Depression: Transkranielle Gleichstrom­stimulation enttäuscht in Vergleichsstudie

Die transkranielle Gleichstromstimulation, die als schonende Alternative zur Elektrokrampftherapie betrachtet wird, hat in einer randomisierten Vergleichs­studie nicht überzeugt. Die Behandlung war laut der Publikation im New England Journal of Medicine (2017; 376: 2523-2533) einer medikamentösen Therapie nicht gleichwertig und keineswegs frei von Nebenwirkungen.

Während bei der Elektrokrampftherapie unter Narkose und nach Gabe von Muskel­relaxantien starke Stromstöße auf das gesamte Gehirn abgegeben werden, erfolgt die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) lokal über Elektroden auf der Kopfhaut, die über einen längeren Zeitraum mit geringen Stromstärken im Bereich von wenigen Milliampere stimuliert werden, was die Patienten in der Regel nicht spüren.

In der ELECT-TDCS-Studie erhielten 94 Patienten an 15 aufeinanderfolgenden Tagen jeweils eine 30-minütige tDCS, bei der die präfrontalen Regionen mit auf die Kopfhaut aufgesetzten Elektroden mit 2 Milliampere stimuliert wurden. In den folgenden sieben Wochen wurde die tDCS einmal wöchentlich wiederholt. Weitere 91 Patienten erhielten eine medikamentöse Standardbehandlung mit Escitalopram, einem Wirkstoff aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Weitere 60 Patienten wurden mit Placebo behandelt. In der Escitalopram-Gruppe und in der Placebo-Gruppe wurde eine Schein-tDCS-durchgeführt: Die Elektroden wurden auf der Kopfhaut befestigt, aber nicht unter Strom gesetzt.

Die tDCS gilt als evidenzbasiert. Die US-Arzneimittelbehörde hat bereits 2008 ein Gerät zur Behandlung zugelassen. Der Stellenwert der Behandlung ist jedoch offen, da Vergleichsstudien zur medikamentösen Behandlung bisher fehlten. Die ELECT-TDCS-Studie sollte hier für Klarheit sorgen.

Primärer Endpunkt war die Auswirkung auf der Hamilton Depression Rating Scale mit 17 Items (HDRS-17). Sie bewertet die Symptome der Erkrankung von 0 bis 52 Punkten, wobei eine höhere Punktzahl eine stärkere Depression anzeigt. Zu Beginn der Studie hatten die Patienten einen HDRS-17 von etwa 22 Punkten. In der Escitalopram-Gruppe kam es zu einem Rückgang um 11,3 Punkte, in der tDCS-Gruppe besserte sich die Depression um 9,0 Punkte und in der Placebo-Gruppe um 5,8 Punkte.

Die Differenz zwischen Escitalopram und tDCS betrug 2,3 Punkte mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,4 bis 4,3 Punkten. Die Differenz zwischen Escitalopram und Placebo betrug 5,5 Punkte (3,1-7,8). Der SSRI war offenbar stärker wirksam als die tDCS.

Das Non-Inferioritätskriterium war nicht erfüllt: Andre Brunoni von der Universität Sao Paulo und Mitarbeiter hatten sich vor Beginn der Studie darauf festgelegt, dass die tDCS wenigstens 50 Prozent der Escitalopram-Wirkung erreicht. Dies konnte nicht belegt werden, weil die untere Grenze des Konfidenzintervalls für den Unterschied von tDCS gegenüber Escitalopram (Differenz -2,3 Punkte; -4,3 bis -0,4) niedriger war als die Hälfte der Differenz zwischen Placebo und Escitalopram (2,75 Punkte).

Damit kann die tDCS (jedenfalls in der gewählten Dauer und Dosierung) nicht als Alternative zur medikamentösen Therapie betrachtet werden. Hinzu kommt, dass die tDCS nicht ohne Nebenwirkungen war. Es kam nicht nur zu Rötungen der Haut, die Patienten gaben auch häufiger Tinnitus und Nervosität an. Bei zwei Patienten wurde eine manische Störung neu diagnostiziert. Unter der Behandlung mit Escitalopram kam es zu den bekannten Nebenwirkungen von SSRI wie Schläfrigkeit und Obstipation.

