Antidepressiva: Placebos wirken bei Depressionen besser als bei Angsstörungen

Im Vergleich zu Placebo wirken Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen zwar signifikant, aber dennoch nur geringfügig besser. Der Unterschied schwankt dabei je nach Art der psychischen Störung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Meta-Analyse der Daten von mehr als 6.500 Patienten im Alter von bis zu 18 Jahren, die Forscher der Universität Basel und der Harvard Medical School in JAMA Psychiatry veröffentlicht haben (2017; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2017.2432).

Effektgröße (g) für Antidepressiva

  • Ist der statistische Wert g zwischen 0,2 und 0,5 = kleiner Effekt.
  • Liegt g zwischen 0,5 und 0,8 = mittlerer Effekt.
  • Ist der Wert für g größer als 0,8 = starker Effekt.

SSRI/SNRI versus Placebo

  • für alle untersuchten psychischen Krankheitbilder: g = 0,32
  • für Angststörungen: g = 0,56
  • für Depressionen: g = 0,20
  • für Zwangsstörung: g = 0,39

In der Meta-Analyse wurden 17 Studien zu Depressionen, zehn zu Angststö­rungen, acht zu Zwangsstörungen und eine zu posttraumatischer Belastungs­störung verglichen. Der Placeboeffekt von Antidepressiva, wie selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SNRI) könnte vor allem bei Depressionen eine wesentliche Rolle spielen. Denn in Medikamentenstudien wirkten Placebos bei depressiven Patienten stärker als bei solchen mit einer Angststörung. Umge­kehrt hatten Antidepressiva bei Angst­störungen eine größere spezifische Wirkung als bei depressiven Störungen. Die statistischen Wirkunterschiede berechneten die Forscher dabei mit der Effektgröße (Hedge, g; siehe Kasten).

Die Studie ergab außerdem, dass Patienten, die mit Antidepressiva behandelt wurden, mehr Nebenwirkungen beklagten, als solche, die ein Placebo erhielten. Die Neben­wirkungen reichten von leichten Symptomen wie Kopfschmerzen bis hin zu suizidalen Handlungen. Daher sei es wichtig, das Verhältnis zwischen klinischem Nutzen und möglichen Nebenwirkungen im Gespräch mit dem behandelnden Arzt individuell abzuklären, sagt Erstautorin Cosima Locher. Die Autoren sehen aber auch Potenzial, die Faktoren, die bei Depressionen zum Placeboeffekt beitragen, gezielt zu nutzen.

Behandlung gegen Spinnenangst wirkt auch gegen andere Ängste

Spinnen machen vielen Menschen Angst, und wer Angst vor Spinnen hat, fürchtet sich oft auch vor anderen Tieren wie Ratten, Schlangen oder Schaben. Forscherinnen und Forscher der Ruhr-Universität Bochum (RUB) haben nun festgestellt, dass sich der Erfolg einer Behandlung gegen Spinnenangst auch auf andere zuvor furchteinflößende Tiere auswirkt: Personen, die ihre Angst vor Spinnen durch ein Konfrontationstraining reduziert hatten, fürchteten auch Schaben deutlich weniger. Das Team berichtet im Journal „Neuropsychopharmacology“.

Konfrontation ist die beste Strategie

„Befragt man Menschen, denen Spinnen Angst und Ekel einflößen, nach ihrer Angst, schildern sie häufig auch noch weitere Ängste, beispielsweise vor Ratten, Schlangen oder Schaben“, berichtet Prof. Dr. Armin Zlomuzica von der Arbeitseinheit Klinische Psychologie und Psychotherapie der RUB. Die Angst scheint sich also auch auf andere Tiere und Objekte auszuweiten, Experten sprechen von einer Furchtgeneralisierung.
Die erfolgreichste Behandlungsmethode gegen Angsterkrankungen ist die Konfrontationstherapie. Der zentrale Wirkmechanismus dabei ist das Umlernen der Furcht: Personen mit einer Spinnenangst lernen durch die Interaktion mit der Spinne, dass Spinnen nicht gefährlich und keine katastrophalen Konsequenzen zu befürchten sind. Unklar war bislang, inwieweit diese Therapiemethode auch den Umgang mit anderen furchtauslösenden Tieren, mit denen die Personen nicht konfrontiert wurden, beeinflussen kann.

