„Beim Essen wird mehr moralisiert als bei der Sexualität“

Beim Essen geht es längst nicht mehr nur darum, dass es schmeckt. Gesund und nachhaltig hergestellt sollen Lebensmittel sein. Soviel Moral beim Essen lässt selbst Großkonzerne nicht kalt.

Egal ob fleischlose Burger, alkoholfreies Bier oder zuckerfreie Snacks: Was Gesundheit und ein gutes Gewissen verspricht, verkauft sich derzeit gut im Lebensmittelhandel. Den Ernährungspsychologen Christoph Klotter von der Hochschule Fulda überrascht das nicht, denn für ihn steht fest: „Beim Thema Essen wird heute mehr moralisiert als bei der Sexualität. Beim Sex ist mittlerweile fast alles zulässig, was einvernehmlich geschieht. Beim Essen ist dagegen immer weniger erlaubt.“

Tatsächlich hat sich nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) der Anteil der Verbraucher, die Wert auf einen gesundheitsorientierten und nachhaltigen Lebensstil legen, in den vergangenen fünf Jahren von 18 auf mehr als 31 Prozent erhöht. Gesundheit und soziale Verantwortung würden deshalb für den Einzelhandel immer mehr zu „Pflichtthemen“, um vor allem für Verbraucher aus der die Mittel- und Oberschicht attraktiv zu bleiben, heißt es in einer aktuellen Studie der Marktforscher.

Fleischhersteller im Wandel der Zeit

Tatsächlich steigt die Nachfrage nach Produkten, die Gesundheit und Nachhaltigkeit signalisieren, kontinuierlich. Beispiel Bio: Im vergangenen Jahr gaben die Bundesbürger nach Angaben des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft fast 11 Milliarden Euro für Bio-Lebensmittel aus – 5,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Längst haben auch Aldi, Lidl, Edeka und Rewe den Markt für sich entdeckt und kämpfen erbittert um Marktanteile.

Auch vegetarische Alternativen zu Fleisch sind groß im Kommen. Der Fleischhersteller Rügenwalder brachte 2014 seine ersten fleischlosen Produkte heraus. Heute macht das Familienunternehmen bereits über 30 Prozent seiner Umsätze damit. Im kommenden Jahr sollen es sogar 40 Prozent sein. Als der Discounter Lidl im Mai erstmals den fleischlosen Beyond-Meat-Burger aus Erbsenprotein und Rote Beete anbot, waren die Regale im Nu leer gefegt, so dass der Billiganbieter bereits zwei Wochen später die nächste Ladung Veggie-Burger in die Läden brachte.

Beim Trinken spielt das Thema Gesundheit ebenfalls eine immer größere Rolle. Während der Absatz klassischer Biere seit Jahren kontinuierlich sinkt, boomt das Geschäft mit alkoholfreiem Gerstensaft. Mittlerweile gibt es nach Angaben des Deutschen Brauer-Bundes in der Bundesrepublik rund 500 verschiedene alkoholfreie Marken. Der Marktanteil der alkoholfreien Biere liegt mittlerweile schon bei 7 Prozent, und nach Einschätzung des Hauptgeschäftsführers des Brauer-Bundes, Holger Eichele, dürfte er schon bald 10 Prozent erreichen. Hilfreich seien dabei der im Vergleich zum herkömmlichen Bier nur rund halb so hohe Kaloriengehalt und das sportlich-gesunde Image.

Abschied vom Zucker?

Einer der wichtigsten aktuellen Trends ist nach Einschätzung der Gesellschaft für Konsumforschung aber „Frei von Zucker“. Im Bereich Gesundheit sei Zucker für die Konsumenten zurzeit das Thema mit der höchsten Relevanz, beobachten die Marktforscher. Das hat Konsequenzen. Die großen Handelsketten von Aldi bis Rewe sind längst dabei, den Zucker- und Salzgehalt in ihren Eigenmarken zu reduzieren.

