrmann, Geschäftsführer der KV Telematik GmbH, einem Tochterunternehmen der KBV. Auch werde noch diskutiert, wie die Architektur einer solchen Akte genau aussehen soll: „Ist es die Architektur einer klassischen IHE-Akte mit Repositories, Registries et cetera“, oder gehe man den Weg von Techniker Krankenkasse und Vivy mit zentralen Lösungen? Die Diskussionen hierzu seien noch nicht abgeschlossen.

E-Health-Gesamtstrategie fehlt

Aus Sicht der gesundheitspolitischen Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Maria Klein-Schmeink (MdB), ist man inzwischen zwar „besser unterwegs als vor vier Jahren“, aber es räche sich jetzt, dass sich das E-Health-Gesetz nur auf die sichere TI und darauf, die Gesundheitskarte endlich in Gang zu bekommen, beschränkt habe. Nach wie vor fehle eine Gesamtstrategie, „wie wir die Digitalisierung im Gesundheitswesen nutzen wollen“.

Es gebe viele Baustellen, ohne dass klar sei, wie daraus etwas Kohärentes entstehen soll, zumal viele Dinge verstreut in unterschiedlichen Gesetzen geregelt würden. So regele das Pflegepersonalstärkungsgesetz etwa nur den digitalen Anschluss der stationären Pflege. „Wir haben aber nichts, was die Gesundheitsberufe insgesamt mit einbezieht“, kritisierte sie. „Wir haben noch nicht einmal den Zugang der Heilberufe zum Heilberufsausweis.“ Der Datenschutz müsse „patientenorientiert und bürgerrechts­orientiert“ an moderne Anforderungen der Digitalisierung im Gesundheitswesen angepasst werden, forderte sie. Patientenverbände müssten stärker in der gematik verortet werden.

Kassen schlagen Fristverlängerung bis Juni 2019 für Anbindung der Arztpraxen an Telematik­infrastruktur vor

Der GKV-Spitzenverband hat heute Verständnis für die Forderungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gezeigt, eine Fristverlängerung für die Anbindung der Arztpraxen an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) zu verlangen. Die Frist bis Ende des Jahres einzuhalten, sei „bisher faktisch nicht möglich“, sagte Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands bei der heutigen Verwaltungsrats­sitzung in Berlin.

Es habe bisher nur einen Anbieter gegeben und auch der könne mit dem Rollout nicht so schnell vorankommen. Zwar gebe es zwischenzeitlich einen zweiten Konnektor am Markt. Durch die Verzögerungen in der Vergangenheit seien die KBV-Forderungen allerdings „durchaus nachvollziehbar“.

Pfeiffer regte eine Fristverlängerung bis zum 30. Juni 2019 an. „Hier müsste das Ministerium eine entsprechende Verlängerung der Frist in Gang setzen, weil ansonsten ab dem 1. Januar eine Sanktionierung der Ärzte, die nicht an die TI angeschlossen sind, erfolgt“, so Pfeiffer.

Die KBV hat wiederholt darauf hingewiesen, dass eine Anbindung der Praxen an die TI bislang nicht möglich war, weil die notwendigen Kompo­nenten wie Konnektor und Kartenterminal noch nicht zur Verfügung standen. Der Anschluss ist erforderlich, damit Praxen die Daten des Versicherten auf der elektro­nischen Gesundheitskarte (eGK) abgleichen und aktualisieren können.

„Wir haben stets vehement darauf hingewiesen, dass die Frist angesichts der noch immer fehlenden Technik zu kurz ist“, betonte KBV-Vorstandsmitglied Thomas Kriedel mehrfach. Zudem würden die damit verbundenen Honorarkürzungen die Falschen treffen.

Konnektoren: Ob du willst oder nicht

Für Praxisinhaber sind die Konnektoren ein großes Ärgernis: Es gibt Probleme bei der Installation, im Alltag ist die Technik zu langsam und wer die Anschaffung verweigert, dem drohen Geldstrafen. Derweil sagt Spahn: „Ohne Konnektoren verlieren Ärzte den Anschluss an die Zukunft.“

„Wir wehren uns alle mit Händen und Füßen gegen die Konnektoren“, erzählt der kinderdok, ein bloggender Kinderarzt bei DocCheck. Er betreibt eine eigene Praxis und muss sich zwangsläufig mit dem Thema Konnektoren auseinandersetzen. Diese Tools sind Teil der Telematikinfrastruktur des deutschen Gesundheitswesens und stellen die Schnittstelle zu den Gesetzlichen Krankenversicherungen dar, etwa um Stammdaten von Versicherten abzufragen. Später soll auch das Abrufen der elektronischen Patientenakte und des elektronischen Rezepts über die Konnektoren möglich sein.