Weniger Angst und Ekel

Um das zu untersuchen, teilten die Forscherinnen und Forscher 47 Personen, die gleichermaßen Angst vor Spinnen als auch vor Schaben hatten, nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein. Eine Gruppe erhielt sofort ein Konfrontationstraining mit Spinnen, die andere musste noch warten. Vor und nach der Behandlung befragten die Forscher die Studienteilnehmer nach ihrer Angst und testeten ihr Verhalten und ihre körperliche Stressreaktion.

Personen der ersten Gruppe berichteten im Anschluss an die Behandlung von weniger Angst und Ekel vor Spinnen im Vergleich zu der Wartekontrollgruppe, die noch keine Behandlung erhalten hatte. „Erstaunlich war, dass diese Gruppe auch von weniger Angst vor Schaben berichtete“, so Friederike Preusser aus dem Forscherteam. Die Angstreduktion zeigte sich auch auf der Verhaltens- und biologischen Ebene: Die Probanden zeigten weniger Abwehr gegenüber Schaben und weniger körperliche Stressreaktionen wie Herzklopfen während der Konfrontation mit den Insekten. „Dieser Effekt trat ein, obwohl Schaben während der Konfrontation nie präsentiert wurden“, sagt Friederike Preusser.

„Dieses Ergebnis legt nahe, dass die Konfrontation bei spezifischer Angst auch im Umgang mit anderen ähnlich angstauslösenden Reizen und Objekten helfen kann“, so Armin Zlomuzica. „Es bleibt abzuwarten, ob man diesen Effekt auch bei anderen Angsterkrankungen beobachten kann.“

Studienteilnehmer gesucht

In weiterführenden Studien wollen die Forscher nun untersuchen, wie man den Prozess der Generalisierung im Rahmen der Konfrontation gezielt verstärken kann. Interessierte, die an ausgeprägter Angst vor Spinnen, Schaben, Schlangen und anderen Tieren und Insekten leiden, können sich unter spinnentraining@rub.de für die Studien registrieren. Das Training ist kostenlos.

Förderung

Die Studie wurde gefördert durch die Forschergruppe FOR 1581 „Extinction Learning“ (TP 9: ZL 59 2/2) der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Originalveröffentlichung

Friederike Preusser, Jürgen Margraf, Armin Zlomuzica: Generalization of extinguished fear to untreated fear stimuli after exposure, in: Neuropsychopharmacology 2017, DOI: 10.1038/npp.2017.119, http://www.nature.com/npp/journal/vaop/ncurrent/abs/npp2017119a.html

Pressekontakt

Prof. Dr. Armin Zlomuzica
Klinische Psychologie und Psychotherapie
Ruhr-Universität Bochum
Tel: 0234 32 22347
E-Mail: armin.zlomuzica@rub.de
Weitere Informationen finden Sie unter
– Originalveröffentlichung

Körpereigene Opioide könnten Therapieoption werden

Sydney – Die Aktivierung endogener Opioidsysteme könnte für die Therapie von Angst­erkrankungen ein künftiger Ansatzpunkt sein. Über mögliche Wege, dieses Opioid­sys­tem zu nutzen, berichtet Elena Bagley an der University of Sydney mit ihrer Arbeits­gruppe in Nature Communications (2017; doi: 10.1038/ncomms14611).

Angsterkrankungen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Jährlich sind rund 15 Pro­zent der Deutschen betroffen. Während psychotherapeutische Maßnahmen und die Einstellung auf eine Dauermedikation vielen Betroffenen helfen können, verschreiben Ärzte für akute Angstzustände nicht selten Benzodiazepine. Zwar ist die Wirksamkeit dieser Medikamente belegt, jedoch bergen sie auch ein erhebliches Abhängigkeits­potenzial.

Das Gehirn selbst verfügt über ein endogenes Opioidsystem, welches Stress, Angst und Schmerzen mindert und zu Glücksgefühlen führt. Die Wissenschaftler berichten, dass es Hypothesen gibt, dass die Modifikation dieses Opioidsystems eben­falls ein wirksamer Weg sein könnte, Angststörungen zu therapieren. Insbesondere wenn es um die Bewertung von Stimuli und das affektive Lernverhalten geht, könnten diese Systeme neuromodulatorisch wirksam werden, statt die Angst nur zu dämpfen. Bisher ist jedoch unvollständig bekannt, wie das körpereigene Opioidsystem Affekt und Psyche beeinflusst.