Der Wandel zeigt sich auch bei den großen Markenartikel-Herstellern. Coca-Cola etwa hat neben dem stark gezuckerten Klassiker immer mehr Getränke im Angebot, die auf gesundheitsbewusste Konsumenten zielen – von „Coca Cola Zero sugar“ über trinkfertige Tees bis zum Tafelwasser. Auch die bekannte deutsche Mineralwassermarke Apollinaris gehört längst zum Reich von Coca-Cola. Das Unternehmen steht damit nicht allein. „Aktuell sehen wir einen anhaltenden und signifikanten Trend hin zu kalorienreduzierten beziehungsweise kalorienfreien Produkten“, betonte kürzlich der Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke, Detlef Groß.

Auch der weltgrößte Lebensmittelkonzern Nestlé ist dabei, sein bislang noch recht schokoladenlastiges Süßwarenangebot um Produkte mit Gesundheitsappeal zu erweitern. Die für das deutsche Süßwarengeschäft zuständige Managerin Carmen Borsche sagte kürzlich dem Branchenfachblatt „Lebensmittel Zeitung“, der Konzern nehme einen „klaren Strategiewechsel“ vor und wolle das Thema „gesundes Naschen“ vorantreiben. Deshalb werde das bestehende Geschäft mit Schokoladenprodukten wie KitKat oder After Eight gerade um Nuss- und Fruchtriegel ergänzt. Zugleich denkt Nestlé dem Bericht zufolge über Light-Varianten seiner klassischen Produkte nach.

Andere Markenhersteller von Danone über Dr. Oetker bis Haribo versuchen ebenfalls den Zuckeranteil ihre Produkte zu verringern – egal ob es sich dabei um Milchprodukte wie Joghurt, Müsli oder Fruchtgummis handelt.

Andere Möglichkeiten bleiben ihnen angesichts der wachsenden Moralisierung des Themas Essen wohl auch nicht. Der Ernährungspsychologe Klotter jedenfalls ist überzeugt: „Der Trend zu gesunder Ernährung wird definitiv anhalten.“

Psychotherapieansatz wirkt langfristig gegen Binge Eating

Eine spezielle Psychotherapie kann Menschen helfen, die unter Essanfällen leiden und in der Folge häufig übergewichtig oder adipös sind. Das berichten Ärzte und Wissenschaftler vom Universitätsklinikum Tübingen in der Zeitschrift Psychotherapy and Psychosomatics (doi: 10.1159/000499696). Menschen mit der „Binge Eating“ genannten Essstörungen haben eine deutlich verminderte Kontrolle über ihr Essverhalten. Die Wissenschaftler um Kathrin Schag von der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums randomisierten 41 von ihnen für die Verum- und 39 für die Kontrollgruppe.

Bei der Studiengruppe wurden in einer speziellen Psychotherapie in acht 90-minütigen Sitzungen zum einen die Selbstkontrollfähigkeiten gestärkt, zum anderen übten die Studienteilnehmer in sogenannten Expositionssitzungen, sich besonders schmackhafte Nahrungsmittel vorzusetzen, gleichzeitig aber dem Drang zu widerstehen, diese Nahrungsmittel zu essen.

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Dabei durften die Teilnehmer die Nahrungsmittel und Gerichte mitbringen, die bei ihnen am ehesten ein unkontrolliertes Essverhalten auslösen. Unter psychologischer Anleitung konfrontierten sich die Teilnehmer mit dem Verlangen zu essen und lernten, dieses zu beherrschen. „Diese Erfahrung, das Essverhalten steuern zu können und zu erleben, wie sich das Verlangen während der Gruppensitzung verminderte, führte zu einem Erfolgserlebnis und der Erkenntnis ‚Ich kann das‘“, berichten die Studienautoren.
Die Kontrollgruppe nahm nicht an dem speziellen Gruppenprogramm teil, sondern erhielt eine standardmäßige Therapie.

Bei der Auswertung zeigte sich, dass zunächst beide Gruppen ihre Essanfälle und weitere Essstörungssymptome reduzieren konnten, diese Effekte aber bei der Behandlungsgruppe länger als drei Monate anhielten und sich weiter verstärkten, während die Kontrollgruppe wieder auf das Ausgangsniveau zurückging. Die Forscher vermuten, dass die vorläufigen Verbesserungen in der Kontrollgruppe unter anderem auf ein wöchentliches Ausfüllen von Selbstbeobachtungsprotokollen zurückgeht.