Etwas technischer ausgedrückt bauen Konnektoren ein virtuelles privates Netzwerk (VPN), also ein in sich geschlossenes sicheres Netz auf, um mit externen Systemen zu kommunizieren. Laut gematik-Fachportal wurden bislang zwei Konnektoren zugelassen, nämlich die KoCoBox MED+ (KoCo Connector GmbH) und der VSDM-Konnektor (T-Systems). Die KoCo Connector GmbH arbeitet mit CGM und der Concat AG als Vertriebspartner. T-Systems bietet die Tools direkt an. Der Markt ist momentan also recht überschaubar.

Erst mal keinen Konnektor anschaffen

Der kinderdok sieht bei Konnektoren noch viele Baustellen:  „Zu viel Kontrolle, zu viele Hardware-Probleme. Jedes Einlesen der Karte braucht bis zu zwei Minuten für den Online-Abgleich mit dem Kassenserver, bei uns sind das 200 Minuten am Tag.“ Außerdem handle es sich momentan noch um ein Monopolisten-Geschäft. „Ein heißes Thema, unser Berufsverband der Kinderärzte empfiehlt intern, sich keinen Konnektor anzuschaffen“, erzählt der Insider weiter. Doch wer sich weigert, muss Strafe zahlen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung informiert: Ab dem 1. Januar 2019 müssen alle Praxen in der Lage sein, diesen Datenabgleich durchführen zu können. Das heißt: Sie müssen an die TI angeschlossen sein, sonst drohen Honorarabzüge von einem Prozent. Das ist dem kinderdok aber egal: „Ich habe keinen Konnektor und werde auch erstmal keinen anschaffen.“

Diesen Ansatz vertritt auch Dr. Hermann Josef Kahl gegenüber DocCheck. Er ist Arzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendkardiologie, aus Düsseldorf: „Wir haben von den Schwierigkeiten gehört und setzen deshalb auch keine Konnektoren ein.“ Dies sei angesichts der Abstürze und der wenigen Geräte derzeit nicht sinnvoll. „Wir warten ab, bis ein vernünftiges, gut implementierbares System verfügbar ist.“

Technik legt Praxen lahm

Es handelt sich hier nicht um Einzelfälle, wie Dr. Werner Baumgärtner von MEDI GENO Deutschland schreibt. Sein Verbund vertritt nach eigenen Angaben knapp 17.000 niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten und gehört damit zu den größten Ärztenetzen in Deutschland.

Baumgärtner stellt in einem Artikel auf der Medi-Verbund-Seite die Ergebnisse einer Befragung mit 1.259 Praxen vor. Von ihnen haben 860 bereits Konnektoren im Einsatz.

  • 24 Prozent berichteten von Problemen bei der Installation. Dazu zählten vor allem Systemabstürze und -ausfälle, lange Installationszeiten oder inkompatible Hardware-Komponenten.
  • 64 Prozent aller User gaben an, dass es durch den Datenabgleich zu Verzögerungen im Praxisablauf kommt.
  • Bei 30 Prozent waren es maximal 5 Sekunden, bei weiteren 31 Prozent 6 bis 10 Sekunden, bei 11 Prozent 11 bis 15 Sekunden und bei 8 Prozent sogar 16 bis 20 Sekunden.
  • 48 Prozent kreuzten an, seit der Installation komme es zu Systemabstürzen.
  • 61 Prozent gaben sonstige Schwierigkeiten zu Protokoll. Teilweise funktionierten Online-Abgleiche nicht, manchmal ließen sich Gesundheitskarten nicht einlesen.
  • Auch die Service-Hotline sei schlecht erreichbar gewesen, teilweise schalteten sich Techniker erst 10 Tage nach der Fehlermeldung auf ein System.

In der Umfrage wurde auch nach den Anschaffungskosten und den Erstattungen durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) gefragt. Eine Frage lautete: Wurden alle Installationskosten von der KV ersetzt? 29 Prozent gaben an, dass die Kosten erstattet wurden; 31 Prozent verneinten die Frage und weitere 40 Prozent wissen noch nicht, ob die Kosten erstattet werden.

Als Unterdeckung, also Eigenanteil, geben Kollegen vor allem 100 bis 1.000 Euro an (62 Prozent), seltener waren es 1.000 bis 2.000 Euro (17 Prozent), 2.000 bis 3.000 Euro (5 Prozent) oder 3.000 bis 4.000 Euro (9 Prozent).

Details hat das Bundesgesundheitsministerium noch im E-Health-Gesetz geregelt. Laut KBV sinkt der Zuschuss je nach Quartal der ersten Nutzung (nicht Anschaffung) stetig ab:

connector

© KBV

Im Artikel geht Baumgärtner auf alle Ergebnisse der Umfrage ein und nennt diese alarmierend. „Das Hauptproblem bleibt, dass Praxen nach der Konnektorinstallation die elektronische Gesundheitskarte 1, die sich immer noch im Umlauf befindet, oft nicht mehr einlesen können und deshalb für jeden Patienten ein aufwendiges Ersatzverfahren durchführen müssen“.

