Neuer Hirnschrittmacher soll Zwangsstörungen lindern

Die Technik für die Tiefe Hirnstimulation wird ständig weiterentwickelt: Ein neues System sendet jetzt nicht nur, sondern liest auch Signale.

Ein neuartiger Neurostimulator, der nicht nur Signale aussendet, sondern auch Signale des Gehirns lesen und entsprechend darauf reagieren kann, kommt jetzt bei einer am Uniklinikum Regensburg (UKR) behandelten Patientin mit Zwangsstörungen zum Einsatz. Bei dem System handelt es sich um den Percept™ PC Neurostimulator von Medtronic. Das Unternehmen hat im Januar 2020 für dieses System für die Tiefe Hirnstimulation (THS) mit „BrainSense-Technologie“ die CE-Kennzeichnung erhalten.

Die 36-jährige Patientin leide seit fast 20 Jahren an der Zwangsstörung, berichtet das UKR. Sie müsse zwanghaft alles hinterfragen, besonders sich selbst, und spüre Unsicherheit, Angst und einen immensen inneren Druck. Seit einigen Jahren könne sie auch ihren Beruf in der Sozialarbeit nicht mehr ausführen, so sehr beeinflusse sie die Erkrankung.

Gehirnaktivität wird aufgezeichnet

Hirnschrittmacher werden seit etwa zehn Jahren für die Therapie bei Zwangserkrankungen eingesetzt. Die konventionellen Modelle geben dabei aber nur Signale an das Gehirn ab, erinnert das UKR in seiner Mitteilung. Die neue Variante misst auch aktiv die Gehirnaktivität, zeichnet diese auf und kann bei bestimmten Signalen gezielt Impulse abgeben.

„Momentan befinden wir uns in der Lernphase“, wird Professor Berthold Langguth zitiert. Langguth ist Chefarzt im Zentrum für Allgemeinpsychiatrie II der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg am medbo Bezirksklinikum.

Die Patientin trage ein Gerät bei sich, das mit ihrem Smartphone verbunden ist. „Innerhalb einer App kann sie so ganz einfach täglich oder auch mehrmals am Tag ihren aktuellen psychischen Zustand eingeben. Der Schrittmacher zeichnet dann die entsprechende Gehirnaktivität auf“, erklärt Langguth.

System wird jetzt justiert

Die Daten werden dann nach etwa sechs Wochen ausgewertet und der Hirnschrittmacher individuell auf die Gehirnaktivität der Patientin eingestellt. „Diese Justierung ist äußerst komplex. Schon eine minimale Abweichung der Stimulation durch den Schrittmacher kann zu unerwünschten Nebeneffekten wie beispielsweise einer Verstärkung des Angstgefühls führen“, so Langguth in der UKR-Mitteilung. Es könne deshalb bis zu einem Jahr dauern, bis alle Elektroden des Schrittmachers richtig eingestellt seien und die individuell für die Patientin besten Signalkonstellationen gefunden seien.

Sollte sich herausstellen, dass der Schrittmacher nicht den gewünschten Erfolg bringt, könne das System jederzeit deaktiviert werden und auch die operative Entfernung des Gerätes sei möglich.

REM-Schlaf-Verhaltens­störung neurologisch abklären lassen

Eine REM-Schlaf-Verhaltensstörung (REM sleep behaviour disorder, RBD) sollte neurologisch abgeklärt werden, zum einen, weil sie behandelbar ist und zum anderen, weil sie häufig einer Parkinson-Erkrankung vorangeht. Darauf hat heute die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hingewiesen.

„Die RBD ist für Betroffene oft ein Tabuthema. Sie schämen sich und haben Sorge, als aggressiv oder unbeherrscht eingestuft zu werden. Ihnen – und oft auch dem Partner – ist nicht klar, dass eine Krankheit ursächlich für die nächtliche Aktivität ist“, sagte der DGN-Experte Wolfgang Oertel von der Universität Marburg.

Es sei wichtig, diese Tabus abzubauen und allgemein bekannt zu machen, dass es sich bei der RBD um ein Vorzeichen einer Erkrankung handele. „Betroffene sollten sich ihrem Haus­arzt anvertrauen, der sie bei Bedarf an einen Neurologen überweist, denn die RBD ist behandelbar“, betonte Oertel.

Zum Einsatz kommen beispielsweise Clonazepam, eine Substanz, die vor allem bei Epi­lep­sie eingesetzt wird und Melatonin, ein Hormon, das den Wach-Schlaf-Rhythmus steu­ert. Aber selbst, wenn die medikamentöse Therapie nicht anschlage, sei die Diagnose für viele Betroffene hilfreich. „Ihnen fällt ein Stein vom Herzen, wenn sie erfahren, dass ihr Leiden eine echte Erkrankung ist, sie nicht unnormal sind“, so Oertel.

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Außerdem sei mittlerweile bekannt, dass 80 Prozent aller Betroffenen mit einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung in den nächsten 15 Jahren an einer alpha-Synukleinopathie er­kranken werden. In dieser Erkrankungsgruppe stellt die Parkinson-Krankheit die häufigste Krankheit dar.

„Was für die Betroffenen zunächst wie eine Hiobsbotschaft klingt, denn eine Parkinson-Erkrankung ist auch heute noch nicht heilbar, hat zumindest einen positiven Aspekt: Durch die RBD erhalten Betroffene die Möglichkeit, sich mit der drohenden Parkinson-Erkrankung auseinanderzusetzen und frühzeitig mit einer Therapie zu beginnen“, so der Experte.

Darüber hinaus könnten die von der RBD Betroffenen hoffen, dass laufende Forschungs­anstrengungen neue Therapie-Verfahren finden und entwickeln würden, die das Fort­schreiten einer Parkinson-Krankheit verlangsamen. 

