Pregabalin: Studie sieht erhöhte Suizidalität und Gewaltprobleme bei jüngeren Patienten

Die Verordnung der Antiepileptika Gabapentin und Pregabalin an jüngere Patienten ist in Schweden mit einer erhöhten Zahl von Suiziden, Überdosierungen, Kopf-/Körperverletzungen sowie Unfällen und Verstößen im Straßenverkehr verbunden. Dies ist das Ergebnis einer bevölkerungsbasierten Kohortenstudie im britischen Ärzteblatt (BMJ 2019; 365: l2147), wobei die Probleme überwiegend mit Pregabalin assoziiert waren.

Die Gabapentinoide Gabapentin und Pregabalin haben neben antikonvulsiven auch analgetische und anxiolytische Wirkungen. Die ursprünglich als Antiepileptika entwickelten Wirkstoffe sind heute auch zur Behandlung neuropathischer Schmerzen zugelassen. Pregabalin darf auch zur Behandlung von Angststörungen bei Erwachsenen eingesetzt werden. Hinzu kommt ein breiter „off-label“-Einsatz bei verschiedenen Störungen, ohne den der Anstieg der Verordnungen nicht erklärbar ist, zu dem es in den letzten Jahren gekommen ist. Die beiden Gabapentinoide gehören weltweit zu den 15 umsatzstärksten Medikamenten. Aufgrund seiner in hoher Dosis euphorisierenden Wirkung ist vor allem Pregabalin unter Drogenkonsumenten beliebt.

Die Nebenwirkungen der beiden Gabapentinoide gehen möglicherweise über das hinaus, was in den Fachinformationen erwähnt wird. Ein Team um Seena Fazel von der Universität Oxford kann jetzt zeigen, dass von den 191.973 Schweden, denen in den Jahren 2006 bis 2013 Gabapentin oder Pregabalin verordnet wurde, 10.026 (5,2 %) an einem Suizid gestorben sind oder wegen eines Selbstmordversuchs in der Klinik behandelt wurden, 17.144 (8,9 %) wurden wegen Überdosierungen von Drogen oder Medikamenten in Notfallambulanzen behandelt, 12.070 (6,3 %) waren in Verkehrsunfälle oder -delikte involviert, 70.522 (36,7 %) wurden wegen Kopf-/Körperverletzungen behandelt und 7.984 (4,1 %) wurden wegen eines Gewaltverbrechens festgenommen. Das ist sicherlich mehr, als im Durchschnitt der schwedischen Bevölkerung zu erwarten ist.

Könnte die Einnahme der Gabapentinoide für diesen Anstieg von Suizidalität und Gewaltbereitschaft mitverantwortlich sein? Zu den häufigen Nebenwirkungen gehören neben Benommenheit und Schläfrigkeit auch Koordinationsstörungen, Aufmerksamkeits­störungen sowie kognitive Beeinträchtigung und suizidale Gedanken.

Um die Frage zu klären, hat Fazel bei den einzelnen Patienten die Zeiten, in denen sie die Medikamente eingenommen haben, mit den Zeiten verglichen, in denen sie kein Rezept erhalten hatten. Dieser interpersonelle Vergleich vermeidet viele Verzerrungen, die bei epidemiologischen Studien leicht auftreten können.

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Die Analyse ergab, dass es während der Gabapentinoid-Behandlung zu 26 % häufiger zur Suizidalität, zu 24 %häufiger zu unbeabsichtigten Überdosierungen, zu 22 % häufiger zu Kopf-/Körperverletzungen und zu 13 %häufiger zu Vorfällen und Straftaten im Straßenverkehr kam. Nur ein Anstieg von Gewaltverbrechen ließ sich nicht eindeutig nachweisen.

Die Probleme scheinen weitgehend auf Pregabalin beschränkt zu sein. Für Gabapentin waren die Hazard Ratios in allen Endpunkten niedriger und nur bei Kopf-/Körper­verletzungen signifikant.

Ein entscheidender Faktor könnte das Alter der Patienten sein. Betroffen von den negativen Folgen waren vor allem jüngere Patienten. Die Hazard Ratios waren bei den 15- bis 24-Jährigen am höchsten und nahmen in höheren Altersgruppen kontinuierlich ab. 

