Keine Belege für Nutzen von EMDR bei Angststörungen

Die aktuelle Studienlage bietet keinen Anhaltspunkt dafür, dass Patienten mit Angststörungen von einer Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) profi­tieren.

Das hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Universität Witten/Herdecke und der Fernuniversität Hagen in Auftrag des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Ge­sundheitswesen (IQWiG) ermittelt. Die Arbeit im Rahmen eines ThemenCheck Medizin geht auf einen Vorschlag von Bürgern zurück.

Nach Darstellung der Befürworter der EMDR-Methode sollen bei dieser Therapie angst­besetzte Ereignisse oder Situationen aus der Vergangenheit vergegenwärtigt und mit Hilfe der wechselseitigen Aktivierung beider Gehirnhälften aufgearbeitet werden – zum Beispiel durch das Folgen eines sich hin und her bewegenden Fingers mit den Augen oder durch wechselseitige Töne oder das wechselseitige Berühren der Patienten­hände.

Nach mehreren Wiederholungen der EMDR-Behandlung soll die negative Reaktion auf die Erinnerung schwächer und so die Angststörung gemildert werden.

EMDR wird in Deutschland seit den 1990er-Jahren bei der Behandlung von posttrauma­tischen Belastungsstörungen eingesetzt und nur für diese Indikation – nicht aber für Angststörungen – seit 2015 von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) bezahlt.

Die Wissenschaftler identifizierten zunächst 22 Studien zur EMDR-Behandlung bei Angststörungen. Die darin untersuchten Indikationen waren Prüfungsangst, Angst vor öffentlichem Reden und Auftritten, Panikstörungen, Angst vor Spinnen oder zahnärzt­lichen Behandlungen und Flugangst.

Die Studien verglichen eine EMDR-Therapie mit den Alternativen „keine Behandlung“, Verhaltenstherapie, EMDR ohne Augenbewegung, EMDR mit einem anderen Stimulus, Hypnose/Biofeedback und mit einer imaginären Expositionstherapie.

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„Ein hohes Verzerrungspotenzial und eine mangelhafte Berichtsqualität erschwerten die Interpretation der Daten. Zudem war die Studiendauer vielfach zu kurz, um zu Langzeit­effekten Aussagen treffen zu können“, berichten die Wissenschaftler. Somit bleibe unklar, ob ein möglicher Therapieerfolg anhalte, heißt es in dem Bericht.

Dies gelte für alle patientenrelevanten Endpunkte, die in den Studien berichtet wurden: Angst, Depression, angstspezifische Effekte wie Vermeidungsverhalten oder körperliche Symptome, gesundheitsbezogene Lebensqualität und psychosoziale Aspekte.

Die Forscher empfehlen daher „angemessen konzipierte und gut durchgeführte Studien mit hinreichender Darstellungsqualität der Ergebnisse und mit ausreichend langer Nach­beobachtungsdauer“, um die Frage nach einem möglichen Nutzen der EMDR bei Angst­störungen in Zukunft besser beantworten zu können.

Kognitive Verhaltenstherapie verändert die Hirnaktivität

Die erfolgreiche Behandlung einer Panikstörung mittels kognitiver Verhaltenstherapie schlägt sich in einer geänderten Hirnaktivität nieder. Das berichten Wissenschaftler um Benjamin Straube und Tilo Kircher von der Philipps-Universität Marburg im American Journal of Psychiatry (doi 10.1176/appi.ajp.2019.19020202). An der Studie waren Arbeitsgruppen 6 weiterer Universitäten beteiligt: aus Berlin, Bremen, Dresden, Greifswald, Münster und Würzburg.

„Die Entstehung einer Panikstörung wird regelmäßig von einer verzerrten Verarbeitung von sprachlichen und nichtsprachlichen Bedeutungen über die Welt und sich selbst begleitet“, erläutert Tilo Kircher, Direktor der Marburger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Eine kognitive Verhaltenstherapie wirke daraufhin, die krankhafte Sprachverarbeitung zu normalisieren.

