Häufiger und länger krankgeschrieben

Jeder sechste Tag, an dem Beschäftigte im Job krankheitsbedingt fehlen, geht auf psychische Erkrankungen zurück. Besonders Arbeitnehmer in den Gesundheitsberufen sind betroffen, wie der BKK-Gesundheitsreport zeigt.

Arbeitnehmer sind immer häufiger krankgeschrieben. Die Arbeitsausfälle dauern zudem immer länger. Die Beschäftigten in der Altenpflege und im Gesundheitswesen stehen unter besonderem Druck. Das sind Ergebnisse aus dem neuen BKK-Gesundheitsreport, der am Donnerstag vorgestellt wurde.

Ein Schwerpunkt des Reports sind die psychischen Erkrankungen. 2018 schlugen sie rechnerisch mit 2,9 Fehltagen je Arbeitnehmer zu Buche. Gemessen an allen Fehltagen je Beschäftigten macht das fast jeden sechsten Ausfalltag aus (15,7 Prozent).

Psychische Störungen liegen damit hinter den Muskel-Skelett-Erkrankungen (23,8 Prozent) und den Atemwegserkrankungen (16,4 Prozent) auf Platz drei (siehe nachfolgende Grafik).

Gesundheitsberufe stark betroffen

Der Blick aufs Detail offenbart, dass Angehörige der Gesundheitsberufe, Erzieher und Sozialarbeiter stark betroffen sind. Im Gesundheits- und Sozialwesen fielen je Beschäftigten knapp vier Arbeitstage aus.

Für die Autoren des Reports ist es „wenig überraschend“, dass vor allen anderen Berufsgruppen die Beschäftigten in der Altenpflege unter „psychosozialem Stress“ leiden. Beleg seien die 5,8 AU-Tage, die rein rechnerisch jeder der mehr als 1,1 Millionen Beschäftigten in der Altenpflege im Jahr 2018 aufweist. Nur Arbeitssuchende sind länger krankgeschrieben, nämlich im Schnitt 15,2 Tage.

Allerdings können Menschen mit einem seelischen Leiden durchaus am Arbeitsleben teilnehmen. Laut Report war nur jeder Achte mit dem Befund „depressive Episode“ (F32) auch tatsächlich arbeitsunfähig.

„Arbeit macht eher gesund als krank“, berichtete Professor Holger Pfaff, Direktor des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft der Universität Köln. Zudem ließen sich psychische Störungen in der Arbeitsumgebung „manchmal fast besser erkennen als in einem privaten Kontext“, sagte Dr. Ulrich Birner von der Siemens AG. Merkmale seien das Leistungs- und Sozialverhalten.

Fehltage binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt

In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen dennoch insgesamt mehr als verdoppelt (plus 129,4 Prozent). Die Betroffenen sind mit im Schnitt 37 Tagen je Fall deutlich länger krankgeschrieben als Menschen mit somatischen Erkrankungen. Dieser Wert geht vor allem auf die Langzeiterkrankten zurück.

Groß seien die Fortschritte bei Diagnostik und Therapie: Betroffene würden früher erkannt und behandelt. Zudem nehme die Stigmatisierung psychisch Erkrankter ab.

„Die Mediziner diskutieren offener darüber, aber auch die Menschen mit psychischen Erkrankungen verstecken sich nicht mehr. Früher wurden somatische Folgen wie Migräne und Unwohlsein festgestellt“, kommentiert BKK-Dachverbands-Chef Franz Knieps die Entwicklung.

Grippewelle sorgt für Rekordwert

Seit 2008 ist die Zahl der Krankentage je Beschäftigten in Deutschland um 46,5 Prozent von 12,6 auf 18,5 gestiegen. Jeder versicherungspflichtig Beschäftigte war im vergangenen Jahr 1,44 Mal krankgeschrieben, um 37,7 Prozent häufiger als noch 2008.

Vor allem die Grippewelle des vergangenen Jahres trieb den Krankenstand auf einen Rekordwert von 5,1 Prozent. Das bedeutet, dass von der Soll-Arbeitszeit in den Betrieben gut ein Zwanzigstel ausgefallen ist.

Genetische Veranlagung nicht allein Schuld an Adipositas

In Deutschland sind 60 Prozent der Bevölkerung übergewichtig, ein Vier­tel ist bereits adipös. Das geht aus einem heute veröffentlichten Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hervor.

Demnach sind die Ursachen für Übergewicht und Adipositas vielfältig und komplex: Dazu gehören genetische Veranla­gungen und epigenetische Veränderungen ebenso wie indivi­du­elles Verhalten, zum Beispiel Lebensstile oder ein Mangel an Bewegung.

