Online-­Interventionen nicht ohne ärztliche oder psychotherapeutische Diagnose

Internetgestützte und mobilbasierte Interventionen (IMI) können die psycho­the­rapeutische Versorgung sinnvoll ergänzen – Ersatz für einen Psychotherapeuten oder Psychiater sind sie hingegen nicht. Das war das Fazit des „Zukunftsforums“, zu dem der Verband der Ersatzkassen (vdek) gestern Abend Experten aus der Medizin, der Psychothe­ra­pie, der Politik und der Selbstverwaltung eingeladen hatte.

„Schafft die Digitalisierung die Psychotherapeuten ab?“, lautete der provokante Titel der Veranstaltung. Deprexis, Novego, IfightDepression, TK-Depressionscoach oder Moodgym sind einige be­kannte IMI, die Versicherten mit psychischen Problemen, zum Teil von den Kranken­kass­en, angeboten werden.

„Die Programme sind gut evaluiert und haben durchaus positive Effekte für die Nutzer“, betonte Iris Hauth, die bei Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psy­cho­somatik und Nervenheilkunde (DGPPN) der „Taskforce E-Mental-Health“ angehört. Sie könnten zur Prävention, Frühintervention, hausarztbegleitend oder zu Nachsorge einge­setzt werden.

Hauth wies auf die Qualitätskriterien für IMI hin, die die DGPPN zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie erarbeitet hat. „Wichtig ist aber in jedem Fall eine vorherige Diagnose durch einen Arzt oder Psychotherapeuten, schließlich gibt es auch Komorbiditäten“, erläuterte sie. Zudem könne beispielsweise auch eine Schilddrüsen­unter­funktion die Ursache für eine Depression sein.

Krankenkassen sollten nicht über Behandlung entscheiden

Der Vorstellung der vdek-Vorstandvorsitzenden, Ulrike Elsner, dass die Krankenkassen künf­tig „mehr in die Versorgung gehen“, erteilte Hauth, auch ärztliche Direktorin der Kli­nik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Alexianer in Berlin-Weissen­see, eine eindeutige Absage: „Wenn Sachbearbeiter über die Behandlung entscheiden, können hochgefährliche Situationen entstehen.“

Darüber hinaus baue es auf psychisch kranke Patienten „einen Riesendruck“ auf, wenn diese beispielsweise nach drei Wochen Arbeitsunfähigkeit, von einem Kassenmitarbeiter angerufen würden und eine Online-Intervention angeboten bekommen.

Elsner erwiderte, dass die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz sehr lang seien, trotz Einführung der psychotherapeutischen Sprechstunde. IMI’s könnten deshalb „in be­stimmten Fällen, zum Beispiel bei einer leichten Depression, eine face-to-face-Behand­lung ersetzen“, so die vdek-Vorstandsvorsitzende.

Ein solch niedrigschwelliges Angebot habe gleichzeitig den positiven Effekt, dass mehr Therapieplätze für Patienten mit schweren psychischen Störungen zur Verfügung stehen. „Daher ist es gut, dass digitale Gesundheitsanwendungen mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz künftig schneller in die Regelversorgung kommen sollen“, erklärte Elsner.

Nur gut im Rahmen einer Psychotherapie oder ärztlichen Behandlung

„Auch wir sehen die Krankenkassen nicht als Player in der Versorgung – Behandlung und Versicherung müssen getrennt sein“, erklärte Christina Tophoven, Geschäftsführerin der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Wichtig sei, dass nur IMI den Zugang in die Versorgung erlangen, die nachweislich wirk­sam und qualitätsgesichert seien. „Aber auch sehr gute Interventionen sind nur gut im Rahmen einer Psychotherapie oder ärztlichen Behandlung“, betonte sie.

Für die Anbieterseite stellte Mario Weiss, Vorstand der Firma GAIA, die deprexis entwi­ckelt hat, klar: „Ein Therapieprogramm braucht keinen Arzt oder Psychotherapeuten, um wirksam zu sein – aber ein Patient braucht einen Arzt oder Therapeuten.“

Diese sollten künftig auf eine IMI zugreifen und sie verordnen, wie ein Arzneimittel. Ärzte und Therapeuten könnten dadurch „ihre eigene Wirksamkeit verdoppeln“, sagte Weiss. „Das ist eine Riesenchance, die auch honorarpolitisch genutzt werden kann.“ Die Beden­ken, die gerade viele Psychotherapeuten gegen IMI haben, verstehe er nicht.

Durch das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), das Ende September im Bundestag disku­tiert werden soll, sollen Ärzte und Psychotherapeuten ihren Patienten künftig digitale Ge­sundheitsanwendungen – für alle medizinischen Fachbereiche – zulasten der gesetz­lichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) verordnen können.

Der Gesetzgeber plant, die Anwendung vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) als Medizinprodukte der Klassen I und II a prüfen zu lassen und in ein spezielles Verzeichnis aufzunehmen.

Wir können nicht noch zehn Jahre warten.Gottfried Ludewig

Der Abteilungsleiter Digitalisierung im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Gottfried Lude­wig, verteidigte das DVG bei der Diskussion: „Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Wir können nicht noch zehn Jahre warten, sondern müssen Schritte nach vorne gehen, auch wenn sie mit einem Risiko verbunden sind.“ Wichtig sei der regulierte Zugang zu den IMI, und die Prüfung der Anwendungen als Medizinprodukt. Beides werde mit dem Gesetz geregelt.

„Immens wichtig ist auch, dass die Daten der Patienten, die die digitalen Anwendungen nutzen, unter unserer Kontrolle bleiben“, betonte Ludewig. „Wenn wir uns nicht darum kümmern, dann machen das die großen amerikanischen Internetkonzerne“, gab er zu Be­denken.

