Internetrecherche zu Krankheitssymptomen verunsichert viele Patienten

Ausgedehnte Internetrecherchen zu ihren Krankheitssymptomen können bei Patienten Ängste auslösen, die sich langfristig verfestigen. Der Umgang mit einer solchen „Cyberchondrie“ stellt eine besondere Herausforderung für den Arzt dar. Das berichten Wissenschaftler um Julian Wangler vom Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie der Universitätsmedizin Mainz in der Zeitschrift DMW Deutsche Medizini­sche Wochenschrift (doi 10.1055/a-0842-8285).

Die Forscher haben für ihre Studie zwischen dem 20. April und 20. Juni 2018 844 Allgemeinmediziner und hausärztlich tätige Internisten in Südhessen und zusätzlich in den Landkreisen Gießen, Marburg-Biedenkopf, Kassel und der kreisfreien Stadt Kassel schriftlich befragt. Sie wollten von den Hausärzten wissen, ob und wie häufig Patienten in der Sprechstunde Erstdiagnosen aus dem Internet thematisieren.

Zwei Drittel der Mediziner gaben an, dass sie häufig damit konfrontiert seien. Patien­ten kämen bereits mit Informationen zu den Symptomen ihrer möglichen Erkrankung in die Praxis und hätten sich bereits über Therapien Gedanken gemacht. Die Ärzte hatten den Eindruck, dass die Patienten durch die vorherige Internetsuche eher ver­wirrt oder verunsichert werden (84 Prozent) und nervöser und ängstlicher wirken (74 Prozent).

Dass die Patienten gut informiert sind und daher den Arzt besser verstehen (29 Pro­zent) oder bei Beschwerden rechtzeitiger in die Praxis kommen (16 Prozent), ist nach Einschätzung der Allgemeinmediziner seltener der Fall. Nur sechs Prozent der Ärzte gaben an, dass die Patienten sich nach einer Internet-Recherche sicherer fühlten und nur vier Prozent der Mediziner erklärten, dass sie dann vernünftiger handelten.

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62 Prozent der Hausärzte beklagten, dass die Patienten mit falschen Erwartungen in die Praxis kämen. 46 Prozent vermuten, dass ihre Diagnose zuhause via Internet überprüft werde. 41 Prozent der Mediziner befürchten, dass das Internet die Patienten dazu bewege, andere als die verordneten Medikamente einzunehmen. 39 Prozent mutmaßen, dass die verordneten Medikamente infolgedessen nicht eingenommen werden.

Die Umfrage zeigt außerdem, dass eine Internetrecherche den Gesprächsbedarf seitens der Patienten erhöht: 74 Prozent der Ärzte sagten, dass die Patienten mehr Fragen stellen, 64 Prozent sahen sich zunehmender Kritik gegenüber, 32 Prozent empfanden die Patienten als konfliktbereiter. Jeder fünfte Arzt (18  Prozent) hat bereits den Abbruch eines Betreuungsverhältnisses aufgrund ausgeuferter Internetrecher­chen des Patienten erlebt.

„Es erscheint ratsam, die Online-Informationssuche aktiv im Patientengespräch zu thematisieren, um möglichen negativen Auswirkungen auf das Arzt-Patient-Verhältnis vorzubeugen. Entsprechend wäre darüber nachzudenken, die Anamnese um die Dimension der Online-Informationssuche zu erweitern“, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler. 

Patientenbrief statt Arztbrief kann Patientensicherheit erhöhen

Patienten, die nach der Entlassung aus dem Krankenhaus einen Patienten­brief erhielten, fühlen sich besser unterstützt und verstehen ihre Erkrankung und Be­handlung besser. Das zeigen die Ergebnisse der Pilotstudie „Mehr Gesundheitskom­petenz durch Patientenbriefe“, die heute im Rahmen der Veranstaltung „Mit. Sicher­heit. Gemeinsam.“ des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) in der Hörsaalruine der Charité Berlinvorgestellt wurden.

Insbesondere in Bezug auf die Einnahme von Medikamenten gaben die Patienten signifikant häufiger an, sehr verständliche Erläuterungen über die Art der Medikamen­ten­einnahme erhalten zu haben. Dies könne sich positiv auf die Therapietreue und die Gesundheitskompetenz insgesamt auswirken, sagte Ansgar Jonitz, Geschäftsführer des gemeinnützigen Unternehmens „Was hab’ ich?“.

Das Startup hatte die für Laien verständlichen Entlassdokumente entwickelt und deren Einsatz zwischen November 2015 und April 2018 getestet. Patienten der Abteilung Innere Medizin der Paracelsus-Klinik in Bad Ems erhielten im Rahmen der Studie zu­sätzlich zum Arztbrief einen Patientenbrief, der leicht verständliche Informationen zum Krankheitsbild, zu den durchgeführten Untersuchungen, Behandlungen und den Me­di­kationsplan enthielt.

Neben einem besseren Verständnis für die eigene Erkrankung zeigen die Ergebnisse auch, dass Patienten mit Patientenbrief sich im Krankenhaus rücksichtsvoller behan­delt fühlten und die Klinik nach Entlassung häufiger weiterempfahlen. Auch wurden die Patientenbriefe von fast allen Patienten und in vielen Fällen von Angehörigen gelesen.

Thomas Gebhardt, Parlamentarischer Staatssekretär des BMG, betonte, dass eine patientengerechte Kommunikation entscheidend sei, um die Gesundheitskompetenz und damit auch die Patientensicherheit zu erhöhen. Patientensicherheit sei Aufgabe aller, so Gebhardt. Sie könne nur durch die gemeinsame Anstrengung von Ärztinnen und Ärzten sowie Patienten gelingen. 

Perspektivisch soll das Projekt flächendeckend eingesetzt werden und allen Patienten zur Verfügung stehen. Auch die Option eines mehrsprachigen Patientenbriefes sowie eine digitale Version und die Ausweitung auf weitere Zielgruppen sind angedacht. In einem Folgeprojekt, das in den kommenden Tagen startet, wird zudem die automati­sche Erstellung von Patientenbriefen getestet.