Die Studie weist nach Ansicht der Editorialistin Sarah Lisanby vom  National Institute of Mental Health, Bethesda, Schwächen auf. Dazu gehöre eine lückenhafte Verblin­dung, da viele Teilnehmer anhand der Nebenwirkungen von Escitalopram vermutlich erkannt hätten, in welcher Gruppe sie sich befanden. Die tDCS sei dagegen trotz der Nebenwirkungen nicht erraten worden. Die Gewissheit, eine aktive Behandlung zu erhalten, kann bei der Depression die Einschätzung der Wirkung verstärken, die bei der Depression mangels objektiver Parameter von den subjektiven Angaben der Patienten abhängt.

Online-Intervention kann bei Depressionen helfen

Bei leichten und mittelschweren Depressionen können Online-Therapien eine wirksame und effektive Alternative zur klassischen Psychotherapie sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Freien Universität Berlin (FU Berlin) und der Techniker Krankenkasse (TK), die heute in Berlin vorgestellt wurde.

Der „Depressionscoach“ ist eine Online-Intervention für leicht bis mittelgradig depressiv belastete Erwachsene, die derzeit von der TK angeboten wird. Eine Stich­probe von 1.089 Teilnehmern des TK-Depressionscoach wurde nun erstmalig von Christine Knaevelsrud, Professorin für Klinisch-Psycholo­gische Intervention an der FU Berlin, und Kollegen evaluiert. „Es handelt sich um die derzeit größte deutsche Online-Therapie-Studie unter Versor­gungs­bedingungen“, betonte Knaevelsrud heute vor der Presse. „Die Ergeb­nisse sind im internationalen Vergleich mit anderen Online-Programmen überdurch­schnittlich und die Drop-out-Raten unterdurchschnittlich.“

Mit dem TK-Depressionscoach, der über die Internetseite der TK zugänglich ist, erhalten Betroffene über einen Zeitraum von etwa zwei Monaten Interventionen in sieben Modulen: Modul eins leitet an, Depressionen zu erkennen und zu begreifen; Modul zwei zeigt, wie sich Depressionen auf Körper und Psyche auswirken können; Modul drei leitet an, dem Tag eine klare Struktur zu geben; Modul vier hilft, Hinder­nisse im Alltag zu über­winden; Modul fünf zeigt, wie sich negative Denkmuster beein­flussen lassen und Modul sechs leitet an, hilfreiche Gedanken zu entwickeln; Modul sieben schließlich trägt dazu bei, persönliche Warnsignale zu erkennen.

Hohe Zufriedenheit der Patienten mit dem Programm

In der Evaluationsstudie erhielt ein Teil der teilnehmenden TK-Versicherten eine regel­mäßige individuelle Betreuung durch eine psychologische Beraterin, der andere Teil ein automatisiertes Feedback und Kontakt bei Bedarf. Mittels Fragebögen vor und nach der Intervention sowie drei, sechs und zwölf Monate später wurden auch die lang­fristigen Effekte untersucht. Die Teilnehmer äußerten Studienleiterin Knaevelsrud zufolge eine hohe Zufriedenheit mit dem Programm, wobei sie mit individueller Betreuung wesentlich zufriedener waren. Zudem würden die individuell Betreuten das Programm auch häufiger weiterempfehlen.

Signifikante Verminderungen der depressiven Symptome

„Hinsichtlich der Wirksamkeit haben sich signifikante und langanhaltende Verminde­run­gen der depressiven Symptome, aber auch der sogenannten Sekundär-Outcomes wie Angst und Grübeln ergeben“, berichtete die Psychotherapeutin. Das habe auch zur Folge, dass die Zahl der selbstberichteten Krankschreibungen und Krankheitstage der Teilnehmer gesunken sei. Die Verbesserungen seien auch über den Zeitraum von einem Jahr nach der Onlinetherapie weitestgehend stabil. „Die Ergebnisse sind somit vergleich­bar mit denen, die in Face-to-face-Behandlungen erzielt werden“, betonte Knaevelsrud.