Mehr Vertrauen in den G-BA

Die vdek-Vorstandvorsitzende Elsner sieht den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) als das „geeignetere Gremium“ für das vorgesehene Bewertungsverfahren der Internet- und mobilbasierten Interventionen. „Das BfArM ist zwar in der Lage dies zu tun, aber ich ver­traue der gemeinsamen Selbstverwaltung mehr“, betonte sie. Im Vordergrund stehe schließlich der Patientenschutz, deshalb sei auch eine Nutzenbewertung erforderlich.

Zuletzt hatte der Gesundheitsausschuss des Bundesrates gefordert, dass Gesundheitsan­wendungen nicht am G-BA vorbei in den GKV-Leistungskatalog aufgenommen werden sollten.

„Der Markt ist bunt. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Ärzte und Psychotherapeuten er­kennen können, welche IMI nachweislich wirksam und qualitätsgesichert sind und auch die Patientendaten schützen“, sagte BPtK-Geschäftsführerin Tophoven. Sie müssten sich vor allem auf ein solches Verzeichnis verlassen können und die Bewertungskriterien müssten transparent sein – „egal ob es vom BfArM oder vom G-BA erarbeitet wird“, erklärte sie.

116117 wird zur umfassenden Servicenummer

Die Rufnummer 116117, über die zurzeit außerhalb der Sprechzeiten der kassen­ärztliche Bereitschaftsdienst erreichbar ist, wird vom 1. Januar 2020 an zu einer um­fassen­den Servicenummer ausgebaut. Das hat der Vorstandsvorsitzende der Kassen­ärztli­chen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, gestern Abend vor Journalisten in Lieben­berg bekräftigt.

Ab diesem Zeitpunkt ist die Rufnummer rund um die Uhr erreichbar und gilt auch für die Terminservicestellen (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigungen, die gesetzlich Kranken­versicherten Termine bei Haus- und Fachärzten sowie bei Psychotherapeuten vermitteln. Die KBV setzt damit einen Auftrag aus dem Terminservice- und Versorgungsgesetz um. Zum Start des erweiterten Angebots werden die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) die Zahl ihrer Mitarbeiter in den Call-Centern auf etwa 1.200 aufstocken.

Mit einer groß angelegten Werbekampagne, die am 30. August starten soll, will die KBV die 116117 in der Bevölkerung bekannter machen. Der KBV-Versichertenbefragung zu­folge kannten im vergangenen Jahr 37 Prozent der Befragten die Nummer für den ärztli­chen Bereitschaftsdienst.

Der Ausbau des Angebots soll dazu beitragen, dass die Patienten in der Versorgungsebe­ne behandelt werden, die ihren Beschwerden angemessen ist. So soll künftig verhindert werden, dass Patienten mit Bagatellerkrankungen die Notaufnahmen der Krankenhäuser verstopfen. „In Verbindung mit einem standardisierten medizinischen Ersteinschätzungs­system ist die 116117 die Eintrittspforte in das Versorgungssystem“, sagte Gassen.

Ersteinschätzung generiert keine Diagnose

Ein solches System hat das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) gemein­sam mit Partnern entwickelt. Dabei wurde eine Software aus der Schweiz auf deutsche Verhältnisse angepasst. Mit dem „strukturierten medizinischen Ersteinschätzungsver­fah­ren für Deutschland“ (SmED) werden Patientendaten wie Geschlecht und Alter, chronische Krankheiten, Vorerkrankungen und Medikation, Leitsymptome und Begleitbeschwerden abgefragt.

Das Ergebnis sei keine Diagnose, sondern eine Einschätzung der Dringlichkeit der Be­hand­lung, sagte Zi-Geschäftsführer Dominik von Stillfried. Die medizinisch geschulten Disponenten empfehlen den Anrufern anschließend die richtige Anlaufstelle für eine Behandlung: die Praxis eines niedergelassenen Arztes zu den regulären Sprechzeiten, eine Bereitschaftsdienstpraxis oder die Notaufnahme eines Krankenhauses.

Ist der Zustand des Anrufers nach Einschätzung der Disponenten lebensbedrohlich, ver­binden sie zum Rettungsdienst. SmED wird zurzeit in mehreren KVen getestet. Ab Januar 2020 soll das System flächendeckend ausgerollt werden und auch an den Tresen der Be­reitschaftspraxen oder Notaufnahmen zum Einsatz kommen.

Um sämtliche digitalen Möglichkeiten für die Patientensteuerung zu nutzen, stellt die KBV ab Ende August auch eine 116117-App bereit. Darüber können Nutzer unter ande­rem eine telefonische Verbindung zum Notruf 112 herstellen und auf die bundesweite Arztsuche zugreifen. Ab Anfang nächsten Jahres sollen Nutzer online Termine der TSS buchen können. Voraussichtlich Mitte 2020 soll auch eine für Patienten adaptierte Versi­on von SmED über die App nutzbar sein.

KBV-Vorstand spricht sich gegen dritten Sektor zur Notfallbehandlung aus

Der KBV-Vorstand äußerte sich in Liebenberg auch ganz grundsätzlich zu den Plänen des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums für eine Reform der Notfallversorgung, die aber offenbar noch nicht mit Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) abgestimmt sind.

Sie sehen unter anderem vor, dass künftig die Länder die Planung und Gestaltung der integrierten Notfallversorgung übernehmen sollen. Den KVen den Sicherstellungsauftrag für den Bereitschaftsdienst zu entziehen, mache medizinisch keinen Sinn und stelle die Krankenhäuser aufgrund des Ärztemangels vor unlösbare Aufgaben, warnte der stellver­tretende KBV-Vorsitzende Stephan Hofmeister.

