Essstörungen: Förderung von Früherkennung, Frühintervention und Forschung gefordert

Früherkennung, Frühintervention und Forschung zu Essstörungen müssen dringend verstärkt gefördert werden. Das hat die Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universitätsklinik Aachen, Beate Herpertz-Dahlmann, gefordert.

„Zwischen dem Beginn der Symptomatik einer Anorexia nervosa und der Erstvor­stellung vergehen in Deutschland sechs Monate – das ist im europäischen Vergleich viel zu lang“, erklärte sie heute bei einem Symposium der Leibniz-Gemeinschaft in Berlin zum Thema Körperwahrnehmung, Selbstoptimierung und Magersucht. Außerdem sei viel zu wenig über die Erkrankung bekannt.

Psychische Begleiterkrankungen und genetische Disposition

Anorexia nervosa ist eine lebensbedrohliche psychische Erkrankung, die nach Angaben von Herpertz-Dahlmann mit einer sechsfach erhöhten Mortalitätsrate einhergeht. Jedes 100. bis 200. Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren in Deutschland ist betroffen. Die Lebenszeitprävalenz liegt für die 20- bis 40-Jährigen bei 1,2 bis 2,2 Prozent; Frauen erkranken zehn- bis 20-mal so häufig wie Männer. Anorexie ist die dritthäufigste chronische Erkrankung im Jugendalter. Die Aufnahmeraten in die stationäre Behand­lung steigen an.

Die Kinder- und Jugendpsychiaterin wies auch auf die psychischen Begleiterkran­kun­gen von Essstörungen hin: Depression, Angsterkrankungen und Zwangsstörungen. Suchterkrankungen treten zwar bei Bulimie begleitend auf, jedoch nicht bei Anorexie. Für Anorexie gibt es zudem eine genetische Disposition. „Häufig weisen auch die Mutter und weibliche Geschwister Essstörungen auf“, sagte Herpertz-Dahlmann. Das Risiko eine Essstörung zu entwickeln, steige zudem mit zunehmendem Alter des Vaters, wie generell für psychische Erkrankungen.

Voraussetzung für Psychotherapie oftmals nicht mehr gegeben

Die Persönlichkeit von Patienten mit Anorexie sei geprägt von einem Gefühl der Wertlosigkeit, einer zwanghaften Rigidität und einem hohen Verantwortungs­bewusstsein. Warum die Erkrankung meist in der Pubertät auftritt, begründete Herpertz-Dahlmann mit dem veränderten Östrogenstoffwechsel und den allgemeinen Entwicklungsaufgaben in der Pubertät. „Anorexie ist nicht nur eine psychische Erkrankung, sondern auch eine metabolische Störung.“

Die Therapie im stationären Bereich bestehe an der psychiatrischen Klinik in Aachen vor allem aus Ernährungstherapie, Psychoedukation und störungsspezifischer Psycho­therapie. Letztere könne aber erst dann erfolgen, wenn die Patientin auf dem Weg zur Gewichtszunahme sei. „Der Östrogenmangel durch die Anorexie hat Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten – die Voraussetzung für eine Psychotherapie sind oftmals nicht mehr gegeben“, berichtete die Klinikdirektorin.

Auch die Familie der Betroffenen werde in die Therapie einbezogen. Ganz neu sei das Home-Treatment als therapeutisches Element hinzugekommen, auch um ein besseres Verständnis für die Situation im häuslichen Umfeld der Betroffenen zu bekommen.

Experten sehen Therapiedefizit bei Patienten mit Essstörungen

Patienten mit Essstörungen erhalten nach Expertenmeinung zu wenig therapeutische Hilfe. Bei der Binge-Eating-Störung etwa, den Essanfällen, bestehe noch ein erhebliches Defizit in Deutschland, sagte Anja Hilbert vom Adipositas-Forschungszentrum der Universität Leipzig anlässlich eines internationalen Kongresses. Nur etwa 40 Prozent der betroffenen Erwachsenen erhielten eine ausreichenden Therapie.

„Patienten mit der Binge-Eating-Störung essen meist heimlich immense Mengen und nehmen dadurch stark zu“, sagte die Expertin. „Dabei ist die Kapazität zur Behandlung durchaus vorhanden“, sagte Hilbert. Es gebe eine Vielzahl gut ausgebildeter Therapeuten. Sie hätten jedoch zum Teil zu wenig Informationen über diese Krankheit.

