Fotos auf Instagram verraten, ob User depressiv sind

Ein Allgemeinarzt liegt Studien zufolge bei der Diagnose Depression in etwa 42 Prozent der Fälle richtig. Eine bessere Trefferquote soll ein Computer­pro­gramm haben, dass Fotos von Instagram-Usern auswertet. Die entscheidenden Parameter stellen zwei Forscher in EPJ Data Science vor (2017; doi: 10.1140/epjds/s13688-017-0110-z).

Von 166 Nutzern der Social-Media-Plattform erhielten 70 Prozent anhand ihrer Fotos die richtige Diagnose Depression. Das lernfähige Computerprogramm analysierte dafür 43.950 Fotos anhand der Farbe, Metadaten und Gesichtserkennungs-Algorithmen.

Die Fotos der 71 Teilnehmer, bei denen ein Arzt bereits eine Depression diagnostiziert hatte, zeigten besondere Eigenschaften im Gegensatz zu Instagramm-Usern ohne Diagnose: Die Farben waren dunkler mit einem Blau- oder Graustich und sie wurden häufiger kommentiert. Zudem bevorzugen depressive Menschen Bilder mit Gesichtern. Insgesamt waren jedoch bei gesunden Instagramm-Usern mehr Gesichter abgebildet.

Eine Frage der Filter

Depressive Teilnehmer nutzten seltener Filter – und falls doch, dann wendeten sie einen Filter an, der ein buntes in ein schwarz-weißes Bild umwandelte (Inkwell-Filter). Die gesunde Kontrollgruppe favorisierte den Valencia-Filter, der Bilder aufhellt. Insge­samt posteten sie in einer höheren Frequenz, sagt Christopher Danforth, Koautor von der University of Vermont.

Die Diagnose war sogar dann noch treffsicher, wenn ausschließlich Fotos in die Computeranalyse einflossen, die vor der offiziellen Diagnose gepostet wurden. Weniger hilfreich waren die Bewertungen von anderen Nutzern. Ob diese das Bild mit einem lachenden, verärgerten oder weinenden Emoticon markiert hatten, ließ keine Rück­schlüsse auf das Seelenleben des Instagramm-Nutzers zu.

Man stelle sich eine App vor, die den Arzt benachrichtet, um einen Check-up-Termin zu vereinbaren, wenn sich das Verhalten entsprechend ändert – noch bevor man selber das Problem erkannt hat.Christopher Danforth, University of Vermont

Die Forscher erhoffen sich von ihren Erkenntnissen eine neue Screening-Möglichkeit für psychische Krankheiten. Danford ist überzeugt, dass Algorithmen von Social-Media-Profilen ein großes Potenzial für Frühwarnsysteme bei psychischen Erkankungen haben. „Man stelle sich eine App vor, die den Arzt benachrichtet, um einen Check-up-Termin zu vereinbaren, wenn sich das Verhalten entsprechend ändert – noch bevor man selber das Problem erkannt hat“, sagt Danford.

Die Aussagekraft der Studie stößt jedoch an Grenzen. Zum einen aufgrund der umfäng­lichen Definition des Krankheitsbildes und zum anderen aufgrund der geringen Teil­nehmerzahl. Ursprünglich hatten Andrew G. Reece von der Harvard University und Danforth mehr als 500 Teilnehmer rekrutiert. Ein Großteil wollte jedoch seine Daten nicht mit den Forschern teilen, weshalb sie wieder ausgeschlossen werden mussten.

Frühere Studien haben bereits die Prognosefähigkeiten von Daten untersucht, die Nutzer online stellen. Dabei standen bisher immer Textanalysen im Vordergrund. Hier wurde beispielsweise untersucht, wie auf Facebook angegebene Alkoholpräferenzen von Studenten im Zusammenhang mit Alkoholismus stehen (2012; doi: 10.1001/archpediatrics.2011.180).

Andere Studien analysierten Facebook-Daten hinsichtlich ihrer Vorhersagekraft von postnatalen Depressionen (2014; doi: 10.1145/2531602.2531675). Daraus, wie oft Menschen das Internet täglich benutzen, wurden Schlussfolgerungen auf Depressionen gezogen (2012; doi: 10.1109/MTS.2012.2225462).

Chronisches Erschöpfungs­syndrom: Studie findet Anstieg bei 17 Entzündungs­markern

Patienten, die seit längerem über ein chronisches Erschöpfungssyndrom klagten, hatten in einer Querschnittstudie erhöhte Blutkonzentrationen von 17 Zytokinen. Die Publikation in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2017; doi: 10.1073/pnas.1710519114) unterstützt die Hypothese einer immunologischen Genese der Erkrankung, ist jedoch nicht frei von Widersprüchen.