Er räumte allerdings ein, dass viele Vertragsärzte es sicherlich begrüßen würden, den un­geliebten Bereitschaftsdienst nachts und an den Wochenenden loszuwerden. Darüber hi­naus lasse der Gesetzentwurf aus dem Ministerium offen, wie viele integrierte Notfall­zentren an welchen Standorten künftig benötigt würden. „Dazu müsste mal jemand den Mut haben“, erklärte auch KBV-Vorstand Gassen. Es könnten nicht an allen 2.000 Kranken­hausstandorten solche Zentren geschaffen werden.

Sowohl Gassen als auch Hofmeister sprachen sich dagegen aus, dass Krankenhäuser und KVen die integrierten Notfallzentren künftig gemeinsam betreiben. „Wir brauchen keinen dritten Versorgungssektor“, sagte Hofmeister. „Wir wollen die Patienten integriert versor­gen, aber nicht gemeinsam.“ Deshalb plädierte er dafür, dass die KVen den Tresen für ambulante Patienten betreiben und die Krankenhäuser für die Notaufnahmen zuständig sind, wo die Patienten mit dem Rettungswagen eintreffen. 

Spahns App-Gesetz erntet gemischtes Echo

Das Bundeskabinett hat das Digitale-Versorgung-Gesetz durchgewunken. Bald schon könnten Ärzte Apps verordnen dürfen. Eine spannende Debatte im Bundestag steht bevor: Regierung und Opposition bringen sich in Stellung.

Von Anno Fricke

BERLIN. Gesundheits-Apps sollen verstärkt in die Versorgung. Auf diesen Standpunkt hat sich am Mittwoch das Bundeskabinett gestellt und das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) an den Bundestag weitergeleitet.

Der Gesetzentwurf sieht einen Anspruch von Patienten auf Gesundheits-Apps vor. Das könnten Diabetes-Tagebücher, Apps für Menschen mit Bluthochdruck, digitale Hilfen für Menschen mit Migräne oder für Schwangere sein, zählte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nach der Kabinettssitzung konkrete Beispiele auf.

Nach einer Prüfung durch das BfArM auf Sicherheit, Funktion und Qualität, Datenschutz und Datensicherheit sollen Apps für ein Jahr eine vorläufige Zulassung erhalten.

In diesem Jahr können Ärzte die Produkte zu Lasten der Kassen verordnen. Erst nach Ablauf von zwölf Monaten sollen die Hersteller nachweisen müssen, dass ihr Produkt die Versorgung verbessert. „Wir haben das Evidenzniveau bewusst niedrig angesetzt“, hatte Spahn bei einer früheren Gelegenheit dazu angemerkt.

Hohes Kostenrisiko für Kassen?

Spahns Digitalgesetz

  • Patienten erhalten Anspruch auf von den Kassen bezahlte digitale Versorgungsangebote.
  • Das BfArM nimmt eine erste Sicherheitsprüfung bei Apps vor. Danach können Ärzte zwölf Monate zu Lasten der Kassen verschreiben. In dieser Zeit müssen sie Nutzennachweise generieren.
  • Krankenkassen können aus ihren Rücklagen, also Versichertenbeiträgen, in die App- Entwicklung investieren.

Die Kassen reagierten mit Skepsis: „Tempo geht nicht vor Qualität“, sagte AOK-Bundesverbands-Chef Martin Litsch. Das Gesetz enthalte Vorgaben, dass digitale Gesundheitsanwendungen ohne ausreichende Überprüfung ihres gesundheitlichen Nutzens von den Kassen bezahlt werden müssten. Und zwar zu dem Preis, den der Hersteller gerne hätte. Das bedeute ein hohes Kostenrisiko für die gesetzliche Krankenversicherung, sagte Litsch.

Dass alleine das Bundesinstitut für Arzneimittel- und Medizinprodukte (BfArM) damit beauftragt sei zu entscheiden, ob eine App in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen werde, monierten die Ersatzkassen.

Deren Verbandschefin Ulrike Elsner plädierte stattdessen für ein zweistufiges Verfahren. Zunächst solle das BfArM Grundanforderungen wie Datenschutz- und -sicherheit überprüfen, anschließend der Gemeinsame Bundesausschuss als zuständiges Gremium für Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUB) den Nutzen der Anwendungen binnen zwölf Monaten evaluieren. Als „Meilenstein“ bezeichnete BKK-Dachverbandsvorsitzender Franz Knieps die geplanten Möglichkeiten für die Kassen, selbst in die Entwicklung von Gesundheits-Apps einzusteigen.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion Karin Maag, machte klar, dass Apps selbstverständlich einer Sicherheitsprüfung unterlägen. Zudem fordere sie den Nachweis eines positiven Effektes für die Nutzer bei Erkennung, Behandlung und Linderung von Krankheiten.

Mit dem DVG kommen weitere Änderungen auf die Ärzte zu. Sie sollen künftig auf ihren Internetseiten über Online-Angebote informieren dürfen. Die Aufklärung über Videosprechstunden soll nicht mehr zwingend einen persönlichen Erstkontakt voraussetzen, sondern ebenfalls über Video erfolgen können.

Zudem soll die Vergütung für das Versenden eines elektronischen Arztbriefes künftig höher liegen als für ein Fax. Ärzten, die sich der TI verweigern droht ab 1. März 2020 ein Honorarabzug von 2,5 Prozent.

„Papierloses“ Gesundheitswesen

Aus der Opposition wurden weiterreichende Forderungen zur Digitalisierung laut: „Ich hätte mir gewünscht, dass der Entwurf das komplett papierlose Gesundheitswesen zum Ziel hat“, sagte die FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus. Es fehle etwa die mobile Vernetzung des Pflegepersonals, eine krankenhausinterne Vernetzung, aber auch virtuelle Netzwerke zum Beispiel zwischen Hausärzten und der Uniklinik.

