Körpereigene Opioide könnten Therapieoption werden

Sydney – Die Aktivierung endogener Opioidsysteme könnte für die Therapie von Angst­erkrankungen ein künftiger Ansatzpunkt sein. Über mögliche Wege, dieses Opioid­sys­tem zu nutzen, berichtet Elena Bagley an der University of Sydney mit ihrer Arbeits­gruppe in Nature Communications (2017; doi: 10.1038/ncomms14611).

Angsterkrankungen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Jährlich sind rund 15 Pro­zent der Deutschen betroffen. Während psychotherapeutische Maßnahmen und die Einstellung auf eine Dauermedikation vielen Betroffenen helfen können, verschreiben Ärzte für akute Angstzustände nicht selten Benzodiazepine. Zwar ist die Wirksamkeit dieser Medikamente belegt, jedoch bergen sie auch ein erhebliches Abhängigkeits­potenzial.

Das Gehirn selbst verfügt über ein endogenes Opioidsystem, welches Stress, Angst und Schmerzen mindert und zu Glücksgefühlen führt. Die Wissenschaftler berichten, dass es Hypothesen gibt, dass die Modifikation dieses Opioidsystems eben­falls ein wirksamer Weg sein könnte, Angststörungen zu therapieren. Insbesondere wenn es um die Bewertung von Stimuli und das affektive Lernverhalten geht, könnten diese Systeme neuromodulatorisch wirksam werden, statt die Angst nur zu dämpfen. Bisher ist jedoch unvollständig bekannt, wie das körpereigene Opioidsystem Affekt und Psyche beeinflusst.

Mausversuche der Arbeitsgruppe zeigten, dass beispielsweise die Elimination körper­eigener Opioide, wie das Enkephalin, bei den Tieren zu Angst und Aggressivität führte. Demgegenüber verminderte eine verstärkte Ausschüttung die Angst. Als die Forscher die Wirkung der unterschiedlichen Opioidrezeptoren näher untersuchten, stellte sich heraus, dass sogenannte µ-Rezeptoren in der Amygdala die Neurone aktivierten, während δ-Rezeptoren die gleichen Neurone dämpften und anxiolytisch wirkten. Durch einen allosterisch wirksamen Effektor konnten die Forscher die Wirkung der δ-Rezep­toren verstärken. Sie konnten somit zeigen, dass das endogene Opioidsystem zumin­dest experimentell sehr gezielt beeinflussbar ist.

Bisher sind die Erkenntnisse über das endogene Opioidsystem laut den Forschern nicht ausgereift genug, um auf ihrer Grundlage spezifische Therapien zu entwickeln. Nähere Kenntnisse über das körpereigenen Opioidsystem könnten jedoch künftig Möglichkeiten für sehr spezifische Therapieoptionen eröffnen, so die Wissenschaftler.

Psychose: Anfälligkeit schon sehr früh erkennbar

Gehirn reagiert bereits bei 14-Jährigen übertrieben stark auf Signale

Forscher der Universite de Montreal http://umontreal.ca und des Sainte-Justine University Hospital Research Center http://research.chusj.org haben frühe Marker entdeckt, die eine Anfälligkeit für Psychosen anzeigen. Übertriebene emotionale Reaktionen des Gehirns auf nicht bedrohliche und nicht gefühlsbetonte Signale, können das Auftreten von ersten Anzeichen psychotischer Symptome im späten Jugendalter sein.

Auffälligkeiten erkennen

Die im „American Journal of Psychiatry“ veröffentlichten Ergebnisse stimmen mit Hypothesen zur Entwicklung dieser Krankheit überein. Laut der leitenden Wissenschaftlerin Patricia Conrod gelang es, Auffälligkeiten im Gehirn von Teenagern zu entdecken, schon bevor psychotische Erfahrungen und der Substanzmissbrauch signifikante kognitive Einschränkungen verursachen und ein medizinisches Eingreifen erfordern.