Mausversuche der Arbeitsgruppe zeigten, dass beispielsweise die Elimination körper­eigener Opioide, wie das Enkephalin, bei den Tieren zu Angst und Aggressivität führte. Demgegenüber verminderte eine verstärkte Ausschüttung die Angst. Als die Forscher die Wirkung der unterschiedlichen Opioidrezeptoren näher untersuchten, stellte sich heraus, dass sogenannte µ-Rezeptoren in der Amygdala die Neurone aktivierten, während δ-Rezeptoren die gleichen Neurone dämpften und anxiolytisch wirkten. Durch einen allosterisch wirksamen Effektor konnten die Forscher die Wirkung der δ-Rezep­toren verstärken. Sie konnten somit zeigen, dass das endogene Opioidsystem zumin­dest experimentell sehr gezielt beeinflussbar ist.

Bisher sind die Erkenntnisse über das endogene Opioidsystem laut den Forschern nicht ausgereift genug, um auf ihrer Grundlage spezifische Therapien zu entwickeln. Nähere Kenntnisse über das körpereigenen Opioidsystem könnten jedoch künftig Möglichkeiten für sehr spezifische Therapieoptionen eröffnen, so die Wissenschaftler.

Genvarianten erhöhen Risiko für Angsterkrankungen

Würzburg – Bei der Entwicklung von Angsterkrankungen spielen neben psychischen und sozialen Faktoren auch erbliche Dispositionen eine Rolle. Mindestens vier Varianten des Gens GLRB (Glycin-Rezeptor B) sind Risikofaktoren für Angst- und Panikstörungen. Das berichtet ein Würzburger Forschungsteam im Fachblatt Molecular Psychiatry (2017; doi: 10.1038/mp.2017.2)

An Angst- und Panikstörungen leiden in Deutschland etwa 15 Prozent aller Erwach­se­nen. Für viele Betroffene ist der normale Alltag stark beeinträchtigt – sie haben oft Probleme im Beruf und ziehen sich aus sozialen Kontakten zurück. Wissenschaftler aus Münster, Hamburg und Würzburg untersuchen seit 2008 im Sonderforschungsbereich (SFB) TR 58 der Deutschen Forschungsgemeinschaft die Grundlagen der Erkrankung. An der aktuellen Studie nahmen über 5.000 Probanden und mehr als 500 Patienten mit einer Panikstörung teil.

Sie konnten zeigen, dass verschiedene Varianten des Gens GLRB mit Angsterkrankun­gen zu tun haben. Den Forschern war das Gen schon vorher bekannt, aber nur in Ver­bindung mit einer anderen Krankheit: „Manche Mutationen des Gens verursachen eine seltene neurologische Erkrankung, die Hyperekplexie“, erklärt Jürgen Deckert, Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik in Würzburg: Die Muskeln der Patienten sind ständig überspannt, und in Schrecksituationen kommt es bei ihnen zu einer überschie­ßen­den Reaktion. Das kann so weit gehen, dass die Betroffenen unwillkürlich stürzen.

Es sind aber andere Varianten des Gens GLRB, welche die Wissenschaftler nun mit Angst- und Panikstörungen in Verbindung bringen. Sie treten häufiger auf und haben vermutlich weniger schwere Auswirkungen. Aber auch sie führen zu überschießenden Schreckreaktionen und in der Folge möglicherweise zu einer übermäßigen Aktivierung des sogenannten Furchtnetzwerkes im Gehirn. Das schließen die Würzburger Forscher aus hochauflösenden Bildern, die sie von den Gehirnaktivitäten der Studienteilnehmer gemacht haben.

„Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass hier ein bisher nicht bekannter Weg zur Ent­wicklung einer Angsterkrankung vorliegt“, erläutert Deckert. Weitere Untersuchungen müssten zeigen, ob sich dies für die Entwicklung neuer oder individueller Therapien nutzen ließe.

Wie Furcht das Verhalten prägt

Irvine – Angstgefühle scheinen sich durch die Aktivität der Amygdala in den Hippo­campus zu projizieren, um so schließlich das Verhalten zu beeinflussen. Dies ist das Ergebnis elektrophysiologischer Untersuchungen, die Forscher um Robert Knight und Jack Lin an der University of California an menschlichen Probanden durchführten. Sie berichten in Nature Communications (2017; doi: 10.1038/ncomms14413).