„Was hab’ ich?“ bietet seit 2011 einen Patientenservice zur „Übersetzung“ von Arzt­briefen an. Patienten können ihre Befunde anonym auf dem Portal hochladen und er­halten kostenfrei eine leicht verständliche Version des Arztschreibens. Die Formulie­rung übernehmen Medizinstudierende höherer Semester sowie Ärzte. Seit dem Start der Webseite wurden 40.000 Befunde übersetzt.

KBV warnt vor zusätzlicher Arbeit und zusätzlichen Kosten

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat in einer Stellungnahme zum geplanten Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) davor gewarnt, den Praxen zusätz­liche Bürokratie und zusätzliche Kosten aufzubürden.

„Solange noch Verfahren mit Papierausdrucken und digitalen Vordrucken in Arztpra­­xen parallel vorgehalten werden müssen, wie bei der Ausstellung der Arbeitsun­fähig­keitsbescheinigung, und ein hoher zeitlicher Aufwand bei der Ausstellung einer quali­fizierten elektronischen Signatur besteht, ist dies kontraproduktiv. Die Digitalisierung darf auch nicht dazu führen, dass die erforderliche Erweiterung der Technik auf Kosten der Vertragsärzte erfolgt“, heißt es darin.

Einheitliche Referenzdatenbannk erhöht die Arzneimittelsicherheit

Die KBV sieht in dem am 15. Mai vorgelegten Referentenentwurf aber auch positive Aspekte, zum Beispiel die geplante einheitliche Referenzdatenbank für Arzneimittel. „Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Erhöhung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit“, so die KBV. Die uneinheitliche Darstellung der Arzneimitteldaten im bundeseinheitlichen Me­dikationsplan habe bislang zu Verunsicherungen bei Patienten und Ärzten geführt.

Kritischer bewerten die Kassenärzte den geplanten Leistungsanspruch der Versicher­ten auf digitale Gesundheitsanwendungen. Diese können laut dem Gesetzentwurf ent­weder vom Arzt verordnet oder vom Patienten mit Genehmigung der Krankenkasse selbst beschafft werden. „Durch den Gesetzentwurf wird ein Leistungsanspruch der Versicherten auf digitale Gesundheitsanwendungen geschaffen, ohne eine Differen­zie­­rung nach deren Zweckbestimmung vorzusehen“, kritisiert die KBV.

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Somit wären Anwendungen mit allgemeinen Gesundheitsinformationen oder Ratge­ber-Apps zur Unterstützung von gesundheitsbewusstem Verhalten genauso vom Leis­tungsanspruch umfasst wie Anwendungen zur Verlaufsbeobachtung von individuellen Gesundheitsdaten bei chronischen Erkrankungen, Anwendungen zur Feststellung von persönlichen Gesundheitsrisiken und Krankheitsdiagnosen sowie therapiebegleitende Anwendungen zur Unterstützung der Behandlung. „Eine Differenzierung entsprechend der Zweckbestimmung ist auch bezüglich der Anforderungen an die Nutzenbewertung beziehungsweise der Beurteilung der positiven Versorgungseffekte geboten“, heißt es in der Stellungnahme.

Die KBV fordert außerdem, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und die KBV einbezogen werden, wenn digitale Innovationen in der Versorgung eingeführt werden. „Das den Krankenkassen eingeräumte Recht, im Zuge innovativer digitaler Projekte ihren Versicherten Versorgungsangebote durch Dritte machen zu lassen, an denen Vertragsärzte und -psychotherapeuten nicht beteiligt werden müssen, lehnen wir in dieser Ausschließlichkeit ab“, schreibt die KBV.

Systembruch, den die KBV nicht mitgehen will

Thomas Kriedel aus dem KBV-Vorstand erläutert dies in einem Video auf KV-on näher: „Die Krankenkassen und nur die Krankenkassen können digitale Versorgungs­pro­gramme für ihre Versicherten beschließen. Sie können digitale Anwendungen ent­wickeln und dürfen dafür auch bis zu zwei Prozent ihres Eigenkapitals zur Verfügung stellen. Sie dürfen auch digitale Anwendungen fördern und damit in die Versorgung eingreifen“, sagte er. Würde es so bleiben, wie es im Entwurf steht, würde es bedeu­ten, dass ein Teil des Sicherstellungsauftrags in Zukunft an die Krankenkassen über­gehen würde, nämlich alles das, was Digitalisierung betreffe. Das wäre ein vollkom­me­ner Systembruch, den wir nicht mitgehen können.

Auch eine Sanktionierung von Vertragsärzten für den Fall, dass bestimmte Fristen nicht umgesetzt werden können, lehnt die KBV strikt ab. „Die Nutzung der technischen Möglichkeiten ist davon abhängig, dass die Industrie die notwendigen technischen Voraussetzungen so schafft, dass die IT-Sicherheit gewährleistet wird und keine Ge­fährdung für die Patientendaten in den Arztpraxen besteht“, betonen die Autoren der Stellungnahme.

Die mobile KV-Connect-Schnitt­stelle kommt

Der Datendienst KV-Connect wird künftig auch mit mobilen Endgeräten wie Smartphones funktionieren: Verschiedene Anbieter stehen in den Startlöchern. Darauf hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hingewiesen.

Mittels KV-Connect Mobile können Ärzte elektronische Arztbriefe direkt aus ihrem Praxisverwaltungssystem an mobile Endgeräte versenden. Weitere Daten, wie Labor­befunde, Medikationspläne, Röntgenbilder, Impfpässe oder Überweisungen können sie dabei als Anhang mit übertragen.

„Mit KV-Connect Mobile können erstmals Ärzte direkt aus ihrem Praxisverwaltungs­system heraus mit Gesundheits-Apps ihrer Patienten kommunizieren“, sagte Florian Fuhrmann, Geschäftsführer der KV Telematik GmbH (KVTG). Er betonte, man hoffe, mit der Schnittstelle einen wichtigen Beitrag für die Digitalisierung der Versorgung zu leisten. Die KVTG hat ein Auditierungsverfahren für Software-Hersteller eingerichtet. Darin prüft die KVTG die korrekte Umsetzung der Vorgaben für die Schnittstelle.