»Wie stark Psilocybin Depressionen lindert, kann man noch nicht beurteilen«

Nicht nur Forscher, auch Zulassungsbehörden setzen zunehmend Hoffnungen in Psilocybin als Mittel gegen Depressionen. Der Psychiater Torsten Passie hält den Ansatz für viel versprechend – bislang fehlen allerdings stichhaltige Belege.

Die US-amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) hat Psilocybin, dem halluzinogen wirkenden Stoff in den so genannten Zauberpilzen, unlängst den Status einer »breakthrough therapy« für Depressionen zuerkannt. Britische Forscher hatten in Studien aus den Jahren 2016 und 2018 gezeigt, dass eine zweimalige Gabe von Psilocybin im Abstand weniger Tage Depressionen erheblich lindern kann. Bei fast der Hälfte der Patienten verschwanden die Symptome für drei bis sechs Monate. Je intensiver die psychedelische Wirkung war, umso stärker war der Effekt. Man vermutet, dass Psilocybin zu einer Art »Reset« im Gehirn führte.

»Spektrum.de« sprach zu der Entscheidung der FDA mit Torsten Passie, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Er hat die einzige deutsche Psilocybin-Studie der vergangenen 20 Jahre durchgeführt. Seit 30 Jahren erforscht er Psychedelika als Heilmittel bei psychischen Erkrankungen, darunter neben Psilocybin auch LSD, Ketamin und MDMA (Ecstasy).

»Spektrum.de«: Herr Passie, was bedeutet die Anerkennung als »breakthrough therapy«?

Das bedeutet, dass die Entwicklung eines Arzneimittels ausdrücklich Priorität hat. Es wird dann aktiv geprüft, wie man seine Entwicklung erleichtern und beschleunigen kann. Außerdem wird die Kommunikation zwischen Behörden und Entwicklern effektiver, was Abstimmungen erleichtert. Wichtig ist auch, dass die Behörde mit dieser Anerkennung signalisiert, dass es sich um eine viel versprechende Therapieoption handelt.

Waren Sie von der Entscheidung der FDA überrascht?

Ein bisschen schon. Ich hätte statt Psilocybin eher auf MDMA gesetzt, besser bekannt als Ecstasy. Daran wird schon seit 30 Jahren geforscht, und es hat 2016 ebenfalls eine Anerkennung als »breakthrough therapy« erhalten. Man setzt es für die Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen ein, mit wissenschaftlich gut belegten Ergebnissen. Zudem wurde nachgewiesen, dass sich die MDMA-unterstützte Psychotherapie gefahrlos anwenden lässt.

Wie und wie effizient Psilocybin bei den dadurch unterstützten Therapien von Depressionen wirkt und ob es hinreichend sicher ist, muss noch bewiesen werden. Entsprechende Studien werden zurzeit durchgeführt.

Welche Studien gibt es zur Therapie mit Psilocybin?

Es gab Studien in den USA und der Schweiz an Patienten mit Ängsten und Depressionen bei lebensbedrohlichen Erkrankungen. Die Resultate waren sehr gut. Untersucht wurden Menschen, die sich auf Grund einer bedrohlichen körperlichen Erkrankung in einer inneren Notlage befanden – ohne dass eine eigentliche psychische Erkrankung bestanden haben muss. Oft ging es um Krebs.

So etwas ist schwer auszuhalten, und die Betroffenen geraten in Angst vor dem Tod und verkrampfen sich innerlich. Sie tendieren dazu, sich zu isolieren und dämpfende Psychopharmaka zu nehmen, um Ängste zu lindern. Bei solchen Patienten kann die ein- oder zweimalige Gabe von Psilocybin beziehungsweise LSD Vertrauen und Öffnung erzeugen wie auch ganz neue Perspektiven auf ihre Situation eröffnen – und damit die psychischen Symptome erheblich vermindern.

Diese Situation ist nicht ohne Weiteres mit der eines Patienten vergleichbar, der seit Jahren unter Depressionen leidet. Da gibt es keine plötzliche Notlage, vielmehr beruht die Erkrankung meist auf strukturellen inneren und äußeren Problemen: Jemand hat typischerweise in seinem Leben schwere Phasen durchlebt, ist vielleicht durch längerfristige und aktuelle Probleme belastet. Sein Denken, Fühlen und Handeln entwickelten sich dadurch oft über lange Zeit in eine bestimmte Richtung, die dann in eine Depression mündeten. Jemanden da herauszubekommen, ist schwieriger und langwieriger. Mittel der Wahl ist in diesem Fall fast immer eine länger währende Psychotherapie.

Reset im Gehirn

In Bildgebungsstudien entdeckten Wissenschaftler, dass die funktionelle Konnektivität – also die Art und Weise, wie die Hirnareale bei der Lösung von Aufgaben, aber auch im Ruhezustand zusammenarbeiten – bei Menschen mit einer Depression stark eingeengt ist. Psychedelika scheinen hingegen generell die funktionelle Konnektivität »aufzubrechen«, indem sie viel mehr und ganz andere Konnektivitäten hervorrufen.

Auch bei Patienten mit einer Depression brechen Psychedelika die eingeengte funktionelle Konnektivität auf, vermuten Forscher, und ermöglichen so neue Sicht- und Empfindungsweisen. Dazu gehören typischerweise neue Einsichten in innere und äußere Situationen sowie ein umfassendes Verbundenheitserleben.

Man kann die Ergebnisse also nicht einfach übertragen. Wie ist das mit den Psilocybin-Studien des britischen Neuropsychopharmakologen David Nutt vom Imperial College London zur Behandlung von Depressionen?

Nutts Gruppe hat eine zweimalige Gabe von Psilocybin im Abstand von sieben Tagen bei Patienten mit Depressionen untersucht. Dies allerdings nicht in einer Studie mit einer Placebo-Kontrollgruppe, sondern allen Patienten wurde Psilocybin verabreicht. Nur im Vergleich mit einer Kontrollgruppe, die nicht oder anders behandelt wurde, lässt sich die Wirksamkeit einer Behandlung zweifelsfrei nachweisen.

