iDoc: Unterstützung, aber kein Ersatz

Löst der Computer den Arzt ab? Mit dieser Frage beschäftigten sich Gesundheitsexperten im Rahmen einer Podiumsdiskussion auf dem diesjährigen Hauptstadtkongress. Einigkeit bestand darüber: Big Data kann den denkenden Arzt nicht ersetzen, ihn aber in seiner täglichen Arbeit unterstützen.

Peter Noack, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg, betonte, dass die Technik bereits Einzug in den Arztalltag gehalten hat und bestimmte Aufgaben durchaus übernehmen kann – beispielsweise Kameras, die den diabetischen Status einer Person über Fotoaufnahmen des Auges erkennen. Er verwies aber auch darauf, dass Empathie als wichtige und wesentliche Grundlage des Arzt-Patienten-Verhältnisses noch von keinem Computersystem ersetzt werden kann. Der Computer werde den Arzt daher auch künftig bei der Diagnosestellung und der Therapiekontrolle unterstützen, ihn aber nicht ersetzen.

Rechner sollen Routineaufgaben übernehmen

Eng in Zusammenhang mit der Frage, ob der Arzt durch Technologie ersetzt wird, steht nach Meinung von Jens Härtel, Geschäftsführer der VILUA – Arvato Healthcare, die Frage, ob der Arzt von der digitalen Transformation überrollt wird. Dabei sieht er eher eine Chance darin, Routineaufgaben zu automatisieren und beispielsweise aus 24/7-Beobachtungen neue Erkenntnisse zu ziehen. Dies gäbe Ärzten wieder mehr Zeit, um mit den Patienten in die Interaktion zu gehen.

Auch Jesko Bartelt, Direktor für Deutschland, Österreich und die Schweiz von Health Bridge Limited, sieht nicht, dass der Arzt durch den Computer ersetzt werde. Health Bridge Limited hat „Dr. Ed“ ins Leben gerufen, eine Online-Arztpraxis mit Sitz in Großbritannien. Auch wenn dieses Angebot den Eindruck vermitteln könnte, dass es den Arzt zu ersetzen versucht – Bartelt betonte, dass hinter Dr. Ed ebenso Ärzte stehen und die Patienten behandeln.

„Wir benötigen den Arzt weiterhin, um gesunden Menschenverstand darauf anzu­wenden, welches medizinische Problem vorliegt, und um den empathischen Kontakt mit dem Patienten aufrechtzuerhalten“, so Bartelt. Gleichzeitig prognostiziert er, dass sich sowohl die Aufgaben des Arztes als auch die eingesetzten Medien ändern werden.

Technologie werde künftig standardmäßig eingesetzt, um bessere Behandlungs­entscheidungen zu treffen. Beispielhaft nannte er die Hautkrebserkennung: Studien zeigen bereits heute, dass Algorithmen eine präzisere Vorhersagekraft als Hautärzte haben. Auch sei die Bereitschaft der Patienten, telemedizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen, von 2016 bis 2018 von 37 Prozent auf etwa die Hälfte der Befragten gestiegen. Sein Fazit: „Die Aufgaben des Arztes werden später einsetzen in der Kette der Gesundheitsfürsorge.“

Veränderungen schafft die Digitalisierung auch aus Sicht von Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. So könne der Arzt durchaus ein Stück weit ersetzt werden – nämlich da, wo es um Routinetätigkeiten oder auch eine Ersteinschätzung durch geschultes medizinisches Personal wie Krankenschwestern oder Physician Assistants geht.

Ärzte entlasten

Wichtig sei zudem, dass Ärzte entlastet würden, beispielsweise bei den bildgebenden Verfahren – das teilweise ermüdende Sichten von Daten könnten Computer über­nehmen. Die dritte Veränderung sieht Kriedel in der Arzt-Patienten-Beziehung. Es würden mehr vorinformierte Patienten in die Praxen kommen und Ärzte müssten sich auf Veränderungen wie „shared decision making“ einstellen. Auch sei es wichtig, dass sie sich technisch weiterbildeten, um Patienten darüber aufklären zu können, was verschiedene Anwendungen und Programme leisten können.

Einig waren sich die Teilnehmer auch, dass mehr Klarheit geschaffen werden muss, wo verlässliche Gesundheitsinformationen zu finden sind. Das Überangebot im Netz erlaube Patienten keine Einschätzung darüber, woran sie sich orientieren könnten. Gute Angebote beispielsweise von der Unabhängigen Patientenberatung (UPD) würden bei den Suchmaschinen absaufen, so der Ärztliche Leiter der UPD Johannes Schenkel. Als positives Beispiel für qualitative medizinische Informationen nannte er die Stiftung Health On The Net. Solche zuverlässigen Quellen müssten genutzt werden, um die Gesundheitskompetenz der Menschen zu fördern.