Das Chronische Erschöpfungssyndrom (CFS), das von Patientenverbänden auch als myalgische Enzephalomyelitis (ME) und vom Institut of Medicine als systemische Belastungsintoleranz-Erkrankung (SEID) bezeichnet wird, ist derzeit diagnostisch schwer zu fassen.

Die Patientinnen (in drei von vier Fällen Frauen) leiden häufig nach einem grippalen Infekt dauerhaft oder rezidivierend unter einer Kombination verschiedener Krankheitszeichen, deren Leitsymptom eine schnelle körperliche und psychische Erschöpfbarkeit ist, die alle Aktivitäten des täglichen Lebens beeinträchtigt. Es gibt derzeit keinen Biomarker. Die Diagnose beruht allein auf den Angaben der Patienten.

Die Ursache der Erkrankung ist unbekannt und für eine entzündliche Genese („Enzephalomyelitis“) gibt es bisher keine Beweise. Konventionelle Entzündungstests wie die Blutsenkungsgeschwindigkeit oder das C-reaktive Protein sind bei den Patienten selten erhöht. Die Studienergebnisse, die der Infektiologe José Montoya und der Immunologe Mark Davis von der Stanford University in Palo Alto jetzt vorstellen, dürften deshalb für Aufsehen sorgen. Die Forscher haben Blutproben von 192 Patien­ten mit CFS/ME und 392 Kontrollen auf 51 unterschiedliche Zytokine hin untersucht. Die Patienten waren im Durchschnitt 50 Jahre. Die durchschnittliche Dauer der Symp­tome der Patienten betrug etwas mehr als 10 Jahre.

Bei zwei Zytokinen wurden Auffälligkeiten entdeckt: Patienten mit CFS/ME hatten häufig erhöhte Konzentrationen des Zytokins TGF-beta (Transforming Growth Factor), während die Konzentration von Resistin niedriger war als bei den Kontrollen.

Die Befunde lassen sich nicht einfach mit dem Konzept einer entzündlichen Ursache der Erkrankung vereinbaren, da TGF-beta eher entzündungshemmende Einflüsse zugeschrieben werden. Resistin, dessen Konzentration erniedrigt war, ist dagegen ein pro-inflammatorisches Zytokin. Montoya und Davis halten dies nicht notwendigerweise für einen Widerspruch.

Der Anstieg TGF-beta könnte ja eine Gegenreaktion des Körpers gegen jahrelange inflammatorische Reize auf einer anderen Ebene sein, argumentieren sie. Für eine chronische Entzündung spreche auch, dass Patienten mit CFS/ME (in anderen Studien) ein erhöhtes Risiko hatten, an Non-Hodgkin-Lymphomen, Mantelzelllymphomen und diffusem großzelligem B-Zell-Lymphom zu erkranken, die mit einer dauerhaften Überaktivierung des Immunsystems in Verbindung gebracht werden.

Die Entzündungsreaktion selbst könnte nach Ansicht der Autoren von den übrigen 16 Zytokinen (neben TGF-beta) getragen werden, deren Konzentration mit dem Schweregrad der CFS/ME korrelierten. Dreizehn der 16 Zytokine hätte eine proinflammatorische Wirkung schreiben Montoya und Davis. Eines dieser Zytokine ist Leptin, das wie Resistin nicht nur von Immunzellen, sondern von Fettzellen gebildet wird. Leptin ist Signalgeber für den Füllungszustand der Fettzellen.

Welche Konsequenzen die Ergebnisse der aktuellen Studie haben, ist unklar. Zunächst einmal bleibt abzuwarten, ob andere Arbeitsgruppen die Ergebnisse der kalifornischen Forscher bestätigen können. Im nächsten Schritt wäre zu untersuchen, ob ein Mikro-Assay auf die 17 Zytokine zur Diagnose der CFS/ME verwendet werden könnte. Den letzten Beleg für die immunologische Hypothese würde die erfolgreiche Therapie des CFS/ME mit Medikamenten liefern, die gezielt in das Immunsystem eingreifen.

Adipositas: Hungerzentrum im Hirnstamm entdeckt

Der Hirnstamm, Sitz lebenswichtiger Impulsgeber für Atmung und Blutdruck, ist offenbar auch an der Regulierung der Nahrungsaufnahme beteiligt. US-Forscher lokalisieren in Cell (2017; doi: 10.1016/j.cell.2017.06.045) ein Appetitzentrum im dorsalen Raphe-Zentrum und beschreiben neue Wege, wie das Hungergefühl medikamentös beeinflusst werden könnte.