Gene können eine Rolle spielen

Aufgabe der Wissenschaft sei es daher, neue Erkenntnisse schnell an die Praxis weiterzugeben, etwa  mit Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen. Auch das Internet biete nunmehr therapeutische Maßnahmen an. So gebe es Programme, die wissenschaftlich fundiert den Patienten online individuell Hilfe leisten könnten.

Die Ursachen für Binge Eating sind ihren Angaben zufolge vielfältig. So gebe es psychische Gründe, bei Kindern etwa Probleme im Elterhaus. Aber auch zu hohe Leistungsansprüche könnten Auslöser sein. Neuere Studien hätten ergeben, das auch genetische Faktoren eine Rolle spielten.

Die Binge-Eating-Störung findet erst seit wenigen Jahren eine stärkere Beachtung, wie die Expertin sagt. Etwa drei bis fünf Prozent der Menschen in Deutschland seien betroffen. „Sie leiden erheblich unter der Störung, fühlen sich oft schuldig, hässlich und ziehen sich mehr und mehr aus dem Sozialleben zurück“, so Hilbert. Die Erkennung und Behandlung sei auch deshalb enorm wichtig, weil die Störung häufig der Grund für Adipositas sei.

Moderiesen beschließen Charta gegen Magermodels

Paris – Nach jahrelangen Debatten um Magermodels auf Laufstegen haben sich französische Dachkonzerne bekannter Modemarken wie Gucci, Saint Laurent oder Dior auf gemeinsame Regeln verständigt. Mit dem gemeinsamen Vorgehen reagieren die Konzerne Kering und LVMH auf Kritik an häufig sehr dünnen Models.

Um Gesundheitsgefährdungen zu verhindern, müssen Models künftig eine Bescheini­gung vom Arzt vorlegen, die nicht älter als sechs Monate sein darf, teilten Kering und LVMH heute in Paris in einer „Charta für das Wohlbefinden von Models“ mit. Darüber hinaus sieht die Charta vor, dass ihre Marken keine Damenmodels mit der Konfektions­größe 32 mehr beschäftigen dürfen.

In der vor Beginn der New Yorker Fashion Week veröffentlichten Charta wird fest­gehalten, dass Castingagenturen weibliche Mannequins erst ab der französischen Konfektionsgröße 34 auswählen sollen. Männermodels sollen mindestens Kleidergröße 44 haben. Verlangt werden auch Gesundheitszeugnisse, die zum Zeitpunkt eines Fotoshootings oder einer Modenschau weniger als sechs Monate alt sein müssen. Die Zertifikate sollen festhalten, dass ein Model bei guter Gesundheit und arbeitsfähig ist.

„Die Regel zur Kleidergröße in Verbindung mit dem weniger als sechs Monate alten Gesundheitszertifikat ist eine sehr starke Maßnahme, die es uns erlauben wird, voranzukommen“, erklärte Kering-Chef François-Henri Pinault. „Viele Menschen wissen nicht einmal, dass es die Größe 32 gibt“, fügte Antoine Arnault hinzu, Mitglied im LVMH-Verwaltungsrat und Sohn von Konzernchef Bernard Arnault. Aber einige Mode­designer fertigten ihre Prototypen in 32 an. Damit sei jetzt Schluss. „Die Größen beginnen künftig bei 34, und das ist auch schon ziemlich klein“, sagte er.

Künftig sollen die Marken von LVMH und Kering auch keine Models unter 16 Jahren mehr beschäftigen, wenn Erwachsenenmode vorgeführt werden soll. In der Vergangen­heit traten immer wieder 14 oder 15 Jahre alte Mädchen bei Modenschauen auf, was häufig auf Kritik stieß. Die Charta führt zudem neue Regeln für den Umgang mit Models im Alter zwischen 16 und 18 Jahren ein.

Die beiden konkurrierenden Modekonzerne reagieren mit ihrer gemeinsamen Charta auf die immer wieder aufflammende Kritik an sehr dünnen Models. Nicht nur gibt es Befürchtungen um die Gesundheit der Mannequins; kritisiert wird auch ein schlechtes Vorbild für junge Frauen, die sich auf Modelmaße herunterhungern.

In Frankreich traten im Mai neue rechtliche Vorgaben im Kampf gegen Magermodels in Kraft. Verlangt wird insbesondere ein Gesundheitszeugnis mit dem Body-Mass-Index. Die Bescheinigungen müssen alle zwei Jahre erneuert werden – in dieser Hinsicht geht die Charta von LVMH und Kering über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Wer Models ohne Bescheinigung beschäftigt, dem drohen nach früheren Angaben sechs Monate Gefängnis und 75.000 Euro Strafe.