Hauptstadtkongress: Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben

Anwendungen, die Ärztinnen und Ärzte bei der Diagnose und der Therapieentscheidung unterstützen, sind die entscheidenden Entwicklungen im Gesundheitswesen der Zukunft, hieß es bei der Eröffnungsveranstaltung des diesjährigen Hauptstadtkongresses in Berlin.

Dabei stellte Martin Hirsch, einer der Gründer der Ada Health App, die Visionen seines hochbewerteten Start-up-Unternehmens vor. Das Unternehmen habe in den vergan­genen sieben Jahren intensiv an der Datenverarbeitung für Künstliche Intelligenz (KI) gearbeitet. „Wir haben hier in Berlin die weltweit führende Software zur Diagnose-Unterstützung. Und ich will, dass das so bleibt und nicht von anderen Staaten aufgekauft wird“, so Hirsch.

Unterstützung auch für Ärzte

Das Unternehmen Ada will sich künftig neben der KI auf Anwendungen für professio­nelle Nutzer konzentrieren. Dabei sieht Hirsch die Ada-App nicht nur als Vorteil für Patienten, die so mit viel Wissen und auch schon mit Gesundheitsdaten in die Praxen kommen, sondern auch als Unterstützer für Ärzte.

„Unsere Auswertungen von Daten mit Hilfe von KI können der entscheidende Tipp für den Arzt sein“, so Hirsch. Er sieht den Fortschritt der Digitalisierung im Gesundheits­wesen von drei Seiten: Zum einen sei der Start von Versorgung nun „direkt in der Hosentasche“. Durch die App werde es viel mehr personalisierte Vorsorge geben. Auch Krankenkassen und Kran­ken­ver­siche­rungen werden immer mehr Treiber sein, die hier im Interesse der Kostenträger argumentieren. Als dritten großen Akteur sieht Hirsch aber auch die Universitätskliniken, bei denen die schweren und seltenen Fälle versorgt werden. Denn eins seiner Ziele für die kommenden fünf Jahre: „Wir wollen Menschen, die an einer der 7.500 möglichen seltenen Erkrankungen leiden, besser helfen können.“

Spahn will schnellere Digitalisierung

Auch Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) will eine schnellere Digitalisierung in der Medizin. Dabei warnte er vor weiteren Verzögerungen von innovativen Ideen, bekannte sich aber noch einmal ausdrücklich dazu, an der Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) festzu­halten. „Wir setzen die Standards, aber danach muss es Freiheit für Entwicklungen am Markt geben“, so Spahn.

Er mahnte, möglichst viele Entwicklungen auch in Deutschland zu starten. „Die Angebote werden von Apple, Google und Amazon kommen. Die Alternative ist, ob wir etwas gestalten oder ob wir das über uns ergehen lassen.“ Er kündigte auch ein Datengesetz zur Reform des Datenschutzes an, das innerhalb der Bundesregierung mit mehreren Ministerien geplant werde. Bei diesen Plänen sei der Gesundheitsbereich prädestiniert, da dort große Datenmengen anfielen und man müsse überlegen, wie diese Daten besser genutzt werden könnten.

Hasso-Plattner-Institut gründet Health-Cloud

Die Nutzung von Daten soll beispielsweise am Potsdamer Hasso-Plattner-Institut erforscht werden. Stifter und Namensgeber, der SAP-Gründer Hasso Plattner, wendete sich per Videobotschaft an die Teilnehmer des Hauptstadtkongresses. An dem Institut entwickeln Forscher die „Health-Cloud“, eine Anwendung, mit der an der Auswertung von Daten für die Künstliche Intelligenz geforscht werden soll.

Patienten könnten durch eine App ihre Daten an die Forscher weitergeben. Die Daten gehören dem Patienten, Ärzte können den Patienten ihre Befunde zur Verfügung stellen. Ob dies ähnlich einer elektronischen Gesundheitsakte aufgebaut sein soll, blieb unklar. „Mein eigener Beitrag zur Zukunft der Digital Health ist das Hasso-Plattner-Institut, bei dem wir bis zu drei Lehrstühle fördern werden“, sagte Plattner in dem Video. „Wir wollen an der Technik forschen, wie wir aus den Daten aus der Health Cloud medizinische Anwendungen entwickeln. Wir glauben, dass wir die Muster von Krankheiten erkennen und dann Ärzten zur Unterstützung zur Verfügung stellen“, so Plattner weiter.

Als Unterstützung zur Diagnose und Therapie verstanden auch die Ärzte auf der Podiumsdiskussion die neuen digitalen Möglichkeiten. Annette Grüters-Kieslich, Vorstandsvorsitzende und Leitende Ärztliche Direktorin am Uniklinikum Heidelberg, hält es für problematisch an, wie vielen Menschen in den vergangenen zwölf Jahren nicht geholfen werden konnte, weil die Digitalisierung des Gesundheitswesens nicht vorangebracht wurde.