Wissenschaftler stellen Test für Computerspielsucht vor

Einen Test zur epidemiologischen Erfassung von Computerspielsucht, auch „Gaming Disorder“ genannt, haben Wissenschaftler der Universität Ulm um Christian Montag veröffentlicht. Parallel zu ihrer Veröffentlichung im Fachjournal International Journal of Mental Health and Addiction (2019; doi:10.1007/s11469-019-00088-z) machen die Forschenden den „Gaming Disorder Test“ im Internet auch in deutscher Sprache öffentlich zugänglich.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation WHO hat die Diagnose „Gaming Disorder“ in den neuen Krankheitskatalog ICD-11 aufgenommen, den die Weltgesundheitsver­samm­lung im Mai in Genf beschlossen hat. 

Wer sein Gamingverhalten nicht mehr kontrollieren kann, dem Computerspiel Priorität gegenüber anderen Aktivitäten einräumt und an diesem Verhalten trotz negativer Kon­sequenzen nichts ändert, könnte gemäß WHO-Definition unter Computerspiel­sucht lei­den. Laut der WHO kann jedoch erst von Computerspielsucht ausgegangen wer­den, wenn Betroffene dieses Verhaltensmuster über mindestens 12 Monate zeigen und es zu schweren Beeinträchtigungen des Familienlebens, der Ausbildung oder der Arbeitsleistung kommt. 

Der neue Onlinefragebogen orientiert sich an den Kriterien der WHO und erfasst Gamingaktivitäten der vergangenen 12 Monate bis zum Tag der Erhebung auf einer Skala von 1 bis 5. Ziel des psychometrischen Instruments ist laut den Forschern we­niger die Diagnose als die Erforschung von Auswirkungen des exzessiven Spielens. Studienteilteilnehmer erfahren daher lediglich, ob ihre Ergebnisse im Vergleich mit allen Probanden eine Tendenz zur „Gaming Disorder aufweisen.

„Exzessives Videospielen ist schon heute ein ernst zu nehmendes Gesundheitsrisiko in asiatischen Ländern und ein aufkommendes Problem in Europa. Um große, inter­nationale Studien durchführen zu können, haben wir das neue Instrument kulturüber­greifend konzipiert und in China sowie Großbritannien getestet“, erläuterte Christian Montag, Heisenberg-Professor sowie Leiter der Abteilung für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm.

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Die Stichprobe umfasste 236 junge Chinesen, die an einer Universität in Beijing stu­dierten, sowie 324 britische Studierende aus dem Großraum London und aus den East Midlands. Das Durchschnittsalter betrug 23 Jahre. Ausschlusskriterium für die Teilnahme an der Onlinebefragung war die Angabe, in den letzten 12 Monaten kein Videospiel gespielt zu haben.

Nach Abschluss der Erhebung haben die Forscher überprüft, ob sich das Instrument zur Messung der Computerspielsucht eignet („Validität“) und ob es das Konstrukt zu­verlässig misst („Reliabilität“). 

Zudem konnten sie erste Rückschlüsse auf das Gamingverhalten der untersuchten chinesischen und britischen Studierenden ziehen. So unterschied sich das Vorkomm­en der Computerspielsucht nach WHO-Kriterien zwischen beiden nationalen Gruppen nicht signifikant. Im Mittel gaben die Studierenden an, 12 Stunden in der Woche zu spielen.

Dabei verbringen sie fast die Hälfte dieser Zeit (46 %) am Wochenende alleine vor dem Computer oder sonstigen mobilen Endgeräten. 36 Teilnehmende (6,4 %) berichteten von großen Problemen im Alltag aufgrund ihres Spielverhaltens und könnten somit die Diagnosekriterien der WHO erfüllen. 

Künstliches Licht in der Nacht könnte Adipositasrisiko erhöhen

Frauen, die nachts künstlichen Lichtquellen ausgesetzt waren, nahmen in einer prospektiven Beobachtungsstudie in JAMA Internal Medicine (2019; doi: 10.1001/jamainternmed.2019.0571) häufiger an Gewicht zu.

Die „Lichtverschmutzung“ hat weltweit zugenommen. Vor allem in Großstädten finden viele Bewohner auch nachts keine dunklen Räume. Die Schlafzimmer werden dabei keineswegs nur von Straßenverkehr, Laternen oder Leuchtreklamen erhellt. Viele Menschen haben in ihren Schlafzimmern künstliche Lichtquellen. Das kann die Uhr am Radiowecker oder ein Nachtlicht sein. Einige Menschen lassen nachts die Deckenlampe an oder sogar den Fernseher laufen.

Tierexperimentelle Studien zeigen, dass nächtliches Licht die Melatoninbildung vermindert und den Tag-Nacht-Rhythmus stört. Zu den möglichen Folgen gehört eine Zunahme des Körpergewichts.

