Verhaltenstherapie in virtueller Realität kann Paranoia und Angst reduzieren

Eine kognitive Verhaltenstherapie, die mit der Technik der virtuellen Realität (VR) arbeitet, kann Paranoia und Angst bei Menschen mit psychotischen Störungen reduzieren. Das berichten niederländische Wissenschaftler in der Zeitschrift The Lancet Psychiatry (2018; doi: 10.1016/ S2215-0366(18)30053-1).

An der Studie beteiligten sich 116 Patienten mit Psychosen in 7 niederländischen Zentren. „Bis zu 90 % der Menschen mit Psychose haben paranoide Gedanken, wie den Glauben, dass es eine Bedrohung für sie gibt oder dass andere Menschen ihnen Schaden zufügen wollen. Das hat zur Folge, dass viele Menschen mit Psychose öffentliche und soziale Aktivitäten meiden, wenige soziale Kontakte haben und mehr Zeit allein verbringen als Menschen ohne Psychose“, berichten die Forscher.

116 Probanden

Alle 116 Teilnehmer setzten ihre Behandlung wie gewohnt fort, einschließlich antipsychotischer Medikamente, regelmäßigem Kontakt mit einem Psychiater und einer psychiatrischen Krankenschwester zur Verbesserung der Selbstversorgung, der Tagesaktivitäten sowie der sozialen und kommunikativen Funktionen. Die Hälfte der Studienteilnehmer (58 Personen) praktizierte soziale Übungen in einer virtuellen Umgebung mit einem Therapeuten.

Die Intervention bestand aus 16 einstündigen Sitzungen über einen Zeitraum von 8 bis 12 Wochen, in denen der Therapeut den Teilnehmer mit den sozialen Hinweisen vertraut machte, die in vier virtuellen Umgebungen – Straße, Bus, Café und Supermarkt – Angst, paranoide Gedanken und Sicherheitsverhalten auslösten. Der Therapeut konnte die Anzahl der Avatare, ihr Aussehen, ihre Reaktion auf den Teilnehmer (neutral oder feindselig) ändern und sie dazu bringen, vorab aufge­zeichnete Sätze zu sagen. Der Therapeut sprach während der Therapie auch direkt mit den Teilnehmern und half ihnen dabei, ihre Gefühle in den virtuellen sozialen Situationen zu erforschen.

Die soziale Teilhabe wurde durch Messung der Zeit, die mit anderen Menschen verbracht wurde, der momentanen Paranoia, der wahrgenommenen sozialen Bedrohung und der momentanen Angst bewertet. Die Teilnehmer wurden zu Beginn der Studie, unmittelbar nach der Behandlung und nach 6 Monaten beurteilt.

Bei der Auswertung zeigte sich, dass die Kontrollgruppe nach 6 Monaten viel weniger Zeit mit anderen verbrachte als zu Beginn der Untersuchung, während die Teilnehmer in der VR-Gruppe ihre Zeit mit anderen leicht erhöhten. Außerdem hatten die Teilnehmer der VR-Gruppe nach 3 und nach 6 Monaten weniger Ängste in sozialen Situationen.

„Kognitive Verhaltenstherapie über VR zusätzlich zur Standardbehandlung reduziert paranoide Gefühle, Ängste und die Verwendung von Sicherheitsverhalten in sozialen Situationen im Vergleich zur Standardbehandlung allein“, so das Fazit des Hauptautors Roos Pot-Kolder.

Die Autoren merken allerdings an, dass die Studie keine aktive Kontrollgruppe enthielt, sodass nicht ausgeschlossen werden könne, dass die zusätzliche Behandlung allein zu den Verbesserungen in der VR-Gruppe führte.

Kristiina Kompus, Bergen University, Norwegen, schreibt in einem verknüpften Kommen­tar: „Mit der Entwicklung von Virtual Reality und mobiler Technologie erweitert sich die Palette der in der Psychotherapie verfügbaren Werkzeuge. Der Einsatz von Virtual-Reality-Umgebungen, in denen die Teilnehmer mit computer­gesteuerten Situationen oder Avataren interagieren, ermöglicht einen feiner abgestimmten Ansatz zur Exposition im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie.“

Angsterkrankung könnte Vorläufer einer Alzheimer-Demenz sein

Eine sich verschlimmernde Angsterkrankung bei älteren Menschen könnte auf eine sich entwickelnde Alzheimer-Demenz hinweisen. Das berichten Forscher um Nancy Donovan vom Brigham and Women’s Hospital in Boston. Ihre Arbeit ist im American Journal of Psychiatry erschienen (2018; doi: 10.1176/appi.ajp.2017.17040442).

