Jeder vierte stationäre Patient mit Zeichen von Mangelernährung

Nicht nur Übergewicht und Adipositas sind ein Problem, auch Mangel­ernährung ist in Deutschland häufig. Das berichten Ärzte und Wissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) und des Berufsverbands Oecotrophologie (VDOE).

„Mehr als jeder vierte Patient, der in eine Klinik eingewiesen wird, zeigt Zeichen einer Mangelernährung“, umreißt der DGEM-Experte Christian Löser das Ausmaß des Problems. Deutschlandweit seien mehr als 1,5 Millionen Menschen betroffen. Besonders gefährdet seien chronisch Kranke, Tumorpatienten und ältere Menschen. „Immer häufiger sind aber auch Kinder betroffen, gerade wenn sie aus sozial schwachen Familien kommen“, hieß es aus der Fachgesellschaft.

Energie- und Nährstoffmangel beeinflussen laut Fachgesellschaft und Berufsverband Heilungsprozesse: In der Folge lägen Patienten länger im Krankenhaus, hätten eine schlechtere Lebensqualität und ein höheres Sterberisiko. „Wir dürfen Nahrung daher nicht mehr nur als Mittel zum Stillen eines Grundbedürfnisses ansehen, sondern als hochwirksamen Teil einer medizinischen Therapie“, sagte Ingrid Acker, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Berufsverbands Oecotrophologie.

Kasseler Modell

Wie ernährungsmedizinische Erkenntnisse im Klinikalltag umgesetzt werden könnten, zeigt unter anderem das „Kasseler Modell“, das unter Lösers Federführung entwickelt wurde. Zentrale Elemente sind ein Screening auf Mangelernährung, das alle Patienten routinemäßig bei Aufnahme in die Klinik durchlaufen, Standards zur effektiven ernährungs­therapeutischen Behandlung, bei Bedarf eine individualisierte, professionelle Ernährungsberatung und ein breites Speisenangebot mit speziellen hochkalorischen Menülinien.

Unter- oder mangelernährte Patienten bekommen laut Modell speziell nährstoff­angereicherte, energiedichte Gerichte und können zudem aus einer breiten Palette von Zwischenmahlzeiten, wie frisch hergestellten Shakes oder Fingerfood auswählen. „Unser Ziel ist es, den Mangel an Nährstoffen auszugleichen und die tägliche Energiezufuhr zu erhöhen, um den Ernährungszustand zu stabilisieren und so die Genesung zu fördern und weitere Komplikationen zu vermeiden“, so Löser.

DGEM und VDOE weisen darauf hin, dass die Europäische Union das Thema Mangel­ernährung bereits seit Jahren bearbeite. Sie habe dafür ein Aktionsprogramm namens „Stop Malnutrition“ eingeleitet, das jedoch im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten in Deutschland nur zögerlich realisiert werde. „Im Gegensatz zum Übergewicht kann man frühzeitig diagnostizierte Mangelernährung mit einfachen, etablierten ernährungstherapeutischen Maßnahmen effektiv und nachhaltig behandeln“, betonte Acker.

Ernährungsspezialisten forderten daher, dass die Erkenntnisse über Mangel­ernährung nachhaltig in der klinischen und ambulanten Betreuung sowie in der Pflege umgesetzt würden. „Davon profitiert zu allererst natürlich der Patient, das Modell ist aber auch unter wirtschaftlichen Aspekten ein Gewinn für die Klinik und das Gesundheitssystem“, sind sich Löser und Acker einig.

ICD-10-GM: Übersicht über wichtige Änderungen

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat in einer Präsentationeinzelne wichtige Änderungen der neuen Version 2018 der ICD-10-GM zusammengestellt. Darauf hat die Körperschaft jetzt aufmerksam gemacht.

Die vom Deutschen Institut für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) herausgegebene Version für 2018 enthält einige neue ICD-Kodes. Zudem wurden redaktionelle Anpassungen, Klarstellungen und Streichungen vorgenommen.

Grundlage für die Überarbeitung der ICD-10-GM waren Änderungen durch die Welt­gesund­heits­organi­sation sowie Vorschläge von Fachgesellschaften, Berufsverbänden, Krankenhäusern und Krankenkassen für die ICD-10-GM.