Yong-Moon Mark Park vom National Institute of Environmental Health Sciences in Research Triangle Park/North Carolina hat hierzu die Daten der Sister Study ausgewertet. Die 43.722 US-Amerikanerinnen im Alter von 35 bis 74 Jahren waren unter anderem gefragt worden, ob sie nachts Lichtquellen ausgesetzt sind. Die Antworten wurden dann mit der Gewichtsentwicklung in den folgenden 5,7 Jahren in Beziehung gesetzt.

Weniger als 20 % der Frauen gaben an, dass sie nachts im völligen Dunkeln schlafen. Bei etwa 40 % leuchtete wenigstens ein Nachtlicht, bei etwa 30 % drang von außen Licht in das Schlafzimmer, die übrigen 10 % ließen nachts Deckenlampe oder Fernsehen an.

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Ein kleines Nachtlicht, etwa die Lampe am Radiowecker, hatte keinen Einfluss auf die Gewichtsentwicklung, auch für die Lichtexposition von außen ließ sich kein eindeutiges Risiko nachweisen. Doch die  Helligkeit durch Deckenlampe oder Fernseher hatte zu 17 % häufiger zu einer Gewichtszunahme um mindestens 5 Kilo geführt als bei den Frauen, die nachts im Dunklen schliefen (relatives Risiko 1,17; 95-%-Konfidenzintervall 1,08-1,27). Und der BMI war zu 13 % um mindestens 10 % gestiegen (relatives Risiko 1,13; 1,02-1,26).

Das gestiegene Risiko ließ sich nicht durch Schlafmangel oder andere Faktoren erklären, zu denen die Teilnehmerinnen der Sister Study ausführlich befragt wurden. Epidemiologische Studien können jedoch niemals alle Aspekte der Lebensführung erfassen und es bleibt möglich, dass die Angewohnheit, nachts im Hellen zu schlafen, nur ein Marker für andere Gesundheitsrisiken ist. Der Mensch ist jedoch genetisch auf den natürlichen Wechsel von Helligkeit am Tag und Dunkelheit in der Nacht angepasst. Wird dieser Zyklus gestört, muss nach Ansicht von Park mit negativen Folgen für die Gesundheit gerechnet werden. 

Videospielende Kinder und Jugendliche sind nicht dicker

Das Klischee vom übergewichtigen Computerspielenerd könnte der Realität entsprechen – aber nur im geringen Maß und auch nur bei Er­wachsenen und nicht bei Kindern und Jugendlichen. Das zeigen Forscher der Univer­sität Würzburg, der Universität Linz und dem Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg in einer Metastudie, die in Social Science and Medicine erschienen ist (2019; doi: 10.1016/j.socscimed.2019.05.030).

Insgesamt wurden 20 Studien mit mehr als 38.000 Teilnehmern ausgewertet. Der Zu­sammenhang zwischen Videospielen und Übergewicht beziehungsweise Körper­mas­se zeigt sich aber nur in geringem Umfang. Lediglich 1 % des individuellen Überge­wichts kann demnach durch die Zeit mit Videospielen erklärt werden.

Der Zusammenhang konnte auch nur bei Erwachsenen nachgewiesen werden. Die Studienlage bei Kindern und Jugendlichen widerspreche dem Stereotyp, erklärte Mar­kus Appel, Kommunikationspsychologe an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg.

„Es ist möglich, dass es sich um kumulierte Effekte handelt“, sagte Erstautorin Caro­line Marker. Mechanismen, die zu Gewichtszunahme führen, wirkten eher über länge­re Zeiträume. Eventuell hätten Erwachsene über die Jahre mehr Zeit mit Videospielen verbracht als Jugendliche, die sich oft nur vorübergehend intensiv mit Videospielen beschäftigten.

Über 34 Millionen Gamer gibt es laut Bundesverband Game in Deutschland. Sie zocken auf Smartphones und Tablets, PCs und Spielekonsolen. Gleichzeitig sind viele Bundesbürger übergewichtig – nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung 59 % der Männer und 37 % der Frauen.

Studien zeigen, dass Fernseh-Sofahocker durchaus ordentlich Gewicht zulegen können. Auf die Frage, warum das bei Gamern nicht so ist, liefert die neue Meta­analy­se keine eindeutige Antwort. Die Autoren haben mehrere mögliche Erklärungen: Zum einen verbrauche Spielen trotz des Sitzens mehr Energie als Fernsehen. Zum ande­ren sei Knabbern beim Fernsehen einfacher als beim Zocken. Außerdem könne TV-Werbung zu kalorienreichen Speisen verführen.

