Computerspiele können bei Kleinhirnpatienten Koordination verbessern

Auf die Möglichkeiten von Health Games hat das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen hingewiesen. „Unsere Studien haben ergeben, dass Patienten, die durch Schäden am Kleinhirn unter Bewegungsstörungen leiden, durch das Training mit speziellen Videospielen ihre Beweglichkeit verbessern können“, erläuterte Matthis Synofzik aus dem HIH anlässlich der Computerspielemesse Gamescom in Köln.

Die Arbeitsgruppe um Synofzik und den Bewegungswissenschaftler Winfried Ilg entwickelt an dem Institut spezielle Videospiele für Menschen mit einer degenerativen Ataxie, die durch genetisch bedingte Schäden am Kleinhirn entsteht. Die Betroffenen leiden vor allem unter Bewegungsstörungen wie ungelenken Armbewegungen, Gangunsicherheit und häufigen Stürzen.

Regelmäßige Krankengymnastik kann eine Verschlechterung hinauszögern. Doch vor allem Kinder und junge Erwachsene sind laut Synofzik oft nicht ausreichend für eine Physiotherapie zu begeistern und trainierten nicht so häufig, wie sie sollten. Zudem reiche die von der Krankenkasse verschriebene Physiotherapie für diese Patienten nicht aus und werde auch Zuhause oft nicht fortgeführt. „Um das Motivationsproblem zu lösen kamen wir auf die Idee, Videospiele zu verwenden, die mit ganzem Körpereinsatz gesteuert werden und die man zum Training verwenden kann, sogenannte Exergames“, erläuterte Synofzik.

„Wir haben mit einem Tischtennisspiel begonnen, dort waren die Anforderungen auf einfachster Stufe so gering, dass auch Patienten mit Koordinationsstörungen Erfolgserlebnisse hatten“, berichtet Ilg, Leiter des Klinischen Bewegungslabors der Abteilung Kognitive Neurologie am HIH. Weitere Spiele, in denen die Kinder und jungen Erwachsenen in anspruchsvoller Körperhaltung virtuelle Wassertanks abdecken oder mit dynamischem Ausfallschritt auf Leuchtflächen reagieren müssen, kamen hinzu.

Selbst bei schwer betroffenen Patienten konnten die Wissenschaftler die Symptomatik verbessern. „Eine Ataxie wird bei einem Erkrankten auf einer Skala von 0 bis 40 im Mittel um 1,2 Punkte pro Jahr schlechter. Durch vier bis sechs Wochen Training haben unsere Patienten zwei Punkte gewonnen. Das heißt salopp gesagt: Sie haben ungefähr eineinhalb Jahre Krankheit wettgemacht“, berichtet Synofzik.

Die Arbeitsgruppe weist darauf hin, dass das Kleinhirn aufgrund vieler Erkrankungen geschädigt sein könne, zum Beispiel durch einen Tumor, Schlaganfall, Multiple Sklerose oder durch altersbedingten Abbau. „Da wird der Markt auf einmal riesig. Vielleicht erreichen diese Videospiele irgendwann sogar die Marktreife als zugelassenes Medizinprodukt. Das wäre dann Gaming auf Rezept“, so Synofzik.

Telekom senkt Preis für Anschluss an Telematik­infrastruktur

Der Konnektor der Deutschen Telekom für die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) ist seit Kurzem zugelassen. Das bisherige Angebot des Unternehmens, um die Ärzte an die TI anzubinden, kostete allerdings mehr als die Vertragsärzte von den Krankenkassen erstattet bekommen. Nun hat das Unternehmen offenbar beim Preis nachgebessert.

Online bot die Telekom ihr „Medical Access Port-Bundle“ bisher für 2.695,12 Euro netto (3.207,20 Euro brutto) an. Die Ärzte erhalten im 3. Quartal allerdings lediglich 3.054 Euro (inklusive Starterpauschale) von den Krankenkassen. Diese Pauschale sinkt im 4. Quartal auf 1.982 Euro plus 900 Euro Starter­pauschale (2882 Euro).

Nun sollen die Kosten der Telekom für den Start der Arztpraxen in die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) 2.421,84 Euro netto (2.881,99 Euro brutto) betragen, wie dem Internetauftritt des Konzerns zu entnehmen ist. Das wäre exakt die Summe, die die Krankenkassen für die Anbindung an die TI im 4. Quartal erstatten.

Das Paket beinhaltet laut Telekom den Konnektor, ein stationäres Kartenterminal, die Einrichtung des VPN-Zugangsdiensts, die Installation vor Ort, die Geräteeinweisung und einen zugeschnittener Kundenservice. Für Betriebs- und Serviceleistungen sollen monatliche Gebühren anfallen, deren Kosten nicht zu entnehmen sind.

Mit dem Angebot hat die Telekom sich im Wettbewerb auf die Stufen der Mitbewerber begeben. So hatte die CompuGroup Medical (CGM) erst kürzlich erklärt, dass man allen Arztpraxen, die im 3. Quartal die Anbindung an die TI bestellen und erst im 4. Quartal einen Installationstermin erhalten, die Differenz zwischen Angebotspreis und der heute gültigen Erstattungspauschale für das 4. Quartal/2018 ausgleichen will. Der Betrag ist auf maximal rund 170 Euro begrenzt.