Die wichtigsten Änderungen im Kapitel F (Psychische und Verhaltensstörungen) sind

  • die Erweiterung der Anorexia nervosa:

  • die Erweiterung der F98:

Experten sehen Therapiedefizit bei Patienten mit Essstörungen

Patienten mit Essstörungen erhalten nach Expertenmeinung zu wenig therapeutische Hilfe. Bei der Binge-Eating-Störung etwa, den Essanfällen, bestehe noch ein erhebliches Defizit in Deutschland, sagte Anja Hilbert vom Adipositas-Forschungszentrum der Universität Leipzig anlässlich eines internationalen Kongresses. Nur etwa 40 Prozent der betroffenen Erwachsenen erhielten eine ausreichenden Therapie.

„Patienten mit der Binge-Eating-Störung essen meist heimlich immense Mengen und nehmen dadurch stark zu“, sagte die Expertin. „Dabei ist die Kapazität zur Behandlung durchaus vorhanden“, sagte Hilbert. Es gebe eine Vielzahl gut ausgebildeter Therapeuten. Sie hätten jedoch zum Teil zu wenig Informationen über diese Krankheit.

Gene können eine Rolle spielen

Aufgabe der Wissenschaft sei es daher, neue Erkenntnisse schnell an die Praxis weiterzugeben, etwa  mit Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen. Auch das Internet biete nunmehr therapeutische Maßnahmen an. So gebe es Programme, die wissenschaftlich fundiert den Patienten online individuell Hilfe leisten könnten.

Die Ursachen für Binge Eating sind ihren Angaben zufolge vielfältig. So gebe es psychische Gründe, bei Kindern etwa Probleme im Elterhaus. Aber auch zu hohe Leistungsansprüche könnten Auslöser sein. Neuere Studien hätten ergeben, das auch genetische Faktoren eine Rolle spielten.

Die Binge-Eating-Störung findet erst seit wenigen Jahren eine stärkere Beachtung, wie die Expertin sagt. Etwa drei bis fünf Prozent der Menschen in Deutschland seien betroffen. „Sie leiden erheblich unter der Störung, fühlen sich oft schuldig, hässlich und ziehen sich mehr und mehr aus dem Sozialleben zurück“, so Hilbert. Die Erkennung und Behandlung sei auch deshalb enorm wichtig, weil die Störung häufig der Grund für Adipositas sei.

Moderiesen beschließen Charta gegen Magermodels

Paris – Nach jahrelangen Debatten um Magermodels auf Laufstegen haben sich französische Dachkonzerne bekannter Modemarken wie Gucci, Saint Laurent oder Dior auf gemeinsame Regeln verständigt. Mit dem gemeinsamen Vorgehen reagieren die Konzerne Kering und LVMH auf Kritik an häufig sehr dünnen Models.

Um Gesundheitsgefährdungen zu verhindern, müssen Models künftig eine Bescheini­gung vom Arzt vorlegen, die nicht älter als sechs Monate sein darf, teilten Kering und LVMH heute in Paris in einer „Charta für das Wohlbefinden von Models“ mit. Darüber hinaus sieht die Charta vor, dass ihre Marken keine Damenmodels mit der Konfektions­größe 32 mehr beschäftigen dürfen.

In der vor Beginn der New Yorker Fashion Week veröffentlichten Charta wird fest­gehalten, dass Castingagenturen weibliche Mannequins erst ab der französischen Konfektionsgröße 34 auswählen sollen. Männermodels sollen mindestens Kleidergröße 44 haben. Verlangt werden auch Gesundheitszeugnisse, die zum Zeitpunkt eines Fotoshootings oder einer Modenschau weniger als sechs Monate alt sein müssen. Die Zertifikate sollen festhalten, dass ein Model bei guter Gesundheit und arbeitsfähig ist.

„Die Regel zur Kleidergröße in Verbindung mit dem weniger als sechs Monate alten Gesundheitszertifikat ist eine sehr starke Maßnahme, die es uns erlauben wird, voranzukommen“, erklärte Kering-Chef François-Henri Pinault. „Viele Menschen wissen nicht einmal, dass es die Größe 32 gibt“, fügte Antoine Arnault hinzu, Mitglied im LVMH-Verwaltungsrat und Sohn von Konzernchef Bernard Arnault. Aber einige Mode­designer fertigten ihre Prototypen in 32 an. Damit sei jetzt Schluss. „Die Größen beginnen künftig bei 34, und das ist auch schon ziemlich klein“, sagte er.

Künftig sollen die Marken von LVMH und Kering auch keine Models unter 16 Jahren mehr beschäftigen, wenn Erwachsenenmode vorgeführt werden soll. In der Vergangen­heit traten immer wieder 14 oder 15 Jahre alte Mädchen bei Modenschauen auf, was häufig auf Kritik stieß. Die Charta führt zudem neue Regeln für den Umgang mit Models im Alter zwischen 16 und 18 Jahren ein.

