Wie Furcht das Verhalten prägt

Irvine – Angstgefühle scheinen sich durch die Aktivität der Amygdala in den Hippo­campus zu projizieren, um so schließlich das Verhalten zu beeinflussen. Dies ist das Ergebnis elektrophysiologischer Untersuchungen, die Forscher um Robert Knight und Jack Lin an der University of California an menschlichen Probanden durchführten. Sie berichten in Nature Communications (2017; doi: 10.1038/ncomms14413).

Die Amygdala ist im Gehirn an der Verarbeitung von Emotionen entscheidend beteiligt. Besonders Gefühle wie Angst und Wut werden in diesem Kerngebiet prozessiert. Wie jedoch solche Emotionen das Verhalten prägen und so letztlich auch zu Angsterkran­kungen führen, ist bisher unklar. Das Verhalten wird unter anderem durch frühere Erfahrungen und Lernprozesse beeinflusst. Für diese Lernprozesse ist der Hippocam­pus wichtig. Wenn die spezifischen neuronalen Kreise bekannt wären, welche aus Emotionen ein Verhalten erzeugen, könnte dies bei Angststörungen ein Ansatzpunkt pharmakologischer Interventionen sein, berichten die Forscher.

In ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler Patienten, denen auf Grund einer therapierefrektären Epilepsie stereotaktische Elektroden in Hippocampus und Amygdala implantiert wurden. Die Autoren spielten den Probanden Filme mit friedlichen Land­schaf­ten oder angsterfüllten Gesichtern vor und maßen über die Elektroden die Aktivität in Amygdala und Hippocampus.

Sie stellten fest, dass bei den Gesichtern die Amygdala vor dem Hippocampus erregt wurde. Es erfolgte hierbei eine unidirektionale Erregungs­übertragung von der Amygdala in den Hippocampus. Dieser Erregungsfluss war bei den Landschaftsfilmen nicht nachweisbar. Aus dem Aktivitätsmuster schlossen die Forscher, dass die emotionale Qualität der Filme zunächst in der Amygdala prozessiert wurde, bevor sie in den Hippocampus gesendet wurde.

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Dass bei Furcht die Erregungsübertragung von Amygdala zu Hippocampus ausschließlich in eine Richtung stattfindet, war laut der Forscher vor der Studie nicht klar. Sie hoffen, dass sie diese Erkenntnis in eine klinische Anwendung übersetzen können, bei der negative Emotionen nicht in den Hippocampus übertragen werden, während positive Emotionen weiter Lernprozesse und Verhalten beeinflussen können.

Psychotherapie normalisiert das Hirn bei Sozialer Phobie

Die Behandlung einer Sozialen Angststörung in einer Psychotherapie zeigt Wirkung. Dank der Therapie werden wichtige Hirnstrukturen, die bei der Emotionsverarbeitung involviert sind, normalisiert. Dies weisen Forschende der Universität Zürich, des Universitätsspitals Zürich sowie der Psychiatrischen Universitätsklinik in einer neuen Studie nach.

Angst im sozialen Umgang ist weit verbreitet: Rund jeder zehnte Mensch ist im Laufe seines Lebens von einer Sozialen Angststörung betroffen, die ihn im Alltag stark einschränkt. Menschen mit einer Sozialen Phobie fällt es etwa schwer, vor einer grösseren Gruppe oder mit unbekannten Menschen zu sprechen. Jetzt weist eine Studie von Forschenden der Universität Zürich, des Universitätsspitals Zürich sowie der Psychiatrischen Universitätsklinik nach, dass die erfolgreiche Behandlung einer Angststörung wichtige Hirnstrukturen verändert, die an der Verarbeitung sowie der Regulierung von Emotionen beteiligt sind.

Kognitive Verhaltenstherapie ist zentral

Bei Patientinnen und Patienten mit Sozialen Angststörungen können frontale und seitliche Hirnareale unbegründete Angstgefühle nicht genügend regulieren. Für die Behandlung der Sozialen Angststörung ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) zentral. Indem Strategien zur Emotionsregulation eingeübt werden, soll die Balance der Emotionen wieder hergestellt werden. Die Zürcher Studie untersuchte, ob es nach einer spezifischen zehnwöchigen KVT zu strukturellen Veränderungen im Gehirn von Patienten mit einer Sozialen Angststörung kommt. Dazu wurde das Gehirn der Studienteilnehmer vor und nach der KVT mittels Magnetresonanz-Tomographie untersucht.

Veränderungen im Gehirn normalisiert

«Wir können zeigen, dass es zu strukturellen Veränderungen in Hirnarealen kommt, die mit Selbstkontrolle und Emotionsregulation zusammenhängen», sagt Annette Brühl, Leitende Ärztin am Zentrum für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK). Je erfolgreicher sich die Behandlung für die Patienten auswirkte, desto stärker waren ihre Hirnveränderungen ausgeprägt. Die Forschungsgruppe konnte weiter nachweisen, dass nach der Therapie die tiefen Hirnareale, die an der Emotionsverarbeitung beteiligt sind, stärker vernetzt sind. Zusammenfassend hält Annette Brühl fest: «Die Psychotherapie normalisiert die durch eine Soziale Angststörung ausgelösten Hirnveränderungen.»