Markus Münschenich, Arzt und Gründer des Flying Health Incubators, sieht viel Innovationsmöglichkeiten verspielt, die nun aber umso mehr aufgeholt werden müsse. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, forderte von der Politik, die 2004 ins Gesetz geschriebene Machtprobe zwischen Ärzten und Krankenkassen bei der Entwicklung der Gesundheitskarte zu beenden.

Algorithmen der großen Unternehmen kritisch hinterfragen

„Das Gesetz damals war als Machtinstrument gedacht, wir haben uns zwölf Jahre um die Macht gestritten und wir müssen uns nun fragen, wie wir aus dieser Macht­konstellation wieder herauskommen.“ Er bezeichnete die App Ada als gute Möglichkeit, die Ärzten hilft. „Wir haben da die Weltliteratur in der Hosentasche.“

Aber er sorge sich schon davor, welche Interessen hinter den Algorithmen der großen Unternehmen wirklich stehen. Um diese Algorithmen zu verstehen, forderte Grüters-Kieslich, mehr in das KI-Wissen auch in der Lehre zu investieren, aber auch die Unikliniken dabei finanziell zu unterstützen, in KI zu investieren. Münschenich warb dafür, dass Ärzte künftig auch den Angaben aus Apps vertrauen sollten, vor allem wenn diese mit Studien und anderen Prüfungen zertifiziert sind.

PKV und Krankenkassen präsentieren gemeinsame Gesundheitsakte

Es bewegt sich etwas am Markt der elektronischen Gesundheitsakten: Mehrere Krankenkassen und private Krankenversicherer haben heute in Berlin gemeinsam die elektronische Gesundheitsakte „Vivy“ vorgestellt. Unter ihnen die Allianz, die DAK-Gesundheit, die Bahn BKK, die IKK classic sowie die Barmenia und Gothaer Kran­ken­ver­siche­rung.

Nach eigenen Angaben könnte die App „Vivy“ durch den Zusammenschluss rund 25 Millionen Versicherte erreichen. Die hohe Zahl kommt auch durch die Zusammenarbeit mit dem Krankenkassen-IT-Dienstleisters Bitmarck zustande, der nach eigenen Angaben Krankenkassen aus allen „Kassenfamilien“ als Kunde hat.

Akte nicht gleich Akte

Nach der Techniker Krankenkasse, die Ende April ihre elektronische Gesundheitsakte der Öffentlichkeit präsentierte, ist dies nun die zweite große Vorstellung am Markt. Auch der AOK-Bundesverband hatte bereits erste Ideen für eine Akte vorgestellt, diese aber noch nicht als App präsentiert. Eine elektronische Gesundheitsakte (eGA) ist allerdings nicht mit der elektronischen Patientenakte (ePA) im Sinne des E-Health-Gesetzes gleichzusetzen.

In der Akte „Vivy“ sollen Versicherte künftig ihre Befunde wie Laborwerte, Röntgen­bilder, Notfalldaten, den Impfpass, Medikamente sowie Vorsorgeuntersuchungen eintragen können. An Arzttermine sowie die Einnahme von Medikamenten erinnert die App, auch warnt sie vor Wechselwirkungen bei OTC-Präparaten oder Vitamintabletten. Die Notfalldaten sollen über einen Sticker oder einen Schlüsselanhänger, den Krankenkassen ihren Versicherten zur Verfügung stellen, von Krankenhäusern oder Ersthelfern ausgelesen werden können.

Auch Gesundheitsbegleiter

Zusätzlich sei die App als eine „Gesundheitsbegleiterin“ ausgerichtet. Denn es werden aus den üblichen Wearables auch Gesundheitsdaten wie Schlafqualität, Anzahl der Schritte, Gewicht, Geistige Fitness und der Lebensstil und andere Gesundheitsdaten in die App eingespielt. Damit sollen Versicherte eine komplette Begleitung bekommen. Die App soll auch „sexy für Gesunde“ sein, und sich nicht nur auf kranke Menschen fokussieren.

Die Nutzung der App ist freiwillig und für Versicherte kostenfrei, die Daten liegen auf einem Server in Frankfurt am Main. Mit einer mehrstufigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der nur der Versicherte den entsprechenden Schlüssel hat, sei die App besonders gesichert. Die habe auch der TÜV Rheinland sowie das Unternehmen ePrivacy entsprechend zertifiziert. „Vivy“ selbst gehört zu 70 Prozent der Allianz SE, dem Mutterkonzern der Allianz Kran­ken­ver­siche­rung. 30 Prozent gehören dem Gründer und Geschäftsführer von „Vivy“, Christian Rebernik.

Auch für Ärzte und Krankenhäuser soll die Akte zu mehr Kommunikation beitragen. Die Daten, die ein Arzt seinem Patienten zur Verfügung stellt, sollen dabei nicht veränderbar sein und bleiben in der Originaldatengröße erhalten. Auch der Patient kann einem Arzt Daten über einen Klinikaufenthalt oder von einer Untersuchung bei einem anderen Facharzt senden.

