Studie: ADHS-Patienten haben seltener einen Führerschein und etwas häufiger Verkehrsunfälle

Jüngere Erwachsene mit der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts­störung (ADHS) besaßen in einer US-Kohortenstudie seltener einen Führerschein und sie waren laut der Publikation in JAMA Pediatrics (2017; doi: 10.1001/jamapediatrics.2017.0910) häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt. Das Risiko war jedoch weitaus geringer als in früheren Untersuchungen.

Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, die Kernsymptome der ADHS, legen die Vermutung nahe, dass die Patienten häufiger als andere Menschen als Auto­fahrer in Unfälle verwickelt sind. Frühere Untersuchungen hatten bereits ein erhöhtes Risiko ermittelt. In einer viel beachteten älteren Studie war es sogar um den Faktor vier erhöht (Pediatrics 1993; 92: 212–218). Ganz so schlimm scheint die Situation jedoch nicht zu sein, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.

Die Untersuchung verließ sich anders als frühere Studien nicht auf die Erinnerungen von Patienten und Kontrollen. Allison Curry vom Children’s Hospital of Philadelphia (CHOP) und Mitarbeiter recherchierten vielmehr, ob 18.000 ehemalige Patienten der Kinderklinik (solche mit und ohne ADHS) später einen Führerschein erwarben und ob sie in den ersten Jahren danach in einen Unfall mit mehr als 500 Dollar Schaden verwickelt waren.

Ergebnis: Sechs Monate nach Erreichen des Mindestalters für die Fahrerlaubnis besaßen die ADHS-Patienten zu 35 Prozent seltener einen Führerschein. Die adjustiere Hazard Ratio betrug für Männer 0,65 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,61–0,70) und für Frauen 0,64 (0,58–0,70).

Die ADHS-Patienten mit Führerschein waren häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt. Von 1.785 ADHS-Patienten verunglückten 764 (42,8 Prozent). In der Vergleichsgruppe waren es 4.715 von 13.221 Personen (35,7 Prozent). Curry ermittelt eine Hazard Ratio von 1,36 (1,25–1,48), also ein um 36 Prozent erhöhtes Risiko, das bei Männern und Frauen gleich hoch war und sich mit zunehmender Fahrpraxis nicht änderte.

Auffallend war, dass nur 12,1 Prozent der ADHS-Patienten in den 30 Tagen vor dem Unfall ein Rezept auf ein ADHS-Medikament eingelöst hatten. Das Unfallrisiko war allerdings in dieser Gruppe nicht niedriger als bei den Patienten, die zum Unfall­zeitpunkt vermutlich nicht unter medikamentöser Behandlung standen.

Essstörungen: Pränataler Stress begünstigt Heißhungerattacken

Heißhungerattacken, die auf Stress während der Schwangerschaft zurückzuführen sind, werden schon im Gehirn des Fötus programmiert. Entscheidend ist dabei das Geschlecht des Kindes. Eine Essstörung muss aber nicht zwangsläufig daraus resultieren. Sie tritt nur unter bestimmten Auslösern auf und könne durch eine ausgewogene Ernährung der Heranwachsenden verhindert werden, heißt es in der der Studie, die die Forscher vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München in Cell Metabolism publiziert haben (2017; doi 10.1016/j.cmet.2017.05.001).

Es ist bekannt, dass sich die Lebensumstände der Mutter während der Schwangerschaft negativ auf das spätere Leben des Nachwuchses auswirken und Männer wie Frauen für verschiedene Krankheiten anfällig machen können. Mariana Schroeder, Postdoc in der Forschungsgruppe von Alon Chen und Erstautorin einer kürzlich veröffentlichten Studie, wollte herausfinden, ob dieses Phänomen auch bei Essstörungen eine Rolle spielt.

Im Mausmodell konnten die Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie die Aktivierung der zentralen Stressantwort während einer fortgeschrittenen Schwanger­schaft biologisch nachbilden. Dann testeten sie, ob die Nachkommen während der Pubertät anfällig für Heißhungerattacken waren. Sie stellten fest, dass weibliche Nachkommen von Mäusen, die während der Schwangerschaft gestresst waren, eher Fressattacken entwickelten als weibliche Nachkommen nicht gestresster Mäuse.