Die Techniker Krankenkasse würde den Depressionscoach gerne „viel stärker“ in die Regelversorgung implementieren, betonte Susanne Klein, Leiterin der Entwicklungs­abteilung im TK-Versorgungsmanagement. „Auch für schwere Diagnosen ist in Zukunft eine Onlinetherapie denkbar. Die internationale Forschung zeigt uns, dass die Kom­bination von persönlicher Betreuung und neuen Medien hierbei durchaus gut funktioniert.“

Doch bis dahin sei es noch „ein sehr weiter Weg“, so Klein. Zum einen gelte es, Psycho­therapeuten davon zu überzeugen, ihren Patienten den Depressions­coach ergänzend oder zur Wartezeitenüberbrückung zu empfehlen. Im Weg stehe zudem, dass die Kassen Patienten aus Datenschutzgründen nicht gezielt auf die Online-Intervention aufmerksam machen dürften.

Probiotika könnten Depressionen bei Reizdarmsyndrom lindern

Depressive Patienten, die an einem Reizdarmsyndrom leiden, könnten mit­hilfe einer Probiotika-Therapie ihre psychischen Beschwerden lindern. So lautet das Ergebnis einer klinisch randomisierten Studie, die Forscher des Farncombe Family Digestive Health Research Institute um Premysl Bercik in der Fachezeitschrift Gastroenterology veröffentlichten (2017; doi: 10.1053/j.gastro.2017.05.003).

Ein Reizdarm geht typischerweise mit Blähungen, Durchfall und Schmerzen einher. Da die Symptome zu teilweise großen Belastungen im Alltag führen, leiden laut den Autoren viele Betroffenen unter depressiven Verstimmungen. Der Grund für die Symptome ist bisher unklar. Neben einem hypersensiblen enterischen Nervensystem werden auch Faktoren wie Immunreaktionen nach Gastroenteritiden oder bakterielle Fehlbesiedlungen des Darms diskutiert. Der bakteriellen Flora wird auch in der momentanen Leitlinie zum Reizdarmsyndrom eine wichtige Rolle beigemessen. So wird in der 2010 veröffentlichten Leitlinie unter anderem eine Empfehlung für eine Behand­lung mit Probiotika ausgesprochen.

Kleine Studienpopulation

In der aktuellen – kleinen – Studie wollten die Wissenschaftler überprüfen, ob die Probiotika auch einen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Patienten ausüben. Sie rekrutierten 44 Patienten mit einem Reizdarmsyndrom für ihre Studie. Die Hälfte wurde über zehn Wochen mit Probiotika behandelt, die Bifidobacterium longum enthielten, während die andere Hälfte ein Placebo erhielt.

Es zeigte sich, dass nach sechs Wochen 14 Patienten der Behandlungsgruppe unter weniger depressiven Symptomen litten, gegenüber sieben Patienten in der Placebo-Gruppe. In zusätzlichen funktionellen MRT-Aufnahmen zeigten sich in der Gruppe der behandelten Patienten Änderungen der Amygdala-Funktion und des limbischen Systems, die unter anderem an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind.

Die ersten Ergebnisse dieser kleinen Studie bewerten die Forscher als vielverspre­chend. Künftige Untersuchungen müssten aber noch zeigen, ob sich diese auch in größeren Patientenkollektiven bestätigen lassen. Die Ergebnisse würden außerdem noch einmal die wichtige Verbindung zwischen Darmflora und Psyche unterstreichen, hieß es aus der Arbeitsgruppe.

Depressionen: Leitlinien decken alle wichtigen Versorgungsaspekte ab

Köln – Evidenzbasierte Leitlinien zur Behandlung von Menschen mit Depression decken alle wichtigen Versorgungsaspekte und stimmen in den meisten Fällen inhaltlich überein. Das ist das Ergebnis einer Recherche des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die Ergebnisse sollen in die Entwick­lung eines Disease-Management-Programms (DMP) für Depressionen einfließen.

Insgesamt bezog das IQWiG 22 Leitlinien in seine Auswertung ein. Die Aussagen der untersuchten Leitlinien sind den Wissenschaftlern zufolge inhaltlich weitgehend konsistent. Nur in wenigen Fällen widersprächen sich die Empfehlungen, wie etwa in Hinblick auf Johanniskraut als Therapie der ersten Wahl bei unipolaren Depressionen.