Eine umfassende Digitalisierungsstrategie vermissen die Grünen. „Es kann ja nicht primär darum gehen, dass irgendeine digitale App schneller im Gesundheitswesen eingesetzt wird, sondern es muss das Ziel sein, mit Hilfe der Digitalisierung einen konkreten Nutzen für das Gesundheitswesen und die Pflege zu erzielen“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen Maria Klein-Schmeink.

Vor Mondpreisen bei digitalen Anwendungen warnte die Linke. „Dieses Gesetz dient der Wirtschafts- und nicht der Gesundheitsförderung“, meldete sich Linken-Gesundheitspolitiker Achim Kessler zu Wort. Die Beiträge der Versicherten dürften nicht für die Wirtschaftsförderung missbraucht werden.

Hoher Psychotherapie-Bedarf

Am Anfang steht der Nutzen! Das sieht der aktuelle DVG-Entwurf nicht vor. Müssen für Psychotherapie-Apps andere Regeln gelten?

Von Wolfgang van den Bergh

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Schreiben Sie dem Autor: vdb@springer.com

Fehltage steigen, und Therapeuten sind knapp. Für die erste Aussage hat die DAK am Donnerstag einen Langzeitbericht vorgestellt, wonach sich die Zahl der Fehltage wegen Depressionen oder Anpassungsstörungen in 20 Jahren verdreifacht hat. Dabei taucht die Frage nach Behandlungshäufigkeit und Behandlungsbedürftigkeit auf.

DAK-Chef Storm führt den Anstieg auf den offeneren Umgang mit F-Diagnosen zurück. Sicherlich nur ein Grund. Leistungsdruck, permanente Erreichbarkeit, Überforderungen sind ebenso Faktoren, die die AU-Tage seit 20 Jahren nach oben schnellen lassen. So oder so: Therapeuten werden dringend gebraucht. Das belegen auch die aktuellen Kennzahlen zur Bedarfsplanung Psychotherapie.

Inwiefern können Apps hier als Assistenzsysteme für Entlastung sorgen? Verbandschefin und Psychotherapeutin Barbara Lubisch glaubt daran, fordert aber zugleich den Nutzenbeleg vom ersten Einsatz an.

Doch gerade das sieht das neue Digitale-Versorgung-Gesetz für die beiden untersten Risikoklassen in den ersten zwölf Monaten so nicht vor. Spannend ist daher die Frage: In welche Klasse werden diese neuen Apps dann eingestuft? Die Zeit drängt, auch weil die Schlangen für die Bewertung neue Medizinprodukte immer länger werden.

Internetrecherche zu Krankheitssymptomen verunsichert viele Patienten

Ausgedehnte Internetrecherchen zu ihren Krankheitssymptomen können bei Patienten Ängste auslösen, die sich langfristig verfestigen. Der Umgang mit einer solchen „Cyberchondrie“ stellt eine besondere Herausforderung für den Arzt dar. Das berichten Wissenschaftler um Julian Wangler vom Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie der Universitätsmedizin Mainz in der Zeitschrift DMW Deutsche Medizini­sche Wochenschrift (doi 10.1055/a-0842-8285).

Die Forscher haben für ihre Studie zwischen dem 20. April und 20. Juni 2018 844 Allgemeinmediziner und hausärztlich tätige Internisten in Südhessen und zusätzlich in den Landkreisen Gießen, Marburg-Biedenkopf, Kassel und der kreisfreien Stadt Kassel schriftlich befragt. Sie wollten von den Hausärzten wissen, ob und wie häufig Patienten in der Sprechstunde Erstdiagnosen aus dem Internet thematisieren.

Zwei Drittel der Mediziner gaben an, dass sie häufig damit konfrontiert seien. Patien­ten kämen bereits mit Informationen zu den Symptomen ihrer möglichen Erkrankung in die Praxis und hätten sich bereits über Therapien Gedanken gemacht. Die Ärzte hatten den Eindruck, dass die Patienten durch die vorherige Internetsuche eher ver­wirrt oder verunsichert werden (84 Prozent) und nervöser und ängstlicher wirken (74 Prozent).

Dass die Patienten gut informiert sind und daher den Arzt besser verstehen (29 Pro­zent) oder bei Beschwerden rechtzeitiger in die Praxis kommen (16 Prozent), ist nach Einschätzung der Allgemeinmediziner seltener der Fall. Nur sechs Prozent der Ärzte gaben an, dass die Patienten sich nach einer Internet-Recherche sicherer fühlten und nur vier Prozent der Mediziner erklärten, dass sie dann vernünftiger handelten.

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62 Prozent der Hausärzte beklagten, dass die Patienten mit falschen Erwartungen in die Praxis kämen. 46 Prozent vermuten, dass ihre Diagnose zuhause via Internet überprüft werde. 41 Prozent der Mediziner befürchten, dass das Internet die Patienten dazu bewege, andere als die verordneten Medikamente einzunehmen. 39 Prozent mutmaßen, dass die verordneten Medikamente infolgedessen nicht eingenommen werden.

Die Umfrage zeigt außerdem, dass eine Internetrecherche den Gesprächsbedarf seitens der Patienten erhöht: 74 Prozent der Ärzte sagten, dass die Patienten mehr Fragen stellen, 64 Prozent sahen sich zunehmender Kritik gegenüber, 32 Prozent empfanden die Patienten als konfliktbereiter. Jeder fünfte Arzt (18  Prozent) hat bereits den Abbruch eines Betreuungsverhältnisses aufgrund ausgeuferter Internetrecher­chen des Patienten erlebt.

„Es erscheint ratsam, die Online-Informationssuche aktiv im Patientengespräch zu thematisieren, um möglichen negativen Auswirkungen auf das Arzt-Patient-Verhältnis vorzubeugen. Entsprechend wäre darüber nachzudenken, die Anamnese um die Dimension der Online-Informationssuche zu erweitern“, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler. 