Die beiden konkurrierenden Modekonzerne reagieren mit ihrer gemeinsamen Charta auf die immer wieder aufflammende Kritik an sehr dünnen Models. Nicht nur gibt es Befürchtungen um die Gesundheit der Mannequins; kritisiert wird auch ein schlechtes Vorbild für junge Frauen, die sich auf Modelmaße herunterhungern.

In Frankreich traten im Mai neue rechtliche Vorgaben im Kampf gegen Magermodels in Kraft. Verlangt wird insbesondere ein Gesundheitszeugnis mit dem Body-Mass-Index. Die Bescheinigungen müssen alle zwei Jahre erneuert werden – in dieser Hinsicht geht die Charta von LVMH und Kering über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Wer Models ohne Bescheinigung beschäftigt, dem drohen nach früheren Angaben sechs Monate Gefängnis und 75.000 Euro Strafe.

Anorexia nervosa: Magersucht kann angeboren sein

Bisher wurde vermutet, die Essstörung Anorexia nervosa (AN) habe psychische Ursachen. Dass man aber auch eine Veranlagung dazu haben kann, konnte eine internationales Team um Laramie Duncan von der Stanford University zusammen mit Forschern von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen (UDE) jetzt erstmals nachweisen. Ihre Erkenntnisse zum neu entdeckten Gen publizierten sie in The American Journal of Psychiatry (2017; doi: 10.1176/appi.ajp.2017.16121402).

Daten von 3.495 AN-Patientinnen untersuchten die Wissenschaftler und entdeckten das Gen auf dem Chromosom 12. „Diese Region wurde bereits mit Diabetes mellitus Typ 1 und Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht“, erläutert Anke Hinney von der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der UDE. Magersucht könnte so mit weiteren Erkrankungen verknüpft sein – wie etwa auch mit Schizophrenie beziehungsweise Neurotizimus: Die Gene, die dafür empfänglich machen, überlappen sich.

Erstaunlicherweise gab es zudem Hinweise darauf, dass es überlappende Mechanismen zwischen AN und verschiedenen metabolischen Phänotypen den Insulin-Glukose-Meta­bolismus betreffend gibt. „Diese Entdeckungen können das bisherige Verständnis der AN nachhaltig verändern: Eine psychiatrische Störung mit einem physiologischen Hintergrund eröffnet völlig neue und bislang unerwartete Therapieoptionen“, sagt Hinney. Außerdem könne die genetische Ursache die Betroffenen entlasten.

Magersucht gehört zu den Essstörungen. Als Ursache kommen mehrere Faktoren zusammen wie Selbstzweifel, geringes Selbstwertgefühl, Perfektionismus, übermäßige Sorge um Figur und Gewicht sowie einschneidende Erlebnisse wie Trennungs­situatio­nen oder ein Schulwechsel. Auch eine genetische Veranlagung wird seit Längerem diskutiert. Magersucht tritt am häufigsten während der Pubertät auf.

Tiefe Hirnstimulation erhöht bei Anorexie nicht nur das Körpergewicht

Toronto – Die tiefe Hirnstimulation einer Region, die auch Zielgebiet bei der Behandlung von Depressionen ist, hat in einer offenen klinischen Studie bei Patientinnen mit Anorexia nervosa allmählich den Body-Mass-Index erhöht, nachdem es zunächst zu einer Besserung der begleitenden Depression und Angststörung gekommen ist. Neben einem neuen Therapieansatz liefert die Publikation in Lancet Psychiatry (2017; doi:10.1016/S2215-0366(17)30076-7) auch neue Einsichten in die Pathogenese der Erkrankung.

Die Ursachen der Anorexia nervosa, die vor allem junge Frauen aufgrund einer pervasiven Beschäftigung mit Körpergewicht, -form und -größe zur Einschränkung der Nahrungsaufnahme veranlasst, ist unbekannt. In der Regel können weder Psycho­therapie noch Medikamente die Patientinnen zu einer bedarfsgerechten Ernährung bewegen. Viele Patientinnen leiden auch unter Depressionen und Angstzuständen.

Dies hat den Neurochirurgen Andres Lozano von der Universität Toronto vor einigen Jahren bewogen, einzelne Patientinnen mit einer tiefen Hirnstimulation zu behandeln. Stimuliert wurde dabei eine jener Regionen, die auch Zielgebiet bei schweren Depressionen ist: Der subgenuale cinguläre Gyrus ist der vorderste Abschnitt des Gyrus cinguli und sein einziger Abschnitt, der sich unterhalb des Corpus callosum befindet („subcallosal cingulate“). Er ist Bestandteil des limbischen Systems, das im Gehirn für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist.