Als erster Hersteller hat die IBM Deutschland für das Produkt eGA dieses Auditie­rungs­verfahren bestanden. „Datensicherheit ist ein entscheidendes Akzeptanz­krite­rium für die Menschen, wenn sie neue digitale Dienste wie die elektronische Gesund­heitsakte nutzen“, erklärte Ronald Fritz, Partner bei IBM.

Zudem arbeitet das Unternehmen Vivy an der Implementierung. „Die Integration von KV-Connect Mobile ist für uns ein wichtiger Schritt, Vivy-Nutzern dabei zu helfen Do­kumente von ihrem Arzt zu erhalten und unsere patientenzentrierte Ausrichtung zu un­termauern“, sagte Christian Rebernik, Vivy-Geschäftsführer. Die wichtigste Währung sei das Vertrauen der Nutzer.

Die Techniker Krankenkasse (TK) ist mit TK-Safe mittlerweile auditiert. „Mit der Vernet­zung von TK-Safe über KV-Connect schaffen wir einen direkten, sicheren Übertra­gungsweg zwischen niedergelassenen Ärzten und unserer Gesundheitsakte“, sagte Susanne Ozegowski, fachliche Projektleiterin der elektronischen Gesundheitsakte bei der TK. Dies sei ein wichtiger Meilenstein, „um einen echten Mehrwert für die Versor­gung mit Hilfe der Digitalisierung erlebbar zu machen“, so Ozegowski. 

Meditations-App fördert Aufmerksamkeit und Gedächtnis

Ausgerechnet eine App für Tablets soll jungen Menschen helfen, ihre durch den ständigen Internetkonsum verminderte Konzentrationsfähigkeit zu verbessern. Eine Studie in Nature Human Behaviour (2019; doi: 10.1038/s41562-019-0611-9) zeigt, dass die Meditationsübungen mit der App tatsächlich eine positive Wirkung erzielten. Die Probanden schnitten in  Konzentrationstests besser ab, und physiologische Untersuchungen dokumentierten eine Veränderung in der „Hardware“ des Gehirns.

Seit es Videospiele, Computer und Smartphones gibt, sinkt die Konzentrationsfähigkeit junger Menschen. Die Folge sind schlechtere Leistungen in der Schule und auf der Universität. Viele Studenten greifen zu chemischen Stimulanzien, um den Anforderungen des Lernens gerecht zu werden. In den USA sollen 43 Prozent der Collegestudenten regelmäßig zu Methylphenidat und anderen „Aufputschmitteln“ greifen. 

Eine weitere Möglichkeit, Aufmerksamkeit und Konzentration zu verbessern, könnte eine fokussierte Meditation sein. Bei den Übungen geht es darum, sich auf die Atem­bewegungen zu konzentrieren und dadurch den Geist gegen die ständig wechselnden Zerstreuungen abzuschirmen, denen gerade viele jüngere Menschen ausgesetzt sind.

Meditationen sind jedoch schwer zu erlernen und einen persönlichen Trainer können sich die wenigsten jungen Menschen leisten. Forscher der Universität von Kalifornien in San Francisco haben deshalb eine App entwickelt, die es jungen Menschen ermöglichen soll, ohne Schwellenängste eine Meditationstechnik zu erlernen. Sie haben sich dabei von dem langjährigen Lehrer für buddhistische Meditationen und ausgebildeten Psychologen Jack Kornfield beraten lassen. 

Die App startet mit einer einfachen kurzen Atemübung. Am Ende werden die Nutzer aufgefordert, mitzuteilen, wie lange es ihnen gelungen ist, sich allein auf die Atmung zu konzentrieren und andere Gedanken auszublenden. Von diesem Ergebnis hängt ab, ob die Teilnehmer beim nächsten Mal eine um 10 % längere oder eine um 20 % kürzere Meditation durchführen.

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Laut Studienleiter Adam Gazzaley von „Neuroscape“, einem Institut der Universität von Kalifornien in San Francisco, hat der einfache Algorithmus Wirkung gezeigt. Die 59 Studienteilnehmer im Alter von 18 bis 35 Jahren konnten die Dauer der erfolgreichen Meditationen von Anfangs 20 bis 47,5 Sekunden auf im Durchschnitt 346 Sekunden am Ende der sechsten Woche steigern. Um diesen Fortschritt zu erreichen, mussten die Teilnehmer etwa 20 bis 30 Minuten am Tag mit der Meditations-App üben. 

Die „Belohnung“ bestand in zunehmend besseren Ergebnissen in einem Vigilanztest (bei dem die Teilnehmer auf ein selten erscheinendes Symbol reagieren mussten). Je länger die Meditationsphasen der Teilnehmer waren, desto besser wurden die Ergebnisse in dem Vigilanztest.

Diese Veränderungen konnten die Forscher mit der Elektroenzephalografie (EEG) messen. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die andere Apps (etwa eine Sprachlern­software) verwendet hatte, bestanden signifikante Unterschiede, die vor allem in den EEG-Ableitungen über dem mittleren Frontalhirn auftraten. 

Die Analyse von ereigniskorrelierten Potenzialen, bei denen die EEG-Reaktionen auf bestimmte Reize untersucht werden, bestätigte, dass die Meditationen eine Veränderung im Frontalhirn erzielt hatten. Die sogenannte Pb3-Latenz verminderte sich, während es in der Placebogruppe (unter Einfluss der anderen Apps) eher zu einer Verlängerung kam.

Die Studie zeigt, dass Schüler und Studenten mit der Meditations-App ihre Konzentrations­fähigkeit verbessern und im Gehirn etwas „bewegen“ können. Den Beweis, dass sich dadurch die akademischen Leistungen verbessern, blieb die Studie jedoch schuldig. Die Forscher haben die App patentieren lassen. In den App-Stores wird „MediTrain“ zum Zeitpunkt des Berichts noch nicht angeboten.