Er bewertet es als „Skandal, dass unter diesen Voraussetzungen die Praxen unter gesetzlicher Strafandrohung gezwungen werden, den TI-Konnektor zu installieren“. Für ihn ist klar, dass eine unabhängige Stelle prüfen muss, warum es zu Abstürzen kommt. Gleichzeitig will der Experte klären lassen, wer für finanzielle Schäden aufkommt, sollten sich alte eGK1 nicht einlesen lassen.

Apos: Derzeit keine Sanktionen

Werfen wir noch ein Blick auf öffentliche Apotheken. Laut E-Health-Gesetz müssen sie ebenfalls Konnektoren anschaffen, um elektronische Gesundheitskarten einzulesen und E-Medikationspläne zu bearbeiten. Ab dem 1. Januar 2019 sollen nach dem E-Health-Gesetz alle Praxen und Apotheken an die Telematikinfrastruktur(TI) angeschlossen sein. DAZ.online vermutet, es sei noch keine Apotheke mit einem Hardwarekonnektor an die TI angeschlossen. Das hat drei Gründe:

  • Anders als Ärzte müssen Apotheker im Tagesgeschäft derzeit noch keine eGK einlesen.
  • Apothekern drohen keine Sanktionen, sollten sie sich querstellen.
  • Medikationspläne sind eher in Praxen als in Apotheken ein Thema. Mediziner erhalten ein Honorar für ihre Leistung, Apotheker nicht.

Der Druck steigt

Doch zurück zu den Ärzten. Mittlerweile ist die Kritik auch in Berlin angekommen. „Angesichts anhaltender Verzögerungen auf Herstellerseite fordere ich ein rasches Umdenken beim Rollout der Telematikinfrastruktur“, so Tino Sorge. Er ist Bundestagsabgeordneter der CDU – und seine Äußerungen dürften dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nicht wirklich gefallen. Sorge weiter: „Ärzte sollen für unverschuldete Verspätungen nicht sanktioniert werden.“ Er spricht von einem „Oligopol-ähnlicher Markt“ mit knappen Angeboten ohne echten Wettbewerb. Seine Forderungen sind mehr als deutlich:

  • Weitere Konnektoren sind in einem „Express-Verfahren“ zuzulassen.
  • Für die Erstattung soll der Bestellzeitraum ausschlaggebend sein – und nicht der Zeitpunkt der Inbetriebnahme.

Sowohl die FDP als auch die AfD fordern mittlerweile, die Fristen um mindestens sechs Monate zu verlängern. „Da aktuell nur rund 17.000 Praxen (ca. 12 % aller Praxen) vollständig an die Telematikinfrastruktur angebunden sind, ist nicht damit zu rechnen, dass die fehlenden 85.000 Praxen rechtzeitig zum Jahresende mit der notwendigen Hard- und Software versorgt und angebunden werden können“, schreibt Dr. Wieland Schinnenburg von der FDP. Jetzt kommt es auf Spahn an, ob der Fristtermin am 31. Dezember 2018 gekippt wird. Ob er das tun wird ist fraglich. „Auch wenn ich die Reserviertheit nach 14 Jahren Warten auf die Gesundheitskarte verstehe, rate ich den Ärzten: Besorgen Sie sich einen Konnektor“, so Spahn im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt. „Ohne Konnektoren verlieren Ärzte den Anschluss an die Zukunft!“

Neue Open-Source-Platt­form für die Analyse von Big Data in den Lebens­wissenschaften

Einen neuer Server namens „usegalaxy.eu“ hat die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in Betrieb genommen. „Galaxy“ ist eine Open-Source-Plattform für die Analyse von Big Data in den Lebenswissenschaften, die Wissenschaftler über einen Internetbrowser benutzen können.

Galaxy wurde an der US-amerikanischen Penn State University initiiert und an der Universität Freiburg im Sonderforschungsbereich „Medizinische Epigenetik“ sowie als Teil des Deutschen Netzwerks für Bioinformatik-Infrastruktur (de.NBI) weiterentwickelt. Der neue Europaserver befindet sich im Rechenzentrum der Universität Freiburg.

Die Möglichkeiten von Big Data verändern viele Forschungsprozesse in den Lebens­wissenschaften grundlegend: An die Stelle überschaubarer Versuchsanordnungen treten oft Analysen, die Hunderttausenden einzelner Experimente entsprechen.

„Um in der weltweiten Spitzenforschung dabei zu sein, braucht es statistische Methoden, eine qualitativ hochwertige Datenanalyse und hohe Rechenkapazitäten“, erläuterte Björn Grüning, der das Freiburger Galaxy-Team leitet. Er gehört zur Arbeitsgruppe von Rolf Backofen am Institut für Informatik.