Das Bemerkenswerteste an der Studie ist, dass wir den Ausbruch von Heißhungerattacken vollständig unterbinden konnten, indem wir den heranwachsenden Mäusen eine ausgewogene Diät verabreichten.Alon Chen, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie

Die Forscher um Schroeder fanden zudem heraus, dass viele Moleküle im Hypothala­mus der betroffenen Nachkommen epigenetisch verändert waren. „Diese Programmie­rung während der Schwangerschaft führt jedoch nicht immer zu gestörtem Essverhal­ten. Erst wenn während der Pubertät bestimmte Auslöser auftreten, machen sich die bereits durch pränatale Programmierung gegebenen Veränderungen bemerkbar“, erklärt die Erstautorin.

„Das Bemerkenswerteste an der Studie ist, dass wir den Aus­bruch von Heißhunger­attacken vollständig unterbinden konnten, indem wir den heranwachsenden Mäusen eine ausgewogene Diät verabreichten“, sagt Alon Chen, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie. Die Studie sei der Beweis dafür, dass Heißhungerattacken eine pränatale Programmierung zugrunde liege.

zum Thema

Zwanghafte Heißhungerattacken sind eine verbreitete Essstörung, von der bis zu drei Prozent der Bevölkerung betroffen sind, hauptsächlich Frauen. Sie nehmen häufig innerhalb kürzester Zeit große Mengen an Nahrung zu sich. Viele Betroffene sind übergewichtig und haben dadurch ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Diabetes und Herzerkrankungen. Häufig leiden Patienten mit Heißhungerattacken auch an Depression und niedrigem Selbstwertgefühl und neigen vermehrt zu Angststörungen.

Antibiotikum könnte traumatische Erinnerungen abschwächen

Zürich – Das Antibiotikum Doxycyclin, das im Gehirn das Enzym Metalloproteinase 9 hemmt, hat in einer experimentellen Studie die Pawlowsche Schreckreaktion von gesun­den Probanden abgeschwächt. Das Medikament könnte laut dem Bericht in Molecular Psychiatry (2017; doi: 10.1038/mp.2017.65) helfen, das Traumagedächtnis von Men­schen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) zu löschen.

Wie Erinnerungen im Gehirn abgespeichert werden, ist noch immer nicht bekannt. Die Hirnforscher vermuten jedoch, dass die Aufgabe nicht allein von den Hirnzellen bewältigt wird. Auch ein perineuronales Netzwerk scheint beteiligt zu sein. Ein Akteur könnten hier sogenannte Metalloproteinasen sein, die ein Bestandteil des Extrazellularraums sind. Eines dieser Enzyme, die Metalloproteinase 9, lässt sich durch den Wirkstoff Doxycyclin blockieren, der normalerweise als Antibiotikum eingesetzt wird.

Da Doxycyclin ein zugelassenes und in der Regel gut verträgliches Medikament ist, konnte es Dominik Bach von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich bedenken­los für ein Gedächtnisexperiment einsetzen. Die Forscher untersuchten in einem klassischen Pawlowschen Versuch, ob Doxycyclin die Konditionierung einer Schreck­reaktion abschwächen kann.

In dem Experiment wurden 76 gesunden Probanden leichte schmerzhafte elektrische Impulse verabreicht. Bei jedem Impuls wechselte der Bildschirm, vor dem sie saßen, auf eine bestimmte Farbe. Nach der erfolgreichen Konditionierung löste allein die Farbe auf dem Bildschirm eine Schreckreaktion aus.

Diese Konditionierung war deutlich abgeschwächt, wenn die Probanden vor dem Experi­ment 200 mg Doxycyclin eingenommen hatten. Dies könnte bedeuten, dass sich die Erinnerung an die elektrischen Impulse weniger tief in ihr Gedächtnis eingegraben hat. Bach hofft, dass die Ergebnisse für die Behandlung von Menschen mit posttraumati­scher Belastungsstörung genutzt werden könnten. In einem Therapieansatz würden die Patienten bewusst mit den belastenden Erinnerungen konfrontiert, nachdem sie das Medikament eingenommen haben.

Der Prozess des aktiven Erinnerns und der erneuten Abspeicherung gilt als eine Trieb­feder der PTBS. Die Patienten leiden unter sogenannten Flashbacks. Dabei kommt es, oft ohne konkreten Anlass, zu albtraumartigen Erinnerungen an das Ursprungstrauma. Jede dieser Episoden verstärkt den traumatischen Charakter der Erinnerung.