Insulinnasenspray könnte helfen, das Essverhalten zu regulieren

Insulin im Gehirn aktiviert bestimmte Hirnregionen und kann so helfen, das Hungergefühl zu regulieren. Darauf deuten Untersuchungen von Forschern des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) aus Tübingen hin. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in Scientific Reports (2017, DOI:  10.1038/s41598-017-01907-w).

Um die Wirkungsweise von Insulin besser zu verstehen, haben Forscher 25 gesunden schlanken, zehn übergewichtigen und 12 adipösen Erwachsenen Insulin oder einen Placebo gegeben. Durch die Applikation des Hormons über ein Nasenspray wird die Bluthirnschranke umgangen und das Insulin gelangt direkt ins Gehirn. Dreißig Minuten nach der intranasalen Insulingabe wurden die Hirnaktivitäten im Magnetresonanz­tomographen untersucht. Weitere eineinhalb Stunden später befragten die Autoren die Teilnehmer nach ihrem subjektiven Hungergefühl, was zu unterschiedlichen Antworten in Abhängigkeit vom Körpergewicht führte.

Das intranasale Insulin verbessert bei allen Studienteilnehmern, vor allem aber bei den Übergewichtigen, die funktionalen Verbindungen in den präfrontalen Regionen des Ruhestandsnetzwerks (Default Mode Network, DMN). Diese Gruppe von Hirnregionen wird aktiviert, wenn der Mensch keinerlei Aufgaben nachgeht und sich stattdessen kognitiven Prozessen widmet, wie Tagträumen oder Zukunftsplänen. Es ermöglicht das reizunabhängige Denken. Darüber hinaus verstärken sich die funktionalen Verbin­dungen zwischen dem DMN und dem Hippocampus sowie dem Hypothalamus – eine homöostatische Region, die im Gehirn unter anderem den Salz- und Wasserhaushalt sowie den Blutdruck reguliert.

Bei einer durch Insulin erhöhten Konnektivität zwischen dem DMN und dem Hippocampus wird diese Verkettung zwischen Fettgewebe und dem subjektiven Hungergefühl unterdrückt.Stephanie Kullmann, Deutsches Zentrum für Diabetesforschung, Tübingen

Die beobachteten Veränderungen im Gehirn beeinflussen somit auch das Essverhalten. Sie bewirken, dass sich die Verbindung zwischen Fettleibigkeit und Hungergefühl ändert. Eigentlich haben Menschen mit viel viszeralem Fettgewebe auch mehr Hunger. In der Studie hatten die Teilnehmer nach intranasaler Insulingabe jedoch weniger Hunger. „Bei einer durch Insulin erhöhten Konnektivität zwischen dem DMN und dem Hippocampus wird diese Verkettung zwischen Fettgewebe und dem subjektiven Hungergefühl unterdrückt“, erläutert Stephanie Kullmann, Autorin der Studie.

Verbesserte Insulin-Empfindlichkeit durch intranasales Insulin

Außerdem beobachteten die Wissenschaftler, dass Insulin im Gehirn auch die Wirkung des Hormons im Körper verbessert. Studienteilnehmer mit einer durch Insulin induzierten erhöhten funktionalen Konnektivität im DMN weisen im Körper eine höhere Insulin-Empfindlichkeit auf. Das wirkt Adipositas und Typ-2-Diabetes entgegen.
Die aktuellen Ergebnisse zeigen, dass Insulin im Gehirn durch eine verbesserte funktionelle Verbindung zwischen kognitiven und homöostatischen Regionen im Hirn vielleicht helfen kann, das Essenverhalten zu regulieren und abzunehmen.

Essstörungen: Pränataler Stress begünstigt Heißhungerattacken

Heißhungerattacken, die auf Stress während der Schwangerschaft zurückzuführen sind, werden schon im Gehirn des Fötus programmiert. Entscheidend ist dabei das Geschlecht des Kindes. Eine Essstörung muss aber nicht zwangsläufig daraus resultieren. Sie tritt nur unter bestimmten Auslösern auf und könne durch eine ausgewogene Ernährung der Heranwachsenden verhindert werden, heißt es in der der Studie, die die Forscher vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München in Cell Metabolism publiziert haben (2017; doi 10.1016/j.cmet.2017.05.001).