Literatur:

Vivian Steiger, Annette Brühl, Steffi Weidt, Aba Delsignore, Michael Rufer, Lutz Jäncke, Uwe Herwig, and Jürgen Hänggi. Pattern of structural brain changes in social anxiety disorder after cognitive behavioral group therapy: a longitudinal multimodal MRI study. Molecular Psychiatry, December 6 (advanced online). doi:10.1038/mp.2016.217

Kognitive Verhaltenstherapie

In der kognitiven Verhaltenstherapie sollen Betroffene lernen, neue Strategien im Umgang mit Sozialen Angststörungen auszuprobieren. Anhand konkreter Beispiele werden Erklärungsmodelle in der Gruppe besprochen und Ansatzpunkte für Veränderungen erarbeitet. Durch Selbstbeobachtung, Rollenspiele oder Videoaufnahmen können alternative Sichtweisen entwickelt werden.

Mehr unter: http://www.psychiatrie.usz.ch/fachwissen/seiten/angststoerungen.aspx
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen/2017/Psychotherapie-Soziale-Phobie.html

Depressionen könnten kardiovaskuläres und Gesamtsterberisiko erhöhen

München – Menschen mit depressiven Verstimmungen hatten in einer bevölkerungs­bezogenen Kohortenstudie langfristig ein erhöhtes Sterberisiko, das laut dem Bericht in Atherosclerosis (2017; doi: 10.1016/j.atherosclerosis.2016.12.003) auf eine erhöhte Zahl von Todesfällen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen war.

Dass viele Patienten mit Herzkrankheiten unter Depressionen leiden, ist seit längerem bekannt und nicht weiter verwunderlich. Immerhin zeigt ein Herzinfarkt und eine Herz­insuffizienz eine existenzielle Krise an, die die Psyche belastet. Seit einigen Jahren wird aber auch darüber diskutiert, ob auch umgekehrt eine Depression das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen könnte.

Mögliche Mechanismen sind eine erhöhte Entzündungsreaktion (C-reaktives Protein), eine endotheliale Dysfunktion, eine erhöhte Aktivität von Thrombozyten oder neuro­hormonelle Einflüsse (Stress). Denkbar ist aber auch, dass Menschen mit Depressionen ihre Gesundheit vernachlässigen und durch Rauchen, Bewegungsmangel und die Nichteinnahme von Medikamenten ihr Sterberisiko erhöhen.

Kohortenstudien wie die KORA (Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg) können das Henne-Ei-Problem von Ursache und Wirkung nicht lösen. Die jetzt von Prof. Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtz Zentrum München vorgestellte Analyse zeigt jedoch, wie eng Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sind. Der Forscher hat die Umfragen aus den Jahren 1984 und 1995, die im Rahmen des MONICA-Projekts der Weltgesundheitsorganisation durchgeführt wurden, mit den Sterberegistern abgeglichen. Innerhalb von 10 Jahren (31.791 Personen-Jahre) sind 557 Teilnehmer der KORA-Studie gestorben, davon 269 an Herz-Kreislauf-Ereignissen.

Die Teilnehmer der KORA-Studie waren auch nach ihrem Gemütszustand befragt worden. Depressive Verstimmungen (Depressed mood and exhaustion, DEEX) waren signifikant mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden. Ladwig ermittelt eine adjustierte Hazard Ratio von 1,52 für die Gesamtsterblichkeit und für einen Herz-Kreislauf-Tod. Diese Risiken waren höher als die für Hypercholesterinämie und Fettleibigkeit, aber niedriger als für Bluthochdruck, Rauchen und Diabetes.

Sofern die Assoziation kausal ist, was die Studie allerdings nicht belegen kann, wären nicht weniger als 15 Prozent aller Herz-Kreislauf-Todesfälle in Deutschland auf Depressionen (sprich DEEX) zurückzuführen. Dies wäre vergleichbar mit dem Einfluss von Hypercholesterinämie, Adipositas und Tabakrauchen, für die Ladwig attributable Risiken („population-attributable risk“, PAR) von 8,4 bis 21,4 Prozent ermittelte.

Auch wenn eine Kausalität nicht erwiesen ist, so sind Depressionen doch ein Hinweis auf eine besondere Gefährdung der Patienten. Ladwig schlägt deshalb vor, bei allen Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach einer Depression als Begleiterkrankung zu suchen. Das wäre, so der Epidemiologe mit einfachen Mitteln möglich.

Wie verbreitet ist Spielsucht?

NRW-Landesförderung im Bereich Suchtprävention für das Institut für Kognitions- und Sportspielforschung
Fast 13 Prozent der Männer zwischen 18 und 20 Jahren sind spielsüchtig. Zu diesem Ergebnis kommt die repräsentative Studie „Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland 2015“ des Deutschen Lotto- und Totoblocks und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Auch der Anteil der Sportwetter in Beratungsstellen hat deutlich zugenommen.