Konnektoren: Ob du willst oder nicht

Für Praxisinhaber sind die Konnektoren ein großes Ärgernis: Es gibt Probleme bei der Installation, im Alltag ist die Technik zu langsam und wer die Anschaffung verweigert, dem drohen Geldstrafen. Derweil sagt Spahn: „Ohne Konnektoren verlieren Ärzte den Anschluss an die Zukunft.“

„Wir wehren uns alle mit Händen und Füßen gegen die Konnektoren“, erzählt der kinderdok, ein bloggender Kinderarzt bei DocCheck. Er betreibt eine eigene Praxis und muss sich zwangsläufig mit dem Thema Konnektoren auseinandersetzen. Diese Tools sind Teil der Telematikinfrastruktur des deutschen Gesundheitswesens und stellen die Schnittstelle zu den Gesetzlichen Krankenversicherungen dar, etwa um Stammdaten von Versicherten abzufragen. Später soll auch das Abrufen der elektronischen Patientenakte und des elektronischen Rezepts über die Konnektoren möglich sein.

Etwas technischer ausgedrückt bauen Konnektoren ein virtuelles privates Netzwerk (VPN), also ein in sich geschlossenes sicheres Netz auf, um mit externen Systemen zu kommunizieren. Laut gematik-Fachportal wurden bislang zwei Konnektoren zugelassen, nämlich die KoCoBox MED+ (KoCo Connector GmbH) und der VSDM-Konnektor (T-Systems). Die KoCo Connector GmbH arbeitet mit CGM und der Concat AG als Vertriebspartner. T-Systems bietet die Tools direkt an. Der Markt ist momentan also recht überschaubar.

Erst mal keinen Konnektor anschaffen

Der kinderdok sieht bei Konnektoren noch viele Baustellen:  „Zu viel Kontrolle, zu viele Hardware-Probleme. Jedes Einlesen der Karte braucht bis zu zwei Minuten für den Online-Abgleich mit dem Kassenserver, bei uns sind das 200 Minuten am Tag.“ Außerdem handle es sich momentan noch um ein Monopolisten-Geschäft. „Ein heißes Thema, unser Berufsverband der Kinderärzte empfiehlt intern, sich keinen Konnektor anzuschaffen“, erzählt der Insider weiter. Doch wer sich weigert, muss Strafe zahlen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung informiert: Ab dem 1. Januar 2019 müssen alle Praxen in der Lage sein, diesen Datenabgleich durchführen zu können. Das heißt: Sie müssen an die TI angeschlossen sein, sonst drohen Honorarabzüge von einem Prozent. Das ist dem kinderdok aber egal: „Ich habe keinen Konnektor und werde auch erstmal keinen anschaffen.“

Diesen Ansatz vertritt auch Dr. Hermann Josef Kahl gegenüber DocCheck. Er ist Arzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendkardiologie, aus Düsseldorf: „Wir haben von den Schwierigkeiten gehört und setzen deshalb auch keine Konnektoren ein.“ Dies sei angesichts der Abstürze und der wenigen Geräte derzeit nicht sinnvoll. „Wir warten ab, bis ein vernünftiges, gut implementierbares System verfügbar ist.“

Technik legt Praxen lahm

Es handelt sich hier nicht um Einzelfälle, wie Dr. Werner Baumgärtner von MEDI GENO Deutschland schreibt. Sein Verbund vertritt nach eigenen Angaben knapp 17.000 niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten und gehört damit zu den größten Ärztenetzen in Deutschland.

Baumgärtner stellt in einem Artikel auf der Medi-Verbund-Seite die Ergebnisse einer Befragung mit 1.259 Praxen vor. Von ihnen haben 860 bereits Konnektoren im Einsatz.

  • 24 Prozent berichteten von Problemen bei der Installation. Dazu zählten vor allem Systemabstürze und -ausfälle, lange Installationszeiten oder inkompatible Hardware-Komponenten.
  • 64 Prozent aller User gaben an, dass es durch den Datenabgleich zu Verzögerungen im Praxisablauf kommt.
  • Bei 30 Prozent waren es maximal 5 Sekunden, bei weiteren 31 Prozent 6 bis 10 Sekunden, bei 11 Prozent 11 bis 15 Sekunden und bei 8 Prozent sogar 16 bis 20 Sekunden.
  • 48 Prozent kreuzten an, seit der Installation komme es zu Systemabstürzen.
  • 61 Prozent gaben sonstige Schwierigkeiten zu Protokoll. Teilweise funktionierten Online-Abgleiche nicht, manchmal ließen sich Gesundheitskarten nicht einlesen.
  • Auch die Service-Hotline sei schlecht erreichbar gewesen, teilweise schalteten sich Techniker erst 10 Tage nach der Fehlermeldung auf ein System.

In der Umfrage wurde auch nach den Anschaffungskosten und den Erstattungen durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) gefragt. Eine Frage lautete: Wurden alle Installationskosten von der KV ersetzt? 29 Prozent gaben an, dass die Kosten erstattet wurden; 31 Prozent verneinten die Frage und weitere 40 Prozent wissen noch nicht, ob die Kosten erstattet werden.

Als Unterdeckung, also Eigenanteil, geben Kollegen vor allem 100 bis 1.000 Euro an (62 Prozent), seltener waren es 1.000 bis 2.000 Euro (17 Prozent), 2.000 bis 3.000 Euro (5 Prozent) oder 3.000 bis 4.000 Euro (9 Prozent).