Es ist bekannt, dass sich die Lebensumstände der Mutter während der Schwangerschaft negativ auf das spätere Leben des Nachwuchses auswirken und Männer wie Frauen für verschiedene Krankheiten anfällig machen können. Mariana Schroeder, Postdoc in der Forschungsgruppe von Alon Chen und Erstautorin einer kürzlich veröffentlichten Studie, wollte herausfinden, ob dieses Phänomen auch bei Essstörungen eine Rolle spielt.

Im Mausmodell konnten die Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie die Aktivierung der zentralen Stressantwort während einer fortgeschrittenen Schwanger­schaft biologisch nachbilden. Dann testeten sie, ob die Nachkommen während der Pubertät anfällig für Heißhungerattacken waren. Sie stellten fest, dass weibliche Nachkommen von Mäusen, die während der Schwangerschaft gestresst waren, eher Fressattacken entwickelten als weibliche Nachkommen nicht gestresster Mäuse.

Das Bemerkenswerteste an der Studie ist, dass wir den Ausbruch von Heißhungerattacken vollständig unterbinden konnten, indem wir den heranwachsenden Mäusen eine ausgewogene Diät verabreichten.Alon Chen, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie

Die Forscher um Schroeder fanden zudem heraus, dass viele Moleküle im Hypothala­mus der betroffenen Nachkommen epigenetisch verändert waren. „Diese Programmie­rung während der Schwangerschaft führt jedoch nicht immer zu gestörtem Essverhal­ten. Erst wenn während der Pubertät bestimmte Auslöser auftreten, machen sich die bereits durch pränatale Programmierung gegebenen Veränderungen bemerkbar“, erklärt die Erstautorin.

„Das Bemerkenswerteste an der Studie ist, dass wir den Aus­bruch von Heißhunger­attacken vollständig unterbinden konnten, indem wir den heranwachsenden Mäusen eine ausgewogene Diät verabreichten“, sagt Alon Chen, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie. Die Studie sei der Beweis dafür, dass Heißhungerattacken eine pränatale Programmierung zugrunde liege.

zum Thema

Zwanghafte Heißhungerattacken sind eine verbreitete Essstörung, von der bis zu drei Prozent der Bevölkerung betroffen sind, hauptsächlich Frauen. Sie nehmen häufig innerhalb kürzester Zeit große Mengen an Nahrung zu sich. Viele Betroffene sind übergewichtig und haben dadurch ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Diabetes und Herzerkrankungen. Häufig leiden Patienten mit Heißhungerattacken auch an Depression und niedrigem Selbstwertgefühl und neigen vermehrt zu Angststörungen.

Adipositas: Intervallfasten in klinischer Studie ohne Vorteile

Chicago – Eine neue Diätstrategie, die das Fasten auf jeden zweiten Tag beschränkt und den Patienten an den anderen Tagen keine Restriktionen auferlegt, hat sich in einer randomisierten klinischen Studie in JAMA Internal Medicine (2017; doi: 10.1001/jamainternmed.2017.0936) als nicht effektiver erwiesen als eine Kalorienrestriktion an allen Tagen. Die Abbruchrate war beim Intervallfasten sogar höher.

Periodisches Fasten ist derzeit sehr on vogue. Wenn die Medien richtig informiert sind, haben Stars wie Beyoncé und Benedict Cumberbatch die Methode für sich entdeckt und auch die Verlage für Ratgeberliteratur sind auf den Zug aufgesprungen. Die wissen­schaftliche Evidenz beruht jedoch – wie häufig bei Diäten zur Gewichtsreduktion – nur auf wenigen Studien mit einer kleinen Teilnehmerzahl und einer kurzen Laufzeit.

Eine Studie der Universität Chicago hat eine Variante der neuen Trend-Diät jetzt an überwiegend adipösen Erwachsenen getestet. Die hundert Teilnehmer der Studie wurden auf drei Gruppen verteilt. Die erste Gruppe wurde zu einem periodischen Fasten angehalten.

Die Teilnehmer sollten die Kalorienmenge an jedem zweiten Tag auf 25 Prozent des Grundbedarfs senken (es gab für sie nur ein kleines Mittagessen), an den Tagen dazwischen durften sie bis zu 125 Prozent der benötigten Kalorien aufnehmen. In einer zweiten Gruppe wurde die tägliche Energiezufuhr auf 75 Prozent gesenkt. Die dritte Gruppe nahm nicht an einer Diät teil.