Die thera­peutische Idee besteht darin, diese Episoden aus dem Gedächtnis hervor­zurufen, wäh­rend die Patienten unter der Wirkung einer Therapie stehen, die die erneute Abspeiche­rung im Gehirn schwächt. Ob diese Therapie beim PTBS tatsächlich zum Erfolg führt, lasst sich nicht vorhersagen. Vor einigen Jahren wurde der Therapie­ansatz mit dem Betablocker Propanolol erprobt, der die stressinduzierte Erinnerung abschwächt. Beim PTBS hat diese Behandlung jedoch keine Erfolge erzielt.

Traumatische Erinnerungen medikamentös abschwächen

Ein möglicher neuer Ansatz für die Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung: Nach Einnahme des Antibiotikums Doxycyclin erinnern sich Studienteilnehmer deutlich weniger an ein unangenehmes Ereignis. Dies belegen die Experimente eines Forscherteams der Psychiatrischen Universitätsklinik und der Universität Zürich.
Körperliche Gewalt, Krieg oder auch eine Naturkatastrophe können eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auslösen. Betroffene durchleben das belastende Ereignis immer wieder – durch plötzlich einschiessende Erinnerungen oder als sich wiederholende Albträume. Nicht immer kann diese seelische Verletzung mit einer Psychotherapie erfolgreich behandelt werden. Daher suchen Wissenschaftler seit langem nach einem Weg, das Traumagedächtnis medikamentös zu beeinflussen. Im Tiermodell erprobte Möglichkeiten waren beim Menschen bisher nicht anwendbar oder nicht wirkungsvoll genug. Nun testeten Forscherinnen und Forscher der Psychiatrischen Universitätsklinik und der Universität Zürich erfolgreich ein neues Medikament, das bei Menschen die Erinnerung an ein negatives Erlebnis deutlich abschwächt.

Doxycyclin hemmt Enzym der Gedächtnisbildung

Das Team unter der Leitung von Dominik Bach, UZH-Professor und Arzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik, stellt einen neuen Ansatz vor. Es untersuchte, wie sich die Hemmung eines für die Gedächtnisbildung wichtigen Enzyms auf traumatische Erinnerungen auswirkt. Erst seit jüngster Zeit ist aus Laborversuchen bekannt, dass für die Gedächtnisbildung Eiweisse aus dem Raum zwischen Nervenzellen, der Extrazellulärmatrix, benötigt werden. Diese Enzyme, sogenannte Metalloproteinasen, kommen im gesamten Körper vor und sind etwa bei der Entstehung von Herzerkrankungen und verschiedenen Krebsarten beteiligt. Das Antibiotikum Doxycyclin hemmt die Aktivität dieser Enzyme und ist für mehrere dieser Erkrankungen bereits erprobt. Der UZH-Professor testete nun mit seinen zwei Studienautorinnen, wie sich Doxycyclin auf die Gedächtnisbildung auswirkt.

Negative Reaktionen zwei Drittel schwächer

Knapp 80 Personen, eingeteilt in Experimental- und Kontrollgruppe, nahmen am Versuch teil. In einem Experiment erhielten die Probanden leicht schmerzhafte elektrische Reize, die sie mit einer spezifischen Farbe zu verknüpfen lernten. Die Probanden in der Experimentalgruppe erhielten vorher 200 mg Doxycyclin, im Gegensatz zur Kontrollgruppe, die ein Placebo einnahm. Die Probanden der Kontrollgruppe zeigten – während sie die Farbe sahen – sieben Tage später verstärkte Schreckreaktionen. «Bei Probanden der Experimentalgruppe waren die späteren Schreckreaktionen im Vergleich zur Kontrollgruppe rund zwei Drittel schwächer», erklärt Dominik Bach. «Damit zeigen wir erstmals, dass Doxycyclin das emotionale Gedächtnis abschwächt, wenn es vor einem negativen Ereignis eingenommen wird.»