Ärzte sollen Apps verschreiben können

Ärztinnen und Ärzte sollen künftig ihren Patienten Apps verschreiben können. Zusätzlich müssen sie mit einem höherem Honorarabzug rechnen, wenn sie sich nicht in den kommenden Monaten an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) anschließen. Diese zwei Vor­haben sind Teil des Digitalisierungsgesetzes, das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) heute vorgelegt hat.

Mit dem geplanten „Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation“ (DVG) soll die digitale Versorgung verbessert werden, heißt es aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG). Im Gesetz enthalten sind höhere Strafzahlun­gen für Vertragsärzte, die sich nicht bis März 2020 an die TI angeschlossen haben. Der Entwurf sieht vor, dass dann 2,5 Prozent des Honorars abgezogen werden. Diese Überlegung äußerte Spahn bereits in einem Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Auch andere Gesundheitseinrichtungen und -berufe sollen sich künftig an die TI an­schließen: Für die etwa 2.000 Krankenhäuser in Deutschland wird dies bis zum März 2021 verpflichtend, für Pflegeheime soll die Anbindung zunächst optional sein und in Modellprojekten getestet werden. Dies gilt auch für weitere Gesundheitsfachberufe wie Hebammen und Physiotherapeuten.

Die Finanzierungsvereinbarungen für die Investitions- und Betriebskosten sollen ähn­lich der Vereinbarungen zwischen GKV-Spitzenverband und Kassenärztlicher Bundes­vereinigung (KBV) gestaltet werden. Der GKV-Spitzenverband soll die konkreten Pau­schalen mit den jeweiligen Berufsgruppen verhandeln.

Die kommenden Anwendungen, die mit der TI möglich sein sollen, spezifiziert das Gesetz nun: So soll die gematik – bei der genau am heutigen Mittwoch die Besitzver­hältnisse geändert wurden und nun das BMG 51 Prozent der Anteile hält – bis zum 31. März 2021 die technischen Voraussetzungen schaffen, dass der digitale Impfaus­weis, den Mutterpass, das Untersuchungsheft für Kinder sowie das Zahn-Bonus-Heft Bestandteil der elektronischen Patientenakte werden. Für Ärzte soll das Anlegen, Ver­walten und Speichern der Daten auf der elektronischen Patientenakte (ePa) vergütet werden.

Aus für das Faxgerät

Das Fax als Kommunikationsmittel zwischen Ärzten, aber auch mit Patienten, soll da­gegen nur noch sehr gering finanziert werden. Im Gesetz wird der Bewertungsaus­schuss beauftragt „die Vergütung für die Versendung eines Telefaxes im EBM in zwei Schritten deutlich zu reduzieren, um einen Anreiz für den Einsatz elektronischer Arzt­briefe zu setzen“, so der Gesetzesentwurf. Eine von der KBV bereits beschlossene Richtlinie zum elektronischen Arztbrief soll im Zuge dessen umgesetzt werden.

Mit dem Gesetzentwurf will Spahn nun sicherstellen, dass Apps, die als Medizinpro­dukte deklariert werden, von Ärzten verschrieben und damit von den Krankenkassen erstattet werden. Dazu sollen nach Vorstellungen des BMG Apps gehören, die Patien­ten bei Diabetes, Bluthochdruck in der Schwangerschaft oder bei psychischen Erkran­kun­gen unterstützen.

Dabei bekommt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Aufgabe zugeteilt, ein „amtliches Verzeichnis erstattungsfähiger digitaler Gesundheits­anwendungen zu führen und auf Antrag der Hersteller über die Aufnahme zu entschei­den“, heißt es in der Gesetzesbegründung. Ähnlich wie bei der Erstattung von neuarti­gen Arzneimitteln sollen Krankenkassen im ersten Jahr die vom App-Hersteller vorge­gebenen Preis erstatten, danach werden Preisverhandlungen aufgenommen. Sofern der „Nachweis positiver Versorgungseffekte“ noch nicht möglich ist, können diese Apps auch befristet in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) aufgenommen werden.

Förderung der Videosprechstunde und von S3-Leitlinien

Auch die Videosprechstunde will das BMG weiter fördern: Ein Jahr nach dem Be­schluss des 121. Deutschen Ärztetages zur ausschließlichen Fernbehandlung in Erfurt heißt es im künftigen Gesetz, dass Ärztinnen und Ärzte auch auf ihrer Internetseite informieren dürfen, dass sie Videosprechstunden anbieten. Dem steht bislang das Heilmittelwerbegesetz entgegen. Auch der Austausch zwischen Ärzten per Telekonsil soll gefördert und in den ersten zwei Jahren auch für Krankenhäuser extrabudgetär vergütet werden.

Damit auch Krankenkassen Einfluss auf den Markt der digitalen Angebote bekommen, sollen sie künftig in Start-ups und kleinere Unternehmen investieren dürfen. Damit ver­spricht sich das BMG, dass „möglichst versorgungsnahe und bedarfsrechte Entwick­lungen von Innovationen gewährleistet werden.“ Die Förderhöchstgrenze liegt bei zwei Prozent der Finanzreserven der jeweiligen Krankenkasse.

Teil des Gesetzes ist auch die Fortführung des Innovationsfonds bis zum Jahr 2024. Wie bereits im Koalitionsvertrag vorgesehen, sollen hier weitere 200 Millionen Euro in die Erforschung neuer Versorgungsformen und in die Versorgungsforschung fließen. Neu ist, dass mit fünf Millionen Euro künftig auch die Erarbeitung von S3-Leitlinien gefördert werden kann.