Die Wissenschaftler schlossen 118 Patienten in die Studie ein, deren Panikstörung noch nicht mit einer kognitiven Verhaltenstherapie behandelt wurde. 42 davon erhielten im Rahmen der Studie eine solche Therapie und wurden danach wiederholt getestet. Als Vergleich dienten 150 gesunde Probanden.

Das Team nutzte die Magnetresonanz-Bildgebung, um die Hirnaktivitäten der Studien­teilnehmer zu untersuchen, während diese gleichzeitig eine sprachliche Aufgabe bewältigten. Bei dieser Aufgabe ging es um die Vorbereitung der Symptome einer Panikattacke durch typische Auslöser von Panik, etwa durch das Wort „Aufzug“, das Betroffene oft mit dem Gefühl von auswegloser Enge und Angst verbinden.

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Haben Patienten mit einer Panikstörung noch keine kognitive Verhaltenstherapie absolviert, so nehmen sie laut den Forschern eine stärkere Zusammengehörigkeit zwischen Panik-auslösenden und symptombeschreibenden Wörtern wahr als gesunde Probanden. Dieser Effekt spiegelte sich in der veränderten Aktivität bestimmter Hirnareale wider.

Nach der Verhaltenstherapie hatte sich die sprachliche Verarbeitung der Studien­teilnehmer normalisiert. Dieser Behandlungserfolg schlug sich in der Hirnaktivität nieder: Sie ist in einem Hirnareal gedämpft, das panik-bezogene Wortpaare verarbeitet. „Offenbar unterbindet die kognitive Verhaltenstherapie Assoziationen, die für Patienten mit Panikstörung symptomatisch sind“, folgte der Erstautor der Publikation, Yunbo Yang.

Genetischer Zusammenhang zwischen Panikstörungen und Depressionen entdeckt

Panikstörung und Depressionen sowie Neurotizismus haben genetische Gemeinsamkeiten. Das berichten Wissenschaftler des Marburger Instituts für Humangenetik in Molecular Psychiatry (2019; doi: 10.1038/s41380-019-0590-2).

Die Forscher um Andreas Forstner analysierten im In- und Ausland das Erbgut von Patienten mit Panikstörungen und verglichen die Daten mit denen gesunder Personen. Die Studie schließt 2.248 Patienten ein, deren Panikstörung laut den Autoren klinisch gut charakterisiert ist. Außerdem umfasst die Analyse 7.992 gesunde Kontrollpersonen. Die Proben stammen aus 4 europäischen Ländern: Dänemark, Estland, Deutschland und Schweden.

Das Team analysierte Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs) – Genvarianten, die sich in einem einzelnen Basenpaar von anderen Versionen desselben Gens unterscheiden. Die Forschungsgruppe überprüfte, ob SNPs an bestimmten Genorten bei Patienten mit Panikstörung häufiger vorkamen als bei gesunden Personen.

Dabei fanden sie einen genetischen Zusammenhang zwischen einer Panikstörung und anderen Erkrankungen, wie depressiven Störungen sowie einem Neurotizismus. Darunter versteht man einen Aspekt der Persönlichkeit, der sich unter anderem durch erhöhte Reizbarkeit auszeichnet.

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„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Angststörungen und Depression die extremen Ausprägungen von seelischen Veranlagungen sein könnten, die auch jeder ganz normalen, gesunden Persönlichkeit zugrunde liegen“, berichten die Autoren. 

„Sicherheitssignale“ helfen bei Angstzuständen

Reize müssen an unbedrohliche Situationen erinnern – Positive Wirkung auf Gehirn

Stress und Angstzustände können mithilfe von „Sicherheitssignalen“, also bestimmten audiovisuellen Eindrücken, verringert werden. Das menschliche Gehirn reagiert positiv auf Reize, die mit nicht bedrohlichen Situationen in Verbindung stehen. Dies ergibt eine Studie der Yale University http://yale.edu .