In Kombination mit Psychotherapie anwendbar

Die Ergebnisse belegen, dass Metalloproteinasen nicht nur als Werkzeuge im Labor verwendet werden können, sondern auch beim Menschen für die Gedächtnisbildung relevant sind. Diese Enzyme liefern laut Studienautor Dominik Bach wichtige Anknüpfungspunkte, um therapeutisch wirksame Substanzen zu entwickeln. «Doch bereits mit dem heutigen Wissensstand könnte Doxycyclin wahrscheinlich angewendet werden, um vorhandene emotionale Erinnerungen zu dämpfen – wenn Patienten das wünschten», sagt der Arzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Für diese Behandlung würden existierende Traumaerinnerungen in einer Psychotherapie gezielt aktiviert und dann durch Gabe von Doxycyclin geschwächt. «Wir planen, dieses kombinierte Therapiemodell bei gesunden Menschen anzuwenden, um es dann in der Klinik zu erproben», schliesst Dominik Bach.

Literatur:

Dominik R. Bach, Athina Tzovara, Johanna Vunder. Blocking human fear memory with the matrix metalloproteinase inhibitor doxycycline. Molecular Psychiatry, April 4, 2017. DOI: 10.1038/ MP.2017.65

Kontakt:

Prof. Dr. med. Dr. phil. Dominik Bach
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik

Psychiatrische Universitätsklinik
Tel. +41 44 384 24 57

E-Mail: dominik.bach@uzh.ch

Körpereigene Opioide könnten Therapieoption werden

Sydney – Die Aktivierung endogener Opioidsysteme könnte für die Therapie von Angst­erkrankungen ein künftiger Ansatzpunkt sein. Über mögliche Wege, dieses Opioid­sys­tem zu nutzen, berichtet Elena Bagley an der University of Sydney mit ihrer Arbeits­gruppe in Nature Communications (2017; doi: 10.1038/ncomms14611).

Angsterkrankungen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Jährlich sind rund 15 Pro­zent der Deutschen betroffen. Während psychotherapeutische Maßnahmen und die Einstellung auf eine Dauermedikation vielen Betroffenen helfen können, verschreiben Ärzte für akute Angstzustände nicht selten Benzodiazepine. Zwar ist die Wirksamkeit dieser Medikamente belegt, jedoch bergen sie auch ein erhebliches Abhängigkeits­potenzial.

Das Gehirn selbst verfügt über ein endogenes Opioidsystem, welches Stress, Angst und Schmerzen mindert und zu Glücksgefühlen führt. Die Wissenschaftler berichten, dass es Hypothesen gibt, dass die Modifikation dieses Opioidsystems eben­falls ein wirksamer Weg sein könnte, Angststörungen zu therapieren. Insbesondere wenn es um die Bewertung von Stimuli und das affektive Lernverhalten geht, könnten diese Systeme neuromodulatorisch wirksam werden, statt die Angst nur zu dämpfen. Bisher ist jedoch unvollständig bekannt, wie das körpereigene Opioidsystem Affekt und Psyche beeinflusst.

Mausversuche der Arbeitsgruppe zeigten, dass beispielsweise die Elimination körper­eigener Opioide, wie das Enkephalin, bei den Tieren zu Angst und Aggressivität führte. Demgegenüber verminderte eine verstärkte Ausschüttung die Angst. Als die Forscher die Wirkung der unterschiedlichen Opioidrezeptoren näher untersuchten, stellte sich heraus, dass sogenannte µ-Rezeptoren in der Amygdala die Neurone aktivierten, während δ-Rezeptoren die gleichen Neurone dämpften und anxiolytisch wirkten. Durch einen allosterisch wirksamen Effektor konnten die Forscher die Wirkung der δ-Rezep­toren verstärken. Sie konnten somit zeigen, dass das endogene Opioidsystem zumin­dest experimentell sehr gezielt beeinflussbar ist.

Bisher sind die Erkenntnisse über das endogene Opioidsystem laut den Forschern nicht ausgereift genug, um auf ihrer Grundlage spezifische Therapien zu entwickeln. Nähere Kenntnisse über das körpereigenen Opioidsystem könnten jedoch künftig Möglichkeiten für sehr spezifische Therapieoptionen eröffnen, so die Wissenschaftler.

