Auch Väter erkranken an postnatalen Depressionen

Postnatale Depressionen treten nicht nur bei Müttern auf. Eine Studie in JAMA Pediatrics (2018; doi: 10.1001/jamapediatrics.2018.1505) zeigt, dass auch Väter nach der Geburt eines Kindes in ein „emotionales Loch“ fallen können.

Die postpartale Depression ist so häufig, dass die American Academy of Pediatrics inzwischen zu einem Screening der Mütter rät. Das allgemein anerkannte Instrument ist die Edinburgh-Postnatal-Depressions-Skala (EPDS), in dem Mütter 10 Fragen zu ihrer Befindlichkeit beantworten. In Indiana wird eine vereinfachte Form (EPDS-3) verwendet, in der nur 3 Fragen gestellt werden. Die Mütter füllen den Fragebogen in der Regel im Wartezimmer aus.

Da heute vielfach die Väter Mutter und Kind bei den Arztterminen begleiten, haben Erika Cheng von der Indiana University School of Medicine den Fragebogen den Vätern vorgelegt.

Ergebnis: Bei 2.946 von 9.572 (30,8 %) Klinikbesuchen war auch die Väter anwesend. Diese füllten in 806 Fällen (8,4 %) den Fragebogen aus. Bei insgesamt 36 Vätern (4,4 %) wurden Hinweise auf postnatale Depressionen gefunden. Der Anteil war kaum geringer als bei den Müttern, von denen 5,0 % Zeichen einer postnatalen Depression aufwiesen. Der Anteil der Väter an allen postnatalen Depressionen betrug 11,7 %.

Da Väter sich in der heutigen Zeit mehr um die Kinder kümmern als in früheren Generationen, können postnatale Depressionen negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder haben, befürchtet Cheng. Sie rät deshalb dazu, auch die Väter zu screenen. Die American Academy of Pediatrics hat das Problem erkannt und bereits 2016 einen Report zur Rolle der Väter veröffentlicht.

Güte- und Mitgefühls-Meditationen können auch gegen ernste psychische Erkrankungen helfen

Übersichtsarbeit zeigt die Wirksamkeit z.B. bei Depression, Suizidversuchen, und Borderline-Störung

Auch schwere psychische Störungen wie Borderline-Störungen, Depressionen oder Schizophrenie lassen sich mit den beiden Methoden „compassion-based interventions“ (CBIs) und „Loving Kindness Meditation“ (LKM) behandeln und lindern. Das ist das Ergebnis einer Übersichtsarbeit von Johannes Graser, Universität Witten/Herdecke (UW/H), und Ulrich Stangier von der Frankfurter Goethe-Universität.

Aus über 9.000 Arbeiten, die zu diesem Forschungsfeld veröffentlich wurden, haben die beiden die 26 Studien ausgewählt, die strenge Kriterien erfüllten und klinische Stichproben behandelten. „ In diesen wenigen Studien zeigen die beiden Methoden gute Wirkung“, fasst Johannes Graser das Ergebnis zusammen. Wenn man ins Detail geht, zeigt sich, dass neben den Effekten auf die Symptomatik der Störungen CBIs vor allem auch gegen Selbst-Abwertung und Scham gut helfen. LKM steigert den positiven Affekt, also die Häufigkeit von Glücklichsein, positiver Stimmung oder Optimismus. Die Studie ist jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Harvard Review of Psychiatry (impactfactor 3.264) (doi: 10.1097/HRP.0000000000000192 oder https://journals.lww.com/hrpjournal/Abstract/2018/07000/Compassion_and_Loving_Ki…) erschienen.

Die Forschung hat bisher häufig die Wirksamkeit von achtsamkeitsbasierten Therapieverfahren bestätigt. Das sind zum Beispiel Verfahren wie die Mindfulness-based Stress-Reduction (MBSR) oder die Mindfulness-based Cognitive Therapy (MBCT). Weniger gut war bisher die Forschungslage bei Meditations- und Therapieformen, die zur Entwicklung von Güte (s.o.) und Mitgefühl entwickelt wurden. „Wir erreichen heute nur bei ca. 60 Prozent der Patienten, die an Borderline oder chronischer Depression leiden nachhaltige und deutliche Linderung der Symptomatik. Wissenschaftler und Therapeuten suchen daher mit großem Nachdruck nach neuen Ansätzen, die helfen können“, ordnet Graser die Situation ein. Das war Auslöser dieser Untersuchung.