Dieses klassische verhaltenstherapeutische Instrument führe zu einer erhöhten Selbst­achtsamkeit, die nach der Behandlungszeit allerdings schnell wieder nachlasse, hieß es.
„Die Ergebnisse der Studie geben Hoffnung, in der Behandlung von Essstörungen und Adipositas einen wichtigen Therapiebaustein gefunden zu haben“, so die Autoren. 

Psychotherapie hilft am besten bei Binge-Eating-Störungen

Ein Forschungsteam der Leipziger Universitätsmedizin hat in einer Studie gezeigt, dass Psychotherapie die größten und langanhaltendsten Effekte bei der Behandlung einer Binge-Eating-Störung hat. Andere Behandlungsmethoden schnitten im Vergleich schlechter ab.

Eine Studie der Universität Leipzig hat die Wirksamkeit von Psychotherapie bei der Behandlung von Binge-Eating-Störungen bestätigt. Laut Universität schnitten Gewichtsreduktions-, pharmakologische und Selbsthilfebehandlung im Vergleich schlechter ab. Das Team um Anja Hilbert vom IFB AdipositasErkrankungen untersuchte in einer groß angelegten Analyse die Effektivität der unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten. „Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zahl der Studien zur Behandlung der Binge-Eating-Störung fast verdoppelt. Unsere Studie fasst zusammen und bestätigt, verfeinert und erweitert frühere Erkenntnisse“, so Hilbert.

Vor allem die Kognitive Verhaltenstherapie erwies sich in der Behandlung der unkontrollierten Essanfälle als besonders effektiv. Im Vergleich zu unbehandelten Probanden litten mit Psychotherapiebehandelte Patienten mit einer zehnfachen höheren Wahrscheinlichkeit nicht mehr unter Essanfällen. „Auch langfristig waren die Therapie-Erfolge nachweisbar“, sagte Hilbert.

Die anderen Therapieformen schnitten im Vergleich schlechter ab. Die Adipositasverhaltenstherapie zur Gewichtsreduktion war deutlich uneffektiver und auch die Selbsthilfe, bei der Patienten Informationsmaterial zur Essstörung erhielten, hatte schwächere Effekte. Bei der Behandlung mit Pharmaka gab es nur eine zweifach erhöhte Wahrscheinlichkeit, nach Behandlungsende nicht mehr unter Essanfällen zu leiden.

Bei einer Binge-Eating-Störung leiden Betroffene unter regelmäßig wiederkehrenden Essanfällen. Sie nehmen innerhalb kurzer Zeit deutlich mehr Nahrung zu sich und haben das Gefühl, die Kontrolle über ihr Essverhalten zu verlieren. Begleiterscheinungen sind häufig ein geringes Selbstwertgefühl, andere psychische Störungen sowie Fettleibigkeit.

Adipositas und metabolische Erkrankungen: S3-Leitlinie soll Eingriff schneller möglich machen

Eine neue Leitlinie „Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen“ soll nach Auffassung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) Magen-Operationen bei geeigneten Diabetespatienten künftig schneller möglich machen. Zu den Standard­verfahren der metabolischen Chirurgie zählen die Magen-Bypass-Operation – dabei wird der Magen durch einen Teil des Dünndarms überbrückt – sowie Verkleinerungen des Magenvolumens zu einem Schlauchmagen.

Laut Leitlinie steht bei diesen Operationen weniger der alleinige Gewichtsverlust im Vordergrund, sondern eine Verbesserung des Stoffwechsels und Gesundheitszustandes zugunsten der Lebensqualität und Lebenserwartung. „Diese Richtungsänderung ermöglicht, die Kostenübernahme metabolischer Operationen einfacher und patientenorientierter zu gestalten, die hoffentlich zur Regelleistung der Gesetzlichen Krankenkassen werden“, erläuterte der DDG-Präsident Dirk Müller-Wieland.