An der Regulierung der Nahrungsaufnahme, die für alle Organismen überlebenswichtig ist, sind vermutlich mehrere Regionen des Gehirns beteiligt. Frühere Studien haben dem Hypothalamus eine zentrale Rolle zugeschrieben, einem wichtigen Steuerzentrum für Körpertemperatur, Blutdruck und andere Körperfunktionen. Der Hypothalamus übernimmt die Aufgabe eines Reglers, der das Körpergewicht konstant hält. Er reagiert dabei auf die Signale des Hormons Leptin, das den Hypothalamus über den Füllungs­zustand des Fettgewebes informiert.

Das Hormon Leptin wurde 1994 von dem Molekulargenetiker Jeffrey Friedman von der Rockefeller University entdeckt. Anfangs bestand die Hoffnung, dass eine Behandlung mit Leptin eine Adipositas lindern kann. Dies funktioniert allerdings nur bei den wenigen Patienten, bei denen ein angeborener Leptinmangel Ursache der Adipositas ist. Die meisten Patienten mit Adipositas produzieren dagegen mehr als genügend Leptin, das aufgrund einer Leptinresistenz jedoch das Körpergewicht nicht normalisiert. Es ist bisher nicht gelungen, auf andere Weise den Regler für das Körpergewicht neu einzustellen.

Das Team um Friedman suchte deshalb nach weiteren Hirnregionen, die die Nahrungsaufnahme beeinflussen. Mit einer neuen Technik suchten die Forscher bei lebenden Mäusen systematisch nach Regionen des Gehirns, in denen es im Fastenzustand und nach der Fütterung zu unterschiedlichen neuronalen Aktivitäten kommt. Sie stießen dabei auf den dorsalen Raphe-Kern oder DRN, einer Region im Hirnstamm in der Nähe der Ventrikel. Im DRN finden sich vier Zelltypen, die die Neurotransmitter Serotonin, Glutamat, GABA und/oder Dopamin produzieren.

Zwei dieser Zellen sind, wie weitere Experimente ergaben, an der Regulierung der Nahrungsaufnahme beteiligt. Neuronen, die GABA freisetzen, erhöhten bei den Tieren die Nahrungsaufnahme. Die Neuronen, die Glutamat freisetzen, senkten dagegen die Nahrungsaufnahme der Tiere. Die Aktivierung der Glutamat-freisetzenden Neuronen führte auch bei adipösen Mäusen zu einer Gewichtsabnahme, selbst wenn bei ihnen eine Leptinresistenz vorlag.

Die Forscher suchten deshalb gezielt nach Wirkstoffen, die die Glutamat-freisetzenden Neurone im dorsalen Raphe-Zentrum aktivieren oder die GABA-Neuronen in ihrer Aktivität blockieren. Vor allem die Blockade der GABA-Neuronen könnte ein viel­versprechender neuer Ansatz in der Behandlung der Adipositas sein. Die Forscher untersuchten diese Zellen genetisch, um Rezeptoren ausfindig zu machen, die sich auf diesen Zellen und sonst möglichst nirgends im Körper finden. Sie Suche war bisher nicht erfolgreich. Es gibt zwar Wirkstoffe, die GABA-freisetzende Neuronen hemmen. Alle haben jedoch zahlreiche Nebenwirkungen, die einen Einsatz selbst in klinischen Studien zu riskant machen würden.

Sollte ein passender Wirkstoff gefunden werden, könnten hunderte von Millionen Menschen weltweit, denen es nicht gelingt, ihre Nahrungsaufnahme auf ein sinnvolles Maß zu drosseln, von den Entdeckungen profitieren. Eine wichtige Erkenntnis der Studie ist, dass der Hirnstamm, der in evolutionärer Sicht älteste Teil des Gehirns, eine wichtige Funktion bei der Nahrungsaufnahme hat. Dies mag im weitesten Sinne erklären, warum es Menschen, die einmal adipös geworden sind, so schwer gelingt, ihr Körpergewicht wieder zu normalisieren.

Depressionen wirken sich bei Jungen und Mädchen unterschiedlich aus

Über die unterschiedliche Ausprägung von Depressionen bei Jungen und Mädchen berichtet eine Arbeitsgruppe der University of Cambridge unter der Leitung von Jie-Yu Chuang. Die Wissenschaftler folgern aus ihrer Studie, dass eine geschlechts­spezifische Behandlung sinnvoll sein könnte. Sie veröffentlichten ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychiatry (2017; doi: 10.3389/fpsyt.2017.00119).