Zwischen September 2011 und Januar 2014 wurden bei 16 Patientinnen in einer stereotaktischen Operation beidseitig Sonden in den „subcallosal cingulate“ vorgeschoben und mit einem Steuergerät verbunden, das Impulse von zunächst 2,5 V, später bis zu 6 V in einer Frequenz von 130 aussendet.

Die Patientinnen in Alter zwischen 21 und 57 Jahren hatten vor der Implantation der Sonden seit 9 bis 29 Jahren an einer Anorexia nervosa gelitten. Alle hatten mehrere erfolglose Therapien hinter sich und alle waren mehrfach wegen Entgleisungen des Stoffwechsels in der Klinik behandelt worden. Die Ethikkommission hatte deshalb keine Einwände gegen die invasive Therapie geäußert.

Die Implantation der Sonden, die bei der Behandlung anderer Erkrankungen wie Parkinson (in eine andere Region) und auch Depressionen Routine ist, verlief weitgehend komplikationsfrei. Bei fünf Patientinnen hielten die postoperativen Schmerzen länger an als die üblichen drei bis vier Tage nach einer Operation. Bei einer Patientin kam es zu einer lokalen Infektion, die die Entfernung der Elektroden erforderlich machte. Sie konnten später wieder implantiert werden. Zwei weitere Patientinnen verlangten später, dass die Elektroden entfernt oder das Gerät abge­schaltet werden sollte. Schwere Komplikationen wie intrakranielle Blutungen oder sogar Todesfälle sind laut Lozano nicht aufgetreten.

Als erstes besserten sich die Depressionen und die Angstzustände. Danach veränderte sich auch das Essverhalten der Patientinnen, und sie begannen langsam an Körper­gewicht zuzunehmen. Nach 12 Monaten war der BMI von 13,83 auf 17,34 kg/m2angestiegen. Die Patientinnen lagen damit zwar immer noch unter der Grenze zum Untergewicht 18,5 kg/m2. Doch die Zunahme um 3,5 Punkte stellt laut Lozano eine deutliche Verbesserung dar.

Die „Hamilton Depression Rating“-Skala verbesserte sich von 19,40 auf 8,79 Punkte nach 12 Monaten, im Beck Anxiety Inventory“-Wert kam es zu einem Rückgang von 38,00 auf 27,14 Punkte. Der „Dysfunction in Emotional Regulation Scale“-Wert sank von 131,80 auf 104,36 Punkte, auch dies eine Verbesserung.

Lozano ist mit den Ergebnissen zufrieden, räumt allerdings ein, dass die Ergebnisse einer Studie mit nur 16 Teilnehmern und einer fehlenden Kontrollgruppe nur eine sehr eingeschränkte Beurteilung zulassen.

Die Studie hat auch die Veränderungen des Hirnstoffwechsels untersucht. Vor der Operation sowie sechs und zwölf Monate danach wurde mittels Positronen-Emissions-Tomographie (PET) der Glukoseverbrauch des Gehirns bestimmt. Lozano hatte vermutet, dass es vor allem in der Insula und der Parietalregion zu Veränderungen kommt, da diese Regionen mit dem Essverhalten und der Körperwahrnehmung assoziiert werden. Hier änderte sich die Glukoseaufnahme der Zellen jedoch nicht.

Stattdessen kam es zu einem Mehrverbrauch im Übergang vom temporalen und parietalen Lappen und dem Gyrus fusiformis. Diese Regionen beeinflussen eher die soziale Wahrnehmung und das Verhalten als die Nahrungsaufnahme. Dies könnte bedeuten, dass es sich bei der Anorexie um ein sekundäres Phänomen handelt, dem eine andere Störung zugrunde liegt. Auch hier dürften die Ergebnisse der Studie noch für Diskussionen unter den Experten für Essstörungen sorgen.

Immer mehr Menschen leiden unter Essstörungen

Berlin – Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter Essstörungen. Die Zahl der Betroffenen stieg bundesweit zwischen 2011 und 2015 um etwa 13 Prozent, teilte heute die Barmer GEK nach Hochrechnung eigener Versichertendaten mit. Waren 2011 noch rund 390.000 Menschen von Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht betroffen, litten vier Jahre später bereits 440.000 darunter.

Allein bei der Barmer GEK galten im vergangenen Jahr demnach mehr als 9.600 Versi­cher­te als magersüchtig. Das waren 14 Prozent mehr als 2011. Die Dunkelziffer dürfte nach Einschätzung der Kasse aber noch „um Vielfaches höher liegen“. Vor allem bei Frauen sei Magersucht ein zunehmendes Problem. Stress, Leistungsdruck und falsche Vorbilder könnten zur Magersucht führen.