Operation schneller möglich

Patienten mit einem Typ-2-Diabetes und Adipositas dritten Grades – also einem Body-Mass-Index über 40 kg/m² – brauchten nun keinen Nachweis mehr erbringen, dass sie die Möglichkeiten der Gewichtsregulierung ausgeschöpft haben und nur noch die metabolische Operation helfen könne. Sie könnten laut Leitlinie künftig sofort operiert werden, weil davon auszugehen sei, dass die Patienten im Rahmen von Schulungsprogrammen ausreichende Kenntnis über Lebensstiltherapie und Ernährung erhalten haben. Die Leitlinie ist laut DDG damit ein Instrument zur Optimierung der Behandlung von Adipositas und metabolischen Erkrankungen, insbesondere des Typ-2-Diabetes.

Der Eingriff sei auch für Diabetespatienten mit einem BMI über 35 kg/m² empfehlens­wert, wenn sich die diabetesspezifischen Therapieziele durch Medikamente und Lebensstiländerungen wie Ernährungsumstellung und Bewegung nach Einschätzung der behandelnden Diabetologen nicht erreichen lassen.

„Für krankhaft übergewichtige Diabetespatienten kann die Operation ein lebensrettender Ausweg aus einem langen Martyrium sein“, sagte Jens Aberle, ärztlicher Leiter des Adipositas-Centrums am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Co-Autor der Leitlinie. Bei schwerer Adipositas gelinge es nur in wenigen Einzelfällen, durch Ernährungsumstellung und mehr Bewegung das Gewicht zu reduzieren. „Die metabolische Chirurgie ist für Patienten mit schwer kontrollierbaren Blutzuckerwerten daher eine effektive antidiabetische Therapie“, betonte Aberle.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie hat die aktualisierte Leitlinie federführend erarbeitet. Neben der DDG haben sich auch andere Fachge­sellschaften beteiligt, unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie, die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen und die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin.

Jeder vierte stationäre Patient mit Zeichen von Mangelernährung

Nicht nur Übergewicht und Adipositas sind ein Problem, auch Mangel­ernährung ist in Deutschland häufig. Das berichten Ärzte und Wissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) und des Berufsverbands Oecotrophologie (VDOE).

„Mehr als jeder vierte Patient, der in eine Klinik eingewiesen wird, zeigt Zeichen einer Mangelernährung“, umreißt der DGEM-Experte Christian Löser das Ausmaß des Problems. Deutschlandweit seien mehr als 1,5 Millionen Menschen betroffen. Besonders gefährdet seien chronisch Kranke, Tumorpatienten und ältere Menschen. „Immer häufiger sind aber auch Kinder betroffen, gerade wenn sie aus sozial schwachen Familien kommen“, hieß es aus der Fachgesellschaft.

Energie- und Nährstoffmangel beeinflussen laut Fachgesellschaft und Berufsverband Heilungsprozesse: In der Folge lägen Patienten länger im Krankenhaus, hätten eine schlechtere Lebensqualität und ein höheres Sterberisiko. „Wir dürfen Nahrung daher nicht mehr nur als Mittel zum Stillen eines Grundbedürfnisses ansehen, sondern als hochwirksamen Teil einer medizinischen Therapie“, sagte Ingrid Acker, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Berufsverbands Oecotrophologie.

Kasseler Modell

Wie ernährungsmedizinische Erkenntnisse im Klinikalltag umgesetzt werden könnten, zeigt unter anderem das „Kasseler Modell“, das unter Lösers Federführung entwickelt wurde. Zentrale Elemente sind ein Screening auf Mangelernährung, das alle Patienten routinemäßig bei Aufnahme in die Klinik durchlaufen, Standards zur effektiven ernährungs­therapeutischen Behandlung, bei Bedarf eine individualisierte, professionelle Ernährungsberatung und ein breites Speisenangebot mit speziellen hochkalorischen Menülinien.

Unter- oder mangelernährte Patienten bekommen laut Modell speziell nährstoff­angereicherte, energiedichte Gerichte und können zudem aus einer breiten Palette von Zwischenmahlzeiten, wie frisch hergestellten Shakes oder Fingerfood auswählen. „Unser Ziel ist es, den Mangel an Nährstoffen auszugleichen und die tägliche Energiezufuhr zu erhöhen, um den Ernährungszustand zu stabilisieren und so die Genesung zu fördern und weitere Komplikationen zu vermeiden“, so Löser.