Die App soll ab Juli schrittweise von den beteiligten Krankenkassen an ihre Versicherten ausgegeben werden. „Uns war es wichtig, dass wir ein System unterstützen, das gematik-kompatibel und maßgeschneidert ist für jede Krankenkasse, die wir betreuen“, erklärte Andreas Strausfeld, Vorsitzender des IT-Dienstleisters Bitmarck.

Damit auch Ärzte Daten an ihre Patienten versenden können, entwickelt derzeit die KV Telematik, ein Unternehmen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), eine entsprechende Schnittstelle. Wenn Arztpraxen über KV Connect verbunden sind, können sie über ihre Praxisverwaltungssysteme Anfragen der Patienten über die App beantworten. Für diese Erweiterung sei der Entwicklungsprozess im Herbst abge­schlossen, hieß es am Rande der Veranstaltung. Wie Ärzte genau auf Datenabfragen von Patienten reagieren sollen, blieb allerdings unklar. Die Beteiligten erklärten auch, dass demnächst Gespräche mit dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium über die App geben soll.

Die Mitwirkung für Ärzte und Krankenhäuser sieht die Vorstandsvorsitzende der Allianz Private Kran­ken­ver­siche­rung, Birgit König, durch die Menge der Versicherten als besonders attraktiv. „Wir sind keine Insellösung. Wir brauchen eine Anwendung, die für gesunde Kunden genauso interessant sein muss wie für kranke Menschen“, so König. Auch für die Krankenkassen sei dieser Zusammenschluss eine gute Möglichkeit.

„Es gibt eine Veränderung in der Rolle des Patienten im Gesundheitssystem. Wir sehen hier die Chance, gemeinsam mit der PKV eine systemübergreifende Lösung zu schaffen“, erklärte DAK-Chef Andreas Storm. Auch Stefan Hofmeister, Vize-Vorsitzende der KBV, begrüßte die App Vivy: „Sie gibt dem Patienten das Recht über die eigenen Daten. Gleichzeitig können Daten unverfälscht gespeichert sowie vom Patienten abgerufen werden.“

Montgomery für Neustart der elektronischen Gesundheitskarte

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), hat einen Neustart für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) angeregt. Das System der eGK sei völlig veraltet. „Wir sollten am besten einmal den Resetknopf drücken und über ein neues System nachdenken“, sagte er der Rheinischen Post. Die eGK sei ersonnen worden, „bevor die Versicherten Smartphones hatten“. Dies müsse bei der weiteren Digitalisierung im Gesundheitswesen berücksichtigt werden.

Die Einführung der eGK war vor mehr als zehn Jahren beschlossen worden. Mit weiteren Funktionen, die über Basisdaten der Versicherten hinausgehen, geht es aber nicht voran. Ein Defizit der eGK sei, dass diese nur in Praxen und Kliniken ausgelesen werden könne, sagte Montgomery. Es gehe aber nicht an, dass nicht auch Patienten selbstständig und jederzeit Zugang zu ihren Daten hätten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich zuletzt für eine Anbindung von Gesundheitsdaten an das geplante zentrale Bürgerportal im Internet ausgesprochen. Nötig sei eine „konsequente Digitalisierung von Verwaltung“, die mit der eGK „kompatibel“ sei.

Auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) will den Patienten ergänzend alternative Möglichkeiten für Datenzugriffe per Handy ermöglichen. Spätestens nach der parlamentarischen Sommerpause will er Details vorstellen. Die eGK in der Grundstruktur und auch die Tele­ma­tik­infra­struk­tur gehören für Spahn aber weiter zum festen Bestandteil der Entwicklung der Telematik im Gesundheitswesen.

BÄK-Präsident Montgomery übte zugleich Kritik an einem überbordenden Datenschutz, der auch das Gesundheitssystem treffe. „In Deutschland wird mit dem Datenschutz übertrieben“, sagte er mit Blick auf die neue EU-Datenschutzgrundverordnung. Es könne nicht sein, dass künftig Ärzte ihre Patienten über Datenschutzbelange aufklären müssten. Stattdessen seien „pragmatische Lösungen“ gefordert, mahnte er.

Digitalisierung wird Patienten stärker in den Mittelpunkt rücken

Die gesetzlichen und privaten Krankenversicherer in Deutschland (GKV und PKV) setzen zunehmend auf digitale Informations- und Kommunikationstechnologien. Das berichten Wissenschaftler des Fraunhofer-Zentrums für Internationales Manage­ment und Wissensökonomie (Fraunhofer IMW) und der Universität Leipzig gemeinsam mit den Gesundheitsforen Leipzig.

Im Rahmen einer Onlineerhebung haben die Forscher rund 300 Mitarbeiter mit unterschiedlichen Positionen und Funktionen aus 148 GKVen und PKVen sowie deren Verbänden befragt. Um die Ergebnisse zu validieren, erfolgte im Anschluss daran eine schriftliche Befragung der Experten aus den jeweiligen Fachbereichen. Ihre Aussagen flossen in Form von Zitaten in die Studie ein.