CBIs bauen darauf auf, dass Menschen das Leid anderer wahrnehmen und eine Motivation entwickeln, dieses Leid zu verringern. Auch eine mitfühlende Haltung gegenüber der eigenen Person und dem eigenen Leid soll kultiviert werden. In der LKM wird zunächst versucht, positive Wünsche wie das Glücklich-Sein, Sorgenfreiheit, Freiheit von Leid anderen Menschen zukommen zu lassen. „Die Patienten nehmen das gut an, haben aber häufig Schwierigkeiten, sich selbst gute Wünsche zukommen zu lassen“, erklärt Graser das Therapieproblem. Wie Therapeuten mit diesem Widerstand umgehen können, ist ebenfalls Teil der Übersichtsarbeit. Außerdem deuten manche der Studien darauf hin, dass die Ansätze von CBIs und LKM auch bei Angststörungen, chronischen Schmerzen und post-traumatischem Stress helfen können. „Es wird jedoch noch einige Forschung nötig sein, um genau zu klären, wie die Techniken im therapeutischen Alltag angewendet werden können, um möglichst effektiv verschiedenen Patientengruppen helfen zu können“, sagt Graser.

Weitere Informationen bei Dipl.-Psych. Johannes Graser, 02302- 926 883, johannes.graser@uni-wh.de

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Dipl.-Psych. Johannes Graser, 02302- 926 883, johannes.graser@uni-wh.de

Originalpublikation:
doi: 10.1097/HRP.0000000000000192

Depressionen häufige Nebenwirkung von Medikamenten

Die Polypharmazie führt dazu, dass immer mehr Patienten gleich mehrere Wirkstoffe verschrieben bekommen, zu deren Nebenwirkungen depressive Verstimmungen gehören. In einer Querschnittstudie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2018; 319: 2289–2298) war die Einnahme der Medikamente tatsächlich mit einer deutlich erhöhten Rate von Depressionen assoziiert.

Die Fachinformationen von mehr als 200 Wirkstoffen enthalten den Hinweis, dass es nach der Einnahme zu depressiven Verstimmungen kommen kann. Darunter sind einige häufig verordnete Antihypertensiva, Protonenpumpenhemmer, Analgetika und hormonelle Kontrazeptiva.

Von den Teilnehmern des National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES), einer Querschnittsstudie der US-Statistikbehörde zum Gesundheitsstatus der Bevöl­kerung, nahmen 2005–2006 bereits 35 % mindestens ein Medikament mit Depressionen als möglicher Nebenwirkung ein. In der NHANES-Stichprobe von 2013–2014 waren es 38,4 %. Der Anteil der Patienten, der 3 oder mehr Wirkstoffe mit Depressionen als mögliche Nebenwirkung erhielt, war von 6,9 auf 9,5 % gestiegen.

Auch Wirkstoffe, deren Fachinformationen einen Warnhinweis auf ein Suizidrisiko enthalten, werden in den USA immer häufiger verordnet. Der Anteil stieg von 17 auf 24 %. 2 beziehungsweise 3 % der Patienten erhielten 3 oder mehr Wirkstoffe mit einem erhöhten Suizidrisiko.

15 % der Patienten, die 3 oder mehr Wirkstoffe mit Depressionen als mögliche Nebenwirkung erhalten hatten, erreichten im Fragebogen PHQ-9, einem Screening­instrument zur Diagnostik einer Depressivität, 10 oder mehr Punkte, was eine zumindest mittelgradige depressive Symptomatik anzeigt. Bei den Patienten, die keine Medikamente mit depressiven Nebenwirkungen einnahmen, erreichen nur 4,7 % 10 oder mehr Punkte im PHQ-9. Die Differenz von 10,7 Prozentpunkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 7,2 bis 14,1 Prozentpunkten hochsignifikant.

Die Beweiskraft von Querschnittsstudien ist begrenzt. Aufgrund der fehlenden Langzeitbeobachtung kann nicht von einer Kausalität gesprochen werden. Es bleibt möglich, dass die Erkrankung (etwa chronische Schmerzen), die Anlass für die Verordnung der Medikamente (Analgetika) war, die Ursache für die depressive Verstimmung ist. Es bleibt deshalb abzuwarten, ob weitere epidemiologische Untersuchungen die Assoziationen bestätigen. Angesichts der zunehmenden Häufigkeit von Depressionen in der Bevölkerung erscheinen den Autoren weitere Studien dringend notwendig.