Zudem hatte kürzlich die MoMo-Studie (Motorik-Modul) in Deutschland ergeben, dass daddelnde Kinder sich nicht unbedingt weniger bewegen. Allerdings bewegen sich Kinder und Jugendliche demnach allgemein immer weniger. Die körperliche Alltags­aktivität in der Gruppe der 4- bis 17-Jährigen sank der Untersuchung zufolge in den vergangenen 12 Jahren um mehr als ein Drittel (37 %).

Weniger Zeit beim Sport

Eine weitere Korrelation könnte den beobachteten Zusammenhang erklären: „Wir haben einen signifikanten indirekten Effekt gefunden, der zeigt, dass Menschen, die mehr Zeit mit Videospielen verbringen auch weniger Zeit mit Sport verbringen und daher ein höheres Körpergewicht haben“, schreiben die Autoren. Andere Faktoren, wie zum Beispiel eine ungesunde Ernährung vor der Spielekonsole oder Schlafman­gel, konnten aufgrund zu weniger Studien nicht überprüft werden.

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Für die Studie betrachteten die Wissenschaftler nur Spiele, bei denen Menschen sit­zen und Knöpfe drücken. Aktive Spiele mit größeren Bewegungen, wie etwa Wii-Sports oder Pokémon Go, können anderen Untersuchungen zufolge sogar Überge­wicht vorbeugen. Laut einer Metaanalyse aus dem Jahr 2015 können sie für die Ge­sundheit von Kindern und Jugendlichen genauso förderlich sein wie Bewegung im Freien.

In der Vergangenheit haben sich schon einige Forscher mit der Frage beschäftigt, inwiefern Videospiele und Übergewicht zusammenhängen. „Übergewicht und Fett­lei­bigkeit werden meist mit Medienkonsum im Sitzen verbunden, wie Fernsehen oder nichtaktive Videospiele“, schreibt das Forscherteam. Doch die einzelnen Untersuchun­gen kamen bislang zu unterschiedlichen Ergebnissen. 

Wie lange sollte eine Psychotherapie dauern?

Ist länger immer besser? Forscher haben untersucht, ab wie vielen Therapiestunden Patienten kaum noch Fortschritte erzielen.

Wie lange sollte eine Psychotherapie dauern? Eine für jeden Patienten gültige Antwort kann es offenkundig nicht geben. Psychologen um Louisa Robinson von der University of Sheffield untersuchten nun aber die Frage, nach welcher Dauer im Durchschnitt der Punkt erreicht ist, an dem eine längere Behandlung keinen nennenswerten zusätzlichen Nutzen mehr bringt.

Für ihre Übersichtsarbeit werteten die Forscher 26 bereits erschienene Studien neu aus. Diese hatten jeweils die Dosis-Wirkungs-Beziehung für verschiedene Arten von Psychotherapie untersucht, darunter psychodynamische Therapie, kognitive Verhaltenstherapie und integrative Verfahren. Die Behandlungen fanden in Einrichtungen wie Ambulanzen, Tageskliniken und Hausarztpraxen statt.

Über alle Einzelstudien hinweg zeichnete sich ab, dass die optimale Dauer einer Psychotherapie zwischen 4 und 24 Sitzungen lag. Nach dieser Zeit war bei mindestens der Hälfte der Patienten eine deutliche Verbesserung der Symptome eingetreten. Darüber hinausgehende Therapiesitzungen führten dagegen kaum noch zu relevanten Fortschritten.

Die Spanne ergebe sich daraus, dass Menschen unterschiedlich gut auf Psychotherapie ansprechen, schreiben die Forscher: Manchen Betroffenen gehe es schon nach vier Sitzungen spürbar besser. Patienten mit so genannter »allmählicher Reaktion« bräuchten dagegen eher mehr Stunden. Es gebe aber insgesamt nur »geringe Evidenz« dafür, dass Langzeittherapien von über 30 Sitzungen sinnvoll seien, so Robinson und ihre Kollegen. Das gelte jedoch ausdrücklich nicht für besonders schwere oder chronisch bestehende seelische Probleme wie beispielsweise Persönlichkeitsstörungen.

Therapy conversation with the psychologist

Wo Erinnerungen von Angst im Gehirn verortet sind

Erinnerungen werden auch im Hypothalamus, einer evolu­tionär alten Hirnregion, langfristig abgebildet. Das berichtet ein internationales For­scherteam in der Fachzeitschrift Neuron (2019; doi: 10.1016/j.neuron.2019.04.029). Bisher war man davon ausgegangen, dass Erinnerungen im Hippocampus entstehen und später im Cortex gespeichert werden.