Das Fazit der Befragung: „Die digitale Transformation des Kran­ken­ver­siche­rungs­marktes ist bereits in vollem Gange und hat alle Fachbereiche erfasst“, so die Autoren. Zwei Drittel der PKVen und 44 Prozent der GKVen koopieren bei digitalen Anwen­dungen mit Start-ups. Jede dritte GKV stellt zusätzliche Innovationsbudgets für strategische Digitalisierungsprojekte zur Verfügung. Über zwei Drittel der GKVen bietet mittlerweile eine App zur Selbstverwaltung der Versichertendaten an und auch der Austausch über Facebook ist keine Seltenheit mehr.

Als Schwierigkeiten im Digitalisierungsprozess sehen die Befragten vor allem recht­liche Rahmenbedingungen, fehlende Standards und Unsicherheit über zukünftige Technologien an. Intern bereitet den meisten Befragten die mangelnde digitale Kompetenz der Beschäftigten, fehlende zeitliche Ressourcen und die Umstellung bestehender IT-Systeme Schwierigkeiten. Etwa ein Drittel der Kran­ken­ver­siche­rungen beschreiben zudem ihre Veränderungskultur als eher gering.

„Selbst wenn Big Data, Künstliche Intelligenz oder Virtual Reality aktuell in aller Munde sind, so es um die Medizin von morgen geht, die eigentliche Revolution, welche die Digitalisierung des Gesundheitswesens mit sich bringt, wird oft übersehen: die neue Rolle der Patienten. Sie sind nicht länger passive Zuschauer, sondern werden zu Managern ihrer Gesundheit. Dies gilt es bei allen Transformationsbemühungen nicht zu vergessen“, betonte Roland Nagel, Geschäftsführer der Gesundheitsforen Leipzig GmbH.

Merkel für Anbindung von Gesundheitsdaten an „Bürgerportal“

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterstützt eine Anbindung von Gesundheitsdaten an ein geplantes zentrales Bürgerportal. „Wir brauchen die konsequente Digitalisierung von Verwaltung – und im Übrigen kompatibel mit der Gesundheitskarte“, sagte Merkel heute im Bundestag.

Notwendig sei ein Zugang der Bürger für alle Verwaltungs­leistungen. Dies sei natürlich „eine große Kraftanstrengung“, erklärte die Kanzlerin weiter. Sie griff damit einen entsprechenden Vorstoß von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) auf. 

Spahn hatte sich in Bezug auf weitere Funktionen für die elektronische Gesundheits­karte (eGK) dafür ausgesprochen, neue digitale Gesundheitslösungen mit dem „Bürgerportal“ zu koordinieren. Das solle vermeiden, dass für Steuer­erklärungen, Passbeantragungen und im Gesundheitswesen je eigene digitale Identitäten nötig würden.

 Spahn hatte gestern betont, dass es sich bei allen Überlegungen um weitere Entwicklungsmöglichkeiten für die eGK handelt. Er halte an der eGK und der Tele­ma­tik­infra­struk­tur fest, hatte er ausdrücklich versichert. Spätestens nach der parlamentarischen Sommerpause will er Details zu seinen Plänen vorstellen.

Spahn hält an Telematik­infrastruktur und elektronischer Gesundheitskarte fest

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hält am Aufbau der Telematik­infrastruktur (TI) und an der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) fest. Das hat das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) in einem Brief an die Spitzenverbände der Krankenkassen und Ärzte klargestellt, der dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt.

Das Festhalten an der TI umfasse die flächendeckende Installation der Konnektoren im ambulanten Bereich wie auch die Planungen zum Anschluss an den stationären Bereich und der Apotheken einschließlich der erforderlichen E-Health-Kartenterminals für die Leistungserbringer, erklärt das Ministerium. Zugleich bittet das BMG die beteiligten Akteure, alles zu tun, um den Aufbau der TI „weiter zu beschleunigen“ und bestehende Verfahrensprobleme wie bei den Erstattungsverhandlungen „schnells­tmöglich“ zu lösen.

Stärker von Bedürfnissen der Versicherten denken

In Bezug auf die eGK teilt das Ministerium mit, es gehe „nicht um den vollständigen Ersatz des aktuell geplanten Zugangs durch eGK und Kartenlesegerät“. Ziel sei es aber, dass die Versicherten auf Wunsch auch „weitere Zugänge, also alternative (z.B. mobile) Authentifizierungsverfahren nutzen können“. „Aus unserer Sicht entspricht dies der Lebensrealität vieler Versicherter und muss entsprechend umgehend in den Planungen ergänzt werden“, heißt es weiter. Die entsprechenden Rahmenbedingungen sind nach Angaben des BMG in Vorbereitung. Spätestens nach der Sommerpause wolle man Details vorstellen.