Nach der Psilocybin-Behandlung haben sich die Symptome reduziert – über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten.

Wenn man sich lediglich die Mittelwerte aller Patienten zusammen ansieht, scheint das zu stimmen. Betrachtet man aber die individuellen Verläufe der Patienten, dann werden zwei Dinge deutlich: Einige Probanden haben längerfristig profitiert, einige bloß für kurze Zeit und einige nur geringfügig. Daher kann man derzeit noch nicht beurteilen, wie stark der depressionslindernde Effekt tatsächlich ist.

Wie sah Ihre eigene Studie zu Psilocybin aus?

In den vergangenen 20 Jahren gab es in Deutschland lediglich mein Forschungsprojekt mit Psilocybin, das sich über mehrere Jahre erstreckte. Die Studie untersuchte in einem wohnlich gestalteten Umfeld Bewusstseinsveränderungen und kognitive Funktionen bei gesunden Probanden. Neben vertiefter Selbsteinsicht und mystischen Erlebnissen zeigte sich, dass nicht unerhebliche Belastungen wie zeitweilige Angstzustände, Realitätsverkennungen und Wahnideen auftreten können. Das mahnt zur Vorsicht. Daher würde ich viel Wert auf eine gute Ausbildung der Therapeuten legen. Diese sollte auch mehrere eigene Erfahrungen des Therapeuten mit Psilocybin beinhalten.

Aus Ihrer Sicht ist die Beweislage aktuell also noch recht dünn. Warum trifft die FDA dann jetzt eine solche Entscheidung?

Vor 20 Jahren dauerte die Entwicklung eines Medikaments von der ersten Studie bis zur Marktreife sieben Jahre, heute sind es 15. Das liegt an den immer anspruchsvolleren Vorgaben der Zulassungsbehörden, komplexeren Studien und höheren Kosten. Die FDA versucht daher mittlerweile, diese Prozesse zu beschleunigen. Die EMA, die Europäische Arzneimittelagentur, die für die Beurteilung und Überwachung von Arzneimitteln in Europa zuständig ist, möchte die Entwicklungszeiten ebenso verkürzen. Eine Möglichkeit dafür ist, aussichtsreichen Behandlungsmethoden eine Breakthrough-Anerkennung zu geben.

Benötigen wir denn so dringend neue Medikamente?

Absolut! Seit ungefähr zwei Jahrzehnten gibt es in der Psychopharmakologie keine neuen Medikamente, die eine Verbesserung für Menschen mit psychischen Erkrankungen gebracht hätten. So wurden beispielsweise in den vergangenen Jahren sieben Psychopharmaka beim Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) in Deutschland als innovative Medikamente vorgestellt. Doch für nicht eines davon ließ sich belegen, dass es besser ist als bereits vorhandene Arzneimittel. Die Neurochemie und -biologie des Gehirns sind offenbar so komplex, dass man sie nicht durch dauerhafte Gabe einzelner Wirkstoffe wieder »zurechtrücken« kann – wie man sich das bisher oft vorgestellt hat.

Somit können die Pharmakonzerne kein Geld mehr mit der Entwicklung neuer Wirkstoffe verdienen und haben sich deswegen seit zehn Jahren international aus der Entwicklung von Psychopharmaka zurückgezogen. Diese Entwicklung wird als »Krise der Psychopharmakologie« bezeichnet.

»Seit ungefähr zwei Jahrzehnten gibt es keine neuen Medikamente, die eine Verbesserung für Menschen mit psychischen Erkrankungen gebracht hätten«

Genügen die Antidepressiva, die schon auf dem Markt sind, also nicht? Ihre Verschreibungen haben sich ja laut Arzneiverordnungsreport 2018 von 2005 bis 2017 ungefähr verdoppelt.

Die meisten Antidepressiva wirken weniger gut, als man lange geglaubt hat. Sie haben viele Nebenwirkungen, und ihre nachgewiesenen positiven Folgen liegen genau genommen nur minimal über dem Placeboeffekt. Daher sehen viele Experten sie mittlerweile sehr kritisch – auch wenn sie noch immer, vor allem von Hausärzten, massenhaft verschrieben werden. Außer der Psychotherapie, die aufwändiger, aber gut als wirksam belegt ist, scheint es derzeit keine gute Alternative zu geben.

Könnten Behandlungen mit Psychedelika eine Alternative darstellen?

Ich denke schon. Damit würde allerdings auch ein Schwenk in Richtung einer neuen Art von Therapie einhergehen. Zu den nachgewiesenen Hauptwirkungen der Antidepressiva gehört, dass sich die Patienten weniger spüren. Ihr Gefühlsempfinden wird betäubt und reduziert. Die Patienten spüren folglich ihre Traurigkeit, Wut und Ängste, aber auch Freude und Sexualität deutlich weniger. Diese Gefühlsminimierung kann dabei helfen, bedrückende Situationen weiter zu ertragen, sei es in der Familie oder im Job. Es heißt aber nicht, dass ich Strategien finde, mit denen ich die Situation ändern kann, die diese Gefühle verursacht. Das wurde daher als »defensives Coping« bezeichnet: Ich nehme ein Mittel, durch das ich nur noch verringert wahrnehme, wie bedrückend und veränderungswürdig meine Situation ist.

Ist das bei der Behandlung mit Psilocybin anders?

Halluzinogene betäuben die Gefühle nicht, sondern aktivieren das Gefühlsleben. Dadurch fühlen die Patienten sehr intensiv und zugespitzt Ängste, Trauer, Wut ebenso wie Freude, Verbundenheit und Zuversicht. Das kann intensiv und beanspruchend für Patienten und Therapeuten sein, der Umgang damit ist nicht immer einfach.