Details hat das Bundesgesundheitsministerium noch im E-Health-Gesetz geregelt. Laut KBV sinkt der Zuschuss je nach Quartal der ersten Nutzung (nicht Anschaffung) stetig ab:

connector

© KBV

Im Artikel geht Baumgärtner auf alle Ergebnisse der Umfrage ein und nennt diese alarmierend. „Das Hauptproblem bleibt, dass Praxen nach der Konnektorinstallation die elektronische Gesundheitskarte 1, die sich immer noch im Umlauf befindet, oft nicht mehr einlesen können und deshalb für jeden Patienten ein aufwendiges Ersatzverfahren durchführen müssen“.

Er bewertet es als „Skandal, dass unter diesen Voraussetzungen die Praxen unter gesetzlicher Strafandrohung gezwungen werden, den TI-Konnektor zu installieren“. Für ihn ist klar, dass eine unabhängige Stelle prüfen muss, warum es zu Abstürzen kommt. Gleichzeitig will der Experte klären lassen, wer für finanzielle Schäden aufkommt, sollten sich alte eGK1 nicht einlesen lassen.

Apos: Derzeit keine Sanktionen

Werfen wir noch ein Blick auf öffentliche Apotheken. Laut E-Health-Gesetz müssen sie ebenfalls Konnektoren anschaffen, um elektronische Gesundheitskarten einzulesen und E-Medikationspläne zu bearbeiten. Ab dem 1. Januar 2019 sollen nach dem E-Health-Gesetz alle Praxen und Apotheken an die Telematikinfrastruktur(TI) angeschlossen sein. DAZ.online vermutet, es sei noch keine Apotheke mit einem Hardwarekonnektor an die TI angeschlossen. Das hat drei Gründe:

  • Anders als Ärzte müssen Apotheker im Tagesgeschäft derzeit noch keine eGK einlesen.
  • Apothekern drohen keine Sanktionen, sollten sie sich querstellen.
  • Medikationspläne sind eher in Praxen als in Apotheken ein Thema. Mediziner erhalten ein Honorar für ihre Leistung, Apotheker nicht.

Der Druck steigt

Doch zurück zu den Ärzten. Mittlerweile ist die Kritik auch in Berlin angekommen. „Angesichts anhaltender Verzögerungen auf Herstellerseite fordere ich ein rasches Umdenken beim Rollout der Telematikinfrastruktur“, so Tino Sorge. Er ist Bundestagsabgeordneter der CDU – und seine Äußerungen dürften dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nicht wirklich gefallen. Sorge weiter: „Ärzte sollen für unverschuldete Verspätungen nicht sanktioniert werden.“ Er spricht von einem „Oligopol-ähnlicher Markt“ mit knappen Angeboten ohne echten Wettbewerb. Seine Forderungen sind mehr als deutlich:

  • Weitere Konnektoren sind in einem „Express-Verfahren“ zuzulassen.
  • Für die Erstattung soll der Bestellzeitraum ausschlaggebend sein – und nicht der Zeitpunkt der Inbetriebnahme.

Sowohl die FDP als auch die AfD fordern mittlerweile, die Fristen um mindestens sechs Monate zu verlängern. „Da aktuell nur rund 17.000 Praxen (ca. 12 % aller Praxen) vollständig an die Telematikinfrastruktur angebunden sind, ist nicht damit zu rechnen, dass die fehlenden 85.000 Praxen rechtzeitig zum Jahresende mit der notwendigen Hard- und Software versorgt und angebunden werden können“, schreibt Dr. Wieland Schinnenburg von der FDP. Jetzt kommt es auf Spahn an, ob der Fristtermin am 31. Dezember 2018 gekippt wird. Ob er das tun wird ist fraglich. „Auch wenn ich die Reserviertheit nach 14 Jahren Warten auf die Gesundheitskarte verstehe, rate ich den Ärzten: Besorgen Sie sich einen Konnektor“, so Spahn im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt. „Ohne Konnektoren verlieren Ärzte den Anschluss an die Zukunft!“

Referentenentwurf: Patientenfach entfällt, mobiler Zugriff wird geregelt

Der Referentenentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) enthält auch Neuregelungen zur Telematik­infrastruktur und zu geplanten E-Health-Anwendungen.

Unter anderem werden die Krankenkassen in Paragraf 291a Sozialgesetzbuch (SGB) V verpflichtet, ihren Versicherten spätestens ab dem 1. Januar 2021 von der Gesellschaft für Telematik (gematik) zugelassene elektronische Patientenakten (ePA) zur Verfügung zu stellen. Intention des Gesetzgebers ist es, damit Patientenakten ins Gesundheits­system einzuführen, die sektorenübergreifend bei allen Leistungserbringern und auch kassenübergreifend nutzbar sind.

Zudem haben die Krankenkassen künftig zum Thema ePA eine Informationspflicht gegenüber ihren Versicherten: Sie müssen sie über die ePA und deren Funktionsweise einschließlich der Art der in ihr zu verarbeitenden Daten sowie über die verschiedenen Zugriffsrechte und -wege informieren.

Zwei-Schlüssel-Prinzip fällt weg

Das bisher vorgesehene elektronische Patientenfach wird mit der ePA begrifflich zusammengeführt, weil es sich nach den bisherigen Konzepten der gematik weitgehend um die gleichen Daten handele, „auf die nur mit unterschiedlichen Zugriffsrechten zugegriffen werden kann“. Da die Versicherten künftig auf die Daten der ePA auch ohne Heilberufsausweis (und damit ohne Anwesenheit eines Leistungs­erbringers) zugreifen können und dies der Zugriffsmöglichkeit des elektronischen Patientenfaches entspricht, ist Letzteres nach dem Entwurf als gesonderte Anwendung entbehrlich.