Kenntnisse im Programmieren sind für die Nutzung von Galaxy laut den Freiburgern nicht erforderlich: Alle Einstellungen lassen sich über eine grafisch aufbereitete Oberfläche vornehmen. Das Freiburger Galaxy-Team organisiert regelmäßig Trainingskurse für Nutzer, Administratoren und Entwickler. Das Material ist kostenlos und online frei zugänglich.

Fachgesellschaft sieht Nutzen von Online­interventionen bei Depressionen und Angststörungen als gut belegt an

Der Nutzen von Onlineangeboten zur Intervention ist bei einigen psychiatrischen Indikationen gut belegt. Bisher aber fehlen einheitliche Standards zu Qualität, Patientensicherheit und Finanzierung solcher Angebote. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) zusammen mit dem Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM).

Die meisten Erkenntnisse liegen danach für Interventionen bei Depressionen und Angststörungen vor. „Hier haben verschiedene Onlineprogramme in Studien ihre Wirksamkeit und nachhaltigen Effekte bewiesen – und zwar in vergleichbarer Qualität mit konventioneller Psychotherapie“, berichten die Fachgesellschaften.

Therapeutenunterstützt ist sinnvoll

Meist handle es sich dabei um therapeutenunterstützte Programme – das heißt, der Patient durchlaufe das Therapieprogramm weitestgehend selbstständig, erhalte aber regelmäßig Rückmeldung durch einen Therapeuten, der auch für Fragen zu Verfügung stehe. Digitale Anwendungen kämen außerdem ergänzend zur klassischen Therapie und in der Nachsorge zum Einsatz, etwa in der Rückfallprävention von Essstörungen und bei Adipositas.

Insbesondere für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen haben sich laut DGPM und DKPM Serious Games als wirksam erwiesen, in denen Therapieinhalte spielerisch vermittelt würden. Außerdem würden E-Mental-Health-Anwendungen für die Behandlung posttraumatischer Belastungs­störungen erforscht und vereinzelt eingesetzt. „Ungeeignet sind digitale Anwendungen, wenn sich Menschen in akuten, schweren Krisensituationen befinden“, betonte Stephan Zipfel, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Tübingen.

Im Allgemeinen gelte: Der therapeutische Effekt bei Onlineverfahren mit therapeutischer Unterstützung sei höher als bei Programmen, die ohne Kontakt zu einem Therapeuten angelegt seien. Angebote, die eine sehr niedrige Zugangsschwelle hätten, also beispielsweise anonym und ohne vorherigen Abklärungsprozess mit einem Therapeuten gestartet werden könnten, würden zwar gerne genutzt, aber oft auch wieder abgebrochen.

Angebote mit höherer Zugangsschwelle hätten sich in Studien als nachhaltiger erwiesen, das gelte vor allem bei Programmen zur Behandlung einer Depression. „Generell ist eine vorgeschaltete Diagnostik durch einen Facharzt empfehlenswert, bei der sich dieser einen ausreichenden Eindruck vom Patienten und seinem körperlichen und psychischen Zustand und seiner sozialen Einbindung machen kann“, empfiehlt Zipfel.

Problem der Vielfalt

Die Onlinetherapie von Patienten mit psychiatrischen Störungen ist aber nicht unumstritten: So warnte die zweite stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayerns, Claudia Ritter-Rupp, Mitte März auf einer KV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung vor einer „unüberschaubaren Angebotsvielfalt“ an psychotherapeutischen Interventionen im Onlinebereich, die momentan von einigen Krankenkassen vorangetrieben würden.

Auch wenn die ökonomischen Aspekte für Anbieter und Krankenkassen reizvoll seien, könne der fehlende reale Patientenkontakt gerade bei psychischen Erkrankungen dazu führen, dass diese nicht erkannt oder verharmlost würden. Dies könne zu einer krisenhaften Zuspitzung oder zur Chronifizierung von psychischen Leiden führen, warnte sie.

Spahn will Digitalisierung zu einem Schwerpunkt machen

Die Digitalisierung soll zu einem von drei Schwerpunkten in der Arbeit des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) werden. Das hat der neue Bundesgesundheits­minister Jens Spahn (CDU) heute bei der offziellen Amtsübernahme von seinem Vorgänger Hermann Gröhe (CDU) betont.

Mit dem E-Health-Gesetz seien erste wichtige Schritte erfolgt, aber die Digitalisierung müsse dringend weiter ausgebaut werden, sagte Spahn. Es passiere „so wahnsinnig viel“ in dem Bereich, dass es richtig sei, einen stärkeren Fokus auf dieses Politikfeld zu legen. Er regte an, einmal im Quartal Start-ups ins BMG einzuladen, „um ein Gefühl dafür zu bekommen, was sich dort alles bewegt“.