Frühere Studien deuten laut Arbeitsgruppe darauf hin, dass Depressionen und Angstzustände Indikatoren für die Alzheimerkrankheit sein könnten, da die Symptome dieser psychischen Erkrankungen häufig in den frühen Stadien der Erkrankung auftreten.

Die genauen Ursachen der Alzheimerkrankheit sind noch unklar, aber Wissenschaftler glauben bekanntlich, dass Beta-Amyloid dabei eine Schlüsselrolle spielen könnte. Die Arbeitsgruppe um Donovan versuchte in ihrer Studie jetzt herauszufinden, ob Beta-Amyloid eine Rolle bei dem Zusammenhang zwischen der Demenz und einer Angst­störung spielen könnte.

Die Studie umfasste 270 Erwachsene im Alter von 62 bis 90 Jahren mit normaler kognitiver Funktion, die sich alle einer Positronen-Emissions-Tomographie bei Studien­beginn und jährlich während der 5-jährigen Nachbeobachtungszeit unterzogen, um den Gehalt an Beta-Amyloid in ihrem Gehirn zu bestimmen.

Symptome von Angst und Depression unter den Erwachsenen wurden mithilfe der 30 Punkte umfassenden „Geriatric Depression Scale“ erfasst. Die Wissenschaftler stellten fest, dass Studienteilnehmer, die eine Zunahme der Angstsymptome über 5 Jahre des Follow-ups zeigten, auch höhere Beta-Amyloid-Werte in ihrem Gehirn hatten. Dies deutet ihrer Auffassung nach darauf hin, dass eine Ver­schlech­terung der Angst ein frühes Zeichen für die Alzheimerkrankheit sein könnte.

Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass Folgestudien erforderlich seien, um festzustellen, ob ältere Erwachsene, die eine Zunahme der Angstsymptome erfahren, tatsächlich Alzheimer entwickeln.

Angststörungen sind in den Vereinigten Staaten weit verbreitet und betreffen etwa 40 Millionen Erwachsene pro Jahr. Schätzungen zufolge leben in den USA etwa 5,5 Millio­nen Menschen mit Alzheimer, von denen etwa 5,4 Millionen über 65 Jahre alt sind.

Neue Metaanalysen kratzen am Selbstverständnis der Psychotherapeuten:

Ist das psychotherapeutische Verfahren irrelevant für die Wirksamkeit? Haben Medikamente einen stärkeren Effekt bei Angststörungen?

Wissenschaftlich betrachtet erlebt die Psychotherapie mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen gerade spannende Zeiten. In mehreren Symposien des Weltkongresses der Psychiatrie, der in diesem Jahr in Berlin ausgetragen wurde, ging es um ihren Stellenwert und um Wirksamkeitsvergleiche. So auch beim State-of-the-Art-Symposium zu Angststörungen, bei dem sich Prof. Jürgen Hoyer von der Technischen Universität Dresden mit der Psychotherapie und ihren Wirkmechanismen auseinandersetzte.

Ist die Medikation der Psychotherapie überlegen?

Die internationale Literatur zu Angst und kausaler Mediation ist dünn gesät. Bei seiner Recherche im Web of Science stieß Hoyer nur auf 18 Einträge. Allerdings gibt es einige rezente Publikationen, die in Fachkreisen für Furore sorgen. Ist etwa die Psychotherapie bei Angststörungen weniger wirksam als die Pharmakotherapie? Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2015 mit Studiendaten von über 37.000 Patienten ermittelte als Prä-Post-Effektstärken für die Pharmakotherapie 2,02 und für die Psychotherapie 1,22. „Ich dachte eigentlich, die Psychotherapie sei der Mercedes unter den Behandlungsverfahren“, kommentierte Hoyer dieses Ergebnis.

Anschließend rückte er die vermeintliche Überlegenheit der Medikamente zurecht: Einerseits ist der Vergleich von Prä-Post-Effektstärken in Metaanalysen methodisch nicht zuverlässig. Andererseits sind es gerade die als höchst problematisch zu bewertenden Benzodiazepine, die zu einer hohen pharmakologischen Effektstärke beitragen. Interessant ist auch die Tatsache, dass die Effektstärke (ES) von Placebo-Pillen in den letzten Jahren gestiegen ist. Den Grund dafür sieht Hoyer im verbesserten Studienmanagement, bei dem vermehrtes Kümmern auch zu einem stärkeren Placebo-Effekt führt. Zieht man die Placebo-ES von der Medikations-ES ab, landet Letztere bei < 1.