Die Dauer der Diät war auf sechs Monate beschränkt. In den ersten drei Monaten erhielten die Teilnehmer das Essen gestellt. Danach erhielten sie eine Diätberatung. In einer zweiten Phase von sechs Monaten sollten die Teilnehmer versuchen, ihr Gewicht zu halten. Primärer Endpunkt war die Gewichtsabnahme.

Wie das Team um Krista Varady berichtet, waren beide Diäten gleich erfolgreich. Die Gewichtsabnahme der Probanden gegenüber der Kontrollgruppe betrug in den ersten sechs Monaten in beiden Gruppen 6,8 Prozent. Nach einem Jahr wogen die Teilnehmer des Intervallfastens noch 6,0 Prozent weniger als die Kontrollgruppe. Nach der konven­tionellen Restriktionsdiät waren es 5,3 Prozent weniger als in der Kontrollgruppe. Der Unterschied zwischen den beiden Diäten war nicht signifikant, ein Vorteil ist für Varady deshalb nicht zu erkennen.

Obwohl bei der Intervalldiät auf jeden Fastentag ein „Festtag“ folgte, war diese Diät für die Teilnehmer nicht unbedingt leichter. Im Gegenteil: Der Anteil der Aussteiger war mit 38 Prozent sogar höher als bei der täglichen Kalorienrestriktion, die 29 Prozent der Teilnehmer nicht bis zum Ende durchhielten. Varady befürchtet, dass die Gewichts­abnahme beim Intervallfasten weniger nachhaltig sein könnte als eine Kalorienrestriktion an allen Tagen. Was laut Varady jedoch nicht ausschließt, dass einige Menschen mit einer Intervalldiät gute Ergebnisse erzielen.

Für beide Gruppen hat sich die Diät (vorerst) positiv auf die Gesundheit ausgewirkt. Blutdruck, Herzfrequenz, Triglyzeride, Nüchternblutzucker- und -insulin, Insulinresistenz, C-reaktives Protein und Homocystein verbesserten sich gegenüber der Vergleichs­gruppe, wobei beide Diätvarianenten unterschiedliche Einflüsse auf die Cholesterinwerte hatten. Das „gesunde“ HDL-Cholesterin stieg nach sechs Monaten Intervall-Fasten stärker an als unter dem konventionellen Fasten, während der Abfall des „schlechten“ LDL-Cholesterins nach zwölf Monaten unter dem konventionellen Fasten ausgeprägter war.

Ob die beiden Diäten langfristig ein Erfolg waren, dürfte offen sein. In den meisten Studien nehmen die Patienten nach dem Ende der Betreuung wieder an Gewicht zu, was sich auch in der aktuellen Studie in einem Trend zur Gewichtszunahme in den zweiten sechs Monaten der Studie abzeichnete.

Aktuelle Studie zum Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Ernährung

Wie beeinflusst das, was wir tagtäglich essen und trinken, unser Wohlbefinden? Dieser Frage sind Psychologinnen und Psychologen der Universitäten Gießen und Marburg in einer aktuellen Studie nachgegangen. Siebenundsiebzig Versuchspersonen führten vier Tage lang Protokoll über ihr Ernährungsverhalten und ihr Wohlbefinden und sammelten Speichelproben. Während das Essverhalten allgemein nicht wesentlich zu einem besseren Wohlbefinden beitrug, führte die Einnahme von Getränken wie Saft, Kaffee und Alkohol zu einer Stimmungsverbesserung. Die Ergebnisse der Studie wurden gerade in der Fachzeitschrift „Biological Psychology“ veröffentlicht.
Essen macht glücklich und hilft, Stress abzubauen. Diese Annahme ist weit verbreitet. Tatsächlich konnte in einigen Studien gezeigt werden, dass Menschen gerade in Stresssituationen oder in negativer Stimmung zu (meist ungesunden) Snacks greifen, vermutlich in der Hoffnung, die momentane Stimmung zu verbessern. „Die Vermutung, dass Essen generell das Wohlbefinden verbessert, lässt sich anhand unserer Daten allerdings so nicht bestätigen“ sagt Jana Strahler, Klinische Psychologin an der Justus-Liebig-Universität Gießen. „Vielmehr führten Getränke wie Saft, Kaffee und Alkohol zu einer kurzfristig besseren Stimmung. Der Zusammenhang zwischen Essen und Wohlbefinden war hingegen davon abhängig, ob jemand unter Stress zu verstärktem Essen neigt oder eher ein gezügelter Esser ist.“