Die Forscher konzentrierten sich bei ihrer Arbeit auf Angsterinnerungen. Sie hoffen auf neue Therapieansätze für Menschen mit allgemeinen Angstzuständen und mit post­traumatischen Belastungsstörungen.

Die Wissenschaftler untersuchten im Tiermodell Neuronen, die das Hormon Oxytocin produzieren. Oxytocin ist ein Botenstoff, der verschiedene emotionale Gehirnfunktio­nen steuert, einschließlich der Angst.

Sie schleusten dafür genetische Schalter in die Zellen im Hypothalamus ein, um die bei einem Angstempfinden aktivierten Oxytocin-Neuronen selektiv zu markieren. Diese markierten Zellen konnten in Versuchen mit Ratten dann durch die Stimulation mit Blaulicht aktiviert oder durch Zugabe einer synthetischen Chemikalie stummge­schaltet werden.

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Sie setzten die Schalter dann in Experimenten mit Ratten ein. Zunächst lernten die Tiere, sich in einer gefährlichen Umgebung nicht zu bewegen. Wenn die Forscher die markierten Zellen aktivierten, bewegten sich die Tiere in dieser Umgebung doch. Sobald das blaue Licht wieder ausgeschaltet wurde, kehrte die Angst zurück und die Tiere verharrten wieder regunglos.

„Auf diese Weise konnten wir zeigen, dass die markierten Zellen das Wissen über die Angst enthalten“, erläuterte Valery Grinevich, Leiter der Abteilung Neuropeptidfor­schung in der Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mann­heim. Die Forscher fanden außerdem heraus, dass derselbe Schaltkreis auch erfor­derlich ist, um die Angstgedächtnisse wieder zu löschen.

„Durch das Verständnis der anatomischen und funktionellen Angstschaltungen sollte es möglich sein, innovative Strategien zur Behandlung von psychischen Erkrankungen des Menschen zu entwickeln“, berichten die Forscher.

Meditation kann auch negative Auswirkungen haben

Mehr als ein Viertel der Menschen, die regelmäßig meditieren, haben bereits unangenehme Erfahrungen dabei gemacht. Das ergab eine Onlineumfrage von etwa 1.230 Menschen, die in Plos Oneveröffentlicht wurde (2019; doi: 10.1371/journal.pone.0216643). Die Studienteilnehmer berichteten unter anderem von Angstgefühlen sowie verzerrten Emotionen und Gedanken.

Die Autoren hatten sie gefragt, ob sie jemals besonders unangenehme Erfahrungen gemacht hätten, die durch eine Meditationspraxis verursacht worden sein könnten. Als Beispiel wurden Angst, Sorgen, verzerrte Emotionen oder Gedanken sowie ein verändertes Selbst- oder Weltgefühl vorgegeben. Teilnehmer, die ausschließlich dekonstruktive Meditationen (29,2 % versus 20,3 %), wie etwa Vipassana oder Koan praktizieren, und diejenigen, die schon mal an einem Meditationsretreat teilgenommen hatten (29 % versus 19,6 %), berichteten eher über unangenehme meditationsbezogene Erfahrungen.

Meditationstechniken

  • Aufmerksamkeitspraxis (Attentional practices)

zum Beispiel: achtsames Atmen, Visualisierung oder Mantrarezitation, Kirtan-kriya-Meditation, transzendale Meditation, Achtsamkeitsmeditation

  • Dekonstruktive Praxis

zum Beispiel: Vipassana/Einsichtsmeditation, Mahamudra (Tibetisch), Dzogchen (Tibetisch), Shikantaza (Zen), Self-inquiry (Advaita Vedanta), Koan (Zen)

  • Konstruktive Praxis 

zum Beispiel: Lovingkindness-Meditation/Metta oder Mitgefühl-Meditation/Karuna

Es zeigte sich zudem, dass mehr männliche Teilnehmer (28,5 %) negative Erlebnisse hatten als weibliche Teilnehmer (23 %). Auch die Religiosität machte einen Unterschied: Religiöse Menschen berichteten seltener als der Durchschnitt über schlechte Erfahrungen beim Meditieren als nicht religiöse Menschen (30,6 % versus 22 %).

In ihrer Auswertung unterteilen die Autoren die Meditationstechniken in konstruktive (englisch: constructive) Meditationen und dekonstruktive (englisch: deconstructive) Meditationen (siehe Kasten). „Deutsche Übersetzungen dieser englischen Fachbegriffe wurden noch nicht publiziert“, erklärt Terje Sparby, Co-Autor der Studie von der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke. Die dekonstruktive Meditationstechnik sei im Sinne von „zerlegend oder analytisch“ zu verstehen. Die konstruktive Technik stehe für eine aufbauende Meditation. Beide Fälle unterscheiden sich von den Aufmerksamkeitspraxen, sagt Sparby dem Deutschen Ärzteblatt.