Im mittlerweile sehr großen unregulierten (illegalen) Sportwettenmarkt in Deutschland wird Suchtprävention immer wichtiger. Denn: In den Kommunen und im Internet ist eine Vielzahl von Sportwettanbietern tätig – ohne jegliche Regulierung und Kontrolle den Jugend- und Spielerschutz betreffend. Als Konsequenz gehen Überblick und Kontrolle verloren. Der steigenden Bedeutung von Suchtprävention trägt das nun genehmigte Projekt des Instituts für Kognitions- und Sportspielforschung (IKS) der Deutschen Sporthochschule Köln Rechnung, in dem Spielsucht in verschiedenen Bevölkerungspopulationen untersucht wird.

Im Fokus stehen bei der Untersuchung zum einen Sportstudierende und SportlerInnen in Sportvereinen, zum anderen junge, männliche Erwachsene (unter 25 Jahren) mit Migrationshintergrund. Diese sind gekennzeichnet durch eine geringe oder keine abgeschlossene Schulbildung, keine Ausbildungsabschlüsse sowie keine dauerhafte sozialversiche-rungspflichtige Tätigkeit. Als Ergebnis sollen für beide Zielgruppen Verhaltensindikatoren zur Früherkennung von problematischem Wettverhalten sowie die Validierung eines Screening-Instruments erarbeitet werden.

Das Projekt wird in Kooperation mit der Kölner Fachstelle Glücksspielsucht (Dr. Wolfgang Kursawe, Dr. Thomas Hambüchen) durchgeführt und soll über zwei Jahre laufen. „Wir freuen uns sehr, dass wir mit unserem Projektantrag im Rahmen der Initiative ‚Aktionsplan gegen Sucht NRW‘ erfolgreich waren und nun zusammen mit Dr. Kursawe von der Kölner Fachstelle Glücksspielsucht dieses ambitionierte Projekt umsetzen dürfen“, resümieren die Antragsteller Dr. Benjamin Noël und Prof. Daniel Memmert.

Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Daniel Memmert
Institut für Kognitions- und Sportspielforschung
E-Mail: d.memmert@dshs-koeln.de
Tel.: +49 (0)221 4982-4330
Dr. Benjamin Noël
E-Mail: b.noel@dshs-koeln.de
Tel.: +49 (0)221 4982-4312
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.dshs-koeln.de/iks

Macht der Gewohnheiten: Vermeidungsverhalten lässt sich leichter ändern als Annäherungsverhalten

Jedes Jahr aufs Neue überlegen sich viele Menschen am Silvesterabend gute Vorsätze für das neue Jahr. Sie nehmen sich vor, mit ihren Gewohnheiten zu brechen, zum Beispiel sich endlich das Smartphone im Schlafzimmer abzugewöhnen oder die Routineuntersuchung beim Zahnarzt nicht wieder von Monat zu Monat aufzuschieben. Aber wie leicht lassen sich solche alten Gewohnheiten verändern? Fällt es uns leichter, ab sofort Dinge zu tun, die wir bisher vermieden haben oder ist es doch eher umgekehrt? Eine aktuell in der Fachzeitschrift „Journal of Experimental Psychology: General“ veröffentlichte Studie zeigt: Vermeidungsgewohnheiten sind leichter zu verändern als Annäherungsgewohnheiten!
Gewohnheiten sind schwierig zu ändern. Der automatische Griff nach dem Smartphone auf dem Nachttisch und das automatische Verschieben des Zahnarzttermins von Monat zu Monat sind solche alltäglichen Gewohnheiten. Allerdings besteht zwischen den Beispielen ein wichtiger Unterschied: das Smartphone zu nutzen ist eine Form des Annäherungsverhaltens, denn mit dem Griff zum Smartphone wird aktiv ein positiver Zustand aufgesucht. Den Zahnarzttermin zu verhindern hingegen ist eine Form des Vermeidungsverhaltens: indem man Monat für Monat wieder keinen Termin vereinbart, vermeidet man einen Zustand, den man sich als unangenehm vorstellt. Christof Kuhbandner, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Regensburg, hat sich gemeinsam mit seiner Kollegin Julia Haager gefragt: Welche Gewohnheiten sind leichter zu durchbrechen, Annäherungs- oder Vermeidungsgewohnheiten?