In der Praxis punkten die Medikamente allerdings mit ihrer überragenden Verfügbarkeit. Das sieht bei der Psychotherapie viel schwieriger aus, weshalb Hoyer in diesem Zusammenhang auf das Potenzial internetbasierter Interventionen verwies. Psychopharmaka sollten allerdings nur kurzfristig gegeben werden und nur, wenn es die Schwere der Erkrankung tatsächlich erfordert. Offen bleibt bisher die Frage, unter welchen Voraussetzungen eine vorausgehende Pharmakotherapie die langfristig meist indizierte Psychotherapie jeweils fördert oder behindert.

Ein „Knüller“: Psychotherapie wirkt unabhängig vom Verfahren

„Jetzt ein Knüller“ – mit diesen Worten leitete Hoyer zur nächsten Fragestellung über, die das Selbstbild der Psychotherapeuten tangiert:  Ist das psychotherapeutische Verfahren bei Angststörungen irrelevant? In einer ganz aktuellen Metaanalyse mit 23 randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) zeigte sich bei insgesamt 2.751 Patienten verfahrensunabhängig überall die gleiche Effektstärke. Ein direkter Vergleich von psychodynamischer Psychotherapie (PDT) versus kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) wurde allerdings nur in vier Studien vorgenommen.

Hoyer gab auch zu bedenken, dass hier manualisierte Formen von psychodynamischer Psychotherapie am Start waren, die in der Praxis noch nicht verbreitet sind und auch zu neuem Verhalten (Exposition) ermuntern – also eine Überlappung zwischen den eher existenzialistisch und den eher mechanistisch orientierten Konzepten.

Im Unterschied zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie mit ihrem „Leuchtturm-Problem“ ist die Verhaltenstherapie flächendeckend und weltweit verbreitet. Eine aktuelle Studie belegt zudem, dass die Wirksamkeit der KVT in der Routineversorgung keineswegs schlechter ist als in der kontrollierten Welt der universitären RCTs.

„Insbesondere die KVT bleibt Methode der Wahl“

Das Fazit Hoyers zum „Update Wirksamkeit“ lautete: Die Psychotherapie, insbesondere die KVT, bleibt die Methode der Wahl bei Angststörungen. Nach Auffassung des Experten sollten zukünftige Psychotherapie-Studien nicht nur gegen Wartekontrollgruppen testen. Außerdem sollten sie stärker Wirkprofile von Therapien vergleichen und nicht nur die Symptomreduktion als Outcome berücksichtigen.

Bei Angststörungen sind komplexe Prozesse betroffen. Mit einem klar definierbaren Defekt fehlt auch ein klar bestimmbarer „Heil-Mechanismus“. Eine mögliche Beliebigkeit, die daraus resultiert, lässt immerhin Raum für Therapeuten-Präferenzen, so Hoyer. Ungeachtet der Logik des Vorgehens ist die Entfaltung von Überzeugungskraft von entscheidender Bedeutung, um positive Bewältigungserfahrungen und damit assoziierte Prozesse beim Patienten, wie Veränderungswillen und Selbstkontrolle, zu ermöglichen.

Wie sieht es nun bei den neuen Applikationsformen der Psychotherapie aus, sprich bei E-Mental-Health?  Hier gibt es die internetbasierte Psychotherapie bzw. Internet-Therapie als Alternative zur schwerer zugänglichen Face-to-Face-Therapie. Bei den sogenannten Serious Games handelt es sich um „Computerspiele mit expliziter und sorgsam bedachter Bildungsabsicht“. Unter Virtual Reality Exposure wiederum versteht man die Exposition des Patienten gegenüber angstbesetzten, virtuellen Stimuli in einer computergenerierten virtuellen Umwelt.

Praxis-Methode der Zukunft: „blended therapy“

„Anxiety: There is an app for that.“ Diesen Titel trägt ein kürzlich publizierter systematischer Review. Aus 5.078 kommerziell verfügbaren Apps wurden 52 ausgewählt und analysiert. Bei über der Hälfte von ihnen liegt der Fokus auf Ängsten im Allgemeinen. Implementierte Interventionsansätze beruhen zu einem Drittel auf der KVT, bei den übrigen zwei Dritteln gibt es dazu keine Angabe. Die verwendeten Techniken decken eine große Bandbreite ab, sind aber nicht in ein therapeutisches Rationale integriert. Bei mehr als der Hälfte der mobilen Angebote fehlen Angaben zur psychologischen Ausbildung der Entwickler, nur in zwei Fällen gibt es Informationen zur empirischen Evidenz. Richtlinien zur Erstellung von Apps für die psychische Gesundheitsfürsorge und eine evidenzbasierte Überprüfung fehlen bisher.