Allerdings zeigte die Auswertung, dass die Leitlinien oft keine Hinweise geben, welche Interventionen gegenüber anderen zu bevorzugen sind. Zudem fiel den IQWiG-Experten auf, dass es zu wichtigen versorgungsrelevanten Fragestellungen wenige oder keine Empfehlungen für Kinder und Jugendliche gibt. Für unipolare Depressionen gelte das ebenso wie für bipolare.

Acht der insgesamt 22 untersuchten Leitlinien stammen aus Großbritannien, vier aus den USA und nur drei aus Deutschland. Die Empfehlungen seien deshalb unter Umstän­den nur eingeschränkt übertragbar. „Denn die Anforderungen an die struktu­rier­ten Behandlungsprogramme, die in einer DMP-Richtlinie vom G-BA formuliert werden, beschreiben unverzichtbare Eckpunkte für die Versorgung in Deutschland“, so die Wissenschaftler.

Sie haben deshalb in ihrem Abschlussbericht angeregt, das geplante DMP in zweierlei Hinsicht zu spezifizieren: Zum einen könnte es sinnvoll sein, zwischen uni- und bipolaren Krankheitsbildern zu unterscheiden. Zum anderen könnte eine Eingrenzung auf mittelgradige und schwere Formen der Erkrankung sowie auf rezidivierende Verläufe Vorteile bieten. „Zwar seien Menschen mit Depressionen in der Öffentlichkeit inzwischen etwas weniger stigmatisiert als etwa noch vor zehn oder 20 Jahren. Gerade die zahlreichen Patienten mit einer leichten unipolaren Störung könn­ten aber davor zurückschrecken, sich in ein DMP einzuschreiben“, so die Wissen­schaftler.

WHO Weltgesundheitstag: „Depression – let´s talk“

Depressionen gehören zu den Erkrankungen mit der höchsten Einbuße an Lebensqualität und gelten als Risikofaktor für viele somatische und andere psychische Erkrankungen. „Wir begrüßen die gesteigerte Aufmerksamkeit, Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Gesundheitsversorgung angemessen zu berücksichtigen. Gleichzeitig müssen die Ressourcen für eine adäquate Versorgung in gleichem Maße den Betroffenen auch zur Verfügung gestellt werden“, betont die Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) Dipl.-Psych. Barbara Lubisch zum heutigen Weltgesundheitstag. *

 

Depressive Erkrankungen können mit einer Psychotherapie wirksam behandelt werden. Die Nachfrage in den Praxen der niedergelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ist ungebrochen hoch. Eine frühzeitige Diagnostik und Behandlung ist essentiell für eine effektive und kostenschonende Versorgung von Menschen mit Depressionen. „Dazu muss die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen weiter vorangetrieben werden. Wichtig ist es, das Depressionen in den verschiedenen Lebenswelten, wie der Arbeitsstelle oder Schule, aktiv als ernstzunehmende Erkrankung begriffen werden“, sagte Lubisch.

 

Neben der Entstigmatisierung seien die finanziellen Ressourcen für die frühzeitige Diagnostik und Behandlung entsprechend bereitzuhalten. Umso unverständlicher sei es, dass die frühzeitige diagnostische Abklärung und zeitnahe Akutbehandlung in den psychotherapeutischen Praxen finanziell nicht gefördert werden. Ende März hat der erweiterte Bewertungsausschuss mit Unterstützung der Krankenkassen entschieden, diese wichtigen Leistungen unter dem Niveau vergleichbarer psychotherapeutischer Leistungen zu vergüten. „So werden diese Leistungen völlig unter Wert von den Psychotherapeuten angeboten werden müssen, währenddessen die Krankenkassen ihrer Verantwortung für eine angemessene Ressourcenverteilung nicht nachkommen“, sagte Barbara Lubisch heute in Berlin.