Conrods Team begleitete mehr als 1.000 europäische Teenager vom 14. bis zum 16. Lebensjahr. Sie waren Teil der „IMAGEN“-Studie http://de.imagen-europe.com . Dabei wurde die Gehirnaktivität während des Absolvierens verschiedener kognitiver Aufgaben gemessen, um Bereiche wie Belohnungssensitivität, Impulskontrolle und die Verarbeitung von emotionalen und nicht-emotionalen Inhalten zu untersuchen. Zusätzlich beantworteten die Teilnehmer mit 14 und 16 Jahren Fragebögen zu verschiedenen psychiatrischen Symptomen.

Maschineller Lernansatz

Zuerst wählten die Forscher eine Gruppe von Jugendlichen aus, die mit 14 Jahren bereits von gelegentlichen psychoseähnlichen Erfahrungen berichteten. Sie reagierten auf nicht-emotionale Inhalte so, als ob diese von hohem gefühlsmäßigem Stellenwert wären. Mittels eines maschinellen Lernansatzes wurde dann getestet, ob diese funktionellen Charakteristika des Gehirns das Auftreten von zukünftigen psychotischen Symptomen bei einer größeren Gruppe von 16-Jährigen vorhersagen konnte.

Im Alter von 16 Jahren gaben 16,6 Prozent der Jugendlichen an, dass sie bereits auditive oder visuelle Halluzinationen und wahnhafte Ideen gehabt hatten. Diese Erfahrungen wurden durch entsprechende Tendenzen aufgrund der Reaktion des Gehirns auf neutrale Reize und dem Konsum von Cannabis vor dem 16. Lebensjahr, bereits im Alter von 14 Jahren vorhergesagt.

Conrod zufolge verdeutlichen die aktuellen Forschungsergebnisse, dass eine Anfälligkeit bereits sehr früh identifiziert werden kann. „Da diese Krankheit normalerweise am Beginn des Erwachsenenalters ausbricht, gibt es daher ein großes Zeitfenster, in dem Interventionen bei riskantem Verhalten und entscheidenden ursächlichen Prozessen möglich sind.“

Videospiele als neue Therapieform bei Depressionen

Krankheit wird für Betroffene durch gezieltes Training kontrollierbarer

Videospiele und Anwendungen zum Gehirntraining werden immer häufiger als effektiver Ansatz zur Behandlung von Depressionen angepriesen. Forscher der University of California, Davis http://ucdavis.edu gehen nun einen Schritt weiter. Werden die Spieler in Games mit persönlichen Erinnerungen konfrontiert, nutzen sie diese häufiger, so das Ergebnis dieser aktuellen Studie.

Sorgfältige Aufforderungen

Laut den Forschern Subuhi Khan und Jorge Pena erhöhte sich in manchen Fällen sogar die Zeit, die spielend verbracht wurde. Durch den gezielten Einsatz von sorgfältig gestalteten Aufforderungen könnten Videospiele mit passenden Inhalten somit eine gut umsetzbare und weniger zermürbende Behandlungsoption darstellen.

Die Botschaften und damit in Zusammenhang stehende Spiele zielten in den Tests auf Depressionen ab, die entweder durch innere Ursachen – ein chemisches Ungleichgewicht oder Erbanlagen – verursacht oder durch äußerliche Faktoren – wie Probleme am Arbeitsplatz oder in der Beziehung – ausgelöst wurden. Die übermittelten Nachrichten verfügten im Ansatz über leichte Unterschiede.

Am Ende standen jedoch jeweils Ermutigungen, das Spiel zu spielen. Die Experten verglichen die Nutzung der Games mit einem regelmäßigen Training, bei dem man versucht, sein Bestes zu geben. Durch den Einsatz von sechs Drei-Minuten-Spielen zeigte sich, dass sie den Nutzern dabei halfen, ein Gefühl der Kontrolle über ihre Krankheit zu bekommen. Bei jedem Spiel handelte es sich um eine Adaption von bereits erprobten neurophysiologischen Trainingseinheiten.