„Fehlen von Bedrohung“

„Ein Sicherheitssignal kann ein Musikstück sein, eine Person oder auch ein Gegenstand, wie beispielsweise ein Kuscheltier, solange es ein Fehlen von Bedrohung repräsentiert“, erklärt Paola Odriozola, Koautorin der Studie. Menschen, die Sicherheitssignale gegen ihre Angstzustände einsetzen, müssten aber sichergehen, dass diese auch rein positiv sind und keinerlei negative Konnotationen haben.

Die Forscher zogen sowohl Mäuse als auch Menschen für ein Experiment heran. Die Mäuse wurden darauf konditioniert, einen bestimmten Ton mit einer Bedrohung zu verbinden und einen anderen mit einer sicheren Situation. Bei den menschlichen Probanden wurde der gleiche Vorgang mit bestimmten visuellen Symbolen durchgeführt.

Anders als Konfrontationstherapie

Mit einem MRI untersuchten die Forscher bei Mäusen und bei Menschen die Reaktion des Gehirns auf die Reize. Es zeigte sich, dass Sicherheitssignale, also unbedrohliche Reize, bei beiden Spezies zu einer Angstreduktion führten. Im Gehirn aktivieren sie den Hippocampus, der mit emotionaler Erinnerung in Verbindung gebracht wird.

„Mit Sicherheitssignalen wird nie eine Erinnerung an eine bedrohliche Situation in Verbindung gebracht“, meint Dylan Gee, Koautorin der Studie. Ihr zufolge funktionieren Sicherheitssignale anders als die Konfrontationstherapie, bei der Patienten bedrohlichen Reizen ausgesetzt werden und diese dann mit positiven Reizen bekämpft werden. Das sei nicht bei allen Menschen wirksam. Bei Sicherheitssignalen dagegen konkurrieren schlechte Erinnerungen nicht mit positiven Reizen, weswegen das erfolgreiche Abbauen von Angst wahrscheinlicher ist.

Keine Belege für Nutzen von EMDR-Training bei Angststörungen

Das Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) wird bislang haupt­sächlich in der Traumatherapie eingesetzt. Belastbare Belege dafür, dass es auch Patien­ten mit Angststörungen hilft, gibt es aber nicht.

Zu diesem Ergebnis kommt eine inter­disziplinäre Arbeitsgruppe der Universität Witten/­Herdecke und der Fernuniversität Ha­gen im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirt­schaft­lichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Beim EMDR sollen traumatische Ereignisse mit Hilfe der Aktivierung beider Gehirnhälften aufgearbeitet werden, zum Beispiel durch das Verfolgen eines hin- und herbewegten Fin­gers mit den Augen.

Die Wissenschaftler fanden 22 für die Fragestellung relevante Studien. Wegen „ausge­präg­ter methodischer Mängel dieser Studien“ konnten sie daraus aber keinen Anhalts­punkt für einen Nutzen der EMDR-Behandlung bei Angststörungen im Vergleich zu etablierten Therapieverfahren oder auch im Vergleich zu keiner Behandlung ableiten.

Dies gilt für die patientenrelevanten Endpunkte Angst, Depression, angstspezifische Effekte wie Vermeidungsverhalten oder körperliche Symptome, gesundheitsbezogene Lebens­qualität und psychosoziale Aspekte.

Methodisch schlecht waren die Studien laut den Wissenschaftlern unter anderem wegen ungeeigneten Vergleichsgruppen, zu kurzer Nachbeobachtung nach der Intervention oder mangelhaften Aussagen zur Randomisie­rung. Geeignete Studien zur gesundheitsöko­no­mischen Bewertung des Verfahrens bei Angststörungen fehlen laut den Wissenschaftlern ebenfalls.

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Die Analyse erfolgte im Rahmen des Themencheck Medizin. Die Fragestellungen für die daraus entstehenden Health-Technology Assessments (HTA) gehen auf Vorschläge von Bürgern zurück.