Psychose: Anfälligkeit schon sehr früh erkennbar

Gehirn reagiert bereits bei 14-Jährigen übertrieben stark auf Signale

Forscher der Universite de Montreal http://umontreal.ca und des Sainte-Justine University Hospital Research Center http://research.chusj.org haben frühe Marker entdeckt, die eine Anfälligkeit für Psychosen anzeigen. Übertriebene emotionale Reaktionen des Gehirns auf nicht bedrohliche und nicht gefühlsbetonte Signale, können das Auftreten von ersten Anzeichen psychotischer Symptome im späten Jugendalter sein.

Auffälligkeiten erkennen

Die im „American Journal of Psychiatry“ veröffentlichten Ergebnisse stimmen mit Hypothesen zur Entwicklung dieser Krankheit überein. Laut der leitenden Wissenschaftlerin Patricia Conrod gelang es, Auffälligkeiten im Gehirn von Teenagern zu entdecken, schon bevor psychotische Erfahrungen und der Substanzmissbrauch signifikante kognitive Einschränkungen verursachen und ein medizinisches Eingreifen erfordern.

Conrods Team begleitete mehr als 1.000 europäische Teenager vom 14. bis zum 16. Lebensjahr. Sie waren Teil der „IMAGEN“-Studie http://de.imagen-europe.com . Dabei wurde die Gehirnaktivität während des Absolvierens verschiedener kognitiver Aufgaben gemessen, um Bereiche wie Belohnungssensitivität, Impulskontrolle und die Verarbeitung von emotionalen und nicht-emotionalen Inhalten zu untersuchen. Zusätzlich beantworteten die Teilnehmer mit 14 und 16 Jahren Fragebögen zu verschiedenen psychiatrischen Symptomen.

Maschineller Lernansatz

Zuerst wählten die Forscher eine Gruppe von Jugendlichen aus, die mit 14 Jahren bereits von gelegentlichen psychoseähnlichen Erfahrungen berichteten. Sie reagierten auf nicht-emotionale Inhalte so, als ob diese von hohem gefühlsmäßigem Stellenwert wären. Mittels eines maschinellen Lernansatzes wurde dann getestet, ob diese funktionellen Charakteristika des Gehirns das Auftreten von zukünftigen psychotischen Symptomen bei einer größeren Gruppe von 16-Jährigen vorhersagen konnte.

Im Alter von 16 Jahren gaben 16,6 Prozent der Jugendlichen an, dass sie bereits auditive oder visuelle Halluzinationen und wahnhafte Ideen gehabt hatten. Diese Erfahrungen wurden durch entsprechende Tendenzen aufgrund der Reaktion des Gehirns auf neutrale Reize und dem Konsum von Cannabis vor dem 16. Lebensjahr, bereits im Alter von 14 Jahren vorhergesagt.

Conrod zufolge verdeutlichen die aktuellen Forschungsergebnisse, dass eine Anfälligkeit bereits sehr früh identifiziert werden kann. „Da diese Krankheit normalerweise am Beginn des Erwachsenenalters ausbricht, gibt es daher ein großes Zeitfenster, in dem Interventionen bei riskantem Verhalten und entscheidenden ursächlichen Prozessen möglich sind.“

Videospiele als neue Therapieform bei Depressionen

Krankheit wird für Betroffene durch gezieltes Training kontrollierbarer

Videospiele und Anwendungen zum Gehirntraining werden immer häufiger als effektiver Ansatz zur Behandlung von Depressionen angepriesen. Forscher der University of California, Davis http://ucdavis.edu gehen nun einen Schritt weiter. Werden die Spieler in Games mit persönlichen Erinnerungen konfrontiert, nutzen sie diese häufiger, so das Ergebnis dieser aktuellen Studie.

Sorgfältige Aufforderungen

Laut den Forschern Subuhi Khan und Jorge Pena erhöhte sich in manchen Fällen sogar die Zeit, die spielend verbracht wurde. Durch den gezielten Einsatz von sorgfältig gestalteten Aufforderungen könnten Videospiele mit passenden Inhalten somit eine gut umsetzbare und weniger zermürbende Behandlungsoption darstellen.

Die Botschaften und damit in Zusammenhang stehende Spiele zielten in den Tests auf Depressionen ab, die entweder durch innere Ursachen – ein chemisches Ungleichgewicht oder Erbanlagen – verursacht oder durch äußerliche Faktoren – wie Probleme am Arbeitsplatz oder in der Beziehung – ausgelöst wurden. Die übermittelten Nachrichten verfügten im Ansatz über leichte Unterschiede.