Darüber hinaus kündigt das Ministerium in dem Schreiben an, die Strukturen rund um die gematik – Gesellschaft für Telematikanwendungen der elektronischen Gesund­heits­­karte auf den Prüfstand zu stellen. Bei der Sicherstellung von Interoperabilität, Sicherheit, Schnittstellenoffenheit und dem Setzen von Standards müsse man „schneller werden“, schreibt das BMG. Grundsätzlich gelte künftig bei allen Vorhaben „die digitalen Gesundheitsangebote stärker als bisher von den Bedürfnissen der Versicherten her zu denken“. 

Hintergrund der Klarstellungen sind Äußerungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Spahn selbst. Dieser hatte mehrfach erklärt, dass die eGK in ihrer derzeitigen Form nicht sinnvoll sei. Merkel hatte auf einer Konferenz mit CDU-Kreisvorsitzenden gesagt, man habe mit der eGK ein zehn-, elfjähriges Experiment gemacht. Sie habe Spahn „freie Hand“ für andere Lösungen gelassen, wenn er meine, dass die eGK „nicht zukunftsfähig“ sei. Zwar sei bereits etwa eine Milliarde Euro investiert worden, „aber eh das nie funktioniert“, hatte sie betont.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte zuletzt eine verbindliche Aussage darüber gefordert, ob die bestehende Gesetzeslage weiterhin Bestand hat. Man begrüße die Klarstellung, erklärte ein Sprecher heute auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes. Nun werde wie geplant die „leitungsgebundene“ TI ausgerollt. Gleichzeitig sei man offen dafür, in einem späteren Schritt nutzstiftende Anwendungen für Patienten auch über andere Medien wie Apps zu transportieren.

Handy könnte neue Alternative zur elektronischen Gesundheitskarte werden

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) sucht als Alternative zur elektronischen Gesundheitskarte (eGK) nach einer einfachen Lösung für das Handy. Die Karte sei nicht die attraktivste Lösung für Patienten, um Zugang zu ihren Gesund­heitsdaten zu bekommen, sagte der CDU-Politiker der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Denn die wünschen sich einen schnellen, einfachen und sicheren Zugriff auf ihre Gesundheitsdaten“ – nach Überzeugung des Ministers am liebsten per Handy. „Das sollten wir ermöglichen“, sagte er.

Bis zur parlamentarischen Sommerpause will Spahn Vorschläge für den weiteren Umgang mit der eGK vorlegen. Er erwarte von allen Beteiligten, im nächsten Schritt die elektronische Patientenakte voranzutreiben, sagte er. Es gehe um „lebensnahe und nicht um technikverliebte Lösungen“. 

Spahn hatte schon vergangene Woche deutlich gemacht, dass er die derzeitigen Pläne für nicht praktikabel hält. Die Zeit von Kartenlesegeräten an Desktop-Computern als alleinige, vorgeschriebene Login-Variante sei aus seiner Sicht nicht der Zugang, den sich die Bürger im Jahre 2018 mehrheitlich wünschten, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Minister fordert stattdessen, die Digitalisierung des Gesundheitswesens mit dem Bürgerportal zu koordinieren, das die Bundesregierung derzeit plant.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte Spahn erst kürzlich ausdrücklich freie Hand gelassen, die eGK abzuschaffen oder zu reformieren. Kritisch hatte sich auch Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU) geäußert. Sie riet dazu, die Arbeit an der eGK einzustellen. In anderen Ländern würden die Daten über Arztbehandlungen und Laborwerte längst in nationalen Digital-Archiven gespeichert, sagte Bär dem Tagesspiegel. Nun stelle sich, sagte Bär, „die gleiche Frage wie beim Berliner Flughafen BER: Schießt man gutem Geld noch viel Schlechtes hinterher. Oder macht man was Gescheites?“

Die eGK sollte bereits vor Jahren viel mehr können als bisher, etwa Doppelunter­suchungen und Fehlmedikation vermeiden. Bis heute ist es aber nicht gelungen, sie als Instrument zum sicheren Austausch von Patientendaten etwa zwischen Ärzten zu etablieren. Die Entwicklung hat bisher rund eine Milliarde Euro gekostet.

KBV fordert Klarstellung

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) verlangte heute Klarheit über die Konsequenzen der Äußerungen aus der Politik. Diese hätten die niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten verunsichert. Es stelle sich die Frage, ob geltende Gesetze nicht mehr gelten, sagte KBV-Chef Andreas Gassen. Zwar habe Spahn mittlerweile verschiedentlich erklärt, dass in jedem Falle ein sicheres Netz gebraucht werde, an dem alle Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken angeschlossen seien.

„Nach diesem öffentlichen Hin und Her: Wir brauchen eine verbindliche Aussage des Ministers, ob das derzeit geltende Gesetz Bestand haben wird, oder ob es geändert werden soll“, sagte Gassen. Er zeigte sich offen für neue digitale Anwendungen, die für Ärzte und Patienten nutzbringend sind und beispielsweise via App funktionieren.