Zwei Experimente: Erlernen und Umgewöhnen von Verhaltensreaktionen

Um diese Frage zu beantworten, untersuchten sie in zwei Experimenten das Entstehen und anschließende Verändern von Gewohnheiten bei Annäherungs- und Vermeidungsverhalten. Versuchspersonen sahen vor sich auf einem Bildschirm zum einen eine kleine Figur (die die Versuchspersonen selbst repräsentieren sollte) und zum anderen das Foto eines bestimmten Objekts. Ihre Aufgabe war, sich ‒ also die Figur ‒ über entsprechende Tasten auf der Computertastatur zu manchen Objekten hinzubewegen und von anderen Objekten wegzubewegen. Im ersten Experiment wurden dabei Fotos von Alltagsobjekten gezeigt (z.B. Möbelstücke oder Fortbewegungsmittel), im zweiten Experiment Fotos von Personen, die entweder freundlich oder wütend dreinschauten. Die Versuchspersonen trainierten nun zunächst in einer ersten Phase, sich wiederholt bestimmten Objekten bzw. Personen anzunähern oder aber diese zu vermeiden, bis eine starke Verhaltensgewohnheit geformt war. In einer zweiten Phase sollten sie dann genau diese Verhaltensgewohnheit verändern. Anstatt mit Annäherung mussten sie jetzt mit Vermeidung reagieren und umgekehrt.

Das Forscherteam analysierte die Leistung der Versuchspersonen in beiden Phasen des Experiments. Dabei zeigte sich, dass beim Verändern von Gewohnheiten deutlich mehr Fehler gemacht wurden, wenn Annäherungsreaktionen verändert werden sollten. Beim Wechsel von Vermeidungs- zu Annäherungsreaktionen hingegen unterliefen den Versuchspersonen insgesamt weniger Fehler. In der ersten Phase des Gewohnheitserwerbs zeigte sich außerdem, dass selbst nach sehr intensivem Training Annäherungsreaktionen deutlich schneller gezeigt wurden als Vermeidungsreaktionen. Das Forscherteam sieht hier eine mögliche Erklärung für die Unterschiede in der Leichtigkeit der Gewohnheitsveränderung: da Annäherungsverhalten offenbar sehr schnell ausgelöst wird, fällt es schwerer, entsprechende Impulse durch gezielte Kontrolle zurückzuhalten.

Christof Kuhbandner zieht insbesondere für soziale Gewohnheiten positive Schlüsse aus seiner Forschung: „Ein bekannter Bibelspruch lautet ja: ‚Liebt eure Feinde und tut denen Gutes, die euch hassen‘. Genau das wäre ja die Durchbrechung einer Vermeidungsgewohnheit. Unsere Befunde legen nahe, dass uns eine solche Art der Gewohnheitsveränderung doch leichter fällt als intuitiv vermutet.“ Übertragen auf die vorherigen Beispiele zeigen die Ergebnisse außerdem: es scheint tatsächlich schwerer zu sein, ab sofort nicht mehr aus Gewohnheit zum Smartphone zu greifen als endlich den Termin beim Zahnarzt zu vereinbaren.

Referenz der Originalstudie:
Kuhbandner, C. & Haager, J. S. (2016). Overcoming Approach and Withdrawal Habits: Approaching former enemies is easier than withdrawing from former friends. Journal of Experimental Psychology: General, 145, 1438–1447.

Kontakt bei Rückfragen:
Prof. Dr. Christof Kuhbandner
Institut für Experimentelle Psychologie
Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie
Universität Regensburg
93040 Regensburg
Tel.: 0941 9433598
Email: christof.kuhbandner@ur.de

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Pressereferentin
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Belastungs­inkontinenz: Duloxetin ist nur für psychisch gesunde Patienten geeignet

Kopenhagen – Das Antidepressivum Duloxetin ist in Europa auch bei Belastungs­inkon­ti­nenz zugelassen. Zwar verbessert es die Symptome. Jedoch überwiegen potenziell fol­geschwere Nebenwirkungen, wenden Forscher vom Nordic Cochrane Centre ein. Nega­tive Gefühlszustände wie Angst, Akathisie, Aufregung oder Unruhe, die Suizidalität und Aggressionen begünstigen, treten vier- bis fünfmal häufiger auf als in einer Placebo­gruppe.

Zu diesem Ergebnis kommen die dänischen Forscher in einer Metaanalyse basierend auf Daten der European Medicine Agency (EMA), die im Canadian Medical Association Journal publiziert wurde (2016, doi: 10.1503/cmaj.161088). Eine Vertreterin der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) vermutet jedoch, dass das Medikament häufig bei falscher Indikation eingesetzt wird.

Duloxetin war das erste spezifisch gegen Belastungsinkontinenz wirkende Medikament. Es verbessert die Kontraktilität des quergestreiften Harnröhren-Schließmuskels. Unter Duloextin-Therapie berichten die Betroffenen seltener von wöchentlichen Inkontinenz-Episoden.

Damit sie die Symptome jedoch als viel besser oder sehr viel besser einordnen, bedurfte es acht Patienten (number needed to treat). Hingegen waren nur sieben Menschen mit Belastungsinkontinenz und Duloextin-Therapie nötig, um einen zu finden, der über eine Nebenwirkung klagte. Diesen Vergelich stellen die Autoren um Emma Maund in ihrer Metaanlyse auf, in der sie vier randomisierte placebokontrollierte Studien mit 1.913 Patienten auswerteten.