Patientenbrief statt Arztbrief kann Patientensicherheit erhöhen

Patienten, die nach der Entlassung aus dem Krankenhaus einen Patienten­brief erhielten, fühlen sich besser unterstützt und verstehen ihre Erkrankung und Be­handlung besser. Das zeigen die Ergebnisse der Pilotstudie „Mehr Gesundheitskom­petenz durch Patientenbriefe“, die heute im Rahmen der Veranstaltung „Mit. Sicher­heit. Gemeinsam.“ des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) in der Hörsaalruine der Charité Berlinvorgestellt wurden.

Insbesondere in Bezug auf die Einnahme von Medikamenten gaben die Patienten signifikant häufiger an, sehr verständliche Erläuterungen über die Art der Medikamen­ten­einnahme erhalten zu haben. Dies könne sich positiv auf die Therapietreue und die Gesundheitskompetenz insgesamt auswirken, sagte Ansgar Jonitz, Geschäftsführer des gemeinnützigen Unternehmens „Was hab’ ich?“.

Das Startup hatte die für Laien verständlichen Entlassdokumente entwickelt und deren Einsatz zwischen November 2015 und April 2018 getestet. Patienten der Abteilung Innere Medizin der Paracelsus-Klinik in Bad Ems erhielten im Rahmen der Studie zu­sätzlich zum Arztbrief einen Patientenbrief, der leicht verständliche Informationen zum Krankheitsbild, zu den durchgeführten Untersuchungen, Behandlungen und den Me­di­kationsplan enthielt.

Neben einem besseren Verständnis für die eigene Erkrankung zeigen die Ergebnisse auch, dass Patienten mit Patientenbrief sich im Krankenhaus rücksichtsvoller behan­delt fühlten und die Klinik nach Entlassung häufiger weiterempfahlen. Auch wurden die Patientenbriefe von fast allen Patienten und in vielen Fällen von Angehörigen gelesen.

Thomas Gebhardt, Parlamentarischer Staatssekretär des BMG, betonte, dass eine patientengerechte Kommunikation entscheidend sei, um die Gesundheitskompetenz und damit auch die Patientensicherheit zu erhöhen. Patientensicherheit sei Aufgabe aller, so Gebhardt. Sie könne nur durch die gemeinsame Anstrengung von Ärztinnen und Ärzten sowie Patienten gelingen. 

Perspektivisch soll das Projekt flächendeckend eingesetzt werden und allen Patienten zur Verfügung stehen. Auch die Option eines mehrsprachigen Patientenbriefes sowie eine digitale Version und die Ausweitung auf weitere Zielgruppen sind angedacht. In einem Folgeprojekt, das in den kommenden Tagen startet, wird zudem die automati­sche Erstellung von Patientenbriefen getestet.

„Was hab’ ich?“ bietet seit 2011 einen Patientenservice zur „Übersetzung“ von Arzt­briefen an. Patienten können ihre Befunde anonym auf dem Portal hochladen und er­halten kostenfrei eine leicht verständliche Version des Arztschreibens. Die Formulie­rung übernehmen Medizinstudierende höherer Semester sowie Ärzte. Seit dem Start der Webseite wurden 40.000 Befunde übersetzt.

KBV warnt vor zusätzlicher Arbeit und zusätzlichen Kosten

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat in einer Stellungnahme zum geplanten Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) davor gewarnt, den Praxen zusätz­liche Bürokratie und zusätzliche Kosten aufzubürden.

„Solange noch Verfahren mit Papierausdrucken und digitalen Vordrucken in Arztpra­­xen parallel vorgehalten werden müssen, wie bei der Ausstellung der Arbeitsun­fähig­keitsbescheinigung, und ein hoher zeitlicher Aufwand bei der Ausstellung einer quali­fizierten elektronischen Signatur besteht, ist dies kontraproduktiv. Die Digitalisierung darf auch nicht dazu führen, dass die erforderliche Erweiterung der Technik auf Kosten der Vertragsärzte erfolgt“, heißt es darin.

Einheitliche Referenzdatenbannk erhöht die Arzneimittelsicherheit

Die KBV sieht in dem am 15. Mai vorgelegten Referentenentwurf aber auch positive Aspekte, zum Beispiel die geplante einheitliche Referenzdatenbank für Arzneimittel. „Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Erhöhung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit“, so die KBV. Die uneinheitliche Darstellung der Arzneimitteldaten im bundeseinheitlichen Me­dikationsplan habe bislang zu Verunsicherungen bei Patienten und Ärzten geführt.

Kritischer bewerten die Kassenärzte den geplanten Leistungsanspruch der Versicher­ten auf digitale Gesundheitsanwendungen. Diese können laut dem Gesetzentwurf ent­weder vom Arzt verordnet oder vom Patienten mit Genehmigung der Krankenkasse selbst beschafft werden. „Durch den Gesetzentwurf wird ein Leistungsanspruch der Versicherten auf digitale Gesundheitsanwendungen geschaffen, ohne eine Differen­zie­­rung nach deren Zweckbestimmung vorzusehen“, kritisiert die KBV.

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Somit wären Anwendungen mit allgemeinen Gesundheitsinformationen oder Ratge­ber-Apps zur Unterstützung von gesundheitsbewusstem Verhalten genauso vom Leis­tungsanspruch umfasst wie Anwendungen zur Verlaufsbeobachtung von individuellen Gesundheitsdaten bei chronischen Erkrankungen, Anwendungen zur Feststellung von persönlichen Gesundheitsrisiken und Krankheitsdiagnosen sowie therapiebegleitende Anwendungen zur Unterstützung der Behandlung. „Eine Differenzierung entsprechend der Zweckbestimmung ist auch bezüglich der Anforderungen an die Nutzenbewertung beziehungsweise der Beurteilung der positiven Versorgungseffekte geboten“, heißt es in der Stellungnahme.