Im Alter von 15 Jahren leiden doppelt so viele Mädchen wie Jungen unter einer Depression. Gründe hierfür könnten das Körperbild, hormonelle Schwankungen und ein höheres erbliches Risiko für eine Depression sein. Der Unterschied liegt jedoch nicht nur in der geschlechterspezifischen Erkrankungshäufigkeit, sondern auch in der Art und Weise, wie eine Depression erlebt wird, wie sie sich manifestiert und welche Konse­quenzen sie hat. Männer seien anfälliger für eine dauerhaft anhaltende Depression, während sie bei Frauen eher episodenhaft auftrete, so die Forscher. Männer hätten außerdem ein höheres Risiko für ernsthafte Konsequenzen wie Substanzmissbrauch und Suizidversuche.

Für ihre Studie rekrutierten die Forscher Jugendliche zwischen elf und 18 Jahren. Sie untersuchten 24 weibliche und zehn männliche gesunde Probanden, sowie 82 Mädchen und 24 Jungen, die unter einer Depression litten. Die Forscher konfrontierten die an Depression leidenden Jugendlichen mit fröhlich und traurig konnotierten Begriffen und  führten währenddessen ein MRT von ihrem Gehirn durch, das ihre jeweilige Hirnaktivität dokumentierte. Anhand dessen konnten die Wissen­schaftler erkennen, dass die Depressionen bei den Betroffenen Aktivitäten in unter­schiedlichen, bereits zuvor mit Depression assoziierten Arealen, provozierten.

Die Autoren berichten, dass die Depression sich je nach Geschlecht unterschiedliche auf das Gehirn von Jungen und Mädchen im jungen Erwachsenenalter auswirkt. Das lasse vermuten, dass jugendliche Jungen und Mädchen Depressionen verschieden erleben und somit auch eine spezifische Therapie von Vorteil für die Betroffenen sein könnte.

Weitere Forschung ist laut Arbeitsgruppe nötig, um die geschlechter­spezifischen Unterschiede besser zu verstehen und um den Zusammenhang zwischen dem Erleben und dem Umgang mit der Depression herauszuarbeiten. Zudem müssten mehr männliche Teilnehmer in künftige Studien eingeschlossen werden.

Insulin wirkt auch beim Menschen direkt auf das neuronale Belohnungssystem

Insulin wirkt direkt auf das neuronale Belohnungssystem im menschlichen Gehirn und verändert die Bewertung von Essensreizen. Bei übergewichtigen Men­schen mit Insulinresistenz arbeitet dieses System aber nicht mehr adäquat. Das berich­ten Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) in der Zeit­schrift Nature Communications (2017; doi: 10.1038/ncomms16052).

An der Studie nahmen 48 normal- und übergewichtige Probanden teil. Ihnen wurde zunächst – jeweils in Form eines Nasensprays – Insulin und an einem weiteren Tag ein Placebo verabreicht. Anschließend mussten alle Teilnehmer Bilder von Lebensmitteln, zum Beispiel Schokoladenriegel, und Gegenständen, zum Beispiel Schmuck, hinsicht­lich ihrer persönlichen Vorlieben bewerten. Während sie das taten, beobachteten die Forscher ihre Hirnaktivitäten mithilfe der funktionellen Kernspintomografie (fMRT).

„Die Hauptergebnisse unserer Studie zeigen, dass Insulin im Gehirn bei Probanden mit normaler Insulin-Sensitivität die Präferenz von Nahrungsmitteln deutlich reduziert und das sogenannte Belohnungssystem hemmt“, erläuterte die Studienleiterin Stefanie Brassen vom Institut für systemische Neurowissenschaften des UKE. Das Hormon reduziere den Belohnungswert insbesondere hochkalorischer Nahrungsmittel und somit die Gefahr des Überessens.

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Bei Studienteilnehmern mit Insulin-Resistenz hat sich dagegen keiner dieser Effekte gezeigt. Insulin-Resistenz ist daher für die Ausprägung von krankhaftem Essverhalten bereits bei nicht diabetischen, jedoch übergewichtigen Menschen von Bedeutung, hieß es aus der Arbeitsgruppe. In nachfolgenden Studien wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie sich die Gewichtsabnahme nach einer dreimonatigen Diät auf die Wirkung des Insulins im Gehirn auswirkt.

Die Studie wurde als Projekt des Sonderforschungsbereichs TR-SFB 134 „Ingestive Behaviour: Homeostasis and Reward“ von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert.

Behandlung gegen Spinnenangst wirkt auch gegen andere Ängste

Spinnen machen vielen Menschen Angst, und wer Angst vor Spinnen hat, fürchtet sich oft auch vor anderen Tieren wie Ratten, Schlangen oder Schaben. Forscherinnen und Forscher der Ruhr-Universität Bochum (RUB) haben nun festgestellt, dass sich der Erfolg einer Behandlung gegen Spinnenangst auch auf andere zuvor furchteinflößende Tiere auswirkt: Personen, die ihre Angst vor Spinnen durch ein Konfrontationstraining reduziert hatten, fürchteten auch Schaben deutlich weniger. Das Team berichtet im Journal „Neuropsychopharmacology“.