Zwar konnten die Autoren Suizide, Gewalt oder Akathisie nicht direkt beobachten. Jedoch ordnen sie auffällige Störungen als bedrohlich ein. Unter Duloxetin traten Angst, Panikatacken, Stress oder auch Euphorie und Manie häufiger auf als in der Placebo­gruppe. Die US Food and Drug Administration (FDA) berichtet in einer offenen Folge­studie mit 9.400 Patienten über eine erhöhte Rate von Suizidversuchen unter dem Antidepressivum (400 pro 100.000 Suizidversuche/Jahr versus 150 bis 160 pro 100.000/Jahr). Keinen Anstieg der Suizidalität beobachtete die FDA hingegen bei Studien zu Cymbalta bei Patienten mit Depressionen oder diabetischer Neuropathie.

Duloxetin ist nur bei bestimmten Patienten indiziert
„Aufgrund dieser ungewissen Studienlage müssen wir den Nutzen von Duloxetin bei Belastungsinkontinenz hinterfragen und raten von der Verschreibung ab“, schlussfolgert Maund. Dieser Empfehlung will sich Ulrike Hohenfellner nicht anschließen. „Entschei­dend ist, dass Duloxetin nur dann ohne Absprache mit einem Neurologen oder Psychiater eingesetzt wird, wenn keine psychische Komorbidität besteht“, erklärt die Vorsitzende des Arbeitskreises Psychosomatische Urologie und Sexualmedizin der DGU.

Bei psychisch gesunden Patienten sei die Anwendung im Hinblick auf Suizidalität sicher und die Verschreibung unbedenklich. „Hingegen wirkt Duloxetin bei depressiven Patienten antriebssteigernd, wodurch es zum Handlungsentschluss und zur Umsetzung einer suizidalen Aktivität kommen kann, für die zuvor der Wille und die Energie fehlten.“ Entsprechend gelte eine begleitende Depression seit Zulassung des Präparats als Kontraindikation bei der Inkontinenz-Therapie.

In Deutschland leidet etwa jede vierte Frau ab 40 unter Belastungsinkontinenz. Insgesamt geht Hohenfellner von etwa 10 Millionen Betroffenen aus. Das sei allerdings nur eine grobe Schätzung.

Die Urologin vermutet, dass das erhöhte Vorkommen von affektiven Beschwer­den, die potenziell mit Suizidalität einhergehen können, möglicherweise daraus resultiert, dass eine begleitende Depression oder eine in der Vergangen­heit behandelte depressive Episode in der urologischen Diagnostik nicht registriert worden waren.

 „Die Harninkontinenz weist eine hohe Koinzidenz mit Angsterkrankungen und Depression auf. Dabei finden sich diese sowohl als primäre psychische Erkrankung, die eine somatoforme Inkontinenz bedingt, als auch als sekundär hervorgerufen durch die psychosoziale Belastung der Inkontinenz. Demzufolge sollten Ärzte bei der Inkonti­nenz-Diagnostik immer eine psychosomatische Anamnese durchführen beziehungs­weise einen psychopathologischen Befund einbeziehen. „Findet sich hier keine Kontrain­dikation für Duloxetin, sollte man seinen Patienten diese Therapieoption nicht vorenthalten, im Zweifel aber einen Neurologen oder Psychiater hinzuziehen“, empfiehlt die niedergelassene Urologin aus Heidelberg.

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CMAJ 2016
Arznei-Verordnungsreport
Arzneitelegramm 2004
Historical Information on Duloxetine hydrochloride, FDA 2006
Harninkontinenz bei Frauen: Tipps für fundierte Beratung
Weibliche Beckenbodendysfunktion: Diagnostik und Therapie
Belastungsinkontinenz: Konservative Therapie ausschöpfen
EMEA gegen Duloxetin beim Fibromyalgiesyndrom

Unverzichtbar ist für Hohenfellner das Medikament in erster Linie zur Behandlung älterer Damen, bei denen aufgrund Arthrose-bedingter körperlicher Einschränkung oder kognitiver Beeinträchtigung ein kuratives Beckenbodentraining nicht zielführend durchführbar ist. Duloxetin ist nach ihrer Erfahrung auch für Männer mit Post-Prosta­tektomie-Inkontinenz anwendbar und verträglich. Hier handelt es sich jedoch um einen Off-Label-Use, Zulassungsstudien liegen nur für Frauen vor.

Seit August 2004 wird der Serotonin-/Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin (Yentreve®) zur Behandlung mittelschwerer bis schwerer Belastungsinkontinenz der Frau in Deutschland angeboten. Bereits damals stand im Arznei Telegramm, dass unter anderem aufgrund von beschriebenen Suiziden und Suizidgedanken die positive Bewertung der europäischen Zulassungsbehörde nicht nachvollziehbar erscheinen würde. Von einer Einnahme wurde abgeraten. Der aktuelle Arznei-Verordnungsreport zeigt 2015 wie auch schon 2014 einen Rückgang des vergleichsweise ohnehin geringen Verordnungsvolumens.