Die Internet-Therapie hat sich bei sozialer Angststörung bereits als sehr erfolgreich erwiesen. Sie könnte das Verfügbarkeitsproblem von Psychotherapie nach Ansicht Hoyers erheblich mildern. Der Verhaltenstherapeut vermutet, dass in der Praxis „blended therapy“, also die Kombination aus Face-to-Face- und internetbasierten Angeboten, von Therapeuten und Patienten am besten angenommen werden wird. Andere neue Applikationsformen erscheinen ihm bei sozialer Angststörung dagegen weniger aussichtsreich.

Referenz: Hoyer J. Update Psychotherapie und Wirkmechanismen. Angststörungen – State-of-the-Art-Symposium. WPA XVII World Congress Of Psychiatry 2017. Berlin, 11.Oktober 2017.

Angst wirkt sich auf das Immunsystem aus

Stress und Angst gehen mit epigenetischen Veränderungen einher, die nicht nur das Gehirn, sondern auch das Immunsystem beeinflussen. Das berichten Forscher des Helmholtz Zentrums München und des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in der Zeitschrift Neuropsychopharmacology (doi: 10.1038/npp.2017.102). Die Wissenschaftler sind dem Zusammenhang nachgegangen, indem sie Daten aus breiten Bevölkerungsgruppen mit denen von Patienten verglichen. So konnten sie ihre Ergebnisse im klinischen Umfeld replizieren. Zusätzlich überprüften sie ihre Erkenntnisse im Tiermodell.

Zunächst werteten sie Daten der KORA F4-Studie an 1.522 Erwachsenen im Alter von 32 bis 72 Jahren aus. Die Studienteilnehmer stammten aus Augsburg und den beiden angrenzenden Landkreisen. Die Forscher entnahmen zufällig ausgewählten Personen mit und ohne Angststörung Blutproben. Bei Personen, die unter Angstsymptomen litten, stellten die Wissenschaftler eine Zunahme der DNA-Methylierung des Gens ASB1 um fast 50 Prozent fest.

Die DNA Methylierung ist ein Teil der Epigenetik, ein wichtiger Vermittler zwischen Genen und Umwelt. Das ASB1-Gen kann die Bildung von Zellen in verschiedenen Geweben anstoßen, auch in Blut und Gehirn – es spielt nicht nur im Nervensystem, sondern auch im Immunsystem eine wichtige Rolle. Die Populations-basierten Ergeb­nisse legten also epigenetische Effekte zur Regulierung des stressempfindlichen ASB1-Gens bei schwerer Angst nahe.

Die Wissenschaftler untersuchten den Zusammenhang im Folgenden an Patienten mit Angststörungen am MPI Psychiatrie: Auch im klinischen Umfeld zeigte sich die verän­derte Regulierung von Stress und Angst durch das ASB1-Gen.

Diese Ergebnisse übertrugen die Forscher zurück in ein Tiermodell der Angst. Auch bei Mäusen konnte sie die Bedeutung des ASB1-Gens für die Regulation von Stress und Angst nachweisen. „Dies könnte einen wichtigen Ansatzpunkt für die Weiterent­wick­lung von Diagnose, Therapie und Prävention dieser häufigen psychischen Erkrankung sein“, hoffen die Wissenschaftler.

Antidepressiva: Placebos wirken bei Depressionen besser als bei Angsstörungen

Im Vergleich zu Placebo wirken Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen zwar signifikant, aber dennoch nur geringfügig besser. Der Unterschied schwankt dabei je nach Art der psychischen Störung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Meta-Analyse der Daten von mehr als 6.500 Patienten im Alter von bis zu 18 Jahren, die Forscher der Universität Basel und der Harvard Medical School in JAMA Psychiatry veröffentlicht haben (2017; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2017.2432).

Effektgröße (g) für Antidepressiva

  • Ist der statistische Wert g zwischen 0,2 und 0,5 = kleiner Effekt.
  • Liegt g zwischen 0,5 und 0,8 = mittlerer Effekt.
  • Ist der Wert für g größer als 0,8 = starker Effekt.