Hinzu kommen Rahmenbedingungen, die zum Beispiel zu einem Überangebot und einer ständigen Verfügbarkeit von Nahrung führen. Der aktuelle Forschungsstand lasse den Schluss zu, dass genetische Veranlagungen allein die Häufigkeit und das Ausmaß von Übergewicht und Adipositas nicht erklären können, so die Autoren. Daher sollten indivi­du­elle Verhaltensweisen, soziale Normen sowie kulturelle und ökonomische Rahmenbe­dingungen in den Blick genommen werden.

Ziel müsse es dabei sein, die Entstehung von starkem Übergewicht und Adipositas insbe­sondere bei Kindern und Jugendlichen zu verhindern und die Lebensqualität der Betroffe­nen zu verbessern.

Dazu haben die Wissenschaftler in dem Diskussionspapier verschiedene Maßnahmen zusammengefasst: Sie empfehlen unter anderem die Prävention von Übergewicht durch Informationen über gesunde Ernährungsgewohnheiten und regelmäßige Bewegung, die in den Alltag eingebaut werden kann.

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Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen sollten diejenigen Vorlieben und Gewohn­heiten gefestigt werden, die Übergewicht vorbeugen. Die Autoren empfehlen zudem politische Maßnahmen wie eine Besteuerung einzelner Nahrungsmittel und gezielte Werbeverbote.

Im Hinblick auf die von Adipositas betroffenen Menschen fordern sie eine adäquate und evidenzbasierte medizinische Versorgung. Zudem müsse durch Aufklärung und Wissens­ver­mittlung zu Adipositas der Stigmatisierung Betroffener entgegengewirkt werden, da diese die Lebensqualität übergewichtiger und adipöser Menschen weiter verschlechtere.

Die Experten haben darauf hingewiesen, dass einzelne Ansätze für sich kaum erfolgver­sprechend seien, sondern ein Bündel von Maßnahmen initiiert werden sollte. Kurzfristig könne die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas allerdings nicht verringert werden. Alle in dem Diskussionspapier benannten Schritte setzten auf mittel- und langfristige Effekte. 

Bluttest misst traumatische Stresserlebnisse in Kindheit und Jugend

Misshandlungen und Gewalt an Kindern und Jugendlichen führen zu einer chronischen Entzündungsreaktion im Körper, die laut einer Studie in JAMA Pediatrics (2019; doi: 10.1001/jamapediatrics.2019.3875) am Übergang zum Erwachsenenalter durch einen Bluttest gemessen werden kann.

Die zunehmenden sozioökonomischen Unterschiede in vielen Ländern, Flüchtlingskrisen und der Klimawandel haben zur Folge, dass Kindheit und Jugend für immer mehr Men­schen mit körperlicher und seelischer Gewalt verbunden sind. Die traumatischen Erleb­nisse können mentale und körperliche Krankheiten im Erwachsenenalter zur Folge haben, deren gemeinsamer Nenner eine erhöhte Entzündungsreaktion im Körper ist. Die bisheri­gen Biomarker CRP (C-reaktives Protein) und IL 6 (Interleukin 6) sind nicht in der Lage, die betroffenen Personen zu identifizieren.

Ein Team um Hartmann Rasmussen von der Duke University in Durham hat deshalb nach einem besseren Biomarker für die gesundheitlichen Folgen traumatischer Erlebnisse in Kindheit und Jugend gesucht. Die Forscher haben dazu die Daten der Environmental Risk Longitudinal Twin Study ausgewertet, die seit1994/95 eine Gruppe von Zwillingen aus verschiedenen Gruppen der britischen Bevölkerung begleitet.

Die Heranwachsenden wurden im Alter von 5, 7, 10, 12 und zuletzt 18 Jahren nach 20 ver­schiedenen traumatischen Erlebnissen befragt. Dazu gehörten körperlicher, sexueller und emotionaler Missbrauch und verschiedene Formen der Vernachlässigung im Kindes­alter sowie negative Erfahrungen als Teenager.

Im Alter von 18 Jahren wurden bei den Teilnehmern Blutproben entnommen. Dort wurde neben CRP und IL 6 auch der lösliche Urokinase-Plasminogen-Aktivator-Rezeptor (suPAR) bestimmt. Es handelt sich um ein Membranprotein von Abwehrzellen, das bei einer er­höhten entzündlichen Aktivität ans Plasma abgegeben wird.