Depressionen bei älteren Menschen hartnäckiger

Depressionen haben bei älteren Menschen eine schlechtere Prognose. Die Episoden dauern länger und laut einer Langzeituntersuchung in Lancet Psychiatry(2018; doi: 10.1016/S2215-0366(18)30166-4) kommt es häufiger zu einer chronischen Majordepression, von der viele ältere Patienten sich nicht erholen.

Jeder fünfte Erwachsene erleidet im Verlauf seines Lebens eine depressive Episode. Die meisten erholen sich mit der Zeit und bleiben danach häufig psychisch gesund. Eine Gruppe um Roxanne Schaakxs vom VU Medisch Centrum in Amsterdam hat jetzt in einer Langzeitstudie untersucht, welchen Einfluss das Alter auf den Verlauf der Erkrankung hat.

Grundlage der Studie sind die Daten aus 2 Kohortenstudien, die Patienten mit Depressionen über einen Zeitraum von 2 Jahren begleitet haben. An der NESDA(„Netherlands Study of Depression and Anxiety“) hatten 2.981 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren teilgenommen, bei denen eine Depression oder eine Angststörung diagnostiziert worden war. An der NESDO („Netherlands Study of Depression in Older Persons“) hatten 510 Senioren im Alter von 65 bis 90 Jahren teilgenommen, bei denen eine Depression (aber keine Angststörung) diagnostiziert worden war. Beide Studien hatten ein ähnliches Design, sodass Schaakxs die Daten zusammen auswerten konnte.

Ergebnis: Mit zunehmendem Alter kam es im Verlauf von 2 Jahren häufiger zur Diagnose einer Majordepression. Pro 10 Jahre Lebensalter ermittelt Schaakxs eine Odds Ratio (OR) von 1,08, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,00 bis 1,17 signifikant war. Die Depressionen neigten mit zunehmendem Alter der Patienten auch zu einem chronischen Symptomverlauf (OR 1,24; 1,13–1,35), es kam seltener zu Remissionen (Hazard-Ratio HR 0,91; 0,87–0,96) und der Schwergrad nahm zu (Regressionskoeffizient 1,06; p < 0,0001).

Im Vergleich zur jüngsten Altersgruppe (18–29 Jahre) wurde bei Patienten im Alter ab 70 Jahre 2-mal häufiger die Diagnose einer Majordepression gestellt (OR 2,02; 1,18–3,45), es kam 3-mal so häufig zu einem chronischen Symptomverlauf (OR 3,19; 1,74–5,84) und zu 40 % seltener zu Remissionen (HR 0,60, 0,44–0,83). Der Schweregrad der Depression wurde in einem Score mit 12,64 Punkten ungünstiger eingestuft.

Die schlechtere Prognose konnte laut Schaakxs nur zu einem geringen Teil auf die im Alter häufigere Einsamkeit, den Mangel an sozialer Unterstützung oder auf chronische Erkrankungen, funktionelle Einschränkungen oder die Einnahme von Antidepressiva zurückgeführt werden (die den älteren Patienten häufiger verordnet wurden als den jüngeren). Der einzige wichtige Faktor, den Schaakxs nicht ausreichend berück­sichtigen konnte, waren die nachlassenden kognitiven Leistungen (unterhalb der Schwelle zur Demenz), die nach Einschätzung von Schaakxs durchaus dazu beitragen könnten, dass ältere Menschen sich von depressiven Episoden schlechter erholen.

Angehörige und Freunde können Angst und Depressionen bei Krebskranken verstärken

Familienangehörige, Freunde und Bekannte sind für Patienten mit einer Krebserkrankung meist sehr wichtig, weil sie unterstützen und Rückhalt geben können. Allerdings kann dieser Personenkreis für die Tumorpatienten auch enttäuschend reagieren. Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz haben jetzt untersucht, ob und wie unterstützende und enttäuschende Reaktionen von Angehörigen und Freunden mit Angst und Depressionen bei Langzeitüberlebenden einer Hautkrebserkrankung zusammenhängen. Die Fachzeitschrift BMC Public Health hat die Studienergebnisse veröffentlicht (2018; doi: 10.1186/s12889-018-5401-1).