Keine langfristigen Effekte

Wurde die Depression als etwas dargestellt, dass durch innere Ursachen ausgelöst wird, so ermöglichte eine App für das Gehirntraining den Usern das Gefühl, dass sie etwas für die Kontrolle ihrer Depressionen tun konnten. Laut den Autoren wird damit die Annahme gestützt, dass derartige Spiele helfen können, kognitive Veränderungen einzuleiten. Diese User bewerteten die Benutzerfreundlichkeit der App als sehr positiv.

Wurden Depressionen als etwas dargestellt, das durch äußere Faktoren hervorgerufen wurde, wurde mehr Zeit mit dem Spielen verbracht. Auch hier könnte das Gefühl, die Situation kontrollieren zu können, eine Rolle spielen. Khan und Pena gehen jedoch davon aus, dass diese Wirkung auf die direkte Nutzung zurückzuführen war und sehr wahrscheinlich keine langfristigen Vorteile bringt.

Die aktuelle Studie hat nicht untersucht, ob Videospiele Depressionen tatsächlich verringern. Laut den Autoren wird jedoch bereits an weiteren Studien zum Thema gearbeitet. So wurden Daten von 160 Studenten ausgewertet, die an leichten Depressionen litten. Drei Viertel der unter die Lupe genommenen Teilnehmer waren Frauen, mehr als die Hälfte der Versuchspersonen waren asiatischer Herkunft. Das Durchschnittsalter lag bei 21 Jahren.

Aktuelle Studie zum Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Ernährung

Wie beeinflusst das, was wir tagtäglich essen und trinken, unser Wohlbefinden? Dieser Frage sind Psychologinnen und Psychologen der Universitäten Gießen und Marburg in einer aktuellen Studie nachgegangen. Siebenundsiebzig Versuchspersonen führten vier Tage lang Protokoll über ihr Ernährungsverhalten und ihr Wohlbefinden und sammelten Speichelproben. Während das Essverhalten allgemein nicht wesentlich zu einem besseren Wohlbefinden beitrug, führte die Einnahme von Getränken wie Saft, Kaffee und Alkohol zu einer Stimmungsverbesserung. Die Ergebnisse der Studie wurden gerade in der Fachzeitschrift „Biological Psychology“ veröffentlicht.
Essen macht glücklich und hilft, Stress abzubauen. Diese Annahme ist weit verbreitet. Tatsächlich konnte in einigen Studien gezeigt werden, dass Menschen gerade in Stresssituationen oder in negativer Stimmung zu (meist ungesunden) Snacks greifen, vermutlich in der Hoffnung, die momentane Stimmung zu verbessern. „Die Vermutung, dass Essen generell das Wohlbefinden verbessert, lässt sich anhand unserer Daten allerdings so nicht bestätigen“ sagt Jana Strahler, Klinische Psychologin an der Justus-Liebig-Universität Gießen. „Vielmehr führten Getränke wie Saft, Kaffee und Alkohol zu einer kurzfristig besseren Stimmung. Der Zusammenhang zwischen Essen und Wohlbefinden war hingegen davon abhängig, ob jemand unter Stress zu verstärktem Essen neigt oder eher ein gezügelter Esser ist.“