Am Ende standen jedoch jeweils Ermutigungen, das Spiel zu spielen. Die Experten verglichen die Nutzung der Games mit einem regelmäßigen Training, bei dem man versucht, sein Bestes zu geben. Durch den Einsatz von sechs Drei-Minuten-Spielen zeigte sich, dass sie den Nutzern dabei halfen, ein Gefühl der Kontrolle über ihre Krankheit zu bekommen. Bei jedem Spiel handelte es sich um eine Adaption von bereits erprobten neurophysiologischen Trainingseinheiten.

Keine langfristigen Effekte

Wurde die Depression als etwas dargestellt, dass durch innere Ursachen ausgelöst wird, so ermöglichte eine App für das Gehirntraining den Usern das Gefühl, dass sie etwas für die Kontrolle ihrer Depressionen tun konnten. Laut den Autoren wird damit die Annahme gestützt, dass derartige Spiele helfen können, kognitive Veränderungen einzuleiten. Diese User bewerteten die Benutzerfreundlichkeit der App als sehr positiv.

Wurden Depressionen als etwas dargestellt, das durch äußere Faktoren hervorgerufen wurde, wurde mehr Zeit mit dem Spielen verbracht. Auch hier könnte das Gefühl, die Situation kontrollieren zu können, eine Rolle spielen. Khan und Pena gehen jedoch davon aus, dass diese Wirkung auf die direkte Nutzung zurückzuführen war und sehr wahrscheinlich keine langfristigen Vorteile bringt.

Die aktuelle Studie hat nicht untersucht, ob Videospiele Depressionen tatsächlich verringern. Laut den Autoren wird jedoch bereits an weiteren Studien zum Thema gearbeitet. So wurden Daten von 160 Studenten ausgewertet, die an leichten Depressionen litten. Drei Viertel der unter die Lupe genommenen Teilnehmer waren Frauen, mehr als die Hälfte der Versuchspersonen waren asiatischer Herkunft. Das Durchschnittsalter lag bei 21 Jahren.

Aktuelle Studie zum Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Ernährung

Wie beeinflusst das, was wir tagtäglich essen und trinken, unser Wohlbefinden? Dieser Frage sind Psychologinnen und Psychologen der Universitäten Gießen und Marburg in einer aktuellen Studie nachgegangen. Siebenundsiebzig Versuchspersonen führten vier Tage lang Protokoll über ihr Ernährungsverhalten und ihr Wohlbefinden und sammelten Speichelproben. Während das Essverhalten allgemein nicht wesentlich zu einem besseren Wohlbefinden beitrug, führte die Einnahme von Getränken wie Saft, Kaffee und Alkohol zu einer Stimmungsverbesserung. Die Ergebnisse der Studie wurden gerade in der Fachzeitschrift „Biological Psychology“ veröffentlicht.
Essen macht glücklich und hilft, Stress abzubauen. Diese Annahme ist weit verbreitet. Tatsächlich konnte in einigen Studien gezeigt werden, dass Menschen gerade in Stresssituationen oder in negativer Stimmung zu (meist ungesunden) Snacks greifen, vermutlich in der Hoffnung, die momentane Stimmung zu verbessern. „Die Vermutung, dass Essen generell das Wohlbefinden verbessert, lässt sich anhand unserer Daten allerdings so nicht bestätigen“ sagt Jana Strahler, Klinische Psychologin an der Justus-Liebig-Universität Gießen. „Vielmehr führten Getränke wie Saft, Kaffee und Alkohol zu einer kurzfristig besseren Stimmung. Der Zusammenhang zwischen Essen und Wohlbefinden war hingegen davon abhängig, ob jemand unter Stress zu verstärktem Essen neigt oder eher ein gezügelter Esser ist.“