DGEM und VDOE weisen darauf hin, dass die Europäische Union das Thema Mangel­ernährung bereits seit Jahren bearbeite. Sie habe dafür ein Aktionsprogramm namens „Stop Malnutrition“ eingeleitet, das jedoch im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten in Deutschland nur zögerlich realisiert werde. „Im Gegensatz zum Übergewicht kann man frühzeitig diagnostizierte Mangelernährung mit einfachen, etablierten ernährungstherapeutischen Maßnahmen effektiv und nachhaltig behandeln“, betonte Acker.

Ernährungsspezialisten forderten daher, dass die Erkenntnisse über Mangel­ernährung nachhaltig in der klinischen und ambulanten Betreuung sowie in der Pflege umgesetzt würden. „Davon profitiert zu allererst natürlich der Patient, das Modell ist aber auch unter wirtschaftlichen Aspekten ein Gewinn für die Klinik und das Gesundheitssystem“, sind sich Löser und Acker einig.

Menschen mit hohem Body-Mass-Index rauchen häufiger und mehr

Übergewichtig oder adipös zu sein, ist auch mit einem erhöhten Risiko für Tabakmissbrauch verbunden. Das berichten Wissenschaftler der Bristol Medical School und der International Agency for Research on Cancer, Lyon, im British Medical Journal(2018; doi: 10.1136/bmj.k1767). „Wenn festgestellt werden könnte, dass Adipositas das Rauchverhalten beeinflusst, hätte dies Auswirkungen auf Präventionsstrategien, die darauf abzielen, diese wichtigen Risikofaktoren zu reduzieren“, betonen die Wissenschaftler.

Die Forscher untersuchten, ob genetische Marker, die mit Adipositas assoziiert sind, eine direkte Rolle im Rauchverhalten spielen. Dafür analysierten sie genetische Varianten mit bekannten Auswirkungen auf den Body-Mass-Index (BMI), den Körperfettanteil und den Taillenumfang für fast 450.000 Personen aus der britischen Biobank-Datenbank und dem Tobacco-and-Genetics-(TAG-)Konsortium.

Sie erfassten drei Maßnahmen des Rauchverhaltens: aktuelles und vergangenes Rauchen, Anzahl der pro Tag gerauchten Zigaretten und Alter des Rauchbeginns. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer lag bei 58 Jahren.

Die Ergebnisse zeigen laut den Forschern, dass jeder Anstieg des BMI um 4,6 kg/m2mit einem zwischen 18 und 19 % erhöhten Risiko verbunden war zu rauchen. Ebenso sehen sie einen Zusammenhang zwischen dem Körperfettanteil sowie dem Taillenumfang und dem Rauchverhalten.

Die Wissenschaftler gehen aufgrund des Studiendesigns von einem kausalen Zusammenhang aus: „Unsere Studie liefert Belege dafür, dass Unterschiede im Body-Mass-Index und in der Körperfettverteilung verschiedene Aspekte des Rauchverhaltens kausal beeinflussen, einschließlich des Risikos, dass Personen mit dem Rauchen beginnen, der Rauchintensität und der Raucherentwöhnung“, berichten sie.

Dies habe Auswirkungen auf Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die darauf abzielen, die Prävalenz dieser wichtigen Risikofaktoren zu verringern, hieß es aus der Arbeitsgruppe.

Essstörungen auf dem Vormarsch

Essstörungen wie Bulimie und Magersucht werden in vielen Teilen Deutschlands immer häufiger diagnostiziert. Ausnahmen machen nur die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg. Darauf hat die Landesvertretung Nordrhein-Westfalen (NRW) der Barmer-Krankenkasse jetzt hingewiesen. „Magersucht und Bulimie sind keine harmlosen Teenagerkrankheiten. Sie betreffen alle Altersgruppen und können schwere Organschäden nach sich ziehen. Schlimmstenfalls enden Essstörungen sogar tödlich“, sagte Heiner Beckmann, Landesgeschäftsführer der Kasse.

Die Auswertung der Kasse bezieht sich nur auf Versicherte der Barmer. Danach gab es den stärksten Anstieg der Diagnosen „Anorexie“ oder „Bulimie“ in den Jahren 2011 bis 2016 mit 31,8 Prozent in Brandenburg, 21,1 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern und 18,7 Prozent in Niedersachsen. In Bremen sank die Zahl der Diagnosen um 4,1 Prozent, in Berlin um 2,1 Prozent und in Hamburg um 0,2 Prozent. Über alle Bundesländer gemittelt lag der Anstieg der beiden Diagnosen bei den Versicherten der Barmer in den Jahren 2011 bis 2016 bei 7,5 Prozent.