Fettreiche Ernährung könnte psychische Erkrankungen begünstigen

Zürich – Eine besonders fettreiche Ernährung in der Jugend könnte auf biochemischer Ebene die Entwicklung von psychischen Erkrankungen fördern. Dies schließt eine Arbeitsgruppe der ETH Zürich und des INMED Institute in Marseille aus Versuchen an Mäusen. Die Forscher um Urs Meyer und Pascale Chavis berichten in Molecular Psychiatry über ihre Ergebnisse (2016; doi: 10.1038/mp.2016.193).

Übergewicht in der Adoleszenz kann psychische Erkrankungen begünstigen. Es ist laut den Autoren jedoch unklar, ob dies an den psychosozialen Folgen des Übergewichts liegt oder ob es auch auf molekularer Ebene einen entsprechenden Erklärungsansatz gibt.

In ihrer Studie fütterten die Forscher Mäuse mit fettreichem Futter, entweder kurz nach der Geburt oder in der Adoleszenz. Sie untersuchten die Veränderungen im Vorderhirn und präfrontalen Kortex, den Steuerzentralen von Affektkontrolle und Verhalten.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass es durch die fettreiche Ernährung in den ersten vier Wochen nach der Geburt zu einer verminderten Ausschüttung von Reelin in den frontalen Hirnabschnitten kam. Das Protein steuert das Wachstum und die Differen­zierung von Nervenzellen. Es trägt somit entscheidend zu der neuronalen Plastizität bei. Die verminderte Plastizität durch die niedrigen Reelinlevel zeigte sich auch bei den Mäusen. Die Veränderungen wurden bereits deutlich, bevor die Mäuse relevant an Gewicht zunahmen.

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Abstract zur Studie in Molecular Psychiatry
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Wenn die Forscher das Protein den Mäusen zusätzlich verabreichten, entwickelten sich die Gehirne regelrecht. Bei ausgewachsenen Tieren führte die fettreiche Ernährung hingegen nicht zu Veränderungen.

Die Forscher schließen aus den Ergebnissen, dass eine fettreiche Ernährung die neuro­nale Plastizität ungünstig beeinflussen kann. Ein Reelinmangel ist unter anderem bei Patienten mit Schizophrenie oder Alzheimer bekannt. Möglicherweise könnte eine fettreiche Ernährung in der Jugend das Risiko für diese Erkrankungen erhöhen, mutmaßen die Forscher.

Wie funktioniert das Gehirn bei Schizophrenie?

Die Gehirne von Patienten mit Schizophrenie funktionieren anders als die von Menschen ohne Erkrankung – aber wie? Forscher des ZI und der Universität von Philadelphia untersuchten mit Bildgebungsverfahren die Gehirnfunktionen auf Unterschiede und fanden überraschende Erkenntnisse, die sie in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichten. Der Artikel mit dem Titel „Dynamic brain network reconfiguration as a potential schizophrenia genetic risk mechanism modulated by NMDA receptor function“ erschien in dieser Woche.

Schizophrenie ist eine schwere und oft chronische Erkrankung, die das gesamte Gehirn zu betreffen scheint. Neuere Studien deuten darauf hin, dass der Botenstoff Glutamat bei Krankheitsentstehung und -verlauf eine zentrale Rolle spielt. Allerdings sind die neurobiologischen Mechanismen, die der veränderten glutamatergen Signalübertragung im Gehirn zugrunde liegen und so zu Veränderungen von Gedanken, Stimmung und Wahrnehmung führen, erst teilweise entschlüsselt.

Wissenschaftler  der Arbeitsgruppe Systemische Neurowissenschaften in der Psychiatrie (Leitung: Dr. Dr. Heike Tost) an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Ärztlicher Direktor: Professor Meyer-Lindenberg) und der Universität von Philadelphia haben nun einen möglichen Mechanismus gefunden, der erklären könnte, wie die beeinträchtigte Signalübertragung zwischen einzelnen Nervenzellen die Informationsverarbeitung und Zuverlässigkeit des gesamten Hirns beeinflusst. Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie untersuchten sie bei Schizophrenen im Vergleich zu Gesunden, wie die Hirnregionen während einer Arbeitsgedächtnisaufgabe miteinander „sprechen“ und so ein Netzwerk bildeten. Dabei zeigte sich, dass die Gehirne von Schizophrenen weniger stabile Netzwerke ausbildeten.

Interessanterweise zeigten die Gehirne von den ebenfalls untersuchten Angehörigen von Schizophrenen, die nicht von der Krankheit betroffen waren, aber im Schnitt die Hälfte der Riskogene für die Erkrankung geerbt hatten, eine mittlere Stabilität zwischen den Gruppen von Gesunden und Erkrankten, was einen wichtigen Hinweis für den Einfluss von Genen auf die Netzwerkstabilität zeigt.