Aufmerksamkeitspraxen trainieren in erster Linie die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf Phänomene zu lenken, ohne von ihnen absorbiert zu werden (zum Beispiel die Achtsamkeit der Atmung). Ziel der Vipassana-Technik ist es, verfestigte Sichtweisen und Glaubenssysteme zu schwächen und aufzulösen, inklusive der Vorstellung eines permanenten, unabhängigen „Ichs“. „Diese Meditationstechniken fordern somit selbst scheinbar offensichtliche Wahrnehmungen heraus, indem sie Meditierende, zum Beispiel, auf die Vergänglichkeit und Nicht-Zufriedenstellbarkeit von Phänomenen weisen“, erklärt der Philosoph und Meditationsforscher Sparby.

Diese Meditationstechniken fordern somit selbst scheinbar offensichtliche Wahrnehmungen heraus, indem sie Meditierende, zum Beispiel, auf die Vergänglichkeit und Nicht-Zufriedenstellbarkeit von Phänomenen weisen.Terje Sparby, Universität Witten/Herdecke

Wann und wie Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Meditation auftreten, sei bisher kaum bekannt, sagt Erstautor Marco Schlosser vom University College London und erklärt: „Diese Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, das öffentliche und wissen­schaftliche Verständnis der Meditation über das einer gesundheitsfördernden Technik hinaus zu erweitern.“

Auslöser der Studie, die mit Forschern der Universität Witten/Herdecke und der Universität Ljubljana, Slowenien, durchgeführt wurde, ist eine begrenzte, aber wachsende Anzahl von Forschungsberichten und Fallstudien, die darauf hindeuten, dass psychologisch unangenehme Erfahrungen während der meditativen Praxis auftreten können. Auch einige traditionelle buddhistische Texte verweisen auf lebhafte Berichte über negative Erfahrungen. Über die Prävalenz dieser Erfahrungen ist jedoch nur sehr wenig bekannt.

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„Längsschnittstudien werden helfen zu erfahren, wann, für wen und unter welchen Umständen diese unangenehmen Erfahrungen entstehen und ob sie langfristige Auswirkungen haben können. Diese zukünftige Forschung könnte klinische Richtlinien, Achtsamkeitshandbücher und die Ausbildung von Meditationslehrern betreffen.“ 

Zahl der Menschen mit drittem Geschlecht geringer als angenommen

Deutlich weniger Menschen als bisher angenommen definieren sich in Deutschland weder als Mann noch als Frau. Wie die Zeit jetzt berichtete, handelt es sich lediglich um einige hundert Personen hierzulande.

Die Wochenzeitung beruft sich auf eine eigene Umfrage bei den Standesämtern der elf größten deutschen Städte. Diese habe ergeben, dass bislang lediglich 20 Personen bean­tragt haben, ihren Geschlechtseintrag auf „divers“ ändern zu lassen (Stand Mitte April 2019).

Rechne man die Zahlen, die von ähnlichen Umfragen der vergangenen Wochen bestätigt würden, auf ganz Deutschland hoch, seien es rund 150 Fälle, schreibt die Zeit. Eltern me­dizinisch intersexueller Neugeborener, die ihr Kind als „divers“ eintragen ließen, gibt es in den befragten Städten laut Umfrage bislang keine, heißt es weiter.

Auch im Rahmen der Studie eines europäischen Forscherkonsortiums (DSD-Life) unter Personen mit einem intersexuellen Syndrom bezeichneten sich von 1.040 Befragten nur zwölf selbst als „intersexuell“, die übergroße Mehrheit kreuzte als Geschlecht „männlich“ oder „weiblich“ an. „Menschen mit einer Besonderheit der Geschlechtsentwicklung ord­nen sich fast immer einem der beiden Geschlechter zu“, sagte Olaf Hiort, Intersexualitäts­experte an der Universitätsklinik Lübeck.

Das Bundesverfassungsgericht ging der Zeit zu­folge in seinem Inter­sexualität-Urteil 2017, bei dem die Richter einen dritten Geschlechts­eintrag im Behör­denregister gefordert hatten, noch von bis zu 160.000 Betroffenen aus.