Wartezeiten ein Aspekt

Als weiteres großes Thema bezeichnete Spahn die ambulante Versorgung. Das große Aufregerthema sei dabei, wie schnell gesetzlich Versicherte einen Termin beim Arzt erhielten. Ein weiterer Schwerpunkt sei die Pflege, vor allem die Situation und die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften. Spahn betonte aber auch, dass viele weitere kleinere Themen in der Gesundheitspolitik wichtig seien.

Der neue Minister ermunterte die Mitarbeiter im BMG heute dazu, mit ihm die an­stehenden Themen gemeinsam umzusetzen und kritisch zu diskutieren. „Was ich brauche, sind kontroverse Debatten“, sagte Spahn. Diese müsse man nicht öffentlich führen, sondern intern. Wichtig sei für ihn, andere Argumente zu kennen, um abwägen zu können.

Sein Vorgänger Gröhe machte vor den Mitarbeitern des Hauses unter großem Beifall deutlich, dass ihm der Abschied nicht leicht falle. Der 57-Jährige, der das Ressort in der vergangenen Legislaturperiode leitete, scheidet aus der Bundesregierung aus. Nach Informationen des Deutschen Ärzteblattes könnte er neuer stellvertretender Fraktions­vorsitzender der Unionsfraktion werden. Er könnte damit Sabine Weiss nachfolgen, die neue Parlamentarische Staatssekretärin im BMG ist.

Der Personalratsvorsitzende des BMG, Hans-Josef Marx, erinnerte Spahn heute an die Vorhaben der neuen Großen Koalition, die sachgrundlose Befristung von Arbeits­verhältnissen zur Ausnahme zu machen. Er forderte Spahn dazu auf, sich beim nächsten Personalhaushalt für mehr Stellen einzusetzen, damit sachgrundlose Befristungen auch im BMG „zur Ausnahme“ werden. So könnten die derzeit 61 befristet Beschäftigten im BMG „eine sichere Zukunftsperspektive“ bekommen.

Tests für medizinische Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte starten im Herbst

Bei der momentanen Anbindung der Arztpraxen an die Telematik­infrastruktur (TI) werden die Möglichkeiten der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) bislang nicht ausgeschöpft, nur die Versichertenstammdaten werden abgeglichen. Aber ab Herbst dieses Jahres sollen auch die ersten medizinischen Anwendungen der Karte erprobt werden – und zwar in Westfalen-Lippe.

Dabei soll es um den Not­fall­daten­satz und den Medikationsplan gehen, wie heute Thomas Müller, Mitglied des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe, und Frank Gotthardt, Vorsitzender des Vorstands der CompuGroup Medical SE (CGM), beim Gesundheitskongress des Westens in Köln erklärten.

„Um für noch mehr Akzeptanz der eGK bei Ärzten und Patienten zu sorgen, ist es sehr wichtig, dass mit dem Not­fall­daten­satz und dem elektronischen Medikationsplan nun möglichst bald auch medizinische Applikationen über die Karte aufrufbar sind“, sagte Müller. Gotthardt betonte, für die Feldtests seien die Praxisnetze in Westfalen-Lippe besonders geeignet. „Wir brauchen kritische und zugleich aufgeschlossene Ärzte für die Erprobung, um etwaiges Verbesserungspotenzial identifizieren zu können“, betonte er.

 An dem Feldtest sollen 70 bis 75 Arztpraxen, einige Zahnarztpraxen, bis zu 16 Apotheken, eine kassenärztliche Notfalldienstpraxis sowie ein Krankenhaus teilnehmen. Diese Akteure sollen über einen Zeitraum von acht Wochen 1.400 Notfalldatensätze und 2.100 Medikationspläne auf den elektronischen Gesundheits­karten der Versicherten speichern. Der Feldtest soll wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden.

Müller kündigte an, jetzt geeignete Arztpraxen auszuwählen, in denen die Funktionalität und die Interoperabilität der neuen medizinischen Anwendungen auf der eGK getestet werden können. „Verläuft der Test erfolgreich – wovon wir ausgehen –, so werden Not­fall­daten­satz und eMedikationsplan anschließend sehr zeitnah bundesweit über Tele­ma­tik­infra­struk­tur und die elektronische Gesundheitskarteabrufbar sein“, versprach der CGM-Vorstandsvorsitzende Gotthardt.