Lob und Warnungen

Die Vorlage des Gesetzesentwurf stieß bei Krankenkassen auf Zustimmung. So er­klärte die Techniker Krankenkasse (TK), dass mit dem Gesetz die „entscheidenden „Weichen“ gestellt werden, dass „die elektronische Patientenakte in Zukunft ein zentrales Tool für das Gesundheitsmanagement der Patienten“ sein wird. TK-Chef Jens Baas erklärte weiter: „Das Gesetz ist ein Schritt nach vorn, dass zukünftig auch alle anderen Leistungserbringer wie Krankenhäuser, Apotheken, Therapeuten, Pflegeeinrichtungen oder Hebammen neben den Ärzten an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur angeschlossen werden.“

Auch die DAK sieht das Gesetz positiv: „Der Entwurf setzt hier richtige Akzente, da er gesetzlichen Krankenkassen mehr Möglichkeiten für die Neu- und Weiterentwicklung von digitalen Versorgungsangeboten für ihre Versicherten einräumt“, erklärte der DAK-Vorstandsvorsitzende Andreas Storm.

Die KBV äußerte sich in einer ersten Stellungnahme zwar „grundsätzlich offen und positiv“. Der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen warnte aber: „Die Digitali­sier­ung muss die Arbeit der Praxen erleichtern und darf weder für zusätzliche Ver­unsicherung noch für ein Mehr an Arbeitsaufwand sorgen.“ Auch forderte er klare Regeln für die Verschreibung von Apps. „Der einzelne Arzt darf sich nicht mit einer Flut verschiedener App-Produkte beschäftigen und genau wissen müssen, welche Krankenkasse welche Anwendung erstattet.“

Das Gesetz soll noch vor der Sommerpause in das Bundeskabinett eingebracht werden. Ab Herbst kann es dann wahrscheinlich im Bundestag beraten werden. Die Oppositions­politikerin Maria Klein-Schmeink (Grüne) sieht das Gesetz nicht so über­schwänglich: „Jens Spahn gleicht bei der Digitalisierung einem schlechten Koch.“ Sie bemängelt in einer Pressemitteilung, dass es weiterhin an einer Strategie für die Digitalisierung im Gesundheitswesen fehle.

Für den CDU-Digitalexperten Tino Sorge ist das Gesetz eine „Erfrischungskur“. Seiner Meinung nach könne das BMG aber „noch einen Gang hochschalten“ und weitere fort­schrittliche Regelungen im Gesetz aufführen. „Sonst werden wir in wenigen Jahren auf andere Länder schauen, die uns in der datengestützten Medizin abgehängt haben.“

Experten: Roboter-Therapeuten brauchen Regeln

Künstliche Intelligenz (KI) wird bei psychischen Erkrankungen eingesetzt –  doch für die Roboter fehlen bisher umfassende ethische Regeln. Darauf weist eine am Mittwoch veröffentlichte Studie der Technischen Universität München hin. Untersucht worden sei darin erstmals, wie „verkörperte KI“ die Behandlung psychischer Erkrankungen unterstütze. Wichtige ethische Fragen zu dieser Technologie seien jedoch unbeantwortet. Es bestehe dringender Handlungsbedarf für Regierungen, Fachverbände und Forschung, so das Fazit.

Der Universität zufolge werden etwa Roboter-Puppen eingesetzt, mit denen autistische Kinder lernen, Menschen besser zu verstehen. Computergenerierte Avatare wiederum helfen, mit Halluzinationen umzugehen. Dazu kommen virtuelle Chats, die Unterstützung bei Depressionen bieten. Die Menschen interagierten mit einem künstlichen Gegenüber, wodurch neue Dynamiken entstünden. Diese Anwendungen hätten „enormes Potenzial“, heißt es. Sie könnten mehr Menschen Zugang zu einer Behandlung bieten, weil sie nicht an bestimmte Zeiten und Orte gebunden seien.

Künstliche Intelligenz darf nicht zu einer günstigen Alternative werden

Einigen Betroffenen fällt es zudem leichter, mit der KI zu kommunizieren als mit einem menschlichen Gegenüber, wie die Studie ergab. Doch Amelia Fiske, die daran mitwirkte, warnte, verkörperte KI dürfe kein billiger Ersatz für eine Behandlung durch reale Ärztinnen und Ärzte sein. Ihrer Ansicht nach ist es dringend nötig, die Vorteile dieser Technologien zu nutzen, zugleich aber die Nachteile zu vermeiden. Der Professor für Psychosomatische Medizin, Peter Henningsen, forderte, das Thema auch im Medizinstudium zu behandeln.

Derzeit werden laut der Professorin für Ethik der Medizin und Mitglied des Deutschen Ethikrates Alena Buyx bereits vermehrt Leitlinien für KI erstellt. Aus ihrer Sicht braucht es aber fachspezifische Regeln für therapeutische KI-Anwendungen: „Wenn die Programme beispielsweise erkennen können, ob Patienten Suizidgedanken haben, dann müssen sie, genau wie Therapeutinnen und Therapeuten, im Ernstfall klare Warn-Protokolle befolgen.“

Bisher gebe es auch kaum Erkenntnisse, wie sich der Kontakt mit KI auf Menschen auswirke, so Buyx. Womöglich lerne etwa ein Kind mit einer Störung aus dem Autismus-Spektrum durch den Kontakt mit einem Roboter nur, wie man besser mit diesem umgehe, nicht aber mit Menschen. 

Schön-Klinik Bad Arolsen: Bei Depression und Essstörungen steckt der Therapeut auch im Handy

Bad Arolsen. Psychotherapie am Computer, Online-Hilfe bei Depression oder Essstörung, geht das? – Die Psychotherapeuten der Schön-Klinik beantworten beide Fragen mit einem eindeutigen „In bestimmten Fällen, ja!“ und verweisen auf das von ihnen entwickelte System MindDoc.de

 „Online-Intervention in der psychotherapeutischen Versorgung“ lautete der Titel einer Fortbildungsveranstaltung in den Räumen der Klinik. Zehn interessierte Psychotherapeuten aus Nordhessen und dem angrenzenden Ost-Westfalen nutzten dabei die Gelegenheit, sich vom Psychotherapeuten Bernhard Backes und der Leitenden Psychologin der Klinik, Stephanie Brausewetter, in die nicht nur für medizinische Laien erstaunlichen technischen Neuerungen auf diesem Gebiet einführen zu lassen. 