»Halluzinogene aktivieren das Gefühlsleben«

Die Gefühlsaktivierung führt jedoch viel eher dazu, dass sich wirklich etwas ändert. Dass ich vielleicht mit dem Chef rede, der mich so wütend macht, oder einen Coach einschalte, der mir hilft, mit meinen Beziehungen oder mir selbst anders umzugehen. Psilocybin fördert also ein aktives Coping. Dazu benötigen wir allerdings gut ausgebildete Therapeuten, die so eine gefühlsintensive sechsstündige Psilocybin-Sitzung meistern können. Eher als in der ambulanten Praxis sehe ich das deshalb in Klinken anwendbar. Dort verfügt man über Behandlungsteams, kann Pausen machen und ökonomischer in Gruppen behandeln.

Ohne Einbettung in eine begleitende Therapie geht es nicht?

In den letzten Jahrzehnten dominierte die neurobiologische Psychiatrie. Deshalb gibt es die Versuchung, psychotherapeutische und soziale Aspekte zu vernachlässigen und zu glauben: Wir schütteln das Gehirn mal ordentlich durch und erwarten dann, dass die Depression weggeht. Doch so einfach ist es nicht. Die Studie der britischen Kollegen hat gezeigt, dass eine Psilocybin-Gabe allein kaum wirklich dauerhafte Veränderungen bewirkt. Ich glaube: Erst wenn die Psilocybin-Gaben konsequent in eine psychotherapeutische Behandlung eingebettet werden, kann man den dadurch geöffneten Zustand maximal für innere und äußere Veränderungen nutzen – und damit richtig viel erreichen.

Wie kommt es, dass in Deutschland derzeit nicht mit Psilocybin geforscht wird?

Seit 2004 gibt es das neue Arzneimittelgesetz. Damit wurden die Hürden für Forscher denen für die Pharmaindustrie gleichgestellt. Das ist absurd, wenn man bedenkt, wie groß der Unterschied der jeweils zur Verfügung stehenden Finanzmittel ist. Leider sind seitdem experimentelle Studien mit jeglichen Pharmaka massiv erschwert und mit sehr hohen Kosten verbunden. Hatten wir bisher für einen Psilocybin-Versuch mit zwölf Versuchspersonen Kosten zwischen 5000 und 10 000 Euro, so sind wir heute bei hunderttausenden Euro. Das können selbst große Universitätskliniken nicht bezahlen.

Folglich hat man die Forschung an allen nicht unmittelbar lukrativen Pharmaka gestoppt, experimentelle Forschungsprojekte an Pharmaka gingen um etwa 80 Prozent zurück. Jene mit Halluzinogenen wurden sogar komplett eingestellt. Ohne diese engstirnigen Vorgaben wären wir in Deutschland erheblich weiter. So konnten wir 2008 eine LSD-Studie, für die alle Genehmigungen vorlagen, wegen genau dieser Probleme doch nicht durchführen. Andere EU-Länder wie Holland oder Spanien umgehen die Regelungen, indem sie Psychedelika nicht als Pharmaka, sondern als zu erforschende Freizeitdrogen behandeln. Die Engländer tun einfach so, als gäbe es die neuen Vorgaben nicht. Und die Schweizer, die seit Jahrzehnten führend auf diesem Gebiet sind, unterliegen nicht den EU-Richtlinien.

Zeigen die Pharmaunternehmen Interesse an dieser Forschung?

Nein, sie haben an Halluzinogenen kein Interesse. Antidepressiva verkaufen sich nach wie vor prächtig. Bei den Halluzinogenen geht es um Mittel, mit denen man eine Psychotherapie vertiefen und beschleunigen kann. Dadurch verabreicht man nur drei- bis fünfmal gezielt eine Dosis unter besonders geschützten Bedingungen. Das ist nichts, mit dem die Pharmaindustrie Geld verdienen kann – jedenfalls nicht im Vergleich zu Antidepressiva, die über Monate oder Jahre täglich eingenommen werden sollen. Außerdem kann man die Halluzinogene, die bereits in den 1960er Jahren in der Psychotherapie angewandt wurden, heute nicht mehr patentieren lassen.

Wie sehen Sie die Aussichten auf eine Zulassung von Psilocybin in den USA, in Deutschland und in den Nachbarländern – auch im Vergleich zu anderen Halluzinogenen?

Wegen der Krise der Psychopharmakologie richten sich aktuell große Hoffnungen auf den therapeutischen Einsatz von Halluzinogenen. Nicht nur für Depressionen, sondern auch bei Angsterkrankungen und in der Traumatherapie. Ob man Psilocybin so schnell als Medikament wird entwickeln können, beurteile ich etwas skeptisch, denn es ist noch viel zu erforschen. So machen Schweizer Wissenschaftler derzeit eine Studie mit Psilocybin bei Depressiven, in der zahlreiche Faktoren der Behandlung variiert werden, um ein optimales Vorgehen herauszufinden. Dadurch können wir lernen, wie oft Psilocybin verabreicht werden sollte, in welcher Dosis und wie viel Psychotherapie idealerweise dazugehört.

Bis das fundiert ergründet ist, dauert es noch etwas. Realistischer ist die Zulassung von MDMA schon in den nächsten Jahren. Auf Grund der längeren Vorlaufzeit liegt zur MDMA-unterstützten Psychotherapie eine Vielzahl von Studien vor. Eine entsprechende Therapeutenausbildung wurde bereits vor Jahren von der FDA anerkannt.

Wenn es gut läuft, könnte es schon in den nächsten Jahren zu einem Boom all dieser neuen Therapieoptionen kommen. Das hängt jedoch auch davon ab, ob die psychiatrische Profession sich für diesen Richtungswechsel öffnen kann: von der medikamentösen Gefühlsminimierung hin zum therapeutischen Umgang mit einer aktivierten Gefühlswelt.