Die Amygdala ist im Gehirn an der Verarbeitung von Emotionen entscheidend beteiligt. Besonders Gefühle wie Angst und Wut werden in diesem Kerngebiet prozessiert. Wie jedoch solche Emotionen das Verhalten prägen und so letztlich auch zu Angsterkran­kungen führen, ist bisher unklar. Das Verhalten wird unter anderem durch frühere Erfahrungen und Lernprozesse beeinflusst. Für diese Lernprozesse ist der Hippocam­pus wichtig. Wenn die spezifischen neuronalen Kreise bekannt wären, welche aus Emotionen ein Verhalten erzeugen, könnte dies bei Angststörungen ein Ansatzpunkt pharmakologischer Interventionen sein, berichten die Forscher.

In ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler Patienten, denen auf Grund einer therapierefrektären Epilepsie stereotaktische Elektroden in Hippocampus und Amygdala implantiert wurden. Die Autoren spielten den Probanden Filme mit friedlichen Land­schaf­ten oder angsterfüllten Gesichtern vor und maßen über die Elektroden die Aktivität in Amygdala und Hippocampus.

Sie stellten fest, dass bei den Gesichtern die Amygdala vor dem Hippocampus erregt wurde. Es erfolgte hierbei eine unidirektionale Erregungs­übertragung von der Amygdala in den Hippocampus. Dieser Erregungsfluss war bei den Landschaftsfilmen nicht nachweisbar. Aus dem Aktivitätsmuster schlossen die Forscher, dass die emotionale Qualität der Filme zunächst in der Amygdala prozessiert wurde, bevor sie in den Hippocampus gesendet wurde.

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Dass bei Furcht die Erregungsübertragung von Amygdala zu Hippocampus ausschließlich in eine Richtung stattfindet, war laut der Forscher vor der Studie nicht klar. Sie hoffen, dass sie diese Erkenntnis in eine klinische Anwendung übersetzen können, bei der negative Emotionen nicht in den Hippocampus übertragen werden, während positive Emotionen weiter Lernprozesse und Verhalten beeinflussen können.

Psychotherapie normalisiert das Hirn bei Sozialer Phobie

Die Behandlung einer Sozialen Angststörung in einer Psychotherapie zeigt Wirkung. Dank der Therapie werden wichtige Hirnstrukturen, die bei der Emotionsverarbeitung involviert sind, normalisiert. Dies weisen Forschende der Universität Zürich, des Universitätsspitals Zürich sowie der Psychiatrischen Universitätsklinik in einer neuen Studie nach.

Angst im sozialen Umgang ist weit verbreitet: Rund jeder zehnte Mensch ist im Laufe seines Lebens von einer Sozialen Angststörung betroffen, die ihn im Alltag stark einschränkt. Menschen mit einer Sozialen Phobie fällt es etwa schwer, vor einer grösseren Gruppe oder mit unbekannten Menschen zu sprechen. Jetzt weist eine Studie von Forschenden der Universität Zürich, des Universitätsspitals Zürich sowie der Psychiatrischen Universitätsklinik nach, dass die erfolgreiche Behandlung einer Angststörung wichtige Hirnstrukturen verändert, die an der Verarbeitung sowie der Regulierung von Emotionen beteiligt sind.

Kognitive Verhaltenstherapie ist zentral

Bei Patientinnen und Patienten mit Sozialen Angststörungen können frontale und seitliche Hirnareale unbegründete Angstgefühle nicht genügend regulieren. Für die Behandlung der Sozialen Angststörung ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) zentral. Indem Strategien zur Emotionsregulation eingeübt werden, soll die Balance der Emotionen wieder hergestellt werden. Die Zürcher Studie untersuchte, ob es nach einer spezifischen zehnwöchigen KVT zu strukturellen Veränderungen im Gehirn von Patienten mit einer Sozialen Angststörung kommt. Dazu wurde das Gehirn der Studienteilnehmer vor und nach der KVT mittels Magnetresonanz-Tomographie untersucht.