Neue Technologie für die Psychotherapie

Pharmafirmen und Wissenschaftler treiben mit Digitaltechnik die Automatisierung der Psychotherapie voran

Der psychotherapeutische Chatbot ist mithin keine neue Idee. Allerdings erreicht er heute in Gestalt von Woebot – „erhältlich bei Facebook Messenger, für iPhone oder iPad und bald auch Android“ – zum ersten Mal die Massen. Man mag die Idee einer automatisierten Psychotherapie für albern oder auch für unethisch halten. Sie verbreitet sich jedenfalls gegenwärtig mit Macht und großer Geschwindigkeit. Von der Depression bis zur Zwangsstörung, von der Phobie bis zur Sucht, für jedes psychologische Krankheitsbild entsteht gerade irgendwo eine „Internetintervention“, wie der Fachausdruck lautet.

Der Staat fördert die Forschung für Electronic Mental Health, und die Pharmaindustrie hat die digitale Versorgung von psychisch Kranken als Wachstumsmarkt ausgemacht. An den Universitäten etabliert sich Electronic Mental Health derweil als eigenständige Forschungsdisziplin, mit einem internationalen Verband und Fachzeitschriften.

Gleichzeitig existiert in der Bevölkerung offenbar eine enorme Nachfrage nach digitaler Unterstützung beim Stressmanagement und der Work-Life-Balance. Wer heute in den App Stores das Stichwort „Seelische / psychische Gesundheit“ eingibt, dem werden 300000 Programme angeboten, die gegen Niedergeschlagenheit helfen sollen, zur Stärkung des Selbstbewusstseins oder für eine bewusste Ernährung. Viele Millionen Menschen nutzen mittlerweile e-Mental Heath. Die meisten Apps richten sich an Depressive, Menschen mit Angststörungen und Alkoholproblemen, etwas seltener an Personen mit Essstörungen. Ein Teil dieser Programme dient lediglich der „Achtsamkeit“. Sie übertragen die Methoden der Selbstvermessung, die wir von den Fitness-Apps kennen, auf Stimmung und Affekte. Sie funktionieren wie ein digitalisiertes (und standardisiertes) Tagebuch und versorgen die Nutzerinnen – tatsächlich handelt es sich überwiegend um Frauen – in regelmäßigen Abständen mit guten Ratschlägen und aufmunternden Worten. Populäre Programme wie „Headspace“ oder „7 Minds“ sollen das Wohlbefinden steigern.

Allerdings verläuft keine klare Grenze zwischen den Nutzern, die mit den Apps lediglich ihre Laune verbessern wollen, und solchen, die sich tatsächlich hilfsbedürftig und behandlungsbedürftig fühlen. Ein Teil der Angebote richtet sich denn auch an Menschen, die einen echten und starken Leidensdruck spüren. Besonders für diese Zielgruppe gibt es die sogenannten Online-Therapien, die – vergleichbar mit dem sogenannten „Blended Learning“ bei den MOOCs -Inhalte im Internet (beispielsweise Lehrvideos auf Youtube und Multiple Choice-Aufgaben) mit regelmäßiger menschlicher Betreuung verbinden.

Bei Internetkursen wie Selkapy oder Novego telefonieren die Patienten beispielsweise pro Woche eine halbe Stunde mit einem Therapeuten. Sie werden unter anderem als Mittel gegen Depressionen, Angst- und Essstörungen vermarktet.

Die Digitalisierung der Psychotherapie nimmt also ganz unterschiedliche Formen an. Das weite Feld lässt sich unterteilen anhand des Automatisierungsgrades einerseits, anhand der Schwere der Erkrankung andererseits. Dementsprechend reicht das Spektrum von eher spielerischen „Achtsamkeits-Enhancern“ und Meditations-Apps bis zu einer engmaschigen Überwachung über das Smartphone bei schweren Suchterkrankungen oder Suizidgefahr.

Entlang der Dimension „Automatisierungsgrad“ wiederum reicht die Bandbreite von Gesprächstherapien, die über Skype statt wie bisher in der Praxis eines Therapeuten stattfinden, bis zu Versuchen einer „psychotherapeutischen Vollautomation“ mittels Chatbot und Emotionsklassifizierung mittels Sensorik und Software. Die bloße Verlagerung ins Internet ändert an der verausgabten Arbeitszeit aber natürlich nichts (möglicherweise abgesehen von Anfahrtszeiten), so wie das schon bei den MOOCs der Fall war.

„Automatisierung“ bedeutet in der Praxis daher vor allem Selbstbedienung, sprich: Die Patienten übernehmen Aufgaben, die früher die Heilberufe ausfüllten. Zu den Online-Therapien zählen dementsprechend viele „angeleitete“ und „nichtangeleitete Selbstmanagementinterventionen“ (wobei Therapien mit Anleitung in der Regel besser wirken) – die Kranken arbeiten sich eine Lektion nach der anderen durch, wie mit einem Selbsthilfe-Lehrbuch.

Kommen Online-Therapien bald in die Regelversorgung der Krankenkassen?