Die KBV fordert außerdem, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und die KBV einbezogen werden, wenn digitale Innovationen in der Versorgung eingeführt werden. „Das den Krankenkassen eingeräumte Recht, im Zuge innovativer digitaler Projekte ihren Versicherten Versorgungsangebote durch Dritte machen zu lassen, an denen Vertragsärzte und -psychotherapeuten nicht beteiligt werden müssen, lehnen wir in dieser Ausschließlichkeit ab“, schreibt die KBV.

Systembruch, den die KBV nicht mitgehen will

Thomas Kriedel aus dem KBV-Vorstand erläutert dies in einem Video auf KV-on näher: „Die Krankenkassen und nur die Krankenkassen können digitale Versorgungs­pro­gramme für ihre Versicherten beschließen. Sie können digitale Anwendungen ent­wickeln und dürfen dafür auch bis zu zwei Prozent ihres Eigenkapitals zur Verfügung stellen. Sie dürfen auch digitale Anwendungen fördern und damit in die Versorgung eingreifen“, sagte er. Würde es so bleiben, wie es im Entwurf steht, würde es bedeu­ten, dass ein Teil des Sicherstellungsauftrags in Zukunft an die Krankenkassen über­gehen würde, nämlich alles das, was Digitalisierung betreffe. Das wäre ein vollkom­me­ner Systembruch, den wir nicht mitgehen können.

Auch eine Sanktionierung von Vertragsärzten für den Fall, dass bestimmte Fristen nicht umgesetzt werden können, lehnt die KBV strikt ab. „Die Nutzung der technischen Möglichkeiten ist davon abhängig, dass die Industrie die notwendigen technischen Voraussetzungen so schafft, dass die IT-Sicherheit gewährleistet wird und keine Ge­fährdung für die Patientendaten in den Arztpraxen besteht“, betonen die Autoren der Stellungnahme.

Die mobile KV-Connect-Schnitt­stelle kommt

Der Datendienst KV-Connect wird künftig auch mit mobilen Endgeräten wie Smartphones funktionieren: Verschiedene Anbieter stehen in den Startlöchern. Darauf hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hingewiesen.

Mittels KV-Connect Mobile können Ärzte elektronische Arztbriefe direkt aus ihrem Praxisverwaltungssystem an mobile Endgeräte versenden. Weitere Daten, wie Labor­befunde, Medikationspläne, Röntgenbilder, Impfpässe oder Überweisungen können sie dabei als Anhang mit übertragen.

„Mit KV-Connect Mobile können erstmals Ärzte direkt aus ihrem Praxisverwaltungs­system heraus mit Gesundheits-Apps ihrer Patienten kommunizieren“, sagte Florian Fuhrmann, Geschäftsführer der KV Telematik GmbH (KVTG). Er betonte, man hoffe, mit der Schnittstelle einen wichtigen Beitrag für die Digitalisierung der Versorgung zu leisten. Die KVTG hat ein Auditierungsverfahren für Software-Hersteller eingerichtet. Darin prüft die KVTG die korrekte Umsetzung der Vorgaben für die Schnittstelle.

Als erster Hersteller hat die IBM Deutschland für das Produkt eGA dieses Auditie­rungs­verfahren bestanden. „Datensicherheit ist ein entscheidendes Akzeptanz­krite­rium für die Menschen, wenn sie neue digitale Dienste wie die elektronische Gesund­heitsakte nutzen“, erklärte Ronald Fritz, Partner bei IBM.

Zudem arbeitet das Unternehmen Vivy an der Implementierung. „Die Integration von KV-Connect Mobile ist für uns ein wichtiger Schritt, Vivy-Nutzern dabei zu helfen Do­kumente von ihrem Arzt zu erhalten und unsere patientenzentrierte Ausrichtung zu un­termauern“, sagte Christian Rebernik, Vivy-Geschäftsführer. Die wichtigste Währung sei das Vertrauen der Nutzer.

Die Techniker Krankenkasse (TK) ist mit TK-Safe mittlerweile auditiert. „Mit der Vernet­zung von TK-Safe über KV-Connect schaffen wir einen direkten, sicheren Übertra­gungsweg zwischen niedergelassenen Ärzten und unserer Gesundheitsakte“, sagte Susanne Ozegowski, fachliche Projektleiterin der elektronischen Gesundheitsakte bei der TK. Dies sei ein wichtiger Meilenstein, „um einen echten Mehrwert für die Versor­gung mit Hilfe der Digitalisierung erlebbar zu machen“, so Ozegowski. 

Meditations-App fördert Aufmerksamkeit und Gedächtnis

Ausgerechnet eine App für Tablets soll jungen Menschen helfen, ihre durch den ständigen Internetkonsum verminderte Konzentrationsfähigkeit zu verbessern. Eine Studie in Nature Human Behaviour (2019; doi: 10.1038/s41562-019-0611-9) zeigt, dass die Meditationsübungen mit der App tatsächlich eine positive Wirkung erzielten. Die Probanden schnitten in  Konzentrationstests besser ab, und physiologische Untersuchungen dokumentierten eine Veränderung in der „Hardware“ des Gehirns.

Seit es Videospiele, Computer und Smartphones gibt, sinkt die Konzentrationsfähigkeit junger Menschen. Die Folge sind schlechtere Leistungen in der Schule und auf der Universität. Viele Studenten greifen zu chemischen Stimulanzien, um den Anforderungen des Lernens gerecht zu werden. In den USA sollen 43 Prozent der Collegestudenten regelmäßig zu Methylphenidat und anderen „Aufputschmitteln“ greifen. 