Gemeinsam mit Urs Nater von der Philipps-Universität Marburg untersuchte Strahler den Zusammenhang zwischen Ernährungsverhalten, Wohlbefinden und Stress erstmals unter Alltagsbedingungen. Mit Hilfe elektronischer Tagebücher (iPod® touch) befragten sie 77 Erwachsene über vier Wochentage hinweg zu ihrem Ess- und Trinkverhalten sowie zu ihrem Wohlbefinden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gaben fünfmal pro Tag an, was sie seit dem letzten Zeitpunkt gegessen und getrunken hatten, und ob sie noch hungrig seien. Dabei wurde zwischen der Art der Mahlzeit (Hauptgericht, Snack, Süßigkeit, andere) und dem Hauptbestandteil der Mahlzeit (Proteine, Kohlehydrate, Fett, gemischt) unterschieden. Zu jedem Messzeitpunkt gaben sie außerdem an, wie gut ihre Stimmung gerade war, wie viel Energie sie hatten und wie gestresst sie sich fühlten. Sie gaben außerdem zu jedem Messzeitpunkt eine Speichelprobe ab, die auf das Stresshormon Cortisol und das Enzym Alpha-Amylase hin untersucht wurde. Zu Beginn der Studie wurde zudem für jede Person ermittelt, ob man deren Essverhalten eher als „emotional“ oder eher als „gezügelt“ bezeichnen konnte.

Das Forscherteam analysierte den Zusammenhang zwischen der Nahrungsaufnahme und dem Wohlbefinden am jeweils darauffolgenden Messzeitpunkt. „Einen allgemein stressreduzierenden Effekt von süßen und hochkalorischen Speisen haben wir nicht gefunden“, sagt Jana Strahler. Allerdings zeigte sich ein Unterschied zwischen emotionalen und gezügelten Esser-Typen: gezügelte Esser berichteten nach dem Konsum von Süßigkeiten ein höheres Stresserleben, während bei emotionalen Essern das Stressgefühl sank. „Dies deckt sich mit Befunden aus der Essstörungsforschung, die zeigen, dass Frauen mit Anorexie oder Bulimie nach dem Erleben einer Essattacke vermehrt negative Stimmung berichten. Gezügelte Esser erleben den Verzehr hochkalorischer Speisen möglicherweise als Misserfolg. Bei emotionalen Essern scheint der gewünschte hedonische, belohnende, Effekt der Nahrung jedoch aufzutreten“, führt Strahler aus.
Ein relativ robuster Befund aus der Literatur findet sich auch in dieser Studie: die Einnahme fettreicher Nahrung führte zu einer Verschlechterung des allgemeinen Wohlbefindens.

Die Einnahme von Getränken wie Wasser, Saft, Kaffee und Alkohol führte hingegen eher zu einer Stimmungsverbesserung. Koffeinhaltige Getränke führten außerdem zu einem Gefühl von mehr Energie. Alkoholische Getränke führten zu einer Verbesserung aller gemessenen Aspekte des subjektiven Wohlbefindens. „Hierbei ist allerdings zu bedenken, dass Alkohol oft in sozialen Situationen getrunken wird, die auch dazu beitragen können, dass man sich besser fühlt“, erklärt Jana Strahler.

Die Originalstudie finden Sie hier:
Jana Strahler, Urs M. Nater, Differential effects of eating and drinking on wellbeing—An ecological ambulatory assessment study, Biological Psychology, Available online 22 January 2017, http://dx.doi.org/10.1016/j.biopsycho.2017.01.008.

Kontakt bei Rückfragen:
Dr. Jana Strahler
Psychotherapie und Systemneurowissenschaften
Justus-Liebig-Universität Gießen
E-Mail: Jana.strahler@psychol.uni-giessen.de
Tel.: 0641 9926332

Tiefe Hirnstimulation erhöht bei Anorexie nicht nur das Körpergewicht

Toronto – Die tiefe Hirnstimulation einer Region, die auch Zielgebiet bei der Behandlung von Depressionen ist, hat in einer offenen klinischen Studie bei Patientinnen mit Anorexia nervosa allmählich den Body-Mass-Index erhöht, nachdem es zunächst zu einer Besserung der begleitenden Depression und Angststörung gekommen ist. Neben einem neuen Therapieansatz liefert die Publikation in Lancet Psychiatry (2017; doi:10.1016/S2215-0366(17)30076-7) auch neue Einsichten in die Pathogenese der Erkrankung.