Das Verfahren bei der Erklärung und der Dokumentation der Einwilligung des Versicherten in die medizinischen Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) wird vereinfacht. So soll der Versicherte künftig auch in die Nutzung einer ePA gegenüber dem jeweiligen Aktenanbieter einwilligen können, und seine Einwilligung muss auch nicht auf der eGK gespeichert werden. Davon unberührt bleiben die Vorgaben der datenschutzrechtlichen Einwilligung nach der EU-Datenschutzgrund­verordnung unter anderem zur Einwilligung in die Verarbeitung von Gesundheitsdaten.

Mobiler Datenzugriff

Darüber hinaus erhalten die Versicherten künftig zusätzliche Zugriffs- und Authentifizierungsmöglichkeiten, um auch mit mobilen Endgeräten, wie Tablets oder Smartphones, und ohne Einsatz der elektronischen Gesundheitskarte auf die medizinischen Daten in ihrer ePA zugreifen zu können. Bisherige Zugriffswege mittels eGK sollen aber erhalten bleiben.

Die Krankenkassen sind künftig dazu verpflichtet, die Versicherten über die unterschiedlichen Zugangswege und damit verbundene Abstufungen bei den Sicherheitskriterien zu informieren und eine darauf basierende Erklärung der Versicherten zur Nutzung des zusätzlichen Authentifizierungsverfahrens zu dokumentieren.

Die gematik wird nach Paragraf 291b SGB V verpflichtet, die Voraussetzungen für diese zusätzlichen technischen Möglichkeiten im Benehmen mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zu schaffen. Außerdem soll die gematik für handelsübliche mobile Geräte und Dienste im Benehmen mit dem BSI ein neues Zulassungsverfahren mit geeigneten Kriterien bis zum 31. März 2019 erarbeiten. Für die erforderliche Spezifizierung der Authentifizierungsverfahren ohne Einsatz der eGK setzt das BMG einen einmaligen Erfüllungsaufwand von 200.000 Euro an.

Die gematik wird außerdem verpflichtet, das BMG über Störungen, die die Sicherheit oder Funktionsfähigkeit der Tele­ma­tik­infra­struk­tur erheblich beeinträchtigen können, oder über bereits eingetretene derartige Vorfälle zu informieren.

Elektronische Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen ab 2021

Ab 2021 soll darüber hinaus ein verbindliches elektronisches Verfahren zur Übermittlung von Arbeitsunfähigkeitsdaten durch Ärzte an Krankenkassen ermöglicht werden. Die sichere Übermittlung der Daten über die Tele­ma­tik­infra­struk­tur an die Krankenkasse sieht auch eine qualifizierte elektronische Signatur durch den Heilberufsausweis vor.

Nach Paragraf 305 SGB V dürfen Krankenkassen künftig auf Wunsch des Versicherten und mit dessen Einwilligung Leistungs- und Abrechnungsdaten an Dritte, etwa für die ePA, übermitteln. Dabei muss jedoch sichergestellt sein, dass die Daten ohne ausdrückliche Einwilligung des Versicherten nicht von einem Aktenanbieter oder den Krankenkassen eingesehen werden können.

Ärzte wehren sich gegen Kassenzugriff auf Praxisverwaltungs­systeme

Bei der Ausgestaltung einer elektronischen Patientenakte (ePA) gibt es derzeit Überlegungen, dass Krankenkassen einen direkten Zugriff auf die Praxisverwaltungs­systeme von Ärzten und Psychotherapeuten erhalten könnten. Aus gut informierten Kreisen hieß es, das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium könne sich dem Modell der AOKen für die ePA nähern, bei dem dezentral auf Patientendaten zugegriffen werden soll. Die Ärzteschaft zeigte sich heute empört und forderte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) auf, das Vorhaben zu stoppen.

Dem direkten Zugriff in die Praxisverwaltungssysteme von Vertragsärzten und Vertragspsychotherapeuten von außen und dem Auslesen von Behandlungsdaten erteile man eine „klare Absage“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und allen Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen). Man werde „keine Systeme akzeptieren“, die in die Praxissysteme der Ärzte eingriffen. Auch der Zugriff von einem beauftragten Dritten sei nicht hinnehmbar.

KBV und KVen betonten aber auch, dass der strukturierte und sichere Austausch von medizinischen Behandlungsdaten unter den Vertragsärzten und Vertragspsycho­therapeuten und deren Weitergabe an Patienten ein elementares Ziel im digitalen Zeitalter ist, das alle gemeinsam verfolgten. Sie signalisierten die Bereitschaft, standardisierte Behandlungsdaten an eine lebenslange und kontinuierlich verfügbare elektronische Akte je Patient zu übermitteln.

Elementar sei dabei aber, dass die Datenhoheit für die elektronische Patientenakte bei den Patienten liege. Die erforderlichen Datenstandards und damit verbundene Schnittstellen der Praxisverwaltungssysteme müssten für Ärzte und Psychotherapeuten zudem von der KBV definiert werden, heißt es in der Erklärung.