Konfrontation ist die beste Strategie

„Befragt man Menschen, denen Spinnen Angst und Ekel einflößen, nach ihrer Angst, schildern sie häufig auch noch weitere Ängste, beispielsweise vor Ratten, Schlangen oder Schaben“, berichtet Prof. Dr. Armin Zlomuzica von der Arbeitseinheit Klinische Psychologie und Psychotherapie der RUB. Die Angst scheint sich also auch auf andere Tiere und Objekte auszuweiten, Experten sprechen von einer Furchtgeneralisierung.
Die erfolgreichste Behandlungsmethode gegen Angsterkrankungen ist die Konfrontationstherapie. Der zentrale Wirkmechanismus dabei ist das Umlernen der Furcht: Personen mit einer Spinnenangst lernen durch die Interaktion mit der Spinne, dass Spinnen nicht gefährlich und keine katastrophalen Konsequenzen zu befürchten sind. Unklar war bislang, inwieweit diese Therapiemethode auch den Umgang mit anderen furchtauslösenden Tieren, mit denen die Personen nicht konfrontiert wurden, beeinflussen kann.

Weniger Angst und Ekel

Um das zu untersuchen, teilten die Forscherinnen und Forscher 47 Personen, die gleichermaßen Angst vor Spinnen als auch vor Schaben hatten, nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein. Eine Gruppe erhielt sofort ein Konfrontationstraining mit Spinnen, die andere musste noch warten. Vor und nach der Behandlung befragten die Forscher die Studienteilnehmer nach ihrer Angst und testeten ihr Verhalten und ihre körperliche Stressreaktion.

Personen der ersten Gruppe berichteten im Anschluss an die Behandlung von weniger Angst und Ekel vor Spinnen im Vergleich zu der Wartekontrollgruppe, die noch keine Behandlung erhalten hatte. „Erstaunlich war, dass diese Gruppe auch von weniger Angst vor Schaben berichtete“, so Friederike Preusser aus dem Forscherteam. Die Angstreduktion zeigte sich auch auf der Verhaltens- und biologischen Ebene: Die Probanden zeigten weniger Abwehr gegenüber Schaben und weniger körperliche Stressreaktionen wie Herzklopfen während der Konfrontation mit den Insekten. „Dieser Effekt trat ein, obwohl Schaben während der Konfrontation nie präsentiert wurden“, sagt Friederike Preusser.

„Dieses Ergebnis legt nahe, dass die Konfrontation bei spezifischer Angst auch im Umgang mit anderen ähnlich angstauslösenden Reizen und Objekten helfen kann“, so Armin Zlomuzica. „Es bleibt abzuwarten, ob man diesen Effekt auch bei anderen Angsterkrankungen beobachten kann.“

Studienteilnehmer gesucht

In weiterführenden Studien wollen die Forscher nun untersuchen, wie man den Prozess der Generalisierung im Rahmen der Konfrontation gezielt verstärken kann. Interessierte, die an ausgeprägter Angst vor Spinnen, Schaben, Schlangen und anderen Tieren und Insekten leiden, können sich unter spinnentraining@rub.de für die Studien registrieren. Das Training ist kostenlos.

Förderung

Die Studie wurde gefördert durch die Forschergruppe FOR 1581 „Extinction Learning“ (TP 9: ZL 59 2/2) der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Originalveröffentlichung

Friederike Preusser, Jürgen Margraf, Armin Zlomuzica: Generalization of extinguished fear to untreated fear stimuli after exposure, in: Neuropsychopharmacology 2017, DOI: 10.1038/npp.2017.119, http://www.nature.com/npp/journal/vaop/ncurrent/abs/npp2017119a.html

Pressekontakt

Prof. Dr. Armin Zlomuzica
Klinische Psychologie und Psychotherapie
Ruhr-Universität Bochum
Tel: 0234 32 22347
E-Mail: armin.zlomuzica@rub.de
Weitere Informationen finden Sie unter
– Originalveröffentlichung

Pilotprojekt für Internetsüchtige zieht positive Zwischenbilanz

Der im vergangenen Jahr gegründete Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige (Oasis) hat eine positive Zwischenbilanz gezogen. Oasis sei mittlerweile bundesweit bekannt, rund 10.000 Betroffene und Angehörige hätten bisher den Selbsttest gemacht, so die Initiatoren.