Einige dieser online-basierten Therapie-Tools wurden von den Experten der Schön Klinik in Bad Arolsen im Rahmen eines von der EU-geförderten Forschungsprojektes entwickelten MindDoc-Systems einführen.

Minddoc gilt als erste vollwertige Psychotherapie, die über das Internet erfolgt. Das System ist nach den Richtlinien der Psychotherapeutenkammer zertifiziert und beachtet alle Aspekte der Datensicherheit. Die Server stehen in Deutschland und unterliegen deutschem Datenschutzrecht. Die Kommunikation zwischen Therapeut und Patient erfolgt über eine End-to-End-Verschlüsselung mittels einer eigenen App. Skype oder gar Messengerdienste gelten als viel zu offen und unsicher.

Ganz ohne menschlichen Kontakt funktioniert aber auch diese Online-Therapie nicht: Patienten, die diese niedrigschwellige Therapie gegen ihre Depression, Angst- oder Essstörung nutzen wollen, müssen sich zunächst bei einem Psychotherapeuten, der mit der Schön-Klinik kooperiert einem zweimal 50-minütigem Diagnose-Gespräch unterziehen. Dabei werden die Symptome erfragt und die Therapiefähigkeit abgeklärt.

Wie kann der Therapeut Kontakt aufnehmen?

Danach können die Patienten ähnlich wie bei der klassischen ambulanten Therapie einmal oder mehrmals wöchentlich mit ihrem Therapeuten in der Schön-Klinik in Online-Kontakt treten. Das geht über ein besonderes Programm verschlüsselt von Computer zu Computer. Dabei sehen sich Therapeut und Patient auf dem Bildschirm und sprechen wie bei einem Praxisbesuch miteinander. Am Ende einer solchen Sitzung kann der Therapeut dem Patienten eine „Hausaufgabe“ mitgeben, genauso wie dies bei jeder Therapie üblich ist.

Die Fragebögen und Online-Tagebücher können am PC oder auf der Handy-App bearbeitet werden. So können Patienten auch unauffällig etwa im Bus oder im Zug ihre Aufgaben lösen ohne für jedermann sichtbar große Fragebögen auszufüllen.

Eventuell notwendige Krisengespräche lassen sich schneller und unkomplizierter vereinbaren und abwickeln. Allerdings kann ein Video-Gespräch immer nur vom Therapeuten begonnen werden. Der Patient aber, der etwa beieiner schweren Depression, das Bett nicht verlassen möchte. muss nicht das Haus verlassen und findet schnell einen kompetenten Ansprechpartner.

Wie können Apps bei der Behandlung von Essstörungen helfen?

In das Minddoc-System integriert ist die App „Recovery Record“ für die Behandlung von Esstörungen. Mit Hilfe dieser App können die Patienten zeitnah Buch führen über die Mahlzeiten, die sie aufgenommen haben, über die Gefühle, die sie dabei empfanden und viele Aspekte mehr.

Der Vorteil: Fast jeder Patient führt ohnehin ständig ein Smartphone mit sich. Deshalb gebe es keine Hürde, die überwunden werden muss. Kern von „Recovery Record“ ist ein Ernährungsprotokoll, das den behandelnden Medizinern genau aufzeigt, welche Fortschritte der Patient mit seinen Essstörungen macht. Automatisiert gibt die App positives, ermutigendes Feedback und formuliert Tipps, was als nächstes zu tun ist.

Bei der Behandlung von Angststörungen setzt die Schön-Klinik die neuste Generation von 3-D-Brillen ein, mit denen dem Gehirn ein „Virtual Reality“, also eine virtuelle Wirklichkeit vorgegaukelt wird. Diese Anwendungen, die an moderne Computerspiele erinnern, eignen sich dazu, Patienten mit einer Angst vor Menschenansammlungen oder einer Sprechhemmung vor Publikum ihrer individuellen Angstsituation auszusetzen. 

„Dr. Google“ kann erste Hinweise geben

Bernhard Backes: „Diese Programme simulieren einen Vortrag vor einem Publikum, das sich langweilt, gähnt oder provozierende Fragen stellt. Damit kann man die tollsten Sachen trainieren.“ Im Rahmen seines Vortrags stellte dertechnikbegeisterte Psychotherapeut auch eine Auswahl anderer Online-Angebote zur Psychotherapie vor. Einige dieser Angebote stammten von Krankenkassen und seien nicht zertifiziert: „Da weiß man nicht, wer die Daten sammelt und was damit geschieht.“ Andererseits seien die niedrigschwelligen Angebote zur Selbsteinschätzung auch eine gute Hilfe, seine eigene Behandlungsbedürftigkeit einzuschätzen. Der allgegenwärtige „Dr. Google“ habe durchaus seine Berechtigung wenn die dort gewonnenen Erkenntnisse dazu dienten, recht bald einen richtigen Mediziner aufzusuchen.

Als allgemein zugängliche Programme zur Selbsthilfe listete Backes Moodpath, Self-apy, Moodgym, iFightDepression, deprexis24 oder bei Essstörungen Jourvie auf. Manche Apps seien kostenlos, andere nur gegen Lizenzgebühr nutzbar. Gegen ein kritisches Ausprobieren spreche nichts, so der erfahrene Online-Therapeut.

Wenn denn diePrognose der Weltgesundheitsorganisation WHO stimme, wonach im Jahr 2030 Depressionen die größte Krankheitslast ausmachen, dann könnten gar nicht so viele Therapeuten ausgebildet werden wie nötig seien. Dann führe langfristig kein Weg an Online-Interventionen vorbei.

Viele Praxen gehen zu nachlässig mit Passwörtern um

Zwischen der optimistischen Selbsteinschätzung von Praxen und Krankenhäu­sern hinsichtlich ihrer IT-Sicherheit und der Realität besteht häufig eine große Kluft. Das lässt sich den Ergebnissen einer mehrstufigen Untersuchung zur IT-Sicherheit im Gesund­heitssektor im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) entnehmen, die der Verband heute in Berlin präsentierte. Schwachpunkte sind demnach vor allem elementare Sicherheitsversäumnisse wie die Verwendung schwacher Passwörter oder veralteter Software.