Wirksame Behandlungen gegen Depressionen stehen bereit

Die WHO geht aktuell davon aus, dass weltweit rund 322 Millionen Menschen von Depressionen betroffen sind. In Deutschland allein sind es rund vier Millionen. „Die Sorge vor Stigmatisierung hält viele Menschen davon ab, sich Hilfe zu suchen. Wir wollen sie ermuntern, Hilfe einzufordern und sie nicht allein lassen. Wirksame Behand­lungen und Hilfsangebote stehen bereit“, sagte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) heute bei einer Fachtagung zum Weltgesundheitstag mit dem Titel „Depression, sprechen wir’s an“. Nach Berlin eingeladen hatten das Bundesgesund­heits­ministerium (BMG) und die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheits­förderung.

Gröhe wies in seiner Rede auf die Bedeutung einer leitliniengerechten Behandlung der Depression durch Hausärzte, Psychiater und Psychotherapeuten hin. Gefördert werden müsste zudem die sektorenübergreifende Versorgung, weil die Betroffenen an den Schnitt­stellen oftmals verloren gingen. „Mit der Einführung des Home-Treatments für schwer psychisch Kranke durch spezielle stationäre Behandlungsteams haben wir einen Schritt in die richtige Richtung getan“, betonte er.

Reform der Psychotherapeutenausbildung: Entwurf angekündigt

Um die Versorgung psychisch Kranker noch weiter zu verbessern, habe das BMG darü­ber hinaus eine Reform der Ausbildung von Psychologischen Psychotherapeuten und Kin­der- und Jugendlichenpsychotherapeuten auf den Weg gebracht, betonte der Bun­des­gesundheitsminister. Mit einem fünfjährigen Hochschulstudium der Psychotherapie mit anschließender Weiterbildung und „einer gestärkten Verbindung von Praxis und The­orie“ sollen künftige Psychotherapeuten den Herausforderungen begegnen können. Gröhe kündigte dazu einen Arbeitsentwurf seines Ministeriums an. Bisher liegt nur ein Eckpunktepapier vor.

Den aktuellen medizinischen Wissensstand zur Diagnostik und Therapie der Depression stellte Ulrich Hegerl, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Univer­si­tät Leipzig vor. Von einer Depression spreche man, wenn mindestens zwei relevante Symptome über mindestens zwei Wochen auftreten: Schlafstörungen, Gefühl von Schuld und Wertlosigkeit, Appetittmangel, Antriebslosigkeit, verminderte Konzentration und Sui­zidgedanken. Hegerl unterscheidet folgende Erscheinungsbilder: gehemmte Depression, agitierte Depression, somatisierte „larvierte“ Depression und die wahnhafte Depression. Die Erkrankung komme bei Frauen doppelt so häufig vor wie bei Männern.

Schlafentzug hilft häufig bei Depressionen

Neben Psychotherapie und medikamentöser Behandlung helfe rund 60 Prozent der Be­troffenen ein Schlafentzug in der zweiten Nachthälfte, betonte Hegerl, der auch Vorsit­zen­der der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist. „Das hört sich erst einmal wider­sprüch­lich an, weil Menschen mit Depression sich oftmals sehr erschöpft fühlen. Aber ge­rade langes Schlafen und auch Schlafen tagsüber befördern die Depression – das ist ein Teufelskreis“, sagte der Psychiater. Schlafentzug könne eigentlich nur bei statio­nä­rem Aufenthalt angewendet werden, doch mit der App „Get.Up!“ könnten Betroffene auch zuhause ausprobieren, ob Schlafentzug ihnen helfe.

Mehr Psychiater und digitale Interventionen

Hinsichtlich der Versorgung von Menschen mit Depressionen ist Hegerl überzeugt: „Wir brauchen mehr Psychiater.“ Zwar seien auch mehr Psychotherapeuten notwendig, doch die würden im Vergleich mit einer Richtlinien-Psychotherapie deutlich weniger Patienten versorgen können als die Psychiater und Nervenärzte. Darüber hinaus findet er die Inte­gration digitaler Interventionen in die Regelversorgung wichtig. Ein Beispiel für ein gutes Angebot sei hier das Online-Training-Programm „ifightdepression“, das auf Initiative des „Europäischen Bündnis gegen Depression“ entstanden ist. Betroffene sollten das Pro­gramm mit ärztlicher Überwachung anwenden.