Gewalterlebnisse waren keineswegs selten: 213 Kinder (15,3 %) waren der Gewalt durch Intimpartner der Mutter oder des Vaters ausgesetzt, 354 Kinder (25,4 %) wurden von Gleichaltrigen gemobbt oder waren in Kindheit und Jugend Straßenkriminalität ausge­setzt. 129 Kinder hatten gleich mehrere Arten von Gewalt erlebt.

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Diese Erfahrungen hinterließen Spuren in den 3 Entzündungsparametern, von denen su­PAR sich als der zuverlässigste Biomarker erwies. Jede negative Kindheitserfahrung er­höhte die suPAR-Konzentration um 0,03 ng/ml, bei schwerwiegenden kindlichen Miss­handlungen stieg der Serumwert um 0,09 ng/ml pro Trauma. Negative Erfahrungen im Jugendalter erzeugten einen Anstieg um jeweils 0,04 ng/ml. Die 95-%-Konfidenzin­ter­valle waren weit und im Fall der Jugenderlebnisse nicht signifikant.

Dennoch könnte der Biomarker für die Beurteilung der gesundheitlichen Folgen von traumatischen Erlebnissen herangezogen werden, meint Rasmussen. Die Kombination mit CRP und IL 6 könne die Beurteilung weiter erleichtern. Es fehlt allerdings noch die Bestätigung aus anderen Kohortenstudien, wobei der Bluttest sicherlich nicht die psychi­atrische Anamnese ersetzen kann. Schließlich müsste noch untersucht werden, ob der Bio­marker tatsächlich mit einer erhöhten körperlichen und mentalen Morbidität im Er­wachsenenalter verbunden ist. 

Gedächtnistraining wirkt über die Strategiebildung

Gedächtnisübungen trainieren im Wesentlichen die Anwendung verschiedener Strategien zur Bewältigung von Merkaufgaben. Dies – und nicht eine gesteigerte Merkfähigkeit – wirkt sich dann auf das Ergebnis des Trainings aus. Das berichten Forscher der Abo Akademi University, Finnland, und der Umea University, Schweden, im Journal of Memory and Language (DOI: 10.1016/j.jml.2019.104064).

Den Autoren zufolge erklärt dies, warum die Auswirkungen des Gedächtnistrainings begrenzt seien. „Typischerweise sind Verbesserungen nur auf Aufgaben beschränkt, die der Trainingsaufgabe sehr ähnlich sind – das Training hat Möglichkeiten zur Verfügung gestellt, eine bestimmte Art von Aufgaben zu bewältigen, aber nicht viel mehr“, schreiben sie.

Die Studie umfasste 258 erwachsene Personen, die in 3 Gruppen randomisiert wurden. 2 der Gruppen absolvierten eine 4-wöchige Arbeitsgedächtnis-Trainingsphase, in der die Teilneh­mer 3 x 30-minütige Trainingseinheiten pro Woche mit einer Aufgabe zur Aktualisierung des Arbeitsgedächtnisses absolvierten. Eine Gruppe trainierte mit einer extern bereitgestellten Strategieanweisung, während die andere Gruppe ohne die Strategieanweisung trainierte. Die 3. Gruppe diente als Kontrolle und nahm nur an einem sogenannten Pretest, Interme­diate Test und Posttest teil.

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„Beide Trainingsgruppen zeigten einen sich abzeichnenden Transfer auf untrainierte Auf­gabenvarianten bereits im Zwischentest nach 3 Trainingseinheiten, der sich nach 12 Trai­ningseinheiten auf alle untrainierten Aufgabenvarianten erstreckte“, so die Wissenschaftler. Die Trainingsgruppe Strategie übertraf die traditionelle Trainingsgruppe nur zu Beginn des Trainings – bis die Teilnehmer in der traditionellen Trainingsgruppe ebenfalls Strategien entwickelt hatten. 

Veraltetes Wissen führt zu falscher Behandlung

Beim Chronic Fatigue Syndrome handelt es sich laut aktueller Studien entgegen früherer Annahmen um eine körperliche und nicht um eine psychische Erkrankung. Betroffene in Deutschland beklagen die katastrophale Versorgungslage aufgrund des veralteten Wissensstands von Ärzten, Behörden und der Regierung.

Birgit Gustke leidet seit Jahren am Chronic Fatigue Syndrome, das auch Myalgische Enzephalomyelitis genannt wird, abgekürzt ME/CFS oder nur CFS. Ihre begrenzten Kraftreserven nutzt sie, um in der Selbsthilfegruppe Fatigatio andere Betroffene zu beraten.