„Die höchst vertrauliche Arzt-Patienten-Kommunikation ist wesentliches Selbst­verständnis unseres Berufes und bedarf eines besonderen Vertrauensschutzes. Wir werden im Sinne unserer Mitglieder nicht zulassen, dass diese besondere Beziehung zu unseren Patienten durch technische Lösungen aufgebrochen wird, die einen direkten Zugriff in die vertrauliche Arztdokumentation beinhalten“, schreibt KBV-Chef Andreas Gassen stellvertretend für alle Vorstände der KVen und der KBV, abschließend.

iDoc: Unterstützung, aber kein Ersatz

Löst der Computer den Arzt ab? Mit dieser Frage beschäftigten sich Gesundheitsexperten im Rahmen einer Podiumsdiskussion auf dem diesjährigen Hauptstadtkongress. Einigkeit bestand darüber: Big Data kann den denkenden Arzt nicht ersetzen, ihn aber in seiner täglichen Arbeit unterstützen.

Peter Noack, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg, betonte, dass die Technik bereits Einzug in den Arztalltag gehalten hat und bestimmte Aufgaben durchaus übernehmen kann – beispielsweise Kameras, die den diabetischen Status einer Person über Fotoaufnahmen des Auges erkennen. Er verwies aber auch darauf, dass Empathie als wichtige und wesentliche Grundlage des Arzt-Patienten-Verhältnisses noch von keinem Computersystem ersetzt werden kann. Der Computer werde den Arzt daher auch künftig bei der Diagnosestellung und der Therapiekontrolle unterstützen, ihn aber nicht ersetzen.

Rechner sollen Routineaufgaben übernehmen

Eng in Zusammenhang mit der Frage, ob der Arzt durch Technologie ersetzt wird, steht nach Meinung von Jens Härtel, Geschäftsführer der VILUA – Arvato Healthcare, die Frage, ob der Arzt von der digitalen Transformation überrollt wird. Dabei sieht er eher eine Chance darin, Routineaufgaben zu automatisieren und beispielsweise aus 24/7-Beobachtungen neue Erkenntnisse zu ziehen. Dies gäbe Ärzten wieder mehr Zeit, um mit den Patienten in die Interaktion zu gehen.

Auch Jesko Bartelt, Direktor für Deutschland, Österreich und die Schweiz von Health Bridge Limited, sieht nicht, dass der Arzt durch den Computer ersetzt werde. Health Bridge Limited hat „Dr. Ed“ ins Leben gerufen, eine Online-Arztpraxis mit Sitz in Großbritannien. Auch wenn dieses Angebot den Eindruck vermitteln könnte, dass es den Arzt zu ersetzen versucht – Bartelt betonte, dass hinter Dr. Ed ebenso Ärzte stehen und die Patienten behandeln.

„Wir benötigen den Arzt weiterhin, um gesunden Menschenverstand darauf anzu­wenden, welches medizinische Problem vorliegt, und um den empathischen Kontakt mit dem Patienten aufrechtzuerhalten“, so Bartelt. Gleichzeitig prognostiziert er, dass sich sowohl die Aufgaben des Arztes als auch die eingesetzten Medien ändern werden.

Technologie werde künftig standardmäßig eingesetzt, um bessere Behandlungs­entscheidungen zu treffen. Beispielhaft nannte er die Hautkrebserkennung: Studien zeigen bereits heute, dass Algorithmen eine präzisere Vorhersagekraft als Hautärzte haben. Auch sei die Bereitschaft der Patienten, telemedizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen, von 2016 bis 2018 von 37 Prozent auf etwa die Hälfte der Befragten gestiegen. Sein Fazit: „Die Aufgaben des Arztes werden später einsetzen in der Kette der Gesundheitsfürsorge.“

Veränderungen schafft die Digitalisierung auch aus Sicht von Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. So könne der Arzt durchaus ein Stück weit ersetzt werden – nämlich da, wo es um Routinetätigkeiten oder auch eine Ersteinschätzung durch geschultes medizinisches Personal wie Krankenschwestern oder Physician Assistants geht.

Ärzte entlasten

Wichtig sei zudem, dass Ärzte entlastet würden, beispielsweise bei den bildgebenden Verfahren – das teilweise ermüdende Sichten von Daten könnten Computer über­nehmen. Die dritte Veränderung sieht Kriedel in der Arzt-Patienten-Beziehung. Es würden mehr vorinformierte Patienten in die Praxen kommen und Ärzte müssten sich auf Veränderungen wie „shared decision making“ einstellen. Auch sei es wichtig, dass sie sich technisch weiterbildeten, um Patienten darüber aufklären zu können, was verschiedene Anwendungen und Programme leisten können.

Einig waren sich die Teilnehmer auch, dass mehr Klarheit geschaffen werden muss, wo verlässliche Gesundheitsinformationen zu finden sind. Das Überangebot im Netz erlaube Patienten keine Einschätzung darüber, woran sie sich orientieren könnten. Gute Angebote beispielsweise von der Unabhängigen Patientenberatung (UPD) würden bei den Suchmaschinen absaufen, so der Ärztliche Leiter der UPD Johannes Schenkel. Als positives Beispiel für qualitative medizinische Informationen nannte er die Stiftung Health On The Net. Solche zuverlässigen Quellen müssten genutzt werden, um die Gesundheitskompetenz der Menschen zu fördern.

Hauptstadtkongress: Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben

Anwendungen, die Ärztinnen und Ärzte bei der Diagnose und der Therapieentscheidung unterstützen, sind die entscheidenden Entwicklungen im Gesundheitswesen der Zukunft, hieß es bei der Eröffnungsveranstaltung des diesjährigen Hauptstadtkongresses in Berlin.