Veränderungen im Gehirn normalisiert

«Wir können zeigen, dass es zu strukturellen Veränderungen in Hirnarealen kommt, die mit Selbstkontrolle und Emotionsregulation zusammenhängen», sagt Annette Brühl, Leitende Ärztin am Zentrum für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK). Je erfolgreicher sich die Behandlung für die Patienten auswirkte, desto stärker waren ihre Hirnveränderungen ausgeprägt. Die Forschungsgruppe konnte weiter nachweisen, dass nach der Therapie die tiefen Hirnareale, die an der Emotionsverarbeitung beteiligt sind, stärker vernetzt sind. Zusammenfassend hält Annette Brühl fest: «Die Psychotherapie normalisiert die durch eine Soziale Angststörung ausgelösten Hirnveränderungen.»

Literatur:

Vivian Steiger, Annette Brühl, Steffi Weidt, Aba Delsignore, Michael Rufer, Lutz Jäncke, Uwe Herwig, and Jürgen Hänggi. Pattern of structural brain changes in social anxiety disorder after cognitive behavioral group therapy: a longitudinal multimodal MRI study. Molecular Psychiatry, December 6 (advanced online). doi:10.1038/mp.2016.217

Kognitive Verhaltenstherapie

In der kognitiven Verhaltenstherapie sollen Betroffene lernen, neue Strategien im Umgang mit Sozialen Angststörungen auszuprobieren. Anhand konkreter Beispiele werden Erklärungsmodelle in der Gruppe besprochen und Ansatzpunkte für Veränderungen erarbeitet. Durch Selbstbeobachtung, Rollenspiele oder Videoaufnahmen können alternative Sichtweisen entwickelt werden.

Mehr unter: http://www.psychiatrie.usz.ch/fachwissen/seiten/angststoerungen.aspx
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen/2017/Psychotherapie-Soziale-Phobie.html

Depressionen bei Jugendlichen gehen auf den Magen, Ängste unter die Haut

Psychische Störungen und körperliche Erkrankungen kommen häufig im Doppelpack vor. Psychologen der Universität Basel und der Ruhr-Universität Bochum haben dabei bei Jugendlichen erstmals zeitliche Muster identifiziert: Arthritis und Erkrankungen des Verdauungssystems treten häufiger nach Depressionen auf, und Angststörungen ziehen Hautkrankheiten nach sich.

Körperliche Erkrankungen und psychische Störungen beeinträchtigen die Lebensqualität und sind eine grosse Herausforderung für das Gesundheitssystem. Vor allem wenn körperliche und psychische Störungen bereits im frühen Lebensalter systematisch und gemeinsam auftreten, bedeuten sie ein Risiko für ungünstige Entwicklungsverläufe der erkrankten Kinder und Jugendlichen.

Daten von 6500 Teens

In welchem zeitlichen Zusammenhang und Muster körperliche Erkrankungen und psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen auftreten, hat nun eine Forschungsgruppe um PD Dr. Marion Tegethoff in Kooperation mit Prof. Gunther Meinlschmidt von der Fakultät für Psychologie der Universität Basel in einem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt untersucht. Im Fachmagazin Plos One analysierten sie die Daten einer repräsentativen Stichprobe aus den USA mit 6483 Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren.

Die Forschenden stellten fest, dass Kinder und Jugendliche an manchen körperlichen Krankheiten auffällig häufig erkranken, nachdem sie bereits unter bestimmten psychischen Störungen leiden. Umgekehrt treten manche psychischen Störungen öfter nach bestimmten körperlichen Erkrankungen auf. Affektive Störungen wie Depressionen waren häufiger gefolgt von Arthritis und Erkrankungen des Verdauungssystems, gleiches galt für Angststörungen und Hauterkrankungen. Herzbeschwerden zogen vermehrt Angststörungen nach sich. Ein enger Zusammenhang wurde erstmals auch zwischen epileptischen Erkrankungen und folgenden Essstörungen gefunden.