„Der Junge ist seit vier Jahren erkrankt und anfangs ist er mehrmals in die Kinder- und Jugend-Psychiatrie eingewiesen worden, für drei Monate, für sechs Monate, verlängert. Wurde auch dort mit Bewegung therapiert und es wurde auch einfach gesagt: Wenn du jetzt diese Stunde nicht schaffst, dann kommst du so bald gar nicht nach Hause.“

„Nun beweg dich doch!“, diese Aufforderung hören viele Patienten, aber genau das können sie eben nicht so einfach. Und das liegt nicht an ihrer Psyche oder ihrer Einstellung, erklärt Prof. Carmen Scheibenbogen, die Leiterin des Fatigue oder Erschöpfungs-Centrums der Berliner Charité. 

ME/CFS ist eine körperliche Erkrankung

„Also die Studien der letzten Jahre zeigen sehr klar, dass es sich um eine körperliche Erkrankung handelt, bei der wir sehr viele Veränderungen haben, die das Immunsystem betreffen und das sogenannte autonome Nervensystem. Also alles, was wir nicht bewusst steuern. Und es gibt ältere Studien, die lange Zeit auch das Konzept verfolgt haben, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt, aber das wird durch die aktuellen Studien widerlegt.“

Das überholte Modell geht davon aus, dass CFS-Patienten durch ein Ereignis wie eine schwere Infektion ins Bett gezwungen wurden, sich kaum rühren konnten. Aber auch nach dem Ende der akuten Erkrankung muteten sie sich keine Anstrengung mehr zu. Ihre Psyche bleibe sozusagen in einem erschöpften Selbstbild gefangen. Deshalb wurden Verhaltenstherapien verschrieben oder auch ein Bewegungsprogramm, das den Patienten zeigen sollte: Es geht doch! Die große Pace-Studie aus England schien dieses Konzept zunächst zu bestätigen. Das Problem: Eine neue Analyse der Daten von 2018 zeigt: Weder Verhaltenstherapie noch körperliche Aktivierung helfen den Patienten.

Überholte Therapieansätze immer noch üblich

„Nichtsdestotrotz berufen sich bis heute ganz viele auf diese Arbeit und diese Arbeit ist auch Grundlage für vieles, was zum Beispiel gemacht wird, auch in Kliniken gemacht wird, oder auch in Leitlinien. Leitlinie Müdigkeit – auch da werden die zitiert.“

Diese Leitlinie ist sehr umstritten, aber sie steht nicht allein mit ihrem Festhalten an alten Vorstellungen. Auch der einzige Bericht des Robert-Koch-Instituts zu CFS nennt die Pace Studie „ermutigend“. Die Aussage stammt aus dem Jahr 2015 und ist somit überholt. Und schon damals hat das RKI die eigenen Aussagen eingeschränkt.

„Der Bericht stützt sich (..) auf evaluierte Daten und Erkenntnisse Dritter, ohne eine Bewertung der Methoden vornehmen zu können. Die Thematik ist kein Schwerpunkt oder langfristiges Themengebiet am RKI.“

Trotzdem wirkt der Bericht bis heute nach, wie sich kürzlich bei der Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage der Grünen zu „ME/CFS – Aktuelle Situation in Versorgung und Forschung“ zeigte, erklärt Carmen Scheibenbogen.

Veraltetes Wissen führt zu falschen Behandlungen

„Der Bericht vom Robert-Koch-Institut ist Grundlage gewesen für eine aktuelle Stellungnahme zu dieser kleinen Anfrage der Grünen. Insofern ist er natürlich für uns nachteilig, weil der Wissensstand dort ist veraltet.“

In der Vorbemerkung zur Stellungnahme schreibt die Bundesregierung zwar, dass die Ursachen und Mechanismen der Erkrankung kontrovers diskutiert werden. In den einzelnen Antworten wird dagegen immer wieder indirekt auf das psychologische Erklärungsmodell verwiesen. Und: Generell gebe es in Deutschland „insgesamt sehr gute Rahmenbedingungen für eine entsprechende medizinische Versorgung“.

Das allerdings sieht Birgit Gutske ganz anders: „Weder Ärzte wissen ausreichend Bescheid noch Behörden sind über das Krankheitsbild informiert. Und die Antworten und Beschwerden und Hilferufe unserer Mitglieder sind alle dahingehend, dass es eine katastrophale Versorgung im medizinischen und sozialrechtlichen Bereich gibt.“

Betroffene beklagen katastrophale Versorgungslage

Gerade einmal zwei Behandlungszentren gibt es derzeit in ganz Deutschland. Immerhin, am Fatigue Centrum der Charité melden sich immer mehr Ärzte, die sich beim Thema Chronisches Erschöpfungssyndrom weiterbilden wollen und inzwischen suchen auch die Sozialversicherungen das Gespräch mit Carmen Scheibenbogen.