Kognitive Verhaltenstherapie verändert die Hirnaktivität

Die erfolgreiche Behandlung einer Panikstörung mittels kognitiver Verhaltenstherapie schlägt sich in einer geänderten Hirnaktivität nieder. Das berichten Wissenschaftler um Benjamin Straube und Tilo Kircher von der Philipps-Universität Marburg im American Journal of Psychiatry (doi 10.1176/appi.ajp.2019.19020202). An der Studie waren Arbeitsgruppen 6 weiterer Universitäten beteiligt: aus Berlin, Bremen, Dresden, Greifswald, Münster und Würzburg.

„Die Entstehung einer Panikstörung wird regelmäßig von einer verzerrten Verarbeitung von sprachlichen und nichtsprachlichen Bedeutungen über die Welt und sich selbst begleitet“, erläutert Tilo Kircher, Direktor der Marburger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Eine kognitive Verhaltenstherapie wirke daraufhin, die krankhafte Sprachverarbeitung zu normalisieren.

Die Wissenschaftler schlossen 118 Patienten in die Studie ein, deren Panikstörung noch nicht mit einer kognitiven Verhaltenstherapie behandelt wurde. 42 davon erhielten im Rahmen der Studie eine solche Therapie und wurden danach wiederholt getestet. Als Vergleich dienten 150 gesunde Probanden.

Das Team nutzte die Magnetresonanz-Bildgebung, um die Hirnaktivitäten der Studien­teilnehmer zu untersuchen, während diese gleichzeitig eine sprachliche Aufgabe bewältigten. Bei dieser Aufgabe ging es um die Vorbereitung der Symptome einer Panikattacke durch typische Auslöser von Panik, etwa durch das Wort „Aufzug“, das Betroffene oft mit dem Gefühl von auswegloser Enge und Angst verbinden.

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Haben Patienten mit einer Panikstörung noch keine kognitive Verhaltenstherapie absolviert, so nehmen sie laut den Forschern eine stärkere Zusammengehörigkeit zwischen Panik-auslösenden und symptombeschreibenden Wörtern wahr als gesunde Probanden. Dieser Effekt spiegelte sich in der veränderten Aktivität bestimmter Hirnareale wider.

Nach der Verhaltenstherapie hatte sich die sprachliche Verarbeitung der Studien­teilnehmer normalisiert. Dieser Behandlungserfolg schlug sich in der Hirnaktivität nieder: Sie ist in einem Hirnareal gedämpft, das panik-bezogene Wortpaare verarbeitet. „Offenbar unterbindet die kognitive Verhaltenstherapie Assoziationen, die für Patienten mit Panikstörung symptomatisch sind“, folgte der Erstautor der Publikation, Yunbo Yang.

Genetischer Zusammenhang zwischen Panikstörungen und Depressionen entdeckt

Panikstörung und Depressionen sowie Neurotizismus haben genetische Gemeinsamkeiten. Das berichten Wissenschaftler des Marburger Instituts für Humangenetik in Molecular Psychiatry (2019; doi: 10.1038/s41380-019-0590-2).

Die Forscher um Andreas Forstner analysierten im In- und Ausland das Erbgut von Patienten mit Panikstörungen und verglichen die Daten mit denen gesunder Personen. Die Studie schließt 2.248 Patienten ein, deren Panikstörung laut den Autoren klinisch gut charakterisiert ist. Außerdem umfasst die Analyse 7.992 gesunde Kontrollpersonen. Die Proben stammen aus 4 europäischen Ländern: Dänemark, Estland, Deutschland und Schweden.

Das Team analysierte Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs) – Genvarianten, die sich in einem einzelnen Basenpaar von anderen Versionen desselben Gens unterscheiden. Die Forschungsgruppe überprüfte, ob SNPs an bestimmten Genorten bei Patienten mit Panikstörung häufiger vorkamen als bei gesunden Personen.

Dabei fanden sie einen genetischen Zusammenhang zwischen einer Panikstörung und anderen Erkrankungen, wie depressiven Störungen sowie einem Neurotizismus. Darunter versteht man einen Aspekt der Persönlichkeit, der sich unter anderem durch erhöhte Reizbarkeit auszeichnet.

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„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Angststörungen und Depression die extremen Ausprägungen von seelischen Veranlagungen sein könnten, die auch jeder ganz normalen, gesunden Persönlichkeit zugrunde liegen“, berichten die Autoren. 

Häufiger und länger krankgeschrieben

Jeder sechste Tag, an dem Beschäftigte im Job krankheitsbedingt fehlen, geht auf psychische Erkrankungen zurück. Besonders Arbeitnehmer in den Gesundheitsberufen sind betroffen, wie der BKK-Gesundheitsreport zeigt.

Arbeitnehmer sind immer häufiger krankgeschrieben. Die Arbeitsausfälle dauern zudem immer länger. Die Beschäftigten in der Altenpflege und im Gesundheitswesen stehen unter besonderem Druck. Das sind Ergebnisse aus dem neuen BKK-Gesundheitsreport, der am Donnerstag vorgestellt wurde.

Ein Schwerpunkt des Reports sind die psychischen Erkrankungen. 2018 schlugen sie rechnerisch mit 2,9 Fehltagen je Arbeitnehmer zu Buche. Gemessen an allen Fehltagen je Beschäftigten macht das fast jeden sechsten Ausfalltag aus (15,7 Prozent).

Psychische Störungen liegen damit hinter den Muskel-Skelett-Erkrankungen (23,8 Prozent) und den Atemwegserkrankungen (16,4 Prozent) auf Platz drei (siehe nachfolgende Grafik).

Gesundheitsberufe stark betroffen

Der Blick aufs Detail offenbart, dass Angehörige der Gesundheitsberufe, Erzieher und Sozialarbeiter stark betroffen sind. Im Gesundheits- und Sozialwesen fielen je Beschäftigten knapp vier Arbeitstage aus.

Für die Autoren des Reports ist es „wenig überraschend“, dass vor allen anderen Berufsgruppen die Beschäftigten in der Altenpflege unter „psychosozialem Stress“ leiden. Beleg seien die 5,8 AU-Tage, die rein rechnerisch jeder der mehr als 1,1 Millionen Beschäftigten in der Altenpflege im Jahr 2018 aufweist. Nur Arbeitssuchende sind länger krankgeschrieben, nämlich im Schnitt 15,2 Tage.