Depression: Weltgesundheitstag will Vorurteile und Ängste abbauen

Berlin – Der diesjährige Weltgesundheitstag zum Thema Depression will besser über die Krankheit aufklären. Allein in Deutschland erkranken jährlich mehr als 5,3 Millionen Men­schen an einer behandlungsbedürftigen Depression.

Die Betroffenen müssten „wissen, dass sie nicht allein gelassen werden und es wirk­same Behandlungen und Hilfsange­bote gibt“, erklärte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) heute in Berlin. Aber auch die Vorbeugung sei wichtig. Starker und dauerhafter Stress könne das Risiko einer Erkrankung erheblich erhöhen. „Deshalb ist es wichtig, dass wir Erkrankungen wie De­pressionen durch gute Präventions­angebote vorbeugen, bevor sie entstehen“, erklärte Gröhe.

Beate Grossmann, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesund­heitsförderung, unterstrich die Notwendigkeit, die Öffentlichkeit besser über die Ursa­chen und Folgen der Erkrankung zu informieren, „damit Betroffene, deren Familien und Freunde Hilfe suchen und diese auch erhalten“. Experten zufolge haben viele Betroffene oft weder Hoffnung noch Kraft, sich professionelle Hilfe zu holen.

Nach einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts (RKI) geht eine überdurchschnittl­i­che Belastung durch chronischen Stress mit einem um mehr als das Doppelte erhöhten Risiko für eine Depression einher. Bei starkem chronischem Stress ist die Wahrschein­lich­keit einer Depression sogar um ein Vielfaches erhöht. Dieses Risiko ist im Vergleich zu anderen psychischen Störungen besonders hoch. Auch die sich rasant verändernden Arbeitsbedingungen haben Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Deshalb ist Gröhe zufolge die betriebliche Gesundheitsförde­rung wichtig. Damit könne es gelingen, Belastungen am Arbeitsplatz zu reduzieren und die psychische Gesundheit zu stärken.

Bereits gestern hatte die Bundes­ärzte­kammer auf die Problematik hingewiesen. „Wir müs­s­en gesell­schaftli­cher Stigmatisierung entgegentreten und die vielfältigen Möglich­kei­ten der sprechenden Medizin insgesamt sowie der Psychotherapie im Besonderen wei­ter stär­ken“, sagte der BÄK-Vorstandsbeauftragte für ärztliche Psychotherapie, Ulrich Cle­ver.

Mit dem Weltgesundheitstag macht die Weltgesundheitsorganisation jedes Jahr auf ein globales Gesundheitsthema aufmerksam. Diesmal ist es das Thema Depression, rund 320 Millionen Menschen weltweit sind davon betroffen. Der Weltgesundheitstag soll nicht nur informieren, sondern auch helfen, Vorurteile und Ängste im Umgang mit der Krank­heit abzubauen. Unter dem Motto „Depressionen, sprechen wir’s an“ gibt es dazu am Freitag auch eine Fachtagung in Berlin.

Videospiele als neue Therapieform bei Depressionen

Krankheit wird für Betroffene durch gezieltes Training kontrollierbarer

Videospiele und Anwendungen zum Gehirntraining werden immer häufiger als effektiver Ansatz zur Behandlung von Depressionen angepriesen. Forscher der University of California, Davis http://ucdavis.edu gehen nun einen Schritt weiter. Werden die Spieler in Games mit persönlichen Erinnerungen konfrontiert, nutzen sie diese häufiger, so das Ergebnis dieser aktuellen Studie.

Sorgfältige Aufforderungen

Laut den Forschern Subuhi Khan und Jorge Pena erhöhte sich in manchen Fällen sogar die Zeit, die spielend verbracht wurde. Durch den gezielten Einsatz von sorgfältig gestalteten Aufforderungen könnten Videospiele mit passenden Inhalten somit eine gut umsetzbare und weniger zermürbende Behandlungsoption darstellen.