„Und daher hoffen wir auch, dass wir mit der Rentenversicherung ein Stück weiter kommen und diese neuen Konzepte umsetzen können.“

Andere Länder sind längst weiter mit der Neuorientierung beim Chronischen Erschöpfungssyndrom. In den USA haben die National Institutes of Health 2017 eine Forschungsinitiative gestartet. CFS-Wissenschaftler werden auch großzügig von privaten Spenden unterstützt. Und im März diesen Jahres hat sich das dänische Parlament gegen die Stigmatisierung der ME/CFS Patienten gewandt und konkret den Aufbau von spezialisierten Behandlungszentren angestoßen, die ein somatisches, also körperliches Krankheitsmodell zugrunde legen sollen. Birgit Gustke hofft, dass die neuen Erkenntnisse beim Chronischen Erschöpfungssyndrom bald auch den rund 300.000 Patienten in Deutschland zu Gute kommen werden.

„Also mein Traum wäre wirklich mindestens in jedem Bundesland ein Beratungszentrum für ME/CFS Patienten, wie es das bereits für Krebs oder MS Patienten gibt.“

Keine Belege für Nutzen von EMDR-Training bei Angststörungen

Das Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) wird bislang haupt­sächlich in der Traumatherapie eingesetzt. Belastbare Belege dafür, dass es auch Patien­ten mit Angststörungen hilft, gibt es aber nicht.

Zu diesem Ergebnis kommt eine inter­disziplinäre Arbeitsgruppe der Universität Witten/­Herdecke und der Fernuniversität Ha­gen im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirt­schaft­lichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Beim EMDR sollen traumatische Ereignisse mit Hilfe der Aktivierung beider Gehirnhälften aufgearbeitet werden, zum Beispiel durch das Verfolgen eines hin- und herbewegten Fin­gers mit den Augen.

Die Wissenschaftler fanden 22 für die Fragestellung relevante Studien. Wegen „ausge­präg­ter methodischer Mängel dieser Studien“ konnten sie daraus aber keinen Anhalts­punkt für einen Nutzen der EMDR-Behandlung bei Angststörungen im Vergleich zu etablierten Therapieverfahren oder auch im Vergleich zu keiner Behandlung ableiten.

Dies gilt für die patientenrelevanten Endpunkte Angst, Depression, angstspezifische Effekte wie Vermeidungsverhalten oder körperliche Symptome, gesundheitsbezogene Lebens­qualität und psychosoziale Aspekte.

Methodisch schlecht waren die Studien laut den Wissenschaftlern unter anderem wegen ungeeigneten Vergleichsgruppen, zu kurzer Nachbeobachtung nach der Intervention oder mangelhaften Aussagen zur Randomisie­rung. Geeignete Studien zur gesundheitsöko­no­mischen Bewertung des Verfahrens bei Angststörungen fehlen laut den Wissenschaftlern ebenfalls.

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Die Analyse erfolgte im Rahmen des Themencheck Medizin. Die Fragestellungen für die daraus entstehenden Health-Technology Assessments (HTA) gehen auf Vorschläge von Bürgern zurück.

Das IQWiG ruft nun Fachkreise und alle Interessierten auf, bis zum 4. November Stellung­nahmen zu dem vorläufigen HTA-Bericht zu dem EMDR-Training bei Angststörungen ab­zugeben. Diese werden ausgewertet und gegebenenfalls in einer mündlichen Anhörung mit den Stellungnehmenden diskutiert.

Danach wird eine Endfassung des HTA-Berichtes erstellt. Außerdem schreiben die Auto­ren eine allgemein verständliche Version (HTA kompakt), und das IQWiG ergänzt das Pa­ket um einen Herausgeberkommentar.

Tiefe Hirnstimulation hilft bei Depressionen

Die Tiefe Hirnstimulation (THS), bei der gezielt mittels hauchdünner Elektroden ein Teil des Belohnungssystems im Gehirn stimuliert wird, verfügt laut einer Studie der Emory University http://emory.edu langfristig über eine solide antidepressive Wirkung. Die Forscher haben diese Wirkung bei Patienten erzielt, die unter einer behandlungsresistenten und sehr schweren Form dieser Erkrankung litten. Details wurden im „American Journal of Psychiatry“ publiziert.

Linderung dank Hirnschrittmacher

Die Ergebnisse dieser Langzeitstudie bestätigen frühere Forschungsprojekte des Teams um die international anerkannte Expertin Helen S. Mayberg. Laut der leitenden Wissenschaftlerin ist es damit auch gelungen, die Grundlage für weitere Studien zur Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten mittels THS zu schaffen.