Dabei stellte Martin Hirsch, einer der Gründer der Ada Health App, die Visionen seines hochbewerteten Start-up-Unternehmens vor. Das Unternehmen habe in den vergan­genen sieben Jahren intensiv an der Datenverarbeitung für Künstliche Intelligenz (KI) gearbeitet. „Wir haben hier in Berlin die weltweit führende Software zur Diagnose-Unterstützung. Und ich will, dass das so bleibt und nicht von anderen Staaten aufgekauft wird“, so Hirsch.

Unterstützung auch für Ärzte

Das Unternehmen Ada will sich künftig neben der KI auf Anwendungen für professio­nelle Nutzer konzentrieren. Dabei sieht Hirsch die Ada-App nicht nur als Vorteil für Patienten, die so mit viel Wissen und auch schon mit Gesundheitsdaten in die Praxen kommen, sondern auch als Unterstützer für Ärzte.

„Unsere Auswertungen von Daten mit Hilfe von KI können der entscheidende Tipp für den Arzt sein“, so Hirsch. Er sieht den Fortschritt der Digitalisierung im Gesundheits­wesen von drei Seiten: Zum einen sei der Start von Versorgung nun „direkt in der Hosentasche“. Durch die App werde es viel mehr personalisierte Vorsorge geben. Auch Krankenkassen und Kran­ken­ver­siche­rungen werden immer mehr Treiber sein, die hier im Interesse der Kostenträger argumentieren. Als dritten großen Akteur sieht Hirsch aber auch die Universitätskliniken, bei denen die schweren und seltenen Fälle versorgt werden. Denn eins seiner Ziele für die kommenden fünf Jahre: „Wir wollen Menschen, die an einer der 7.500 möglichen seltenen Erkrankungen leiden, besser helfen können.“

Spahn will schnellere Digitalisierung

Auch Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) will eine schnellere Digitalisierung in der Medizin. Dabei warnte er vor weiteren Verzögerungen von innovativen Ideen, bekannte sich aber noch einmal ausdrücklich dazu, an der Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) festzu­halten. „Wir setzen die Standards, aber danach muss es Freiheit für Entwicklungen am Markt geben“, so Spahn.

Er mahnte, möglichst viele Entwicklungen auch in Deutschland zu starten. „Die Angebote werden von Apple, Google und Amazon kommen. Die Alternative ist, ob wir etwas gestalten oder ob wir das über uns ergehen lassen.“ Er kündigte auch ein Datengesetz zur Reform des Datenschutzes an, das innerhalb der Bundesregierung mit mehreren Ministerien geplant werde. Bei diesen Plänen sei der Gesundheitsbereich prädestiniert, da dort große Datenmengen anfielen und man müsse überlegen, wie diese Daten besser genutzt werden könnten.

Hasso-Plattner-Institut gründet Health-Cloud

Die Nutzung von Daten soll beispielsweise am Potsdamer Hasso-Plattner-Institut erforscht werden. Stifter und Namensgeber, der SAP-Gründer Hasso Plattner, wendete sich per Videobotschaft an die Teilnehmer des Hauptstadtkongresses. An dem Institut entwickeln Forscher die „Health-Cloud“, eine Anwendung, mit der an der Auswertung von Daten für die Künstliche Intelligenz geforscht werden soll.

Patienten könnten durch eine App ihre Daten an die Forscher weitergeben. Die Daten gehören dem Patienten, Ärzte können den Patienten ihre Befunde zur Verfügung stellen. Ob dies ähnlich einer elektronischen Gesundheitsakte aufgebaut sein soll, blieb unklar. „Mein eigener Beitrag zur Zukunft der Digital Health ist das Hasso-Plattner-Institut, bei dem wir bis zu drei Lehrstühle fördern werden“, sagte Plattner in dem Video. „Wir wollen an der Technik forschen, wie wir aus den Daten aus der Health Cloud medizinische Anwendungen entwickeln. Wir glauben, dass wir die Muster von Krankheiten erkennen und dann Ärzten zur Unterstützung zur Verfügung stellen“, so Plattner weiter.

Als Unterstützung zur Diagnose und Therapie verstanden auch die Ärzte auf der Podiumsdiskussion die neuen digitalen Möglichkeiten. Annette Grüters-Kieslich, Vorstandsvorsitzende und Leitende Ärztliche Direktorin am Uniklinikum Heidelberg, hält es für problematisch an, wie vielen Menschen in den vergangenen zwölf Jahren nicht geholfen werden konnte, weil die Digitalisierung des Gesundheitswesens nicht vorangebracht wurde.

Markus Münschenich, Arzt und Gründer des Flying Health Incubators, sieht viel Innovationsmöglichkeiten verspielt, die nun aber umso mehr aufgeholt werden müsse. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, forderte von der Politik, die 2004 ins Gesetz geschriebene Machtprobe zwischen Ärzten und Krankenkassen bei der Entwicklung der Gesundheitskarte zu beenden.

Algorithmen der großen Unternehmen kritisch hinterfragen

„Das Gesetz damals war als Machtinstrument gedacht, wir haben uns zwölf Jahre um die Macht gestritten und wir müssen uns nun fragen, wie wir aus dieser Macht­konstellation wieder herauskommen.“ Er bezeichnete die App Ada als gute Möglichkeit, die Ärzten hilft. „Wir haben da die Weltliteratur in der Hosentasche.“

Aber er sorge sich schon davor, welche Interessen hinter den Algorithmen der großen Unternehmen wirklich stehen. Um diese Algorithmen zu verstehen, forderte Grüters-Kieslich, mehr in das KI-Wissen auch in der Lehre zu investieren, aber auch die Unikliniken dabei finanziell zu unterstützen, in KI zu investieren. Münschenich warb dafür, dass Ärzte künftig auch den Angaben aus Apps vertrauen sollten, vor allem wenn diese mit Studien und anderen Prüfungen zertifiziert sind.