Die Studie ist Teil eines von der Deutschen Krebshilfe geförderten Forschungsprojekts zu den psychosozialen Langzeitfolgen eines malignen Melanoms. Dafür werteten die Mainzer Wissenschaftler zusammen mit dem Krebsregister in Rheinland-Pfalz Befragungen von Langzeitüberlebenden aus, die 6 bis 9 Jahre nach Diagnose einer Hautkrebserkrankung erfolgten. Die 689 Befragten waren zwischen 28 und 93 Jahre alt. 83 % von ihnen lebten in einer Partnerschaft.

Die Melanom-Überlebenden berichteten vorwiegend von positiver Unterstützung durch ihr jeweiliges soziales Umfeld. Ablehnende oder verständnislose Reaktionen wurden im Vergleich dazu weit seltener berichtet. Teilnehmer, die in einer Partnerschaft lebten, aktiv Unterstützung suchten und eine optimistische Lebenshaltung hatten, berichteten häufiger über gute Unterstützung. Getrennt Lebenden und Geschiedenen fehlte es hingegen häufiger an positiver Unterstützung.

Negative soziale Erfahrungen gingen in vielen Fällen mit der Neigung zu Selbst­vorwürfen, einer resignativen Haltung, Pessimismus sowie Müdigkeit und Motiva­tionslosigkeit einher. Das größte Maß an Depression und Angst war bei den Melanom-Überlebenden anzutreffen, die kränkende Reaktionen anderer erfuhren und gleichzeitig nur wenig positive Unterstützung erhielten.

„Manchmal entsteht ein Teufelskreis aus Enttäuschung über ausbleibende Hilfen und Rückzug. Dieser macht es beiden Seiten schwer, aufeinander zuzugehen. Es reicht daher nicht aus, Krebskranke zu ermutigen, positive soziale Unterstützung zu suchen. Es ist auch wichtig, Erfahrungen von Enttäuschung und Zurückweisung offen anzusprechen. Dies kann Betroffenen helfen, ihre Bedürfnisse klarer zu formulieren oder sich in enttäuschenden Situationen zu behaupten“, sagte die Studienleiterin Sabine Fischbeck.

Antidepressiva führen zur Gewichtszunahme

Viele Patienten, die mit Antidepressiva behandelt werden, nehmen vor allem im zweiten und dritten Behandlungsjahr deutlich an Gewicht zu, wie die Ergebnisse einer Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2018; 361: k1951) zeigen.

Nicht nur die Zahl der übergewichtigen und fettleibigen Menschen hat in den letzten Jahren zugenommen. In Großbritannien sind es bereits 61 % der Erwachsenen. Auch Depressionen werden immer häufiger. In Großbritannien stieg die Zahl der Verord­nungen zuletzt auf 129,9 pro 1.000 Personenjahre, und von den Hausarzt­patienten hat laut einer jüngsten Untersuchung fast jeder vierte schon einmal ein Antidepressivum verschrieben bekommen (in einem 17-Jahres-Zeitraum). Eine Adipositas ist zudem ein bekannter Risikofaktor für eine Depression.

Vor diesem Hintergrund könnte eine Gewichtszunahme durch die Einnahme von Antidepressiva ein ernst zu nehmendes „Public Health“-Problem sein.

Rafael Gafoor vom King’s College London hat hierzu die Daten von 300.000 erwachsenen Patienten ausgewertet, die in der UK Clinical Practice Research Datalink (CPRD) gespeichert wurden und bei denen im Verlauf von 10 Jahren mindestens dreimal das Körpergewicht notiert worden war.

Die Forscher fanden heraus, dass die Inzidenz einer Gewichtszunahme um wenigstens 5 % bei Patienten, denen keine Antidepressiva verordnet wurden, 8,1 pro 100 Personenjahre betrug. Bei den Patienten, die Antidepressiva einnahmen, waren es 9,8 Gewichtszunahmen pro 100 Personenjahre.

Der Unterschied mag gering erscheinen. Er bedeutet allerdings, dass auf 59 Patienten, die Antidepressiva einnehmen, innerhalb von 10 Jahren einer kommt, der deutlich an Gewicht zunimmt.

Das Risiko war im zweiten und dritten Behandlungsjahr am größten. Gafoor ermittelte für das zweite Behandlungsjahr eine Rate Ratio auf eine Gewichtszunahme um mindestens 5 % von 1,46 (95-%-Konfidenzintervall 1,43–1,49) und für das dritte Behandlungsjahr von 1,48 (1,45–1,51). Danach sinkt das Risiko, es blieb aber über den gesamten Zeitraum erhöht.