Die U.S. Food and Drug Administration http://www.fda.gov hat THS erst kürzlich für die Behandlung von Tremor, Parkinson, Epilepsie und Zwangserkrankungen zugelassen. Dabei handelt es sich um einen Eingriff, bei dem ein Neurostimulator im Gehirn platziert wird. Dieser Hirnschrittmacher sendet über die implantierten Elektroden hochfrequente elektrische Impulse genau in jene Gehirnbereiche, die für die Entstehung der Symptome dieser Krankheiten verantwortlich sind.

Mayberg leitete 2005 die erste THS-Studie zum Brodmann-Areal 25 bei Patienten, die gegen eine herkömmliche Behandlung resistent waren. Bereits damals wurde die Möglichkeit eines klinischen Nutzens nachgewiesen. Weitere kleinere Studien lieferten ähnlich positive Ergebnisse. Eine multizentrische randomisierte Studie wurde jedoch noch im Anfangsstadium eingestellt. Verantwortlich dafür war das Fehlen einer statistisch signifikanten, antidepressiven Reaktion.

Ausgeweiteter Beobachtungszeitraum

Die Forscher begleiteten die Patienten der ursprünglichen Studie weiter. Dabei zeigte sich, dass es ihnen durch die Behandlung nicht nur besser ging. Auch hielt dieser Effekt an. Daher verfolgte das Team diesen Ansatz weiter. Die aktuelle Studie dokumentiert die langfristigen Ergebnisse von 28 Patienten. Die zwischen vier und acht Jahre lang an der offenen klinischen Studie teilnahmen. Die Ansprech- und Remissionsraten konnten bei 50 Prozent respektive 30 Prozent aufrechterhalten werden. Entscheidend dabei ist der lange Beobachtungszeitraum von zwei bis acht Jahren.

Drei Viertel der Teilnehmer entsprachen den Kriterien für das Ansprechen auf die Behandlung. 21 Prozent wiesen ab dem ersten Jahr ein kontinuierliches Ansprechen auf. Von 28 Teilnehmern beendeten 14 mindestens einen acht Jahre langen weiteren Beobachtungszeitraum. Elf andere Patienten waren mindestens vier Jahre lang dabei. Vier Personen schieden vor den acht Jahren Nachbereitung aus. Laut Mayberg ist durch diese Studienergebnisse die langfristige Sicherheit und nachhaltige Wirksamkeit dieses Behandlungsansatzes erwiesen.

Am Center for Advanced Circuit Therapeutics http://bit.ly/355eAwN wird bereits an der nächsten Stufe dieser Forschung gearbeitet. Die Finanzierung erfolgt über die National Institutes of Health Brain Initiative https://braininitiative.nih.gov . Bei den Studienteilnehmern soll ein neuer Prototyp mit der Bezeichnung „Summit RC+S“ implantiert werden. Damit wird es möglich sein, die Gehirnaktivität direkt während der THS aufzuzeichnen.

Psychische Erkrankungen und Suizide nach Adipositas-Chirurgie häufig

Jeder 6. adipöse Patient, der sich in Westaustralien einer bariatrischen Ope­ration unterzog, war wegen psychiatrischer Erkrankungen in Behandlung. Die psychi­schen Probleme haben sich einer Studie in JAMA Psychiatry (2019; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2019.2741) zufolge nach der Operation häufig verschärft. Die Behandlung könnte das Suizidrisiko erhöht haben.

Fettleibige Menschen leiden häufig psychisch unter ihren Gewichtsproblemen. Die Adipositas greift das Selbstwertgefühl an und sie ist nicht selten Anlass für Depressionen. Soziale Ausgrenzung und Diskriminierung fördern die psychische Morbidität. Auf der anderen Seite kann Übergewicht aber auch Folge einer psychiatrischen Erkrankung sein. Viele Psychopharmaka fördern die Gewichtszunahme.

Eine bariatrische Operation ist offenbar keine Patentlösung für die psychischen Probleme. Die Patienten verlieren zwar deutlich an Gewicht, es kann aber auch die Lebensfreude verloren gehen. Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass die Suizidrate nach einer bariatrischen Operation erhöht sein kann.

David Morga von St John of God Subiaco Hospital in Perth und Mitarbeiter haben die Zusammenhänge in einer Kohortenstudie an 24.766 Patienten untersucht, die sich in West-Australien in den Jahren 2007 bis 2016 einer bariatrischen Operation unterzogen hatten. Über die „Western Australian Department of Health Data Linkage Branch“, die die Daten aus verschiedenen Patientenregistern zusammenfasst, entnahmen die Forscher, dass nicht weniger als 3.976 Patienten sich im gleichen Zeitraum in psychiatrischer Behandlung befanden. Das sind 16,7 % aller operierten Patienten oder in etwa jeder 6. Die psychia­trische Komorbidität der Adipositas ist demnach hoch. Und die Behandlung könnte ihren Anteil daran haben.