Gemeinsam mit Urs Nater von der Philipps-Universität Marburg untersuchte Strahler den Zusammenhang zwischen Ernährungsverhalten, Wohlbefinden und Stress erstmals unter Alltagsbedingungen. Mit Hilfe elektronischer Tagebücher (iPod® touch) befragten sie 77 Erwachsene über vier Wochentage hinweg zu ihrem Ess- und Trinkverhalten sowie zu ihrem Wohlbefinden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gaben fünfmal pro Tag an, was sie seit dem letzten Zeitpunkt gegessen und getrunken hatten, und ob sie noch hungrig seien. Dabei wurde zwischen der Art der Mahlzeit (Hauptgericht, Snack, Süßigkeit, andere) und dem Hauptbestandteil der Mahlzeit (Proteine, Kohlehydrate, Fett, gemischt) unterschieden. Zu jedem Messzeitpunkt gaben sie außerdem an, wie gut ihre Stimmung gerade war, wie viel Energie sie hatten und wie gestresst sie sich fühlten. Sie gaben außerdem zu jedem Messzeitpunkt eine Speichelprobe ab, die auf das Stresshormon Cortisol und das Enzym Alpha-Amylase hin untersucht wurde. Zu Beginn der Studie wurde zudem für jede Person ermittelt, ob man deren Essverhalten eher als „emotional“ oder eher als „gezügelt“ bezeichnen konnte.

Das Forscherteam analysierte den Zusammenhang zwischen der Nahrungsaufnahme und dem Wohlbefinden am jeweils darauffolgenden Messzeitpunkt. „Einen allgemein stressreduzierenden Effekt von süßen und hochkalorischen Speisen haben wir nicht gefunden“, sagt Jana Strahler. Allerdings zeigte sich ein Unterschied zwischen emotionalen und gezügelten Esser-Typen: gezügelte Esser berichteten nach dem Konsum von Süßigkeiten ein höheres Stresserleben, während bei emotionalen Essern das Stressgefühl sank. „Dies deckt sich mit Befunden aus der Essstörungsforschung, die zeigen, dass Frauen mit Anorexie oder Bulimie nach dem Erleben einer Essattacke vermehrt negative Stimmung berichten. Gezügelte Esser erleben den Verzehr hochkalorischer Speisen möglicherweise als Misserfolg. Bei emotionalen Essern scheint der gewünschte hedonische, belohnende, Effekt der Nahrung jedoch aufzutreten“, führt Strahler aus.
Ein relativ robuster Befund aus der Literatur findet sich auch in dieser Studie: die Einnahme fettreicher Nahrung führte zu einer Verschlechterung des allgemeinen Wohlbefindens.

Die Einnahme von Getränken wie Wasser, Saft, Kaffee und Alkohol führte hingegen eher zu einer Stimmungsverbesserung. Koffeinhaltige Getränke führten außerdem zu einem Gefühl von mehr Energie. Alkoholische Getränke führten zu einer Verbesserung aller gemessenen Aspekte des subjektiven Wohlbefindens. „Hierbei ist allerdings zu bedenken, dass Alkohol oft in sozialen Situationen getrunken wird, die auch dazu beitragen können, dass man sich besser fühlt“, erklärt Jana Strahler.

Die Originalstudie finden Sie hier:
Jana Strahler, Urs M. Nater, Differential effects of eating and drinking on wellbeing—An ecological ambulatory assessment study, Biological Psychology, Available online 22 January 2017, http://dx.doi.org/10.1016/j.biopsycho.2017.01.008.

Kontakt bei Rückfragen:
Dr. Jana Strahler
Psychotherapie und Systemneurowissenschaften
Justus-Liebig-Universität Gießen
E-Mail: Jana.strahler@psychol.uni-giessen.de
Tel.: 0641 9926332

Neues Forschungsprojekt: Was passiert zwischen den Psychotherapiestunden?

Eine Psychotherapiestunde dauert in der Regel 50 Minuten und findet häufig einmal in der Woche statt. Die Psychotherapieforschung vermutet, dass zwischen den Therapiesitzungen relevante Prozesse ablaufen. Diese möchte nun ein Forschungsteam, gefördert vom Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank, untersuchen und darauf basierend eine App entwickeln, die die so genannten Intersession-Prozesse erhebt, kontrolliert und fördert.
„Rechnet man die tatsächliche Therapiezeit gegen die durchschnittliche Wachzeit auf, so zeigt sich, dass die Therapiezeit nur einen sehr geringen Anteil hat“, so Projektleiterin Sylke Andreas (Institut für Psychologie). Aktuelle Forschungen zu den sogenannten „Intersessions-Prozessen“ lassen vermuten, dass sich eine intensivere Beschäftigung mit der Zeit zwischen den Psychotherapiestunden lohnen könnte. Der Begriff wurde von den Psychotherapieforschern David E. Orlinsky und Jesse D. Geller geprägt und beschreibt die Verarbeitung der Therapie und deren Inhalten zwischen den einzelnen Therapiesitzungen sowie alle spontanen und intentionalen Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Phantasien über die Therapie und den oder die TherapeutIn.