Von Magersucht waren in NRW in den Jahren 2011 bis 2016 rund 13.700 Frauen betroffen, die bei der Barmer versichert waren. Bei den männlichen Versicherten gab es rund 750 Erkrankte. „Die Dunkelziffer dürfte bei Anorexie aber um ein Vielfaches höher liegen“, erklärte Beckmann. Bei der Ess-Brech-Sucht war der Anteil an weiblichen Betroffenen noch höher als bei Anorexie: Von 2011 bis 2016 gab es mit rund 14.100 etwa 30-mal mehr Bulimiefälle bei Frauen als bei Männern (knapp 500).

Einen deutlichen Anstieg der Diagnosen für Essstörungen hatte im Februar auch das Gesundheitswissenschaftliche Institut Nordost (GeWINO) der AOK Nordost gemeldet. Danach wurde im Jahr 2010 im Nordosten bei rund 3.500 Versicherten eine psychogene Essstörung wie Bulimie, Anorexie oder Binge Eating (Esssucht) diagnostiziert. Im Jahr 2016 waren es bereits mehr als 6.100 Versicherte. Grundlage der Analysen waren die anonymisierten Abrechnungsdaten von rund 750.000 Versicherten der AOK Nordost im Alter von sechs bis 54 Jahren.

DASH-Diät könnte Depressionen vorbeugen

Die DASH-Diät, die zur Prävention einer arteriellen Hypertonie und seiner Folgekrankheiten entwickelt wurde, kann möglicherweise ältere Menschen vor einer Depression schützen. Dies zeigt eine Auswertung einer prospektiven Beobachtungs­studie, deren Ergebnisse auf der Jahrestagung der American Academy of Neurology in Los Angeles vorgestellt werden.

Das Rush Memory and Aging Project begleitete seit 1997 eine Gruppe von Senioren aus der Umgebung von Chicago, um die Ursachen für Alterserkrankungen zu ermitteln. Zu den im Alter zunehmend häufiger auftretenden Erkrankungen gehören Depressionen. Die Teilnehmer werden deshalb regelmäßig mit der „Center for Epidemiological Studies Depression Scale“ (CES-D) untersucht, in Deutschland auch als Allgemeine Depressions­skala bekannt.

Ein Team um Laurel Cherian vom Rush University Medical Center in Chicago hat die Ergebnisse des CES-D jetzt mit den Antworten in einem 144-Punkte-Fragebogen zu Ernährungsgewohnheiten in Beziehung gesetzt. Dabei ging es um die Frage, ob der westliche Ernährungsstil mit seinem hohen Anteil an raffiniertem Zucker und gesättigten Fetten die Entwicklung einer Depression im Alter fördern könnte. Dem westlichen Ernährungsstil wurde die DASH-Diät gegenüber gestellt, die den vermehrten Verzehr von Obst und Gemüse empfiehlt und Lebensmittel, die reich an gesättigten Fetten und Zucker sind, durch fettfreie oder fettarme Milchprodukte ersetzt.

Die Analyse umfasst 964 Senioren, die zu Beginn der Studie im Durchschnitt 81 Jahre alt waren und über sechseinhalb Jahre beobachtet wurden. Während dieser Zeit entwickelten die Senioren mit einem überwiegend westlichen Ernährungsstil häufiger eine Depression. Die DASH-Diät war indes mit einer niedrigeren Erkrankungsrate assoziiert. Die Unterschiede waren nicht groß. So erkranken die Teilnehmer im oberen Drittel einer DASH-Diät zu 11 Prozent seltener an einer Depression als die Teilnehmer im unteren Drittel. Die Unterschiede waren jedoch signifikant, so dass sich die Frage nach der Wirkungsweise stellt.