„Dies unterstützt unser Verständnis der genetischen Risikoarchitektur von Schizophrenie, hierbei zeigt sich ein deutlicher Fokus auf Gene, die in die glutamaterge Signalübertragung im Gehirn involviert sind“, sagt Heike Tost, Letztautorin der Studie. „Dieser Befund bekräftigt unseren Verdacht, dass die weniger stabilen Netzwerke  bei Erkrankten tatsächlich durch die Erkrankung selbst und nicht durch Begleitfaktoren wie zum Beispiel die Medikation verursacht wurden.“

Die Autoren der Studie gingen sogar noch einen Schritt weiter, um ihren Verdacht bezüglich der molekularen Grundlagen der Stabilität von Hirnnetzwerken zu erhärten. In einem weiteren Experiment benutzten sie die funktionelle Bildgebung unter Einfluss eines Wirkstoffes. Gesunde Probanden bearbeiteten dieselbe Arbeitsgedächtnisaufgabe und erhielten einen geprüften und wirksamen Hemmstoff der glutamatergen Signalübertragung namens Dextrometorphan. Im Vergleich zu der Placebo Bedingung zeigten auch gesunde Probanden nach der Gabe von Dextrometorphan weniger stabile Netzwerke, was den Hinweis auf einen begründeten Zusammenhang zwischen veränderter Glutamat-Signalübertragung und instabilen Netzwerken liefert.

“Diese Studie ist besonders interessant” fasst der Autor der Studie, Urs Braun, zusammen, “da erstmals die molekularen Ursachen für die Netzwerkveränderungen beschrieben werden, die wir bei der Schizophrenie sehen. Wir verstehen zunehmend, dass Schizophrenie eine Erkrankung dynamischer Hirnnetzwerke ist und brauchen dringend weitere Studien, die eine Verbindung herstellen, zwischen der molekularen, zellulären und systemischen Ebene der Hirnfunktion.“ Professor Meyer-Lindenberg ergänzt: “Eine Hauptmotivation unserer Forschung ist es, zu verstehen, wie Störungen der Dynamik in neuronalen Netzwerken bei psychiatrischen Patienten auftreten. Diese Studie liefert einen wichtigen Beitrag zum Verständnis, wie die neuronalen Dynamiken durch glutamaterge Signale an den Synapsen beeinflusst werden und könnte so helfen, sinnvolle Ziele für die Entwicklung neuer Therapien zuliefern.“

Publikation:

Urs Braun, Axel Schäfer, Danielle S. Bassett, Franziska Rausch, Janina I. Schweiger, Edda Bilek, Susanne Erk, Nina Romanczuk-Seiferth, Oliver Grimm, Lena S. Geiger, Leila Haddad, Kristina Otto, Sebastian Mohnke, Andreas Heinz, Mathias Zink, Henrik Walter, Emanuel Schwarz, Andreas Meyer- Lindenberg and Heike Tost:

Dynamic brain network reconfiguration as a potential schizophrenia genetic risk mechanism modulated by NMDA receptor function – Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)

doi:10.1073/pnas.1608819113

Kontakt:

Urs Braun

Zentralinstitut für Seelische Gesundheit J5, 68159 Mannheim

Tel.: +49(0)621 1703 6519

E-Mail: urs.braun@zi-mannheim.de

 

Weitere Informationen finden Sie unter

https://www.zi-mannheim.de/institut/presse.html

Das Gehirn kann sich beim Lernen selbst belohnen

Marburg/Barcelona – Das menschliche Gehirn kann mittels eines eigenen Signals feh­len­de äußere Belohnung ersetzen und so das Erlernen neuer Informationen selbst­gesteuert verstärken. Das berichten Wissenschaftler der Universitäten Magdeburg und Barcelona in der Zeitschrift eLife (2016; doi: 10.7554/eLife.17441).

„Menschen und Tiere lernen, wenn sie für ihr Verhalten belohnt werden und auch dann, wenn sie eine Belohnung lediglich erwarten“, erläutert Tömme Noesselt vom Institut für Psychologie der Otto-von-Guericke- Universität Magdeburg und Senior-Autor der Studie. Die möglichen Belohnungen seien dabei auch Lob und soziale Interaktionen. „Im Alltag eignen wir uns jedoch oft neues Wissen an, ohne belohnt zu werden. Daher haben wir uns die Frage gestellt, wie unbelohntes Lernen im Gehirn zu stabilen Gedächtnis­inhalten führt“, umreißt Noesselt den Ansatz der Studie.

Für die Untersuchung wurden Versuchspersonen mittels funktioneller Magnet­resonanz­tomographie untersucht. Die Probanden lasen Satzpaare, die neue Worte enthielten und versuchten, die Bedeutung neuer Worte zu verstehen. Wenn sie erfolgreich eine neue Wortbedeutung erschlossen, waren Gedächtnisareale wie der Hippocampus zusammen mit Belohnungsarealen wie dem Nucleus accumbens aktiviert. Je stärker diese Areale kooperierten, umso besser war die individuelle Lernleistung. „Offenbar aktiviert das neue Wissen um die Bedeutung eines Wortes das Belohnungsnetzwerk“, berichten die Wissenschaftler. Das führte zur Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin, der wiederum die Bildung von Gedächtnisspuren verstärkt.