Allerdings können Menschen mit einem seelischen Leiden durchaus am Arbeitsleben teilnehmen. Laut Report war nur jeder Achte mit dem Befund „depressive Episode“ (F32) auch tatsächlich arbeitsunfähig.

„Arbeit macht eher gesund als krank“, berichtete Professor Holger Pfaff, Direktor des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft der Universität Köln. Zudem ließen sich psychische Störungen in der Arbeitsumgebung „manchmal fast besser erkennen als in einem privaten Kontext“, sagte Dr. Ulrich Birner von der Siemens AG. Merkmale seien das Leistungs- und Sozialverhalten.

Fehltage binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt

In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen dennoch insgesamt mehr als verdoppelt (plus 129,4 Prozent). Die Betroffenen sind mit im Schnitt 37 Tagen je Fall deutlich länger krankgeschrieben als Menschen mit somatischen Erkrankungen. Dieser Wert geht vor allem auf die Langzeiterkrankten zurück.

Groß seien die Fortschritte bei Diagnostik und Therapie: Betroffene würden früher erkannt und behandelt. Zudem nehme die Stigmatisierung psychisch Erkrankter ab.

„Die Mediziner diskutieren offener darüber, aber auch die Menschen mit psychischen Erkrankungen verstecken sich nicht mehr. Früher wurden somatische Folgen wie Migräne und Unwohlsein festgestellt“, kommentiert BKK-Dachverbands-Chef Franz Knieps die Entwicklung.

Grippewelle sorgt für Rekordwert

Seit 2008 ist die Zahl der Krankentage je Beschäftigten in Deutschland um 46,5 Prozent von 12,6 auf 18,5 gestiegen. Jeder versicherungspflichtig Beschäftigte war im vergangenen Jahr 1,44 Mal krankgeschrieben, um 37,7 Prozent häufiger als noch 2008.

Vor allem die Grippewelle des vergangenen Jahres trieb den Krankenstand auf einen Rekordwert von 5,1 Prozent. Das bedeutet, dass von der Soll-Arbeitszeit in den Betrieben gut ein Zwanzigstel ausgefallen ist.

Genetische Veranlagung nicht allein Schuld an Adipositas

In Deutschland sind 60 Prozent der Bevölkerung übergewichtig, ein Vier­tel ist bereits adipös. Das geht aus einem heute veröffentlichten Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hervor.

Demnach sind die Ursachen für Übergewicht und Adipositas vielfältig und komplex: Dazu gehören genetische Veranla­gungen und epigenetische Veränderungen ebenso wie indivi­du­elles Verhalten, zum Beispiel Lebensstile oder ein Mangel an Bewegung.

Hinzu kommen Rahmenbedingungen, die zum Beispiel zu einem Überangebot und einer ständigen Verfügbarkeit von Nahrung führen. Der aktuelle Forschungsstand lasse den Schluss zu, dass genetische Veranlagungen allein die Häufigkeit und das Ausmaß von Übergewicht und Adipositas nicht erklären können, so die Autoren. Daher sollten indivi­du­elle Verhaltensweisen, soziale Normen sowie kulturelle und ökonomische Rahmenbe­dingungen in den Blick genommen werden.

Ziel müsse es dabei sein, die Entstehung von starkem Übergewicht und Adipositas insbe­sondere bei Kindern und Jugendlichen zu verhindern und die Lebensqualität der Betroffe­nen zu verbessern.

Dazu haben die Wissenschaftler in dem Diskussionspapier verschiedene Maßnahmen zusammengefasst: Sie empfehlen unter anderem die Prävention von Übergewicht durch Informationen über gesunde Ernährungsgewohnheiten und regelmäßige Bewegung, die in den Alltag eingebaut werden kann.

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Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen sollten diejenigen Vorlieben und Gewohn­heiten gefestigt werden, die Übergewicht vorbeugen. Die Autoren empfehlen zudem politische Maßnahmen wie eine Besteuerung einzelner Nahrungsmittel und gezielte Werbeverbote.

Im Hinblick auf die von Adipositas betroffenen Menschen fordern sie eine adäquate und evidenzbasierte medizinische Versorgung. Zudem müsse durch Aufklärung und Wissens­ver­mittlung zu Adipositas der Stigmatisierung Betroffener entgegengewirkt werden, da diese die Lebensqualität übergewichtiger und adipöser Menschen weiter verschlechtere.

Die Experten haben darauf hingewiesen, dass einzelne Ansätze für sich kaum erfolgver­sprechend seien, sondern ein Bündel von Maßnahmen initiiert werden sollte. Kurzfristig könne die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas allerdings nicht verringert werden. Alle in dem Diskussionspapier benannten Schritte setzten auf mittel- und langfristige Effekte. 

Bluttest misst traumatische Stresserlebnisse in Kindheit und Jugend

Misshandlungen und Gewalt an Kindern und Jugendlichen führen zu einer chronischen Entzündungsreaktion im Körper, die laut einer Studie in JAMA Pediatrics (2019; doi: 10.1001/jamapediatrics.2019.3875) am Übergang zum Erwachsenenalter durch einen Bluttest gemessen werden kann.

Die zunehmenden sozioökonomischen Unterschiede in vielen Ländern, Flüchtlingskrisen und der Klimawandel haben zur Folge, dass Kindheit und Jugend für immer mehr Men­schen mit körperlicher und seelischer Gewalt verbunden sind. Die traumatischen Erleb­nisse können mentale und körperliche Krankheiten im Erwachsenenalter zur Folge haben, deren gemeinsamer Nenner eine erhöhte Entzündungsreaktion im Körper ist. Die bisheri­gen Biomarker CRP (C-reaktives Protein) und IL 6 (Interleukin 6) sind nicht in der Lage, die betroffenen Personen zu identifizieren.