SSRI/SNRI versus Placebo

  • für alle untersuchten psychischen Krankheitbilder: g = 0,32
  • für Angststörungen: g = 0,56
  • für Depressionen: g = 0,20
  • für Zwangsstörung: g = 0,39

In der Meta-Analyse wurden 17 Studien zu Depressionen, zehn zu Angststö­rungen, acht zu Zwangsstörungen und eine zu posttraumatischer Belastungs­störung verglichen. Der Placeboeffekt von Antidepressiva, wie selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SNRI) könnte vor allem bei Depressionen eine wesentliche Rolle spielen. Denn in Medikamentenstudien wirkten Placebos bei depressiven Patienten stärker als bei solchen mit einer Angststörung. Umge­kehrt hatten Antidepressiva bei Angst­störungen eine größere spezifische Wirkung als bei depressiven Störungen. Die statistischen Wirkunterschiede berechneten die Forscher dabei mit der Effektgröße (Hedge, g; siehe Kasten).

Die Studie ergab außerdem, dass Patienten, die mit Antidepressiva behandelt wurden, mehr Nebenwirkungen beklagten, als solche, die ein Placebo erhielten. Die Neben­wirkungen reichten von leichten Symptomen wie Kopfschmerzen bis hin zu suizidalen Handlungen. Daher sei es wichtig, das Verhältnis zwischen klinischem Nutzen und möglichen Nebenwirkungen im Gespräch mit dem behandelnden Arzt individuell abzuklären, sagt Erstautorin Cosima Locher. Die Autoren sehen aber auch Potenzial, die Faktoren, die bei Depressionen zum Placeboeffekt beitragen, gezielt zu nutzen.

Behandlung gegen Spinnenangst wirkt auch gegen andere Ängste

Spinnen machen vielen Menschen Angst, und wer Angst vor Spinnen hat, fürchtet sich oft auch vor anderen Tieren wie Ratten, Schlangen oder Schaben. Forscherinnen und Forscher der Ruhr-Universität Bochum (RUB) haben nun festgestellt, dass sich der Erfolg einer Behandlung gegen Spinnenangst auch auf andere zuvor furchteinflößende Tiere auswirkt: Personen, die ihre Angst vor Spinnen durch ein Konfrontationstraining reduziert hatten, fürchteten auch Schaben deutlich weniger. Das Team berichtet im Journal „Neuropsychopharmacology“.

Konfrontation ist die beste Strategie

„Befragt man Menschen, denen Spinnen Angst und Ekel einflößen, nach ihrer Angst, schildern sie häufig auch noch weitere Ängste, beispielsweise vor Ratten, Schlangen oder Schaben“, berichtet Prof. Dr. Armin Zlomuzica von der Arbeitseinheit Klinische Psychologie und Psychotherapie der RUB. Die Angst scheint sich also auch auf andere Tiere und Objekte auszuweiten, Experten sprechen von einer Furchtgeneralisierung.
Die erfolgreichste Behandlungsmethode gegen Angsterkrankungen ist die Konfrontationstherapie. Der zentrale Wirkmechanismus dabei ist das Umlernen der Furcht: Personen mit einer Spinnenangst lernen durch die Interaktion mit der Spinne, dass Spinnen nicht gefährlich und keine katastrophalen Konsequenzen zu befürchten sind. Unklar war bislang, inwieweit diese Therapiemethode auch den Umgang mit anderen furchtauslösenden Tieren, mit denen die Personen nicht konfrontiert wurden, beeinflussen kann.

Weniger Angst und Ekel

Um das zu untersuchen, teilten die Forscherinnen und Forscher 47 Personen, die gleichermaßen Angst vor Spinnen als auch vor Schaben hatten, nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein. Eine Gruppe erhielt sofort ein Konfrontationstraining mit Spinnen, die andere musste noch warten. Vor und nach der Behandlung befragten die Forscher die Studienteilnehmer nach ihrer Angst und testeten ihr Verhalten und ihre körperliche Stressreaktion.

Personen der ersten Gruppe berichteten im Anschluss an die Behandlung von weniger Angst und Ekel vor Spinnen im Vergleich zu der Wartekontrollgruppe, die noch keine Behandlung erhalten hatte. „Erstaunlich war, dass diese Gruppe auch von weniger Angst vor Schaben berichtete“, so Friederike Preusser aus dem Forscherteam. Die Angstreduktion zeigte sich auch auf der Verhaltens- und biologischen Ebene: Die Probanden zeigten weniger Abwehr gegenüber Schaben und weniger körperliche Stressreaktionen wie Herzklopfen während der Konfrontation mit den Insekten. „Dieser Effekt trat ein, obwohl Schaben während der Konfrontation nie präsentiert wurden“, sagt Friederike Preusser.