Diese „Zwischensitzungsprozesse“ sind, so zeigen bisherige Studien, mit dem Behandlungserfolg und der therapeutischen Beziehung assoziiert. Sylke Andreas führt zu den Zielen des nun startenden Projekts aus: „Wir wollen zunächst den genauen Zusammenhang zwischen den in der Therapiestunde ablaufenden Prozessen und den darauffolgenden Intersession-Prozessen untersuchen, um Interaktions-Muster zu identifizieren, die Hinweise auf die Förderung bzw. Hemmung der Intersession-Prozesse geben können.“

Aufbauend darauf will das Team eine App entwickeln, welche die Intersession-Prozesse der Patientinnen und Patienten erhebt, kontrolliert und fördert. Sylke Andreas stellt in Aussicht: „Die App soll auch als Mentoring-Funktion für die Therapeutinnen und Therapeuten verwendet werden können. Mit ihrer Hilfe soll es gelingen, die Intersession-Prozesse ökonomisch und einfach im psychotherapeutischen Prozess einzubinden, um so die Therapie und vor allem das Behandlungsergebnis zu optimieren.“ Da das Projekt eine Laufzeit von 3 Jahren beansprucht, kann ab 2019 mit den ersten Ergebnissen gerechnet werden.
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.aau.at

Genvarianten erhöhen Risiko für Angsterkrankungen

Würzburg – Bei der Entwicklung von Angsterkrankungen spielen neben psychischen und sozialen Faktoren auch erbliche Dispositionen eine Rolle. Mindestens vier Varianten des Gens GLRB (Glycin-Rezeptor B) sind Risikofaktoren für Angst- und Panikstörungen. Das berichtet ein Würzburger Forschungsteam im Fachblatt Molecular Psychiatry (2017; doi: 10.1038/mp.2017.2)

An Angst- und Panikstörungen leiden in Deutschland etwa 15 Prozent aller Erwach­se­nen. Für viele Betroffene ist der normale Alltag stark beeinträchtigt – sie haben oft Probleme im Beruf und ziehen sich aus sozialen Kontakten zurück. Wissenschaftler aus Münster, Hamburg und Würzburg untersuchen seit 2008 im Sonderforschungsbereich (SFB) TR 58 der Deutschen Forschungsgemeinschaft die Grundlagen der Erkrankung. An der aktuellen Studie nahmen über 5.000 Probanden und mehr als 500 Patienten mit einer Panikstörung teil.

Sie konnten zeigen, dass verschiedene Varianten des Gens GLRB mit Angsterkrankun­gen zu tun haben. Den Forschern war das Gen schon vorher bekannt, aber nur in Ver­bindung mit einer anderen Krankheit: „Manche Mutationen des Gens verursachen eine seltene neurologische Erkrankung, die Hyperekplexie“, erklärt Jürgen Deckert, Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik in Würzburg: Die Muskeln der Patienten sind ständig überspannt, und in Schrecksituationen kommt es bei ihnen zu einer überschie­ßen­den Reaktion. Das kann so weit gehen, dass die Betroffenen unwillkürlich stürzen.