Die Einzelbetrachtung zeigt für alle 12 untersuchten Wirkstoffe ein erhöhtes Risiko. Die Bandbreite der Rate Ratio reichte von 1,05 (1,00–1,10) für Paroxetin bis zu 1,50 (1,45–1,56) für (das eher selten verordnete) Mirtazapin.

Nach Einschätzung der Editorialisten Alessandro Serretti und Stefano Porcelli von der Universität Bologna lässt sich derzeit nicht vorhersagen, bei welchen Patienten es unter der Therapie zu einer Gewichtszunahme kommt. Deshalb sollte vorsichtshalber allen Patienten geraten werden, auf ihr Gewicht zu achten und durch Ernährung und Sport einer Gewichtszunahme frühzeitig gegenzusteuern.

Innere Uhr könnte Risiko für Depressionen und bipolare Störungen beeinflussen

Kommt der zirkadiane Rhythmus aus dem Takt, kann dies psychische Störungen begünstigen. In einer Beobachtungsstudie mit mehr als 91.000 Menschen haben Forscher der University of Glasgow Korrelationen mit Gemütsstörungen wie schweren Depressionen und bipolaren Störungen gefunden. Die Ergebnisse wurden in The Lancet Psychiatry veröffentlicht (2018; doi: 10.1016/S2215-0366(18)30139-1).

Zu Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus kommt es beispielsweise aufgrund von erhöhter Aktivität während nächtlichen Ruhephasen und Inaktivität am Tag. Veränderte sich bei den Studienteilnehmern dieser Rhythmus, veränderte sich gleichzeitig auch ihre Gemütslage und ihr Wohlbefinden. Ob dabei gestörte Ruhe-Aktivitäts-Muster Ursache oder Resultat eines schlechten Wohlbefindens sind, kann die Studie jedoch nicht beantworten.

Um methodische Probleme früherer Studien zu verhindern, analysierten die Forscher nur die Daten von jenen Probanden aus der britischen Biobank, die an einer objektiven Aktivitätsmessung teilgenommen hatten. Ihre Aktivität war mittels eines Beschleu­nigungs­sensors am Handgelenk über 7 Tage aufgezeichnet worden. Diese Informa­tionen verknüpften die Forscher mit Fragebögen zur psychischen Gesundheit.

 Zirkadiane Rhythmen steuern physiologische und Verhaltensfunktionen, wie etwa Körpertemperatur und Essgewohnheiten. Das interne Zeitmesssystem des Gehirns nimmt Veränderungen der Umwelt vorweg und passt sich der jeweiligen Tageszeit an. Es hat sich gezeigt, dass die Unterbrechung dieser Rhythmen die menschliche Gesundheit stark beeinflusst. Krankheitsrisiken, die aus zirkadianer Störung resultieren, wurden in den Gehirn-, Pankreas- und Stresssystemen identifiziert.

Die Forscher fanden heraus, dass Aktivität während der Ruhezeiten und/oder Inaktivität am Tag mit einer größeren Wahrscheinlichkeit einherging, eine Depression oder bipolare Störung zu entwickeln (adjustierte Odds Ratio:1,06 beziehungsweise 1,11). Der Beschleunigungssensor hatte in diesem Fall eine niedrige relative Amplitude gemessen (n = 3.477). Zudem korrelierte ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus mit größerer Stimmungsinstabilität, höheren Neurotizismuswerten und subjektiver Einsamkeit. Die Teilnehmer mit einer niedrigen relativen Amplitude waren unzufriedener mit ihrer Gesundheit und benötigten längere Reaktionszeiten, was ein indirektes Maß für kognitive Funktion darstellt. Die Ergebnisse hatten auch nach Anpassung an eine Vielzahl von Einfluss­faktoren Bestand: Alter, Geschlecht, Lebensstil, Bildung, Body Mass Index und Kindheitstrauma.

Methodische Einschränkungen

„Unsere Befunde verstärken die Annahme, dass Stimmungsstörungen mit gestörten zirkadianen Rhythmen verbunden sind,“ sagt Erstautorin Laura Lyall von der University of Glasgow. Dabei konnte zudem gezeigt werden, dass veränderte Ruhe-Aktivitäts-Muster mit schlechterem Wohlbefinden und kognitiven Fähigkeiten verbunden sind. Ein kausaler Zusammenhang lässt sich laut der Autoren auch aufgrund methodischer Einschränkungen nicht schlussfolgern. Denn die korrelierenden Daten wurden zu verschiedenen Zeitpunkten erfasst: demografische und Lebensstildaten (2006 bis 2010), Beschleunigungsdaten (2013 bis 2014) und Informationen aus dem Fragebogen zur psychischen Gesundheit (2016 bis 2017).