„Dieses Ergebnis legt nahe, dass die Konfrontation bei spezifischer Angst auch im Umgang mit anderen ähnlich angstauslösenden Reizen und Objekten helfen kann“, so Armin Zlomuzica. „Es bleibt abzuwarten, ob man diesen Effekt auch bei anderen Angsterkrankungen beobachten kann.“

Studienteilnehmer gesucht

In weiterführenden Studien wollen die Forscher nun untersuchen, wie man den Prozess der Generalisierung im Rahmen der Konfrontation gezielt verstärken kann. Interessierte, die an ausgeprägter Angst vor Spinnen, Schaben, Schlangen und anderen Tieren und Insekten leiden, können sich unter spinnentraining@rub.de für die Studien registrieren. Das Training ist kostenlos.

Förderung

Die Studie wurde gefördert durch die Forschergruppe FOR 1581 „Extinction Learning“ (TP 9: ZL 59 2/2) der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Originalveröffentlichung

Friederike Preusser, Jürgen Margraf, Armin Zlomuzica: Generalization of extinguished fear to untreated fear stimuli after exposure, in: Neuropsychopharmacology 2017, DOI: 10.1038/npp.2017.119, http://www.nature.com/npp/journal/vaop/ncurrent/abs/npp2017119a.html

Pressekontakt

Prof. Dr. Armin Zlomuzica
Klinische Psychologie und Psychotherapie
Ruhr-Universität Bochum
Tel: 0234 32 22347
E-Mail: armin.zlomuzica@rub.de
Weitere Informationen finden Sie unter
– Originalveröffentlichung

Körpereigene Opioide könnten Therapieoption werden

Sydney – Die Aktivierung endogener Opioidsysteme könnte für die Therapie von Angst­erkrankungen ein künftiger Ansatzpunkt sein. Über mögliche Wege, dieses Opioid­sys­tem zu nutzen, berichtet Elena Bagley an der University of Sydney mit ihrer Arbeits­gruppe in Nature Communications (2017; doi: 10.1038/ncomms14611).

Angsterkrankungen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Jährlich sind rund 15 Pro­zent der Deutschen betroffen. Während psychotherapeutische Maßnahmen und die Einstellung auf eine Dauermedikation vielen Betroffenen helfen können, verschreiben Ärzte für akute Angstzustände nicht selten Benzodiazepine. Zwar ist die Wirksamkeit dieser Medikamente belegt, jedoch bergen sie auch ein erhebliches Abhängigkeits­potenzial.

Das Gehirn selbst verfügt über ein endogenes Opioidsystem, welches Stress, Angst und Schmerzen mindert und zu Glücksgefühlen führt. Die Wissenschaftler berichten, dass es Hypothesen gibt, dass die Modifikation dieses Opioidsystems eben­falls ein wirksamer Weg sein könnte, Angststörungen zu therapieren. Insbesondere wenn es um die Bewertung von Stimuli und das affektive Lernverhalten geht, könnten diese Systeme neuromodulatorisch wirksam werden, statt die Angst nur zu dämpfen. Bisher ist jedoch unvollständig bekannt, wie das körpereigene Opioidsystem Affekt und Psyche beeinflusst.

Mausversuche der Arbeitsgruppe zeigten, dass beispielsweise die Elimination körper­eigener Opioide, wie das Enkephalin, bei den Tieren zu Angst und Aggressivität führte. Demgegenüber verminderte eine verstärkte Ausschüttung die Angst. Als die Forscher die Wirkung der unterschiedlichen Opioidrezeptoren näher untersuchten, stellte sich heraus, dass sogenannte µ-Rezeptoren in der Amygdala die Neurone aktivierten, während δ-Rezeptoren die gleichen Neurone dämpften und anxiolytisch wirkten. Durch einen allosterisch wirksamen Effektor konnten die Forscher die Wirkung der δ-Rezep­toren verstärken. Sie konnten somit zeigen, dass das endogene Opioidsystem zumin­dest experimentell sehr gezielt beeinflussbar ist.

Bisher sind die Erkenntnisse über das endogene Opioidsystem laut den Forschern nicht ausgereift genug, um auf ihrer Grundlage spezifische Therapien zu entwickeln. Nähere Kenntnisse über das körpereigenen Opioidsystem könnten jedoch künftig Möglichkeiten für sehr spezifische Therapieoptionen eröffnen, so die Wissenschaftler.