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Magdeburg: Schwerpunkt für Lern- und Gedächtnisforschung

Zusätzlich fragten die Forscher die Versuchspersonen, wie angenehm sie jedes neue Wort, also jeden Lernzuwachs empfanden. Dazu wurde die Hautleitfähigkeit gemessen. Größere Freude und damit eine Veränderung des Hautleitwiderstands konnten sie während des Einprägens für die Worte beobachten, die anschließend auch noch nach einer Woche im Gedächtnis blieben.

„Insgesamt zeigten die Ergebnisse der Studie, dass selbstgesteuertes Lernen selbst­belohnend sein kann, also die Belohnungsgedächtnisschleife des Gehirns anschaltet, so das Fazit der Forscher. Eine wesentliche Frage für die künftige Forschung sei, wann selbstgesteuertes Lernen eine effektivere Lernmethode darstellt als Strategien, die auf externes Feedback und Belohnung bauen und unter welchen Umständen externe und interne Strategien optimal ineinandergreifen.

Psychische Krankheiten bei älteren Menschen sind häufiger als bisher angenommen

Bisherige Studien gingen davon aus, dass die Häufigkeit psychischer Erkrankungen im höheren Alter sinkt. Eine neue groß angelegte Untersuchung in sechs europäischen Ländern mit innovativen Diagnoseverfahren kommt nun zu dem Ergebnis, wonach rund ein Drittel der 65-85 Jahre alten Befragten rückblickend auf das letzte Jahr unter einer psychischen Erkrankung litt und rund ein Viertel der Befragten aktuell psychisch krank ist. Die Ergebnisse wurden nun im renommierten „British Journal of Psychiatry“ publiziert.

„Ausgangspunkt war die Annahme, dass die gültigen Diagnoseverfahren für Erwachsene schlechter für die Diagnose von psychischen Krankheiten bei älteren Menschen geeignet sind“, erläutert die Studienleiterin Sylke Andreas (Institut für Psychologie der Alpen-Adria-Universität), die gemeinsam mit Martin Härter, Jana Volkert und Holger Schulz (Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) die Untersuchung koordinierte. Ältere Menschen würden bei den herkömmlichen Diagnoseinstrumenten recht bald die Aufmerksamkeit verlieren. Hinzu kommt, dass die Fragen in den bisherigen Diagnoseverfahren oft recht lang und kompliziert waren, was zusätzlich älteren Menschen Probleme bereitete.

Das Forschungsteam, welches Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Spanien, Großbritannien, Deutschland, Italien, Israel und der Schweiz umfasste, entwickelte zunächst ein neues Diagnostikinstrument in Form eines computerbasierten Interviews mit vereinfachten Sätzen. Mit diesem Verfahren wurden dann 3.100 ältere Menschen (65 bis 85 Jahre) in Spanien, Großbritannien, Deutschland, Italien, Israel und in der Schweiz untersucht.

Die Ergebnisse zeigen eine deutlich höhere Häufigkeit von psychischen Erkrankungen bei älteren Menschen als bisher angenommen wurde: Bei einem Drittel der Befragten zeigte sich zum Zeitpunkt des Interviews eine psychische Erkrankung im letzten Jahr (Ein-Jahres-Prävalenz) und bei einem Viertel der Befragten wurde eine aktuelle psychische Erkrankung festgestellt. Am häufigsten waren es Angsterkrankungen (17 Prozent) und Depressionen (14 Prozent), an denen die befragten Personen im letzten vergangenen Jahr litten.

Die Ergebnisse seien insbesondere vor dem Hintergrund der bisher angebotenen Gesundheitsleistungen erschreckend, so Sylke Andreas. „Wir brauchen bessere und verlässlichere Wege, um zu eruieren, ob ein älterer Mensch an einer psychischen Erkrankung leidet. Damit einher geht auch die dringliche Notwendigkeit, bis dato beinahe gänzlich fehlende psychotherapeutische Versorgungsangebote für Menschen im höheren Lebensalter zu etablieren.“

Literaturangabe:

Sylke Andreas, Holger Schulz, Jana Volkert, Maria Dehoust, Susanne Sehner, Anna Suling, Berta Ausín, Alessandra Canuto, Mike Crawford, Chiara Da Ronch, Luigi Grassi, Yael Hershkovitz, Manuel Muñoz, Alan Quirk, Ora Rotenstein, Ana Belén Santos-Olmo, Arieh Shalev, Jens Strehle, Kerstin Weber, Karl Wegscheider, Hans-Ulrich Wittchen, Martin Härter (2016).

Prevalence of mental disorders in elderly people: the European MentDis_ICF65+ study. The British Journal of Psychiatry September 2016, bjp.bp.115.180463. DOI: 10.1192/bjp.bp.115.180463e

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