Patienten offen für digitale Angebote

Patienten sehen beim Thema Digitalisierung im Gesundheitsmarkt noch viel ungenutztes Potenzial. Das ist das Ergebnis einer Onlinebefragung, die die Deutsche Apotheker- und Ärztebank (Apobank) gemeinsam mit dem Research-Unternehmen Statista durchgeführt hat. Demnach finden 83 Prozent der Befragten, dass die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens Nachholbedarf hat.

„Der Patient fordert die Digitalisierung, die er von anderen Lebensbereichen gewohnt ist, auch in der medizinischen Versorgung ein“, sagte Daniel Zehnich, Leiter des Bereichs Gesundheitsmärkte und Gesund­heitspolitik bei der Apobank.

Der Umfrage zufolge bedeutet für 56 Prozent der Befrag­ten die Digitalisierung einen vereinfachten Zugang zur ärztlichen und pharmazeutischen Versorgung. Ent­sprechend erwarten sie vor allem gut funktionierende Basisanwendungen, die ihnen die Kommunikation erleichtern.

Dazu gehört vor allem die Online-Terminvereinbarung (59 Prozent), der Austausch mit Ärzten und Apothekern per E-Mail (32 Prozent), die Telefonsprechstunde (27 Prozent) und die Online-Sprechstunde (26 Prozent).

„Den Komfort, mit wenigen Klicks zum gewünschten Ergebnis zu kommen, erwartet der Patient zunehmend auch von den Heilberuflern und fordert neue digitale Angebote, Innovationen und Services – dies trifft insbesondere auf jüngere Patienten zu“, so Zehnich.

60 Prozent der Befragten können sich zudem vorstellen, digital mit ihrem Arzt zu kommunizieren. Dabei wird vor allem das Telefongespräch bevorzugt, an zweiter Stelle steht der Videochat, gefolgt von E-Mail und Text-Chat, zum Beispiel per WhatsApp oder Messenger.

Dabei ist die Datensicherheit für die Mehrheit der Patienten kein Hindernis: 62 Prozent signalisieren eine hohe bis sehr hohe Bereitschaft, ihre Gesundheitsdaten im Rahmen einer elektronischen Gesundheitsakte an Ärzte und Apotheker weiterzugeben.

Laut Zehnich zeigen die Ergebnisse der Patientenbefragung, worauf sich Heilberufler einstellen müssen. „Sie können den Patientenwünschen begegnen, indem sie zum Beispiel Arbeitsabläufe in der Praxis aus Patientensicht denken und ihr Leistungs­spektrum um digitale Angebote erweitern, die den Bedarf der Patienten im Blickfeld haben“, erklärte er.

Digitalisierung und Big Data: Wo liegt der Nutzen für Patienten?

„Die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) muss schnell ans Laufen kommen, damit die Möglichkeiten der elektronischen Gesundheitskarte genutzt werden können“, erklärte Uwe Klemens, Vorsitzender des Verbandes der Ersatzkassen (vdek) gestern beim Zukunftsforum des Verbandes. Zu fragen sei stets, was bringt das für die Versicherten? Wo liegt der Nutzen für die medizinische Versorgung. Das betreffe auch den Bereich Big Data.

„Digitalisierung ist ein Mittel, um die Versorgung zu verbessern. Wir wollen eine verbesserte Vernetzung von der Universitätsmedizin bis hin zur ambulanten Schwerpunktpraxis“, betonte die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU, Karin Maag. Für solch einen Behandlungsweg sei die elektronische Patientenakte (ePA) nötig, wie sie derzeit bereits in verschiedenen Ansätzen von der AOK und der Techniker Krankenkasse entwickelt werde. Beide Projekte hätten erklärt, dass sie ihre Akten, sobald die TI verfügbar ist, anbinden wollen.

Patientenakten müssen interoperabel sein

„Wir verlangen dabei Interoperabilität, geeignete Schnittstellen und die Einhaltung entsprechender Sicherheitsanforderungen“, betonte Maag. So müssten alle Ärzte die Akte öffnen können. Zwar arbeite die für die TI verantwortliche Betriebsgesellschaft gematik an den Spezifikationen für die ePA, aber: „Einige Vorgaben können wir nicht der gematik überlassen, sondern müssen das selbst in die Hand nehmen.“ Zu den zentralen Vorgaben bei der ePA zählt ihr zufolge, dass die gespeicherten Daten immer Eigentum des Patienten bleiben und er darüber entscheiden kann, welche Daten er wem zur Verfügung stellt.