PKV und Krankenkassen präsentieren gemeinsame Gesundheitsakte

Es bewegt sich etwas am Markt der elektronischen Gesundheitsakten: Mehrere Krankenkassen und private Krankenversicherer haben heute in Berlin gemeinsam die elektronische Gesundheitsakte „Vivy“ vorgestellt. Unter ihnen die Allianz, die DAK-Gesundheit, die Bahn BKK, die IKK classic sowie die Barmenia und Gothaer Kran­ken­ver­siche­rung.

Nach eigenen Angaben könnte die App „Vivy“ durch den Zusammenschluss rund 25 Millionen Versicherte erreichen. Die hohe Zahl kommt auch durch die Zusammenarbeit mit dem Krankenkassen-IT-Dienstleisters Bitmarck zustande, der nach eigenen Angaben Krankenkassen aus allen „Kassenfamilien“ als Kunde hat.

Akte nicht gleich Akte

Nach der Techniker Krankenkasse, die Ende April ihre elektronische Gesundheitsakte der Öffentlichkeit präsentierte, ist dies nun die zweite große Vorstellung am Markt. Auch der AOK-Bundesverband hatte bereits erste Ideen für eine Akte vorgestellt, diese aber noch nicht als App präsentiert. Eine elektronische Gesundheitsakte (eGA) ist allerdings nicht mit der elektronischen Patientenakte (ePA) im Sinne des E-Health-Gesetzes gleichzusetzen.

In der Akte „Vivy“ sollen Versicherte künftig ihre Befunde wie Laborwerte, Röntgen­bilder, Notfalldaten, den Impfpass, Medikamente sowie Vorsorgeuntersuchungen eintragen können. An Arzttermine sowie die Einnahme von Medikamenten erinnert die App, auch warnt sie vor Wechselwirkungen bei OTC-Präparaten oder Vitamintabletten. Die Notfalldaten sollen über einen Sticker oder einen Schlüsselanhänger, den Krankenkassen ihren Versicherten zur Verfügung stellen, von Krankenhäusern oder Ersthelfern ausgelesen werden können.

Auch Gesundheitsbegleiter

Zusätzlich sei die App als eine „Gesundheitsbegleiterin“ ausgerichtet. Denn es werden aus den üblichen Wearables auch Gesundheitsdaten wie Schlafqualität, Anzahl der Schritte, Gewicht, Geistige Fitness und der Lebensstil und andere Gesundheitsdaten in die App eingespielt. Damit sollen Versicherte eine komplette Begleitung bekommen. Die App soll auch „sexy für Gesunde“ sein, und sich nicht nur auf kranke Menschen fokussieren.

Die Nutzung der App ist freiwillig und für Versicherte kostenfrei, die Daten liegen auf einem Server in Frankfurt am Main. Mit einer mehrstufigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der nur der Versicherte den entsprechenden Schlüssel hat, sei die App besonders gesichert. Die habe auch der TÜV Rheinland sowie das Unternehmen ePrivacy entsprechend zertifiziert. „Vivy“ selbst gehört zu 70 Prozent der Allianz SE, dem Mutterkonzern der Allianz Kran­ken­ver­siche­rung. 30 Prozent gehören dem Gründer und Geschäftsführer von „Vivy“, Christian Rebernik.

Auch für Ärzte und Krankenhäuser soll die Akte zu mehr Kommunikation beitragen. Die Daten, die ein Arzt seinem Patienten zur Verfügung stellt, sollen dabei nicht veränderbar sein und bleiben in der Originaldatengröße erhalten. Auch der Patient kann einem Arzt Daten über einen Klinikaufenthalt oder von einer Untersuchung bei einem anderen Facharzt senden.

Die App soll ab Juli schrittweise von den beteiligten Krankenkassen an ihre Versicherten ausgegeben werden. „Uns war es wichtig, dass wir ein System unterstützen, das gematik-kompatibel und maßgeschneidert ist für jede Krankenkasse, die wir betreuen“, erklärte Andreas Strausfeld, Vorsitzender des IT-Dienstleisters Bitmarck.

Damit auch Ärzte Daten an ihre Patienten versenden können, entwickelt derzeit die KV Telematik, ein Unternehmen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), eine entsprechende Schnittstelle. Wenn Arztpraxen über KV Connect verbunden sind, können sie über ihre Praxisverwaltungssysteme Anfragen der Patienten über die App beantworten. Für diese Erweiterung sei der Entwicklungsprozess im Herbst abge­schlossen, hieß es am Rande der Veranstaltung. Wie Ärzte genau auf Datenabfragen von Patienten reagieren sollen, blieb allerdings unklar. Die Beteiligten erklärten auch, dass demnächst Gespräche mit dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium über die App geben soll.

Die Mitwirkung für Ärzte und Krankenhäuser sieht die Vorstandsvorsitzende der Allianz Private Kran­ken­ver­siche­rung, Birgit König, durch die Menge der Versicherten als besonders attraktiv. „Wir sind keine Insellösung. Wir brauchen eine Anwendung, die für gesunde Kunden genauso interessant sein muss wie für kranke Menschen“, so König. Auch für die Krankenkassen sei dieser Zusammenschluss eine gute Möglichkeit.