Nach einer bereits im Sommer 2018 durchgeführten Forsa-Umfrage im Auftrag des GDV waren 81 Prozent der teilnehmenden Ärzte der Meinung, ihre Computersysteme seien umfassend geschützt. Rund 44 Prozent der Praxen bewertete das Risiko, Opfer von Cyber­kriminalität zu werden, zwar als hoch, aber nur 17 Prozent der Ärzte sahen dieses Risiko auch für ihre Praxis.

„Das Bewusstsein ist da, dass Cyberangriffe jeden treffen können“, meinte Gert Baumeis­ter, Vorsitzender der Projektgruppe Cybersicherung im GDV. Die Einschätzung des eigenen Risikos sei in der Selbstwahrnehmung jedoch geringer ausgeprägt als in anderen Bran­chen. So halten etwa 56 Prozent der befragten Ärzte ihre Praxis für zu klein, um in den Fokus von Cyberkriminellen zu geraten – laut Baumeister ein Irrtum, da viele Angriffe ungezielt unternommen würden.

Zusätzlich zur Forsa-Umfrage hat der Verband einen mehrmonatigen IT-Sicherheitstest von November 2018 bis März 2019 mit dem Analysetool Cysmo beauftragt, in den die Mailserver von circa 1.200 willkürlich ausgewählte Praxen unterschiedlicher Größe und Fach­richtungen sowie 250 Kliniken und Apotheken einbezogen wurden. Mit dem automa­tisierten Tool lassen sich öffentlich einsehbare Informationen aus Sicht eines Angreifers erfassen und potenzielle Angriffspunkte ausmachen.

Das Testergebnis: Von den untersuchten Arztpraxen waren nur fünf (0,4 Prozent) bei den verwendeten Verschlüsselungsverfahren auf dem technischen Stand, den das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) empfiehlt. Die übrigen Praxen ließen eine Verschlüsselung des E-Mail-Verkehrs auch mit veralteten oder unsicheren Standards zu, sodass diese Mails potenziell auch von unbefugten Dritten gelesen werden könnten.  Zudem setzten nur fünf Prozent der Kliniken sichere Verschlüsselungstechnologie ein.

Größtes Risiko: Passwörter

Im dritten Schritt der Untersuchung hat der GDV die IT-Sicherheit von 25 niedergelasse­nen Ärzten von einem White-Hat-Hacker und IT-Sicherheitsexperten analysieren lassen. Michael Wiesner, Mitglied im Chaos Computer Club, testete dabei die technische und organisa­torische IT-Sicherheit von 25 freiwilligen Teilnehmern sowohl vor Ort in der Praxis als auch von außen mit Phishing-Mails und einem Penetrationstest.

Dabei zeigten sich erhebliche Defizite bei der organisatorischen Sicherheit. „Von außen sind die Praxen in der Regel gut abgesichert, doch bei Passörtern schludern fast alle Ärzte“, erklärte Wiesner.

Empfohlene Schutzmaßnahmen:

  • Sicherheitsupdates automatisch einspielen und Systeme aktuell halten
  • Mindestens einmal wöchentlich Sicherungskopien machen
  • Administratoren-Rechte nur an Administratoren vergeben
  • Über das Internet erreichbare oder mobile Systeme zusätzlich schützen
  • Manipulationen und unberechtigten Zugriff auf Sicherungskopien verhindern
  • Systeme mit Schutz vor Schadsoftware ausstatten und diesen automatisch aktualisieren lassen
  • Sicherungskopien physisch vom gesicherten System trennen
  • Mindestanforderungen für Passwörter verlangen und technisch erzwingen
  • Eigene Zugangskennung und individuelles Passwort für jeden Nutzer
  • Wiederherstellen der Daten aus der Sicherungskopie regelmäßig testen

So verwendeten neun von zehn Ärzten leicht zu erratende Passwörter. Am beliebtesten ist ihm zufolge das Passwort „praxis“, gefolgt vom Namen des jeweiligen behandelnden Arztes. Einige Praxen verzichteten sogar komplett auf einen Passwortschutz. Zudem konnte der Experte für Cybersicherheit in jeder zehnten Arztpraxis und bei 60 Prozent der Kliniken ohne besonderen Aufwand E-Mail- und Passwortkombinationen im Darknet recherchieren, wie er in einer Livedemonstration vorführte.

Auch für Phishing-Attacken zeigten sich viele Praxen äußerst anfällig: In jeder zweiten Praxis öffneten Mitarbeiter eine potenziell schadhafte E-Mail, 20 Prozent klickten auch auf einen Link oder öffneten einen Mailanhang. Dabei dient häufig das Erzeugen von Neugier oder Angst als Auslöser, um Nutzer zum Öffnen schadhafter Mails zu bewegen. So hatte Wiesner etwa eine fingierte Mail versandt, in der auf eine schlechte Bewertung der Praxis im Internet hingewiesen wurde, verbunden mit der Aufforderung, das Profil in dem Arzt-Bewertungsportal einzusehen.

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Datensicherung häufig unverschlüsselt

Laut Wiesner erstellten zwar alle Praxen mindestens wöchentlich eine Datensicherung, aber nur neun von 25 haben ihre Datensicherung auch verschlüsselt, und nur vier teste­ten gelegentlich, ob sich die Daten durch eine Rücksicherung auch wiederherstellen lassen. In neun von 25 Praxen fehlten aktuelle Sicherheitsupdates der IT-Systeme. Vor allem veraltete Betriebssysteme waren häufig anzutreffen.

Lediglich eine der untersuchten Praxen verfügte über ein schriftliches Notfallkonzept für den Fall eines IT-Ausfalls. Die anderen Praxen verwiesen für diesen Fall auf ihren IT-Dienstleister – aber nur zehn Praxen hatten auch einen entsprechenden Vertrag mit ihrem Dienstleister abgeschlossen. Das ist insofern bemerkenswert, als acht von zehn Arztpraxen laut Forsa-Umfrage nach eigenen Angaben ihre Arbeit bei einem Ausfall der Praxis-IT einstellen oder stark einschränken müssten.