Seitdem gebe es die Diskussion, in­wie­fern man die Interessen zwischengeschlechtlicher Menschen auch in anderen Bereichen berücksichtigen soll, zum Beispiel mit neuen öffent­lichen Toiletten, bei Bewerbungen oder mit neuen Sprachformen wie dem Gender-Sternchen (bspw. „Kolleg*innen“), schreibt die Zeitung. 

Depressionen: Wie Ketamin im Gehirn wirkt

Die erstaunliche antidepressive Wirkung des Anästhetikums Ketamin, dessen Enantiomer Esketamin kürzlich in dieser Indikation in den USA zugelassen wurde, könnte auf der Wiederherstellung von Synapsen im medialen präfrontalen Cortex beruhen, dem Entscheidungszentrum des Gehirns. Dies legen tierexperimentelle Studien in Science (2019: 364: eaat8078) nahe.

Ein wichtiger Auslöser von Depressionen ist chronischer Stress. Dieser kann im Tierver­such durch die Gabe des Stresshormons Cortison im Trinkwasser ausgelöst werden – wie auch Depressionen zu den Nebenwirkungen einer Steroidtherapie gehören. Eine weitere Methode, Depressionen bei Mäusen zu erzeugen, besteht darin, die Tiere über mehrere Tage in einem kleinen Käfig von anderen Tieren zu isolieren.

Die Folgen lassen sich bei den Mäusen mit neuen Untersuchungsmethoden „live“ im Ge­hirn beobachten. Danach entstehen Depressionen im medialen präfrontalen Cortex. Dort kommt es nach der Steroidgabe zu einem Rückgang in der Zahl der Dornenfortsätze („Spines“) an den Dendriten der Nervenzellen. Auf vielen Spines befinden sich Synapsen, über die Nervenzellen mit einander verknüpft sind. Die Folge von Stress ist deshalb eine verminderte Konnektivität im Stirnhirn.

Die Experimente, die ein Team um Conor Liston vom Weill Cornell Medical College in New York City durchgeführt hat, zeigen nun, dass es nach einmaliger Gabe von Ketamin zur Erneuerung alter Spines und zur Bildung zusätzlicher Spines kommt, die die Konnek­tivität im medialen präfrontalen Cortex wieder herstellen. Das Auftreten der neuen Spi­nes korrelierte mit der langdauernden Wirkung von Ketamin, die auch in klinischen Stu­dien nach Gabe von Esketamin beobachtet wurde. In einem Experiment, in dem die Neu­bildung von Spines verhindert wurde, blieb die antidepressive Wirkung von Ketamin bei den Mäusen aus.

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Die Befunde liefern damit eine mögliche Erklärung für die anhaltende Wirkung von Keta­min. Die Bildung neuer Spines war allerdings erst nach 12 bis 24 Stunden nachweisbar. Die Wirkung von Ketamin setzt früher ein, weshalb sie andere Ursachen haben muss. Die Forscher konnten in einem weiteren Experiment nachweisen, dass es schon drei bis sechs Stunden nach der Behandlung im medialen präfrontalen Cortex zu einem Anstieg der funktionalen Konnektivität kommt, die bei den Tieren mit der Abnahme von depressiven Verhaltensweisen korrelierte.

Die Neubildung von Spines nach der Gabe von Ketamin war bei den Versuchstieren nicht von Dauer. Dies entspricht der Erfahrung mit der Ketamintherapie, die Depressionen zwar über längere Zeit lindern, aber nicht ausheilen kann.

Interessant ist, dass die Entdeckung neuer Medikamente häufig die Vorstellungen von der Pathogenese einer Erkrankung verändern. Nach der Entdeckung der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, die die Konzentration von Serotonin erhöhen, wurde die Ursa­che der Depression in einer gestörten Freisetzung dieses Neurotransmitters vermutet. Mit der Entdeckung der Ketamin-Wirkung verschieben sich die Erklärungsversuche für die Depression auf die Ebene der Spines an den Dendriten der Nervenzellen. 

Neue Psychotherapie für Jugendliche mit Gewalterfahrungen: Studie belegt Wirksamkeit

Ein Forscherteam der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) hat nachgewiesen, dass eine neue Form der Psychotherapie für Jugendliche mit Gewalterfahrungen geeignet ist, um die psychische Belastung dieser Patientinnen und Patienten effektiv zu reduzieren. Unter der Leitung von Prof. Dr. Rita Rosner (Inhaberin des Lehrstuhls für Klinische und Biologische Psychologie) wurde die Wirksamkeit über vier Jahre hinweg in einer bundesweiten Studie überprüft, die das Bundesforschungsministerium förderte.
Die ersten Ergebnisse wurden nun in „JAMA Psychiatry“, einer Zeitschrift der „American Medical Association“, veröffentlicht. Diese zählt weltweit zu den renommiertesten psychiatrischen Fachzeitschriften.

