Experten sehen Therapiedefizit bei Patienten mit Essstörungen

Patienten mit Essstörungen erhalten nach Expertenmeinung zu wenig therapeutische Hilfe. Bei der Binge-Eating-Störung etwa, den Essanfällen, bestehe noch ein erhebliches Defizit in Deutschland, sagte Anja Hilbert vom Adipositas-Forschungszentrum der Universität Leipzig anlässlich eines internationalen Kongresses. Nur etwa 40 Prozent der betroffenen Erwachsenen erhielten eine ausreichenden Therapie.

„Patienten mit der Binge-Eating-Störung essen meist heimlich immense Mengen und nehmen dadurch stark zu“, sagte die Expertin. „Dabei ist die Kapazität zur Behandlung durchaus vorhanden“, sagte Hilbert. Es gebe eine Vielzahl gut ausgebildeter Therapeuten. Sie hätten jedoch zum Teil zu wenig Informationen über diese Krankheit.

Gene können eine Rolle spielen

Aufgabe der Wissenschaft sei es daher, neue Erkenntnisse schnell an die Praxis weiterzugeben, etwa  mit Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen. Auch das Internet biete nunmehr therapeutische Maßnahmen an. So gebe es Programme, die wissenschaftlich fundiert den Patienten online individuell Hilfe leisten könnten.

Die Ursachen für Binge Eating sind ihren Angaben zufolge vielfältig. So gebe es psychische Gründe, bei Kindern etwa Probleme im Elterhaus. Aber auch zu hohe Leistungsansprüche könnten Auslöser sein. Neuere Studien hätten ergeben, das auch genetische Faktoren eine Rolle spielten.

Die Binge-Eating-Störung findet erst seit wenigen Jahren eine stärkere Beachtung, wie die Expertin sagt. Etwa drei bis fünf Prozent der Menschen in Deutschland seien betroffen. „Sie leiden erheblich unter der Störung, fühlen sich oft schuldig, hässlich und ziehen sich mehr und mehr aus dem Sozialleben zurück“, so Hilbert. Die Erkennung und Behandlung sei auch deshalb enorm wichtig, weil die Störung häufig der Grund für Adipositas sei.

Moderiesen beschließen Charta gegen Magermodels

Paris – Nach jahrelangen Debatten um Magermodels auf Laufstegen haben sich französische Dachkonzerne bekannter Modemarken wie Gucci, Saint Laurent oder Dior auf gemeinsame Regeln verständigt. Mit dem gemeinsamen Vorgehen reagieren die Konzerne Kering und LVMH auf Kritik an häufig sehr dünnen Models.

Um Gesundheitsgefährdungen zu verhindern, müssen Models künftig eine Bescheini­gung vom Arzt vorlegen, die nicht älter als sechs Monate sein darf, teilten Kering und LVMH heute in Paris in einer „Charta für das Wohlbefinden von Models“ mit. Darüber hinaus sieht die Charta vor, dass ihre Marken keine Damenmodels mit der Konfektions­größe 32 mehr beschäftigen dürfen.

In der vor Beginn der New Yorker Fashion Week veröffentlichten Charta wird fest­gehalten, dass Castingagenturen weibliche Mannequins erst ab der französischen Konfektionsgröße 34 auswählen sollen. Männermodels sollen mindestens Kleidergröße 44 haben. Verlangt werden auch Gesundheitszeugnisse, die zum Zeitpunkt eines Fotoshootings oder einer Modenschau weniger als sechs Monate alt sein müssen. Die Zertifikate sollen festhalten, dass ein Model bei guter Gesundheit und arbeitsfähig ist.

„Die Regel zur Kleidergröße in Verbindung mit dem weniger als sechs Monate alten Gesundheitszertifikat ist eine sehr starke Maßnahme, die es uns erlauben wird, voranzukommen“, erklärte Kering-Chef François-Henri Pinault. „Viele Menschen wissen nicht einmal, dass es die Größe 32 gibt“, fügte Antoine Arnault hinzu, Mitglied im LVMH-Verwaltungsrat und Sohn von Konzernchef Bernard Arnault. Aber einige Mode­designer fertigten ihre Prototypen in 32 an. Damit sei jetzt Schluss. „Die Größen beginnen künftig bei 34, und das ist auch schon ziemlich klein“, sagte er.

Künftig sollen die Marken von LVMH und Kering auch keine Models unter 16 Jahren mehr beschäftigen, wenn Erwachsenenmode vorgeführt werden soll. In der Vergangen­heit traten immer wieder 14 oder 15 Jahre alte Mädchen bei Modenschauen auf, was häufig auf Kritik stieß. Die Charta führt zudem neue Regeln für den Umgang mit Models im Alter zwischen 16 und 18 Jahren ein.

Die beiden konkurrierenden Modekonzerne reagieren mit ihrer gemeinsamen Charta auf die immer wieder aufflammende Kritik an sehr dünnen Models. Nicht nur gibt es Befürchtungen um die Gesundheit der Mannequins; kritisiert wird auch ein schlechtes Vorbild für junge Frauen, die sich auf Modelmaße herunterhungern.

In Frankreich traten im Mai neue rechtliche Vorgaben im Kampf gegen Magermodels in Kraft. Verlangt wird insbesondere ein Gesundheitszeugnis mit dem Body-Mass-Index. Die Bescheinigungen müssen alle zwei Jahre erneuert werden – in dieser Hinsicht geht die Charta von LVMH und Kering über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Wer Models ohne Bescheinigung beschäftigt, dem drohen nach früheren Angaben sechs Monate Gefängnis und 75.000 Euro Strafe.

Immer mehr Menschen leiden unter Essstörungen

Berlin – Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter Essstörungen. Die Zahl der Betroffenen stieg bundesweit zwischen 2011 und 2015 um etwa 13 Prozent, teilte heute die Barmer GEK nach Hochrechnung eigener Versichertendaten mit. Waren 2011 noch rund 390.000 Menschen von Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht betroffen, litten vier Jahre später bereits 440.000 darunter.

Allein bei der Barmer GEK galten im vergangenen Jahr demnach mehr als 9.600 Versi­cher­te als magersüchtig. Das waren 14 Prozent mehr als 2011. Die Dunkelziffer dürfte nach Einschätzung der Kasse aber noch „um Vielfaches höher liegen“. Vor allem bei Frauen sei Magersucht ein zunehmendes Problem. Stress, Leistungsdruck und falsche Vorbilder könnten zur Magersucht führen.

Datenbank: Hilfe bei Essstörungen
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Oftmals nehmen die Betroffenen ihr Essverhalten nicht als krankhaft wahr. Deshalb ist Experten zufolge die Rückmeldung von Eltern und Freunden wichtig. Denn neben den psychischen Beeinträchtigungen können Essstörungen auch schwerwiegende organi­sche Schäden nach sich ziehen und schlimmstenfalls sogar tödlich enden.