„Die Qualität der Sicherheit steht und fällt mit der Qualität der IT-Dienstleister“, konsta­tierte der IT-Sicherheitsexperte. „IT-Sicherheit kostet Geld, wenn man sichere technische Lösungen haben will.“ Organisatorische Lösungen, wie etwa ein regelmäßiger Passwort-Wechsel, seien da erheblich leichter durchzusetzen.

Pro und Contra: Sind internet- und mobilbasierte Interventionen sinnvoll bei psychischen Störungen?

Mit fortschreitender Digitalisierung werden zunehmend internet- und mobil­basierte Selbstmanagement-Interventionen (IMI) für psychische Störungen angeboten, vornehmlich bei leichten bis mittelschweren Depressionen oder Angsterkrankungen. Beispiele dafür sind die von diversen Krankenkassen angebotenen Programme Deprexis oder moodgym, Ifightdepression von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, oder auch Apps, die sich jeder herunterladen kann, wie zum Beispiel moodpath. Befürworter und Bedenken­träger solcher Anwendungen halten sich zurzeit die Waage.

Philipp Klein: Auch Selbstmanagement-Interventionen führen zu einer messbaren und andauernden Verbesserung der psychischen Beschwerden.

Das wichtigste Beispiel für IMIs sind Selbstmanagement-Interventionen. Sie vermitteln Kenntnisse aus der Psychotherapie nicht durch einen Therapeuten, sondern durch ein internetbasiertes Computerprogramm. Der Einsatz dieser Interventionen sollte sich nach der Studienlage und der Diagnose richten, die idealerweise vor Nutzung der Intervention gesichert wird.

Jan Philipp Klein, Leitender Oberarzt, Zentrum für Integrative Psychiatrie ZiP gGmbH, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein /Malte Joost, GEO.de

Die Studienlage ist insbesondere bei Depressionen und Angsterkrankungen sehr gut. Die Studien zeigen beispielsweise, dass Selbstmanagement-Interventionen besonders geeignet sind für Menschen mit psychischen Störungen, die gegenwärtig nicht in Behandlung sind. Denn eine fehlende Behandlung bei bestehender psychischer Störung kann verschiedene Gründe haben. Viele Betroffene ziehen es vor, ihre psychische Störung aus eigener Kraft zu überwinden. Für diese Menschen kann eine Selbstmanagement-Intervention eine sinnvolle Alternative zur Psychotherapie im persönlichen Kontakt sein. Denn auch Selbstmanagement-Interventionen führen zu einer messbaren und andauernden Verbesse­rung der psychischen Beschwerden.

Sie eignen sich darüber hinaus als Ergänzung zu einer ambulanten oder stationären Psychotherapie. In diesem Fall können sie die Wirksamkeit der Psychotherapie steigern. Studien geben aber auch Hinweise darauf, in welchen Fällen der Einsatz von Selbstmanagement-Interventionen an seine Grenzen stößt: Beispielsweise sind diese Interventionen weniger wirksam bei Menschen, die einer Psychotherapie im persönlichen Kontakt mehr vertrauen oder bei Menschen, die auf der Warteliste für eine Psychotherapie stehen. Das bedeutet, dass diese Interventionen trotz ihrer nachgewiesenen guten Wirksamkeit keinesfalls immer als Behandlung der ersten Wahl angesehen werden können. Ferner sollten nur Programme zum Einsatz kommen, deren Wirksamkeit in randomisierten Studien gezeigt wurde.

Timo Beeker: Unspezifisch konstruierte Eingangstests suggerieren Usern einen höheren als tatsächlich bestehenden Hilfsbedarf.

IMI für psychische Störungen werden medial und in der Fachwelt oftmals einhellig begrüßt. Dabei gerät allzu leicht aus dem Blick, dass es sich bei ihnen nicht nur um ein Hilfsangebot handelt, sondern auch um ein lukratives Geschäftsmodell, hinter dem Start-Up-Unternehmen und Investorengelder stehen.

Timo Beeker, Assistenzarzt, Hochschulklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Brandenburg /privat

Besondere Skepsis ist gegenüber sogenannten Psycho­therapie-Apps angezeigt, die versprechen, vollautomati­siert eine ähnliche Wirkung wie eine herkömmliche Verhaltenstherapie zu erzielen. Bereits aus dem Aufbau dieser Anwendungen wird der Einfluss expansiver Marktlogik ersichtlich: Unspezifisch konstruierte Eingangs­tests suggerieren Usern einen höheren als tatsächlich bestehenden Hilfs­bedarf. Dadurch werden gezielt Menschen angesprochen, die lediglich unter lebens­bedingungs- oder stressassoziierten Allgemein­beschwerden leiden. Nichtsdestotrotz erfolgt die Interaktion mit den Programmen unter der Hypothese, die subjektiven Beschwerden seien in Wirklichkeit Symptome einer Erkrankung. Diese subtile Umdeutung des eigenen Befindens kann schnell in Selbstpatholo­gisierung umschlagen. Spätestens wenn die Beschwer­den nachlassen, was ohnehin zumeist spontan geschieht, scheint der Beweis erbracht, dass man wohl tatsächlich krank gewesen ist. Diese per self-fulfilling prophecy gewonnene Überzeugung sichert die zukünftige Kundentreue und erhöht zugleich das Risiko, dass User auch im analogen Gesundheitssystem eigentlich inadäquate Diagnosen erhalten.

Angesichts des expandierenden psychiatrischen Versorgungssystems und der inflationären Vergabe psychiatrischer Diagnosen sollte dies Anlass zur Sorge bieten. Ähnlich wie der Antidepressiva-Boom in den 1990er-Jahren könnten IMI für psychische Störungen eine neue Welle der Psychiatrisierung von Gesellschaft und individuellen Lebenswelten auslösen.