Im Hinblick auf die weiteren Anwendungen der TI werde das zweite E-Health-Gesetz vorbereitet. Trotz Kritik an der Gesundheitskarte wird laut Maag zunächst weiter mit der eGK geplant, auch wenn diese mit Blick auf Smartphone und iPad nur als ein Übergangsmedium gilt. Zudem werde über Strukturen und Bestandsaufnahmen in der gematik noch zu reden sein, meinte die Gesundheitspolitikerin.

Als Maßnahmen der Gesundheitspolitik stehen laut Maag darüber hinaus insbesondere der weitere Ausbau der TI, die ePA für alle Versicherten noch in dieser Legislatur­periode, neue Zulassungswege für digitale Anwendungen und die Erhöhung der Investitionen für die digitale Sicherheit in den Krankenhäusern auf dem Programm der Regierungskoalition. Ein weiterer Punkt sei die Weiterentwicklung der Pflege­versorgung durch Technik und Vernetzung. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung sei außerdem die schnelle Integration sinnvoller telemedizinischer Lösungen in die Regelversorgung erforderlich.

Big-Data-Projekt für Lungenkrebspatienten

Welche Chancen und Probleme mit der wachsenden Flut von Gesundheitsdaten verbunden sind, erläuterte Pablo Mentzinis von SAP anhand eines Forschungsprojekts, an dem das Unternehmen zusammen mit Siemens unter der Leitung des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen und des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg beteiligt ist.

Ärzte und Wissenschaftler entwickeln dabei ein System („DataBox“), das Daten von Lungenkrebspatienten sammeln und diese für Big-Data-Analysen zur Verfügung stellen soll. Davon erhoffen sich die Beteiligten neue Diagnosemethoden und Behandlungs­konzepte. Das 2018 gestartete Projekt wird vom Bun­des­for­schungs­minis­terium und vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium gefördert sowie von Barmer und TK unterstützt.

Digitale Souveränität des Patienten

Die Probleme laut Mentzinis: Wie ist einerseits eine konsistente, ganzheitliche Sicht auf den Patienten möglich? Wie lassen sich die Daten aus den unterschiedlichen Quellen und in unterschiedlichen Formaten mit unterschiedlicher Semantik zusammenführen und aufbereiten? Wie kann man andererseits im Behandlungs­zusammenhang die digitale Souveränität des Patienten sicherstellen, sodass dieser tatsächlich technisch in die Lage versetzt wird, über seine Daten zu verfügen?

Das Projekt ziele darauf ab, die Daten einrichtungs- und sektorenübergreifend verfügbar zu machen. Dem Arzt soll eine longitudinale Sicht auf den Patienten ermöglicht werden. Zudem sollen die Bildung von seltenen Patientenkollektiven für künftige Studien und die Qualitätssicherung unterstützt werden, erläuterte der IT-Experte.

Digitalisierung bedeutet nicht immer Verbesserung

„Die Idee, dass man meint, viele Informationen machen Versorgung besser, ist mir ein völliges Rätsel“, meinte hingegen Jürgen Windeler, Institutsleiter des IQWiG. Der Bereich Big Data sei hochproblematisch, da bisher noch kein einziges von den vielen Versprechen im Zusammenhang mit Big Data gehalten worden sei. „Es ist völlig klar, dass ungezieltes Suchen nach Zusammenhängen zu einem extrem schlechten Missverhältnis zwischen Fehlalarmen und vernünftigen Ergebnissen führt“, so Windeler. Das führe zu enormer Ineffizienz in Erkenntnisprozessen.

Im Hinblick auf individuelle Entscheidungsunterstützung sei zudem zu fragen: „Wer überprüft überhaupt, ob das die richtigen Entscheidungen sind? Sind dadurch gewonnene Erkenntnisse, generiert etwa auch auf Basis von Echtzeitdaten, überhaupt überprüfbar?“

„Wir müssen den Nutzen von Big Data in der Klinik nachweisen“, erklärte Rita Katharina Schmutzler, Direktorin des Zentrums für Familiären Brust- und Eierstockkrebs, Uniklinikum Köln. Dennoch bestehe auch Handlungsdruck. Sie verwies darauf, dass beispielsweise viele Gentests heute schon über das Internet bestellt werden könnten, auch wenn sie nicht nach Deutschland geliefert werden dürfen.

„Wir haben hier eine disruptive Entwicklung. Wenn wir nicht die Evidenz generieren und ein strukturiertes Versorgungskonzept anbieten, gibt es draußen am Markt die privaten Firmen.“ Diese arbeiten „direct to consumer“, der Arzt bleibe außen vor, nichts werde interpretiert. „Wir können nicht einfach warten, bis wir in zehn Jahren eine RCT fertiggestellt haben, dann ist der Markt geregelt.“

Es gelte herauszufinden, wie sich der Nutzen neuer Anwendungen für Patienten nachweisbar vermitteln lasse, resümierte die vdek-Vorstandsvorsitzende Ulrike Elsner. Nur dann könne die Solidargemeinschaft dafür zahlen. Zudem gehe es dabei stets auch um Qualität und den Schutz der Patienten.