Die DASH-Diät (Dietary Approaches to Stop Hypertension) war entwickelt worden, um die Entwicklung einer arteriellen Hypertonie zu verhindern. Sie zielt in erster Linie auf die Vermeidung einer Atherosklerose, die sich auch negativ auf das Gehirn auswirkt. Zu den bekannten Folgen zählt ein erhöhtes Risiko von Demenzen. Dass jetzt auch Depressionen über die DASH-Diät mit der Ernährung in Verbindung gebracht wurden, wirft deshalb die Frage auf, ob die Atherosklerose der Hirnarterien die Entwicklung von mentalen Erkrankungen wie der Depression fördern könnte.

Übergewicht: Wer langsam isst, ist schlanker

Langsam essen schützt vor Übergewicht. Diesen Zusammenhang bestätigen japanische Forscher in einer Auswertung der Daten von rund 60.000 Typ-2-Diabetikern. Langsames Essen könnte dabei helfen, Übergewicht und dessen Folgeerkrankungen Diabetes, Herz-Kreislauf- und Krebs-Erkrankungen zu verhindern, schreiben die Wissenschaftler im British Medical Journal (2018; doi: 10.1136/bmjopen-2017-019589). Auch der Verzicht auf abendliche Snacks und Mahlzeiten weniger als 2 Stunden vor dem Schlafengehen schützt der Studie zufolge vor dem Dickwerden.

Wer dazu neigte, sein Essen zu verschlingen, hatte ein 29 Prozent höheres Risiko für eieinene Body Mass Index (BMI) über 25 kg/m2 im Vergleich zu denen, die mit normaler Geschwindigkeit aßen. Wer besonders langsam aß, hatte sogar ein um 42 Prozent geringeres Risiko für Adipositas. Obwohl die absoluten Verkleinerungen des Taillenumfangs gering waren, kamen sie unter den Langsam- und Normalgeschwindig­keits-Essern häufiger vor: Im Vergleich zu Schnell-Essern schrumpfte er bei Normal-Essern um 0,21 Zentimeter, bei Langsam-Essern um 0,41 Zentimeter.

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, können keine eindeutigen kausalen Schlussfolgerungen über Ursache und Wirkung gezogen werden. Hinzu kommt, dass die Essgeschwindigkeit auf subjektiver Einschätzung beruht und die Forscher weder die Energieaufnahme noch die körperliche Aktivität beurteilt haben.

Die ausgewerteten Krankenkassendaten enthielten Informationen zu Behandlungen, Gewicht und Taillenumfang sowie die Ergebnisse von Blut- und Urintests und der Leberfunktion. Während der Kontrolluntersuchungen wurden die Teilnehmer über ihren Lebensstil befragt, einschließlich ihrer Ess- und Schlafgewohnheiten sowie Alkohol- und Tabakkonsum. Ihre Essgeschwindigkeit sollten sie in eine von drei Kategorien einordnen: schnell, normal oder langsam.

Die meisten Teilnehmer (n = 33.455) beschrieben ihre Essgeschwindigkeit als normal. 22.070 gaben an, ihre Mahlzeiten meist schnell hineinzuschaufeln. Und nur wenige (n = 4.192), vor allem Frauen, zählten zu den Langsam-Essern. Einige Teilnehmer änderten im Verlauf des Untersuchungszeitraums zwischen 2008 und 2013 ihr Essverhalten.

Schnell-Esser merken zu spät, dass sie satt sind

Als einen Grund für den Zusammenhang vermuten die Forscher, dass Schnell-Esser „über den Hunger essen“ – sie essen weiter, obwohl der Kalorienbedarf längst gedeckt und der Hunger gestillt ist. Langsam-Esser hingegen spürten rechtzeitig, dass sie satt sind, und nähmen so weniger Kalorien auf. „Das Sättigungsgefühl wird unter anderem durch die Magendehnung beim Essen ausgelöst“, ergänzt Stefan Kabisch vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam. „Allerdings entsteht es zu einem großen Teil auch im Kopf. Wer langsamer kaut und isst, schmeckt auch länger und nimmt intensiver wahr, dass er überhaupt isst.“

„Das ist die erste Studie in dieser Größe, die den Effekt der Essgeschwindigkeit untersucht“, kommentiert Kabisch. „Das Ergebnis ist grundsätzlich plausibel, allerdings wird man die Stärke des Effekts relativieren müssen.“ Fragebogendaten seien grundsätzlich mit Unsicherheiten behaftet und es gebe zahlreiche Überlappungen mit anderen Einflussfaktoren, die sich mit den vorhandenen Daten nicht berücksichtigen ließen.