Die Botschaften und damit in Zusammenhang stehende Spiele zielten in den Tests auf Depressionen ab, die entweder durch innere Ursachen – ein chemisches Ungleichgewicht oder Erbanlagen – verursacht oder durch äußerliche Faktoren – wie Probleme am Arbeitsplatz oder in der Beziehung – ausgelöst wurden. Die übermittelten Nachrichten verfügten im Ansatz über leichte Unterschiede.

Am Ende standen jedoch jeweils Ermutigungen, das Spiel zu spielen. Die Experten verglichen die Nutzung der Games mit einem regelmäßigen Training, bei dem man versucht, sein Bestes zu geben. Durch den Einsatz von sechs Drei-Minuten-Spielen zeigte sich, dass sie den Nutzern dabei halfen, ein Gefühl der Kontrolle über ihre Krankheit zu bekommen. Bei jedem Spiel handelte es sich um eine Adaption von bereits erprobten neurophysiologischen Trainingseinheiten.

Keine langfristigen Effekte

Wurde die Depression als etwas dargestellt, dass durch innere Ursachen ausgelöst wird, so ermöglichte eine App für das Gehirntraining den Usern das Gefühl, dass sie etwas für die Kontrolle ihrer Depressionen tun konnten. Laut den Autoren wird damit die Annahme gestützt, dass derartige Spiele helfen können, kognitive Veränderungen einzuleiten. Diese User bewerteten die Benutzerfreundlichkeit der App als sehr positiv.

Wurden Depressionen als etwas dargestellt, das durch äußere Faktoren hervorgerufen wurde, wurde mehr Zeit mit dem Spielen verbracht. Auch hier könnte das Gefühl, die Situation kontrollieren zu können, eine Rolle spielen. Khan und Pena gehen jedoch davon aus, dass diese Wirkung auf die direkte Nutzung zurückzuführen war und sehr wahrscheinlich keine langfristigen Vorteile bringt.

Die aktuelle Studie hat nicht untersucht, ob Videospiele Depressionen tatsächlich verringern. Laut den Autoren wird jedoch bereits an weiteren Studien zum Thema gearbeitet. So wurden Daten von 160 Studenten ausgewertet, die an leichten Depressionen litten. Drei Viertel der unter die Lupe genommenen Teilnehmer waren Frauen, mehr als die Hälfte der Versuchspersonen waren asiatischer Herkunft. Das Durchschnittsalter lag bei 21 Jahren.

Depressionen könnten kardiovaskuläres und Gesamtsterberisiko erhöhen

München – Menschen mit depressiven Verstimmungen hatten in einer bevölkerungs­bezogenen Kohortenstudie langfristig ein erhöhtes Sterberisiko, das laut dem Bericht in Atherosclerosis (2017; doi: 10.1016/j.atherosclerosis.2016.12.003) auf eine erhöhte Zahl von Todesfällen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen war.

Dass viele Patienten mit Herzkrankheiten unter Depressionen leiden, ist seit längerem bekannt und nicht weiter verwunderlich. Immerhin zeigt ein Herzinfarkt und eine Herz­insuffizienz eine existenzielle Krise an, die die Psyche belastet. Seit einigen Jahren wird aber auch darüber diskutiert, ob auch umgekehrt eine Depression das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen könnte.

Mögliche Mechanismen sind eine erhöhte Entzündungsreaktion (C-reaktives Protein), eine endotheliale Dysfunktion, eine erhöhte Aktivität von Thrombozyten oder neuro­hormonelle Einflüsse (Stress). Denkbar ist aber auch, dass Menschen mit Depressionen ihre Gesundheit vernachlässigen und durch Rauchen, Bewegungsmangel und die Nichteinnahme von Medikamenten ihr Sterberisiko erhöhen.

Kohortenstudien wie die KORA (Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg) können das Henne-Ei-Problem von Ursache und Wirkung nicht lösen. Die jetzt von Prof. Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtz Zentrum München vorgestellte Analyse zeigt jedoch, wie eng Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sind. Der Forscher hat die Umfragen aus den Jahren 1984 und 1995, die im Rahmen des MONICA-Projekts der Weltgesundheitsorganisation durchgeführt wurden, mit den Sterberegistern abgeglichen. Innerhalb von 10 Jahren (31.791 Personen-Jahre) sind 557 Teilnehmer der KORA-Studie gestorben, davon 269 an Herz-Kreislauf-Ereignissen.