Das IQWiG ruft nun Fachkreise und alle Interessierten auf, bis zum 4. November Stellung­nahmen zu dem vorläufigen HTA-Bericht zu dem EMDR-Training bei Angststörungen ab­zugeben. Diese werden ausgewertet und gegebenenfalls in einer mündlichen Anhörung mit den Stellungnehmenden diskutiert.

Danach wird eine Endfassung des HTA-Berichtes erstellt. Außerdem schreiben die Auto­ren eine allgemein verständliche Version (HTA kompakt), und das IQWiG ergänzt das Pa­ket um einen Herausgeberkommentar.

Modellprojekt zur Versorgung von Depressions- und Angstpatienten angelaufen

Ein neues Angebot für Patienten mit Depressionen und Angst­störungen wird in Hessen erprobt. Das „eHealth gestützte Case-Management für psy­chisch Erkrankte in der hausärztlichen Primärversorgung“ (Prema) soll den Hausarzt als vertrauten und verlässlichen Begleiter von Patienten mit psychischen Erkrankun­gen darin stärken, die Krankheit frühzeitig und sicherer zu erkennen und die Betroffe­nen individuell zu betreuen.

Das neue Angebot wird vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschus­ses (G-BA) gefördert. Es gilt zunächst nur für Hessen und und kann dort von rund 2.000 Patienten genutzt werden. Kooperationspartner sind die Techniker Kranken­kasse (TK), die Goethe-Universität Frankfurt, die Universitätsklinika München und Hamburg, die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen sowie der Technikpartner TelePsy.

Prema setzt auf ein Dreierbündnis von Hausarzt, Medizinischer Fachangestellten (MFA) und Patient. Online-gestützte Fragebögen unterstützen bei der Diagnose aber auch bei der Frage, ob eine umgehende Überweisung an einen Fachspezialisten er­forderlich ist.

Bleiben die Patienten in der hausärztlichen Behandlung, werden sie im Programm zwölf Monate lang nicht nur vom Hausarzt selbst, sondern auch von der MFA aktiv begleitet. Sie kontaktiert den Patienten regelmäßig zu seinem Befinden und fragt seine Symptome mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens ab. Die Ergebnisse leitet sie an den Hausarzt weiter, der auf diese Weise die Therapiefortschritte des Patienten in kurzen Intervallen verfolgen kann.

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„Die digitalen Elemente sind ein wichtiger Bestandteil des Behandlungsprogramms“, erläuterte Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung in Hessen. Die Patienten könnten von zu Hause aus und in ihrem eigenen Tempo daran arbeiten, ihre Belas­tungen in den Griff zu bekommen. Sie setzten sich aktiv mit ihrem Krankheitsbild aus­einander, würden dabei aber nicht allein gelassen. „Das verbessert ihr Selbstmanage­ment und ermöglicht eine optimale Behandlung, die ihre individuellen Bedürfnisse berücksichtigt“, sagte Voß.

Die KV Hessen hat bereits Ende Mai 2019 mit der Rekrutierung der Hausarztpraxen begonnen. „Wir haben bereits eine vielversprechende Anzahl von Hausärzten, die am Modellprojekt teilnehmen wollen“, erklärte Eckhard Starke, stellvertretender Vor­stands­vorsitzende der KV Hessen. Wichtig sei auch, dass im Falle eines Falles Psy­chotherapeuten bereit stehen, um die Hausärzte zu unterstützen oder Therapien zu übernehmen. 

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Diese Eigenheit des Gehirns könnte die Psychotherapie revolutionieren

Angststörungen können behandelt werden, wenn der Patient sich der angstauslösenden Situation aussetzt. Doch der Zugang zu dieser Therapie ist hürdenreich. Eine Lösung könnte gefunden sein, jedoch nicht in der realen Welt.