Diagnose „Essstörung“ hat deutlich zugenommen

Einen deutlichen Anstieg der Essstörungsdiagnosen unter den 6- bis 54-jährigen AOK-Versicherten meldet das Gesundheitswissenschaftliche Institut Nordost (GeWINO) der AOK Nordost. Im Jahr 2010 wurde im Nordosten noch bei rund 3.500 Versicherten eine psychogene Essstörung wie Bulimie, Anorexie oder Binge Eating (Esssucht) diagnostiziert. Im Jahr 2016 waren es bereits mehr als 6.100 Versicherte.

Die GeWINO-Studie erfasst die Jahre 2010 bis 2016. Grundlage der Analysen waren die anonymisierten Abrechnungsdaten von rund 750.000 Versicherten der AOK Nordost im Alter von 6-54 Jahren. Als essgestört galten alle Personen, bei denen im Analysejahr mindestens eine gesicherte ambulante oder eine stationäre Haupt- oder Nebendiagnose mit einem ICD-Code des Typs F50 – also Essstörung – abgerechnet wurde.

Die Anzahl der Diagnosen stieg damit innerhalb von sechs Jahren nordostweit um 74 %. In Berlin ist das Niveau der Diagnosen und die Steigerung der Diagnoserate besonders hoch: 2016 war in Berlin die Diagnoserate mit 1,1 % ungefähr doppelt so hoch wie in Brandenburg (0,6 %) und Mecklenburg-Vorpommern (0,6 %). Außerdem ist die Steigerung in Berlin mit 80 % im Vergleich zu Brandenburg (53 %) und Mecklenburg-Vorpommern (37 %) laut der Untersuchung ausgeprägter. „Die Dunkelziffer dürfte jedoch um einiges höher liegen, da wir lediglich Personen auswerten können, die vom Arzt eine Diagnose gestellt bekommen haben“, sagte der GeWINO-Versorgungsforscher Jan Breitkreuz.

Diesen Trend bestätigte die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Laut Daten der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) liegt die Zwölf-Monats-Prävalenz für Essstörungen bei knapp 1 %. In absoluten Zahlen etwa 600.000 Menschen. Frauen sind dabei fast dreimal so häufig betroffen. In der Vorläuferstudie,  dem „Bundesgesundheitssurvey 98“ lag die Prävalenz noch bei 0,3 %. Insofern ist in den letzten Jahren auch epidemiologisch eine Steigerung der Fallzahlen zu beobachten“, teilt die Fachgesellschaft mit.

„DEGS“ ist Teil des Gesundheitsmonitorings am Robert Koch-Institut und liefert repräsentative Daten zur Gesundheit der Erwachsenen in Deutschland.

Klassischerweise sind gerade die Anorexie und Bulimie Erkrankungen, die in erster Linie in der Adoleszenz entstehen.DGPPN

Die GeWINO weist in ihrer Auswertung ausdrücklich auf einen hohen Anteil diagnos­tizierter Essstörungen bei den 35- bis 54-jährigen AOK Nordost-Versicherten hin. Laut der DGPPN liegt nahe, hier von chronischen Verläufen auszugehen. „Im mittleren Lebensalter kommt es zum Beispiel durch einschneidende Lebensereignisse zu einem Rückfall. Klassischerweise sind gerade die Anorexie und Bulimie Erkrankungen, die in erster Linie in der Adoleszenz entstehen“, teilte die Fachgesellschaft mit.

Die AOK-Auswertung ergab zudem, dass sich nur rund zehn Prozent der rund 5.000 Versicherten mit einer zwischen 2012 und 2014 neu festgestellten psychogenen Essstörung innerhalb von drei Jahren nach der Diagnose psychotherapeutisch behandeln ließen. „Das Gros der diagnostizierten Essgestörten bleibt leider unbehandelt. Die Analysen haben ferner gezeigt, dass die Bereitschaft, sich in Therapie zu begeben, mit fortschreitender Krankheitsdauer deutlich abnimmt“, so Breitkreuz.