Sexueller und körperlicher Missbrauch an Kindern und Jugendlichen sind leider ein weit verbreitetes Phänomen – etwa 4 bis 16 % der Kinder erleben in westlichen Ländern körperliche Misshandlungen, bei sexuellem Missbrauch liegen diese Zahlen zwischen 5 und 10 %. „Die Auswirkungen dieser negativen Kindheitserlebnisse sind alarmierend – neben Einschränkungen in vielen Lebensbereichen haben Betroffene auch ein erhöhtes Risiko an einer psychischen Störung zu erkranken, insbesondere an der sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung. Diese psychische Erkrankung führt zu Einschränkungen in vielen Lebensbereichen“, erklärt Professorin Rosner. Traumatisierte Menschen zeigen Symptome wie wiederkehrende Erinnerungen, Ängste, Schlafstörungen oder Reizbarkeit. Häufig werden Dinge und Situationen vermieden, die an das belastende Ereignis erinnern. Das alles kann zu einer deutlichen Beeinträchtigung im Alltag führen. Eine frühe Behandlung kann jedoch helfen, Langzeitfolgen zu verhindern.

Bisher gab es nur für Kinder oder Erwachsene überprüfte Behandlungsverfahren – für die Altersgruppe dazwischen, Jugendliche und junge Erwachsene, existierten nur wenige Therapieansätze, deren Wirksamkeit in Studien bestätigt wurde. Das Team um Professorin Rosner, hat in den letzten Jahren daran gearbeitet, diese Lücke zu schließen. In einer großen Studie mit Behandlungsstandorten in Berlin, Frankfurt und Ingolstadt wurde eine speziell an die Bedürfnisse von Jugendlichen angepasste Therapie überprüft. Die Behandlung beruht auf einem Ansatz der kognitiven Verhaltenstherapie, die von der Amerikanerin Patricia Resick entwickelt wurde. Für Erwachsene hat sich diese Therapieform bereits als sehr erfolgreich herausgestellt. Mit 30 bis 36 Sitzungen verteilt über ein halbes Jahr handelt es sich um eine vergleichsweise kurze Psychotherapie.

In der Studie erhielten die Patientinnen und Patienten zufällig entweder die neue Psychotherapie oder wurden einer Kontrollgruppe zugewiesen, wo sie in die aktuell übliche Versorgung in Deutschland vermittelt wurden – für rund die Hälfte der Kontrollgruppe bedeutete dies zunächst das Warten auf einen Platz für eine herkömmliche Therapie. Der Kontrollgruppe wurde aber nach Abschluss der Studie die Möglichkeit gegeben, ebenfalls mit der neuen Therapie behandelt zu werden. Nach Ende der Therapie bzw. Wartezeit wurden die beiden Gruppen hinsichtlich ihrer psychischen Belastung verglichen. Es zeigte sich, dass die Gruppe, die die neue Therapie bekam, nach Behandlungsende deutlich weniger Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung aufwies als die Kontrollgruppe. Aber auch andere psychische Erkrankungen, wie depressive Symptome oder Anzeichen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, gingen bei der behandelten Gruppe stärker zurück. Auch drei Monate nach Therapieende konnten diese Unterschiede beobachtet werden.

Die erfolgreiche Überprüfung der neuen Therapieform stellt einen wichtigen Schritt in der Verbesserung der Behandlungssituation von traumatisierten Jugendlichen dar. „Unsere Ergebnisse zeigen eindrücklich, wie sehr das psychische Befinden von Jugendlichen nach Gewalterfahrungen mit einer relativ kurzen Therapie verbessert werden kann“, so Studienleiterin Prof. Dr. Rita Rosner. „Zukünftige Studien sollten nun untersuchen, wie diese vielversprechende Therapie Einzug in den Alltag von Psychotherapeutenpraxen finden kann“.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Für Fragen zur Studie steht Ihnen Eline Rimane (eline.rimane@ku.de; Psychotherapeutische Hochschulambulanz der KU) zur Verfügung.

Originalpublikation:
Rosner R, Rimane E, Frick U, et al. Effect of developmentally adapted cognitive processing therapy for youth with symptoms of posttraumatic stress disorder after childhood sexual and physical abuse: a randomized clinical trial. JAMA Psychiatry. Published online April 10, 2019. doi:10.1001/jamapsychiatry.2018.4349