Der Hörsaal ist voll. Der Puls der Patientin steigt. Vor Menschen zu sprechen macht ihr Angst, sie leidet unter Sozialphobie. Aber das Publikum guckt gerade so freundlich, dass die Situation für die Patientin stressig, aber machbar ist. Denn eigentlich gibt es den Hörsaal gar nicht. Die Patientin steht in einem nur zwölf Quadratmeter großen Raum. Auf einem Bildschirm überwacht ein Therapeut ihre Stresswerte, er kontrolliert die Situation. Eine Virtual-Reality-Brille versetzt die Patientin in die gefürchtete Situation.

Das Paderborner Start-up Psycurio entwickelt solche virtuellen Welten, in denen Patienten sich ihren Ängsten stellen. „Für unser Gehirn macht es keinen Unterschied, ob ich etwas in der echten oder virtuellen Welt mache“, sagt die Gründerin Daniela Schumacher. Wenn Avatare sich bewegen und verhalten wie Menschen, fühlt die Szenerie sich für Patienten echt an, erklärt Thies Pfeiffer, der am Bielefelder Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie zu Virtual-Reality- und Mensch-Maschine-Interaktion forscht. Die Qualität der Darstellung sei gar nicht so ausschlaggebend. Diese Eigenheit des menschlichen Gehirns könnte die Psychotherapie revolutionieren.

Vor allem für die Therapie von Angststörungen bietet sich die virtuelle Realität an. Therapeuten arbeiten dabei klassischerweise mit der sogenannten Expositionstherapie: Der Patient wird schrittweise mit der gefürchteten Situation konfrontiert und hält die Angst so lange aus, bis sie nachlässt. Irgendwann lernt das Gehirn, mit der Situation umzugehen.Anzeige

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. „Für die Therapie von Phobien braucht ein Therapeut gut beherrschbare, angstauslösende Situationen“, sagt Mathias Müller, Geschäftsführer von VTplus, einem Würzburger Virtual-Reality-Unternehmen. Einen Turm besteigen oder einen turbulenten Flug erleben – das könne man auch in der virtuellen Welt machen.LESEN SIE AUCH

Diese Möglichkeiten erforscht der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Peter Zwanzger, am kbo-Inn-Salzlach-Klinikum in Wasserburg am Inn. Die Virtual-Reality-Therapie sei nicht nur kostengünstiger und zeitsparender umzusetzen als die analoge Expositionstherapie, sondern für Patienten auch leichter zugänglich, sagt Zwanzger. Die Aussicht, im Rahmen einer Therapie tatsächlich ins Flugzeug zu steigen, eine Spinne zu berühren oder vor hundert Menschen zu sprechen, schrecke viele Patienten ab. Diese Hemmschwellen sind bei der Virtual-Reality-Therapie geringer, hat Zwanzger in seinen Studien festgestellt.

Trotzdem lässt der Durchbruch der neuen Methode auf sich warten. Sowohl VTplus als auch Psycurio verhandeln aktuell mit Krankenkassen. Würden sie die Kosten für die Virtual-Reality-Therapie übernehmen, könnten die VR-Brillen schon bald in viele Praxen einziehen, sind Müller und Schumacher überzeugt. Peter Zwanzger ist etwas zurückhaltender mit Prognosen: „Gerade in der Medizin gehen Wunsch und Wirklichkeit oft auseinander.“ Technisch sei vieles möglich – was davon therapeutisch sinnvoll und praktisch anwendbar sei, sei eine andere Frage. Pilotstudien würden die Wirksamkeit der Virtual-Reality-Therapie zwar nahelegen – eine richtige Grundlagenforschung mit mehreren Hundert Probanden fehle aber noch.LESEN SIE AUCH

Zwanzger arbeitet als Mitglied eines Expertengremiums an den neuen Leitlinien für die Therapie von Angststörungen. An diesen sogenannten S3-Leitlinien können Therapeuten sich orientieren – sie geben einen Überblick über anerkannte medizinische Verfahren. Die aktuelle Version aus dem Jahr 2014 rät für bestimmte Phobien zur Virtual-Reality-Therapie, allerdings nur, wenn eine echte Konfrontation nicht umsetzbar ist.