Genvarianten erhöhen Risiko für Angsterkrankungen

Würzburg – Bei der Entwicklung von Angsterkrankungen spielen neben psychischen und sozialen Faktoren auch erbliche Dispositionen eine Rolle. Mindestens vier Varianten des Gens GLRB (Glycin-Rezeptor B) sind Risikofaktoren für Angst- und Panikstörungen. Das berichtet ein Würzburger Forschungsteam im Fachblatt Molecular Psychiatry (2017; doi: 10.1038/mp.2017.2)

An Angst- und Panikstörungen leiden in Deutschland etwa 15 Prozent aller Erwach­se­nen. Für viele Betroffene ist der normale Alltag stark beeinträchtigt – sie haben oft Probleme im Beruf und ziehen sich aus sozialen Kontakten zurück. Wissenschaftler aus Münster, Hamburg und Würzburg untersuchen seit 2008 im Sonderforschungsbereich (SFB) TR 58 der Deutschen Forschungsgemeinschaft die Grundlagen der Erkrankung. An der aktuellen Studie nahmen über 5.000 Probanden und mehr als 500 Patienten mit einer Panikstörung teil.

Sie konnten zeigen, dass verschiedene Varianten des Gens GLRB mit Angsterkrankun­gen zu tun haben. Den Forschern war das Gen schon vorher bekannt, aber nur in Ver­bindung mit einer anderen Krankheit: „Manche Mutationen des Gens verursachen eine seltene neurologische Erkrankung, die Hyperekplexie“, erklärt Jürgen Deckert, Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik in Würzburg: Die Muskeln der Patienten sind ständig überspannt, und in Schrecksituationen kommt es bei ihnen zu einer überschie­ßen­den Reaktion. Das kann so weit gehen, dass die Betroffenen unwillkürlich stürzen.

Es sind aber andere Varianten des Gens GLRB, welche die Wissenschaftler nun mit Angst- und Panikstörungen in Verbindung bringen. Sie treten häufiger auf und haben vermutlich weniger schwere Auswirkungen. Aber auch sie führen zu überschießenden Schreckreaktionen und in der Folge möglicherweise zu einer übermäßigen Aktivierung des sogenannten Furchtnetzwerkes im Gehirn. Das schließen die Würzburger Forscher aus hochauflösenden Bildern, die sie von den Gehirnaktivitäten der Studienteilnehmer gemacht haben.

„Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass hier ein bisher nicht bekannter Weg zur Ent­wicklung einer Angsterkrankung vorliegt“, erläutert Deckert. Weitere Untersuchungen müssten zeigen, ob sich dies für die Entwicklung neuer oder individueller Therapien nutzen ließe.

Wie Furcht das Verhalten prägt

Irvine – Angstgefühle scheinen sich durch die Aktivität der Amygdala in den Hippo­campus zu projizieren, um so schließlich das Verhalten zu beeinflussen. Dies ist das Ergebnis elektrophysiologischer Untersuchungen, die Forscher um Robert Knight und Jack Lin an der University of California an menschlichen Probanden durchführten. Sie berichten in Nature Communications (2017; doi: 10.1038/ncomms14413).

Die Amygdala ist im Gehirn an der Verarbeitung von Emotionen entscheidend beteiligt. Besonders Gefühle wie Angst und Wut werden in diesem Kerngebiet prozessiert. Wie jedoch solche Emotionen das Verhalten prägen und so letztlich auch zu Angsterkran­kungen führen, ist bisher unklar. Das Verhalten wird unter anderem durch frühere Erfahrungen und Lernprozesse beeinflusst. Für diese Lernprozesse ist der Hippocam­pus wichtig. Wenn die spezifischen neuronalen Kreise bekannt wären, welche aus Emotionen ein Verhalten erzeugen, könnte dies bei Angststörungen ein Ansatzpunkt pharmakologischer Interventionen sein, berichten die Forscher.

In ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler Patienten, denen auf Grund einer therapierefrektären Epilepsie stereotaktische Elektroden in Hippocampus und Amygdala implantiert wurden. Die Autoren spielten den Probanden Filme mit friedlichen Land­schaf­ten oder angsterfüllten Gesichtern vor und maßen über die Elektroden die Aktivität in Amygdala und Hippocampus.