Ein neunwöchiger Online-Kurs gegen Depressionen (inklusive wöchentlicher halbstündiger Telefongespräche mit einem Coach) ist ab 180 Euro zu haben. Die deutschen gesetzlichen Krankenkassen zahlen für nur eine Sitzung Gesprächs- oder Verhaltenstherapie bei einem niedergelassenen Psychologen 90 Euro. Eine ausgemachte Sache also, dass sich die billigere Variante durchsetzen wird?

Bislang werden die Online-Therapien von den Kassen höchstens auf Antrag als „Präventionsmaßnahme“ erstattet. Einen Anspruch darauf haben die Versicherten nicht. Die Kassen bremsen, denn sie wollen sich nicht von den kommerziellen Online-Anbietern abhängig machen, die übrigens mit großen Pharmakonzernen verwoben sind. Außerdem existiert bisher keine wirkliche Qualitätssicherung. Zwar gelten für die Apps gesetzliche Vorschriften als Medizinprodukte, ihre psychiatrische Wirksamkeit dagegen wird nicht systematisch untersucht.

Der Fachverband der psychotherapeutischen und psychiatrischen Ärzte DGPPN hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die Qualitätskriterien für die Therapie-Programme entwickeln soll. Der Gemeinsame Bundesausschuss aus Krankenkassen, Ärzteverbänden und Krankenhäusern, der über die Erstattungsfähigkeit von Behandlungen entscheidet, macht bisher keine Anstalten, sich mit den Online-Psychotherapien zu beschäftigen. Bis sie Teil der Regelversorgung sind, wird es also noch dauern.

In anderen europäischen Ländern sieht das anders aus. In den Niederlanden etwa werden Online-Behandlungen von Depressionen und Angststörungen von den Kassen finanziert, ähnlich in Schweden, Dänemark und Großbritannien

Viele Krankenkassen haben dafür eigene „Online-Coaches“ in ihr Angebot aufgenommen. Diese dienen allerdings nicht als Ersatz für eine regelrechte Psychotherapie, sondern kommen bei leichteren Erkrankungen („Befindlichkeitsstörungen“) zum Einsatz und um die Wartezeit bis zum Beginn einer herkömmlichen Therapie zu überbrücken. Dabei greifen die Kassen häufig auf private Dienstleister zurück, die teilweise auch die Betreuung der Patienten abwickeln.

Die jährlichen Nutzerzahlen liegen bisher selbst bei großen Krankenkassen wie der AOK lediglich im niedrigen vierstelligen Bereich – angesichts von insgesamt 1,7 Millionen Psychotherapien pro Jahr ist die Versorgung online bisher nicht wirklich von Belang! Dazu kommen allerdings die Patienten, die sich eine solche Behandlung selbst verordnen und sie aus eigener Tasche bezahlen; wie viele es sind, ist unklar.

Die neuen Akteure im Bereich Psychotherapien verändern auch das Berufsbild, was den Psychotherapeuten Sorgen bereitet. Zwar betonen die Anbieter der Online-Therapien, dass sie nur ausgebildete Psychologen beschäftigen. Tatsächlich decken sie ihren Personalbedarf teilweise mit Werkstudenten, Praktikanten und Fachpflegern aus den Psychiatrien. Die „psychologischen Online-Berater“ und „Coaches“ haben mit einem niedergelassenen, formal unabhängigen Psychotherapeuten jedenfalls wenig gemeinsam.

Aber wirken die psychologischen Internetinterventionen überhaupt? Diese Frage lässt sich durchaus nicht einfach beantworten, denn mit der wissenschaftlichen Evidenz in diesem Bereich ist es so eine Sache. Zwar zeigen einige klinische Studien und Metaanalysen, dass die Online-Therapien Patienten mit Depressionen, Schizophrenie und posttraumatischen Belastungsstörungen helfen können. Allerdings fehlt bislang ein Nachweis, dass sie mit den herkömmlichen psychologischen Behandlungen – also denen von Angesicht zu Angesicht – mithalten können.

Dass es den Teilnehmern in klinischen Studien regelmäßig besser geht, wenn sie eine bestimmte Software benutzen, ist, für sich genommen, nicht sonderlich beeindruckend. Denn depressive Menschen profitieren in der Regel ohnehin davon, dass sie sich behandeln lassen. Die wissenschaftliche Evidenz für die Überlegenheit einer bestimmten Behandlungsform ist insgesamt ziemlich dünn.

Unschön und vieldeutig sprechen Mediziner vom Placebo-Effekt. Um diesen Effekt ranken sich viele Missverständnisse. Jede Behandlung beruht auch darauf, dass sie von den Patienten für heilsam gehalten wird. Dies gilt für eine Kopfschmerztablette ebenso sehr wie für die chirurgische Operation eines gebrochenen Knochens, für einen schamanischen Tanz ebenso wie für eine Psychoanalyse. (Dies bedeutet natürlich nicht, dass sich jede Behandlung in der Placebo-Wirkung erschöpft, weshalb bei Kopfschmerzen eine Aspirin-Tablette empfehlenswerter ist als ein Schamane.)