„Es gibt eine Veränderung in der Rolle des Patienten im Gesundheitssystem. Wir sehen hier die Chance, gemeinsam mit der PKV eine systemübergreifende Lösung zu schaffen“, erklärte DAK-Chef Andreas Storm. Auch Stefan Hofmeister, Vize-Vorsitzende der KBV, begrüßte die App Vivy: „Sie gibt dem Patienten das Recht über die eigenen Daten. Gleichzeitig können Daten unverfälscht gespeichert sowie vom Patienten abgerufen werden.“

Montgomery für Neustart der elektronischen Gesundheitskarte

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), hat einen Neustart für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) angeregt. Das System der eGK sei völlig veraltet. „Wir sollten am besten einmal den Resetknopf drücken und über ein neues System nachdenken“, sagte er der Rheinischen Post. Die eGK sei ersonnen worden, „bevor die Versicherten Smartphones hatten“. Dies müsse bei der weiteren Digitalisierung im Gesundheitswesen berücksichtigt werden.

Die Einführung der eGK war vor mehr als zehn Jahren beschlossen worden. Mit weiteren Funktionen, die über Basisdaten der Versicherten hinausgehen, geht es aber nicht voran. Ein Defizit der eGK sei, dass diese nur in Praxen und Kliniken ausgelesen werden könne, sagte Montgomery. Es gehe aber nicht an, dass nicht auch Patienten selbstständig und jederzeit Zugang zu ihren Daten hätten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich zuletzt für eine Anbindung von Gesundheitsdaten an das geplante zentrale Bürgerportal im Internet ausgesprochen. Nötig sei eine „konsequente Digitalisierung von Verwaltung“, die mit der eGK „kompatibel“ sei.

Auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) will den Patienten ergänzend alternative Möglichkeiten für Datenzugriffe per Handy ermöglichen. Spätestens nach der parlamentarischen Sommerpause will er Details vorstellen. Die eGK in der Grundstruktur und auch die Tele­ma­tik­infra­struk­tur gehören für Spahn aber weiter zum festen Bestandteil der Entwicklung der Telematik im Gesundheitswesen.

BÄK-Präsident Montgomery übte zugleich Kritik an einem überbordenden Datenschutz, der auch das Gesundheitssystem treffe. „In Deutschland wird mit dem Datenschutz übertrieben“, sagte er mit Blick auf die neue EU-Datenschutzgrundverordnung. Es könne nicht sein, dass künftig Ärzte ihre Patienten über Datenschutzbelange aufklären müssten. Stattdessen seien „pragmatische Lösungen“ gefordert, mahnte er.

Digitalisierung wird Patienten stärker in den Mittelpunkt rücken

Die gesetzlichen und privaten Krankenversicherer in Deutschland (GKV und PKV) setzen zunehmend auf digitale Informations- und Kommunikationstechnologien. Das berichten Wissenschaftler des Fraunhofer-Zentrums für Internationales Manage­ment und Wissensökonomie (Fraunhofer IMW) und der Universität Leipzig gemeinsam mit den Gesundheitsforen Leipzig.

Im Rahmen einer Onlineerhebung haben die Forscher rund 300 Mitarbeiter mit unterschiedlichen Positionen und Funktionen aus 148 GKVen und PKVen sowie deren Verbänden befragt. Um die Ergebnisse zu validieren, erfolgte im Anschluss daran eine schriftliche Befragung der Experten aus den jeweiligen Fachbereichen. Ihre Aussagen flossen in Form von Zitaten in die Studie ein.

Das Fazit der Befragung: „Die digitale Transformation des Kran­ken­ver­siche­rungs­marktes ist bereits in vollem Gange und hat alle Fachbereiche erfasst“, so die Autoren. Zwei Drittel der PKVen und 44 Prozent der GKVen koopieren bei digitalen Anwen­dungen mit Start-ups. Jede dritte GKV stellt zusätzliche Innovationsbudgets für strategische Digitalisierungsprojekte zur Verfügung. Über zwei Drittel der GKVen bietet mittlerweile eine App zur Selbstverwaltung der Versichertendaten an und auch der Austausch über Facebook ist keine Seltenheit mehr.

Als Schwierigkeiten im Digitalisierungsprozess sehen die Befragten vor allem recht­liche Rahmenbedingungen, fehlende Standards und Unsicherheit über zukünftige Technologien an. Intern bereitet den meisten Befragten die mangelnde digitale Kompetenz der Beschäftigten, fehlende zeitliche Ressourcen und die Umstellung bestehender IT-Systeme Schwierigkeiten. Etwa ein Drittel der Kran­ken­ver­siche­rungen beschreiben zudem ihre Veränderungskultur als eher gering.

„Selbst wenn Big Data, Künstliche Intelligenz oder Virtual Reality aktuell in aller Munde sind, so es um die Medizin von morgen geht, die eigentliche Revolution, welche die Digitalisierung des Gesundheitswesens mit sich bringt, wird oft übersehen: die neue Rolle der Patienten. Sie sind nicht länger passive Zuschauer, sondern werden zu Managern ihrer Gesundheit. Dies gilt es bei allen Transformationsbemühungen nicht zu vergessen“, betonte Roland Nagel, Geschäftsführer der Gesundheitsforen Leipzig GmbH.