Sie stellten fest, dass bei den Gesichtern die Amygdala vor dem Hippocampus erregt wurde. Es erfolgte hierbei eine unidirektionale Erregungs­übertragung von der Amygdala in den Hippocampus. Dieser Erregungsfluss war bei den Landschaftsfilmen nicht nachweisbar. Aus dem Aktivitätsmuster schlossen die Forscher, dass die emotionale Qualität der Filme zunächst in der Amygdala prozessiert wurde, bevor sie in den Hippocampus gesendet wurde.

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Dass bei Furcht die Erregungsübertragung von Amygdala zu Hippocampus ausschließlich in eine Richtung stattfindet, war laut der Forscher vor der Studie nicht klar. Sie hoffen, dass sie diese Erkenntnis in eine klinische Anwendung übersetzen können, bei der negative Emotionen nicht in den Hippocampus übertragen werden, während positive Emotionen weiter Lernprozesse und Verhalten beeinflussen können.

Psychotherapie normalisiert das Hirn bei Sozialer Phobie

Die Behandlung einer Sozialen Angststörung in einer Psychotherapie zeigt Wirkung. Dank der Therapie werden wichtige Hirnstrukturen, die bei der Emotionsverarbeitung involviert sind, normalisiert. Dies weisen Forschende der Universität Zürich, des Universitätsspitals Zürich sowie der Psychiatrischen Universitätsklinik in einer neuen Studie nach.

Angst im sozialen Umgang ist weit verbreitet: Rund jeder zehnte Mensch ist im Laufe seines Lebens von einer Sozialen Angststörung betroffen, die ihn im Alltag stark einschränkt. Menschen mit einer Sozialen Phobie fällt es etwa schwer, vor einer grösseren Gruppe oder mit unbekannten Menschen zu sprechen. Jetzt weist eine Studie von Forschenden der Universität Zürich, des Universitätsspitals Zürich sowie der Psychiatrischen Universitätsklinik nach, dass die erfolgreiche Behandlung einer Angststörung wichtige Hirnstrukturen verändert, die an der Verarbeitung sowie der Regulierung von Emotionen beteiligt sind.

Kognitive Verhaltenstherapie ist zentral

Bei Patientinnen und Patienten mit Sozialen Angststörungen können frontale und seitliche Hirnareale unbegründete Angstgefühle nicht genügend regulieren. Für die Behandlung der Sozialen Angststörung ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) zentral. Indem Strategien zur Emotionsregulation eingeübt werden, soll die Balance der Emotionen wieder hergestellt werden. Die Zürcher Studie untersuchte, ob es nach einer spezifischen zehnwöchigen KVT zu strukturellen Veränderungen im Gehirn von Patienten mit einer Sozialen Angststörung kommt. Dazu wurde das Gehirn der Studienteilnehmer vor und nach der KVT mittels Magnetresonanz-Tomographie untersucht.

Veränderungen im Gehirn normalisiert

«Wir können zeigen, dass es zu strukturellen Veränderungen in Hirnarealen kommt, die mit Selbstkontrolle und Emotionsregulation zusammenhängen», sagt Annette Brühl, Leitende Ärztin am Zentrum für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK). Je erfolgreicher sich die Behandlung für die Patienten auswirkte, desto stärker waren ihre Hirnveränderungen ausgeprägt. Die Forschungsgruppe konnte weiter nachweisen, dass nach der Therapie die tiefen Hirnareale, die an der Emotionsverarbeitung beteiligt sind, stärker vernetzt sind. Zusammenfassend hält Annette Brühl fest: «Die Psychotherapie normalisiert die durch eine Soziale Angststörung ausgelösten Hirnveränderungen.»

Literatur:

Vivian Steiger, Annette Brühl, Steffi Weidt, Aba Delsignore, Michael Rufer, Lutz Jäncke, Uwe Herwig, and Jürgen Hänggi. Pattern of structural brain changes in social anxiety disorder after cognitive behavioral group therapy: a longitudinal multimodal MRI study. Molecular Psychiatry, December 6 (advanced online). doi:10.1038/mp.2016.217

Kognitive Verhaltenstherapie

In der kognitiven Verhaltenstherapie sollen Betroffene lernen, neue Strategien im Umgang mit Sozialen Angststörungen auszuprobieren. Anhand konkreter Beispiele werden Erklärungsmodelle in der Gruppe besprochen und Ansatzpunkte für Veränderungen erarbeitet. Durch Selbstbeobachtung, Rollenspiele oder Videoaufnahmen können alternative Sichtweisen entwickelt werden.

Mehr unter: http://www.psychiatrie.usz.ch/fachwissen/seiten/angststoerungen.aspx
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen/2017/Psychotherapie-Soziale-Phobie.html