„Placebo / Nocebo“ ist in Wirklichkeit ein vielfältiges Set von psychosozialen Effekten. Dieses Set ist nicht statisch, sondern dynamisch, weil bestätigte Erwartungen stärker werden: Je besser eine bestimmte Tablette die Kopfschmerzen lindert, umso größer der Glaube an ihre Wirksamkeit. Aus diesem Grund erzeugen „aktive Placebos“, die Nebenwirkungen auslösen, deutlich größere Effekte als „inaktive“ Mittel, die körperlich nicht wahrzunehmen sind. Wir haben gelernt, dass die Sinneseindrücke eine Besserung ankündigen, und bereits diese Erwartung lindert die Schmerzen.

Bei psychologischen und psychiatrischen Behandlung ist es besonders schwierig, die Wirkungen der Erwartungen von den Wirkungen der Intervention zu unterscheiden. Psychische Störungen zeichnen sich schließlich durch starre und einseitige Erwartungshaltungen und Wahrnehmungen aus – keine Depression ohne Hoffnungslosigkeit!

Wenn Depressive sich zum ersten Mal in Behandlung begeben, haben sie einen wichtigen Schritt bereits hinter sich gebracht: Sie werden aktiv und suchen nach Hilfe. Wie diese Hilfe dann aussieht – ob die Patienten Fluoxetin schlucken oder eine wöchentliche Gesprächstherapie durchführen – macht dann überraschend wenig Unterschied. Der amerikanische Psychiater Lester Luborkys zitiertein diesem Zusammenhang den schönen Satz aus „Alice im Wunderland“: „Alle haben gewonnen und jeder muss einen Preis bekommen.“

Um diese Behauptung rankt sich seit Jahrzehnten ein erbitterter Streit. Psychotherapeuten wenden typischerweise ein, dass statistische Verfahren nicht geeignet seien, um die individuellen Verbesserungen zu erfassen, weil sich ihre Interventionen kaum standardisieren und vergleichen lassen – Gesprächstherapie ist nun einmal nicht gleich Gesprächstherapie. Dieses Argument läuft allerdings natürlich lediglich darauf hinaus, dass Patienten hoffen dürfen, dass bei ihnen die Behandlung überdurchschnittlich erfolgreich sein wird.

Zu den schwer zu beurteilenden und in der Regel schwachen Wirkungen kommen noch zahlreiche methodische Schwierigkeiten, klinische Effekte durch psychiatrische Behandlungen hieb- und stichfest zu beweisen. So ist eine Verblindung wie in randomisiert-kontrollierten pharmakologischen Studien bei Psychotherapien nicht möglich. Objektive Biomarker gibt es nicht. Deshalb werden in den Studien die Symptome mit Messinstrumenten wie der Hamilton-Skala erfasst. Depressivität wird also auf einer kontinuierlichen Skala dargestellt, und alle Grenzwerte haben bekanntlich etwas Willkürliches an sich.

Einigermaßen klar ist jedenfalls: Bei Depressionen kann ein Placebo durchaus eine Verbesserung zwischen 30 und 40 Prozent bringen (definiert als Minderung der Symptome, erfasst mit Fragebögen). Psychotherapie und Antidepressiva schneiden mit Verbesserungen zwischen 40 und 50 Prozent ziemlich gleich ab. Die Kombination aus beidem wirkt am besten (wenn nicht nach verschiedenen Patentengruppen unterschieden wird).

Eine Besserung ihrer Leiden dürfen depressive Patienten, die sich zum ersten Mal in Behandlung begeben, also ohnehin erwarten. Andererseits sind Rückfälle durchaus häufig, etwa die Hälfte der Patienten (!) wird innerhalb von zwei Jahren nach einer abgeschlossenen Behandlung wieder depressiv (weshalb einige Psychiater bekanntlich die Antidepressiva am liebsten überhaupt nicht mehr absetzen).

Letztlich besteht der Beweis des Puddings in der Mahlzeit, wie der pragmatische Engländer sagt. Eine Psychotherapie ist erfolgreich, wenn die Patienten sich (subjektiv) besser fühlen und (objektiv) ihre verschiedenen sozialen Rollen ausfüllen. Ob Internet-Interventionen dazu ebenso gut taugen erreichen wie Pharmakotherapien oder „Face to Face“-Behandlungen, ist bislang unklar. Allerdings gibt es keinen Grund dafür, warum eine digitale Psychotherapie schlechter funktionieren sollte als beispielsweise eine Behandlung „face to face“ durch einen unengagierten oder schlechten Verhaltenstherapeuten.