Frühere Forschungen konnten bereits Zusammenhänge zwischen einer Störung der inneren Uhr und schlechter psychischer Gesundheit identifizieren. Die Ergebnisse beruhten jedoch in der Regel auf kleineren Teilnehmerzahlen, die subjektiv Selbstangaben zu ihren Ruhe-Aktivitäts-Mustern gemacht hatten. Potenzielle Störfaktoren wurden nicht immer konsequent berücksichtigt.

Depressionen: Ketamin als Nasenspray beseitigt rasch Suizidgedanken

Eine zweimal wöchentliche intranasale Behandlung mit Esketamin, dem linksdrehenden Enantiomer von Ketamin, hat in einer Phase-2-Studiedie Depressionen von Patienten mit akuter Suizidgefährdung innerhalb weniger Stunden gelindert. Die Behandlung könnte laut der Publikation im American Journal of Psychiatry (Online) die Zeit bis zum Einsetzen der Wirkung konventioneller Antidepressiva überbrücken.

Das Narkosemittel Ketamin, das durch Blockade von NMDA-Rezeptoren eine dissoziative Anästhesie erzeugt und wegen eines tranceartigen Zustands zunehmend als Freizeitdroge missbraucht wird, ist seit einigen Jahren als Akutmedikament zur Behandlung von Major-Depressionen in der Diskussion. Nach einer intravenösen Anwendung kommt es innerhalb kurzer Zeit zu einer Aufhellung des Gemüts. Depressivität und Suizidgedanken scheinen wie weggeflogen.

Da die intravenöse Anwendung in der ambulanten Therapie eine Hürde ist, lässt der Hersteller Jansen derzeit eine intranasale Applikation von Esketamin, dem linksdrehenden Enantiomer von Ketamin, prüfen. (Die Möglichkeit, das nicht mehr patentgeschützte Mittel in einer neuen Applikationsform exklusiv zu vermarkten, mag ebenfalls eine Rolle spielen).

An einer Phase-2-Studie nahmen an 11 US-Zentren 68 Patienten teil, die unter schweren Depressionen litten (MADRS 22 oder höher) und die wegen suizidaler Gedanken stationär behandelt wurden. Zusätzlich zur üblichen stationären Therapie erhielten sie zweimal pro Woche Esketamin (84 mg) oder Placebo als Nasenspray. Die Behandlungsdauer betrug 4 Wochen. Primärer Endpunkt war die akute Veränderung des MADRS-Scores in den ersten 4 Stunden nach der Applikation.

Wie Carla Canuso vom Forschungslabor des Herstellers in Titusville, New Jersey, und Mitarbeiter berichten, war bereits nach der ersten Untersuchung nach 4 Stunden eine deutliche Abschwächung der Depression erkennbar, die auch bei einer weiteren Untersuchung nach 24 Stunden noch anhielt. Dieser schnelle Wirkungseintritt ist ein Vorteil von Ketamin gegenüber konventionellen Antidepressiva, die die Symptome erst nach mehreren Wochen lindern, was die Patienten in der Zwischenzeit dem Risiko einer erhöhten Suizidalität aussetzt und häufig eine stationäre Behandlung erforderlich erscheinen lässt.

Alle Patienten der Studie wurden mit konventionellen Antidepressiva behandelt, was erklären mag, warum bei den Abschlussuntersuchungen am Tage 25 keine signifikanten Unterschiede zwischen der Esketamin- und der Placebogruppe mehr bestanden.

Für die American Psychiatric Association könnte Esketamin künftig zur Überbrückung eingesetzt werden, bis die konventionellen Antidepressiva wirken, was erfahrungs­gemäß nach 4 bis 6 Wochen der Fall ist. Die Patienten könnten dann frühzeitig aus der Klinik entlassen werden.

Der Hersteller lässt das Esketamin-Nasenspray derzeit in mehreren Phase-3-Studien prüfen. Der Schwerpunkt der aktuellen Phase-2-Studie war die Sicherheit von Esketamin. Ernsthafte Probleme wurden nicht beobachtet. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Schwindel, Dissoziation, Geschmacksstörungen und Kopfschmerzen.