Epilepsie und Essstörungen

Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise darauf, wie psychische Störungen und körperliche Erkrankungen auch ursächlich miteinander zusammenhängen könnten. Die nun gefundenen zeitlichen Zusammenhänge lenken das Augenmerk auf Prozesse, die sowohl für die Entstehung der körperlichen Erkrankungen und psychischen Störungen als auch für ihre Therapie relevant sein könnten. Bereits in einer früheren Arbeit konnten dieselben Autoren Zusammenhänge zwischen psychischen Störungen und körperliche Erkrankungen bei Jugendlichen nachweisen.
Weiterführende Links

«Wir fanden nun als Erste, dass Epilepsie ein erhöhtes Risiko für Essstörungen nach sich zieht – ein Phänomen, das bislang nur an wenigen Patienten beschrieben wurde. Dies deutet darauf hin, dass Ansätze der Epilepsiebehandlung auch im Kontext von Essstörungen Potenzial haben könnten», erläutert Marion Tegethoff, Erstautorin der Studie. Aus gesundheitspolitischer Perspektive unterstreichen die Befunde, dass es nötig ist, die Behandlung psychischer Störungen und körperlicher Erkrankungen bereits im Kindes- und Jugendalter eng miteinander zu verzahnen.

Originalbeitrag
Marion Tegethoff, Esther Stalujanis, Angelo Belardi, Gunther Meinlschmidt
Chronology of Onset of Mental Disorders and Physical Diseases in Mental-Physical Comorbidity – A National Representative Survey of Adolescents
Plos One (2016), doi: 10.1371/journal.pone.0165196

Weitere Auskünfte
PD Dr. Marion Tegethoff, Universität Basel, Fakultät für Psychologie, Abteilung für Klinische Psychologie und Psychiatrie, Tel. +41 61 207 02 61, E-Mail: marion.tegethoff@unibas.ch

Angststörungen verbreiteter als angenommen

Frauen weltweit doppelt so oft von Krankheit betroffen als Männer

Cambridge (pte/06.06.2016/11:30) Angst sollte bei der Erforschung der psychischen Gesundheit mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, da sie verbreiteter ist als angenommen. Denn Frauen, junge Menschen unter 35 Jahren und Personen mit Gesundheitsproblemen sind laut einer Studie der University of Cambridge http://cam.ac.uk besonders betroffen. Die Forscher gehen davon aus, dass vier von 100 Menschen unter Ängsten leiden. Weitere Studien sind laut Forschungsleiterin Olivia Remes aber erforderlich, um herauszufinden, welche anderen Personengruppen dem größten Risiko ausgesetzt sind.

60 Mio. Europäer betroffen

Die im Fachmagazin „Brain and Behavior“ publizierte Analyse von 48 Studien zeigt, dass jedes Jahr in der EU mehr als 60 Mio. Menschen von einer Angststörung betroffen sind. In Nordamerika sind die Werte mit acht von 100 Personen am höchsten, in Ostasien mit drei von 100 am niedrigsten. Obwohl der Anteil der Menschen mit einer Angststörung zwischen 1990 und 2010 konstant geblieben ist, wird die Krankheit laut den Forschern – anders als Depression – kaum erforscht.

Weltweit leiden Frauen doppelt so wahrscheinlich an einer Angststörung wie Männer. Laut Remes könnten dafür hormonelle Schwankungen verantwortlich sein – oder auch der Umstand, dass Frauen allgemein stressanfälliger sind, weil sie traditionell für Nachwuchs sorgen. Die Auswertung der Studien hat auch ergeben, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen besonders gefährdet sind und so ihre Belastung verdoppelt wird.

Belastung Nebenerkrankung

So leiden zum Beispiel 32 Prozent der Patienten mit Multipler Sklerose auch an einer Angststörung. 15 bis 23 Prozent der Krebspatienten sind ebenfalls betroffen. Schwangere waren besonders vor und unmittelbar nach der Geburt von Zwangsstörungen betroffen. Daten zu Angststörungen fehlen jedoch besonders bei manchen Bevölkerungsgruppen wie indigenen Kulturen oder Gruppierungen wie Drogenabhängigen, Sexarbeitern, lesbischen, homosexuellen und bisexuellen Menschen.

Laut Remes können Angststörungen das Leben extrem erschweren. „Angst ist genauso wichtig und einschränkend wie Depressionen und kann zum Entstehen anderer Krankheiten und psychischer Störungen führen, das Selbstmordrisiko erhöhen und steht mit hohen Kosten in Zusammenhang.“ Es sei daher wichtig, dass die zuständigen Behörden wissen, wie verbreitet Angststörungen sind und welche Personengruppen am stärksten betroffen sind.