Ein Team um Hartmann Rasmussen von der Duke University in Durham hat deshalb nach einem besseren Biomarker für die gesundheitlichen Folgen traumatischer Erlebnisse in Kindheit und Jugend gesucht. Die Forscher haben dazu die Daten der Environmental Risk Longitudinal Twin Study ausgewertet, die seit1994/95 eine Gruppe von Zwillingen aus verschiedenen Gruppen der britischen Bevölkerung begleitet.

Die Heranwachsenden wurden im Alter von 5, 7, 10, 12 und zuletzt 18 Jahren nach 20 ver­schiedenen traumatischen Erlebnissen befragt. Dazu gehörten körperlicher, sexueller und emotionaler Missbrauch und verschiedene Formen der Vernachlässigung im Kindes­alter sowie negative Erfahrungen als Teenager.

Im Alter von 18 Jahren wurden bei den Teilnehmern Blutproben entnommen. Dort wurde neben CRP und IL 6 auch der lösliche Urokinase-Plasminogen-Aktivator-Rezeptor (suPAR) bestimmt. Es handelt sich um ein Membranprotein von Abwehrzellen, das bei einer er­höhten entzündlichen Aktivität ans Plasma abgegeben wird.

Gewalterlebnisse waren keineswegs selten: 213 Kinder (15,3 %) waren der Gewalt durch Intimpartner der Mutter oder des Vaters ausgesetzt, 354 Kinder (25,4 %) wurden von Gleichaltrigen gemobbt oder waren in Kindheit und Jugend Straßenkriminalität ausge­setzt. 129 Kinder hatten gleich mehrere Arten von Gewalt erlebt.

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Diese Erfahrungen hinterließen Spuren in den 3 Entzündungsparametern, von denen su­PAR sich als der zuverlässigste Biomarker erwies. Jede negative Kindheitserfahrung er­höhte die suPAR-Konzentration um 0,03 ng/ml, bei schwerwiegenden kindlichen Miss­handlungen stieg der Serumwert um 0,09 ng/ml pro Trauma. Negative Erfahrungen im Jugendalter erzeugten einen Anstieg um jeweils 0,04 ng/ml. Die 95-%-Konfidenzin­ter­valle waren weit und im Fall der Jugenderlebnisse nicht signifikant.

Dennoch könnte der Biomarker für die Beurteilung der gesundheitlichen Folgen von traumatischen Erlebnissen herangezogen werden, meint Rasmussen. Die Kombination mit CRP und IL 6 könne die Beurteilung weiter erleichtern. Es fehlt allerdings noch die Bestätigung aus anderen Kohortenstudien, wobei der Bluttest sicherlich nicht die psychi­atrische Anamnese ersetzen kann. Schließlich müsste noch untersucht werden, ob der Bio­marker tatsächlich mit einer erhöhten körperlichen und mentalen Morbidität im Er­wachsenenalter verbunden ist. 

Gedächtnistraining wirkt über die Strategiebildung

Gedächtnisübungen trainieren im Wesentlichen die Anwendung verschiedener Strategien zur Bewältigung von Merkaufgaben. Dies – und nicht eine gesteigerte Merkfähigkeit – wirkt sich dann auf das Ergebnis des Trainings aus. Das berichten Forscher der Abo Akademi University, Finnland, und der Umea University, Schweden, im Journal of Memory and Language (DOI: 10.1016/j.jml.2019.104064).

Den Autoren zufolge erklärt dies, warum die Auswirkungen des Gedächtnistrainings begrenzt seien. „Typischerweise sind Verbesserungen nur auf Aufgaben beschränkt, die der Trainingsaufgabe sehr ähnlich sind – das Training hat Möglichkeiten zur Verfügung gestellt, eine bestimmte Art von Aufgaben zu bewältigen, aber nicht viel mehr“, schreiben sie.

Die Studie umfasste 258 erwachsene Personen, die in 3 Gruppen randomisiert wurden. 2 der Gruppen absolvierten eine 4-wöchige Arbeitsgedächtnis-Trainingsphase, in der die Teilneh­mer 3 x 30-minütige Trainingseinheiten pro Woche mit einer Aufgabe zur Aktualisierung des Arbeitsgedächtnisses absolvierten. Eine Gruppe trainierte mit einer extern bereitgestellten Strategieanweisung, während die andere Gruppe ohne die Strategieanweisung trainierte. Die 3. Gruppe diente als Kontrolle und nahm nur an einem sogenannten Pretest, Interme­diate Test und Posttest teil.

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„Beide Trainingsgruppen zeigten einen sich abzeichnenden Transfer auf untrainierte Auf­gabenvarianten bereits im Zwischentest nach 3 Trainingseinheiten, der sich nach 12 Trai­ningseinheiten auf alle untrainierten Aufgabenvarianten erstreckte“, so die Wissenschaftler. Die Trainingsgruppe Strategie übertraf die traditionelle Trainingsgruppe nur zu Beginn des Trainings – bis die Teilnehmer in der traditionellen Trainingsgruppe ebenfalls Strategien entwickelt hatten. 

Veraltetes Wissen führt zu falscher Behandlung

Beim Chronic Fatigue Syndrome handelt es sich laut aktueller Studien entgegen früherer Annahmen um eine körperliche und nicht um eine psychische Erkrankung. Betroffene in Deutschland beklagen die katastrophale Versorgungslage aufgrund des veralteten Wissensstands von Ärzten, Behörden und der Regierung.

Birgit Gustke leidet seit Jahren am Chronic Fatigue Syndrome, das auch Myalgische Enzephalomyelitis genannt wird, abgekürzt ME/CFS oder nur CFS. Ihre begrenzten Kraftreserven nutzt sie, um in der Selbsthilfegruppe Fatigatio andere Betroffene zu beraten.