Es sind aber andere Varianten des Gens GLRB, welche die Wissenschaftler nun mit Angst- und Panikstörungen in Verbindung bringen. Sie treten häufiger auf und haben vermutlich weniger schwere Auswirkungen. Aber auch sie führen zu überschießenden Schreckreaktionen und in der Folge möglicherweise zu einer übermäßigen Aktivierung des sogenannten Furchtnetzwerkes im Gehirn. Das schließen die Würzburger Forscher aus hochauflösenden Bildern, die sie von den Gehirnaktivitäten der Studienteilnehmer gemacht haben.

„Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass hier ein bisher nicht bekannter Weg zur Ent­wicklung einer Angsterkrankung vorliegt“, erläutert Deckert. Weitere Untersuchungen müssten zeigen, ob sich dies für die Entwicklung neuer oder individueller Therapien nutzen ließe.

Alzheimer: Nutzen von kognitivem Training bleibt unbelegt

Helsinki – Für die These, dem Verlauf einer Alzheimererkrankung durch kognitives Training begegnen zu können, gibt es nach einer Übersichtsarbeit im Journal of Aelzheimer’s Disease kaum Belege. Die Arbeitsgruppe um Eeva-Liisa Kallio an der University of Helsinki stellte dies bei der Auswertung von mehr als 30 Studien fest (2017; doi: 10.3233/JAD-160810).

Da für einen Großteil der Demenzformen nur sehr limitierte Möglichkeiten der Pharma­kotherapie existieren, haben viele Patienten Interesse an Maßnahmen, ihre kognitiven Fähigkeiten selbst zu erhalten. In der Vorstellung, dass das Gehirn wie ein Muskel trai­niert werden könne, greifen sie oft auf verschiedene Formen des sogenannten Gehirn­joggings zurück. Bei kognitiv gesunden oder nur leicht beeinträchtigten älteren Leuten scheint solch ein Training die kognitiven Fähigkeiten zu stärken. Wir groß der Nutzen solcher Maßnahmen für Demenzpatienten ist, wurde auch bereits in einigen Studien untersucht.

In der vorliegenden Arbeit erstellten die Autoren eine Übersichtsanalyse, die insgesamt 31 solcher Studien berücksichtigte, darunter auch kontrollierte randomisierte Studien. Neben den Effekten auf die kognitiven Fähigkeiten analysierten die Wissenschaftler auch die Folgen für das psychische Wohlergehen, die Lebensqualität und Aktivitäten des täglichen Lebens.

In 24 Studien konnten die Wissenschaftler durchaus positive Effekte auf das globale Erinnerungsvermögen und die Bewältigung der geübten Aufgaben feststellen. In Bezug auf die Alltagsfunktion verbesserten sich die Probanden jedoch in der Regel nicht. Auch andere kognitive Funktionen konnten die Patienten durch das Training nicht beein­flussen.

Ein Problem vieler Studien ist laut den Forschern die häufig nur kurze Beobachtungszeit und unterschiedliche Methodiken, welche die Vergleichbarkeit der Arbeiten erschwerten. Ein weiteres Problem sei die Objektivierung des Trainingserfolgs. Die Wissenschaftler arbeiten daher momentan an einer randomisierten kontrollierten Studie, die all dies berücksichtigen soll.

Forscher entwerfen Schmerzkarte des Gehirns

Boulder – Forscher der University of Colorado haben anhand mehrerer Studien eine spezielle Kartierung des Gehirns entworfen, die bei der Wahrnehmung und Interpre­tation schmerzvoller Reize wichtig ist. Die Arbeitsgruppe um Erstautor Choong-Wan Woo be­rich­tet in Nature Communications (2017; doi: 10.1038/ncomms14211).

Laut der Deutschen Schmerzliga leiden zwölf bis 15 Millionen Menschen in Deutschland unter chronischen, länger andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen. Ein Drittel dieser Patienten ist durch die Schmerzen stark beeinträchtigt. Chronische Schmerzen sind besonders schwierig zu therapieren, da Gehirn und peripheres Nervensystem oft einen schwer zu durchbrechenden Teufelskreis in der Schmerzrezeption bilden. Mit Er­kenntnissen zu der Schmerzentstehung und Verarbeitung im Gehirn könnten künftig effektivere Therapien für die betroffenen Patienten entwickelt werden.