Eine weitere Möglichkeit, Aufmerksamkeit und Konzentration zu verbessern, könnte eine fokussierte Meditation sein. Bei den Übungen geht es darum, sich auf die Atem­bewegungen zu konzentrieren und dadurch den Geist gegen die ständig wechselnden Zerstreuungen abzuschirmen, denen gerade viele jüngere Menschen ausgesetzt sind.

Meditationen sind jedoch schwer zu erlernen und einen persönlichen Trainer können sich die wenigsten jungen Menschen leisten. Forscher der Universität von Kalifornien in San Francisco haben deshalb eine App entwickelt, die es jungen Menschen ermöglichen soll, ohne Schwellenängste eine Meditationstechnik zu erlernen. Sie haben sich dabei von dem langjährigen Lehrer für buddhistische Meditationen und ausgebildeten Psychologen Jack Kornfield beraten lassen. 

Die App startet mit einer einfachen kurzen Atemübung. Am Ende werden die Nutzer aufgefordert, mitzuteilen, wie lange es ihnen gelungen ist, sich allein auf die Atmung zu konzentrieren und andere Gedanken auszublenden. Von diesem Ergebnis hängt ab, ob die Teilnehmer beim nächsten Mal eine um 10 % längere oder eine um 20 % kürzere Meditation durchführen.

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Laut Studienleiter Adam Gazzaley von „Neuroscape“, einem Institut der Universität von Kalifornien in San Francisco, hat der einfache Algorithmus Wirkung gezeigt. Die 59 Studienteilnehmer im Alter von 18 bis 35 Jahren konnten die Dauer der erfolgreichen Meditationen von Anfangs 20 bis 47,5 Sekunden auf im Durchschnitt 346 Sekunden am Ende der sechsten Woche steigern. Um diesen Fortschritt zu erreichen, mussten die Teilnehmer etwa 20 bis 30 Minuten am Tag mit der Meditations-App üben. 

Die „Belohnung“ bestand in zunehmend besseren Ergebnissen in einem Vigilanztest (bei dem die Teilnehmer auf ein selten erscheinendes Symbol reagieren mussten). Je länger die Meditationsphasen der Teilnehmer waren, desto besser wurden die Ergebnisse in dem Vigilanztest.

Diese Veränderungen konnten die Forscher mit der Elektroenzephalografie (EEG) messen. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die andere Apps (etwa eine Sprachlern­software) verwendet hatte, bestanden signifikante Unterschiede, die vor allem in den EEG-Ableitungen über dem mittleren Frontalhirn auftraten. 

Die Analyse von ereigniskorrelierten Potenzialen, bei denen die EEG-Reaktionen auf bestimmte Reize untersucht werden, bestätigte, dass die Meditationen eine Veränderung im Frontalhirn erzielt hatten. Die sogenannte Pb3-Latenz verminderte sich, während es in der Placebogruppe (unter Einfluss der anderen Apps) eher zu einer Verlängerung kam.

Die Studie zeigt, dass Schüler und Studenten mit der Meditations-App ihre Konzentrations­fähigkeit verbessern und im Gehirn etwas „bewegen“ können. Den Beweis, dass sich dadurch die akademischen Leistungen verbessern, blieb die Studie jedoch schuldig. Die Forscher haben die App patentieren lassen. In den App-Stores wird „MediTrain“ zum Zeitpunkt des Berichts noch nicht angeboten.

Ärzte sollen Apps verschreiben können

Ärztinnen und Ärzte sollen künftig ihren Patienten Apps verschreiben können. Zusätzlich müssen sie mit einem höherem Honorarabzug rechnen, wenn sie sich nicht in den kommenden Monaten an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) anschließen. Diese zwei Vor­haben sind Teil des Digitalisierungsgesetzes, das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) heute vorgelegt hat.

Mit dem geplanten „Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation“ (DVG) soll die digitale Versorgung verbessert werden, heißt es aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG). Im Gesetz enthalten sind höhere Strafzahlun­gen für Vertragsärzte, die sich nicht bis März 2020 an die TI angeschlossen haben. Der Entwurf sieht vor, dass dann 2,5 Prozent des Honorars abgezogen werden. Diese Überlegung äußerte Spahn bereits in einem Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Auch andere Gesundheitseinrichtungen und -berufe sollen sich künftig an die TI an­schließen: Für die etwa 2.000 Krankenhäuser in Deutschland wird dies bis zum März 2021 verpflichtend, für Pflegeheime soll die Anbindung zunächst optional sein und in Modellprojekten getestet werden. Dies gilt auch für weitere Gesundheitsfachberufe wie Hebammen und Physiotherapeuten.

Die Finanzierungsvereinbarungen für die Investitions- und Betriebskosten sollen ähn­lich der Vereinbarungen zwischen GKV-Spitzenverband und Kassenärztlicher Bundes­vereinigung (KBV) gestaltet werden. Der GKV-Spitzenverband soll die konkreten Pau­schalen mit den jeweiligen Berufsgruppen verhandeln.

Die kommenden Anwendungen, die mit der TI möglich sein sollen, spezifiziert das Gesetz nun: So soll die gematik – bei der genau am heutigen Mittwoch die Besitzver­hältnisse geändert wurden und nun das BMG 51 Prozent der Anteile hält – bis zum 31. März 2021 die technischen Voraussetzungen schaffen, dass der digitale Impfaus­weis, den Mutterpass, das Untersuchungsheft für Kinder sowie das Zahn-Bonus-Heft Bestandteil der elektronischen Patientenakte werden. Für Ärzte soll das Anlegen, Ver­walten und Speichern der Daten auf der elektronischen Patientenakte (ePa) vergütet werden.