„Der Junge ist seit vier Jahren erkrankt und anfangs ist er mehrmals in die Kinder- und Jugend-Psychiatrie eingewiesen worden, für drei Monate, für sechs Monate, verlängert. Wurde auch dort mit Bewegung therapiert und es wurde auch einfach gesagt: Wenn du jetzt diese Stunde nicht schaffst, dann kommst du so bald gar nicht nach Hause.“

„Nun beweg dich doch!“, diese Aufforderung hören viele Patienten, aber genau das können sie eben nicht so einfach. Und das liegt nicht an ihrer Psyche oder ihrer Einstellung, erklärt Prof. Carmen Scheibenbogen, die Leiterin des Fatigue oder Erschöpfungs-Centrums der Berliner Charité. 

ME/CFS ist eine körperliche Erkrankung

„Also die Studien der letzten Jahre zeigen sehr klar, dass es sich um eine körperliche Erkrankung handelt, bei der wir sehr viele Veränderungen haben, die das Immunsystem betreffen und das sogenannte autonome Nervensystem. Also alles, was wir nicht bewusst steuern. Und es gibt ältere Studien, die lange Zeit auch das Konzept verfolgt haben, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt, aber das wird durch die aktuellen Studien widerlegt.“

Das überholte Modell geht davon aus, dass CFS-Patienten durch ein Ereignis wie eine schwere Infektion ins Bett gezwungen wurden, sich kaum rühren konnten. Aber auch nach dem Ende der akuten Erkrankung muteten sie sich keine Anstrengung mehr zu. Ihre Psyche bleibe sozusagen in einem erschöpften Selbstbild gefangen. Deshalb wurden Verhaltenstherapien verschrieben oder auch ein Bewegungsprogramm, das den Patienten zeigen sollte: Es geht doch! Die große Pace-Studie aus England schien dieses Konzept zunächst zu bestätigen. Das Problem: Eine neue Analyse der Daten von 2018 zeigt: Weder Verhaltenstherapie noch körperliche Aktivierung helfen den Patienten.

Überholte Therapieansätze immer noch üblich

„Nichtsdestotrotz berufen sich bis heute ganz viele auf diese Arbeit und diese Arbeit ist auch Grundlage für vieles, was zum Beispiel gemacht wird, auch in Kliniken gemacht wird, oder auch in Leitlinien. Leitlinie Müdigkeit – auch da werden die zitiert.“

Diese Leitlinie ist sehr umstritten, aber sie steht nicht allein mit ihrem Festhalten an alten Vorstellungen. Auch der einzige Bericht des Robert-Koch-Instituts zu CFS nennt die Pace Studie „ermutigend“. Die Aussage stammt aus dem Jahr 2015 und ist somit überholt. Und schon damals hat das RKI die eigenen Aussagen eingeschränkt.

„Der Bericht stützt sich (..) auf evaluierte Daten und Erkenntnisse Dritter, ohne eine Bewertung der Methoden vornehmen zu können. Die Thematik ist kein Schwerpunkt oder langfristiges Themengebiet am RKI.“

Trotzdem wirkt der Bericht bis heute nach, wie sich kürzlich bei der Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage der Grünen zu „ME/CFS – Aktuelle Situation in Versorgung und Forschung“ zeigte, erklärt Carmen Scheibenbogen.

Veraltetes Wissen führt zu falschen Behandlungen

„Der Bericht vom Robert-Koch-Institut ist Grundlage gewesen für eine aktuelle Stellungnahme zu dieser kleinen Anfrage der Grünen. Insofern ist er natürlich für uns nachteilig, weil der Wissensstand dort ist veraltet.“

In der Vorbemerkung zur Stellungnahme schreibt die Bundesregierung zwar, dass die Ursachen und Mechanismen der Erkrankung kontrovers diskutiert werden. In den einzelnen Antworten wird dagegen immer wieder indirekt auf das psychologische Erklärungsmodell verwiesen. Und: Generell gebe es in Deutschland „insgesamt sehr gute Rahmenbedingungen für eine entsprechende medizinische Versorgung“.

Das allerdings sieht Birgit Gutske ganz anders: „Weder Ärzte wissen ausreichend Bescheid noch Behörden sind über das Krankheitsbild informiert. Und die Antworten und Beschwerden und Hilferufe unserer Mitglieder sind alle dahingehend, dass es eine katastrophale Versorgung im medizinischen und sozialrechtlichen Bereich gibt.“

Betroffene beklagen katastrophale Versorgungslage

Gerade einmal zwei Behandlungszentren gibt es derzeit in ganz Deutschland. Immerhin, am Fatigue Centrum der Charité melden sich immer mehr Ärzte, die sich beim Thema Chronisches Erschöpfungssyndrom weiterbilden wollen und inzwischen suchen auch die Sozialversicherungen das Gespräch mit Carmen Scheibenbogen.

„Und daher hoffen wir auch, dass wir mit der Rentenversicherung ein Stück weiter kommen und diese neuen Konzepte umsetzen können.“

Andere Länder sind längst weiter mit der Neuorientierung beim Chronischen Erschöpfungssyndrom. In den USA haben die National Institutes of Health 2017 eine Forschungsinitiative gestartet. CFS-Wissenschaftler werden auch großzügig von privaten Spenden unterstützt. Und im März diesen Jahres hat sich das dänische Parlament gegen die Stigmatisierung der ME/CFS Patienten gewandt und konkret den Aufbau von spezialisierten Behandlungszentren angestoßen, die ein somatisches, also körperliches Krankheitsmodell zugrunde legen sollen. Birgit Gustke hofft, dass die neuen Erkenntnisse beim Chronischen Erschöpfungssyndrom bald auch den rund 300.000 Patienten in Deutschland zu Gute kommen werden.

„Also mein Traum wäre wirklich mindestens in jedem Bundesland ein Beratungszentrum für ME/CFS Patienten, wie es das bereits für Krebs oder MS Patienten gibt.“