„Aufgrund der großen Resonanz konnte Oasis bundesweit in den Hilfesystemen und in der Bevölkerung bekannt gemacht werden“, zeigt sich Oberarzt und Oasis-Projektleiter Bert te Wildt erfreut. Er ist Ärztlicher Psychotherapeut und Leiter der Ambulanz der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

Beim Projekt Oasis können sich Interessierte seit September 2016 einem Selbsttest unterziehen und überprüfen, ob möglicherweise eine Internetabhängigkeit besteht. Dabei stellte das Team fest, dass es für männliche Online-Sexsüchtige etwas leichter zu sein scheint, sich zuerst in einer Online-Ambulanz Hilfe zu suchen. Weiterhin zeichne sich ab, dass auf diesem Weg etwas mehr weibliche Betroffene erreicht werden können, die eher unter einer missbräuchlichen Nutzung von sozialen Medien, Gelegenheitsspielen und Video-Streaming leiden als unter einer schweren Sucht mit erheblichen negativen Auswirkungen

„Allerdings sind die Computerspielabhängigen – ähnlich wie in den Klinik-Ambulanzen – am stärksten bei Oasis vertreten“, sagte Laura Bottel, Diplom-Psychologin und eine der Projektverantwortlichen. Überrascht habe sie, dass sich deutlich mehr Betroffene direkt anmelden als Angehörige. „Wir haben in unserer Bochumer Medienambulanz die Erfahrung gemacht, dass die Kontaktanbahnung – wie bei anderen Suchterkrankungen –  häufig über die Angehörigen erfolgt“, erklärte Projektleiter Bert te Wildt.

Dies spreche dafür, dass es Oasis in besonderem Maße gelinge, die Betroffenen tatsächlich dort abzuholen, wo sich nicht nur ihre Sucht, sondern auch die meiste Lebenszeit abspielt. Trotzdem wünscht sich der Leiter der Ambulanz der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum, dass noch mehr Angehörige das Angebot nutzen würden. Denn er stelle immer wieder fest, dass insbesondere Eltern und Lebenspartner die Leidtragenden der Erkrankung ihrer Kinder und Partner sind.

Anleitung zur Selbsthilfe lindert chronisches Erschöpfungssyndrom in Studie

Eine professionelle Anleitung zur Selbsthilfe mit einem Patientenratgeber, der die körperliche Aktivität langsam steigern soll, hat in einer randomisierten Studie die Kernsymptome des chronischen Erschöpfungssyndroms gelindert. Die im Lancet(2017; doi: 10.1016/S0140-6736(16)32589-2) vorgestellte Selbsthilfe basiert auf einem umstrittenen Therapieansatz, der sich in einer früheren Studie bereits als wirksam erwiesen hat.

Die britische PACE-Studie war 2011 zu dem Ergebnis gekommen, dass Physio- und Psychotherapie die Beschwerden des chronischen Erschöpfungssyndroms lindern können, die häufig im Anschluss an einen Infekt zu einer anhaltenden körperlichen und mentalen Erschöpfung führt. Die Behandlung ist dennoch umstritten, da sie nach Ansicht vieler Patienten suggeriert, dass die Erkrankung psychischer Natur ist.

Viele sind überzeugt, an einer organischen Erkrankung, der myalgischen Enzepha­lomyelitis, zu leiden, die körperliche Schonung verlangt, weshalb eine Physiotherapie als potenziell gefährlich eingestuft wird. Entsprechend kontrovers wurden die Ergebnisse der PACE-Studie diskutiert. Das National Institute for Health and Care Excellence (NICE), das in England und Wales festlegt, welche Behandlungen der Nationale Gesundheitsdienst anbietet, betrachtet sie jedoch aufgrund der PACE-Studie als Therapie der Wahl.

Die Behandlung ist jedoch sehr zeit- und personalintensiv. Dies gilt insbesondere für die Physiotherapie. Da die körperliche Belastbarkeit nur langsam und behutsam gesteigert werden kann, sind über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten bis zu 15 Termine bei einem Physiotherapeuten erforderlich, der eine spezielle Schulung zu den Besonderheiten der Erkrankung benötigt. Diese Kompetenz ist nur an wenigen Zentren vorhanden.

In der GETSET-Studie wurde deshalb untersucht, ob die Therapie teilweise in die Eigenverantwortung der Patienten übertragen werden kann. Alle 211 Teilnehmer der Studie, die an zwei Zentren in London und in der Region Kent durchgeführt wurde, erhielten eine spezielle medizinische Grundbetreuung durch einen Arzt, der auf die Behandlung des chronischen Erschöpfungssyndroms spezialisiert ist. Diese Grundbetreuung beschäftigte sich mit der Behandlung von Begleitsymptomen wie Schlaflosigkeit, Schmerzen oder depressiven Verstimmungen. Sie konnte in Rat­schlägen oder in der Verordnung von Medikamenten bestehen.