Mathias Müller würde da gern weiter gehen. Seiner Vorstellung nach ist das Erleben der echten Situation nur noch das i-Tüpfelchen am Ende der Therapie. Psycurio setzt sogar auf die rein virtuelle Therapie, immer mit menschlicher Begleitung. Gründerin Schumacher ist überzeugt: „Die Virtual-Reality-Therapie ermöglicht eine moderne, für den Patienten weniger unangenehme, sehr effektive Therapie.“

Peter Zwanzger stimmt ihr da zwar zu. Vieles ist für ihn aber noch Zukunftsmusik. „Ich bin der Meinung, dass Patienten ein Recht darauf haben, dass die Wirksamkeit einer Therapie erwiesen ist.“ Deshalb werden auch die neuen S3-Leitlinien keine uneingeschränkte Empfehlung für diese Art der Therapie enthalten – aber zumindest den Hinweis auf eine vielversprechende neue Technologie.

Wo Erinnerungen von Angst im Gehirn verortet sind

Erinnerungen werden auch im Hypothalamus, einer evolu­tionär alten Hirnregion, langfristig abgebildet. Das berichtet ein internationales For­scherteam in der Fachzeitschrift Neuron (2019; doi: 10.1016/j.neuron.2019.04.029). Bisher war man davon ausgegangen, dass Erinnerungen im Hippocampus entstehen und später im Cortex gespeichert werden.

Die Forscher konzentrierten sich bei ihrer Arbeit auf Angsterinnerungen. Sie hoffen auf neue Therapieansätze für Menschen mit allgemeinen Angstzuständen und mit post­traumatischen Belastungsstörungen.

Die Wissenschaftler untersuchten im Tiermodell Neuronen, die das Hormon Oxytocin produzieren. Oxytocin ist ein Botenstoff, der verschiedene emotionale Gehirnfunktio­nen steuert, einschließlich der Angst.

Sie schleusten dafür genetische Schalter in die Zellen im Hypothalamus ein, um die bei einem Angstempfinden aktivierten Oxytocin-Neuronen selektiv zu markieren. Diese markierten Zellen konnten in Versuchen mit Ratten dann durch die Stimulation mit Blaulicht aktiviert oder durch Zugabe einer synthetischen Chemikalie stummge­schaltet werden.

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Sie setzten die Schalter dann in Experimenten mit Ratten ein. Zunächst lernten die Tiere, sich in einer gefährlichen Umgebung nicht zu bewegen. Wenn die Forscher die markierten Zellen aktivierten, bewegten sich die Tiere in dieser Umgebung doch. Sobald das blaue Licht wieder ausgeschaltet wurde, kehrte die Angst zurück und die Tiere verharrten wieder regunglos.

„Auf diese Weise konnten wir zeigen, dass die markierten Zellen das Wissen über die Angst enthalten“, erläuterte Valery Grinevich, Leiter der Abteilung Neuropeptidfor­schung in der Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mann­heim. Die Forscher fanden außerdem heraus, dass derselbe Schaltkreis auch erfor­derlich ist, um die Angstgedächtnisse wieder zu löschen.

„Durch das Verständnis der anatomischen und funktionellen Angstschaltungen sollte es möglich sein, innovative Strategien zur Behandlung von psychischen Erkrankungen des Menschen zu entwickeln“, berichten die Forscher.

Neue Patienten­informationen zu Angststörungen und zu kindlicher Epilepsie

Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) hat seine Kurzinforma­tio­nen für Patienten zu Angststörungen und zum Doosesyndrom – einer seltenen Form der Epilepsie im Kindesalter – aktualisiert. Ärzte, Pflegekräfte und andere medizinische Fachleute können die überarbeiteten Kurzinformationen kostenlos herunterladen, aus­drucken und an Erkrankte und Interessierte weitergeben. 