In der Studie analysierten die Forscher die Daten von 183 Teilnehmern, die im Rahmen von sechs unabhängigen Studien mit funktionellen MRT-Aufnahmen untersucht wurden. Die Teilnehmer wurden kurzen schmerzhaften Reizen ausgesetzt und mussten dann im MR-Tomographen die Schmerzen auf einer Schmerzskala bewerten.

Mit den Ergeb­nissen der funktionellen Aufnahmen, den applizierten Schmerzqualitäten und der subjektiven Schmerzbewertung konnten die Forscher eine komplexe Kartierung des Gehirns entwer­fen, welche Aufschluss über schmerzbegünstigende und schmerzstillen­de Neuronen­krei­se im Gehirn gab.

Es zeigte sich, dass Hirnareale an der Schmerzwahr­neh­mung beteiligt sind, die bisher nicht als klassische Regionen hierfür galten. Hierzu gehörten beispielsweise der ventro­mediale praefrontale Kortex, der Nucleus accumbens und der Hippocampus.

Die Forscher bezeichnen ihre Kartierung mit dem Namen Stimulus Intensity Indepen­dent Pain Signature-1 (SIIPS1). Mit dem SIIPS1 wollen die Wissenschaftler ein standar­disier­tes System für die künftige klinische und experimentelle Schmerzforschung bieten.

Wie Furcht das Verhalten prägt

Irvine – Angstgefühle scheinen sich durch die Aktivität der Amygdala in den Hippo­campus zu projizieren, um so schließlich das Verhalten zu beeinflussen. Dies ist das Ergebnis elektrophysiologischer Untersuchungen, die Forscher um Robert Knight und Jack Lin an der University of California an menschlichen Probanden durchführten. Sie berichten in Nature Communications (2017; doi: 10.1038/ncomms14413).

Die Amygdala ist im Gehirn an der Verarbeitung von Emotionen entscheidend beteiligt. Besonders Gefühle wie Angst und Wut werden in diesem Kerngebiet prozessiert. Wie jedoch solche Emotionen das Verhalten prägen und so letztlich auch zu Angsterkran­kungen führen, ist bisher unklar. Das Verhalten wird unter anderem durch frühere Erfahrungen und Lernprozesse beeinflusst. Für diese Lernprozesse ist der Hippocam­pus wichtig. Wenn die spezifischen neuronalen Kreise bekannt wären, welche aus Emotionen ein Verhalten erzeugen, könnte dies bei Angststörungen ein Ansatzpunkt pharmakologischer Interventionen sein, berichten die Forscher.

In ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler Patienten, denen auf Grund einer therapierefrektären Epilepsie stereotaktische Elektroden in Hippocampus und Amygdala implantiert wurden. Die Autoren spielten den Probanden Filme mit friedlichen Land­schaf­ten oder angsterfüllten Gesichtern vor und maßen über die Elektroden die Aktivität in Amygdala und Hippocampus.

Sie stellten fest, dass bei den Gesichtern die Amygdala vor dem Hippocampus erregt wurde. Es erfolgte hierbei eine unidirektionale Erregungs­übertragung von der Amygdala in den Hippocampus. Dieser Erregungsfluss war bei den Landschaftsfilmen nicht nachweisbar. Aus dem Aktivitätsmuster schlossen die Forscher, dass die emotionale Qualität der Filme zunächst in der Amygdala prozessiert wurde, bevor sie in den Hippocampus gesendet wurde.

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Dass bei Furcht die Erregungsübertragung von Amygdala zu Hippocampus ausschließlich in eine Richtung stattfindet, war laut der Forscher vor der Studie nicht klar. Sie hoffen, dass sie diese Erkenntnis in eine klinische Anwendung übersetzen können, bei der negative Emotionen nicht in den Hippocampus übertragen werden, während positive Emotionen weiter Lernprozesse und Verhalten beeinflussen können.