Einer Hälfte der Patienten wurde zusätzlich eine „Graded exercise therapy“ (GET) angeboten, die anders als in der PACE-Studie nicht durchgängig von einem Physio­therapeuten durchgeführt wurde. Die Patienten sollten das 12-wöchige Programm, das in sechs Stufen die körperliche Aktivität steigert, überwiegend in Eigenregie absol­vieren. Die Unterstützung des Physiotherapeuten beschränkte sich auf maximal vier Beratungen über Telefon oder Skype.

Die Patienten wurden angeleitet, sich eine körperliche Aktivität auszusuchen, die sie in langsam steigender „Dosis“ in ihren Alltag integrierten. Die meisten Teilnehmer entscheiden sich für Gehen oder Wandern. Am Anfang konnte die Aktivität auf einige Minuten beschränkt sein. Wenn ein bestimmtes Level ohne Erschöpfung ertragen wurde, sollte zunächst die Dauer und später auch die Intensität der körperlichen Bewegung langsam gesteigert werden.

Primäre Endpunkte der Studie waren die Erschöpfbarkeit, die mit der Chalder-Fatigue-Skala bestimmt wurde, sowie die körperliche Funktion im SF36-Fragebogen zur Lebensqualität. Wie Lucy Clark vom Wolfson Institute of Preventive Medicine in London und Mitarbeiter berichten, kam es in beiden Endpunkten zu einer signifikanten Verbesserung. Die Erschöpfbarkeit ging in der 33-Punkte Chalder-Skala um 4,2 Punkte (95-Prozent-Konfidenzintervall 2,3-6,1 Punkte) stärker zurück als in der Vergleichsgruppe. Die Effektstärke betrug 0,53, was ein guter Wert ist. Die körperliche Funktion verbesserte sich im SF36-Fragebogen um 6,3 Punkte (1,8-10,8) mehr als in der Kontrollgruppe. Die Effektstärke betrug hier 0,20, was ein relativ geringer Wert ist.

In der Selbsteinschätzung meinten 18 Prozent der Patienten nach Abschluss der 12-wöchigen Studie, dass sie sich „viel besser“ oder „sehr viel besser“ fühlen. In der Kontrollgruppe hatten 5 Prozent diesen Eindruck. In puncto Erschöpfbarkeit sahen 14 Prozent gegenüber 6 Prozent eine positive Veränderung.

Schwerwiegende Nebenwirkungen sind laut Clark nicht auftreten. Nur einer von 97 Teilnehmern in der GET-Gruppe stufte seinen Zustand am Ende als „schlechter“ oder „sehr viel schlechter“ ein im Vergleich zu acht von 101 Patienten in der Kontrollgruppe. Es gab in der GET-Gruppe allerdings mehr Studienabbrecher (10 versus 2 in der Kontrollgruppe), was aber nach Einschätzung von Clark nichts am insgesamt positiven Ergebnis der Studie ändert.

Lernschwäche: Eine von sechs Frauen versucht sich das Leben zu nehmen

Frauen leiden stärker unter einer Lernschwäche als Männer. Fast 17 Prozent versuchen sich das Leben zu nehmen. Bei den Männern sind es mit 7,7 Prozent aber ebenfalls deutlich mehr Suizidversuche als bei jenen ohne Lernschwäche. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der University of Toronto im Journal of Learning Disabilities(2017; DOI: 10.1177/0022219417714776).

Erwachsene, deren Alltag lebenslag durch eine Lernschwäche beeinträchtigt wird, haben eine um 46 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, sich das Leben zu nehmen (11,1 versus 2,7 Prozent). Betroffen sind aber vor allem Frauen. Ohne Lernschwäche lag ihre Wahrscheinlichkeit eines Suizidversuchs mit 3,3 Prozent fast 14 Prozent unter denen mit Lernschwäche. Einen weit geringeren Unterschied beobachteten die Forscher um Esme Fuller-Thomson bei Männern (7,7 versus 2,1 Prozent).

Erwartungsgemäß beeinflusste nicht nur das Geschlecht die Odd-Ratio. Auch das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Gewalt in der Familie, Kindesmiss­brauch, das Haushaltseinkommen, Alkohol- und Drogenabhängigkeit, Angststörungen und Depressionen führten zu einer Reduktion der Odd-Ratio von 2,2 auf 1,46 (46 Prozent). Auffällig war vor allem der negative Einfluss von wiederholter Gewalt in der Familie vor dem 16. Lebensjahr. Dieser Faktor schwächte den Zusammenhang zwischen Lernschwäche und Suizidversuchen am stärksten (Odd-Ratio: 1,57).