Die Ursachen der Anorexia nervosa, die vor allem junge Frauen aufgrund einer pervasiven Beschäftigung mit Körpergewicht, -form und -größe zur Einschränkung der Nahrungsaufnahme veranlasst, ist unbekannt. In der Regel können weder Psycho­therapie noch Medikamente die Patientinnen zu einer bedarfsgerechten Ernährung bewegen. Viele Patientinnen leiden auch unter Depressionen und Angstzuständen.

Dies hat den Neurochirurgen Andres Lozano von der Universität Toronto vor einigen Jahren bewogen, einzelne Patientinnen mit einer tiefen Hirnstimulation zu behandeln. Stimuliert wurde dabei eine jener Regionen, die auch Zielgebiet bei schweren Depressionen ist: Der subgenuale cinguläre Gyrus ist der vorderste Abschnitt des Gyrus cinguli und sein einziger Abschnitt, der sich unterhalb des Corpus callosum befindet („subcallosal cingulate“). Er ist Bestandteil des limbischen Systems, das im Gehirn für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist.

Zwischen September 2011 und Januar 2014 wurden bei 16 Patientinnen in einer stereotaktischen Operation beidseitig Sonden in den „subcallosal cingulate“ vorgeschoben und mit einem Steuergerät verbunden, das Impulse von zunächst 2,5 V, später bis zu 6 V in einer Frequenz von 130 aussendet.

Die Patientinnen in Alter zwischen 21 und 57 Jahren hatten vor der Implantation der Sonden seit 9 bis 29 Jahren an einer Anorexia nervosa gelitten. Alle hatten mehrere erfolglose Therapien hinter sich und alle waren mehrfach wegen Entgleisungen des Stoffwechsels in der Klinik behandelt worden. Die Ethikkommission hatte deshalb keine Einwände gegen die invasive Therapie geäußert.

Die Implantation der Sonden, die bei der Behandlung anderer Erkrankungen wie Parkinson (in eine andere Region) und auch Depressionen Routine ist, verlief weitgehend komplikationsfrei. Bei fünf Patientinnen hielten die postoperativen Schmerzen länger an als die üblichen drei bis vier Tage nach einer Operation. Bei einer Patientin kam es zu einer lokalen Infektion, die die Entfernung der Elektroden erforderlich machte. Sie konnten später wieder implantiert werden. Zwei weitere Patientinnen verlangten später, dass die Elektroden entfernt oder das Gerät abge­schaltet werden sollte. Schwere Komplikationen wie intrakranielle Blutungen oder sogar Todesfälle sind laut Lozano nicht aufgetreten.

Als erstes besserten sich die Depressionen und die Angstzustände. Danach veränderte sich auch das Essverhalten der Patientinnen, und sie begannen langsam an Körper­gewicht zuzunehmen. Nach 12 Monaten war der BMI von 13,83 auf 17,34 kg/m2angestiegen. Die Patientinnen lagen damit zwar immer noch unter der Grenze zum Untergewicht 18,5 kg/m2. Doch die Zunahme um 3,5 Punkte stellt laut Lozano eine deutliche Verbesserung dar.

Die „Hamilton Depression Rating“-Skala verbesserte sich von 19,40 auf 8,79 Punkte nach 12 Monaten, im Beck Anxiety Inventory“-Wert kam es zu einem Rückgang von 38,00 auf 27,14 Punkte. Der „Dysfunction in Emotional Regulation Scale“-Wert sank von 131,80 auf 104,36 Punkte, auch dies eine Verbesserung.

Lozano ist mit den Ergebnissen zufrieden, räumt allerdings ein, dass die Ergebnisse einer Studie mit nur 16 Teilnehmern und einer fehlenden Kontrollgruppe nur eine sehr eingeschränkte Beurteilung zulassen.

Die Studie hat auch die Veränderungen des Hirnstoffwechsels untersucht. Vor der Operation sowie sechs und zwölf Monate danach wurde mittels Positronen-Emissions-Tomographie (PET) der Glukoseverbrauch des Gehirns bestimmt. Lozano hatte vermutet, dass es vor allem in der Insula und der Parietalregion zu Veränderungen kommt, da diese Regionen mit dem Essverhalten und der Körperwahrnehmung assoziiert werden. Hier änderte sich die Glukoseaufnahme der Zellen jedoch nicht.