Von den 3.976 Patienten waren 1.401 Patienten (35,2 %) nur vor der Operation, 1.025 (25,8 %) vor und nach der Operation und 1.550 Patienten (39,0 %) nur nach der Operation in psychiatrischer Behandlung.

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Laut Morga verdoppelte sich nach der bariatrischen Operation die Häufigkeit vom ambulanten Behandlungen wegen psychiatrischer Erkrankungen (Inzidenzrate IRR 2,3; 95-%-Konfidenzintervall 2,3 bis 2,4) und es kam 3-mal so häufig zu Besuchen in Notfallambulanzen (IRR 3,0; 2,8 bis 3,2) oder zu psychiatrischen Kranken­haus­auf­enthalten (IRR 3,0; 2,8 bis 3,1). Die Zahl der absichtlichen Selbstverletzungen verfünffachte sich (IRR 4,7; 3,8 bis 5,7).

Nicht weniger als 25 von 261 Todesfällen (9,6 %), zu denen es nach den Operation kam, waren auf Suizide zurückzuführen. Morga rät Chirurgen dringend, die Patienten nicht ohne vorherige psychiatrische Untersuchung zu operieren. Im Erkrankungsfall müssten die Patienten zunächst psychiatrisch betreut werden. Aber auch in der Zeit nach der Operation würden viele Patienten eine psychologische Unterstützung benötigen. 

Labortest erkennt posttraumatische Belastungsstörung

Ein Test aus 27 Laborwerten und der Herzfrequenz hat in einer Studie in Molecular Psychiatry (2019; doi: 10.1038/s41380-019-0496-z) die Diagnose einer post­traumatischen Belastungsstörung (PTBS) mit einer Genauigkeit von 77 % gestellt. Es wäre der erste Biomarker-Test für eine psychiatrische Erkrankung.

Die PTBS ist Folge von traumatischen Erlebnissen, die in der Regel mit einer starken kör­perlichen Stressreaktion verbunden waren. Auch die unkontrollierbaren Erinnerungen, die Vermeidungssymptome und die emotionalen Störungen, die die spätere PTBS kennzeich­nen, könnten zu körperlichen Reaktionen führen, die mit Labortests nachweisbar sein sollten.

Bislang war es allerdings nicht gelungen, einen Test zu entwickeln, mit dem Patienten mit PTBS von anderen Menschen unterschieden werden könnten. Ein Team um Frank Doyle von der John A. Paulson School of Engineering and Applied Sciences in Boston hat sich deshalb zu einen „Rundumschlag“ entschieden.

Bei 83 Menschen, die im Krieg im Irak oder Afghanistan eine PTBS erlitten hatten, und in einer Kontrollgruppe von 82 Soldaten ohne traumatische Erlebnisse wurden alle verfüg­ba­ren Labortests durchgeführt. Darunter waren auch Genanalysen sowie zahlreiche Be­standsaufnahmen von Methylom, Proteom, Metabolom, Immunsystem sowie Marker der Zellalterung und des endokrinen Systems, microRNA, Zytokine und vieles mehr.

Bei 343 Markern wurden Unterschiede zwischen den beiden Gruppen gefunden, von de­nen 27 und die Bestimmung der Herzfrequenz für die zweite Phase der Studie ausge­wählt wurden. Dieses Mal wurden 26 PTBS-Patienten und 26 Kontrollen ausgewählt. Der Test erzielte in einer ROC-Analyse einen AUC-Wert von 0,80, was ein passables Ergebnis ist (1,0 wäre die sichere Diagnose, 0,50 ein Zufallsbefund gewesen). Die Genauigkeit betrug 81 %, die Sensitivität 85 % und die Spezifität 77 %.

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Interessant ist ein Blick auf die einzelnen Biomarker. Einige, wie ein Anstieg der Herz­frequenz oder eine verminderte Konzentration von Gerinnungsfaktoren, waren laut Doyle bereits in früheren Studien mit der PTBS in Verbindung gebracht worden.

Andere Marker wie Thrombozytenvolumen, Insulinresistenz sowie Veränderungen im SHANK2-Gen und in der PDE9A-Expression waren auch bei Patienten mit Major Depressi­on oder Angstzuständen erhöht (ohne allerdings eine Diagnose zu ermöglichen).