Ob das Mittel nach dem Anschluss der Phase-3-Studien zugelassen wird, lässt sich nicht vorhersehen. Neben Effektivität und Sicherheit dürfte auch das Missbrauchs­potenzial eine Rolle spielen. Wie Robert Freedman vom Anschutz Medical Campus in Denver im Editorial berichtet, erhalten US-Psychiater bereits Besuch von Personen, die depressive Symptome vorgeben, um sich Ketaminbehandlungen zu erschleichen.

Durch Diebstahl bei Veterinärmedizinern gelangt regelmäßig Ketamin in den illegalen Handel. Dass eine freizügige Verordnung von Arzneimitteln mit Missbrauchspotenzial schnell zu gesellschaftsrelevanten Problemen führen, zeigen laut Freedman die Erfahrungen mit Oxycodon, das als weniger gefährliche Alternative zu älteren Opiaten entwickelt wurde, dann aber zum Auslöser einer epidemischen Drogensucht mit zahllosen Todesfällen war.

Depressionen: EEG zeigt Wirksamkeit der Therapie an

Kann eine spezielle Analyse des Elektroenzephalogramms (EEG) die Wirksamkeit einer medikamentösen Therapie der Major-Depression voraussagen? Nach einer Studie in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.0252) hatten Patienten mit einer hohen Theta-Aktivität im rostralen Abschnitt des anterioren Gyrus cinguli (ACC) die besten Aussichten, auf eine Behandlung mit einem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) anzusprechen.

Der vordere rostrale Abschnitt ACC, der zum limbischen System gehört, wird seit Längerem mit der Pathogenese der Major-Depression in Verbindung gebracht. Die genauen Zusammenhänge sind nicht bekannt, frühere Studien haben jedoch gezeigt, dass eine vermehrte Aktivität in dieser Regionen den Patienten helfen könnte, sich von einer Depression zu erholen.

Ein Team um Diego Pizzagalli vom McLean Hospital in Boston hat hierzu die Ergebnisse der EMBARC-Studie ausgewertet. Die Studie war an vier US-Kliniken mit dem Ziel durchgeführt worden, Prädiktoren für das Ansprechen einer Therapie zu finden. Dazu wurden 296 Patienten auf eine Behandlung mit dem SSRI Sertralin oder mit Placebo randomisiert. Vor Behandlungsbeginn und nach einer Woche wurde bei den Patienten ein EEG durchgeführt. Pizzagalli setzte die Ergebnisse mit dem Ansprechen von Sertralin in Verbindung.

Ergebnis: Patienten, bei denen vor Beginn der Behandlung und nach einer Woche vermehrt Thetawellen aus dem Bereich des rostralen ACC aufgezeichnet wurden, erzielten unter der Therapie mit Sertralin tatsächlich häufiger eine Remission ihrer Depression. Zusammen mit einigen klinischen und demographischen Daten konnte die EEG-Analyse 39,6 % der Unterschiede im Ansprechen auf die Therapie erklären. Der direkte Anteil der EEG-Anlyse war jedoch gering. Die vermehrte Thetawellen-Aktivität erklärte gerade einmal 8,5 % des Therapieerfolgs.

Dennoch könnte für Pizzagalli das EEG ein wichtiger Bestandteil für die Vorhersage eines Therapieerfolgs sein. Der Bedarf an einem solchen Test ist groß, da die Psychiater derzeit erst nach etwa acht Wochen wissen, ob ein Medikament wirkt. Häufig erhalten die Patienten nacheinander mehrere Wirkstoffe, bis ein geeignetes Mittel gefunden wird. Pizzagalli hofft, dass eine EEG-Analyse in Zukunft die Suche verkürzen kann.

Zahl der Krankenhaus­behandlungen wegen Depressionen gestiegen

263.428 Patienten sind 2016 wegen Depressionen im Krankenhaus behandelt worden. Das waren sieben Prozent mehr als fünf Jahre zuvor, wie das Statistische Bundesamt jetzt mitteilte.

Darunter waren 15.446 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Deren Anteil an den behandelten Menschen stieg damit von drei Prozent (2011) auf sechs Prozent (2016).

So könnten die Zahlen etwa „durch die gestiegene Lebenserwartung und die Anfälligkeit Älterer“ gestiegen sein. Zudem könnten auch „eine bessere Diagnostik und Sensibilität gegenüber psychischen Erkrankungen zu dieser Entwicklung beigetragen haben“.