Stattdessen kam es zu einem Mehrverbrauch im Übergang vom temporalen und parietalen Lappen und dem Gyrus fusiformis. Diese Regionen beeinflussen eher die soziale Wahrnehmung und das Verhalten als die Nahrungsaufnahme. Dies könnte bedeuten, dass es sich bei der Anorexie um ein sekundäres Phänomen handelt, dem eine andere Störung zugrunde liegt. Auch hier dürften die Ergebnisse der Studie noch für Diskussionen unter den Experten für Essstörungen sorgen.

Immer mehr Menschen leiden unter Essstörungen

Berlin – Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter Essstörungen. Die Zahl der Betroffenen stieg bundesweit zwischen 2011 und 2015 um etwa 13 Prozent, teilte heute die Barmer GEK nach Hochrechnung eigener Versichertendaten mit. Waren 2011 noch rund 390.000 Menschen von Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht betroffen, litten vier Jahre später bereits 440.000 darunter.

Allein bei der Barmer GEK galten im vergangenen Jahr demnach mehr als 9.600 Versi­cher­te als magersüchtig. Das waren 14 Prozent mehr als 2011. Die Dunkelziffer dürfte nach Einschätzung der Kasse aber noch „um Vielfaches höher liegen“. Vor allem bei Frauen sei Magersucht ein zunehmendes Problem. Stress, Leistungsdruck und falsche Vorbilder könnten zur Magersucht führen.

Datenbank: Hilfe bei Essstörungen
Essstörungen: Neue Patienteninformation vorgelegt
Systemische Therapie: IQWiG mit positiver Bewertung
BZgA informiert über Beratungsstellen für Essstörungen

Oftmals nehmen die Betroffenen ihr Essverhalten nicht als krankhaft wahr. Deshalb ist Experten zufolge die Rückmeldung von Eltern und Freunden wichtig. Denn neben den psychischen Beeinträchtigungen können Essstörungen auch schwerwiegende organi­sche Schäden nach sich ziehen und schlimmstenfalls sogar tödlich enden.

Teenager: Gemeinsame Familienmahlzeiten vermeiden Übergewicht und Essstörungen

Angesichts einer steigenden Zahl von übergewichtigen und fettleibigen Jugendlichen ist guter Rat teuer. In den USA ist bereits jeder dritte Teenager zu dick. Viele Eltern machen sich Sorgen und betrachten deshalb die Gewichtsentwicklung ihrer Kinder zunehmend kritisch. Ständige Diskussionen über das Gewicht, eventuell sogar Hänseleien über die pummeligen Teenager sind jedoch in der Regel kontraproduktiv, schreiben Neville Golden von der Stanford University School of Medicine und Mitarbeiter in einem Report für die American Academy of Pediatrics.

Auch die Aufforderung zur Diät sei falsch. Diäten im Jugendalter sind für den Experten der falsche Weg. Sie seien nicht nur unwirksam, in Studien erweisen sie sich immer wieder als Risikofaktor für eine Adipositas oder, was noch bedrohlicher ist, für eine Anorexie.

Golden rät zu gemeinsamen Familienmahlzeiten. Teenager sollten nach Möglichkeit nicht alleine essen, da dies schnell zu einer ungesunden Ernährungsweise mit hochkalorischen Nahrungsmitteln führt. Wenn die Eltern das Essen zubereiten, sei die Chance höher, dass die Jugendlichen sich gesund ernähren. Beim Essen sollte niemals über Gewichtsprobleme geredet werden. Diäten sollten ebenfalls Tabu sein. Wenn die Eltern intervenieren möchten, dann sollten sie ihre Kinder eher zu mehr Bewegung motivieren. Das Motiv sollte jedoch die körperliche Fitness sein, niemals aber die Gewichtskontrolle.

zum Thema

PDF der Empfehlung
Pressemitteilung der American Academy of Pediatrics
Pressemitteilung von Stanford Medicine

Kinder sollten sich beim gemeinsamen Essen satt essen dürfen. Viele Eltern unterschätzen den Bedarf von Teenagern. Mit den 2.000 Kilokalorien, die für Erwachsene empfohlen werden, kommen Jugendliche in der Regel nicht aus. Mädchen benötigen im Teenageralter etwa 2.200 Kilokalorien, Jungen sogar 2.800 Kilokalorien am Tag. Wenn sie aktiv Sport treiben, kann der Bedarf sogar deutlich höher sein. Auch gilt aber: Wer anfängt, Kalorien zu zählen, hat in der Regel bereits verloren.