Die Teilnehmer der KORA-Studie waren auch nach ihrem Gemütszustand befragt worden. Depressive Verstimmungen (Depressed mood and exhaustion, DEEX) waren signifikant mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden. Ladwig ermittelt eine adjustierte Hazard Ratio von 1,52 für die Gesamtsterblichkeit und für einen Herz-Kreislauf-Tod. Diese Risiken waren höher als die für Hypercholesterinämie und Fettleibigkeit, aber niedriger als für Bluthochdruck, Rauchen und Diabetes.

Sofern die Assoziation kausal ist, was die Studie allerdings nicht belegen kann, wären nicht weniger als 15 Prozent aller Herz-Kreislauf-Todesfälle in Deutschland auf Depressionen (sprich DEEX) zurückzuführen. Dies wäre vergleichbar mit dem Einfluss von Hypercholesterinämie, Adipositas und Tabakrauchen, für die Ladwig attributable Risiken („population-attributable risk“, PAR) von 8,4 bis 21,4 Prozent ermittelte.

Auch wenn eine Kausalität nicht erwiesen ist, so sind Depressionen doch ein Hinweis auf eine besondere Gefährdung der Patienten. Ladwig schlägt deshalb vor, bei allen Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach einer Depression als Begleiterkrankung zu suchen. Das wäre, so der Epidemiologe mit einfachen Mitteln möglich.

Neuauflage der Patientenleitlinie Depression erschienen

Berlin – Eine Neuauflage der Patientenleitlinie „Unipolare Depression“ hat das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) vorgestellt. Die Patientenleitlinie basiert auf der kombinier­ten S3-Leitlinie/Nationalen VersorgungsLeitlinie „Unipolare Depression“.

Nach der Aktualisierung dieser wissenschaftlichen Leitlinie haben ÄZQ und Fachgesell­schaften jetzt auch die Patientenleitlinie überarbeitet. Sie übersetzt die aktuellen Empfeh­lungen der Expertengruppe in eine allgemeinverständliche Sprache. So bietet sie Men­schen mit Depressionen und deren Angehörige wichtige Informationen zum Umgang mit der Krankheit und Unterstützung beim Gespräch mit dem Arzt oder Psychotherapeuten.

„Die Patientenleitlinie kann Sie durch eine Erkrankungsphase begleiten oder ein erster Schritt sein, sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen. Das ärztliche oder psycho­the­rapeu­tische Gespräch kann sie aber nicht ersetzen“, schreiben die Autoren in der Ein­führung. Die Patientenleitlinie gilt nicht für Kinder und Jugendliche und widmet sich auch nicht der bipolaren Erkrankung.

Depressionen gehören zu den häufigen Erkrankungen. Allein in Deutschland sind inner­halb eines Jahres rund 6,2 Millionen Menschen betroffen. Trotzdem werden depressive Erkrankungen oft nicht festgestellt, weil Betroffene keine fachliche Hilfe suchen oder die Krankheit nicht erkannt wird. Zu den Neuerungen der Patientenleitlinie gehört daher ein Kapitel über leicht zugängliche Behandlungsangebote.

zum Thema
Patientenleitlinie
Kurzinformationen
Wissenschaftliche Leitlinie „Unipolare Depression“
Depressionen: IQWiG legt vorläufige Ergebnisse von Leitlinien-Recherche vor
Leitlinie „Unipolare Depression“ umfassend überarbeitet

Auf der Grundlage der ausführlichen Patientenleitlinie hat das ÄZQ zusätzlich eine Kurz­information für Patienten erarbeitet.

Die wissenschaftliche Leitlinie „Unipolare Depressi­on“ hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) als S3-Leitlinie initiiert und koordiniert. Sie wird gemeinsam von der Bundesärztekammer, der Kassenärztlichen Bundes­ver­ei­nigung und der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftli­chen Medizinischen Fachgesell­schaften als kombinierte S3-Leitlinie/Nationale Versor­gungs­leit­linie herausgegeben.