Aus für das Faxgerät

Das Fax als Kommunikationsmittel zwischen Ärzten, aber auch mit Patienten, soll da­gegen nur noch sehr gering finanziert werden. Im Gesetz wird der Bewertungsaus­schuss beauftragt „die Vergütung für die Versendung eines Telefaxes im EBM in zwei Schritten deutlich zu reduzieren, um einen Anreiz für den Einsatz elektronischer Arzt­briefe zu setzen“, so der Gesetzesentwurf. Eine von der KBV bereits beschlossene Richtlinie zum elektronischen Arztbrief soll im Zuge dessen umgesetzt werden.

Mit dem Gesetzentwurf will Spahn nun sicherstellen, dass Apps, die als Medizinpro­dukte deklariert werden, von Ärzten verschrieben und damit von den Krankenkassen erstattet werden. Dazu sollen nach Vorstellungen des BMG Apps gehören, die Patien­ten bei Diabetes, Bluthochdruck in der Schwangerschaft oder bei psychischen Erkran­kun­gen unterstützen.

Dabei bekommt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Aufgabe zugeteilt, ein „amtliches Verzeichnis erstattungsfähiger digitaler Gesundheits­anwendungen zu führen und auf Antrag der Hersteller über die Aufnahme zu entschei­den“, heißt es in der Gesetzesbegründung. Ähnlich wie bei der Erstattung von neuarti­gen Arzneimitteln sollen Krankenkassen im ersten Jahr die vom App-Hersteller vorge­gebenen Preis erstatten, danach werden Preisverhandlungen aufgenommen. Sofern der „Nachweis positiver Versorgungseffekte“ noch nicht möglich ist, können diese Apps auch befristet in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) aufgenommen werden.

Förderung der Videosprechstunde und von S3-Leitlinien

Auch die Videosprechstunde will das BMG weiter fördern: Ein Jahr nach dem Be­schluss des 121. Deutschen Ärztetages zur ausschließlichen Fernbehandlung in Erfurt heißt es im künftigen Gesetz, dass Ärztinnen und Ärzte auch auf ihrer Internetseite informieren dürfen, dass sie Videosprechstunden anbieten. Dem steht bislang das Heilmittelwerbegesetz entgegen. Auch der Austausch zwischen Ärzten per Telekonsil soll gefördert und in den ersten zwei Jahren auch für Krankenhäuser extrabudgetär vergütet werden.

Damit auch Krankenkassen Einfluss auf den Markt der digitalen Angebote bekommen, sollen sie künftig in Start-ups und kleinere Unternehmen investieren dürfen. Damit ver­spricht sich das BMG, dass „möglichst versorgungsnahe und bedarfsrechte Entwick­lungen von Innovationen gewährleistet werden.“ Die Förderhöchstgrenze liegt bei zwei Prozent der Finanzreserven der jeweiligen Krankenkasse.

Teil des Gesetzes ist auch die Fortführung des Innovationsfonds bis zum Jahr 2024. Wie bereits im Koalitionsvertrag vorgesehen, sollen hier weitere 200 Millionen Euro in die Erforschung neuer Versorgungsformen und in die Versorgungsforschung fließen. Neu ist, dass mit fünf Millionen Euro künftig auch die Erarbeitung von S3-Leitlinien gefördert werden kann.

Lob und Warnungen

Die Vorlage des Gesetzesentwurf stieß bei Krankenkassen auf Zustimmung. So er­klärte die Techniker Krankenkasse (TK), dass mit dem Gesetz die „entscheidenden „Weichen“ gestellt werden, dass „die elektronische Patientenakte in Zukunft ein zentrales Tool für das Gesundheitsmanagement der Patienten“ sein wird. TK-Chef Jens Baas erklärte weiter: „Das Gesetz ist ein Schritt nach vorn, dass zukünftig auch alle anderen Leistungserbringer wie Krankenhäuser, Apotheken, Therapeuten, Pflegeeinrichtungen oder Hebammen neben den Ärzten an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur angeschlossen werden.“

Auch die DAK sieht das Gesetz positiv: „Der Entwurf setzt hier richtige Akzente, da er gesetzlichen Krankenkassen mehr Möglichkeiten für die Neu- und Weiterentwicklung von digitalen Versorgungsangeboten für ihre Versicherten einräumt“, erklärte der DAK-Vorstandsvorsitzende Andreas Storm.

Die KBV äußerte sich in einer ersten Stellungnahme zwar „grundsätzlich offen und positiv“. Der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen warnte aber: „Die Digitali­sier­ung muss die Arbeit der Praxen erleichtern und darf weder für zusätzliche Ver­unsicherung noch für ein Mehr an Arbeitsaufwand sorgen.“ Auch forderte er klare Regeln für die Verschreibung von Apps. „Der einzelne Arzt darf sich nicht mit einer Flut verschiedener App-Produkte beschäftigen und genau wissen müssen, welche Krankenkasse welche Anwendung erstattet.“

Das Gesetz soll noch vor der Sommerpause in das Bundeskabinett eingebracht werden. Ab Herbst kann es dann wahrscheinlich im Bundestag beraten werden. Die Oppositions­politikerin Maria Klein-Schmeink (Grüne) sieht das Gesetz nicht so über­schwänglich: „Jens Spahn gleicht bei der Digitalisierung einem schlechten Koch.“ Sie bemängelt in einer Pressemitteilung, dass es weiterhin an einer Strategie für die Digitalisierung im Gesundheitswesen fehle.

Für den CDU-Digitalexperten Tino Sorge ist das Gesetz eine „Erfrischungskur“. Seiner Meinung nach könne das BMG aber „noch einen Gang hochschalten“ und weitere fort­schrittliche Regelungen im Gesetz aufführen. „Sonst werden wir in wenigen Jahren auf andere Länder schauen, die uns in der datengestützten Medizin abgehängt haben.“