Psychotherapie normalisiert das Hirn bei Sozialer Phobie

Die Behandlung einer Sozialen Angststörung in einer Psychotherapie zeigt Wirkung. Dank der Therapie werden wichtige Hirnstrukturen, die bei der Emotionsverarbeitung involviert sind, normalisiert. Dies weisen Forschende der Universität Zürich, des Universitätsspitals Zürich sowie der Psychiatrischen Universitätsklinik in einer neuen Studie nach.

Angst im sozialen Umgang ist weit verbreitet: Rund jeder zehnte Mensch ist im Laufe seines Lebens von einer Sozialen Angststörung betroffen, die ihn im Alltag stark einschränkt. Menschen mit einer Sozialen Phobie fällt es etwa schwer, vor einer grösseren Gruppe oder mit unbekannten Menschen zu sprechen. Jetzt weist eine Studie von Forschenden der Universität Zürich, des Universitätsspitals Zürich sowie der Psychiatrischen Universitätsklinik nach, dass die erfolgreiche Behandlung einer Angststörung wichtige Hirnstrukturen verändert, die an der Verarbeitung sowie der Regulierung von Emotionen beteiligt sind.

Kognitive Verhaltenstherapie ist zentral

Bei Patientinnen und Patienten mit Sozialen Angststörungen können frontale und seitliche Hirnareale unbegründete Angstgefühle nicht genügend regulieren. Für die Behandlung der Sozialen Angststörung ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) zentral. Indem Strategien zur Emotionsregulation eingeübt werden, soll die Balance der Emotionen wieder hergestellt werden. Die Zürcher Studie untersuchte, ob es nach einer spezifischen zehnwöchigen KVT zu strukturellen Veränderungen im Gehirn von Patienten mit einer Sozialen Angststörung kommt. Dazu wurde das Gehirn der Studienteilnehmer vor und nach der KVT mittels Magnetresonanz-Tomographie untersucht.

Veränderungen im Gehirn normalisiert

«Wir können zeigen, dass es zu strukturellen Veränderungen in Hirnarealen kommt, die mit Selbstkontrolle und Emotionsregulation zusammenhängen», sagt Annette Brühl, Leitende Ärztin am Zentrum für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK). Je erfolgreicher sich die Behandlung für die Patienten auswirkte, desto stärker waren ihre Hirnveränderungen ausgeprägt. Die Forschungsgruppe konnte weiter nachweisen, dass nach der Therapie die tiefen Hirnareale, die an der Emotionsverarbeitung beteiligt sind, stärker vernetzt sind. Zusammenfassend hält Annette Brühl fest: «Die Psychotherapie normalisiert die durch eine Soziale Angststörung ausgelösten Hirnveränderungen.»

Literatur:

Vivian Steiger, Annette Brühl, Steffi Weidt, Aba Delsignore, Michael Rufer, Lutz Jäncke, Uwe Herwig, and Jürgen Hänggi. Pattern of structural brain changes in social anxiety disorder after cognitive behavioral group therapy: a longitudinal multimodal MRI study. Molecular Psychiatry, December 6 (advanced online). doi:10.1038/mp.2016.217

Kognitive Verhaltenstherapie

In der kognitiven Verhaltenstherapie sollen Betroffene lernen, neue Strategien im Umgang mit Sozialen Angststörungen auszuprobieren. Anhand konkreter Beispiele werden Erklärungsmodelle in der Gruppe besprochen und Ansatzpunkte für Veränderungen erarbeitet. Durch Selbstbeobachtung, Rollenspiele oder Videoaufnahmen können alternative Sichtweisen entwickelt werden.

Mehr unter: http://www.psychiatrie.usz.ch/fachwissen/seiten/angststoerungen.aspx
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen/2017/Psychotherapie-Soziale-Phobie.html