Einige miRNA, kurze RNA-Moleküle, die die Ablesung von Genen in den Zellen beeinfluss­en, waren in früheren Untersuchungen mit Erkrankungen von Herz (miR133-3p) und Le­ber (miR-192) oder einem metabolischen Syndrom (miR-192-5p) in Verbindung gebracht worden. Dies deutet darauf hin, dass das PTBS auch außerhalb des Gehirns Schäden ver­ursacht. 

Erhöhtes Sterberisiko bei ADHS durch Suizide, Unfälle und andere Verletzungen

Menschen mit der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS haben im Verlauf ihres Lebens ein erhöhtes Risiko, auf nicht natürliche Weise zu sterben. Besonders gefährdet sind nach den Ergebnissen einer Langzeitstudie in JAMA Psychiatry (2019; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2019.1944) Patienten mit einer späten Diagnose sowie solche mit psychiatrischen Begleiterkrankungen.

Menschen mit ADHS geraten durch ihre Unachtsamkeit und Impulsivität immer wieder in gefährliche Situationen. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass sie im Straßenverkehr häufiger in Unfälle verwickelt sind. Nicht durchdachte und übereilte Reaktionen verleiten sie häufiger zu riskanten Verhaltensweisen, die sich schnell als Fehler herausstellen, manchmal mit fatalen Folgen. Auch die Neigung zu einen Suizid ist erhöht.

Eine Studie aus Dänemark hatte bereits gezeigt, dass die Gesamtmortalität doppelt so hoch ist wie im Rest der Bevölkerung und dass unbeabsichtigte Verletzungen die häufigste Todesursache im jüngeren Lebensalter sind (Lancet 2015; 385: 2190-2196).

Nicht natürliche Sterbeursachen sind häufig

Eine bevölkerungsbasierte Kohortenstudie aus Schweden liefert jetzt genauere Einblicke. Shihua Sun und Mitarbeiter vom Karolinska Institut in Stockholm haben die Daten zu 86.670 Menschen der Geburtsjahrgänge 1993 bis 2009 ausgewertet, bei denen die Diagnose einer ADHS gestellt wurde. Von diesen sind bisher 424 gestorben, davon 346 an nicht natürlichen Ursachen. Darunter waren 133 Suizide, 152 Unfälle und 61 andere nicht näher spezifizierte Ursachen.

Nach den Berechnungen von Sun sind Suizide fast 9-mal so häufig wie bei den übrigen Schweden gleichen Alters. Die Hazard Ratio betrug 8,63 und war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 6,27 bis 11,88 hoch signifikant. Todesfälle durch Unfälle traten 4-mal häufiger (Hazard Ratio 3,94; 2,49 bis 6,25) auf, andere unnatürliche Todesursache waren 6-mal häufiger (Hazard Ratio 6,52; 3,68 bis 11,57).

Die ADHS allein erklärt jedoch nur einen Teil der Todesfälle. Jeder 2. Patient mit ADHS hatte weitere psychiatrische Diagnosen. Am häufigsten waren dies Angststörungen, Depressionen und Autismus-Spektrum-Störungen, aber auch Substanzmissbrauch und Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen sind bei ADHS-Patienten häufiger als bei anderen Menschen. Nicht wenige hatten 2 oder mehr psychiatrische Diagnosen erhalten.

ADHS und Substanzmissbrauch besonders riskant

Mit der Zahl der Diagnosen steigt auch das Sterberisiko. Bei Personen, die nur an einer ADHS litten, war es nur leicht erhöht (Hazard Ratio 1,41; 1,01 bis 1,97). Für die etwa 5 % der ADHS-Patienten mit 4 oder mehr psychiatrischen Diagnosen ermittelt Sun eine Hazard Ratio von 25,22 (19,60 bis 32,46). Als besonders riskant erwies sich das Zusammentreffen von ADHS und Substanzmissbrauch (Hazard Ratio 8,01; 6,16 bis 10,41) sowie von AHDS und einer Persönlichkeitsstörung (Hazard Ratio 4,45; 3,31 bis 5,99).

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Eine weitere Beobachtung war, dass die Übersterblichkeit mit dem Alter zunimmt. Für Kinder ermittelte Sun einen nicht signifikanten Trend (Hazard Ratio 1,41; 0,97 bis 2,04). Im Erwachsenenalter betrug die Hazard Ratio 4,64 (4,11 bis 5,25).

Trotz dieser erheblichen Risiken blieb die Mehrheit der 85.670 Personen mit ADHS unversehrt. Ob ihnen dabei eine rechtzeitige medikamentöse Therapie geholfen hat, konnte die Studie allerdings nicht klären.