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Essstörungen: Neue Patienteninformation vorgelegt
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Oftmals nehmen die Betroffenen ihr Essverhalten nicht als krankhaft wahr. Deshalb ist Experten zufolge die Rückmeldung von Eltern und Freunden wichtig. Denn neben den psychischen Beeinträchtigungen können Essstörungen auch schwerwiegende organi­sche Schäden nach sich ziehen und schlimmstenfalls sogar tödlich enden.

Magersucht: Externe Faktoren sowie Gene schuld

Wissenschaftler erforschen genaue Auslöser der Krankheit bei Mäusen

Von dick zu dünn: Gene und Umwelt beeinflussen (Foto: pixelio.de, Hofschlaeger)

New York (pte002/15.04.2016/06:00) – Das Columbia University Medical Center http://cumc.columbia.edu hat in einem neuen Mausmodell nachgewiesen, wie eine Kombination von genetischen und umweltbedingten Risikofaktoren Magersucht auslöst. Anorexia nervosa ist laut dem Team um Lori Zeltser die dritthäufigste chronische Erkrankung bei jungen Menschen in den USA. Die Sterblichkeit liegt bei acht bis 15 Prozent, die höchste bei allen psychiatrischen Erkrankungen.

Stress und Gene im Blick

Forscher nehmen an, dass sich das Risiko einer Erkrankung durch eine Kombination von genetischen, biologischen, psychologischen und soziokulturellen Faktoren erhöht. Eine Hürde bei der Entwicklung neuer Therapien war jedoch das Fehlen von Tiermodellen, die das Entstehen der Krankheit nachvollziehbar machen. Laut Zeltser haben bisherige Tiermodelle Faktoren wie sozialen Stress und genetische Komponenten von Angstgefühlen und Magersucht nicht berücksichtigt, die aber wahrscheinlich zum Entstehen einer Erkrankung beitragen.

Daher setzten die Experten heranwachsende Mäuse zumindest einer Kopie des Gens BDNF aus. Dieses wurde bereits mit Magersucht und Angst bei Mäusen und Menschen in Verbindung gebracht. In einem nächsten Schritt wurden die Tiere einer kalorienarmen Ernährung unterzogen, die laut dem Team beim Menschen einer Magersucht vorausgeht. Die Kalorienzufuhr wurde dabei um 20 bis 30 Prozent verringert. Laut Zelster ist einer der Einflussfaktoren beim Menschen der Gruppenzwang, vor allem der Wunsch, dünn zu sein.

Die Wissenschaftlerin geht davon aus, dass sich dieser Faktor bei Mäusen nicht herstellen lässt. Daher wurde er aus der Gleichung genommen. Die Forscher konzentrierten sich stattdessen auf sozialen Stress. Dieser kann schon dadurch hervorgerufen werden, dass die Tiere allein und nicht in Gruppen untergebracht werden. Wurden die Mäuse mit der BNDF-Genvariante sozialem Stress durch Isolation und einer eingeschränkten Ernährung unterzogen, mieden sie Futter eher als die Tiere der Kontrollgruppe.

Komplexes Zusammenspiel

Wurden diese Faktoren auf erwachsene Mäuse angewendet, kam es zu keiner derartigen Veränderung. Wurden die heranwachsenden Tiere mit der Genmutation nur einem Faktor ausgesetzt, veränderte sich ihr Fressverhalten kaum. Laut Zester ist damit klar, dass ein genetisches Risiko allein nicht ausreicht, um ein Verhalten wie bei einer Magersucht auszulösen. Es überträgt sich jedoch vor allem in der Jugend auf die Anfälligkeit für sozialen Stress und Diäten. „Alle diese Variablen müssen zusammenspielen, damit es zu grundlegenden Auswirkungen auf das Essverhalten kommt“, so Zelster.

Da die Studie mit Mäusen und nicht mit Menschen durchgeführt wurde, räumen die Forscher ein, dass es immer Fragen geben wird, inwieweit ein Tiermodell eine so komplexe Erkrankung wie Magersucht abbilden kann. Viele entscheidende Komponenten gäben jedoch jene Faktoren wieder, die zum Entstehen einer Essstörung beitragen. Derzeit würde das neue Mausmodell nur zur Erforschung von Signalwegen im Gehirn genutzt, die zu einem magersüchtigen Verhalten beitragen können. Sie hoffen, bald neue Therapien gegen Magersucht zu finden. Die Ergebnisse wurden in „Translational Psychiatry“ veröffentlicht.