Die Studienautoren gehen daher davon aus, dass Lernschwäche und Gewalt in Familien häufig Hand in Hand geht. Kinder, die Gewalt in der Familie bezeugen mussten, selber Opfer waren oder in ihrer Familie sexuell missbraucht wurden, wachsen vermutlich in einer lernunfreundlichen Umgebung auf, spekuliert die Ko-Autorin Samara Caroll: „Die höheren Stresslevel in einem solchen Zuhause könnten das Kind daran hindern, sich zu konzentrieren oder nach Hilfe zu fragen. Andersherum könnten auch die schlechten schulischen Leistungen zu Streit in der Familie führen, was in Gewalt eskalieren könnte.“

Die Daten stammen von fast 22.000 Menschen, die im Jahr 2012 am Canadian Community Health Survey–Mental Health (CCHS-MH) teilnahmen. Darunter litten 745 Menschen an einer Lernschwäche, wie etwa Dyslexie, Dyskalkulie oder Dyspraxie.

Insulinnasenspray könnte helfen, das Essverhalten zu regulieren

Insulin im Gehirn aktiviert bestimmte Hirnregionen und kann so helfen, das Hungergefühl zu regulieren. Darauf deuten Untersuchungen von Forschern des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) aus Tübingen hin. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in Scientific Reports (2017, DOI:  10.1038/s41598-017-01907-w).

Um die Wirkungsweise von Insulin besser zu verstehen, haben Forscher 25 gesunden schlanken, zehn übergewichtigen und 12 adipösen Erwachsenen Insulin oder einen Placebo gegeben. Durch die Applikation des Hormons über ein Nasenspray wird die Bluthirnschranke umgangen und das Insulin gelangt direkt ins Gehirn. Dreißig Minuten nach der intranasalen Insulingabe wurden die Hirnaktivitäten im Magnetresonanz­tomographen untersucht. Weitere eineinhalb Stunden später befragten die Autoren die Teilnehmer nach ihrem subjektiven Hungergefühl, was zu unterschiedlichen Antworten in Abhängigkeit vom Körpergewicht führte.

Das intranasale Insulin verbessert bei allen Studienteilnehmern, vor allem aber bei den Übergewichtigen, die funktionalen Verbindungen in den präfrontalen Regionen des Ruhestandsnetzwerks (Default Mode Network, DMN). Diese Gruppe von Hirnregionen wird aktiviert, wenn der Mensch keinerlei Aufgaben nachgeht und sich stattdessen kognitiven Prozessen widmet, wie Tagträumen oder Zukunftsplänen. Es ermöglicht das reizunabhängige Denken. Darüber hinaus verstärken sich die funktionalen Verbin­dungen zwischen dem DMN und dem Hippocampus sowie dem Hypothalamus – eine homöostatische Region, die im Gehirn unter anderem den Salz- und Wasserhaushalt sowie den Blutdruck reguliert.

Bei einer durch Insulin erhöhten Konnektivität zwischen dem DMN und dem Hippocampus wird diese Verkettung zwischen Fettgewebe und dem subjektiven Hungergefühl unterdrückt.Stephanie Kullmann, Deutsches Zentrum für Diabetesforschung, Tübingen

Die beobachteten Veränderungen im Gehirn beeinflussen somit auch das Essverhalten. Sie bewirken, dass sich die Verbindung zwischen Fettleibigkeit und Hungergefühl ändert. Eigentlich haben Menschen mit viel viszeralem Fettgewebe auch mehr Hunger. In der Studie hatten die Teilnehmer nach intranasaler Insulingabe jedoch weniger Hunger. „Bei einer durch Insulin erhöhten Konnektivität zwischen dem DMN und dem Hippocampus wird diese Verkettung zwischen Fettgewebe und dem subjektiven Hungergefühl unterdrückt“, erläutert Stephanie Kullmann, Autorin der Studie.

Verbesserte Insulin-Empfindlichkeit durch intranasales Insulin

Außerdem beobachteten die Wissenschaftler, dass Insulin im Gehirn auch die Wirkung des Hormons im Körper verbessert. Studienteilnehmer mit einer durch Insulin induzierten erhöhten funktionalen Konnektivität im DMN weisen im Körper eine höhere Insulin-Empfindlichkeit auf. Das wirkt Adipositas und Typ-2-Diabetes entgegen.
Die aktuellen Ergebnisse zeigen, dass Insulin im Gehirn durch eine verbesserte funktionelle Verbindung zwischen kognitiven und homöostatischen Regionen im Hirn vielleicht helfen kann, das Essenverhalten zu regulieren und abzunehmen.