Gemeinsam mit Urs Nater von der Philipps-Universität Marburg untersuchte Strahler den Zusammenhang zwischen Ernährungsverhalten, Wohlbefinden und Stress erstmals unter Alltagsbedingungen. Mit Hilfe elektronischer Tagebücher (iPod® touch) befragten sie 77 Erwachsene über vier Wochentage hinweg zu ihrem Ess- und Trinkverhalten sowie zu ihrem Wohlbefinden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gaben fünfmal pro Tag an, was sie seit dem letzten Zeitpunkt gegessen und getrunken hatten, und ob sie noch hungrig seien. Dabei wurde zwischen der Art der Mahlzeit (Hauptgericht, Snack, Süßigkeit, andere) und dem Hauptbestandteil der Mahlzeit (Proteine, Kohlehydrate, Fett, gemischt) unterschieden. Zu jedem Messzeitpunkt gaben sie außerdem an, wie gut ihre Stimmung gerade war, wie viel Energie sie hatten und wie gestresst sie sich fühlten. Sie gaben außerdem zu jedem Messzeitpunkt eine Speichelprobe ab, die auf das Stresshormon Cortisol und das Enzym Alpha-Amylase hin untersucht wurde. Zu Beginn der Studie wurde zudem für jede Person ermittelt, ob man deren Essverhalten eher als „emotional“ oder eher als „gezügelt“ bezeichnen konnte.

Das Forscherteam analysierte den Zusammenhang zwischen der Nahrungsaufnahme und dem Wohlbefinden am jeweils darauffolgenden Messzeitpunkt. „Einen allgemein stressreduzierenden Effekt von süßen und hochkalorischen Speisen haben wir nicht gefunden“, sagt Jana Strahler. Allerdings zeigte sich ein Unterschied zwischen emotionalen und gezügelten Esser-Typen: gezügelte Esser berichteten nach dem Konsum von Süßigkeiten ein höheres Stresserleben, während bei emotionalen Essern das Stressgefühl sank. „Dies deckt sich mit Befunden aus der Essstörungsforschung, die zeigen, dass Frauen mit Anorexie oder Bulimie nach dem Erleben einer Essattacke vermehrt negative Stimmung berichten. Gezügelte Esser erleben den Verzehr hochkalorischer Speisen möglicherweise als Misserfolg. Bei emotionalen Essern scheint der gewünschte hedonische, belohnende, Effekt der Nahrung jedoch aufzutreten“, führt Strahler aus.
Ein relativ robuster Befund aus der Literatur findet sich auch in dieser Studie: die Einnahme fettreicher Nahrung führte zu einer Verschlechterung des allgemeinen Wohlbefindens.

Die Einnahme von Getränken wie Wasser, Saft, Kaffee und Alkohol führte hingegen eher zu einer Stimmungsverbesserung. Koffeinhaltige Getränke führten außerdem zu einem Gefühl von mehr Energie. Alkoholische Getränke führten zu einer Verbesserung aller gemessenen Aspekte des subjektiven Wohlbefindens. „Hierbei ist allerdings zu bedenken, dass Alkohol oft in sozialen Situationen getrunken wird, die auch dazu beitragen können, dass man sich besser fühlt“, erklärt Jana Strahler.

Die Originalstudie finden Sie hier:
Jana Strahler, Urs M. Nater, Differential effects of eating and drinking on wellbeing—An ecological ambulatory assessment study, Biological Psychology, Available online 22 January 2017, http://dx.doi.org/10.1016/j.biopsycho.2017.01.008.

Kontakt bei Rückfragen:
Dr. Jana Strahler
Psychotherapie und Systemneurowissenschaften
Justus-Liebig-Universität Gießen
E-Mail: Jana.strahler@psychol.uni-giessen.de
Tel.: 0641 9926332

Neues Forschungsprojekt: Was passiert zwischen den Psychotherapiestunden?

Eine Psychotherapiestunde dauert in der Regel 50 Minuten und findet häufig einmal in der Woche statt. Die Psychotherapieforschung vermutet, dass zwischen den Therapiesitzungen relevante Prozesse ablaufen. Diese möchte nun ein Forschungsteam, gefördert vom Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank, untersuchen und darauf basierend eine App entwickeln, die die so genannten Intersession-Prozesse erhebt, kontrolliert und fördert.
„Rechnet man die tatsächliche Therapiezeit gegen die durchschnittliche Wachzeit auf, so zeigt sich, dass die Therapiezeit nur einen sehr geringen Anteil hat“, so Projektleiterin Sylke Andreas (Institut für Psychologie). Aktuelle Forschungen zu den sogenannten „Intersessions-Prozessen“ lassen vermuten, dass sich eine intensivere Beschäftigung mit der Zeit zwischen den Psychotherapiestunden lohnen könnte. Der Begriff wurde von den Psychotherapieforschern David E. Orlinsky und Jesse D. Geller geprägt und beschreibt die Verarbeitung der Therapie und deren Inhalten zwischen den einzelnen Therapiesitzungen sowie alle spontanen und intentionalen Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Phantasien über die Therapie und den oder die TherapeutIn.

Diese „Zwischensitzungsprozesse“ sind, so zeigen bisherige Studien, mit dem Behandlungserfolg und der therapeutischen Beziehung assoziiert. Sylke Andreas führt zu den Zielen des nun startenden Projekts aus: „Wir wollen zunächst den genauen Zusammenhang zwischen den in der Therapiestunde ablaufenden Prozessen und den darauffolgenden Intersession-Prozessen untersuchen, um Interaktions-Muster zu identifizieren, die Hinweise auf die Förderung bzw. Hemmung der Intersession-Prozesse geben können.“

Aufbauend darauf will das Team eine App entwickeln, welche die Intersession-Prozesse der Patientinnen und Patienten erhebt, kontrolliert und fördert. Sylke Andreas stellt in Aussicht: „Die App soll auch als Mentoring-Funktion für die Therapeutinnen und Therapeuten verwendet werden können. Mit ihrer Hilfe soll es gelingen, die Intersession-Prozesse ökonomisch und einfach im psychotherapeutischen Prozess einzubinden, um so die Therapie und vor allem das Behandlungsergebnis zu optimieren.“ Da das Projekt eine Laufzeit von 3 Jahren beansprucht, kann ab 2019 mit den ersten Ergebnissen gerechnet werden.
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.aau.at

Genvarianten erhöhen Risiko für Angsterkrankungen

Würzburg – Bei der Entwicklung von Angsterkrankungen spielen neben psychischen und sozialen Faktoren auch erbliche Dispositionen eine Rolle. Mindestens vier Varianten des Gens GLRB (Glycin-Rezeptor B) sind Risikofaktoren für Angst- und Panikstörungen. Das berichtet ein Würzburger Forschungsteam im Fachblatt Molecular Psychiatry (2017; doi: 10.1038/mp.2017.2)

An Angst- und Panikstörungen leiden in Deutschland etwa 15 Prozent aller Erwach­se­nen. Für viele Betroffene ist der normale Alltag stark beeinträchtigt – sie haben oft Probleme im Beruf und ziehen sich aus sozialen Kontakten zurück. Wissenschaftler aus Münster, Hamburg und Würzburg untersuchen seit 2008 im Sonderforschungsbereich (SFB) TR 58 der Deutschen Forschungsgemeinschaft die Grundlagen der Erkrankung. An der aktuellen Studie nahmen über 5.000 Probanden und mehr als 500 Patienten mit einer Panikstörung teil.

Sie konnten zeigen, dass verschiedene Varianten des Gens GLRB mit Angsterkrankun­gen zu tun haben. Den Forschern war das Gen schon vorher bekannt, aber nur in Ver­bindung mit einer anderen Krankheit: „Manche Mutationen des Gens verursachen eine seltene neurologische Erkrankung, die Hyperekplexie“, erklärt Jürgen Deckert, Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik in Würzburg: Die Muskeln der Patienten sind ständig überspannt, und in Schrecksituationen kommt es bei ihnen zu einer überschie­ßen­den Reaktion. Das kann so weit gehen, dass die Betroffenen unwillkürlich stürzen.

Es sind aber andere Varianten des Gens GLRB, welche die Wissenschaftler nun mit Angst- und Panikstörungen in Verbindung bringen. Sie treten häufiger auf und haben vermutlich weniger schwere Auswirkungen. Aber auch sie führen zu überschießenden Schreckreaktionen und in der Folge möglicherweise zu einer übermäßigen Aktivierung des sogenannten Furchtnetzwerkes im Gehirn. Das schließen die Würzburger Forscher aus hochauflösenden Bildern, die sie von den Gehirnaktivitäten der Studienteilnehmer gemacht haben.

„Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass hier ein bisher nicht bekannter Weg zur Ent­wicklung einer Angsterkrankung vorliegt“, erläutert Deckert. Weitere Untersuchungen müssten zeigen, ob sich dies für die Entwicklung neuer oder individueller Therapien nutzen ließe.