Bei Angstörungen heißt es in der Patienteninformation zum Beispiel, dass „jeder Mensch Ängste und Sorgen“ habe. Manchmal seien diese jedoch unbegründet und nähmen über­hand. In diesem Fall spreche man von einer Angststörung. „Etwa ein Viertel aller Menschen macht einmal im Leben eine solche seelische Erkrankung durch“, erklärt die Patienteninformation. Neben Informationen zum Hintergrund der Störung, deren ver­schie­denen Unterformen und der Diagnostik informiert die Broschüre auch über die Behandlung und erläutert, was Betroffene selbst tun können. 

Kennzeichnend für die seltene Form der Epilepsie im Kindesalter ist, dass verschie­de­ne Formen von Krampfanfällen auftreten können: Die Muskeln können verkrampfen oder schlagartig erschlaffen. Die Kinder stürzen unerwartet zu Boden oder sacken plötzlich in sich zusammen. Oft stehen die Kinder sofort nach einem Sturz wieder auf, da der Anfall bereits vorüber ist.

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Auch diese ÄZQ-Information informiert über die Hintergründe der Erkrankung, Diag­nos­tik und Therapie und gibt Hinweise, was Eltern betroffener Kinder selbst tun können. „Es kann hilfreich sein, die Anfälle des Kindes genau zu beobachten und alles festzuhalten, zum Beispiel als Tagebuch oder als Videoaufnahme. Blicken Sie auf die Uhr, damit Sie später sagen können, wie lange der Anfall gedauert hat. Umso besser können Sie nachher alles dem Ärzteteam schildern“, heißt es dort unter anderem.

„Die Texte beruhen auf dem derzeit besten verfügbaren Wissen und werden nach einer strengen Methodik erstellt. Grundlage dieser Infoblätter sind die jeweiligen S3-Leitlinien beziehungsweise eine systematische Literaturrecherche“, informiert das ÄZQ. 

Wissenschaftler entdecken „Gehirn-Hot-Spot“ für Medikamente gegen Angst

Bei der Funktionsweise von Psychopharmaka auf der Ebene neuronaler Netze sind bislang noch viele Fragen offen. Ein Team von Wissenschaftlern um Dr. Wulf Haubensak, Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien, und Prof. Dr. Andreas Hess, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), konnte nun einen neuronalen Kreislauf im Gehirn identifizieren, der eine wichtige Rolle bei Angstzuständen spielt – und zeigen, wie gewöhnliche psychiatrische Medikamente darauf wirken. Die Studie wurde nun in der Fachzeitschrift „Molecular Psychiatry“ veröffentlicht*.

Angststörungen sind ein medizinisches Problem, das einen Großteil der Bevölkerung betrifft. Sie können mit einer Reihe von Psychopharmaka behandelt werden, darunter eine Gruppe von Substanzen, die als Benzodiazepine (BZDs) bezeichnet werden. BZDs werden seit 50 Jahren zur Behandlung von Patienten mit Angstzuständen eingesetzt, und ihre Wirkungsweise auf molekularer und zellulärer Ebene ist gut erforscht. Hingegen wissen Ärzte und Neurowissenschaftler noch wenig über die Wechselwirkungen zwischen den neuronalen Schaltkreisen, durch die BZDs ihre angstlösende Wirkung entfalten.

Ein Forscherteam um Dr. Wulf Haubensak vom IMP und Prof. Dr. Andreas Hess von der FAU hat jetzt eine Kombination innovativer Methoden, die Genetik, Informationen zu neuronalen Schaltkreisen und zur funktionellen Gehirnkartierung verknüpft, eingesetzt. Sie fanden heraus, dass BZD die Weiterleitung aversiver Signale durch die Amygdala, dem Mandelkern, stören und charakterisierten die betroffenen Schaltkreise.

„Angst entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Kreisläufe im Gehirn. In diesem Netzwerk haben wir einen entscheidenden biomedizinischen ‚Hot-Spot‘ identifiziert, der der angstlösenden Therapie zugrunde liegt „, sagt Dr. Haubensak. „Diesem Hotspot auf die Spur zu kommen, war nur möglich, indem Erkenntnisse über die Verbindungen von Neuronen im Gehirn, dem Konnektom, mit genetischen Techniken kombiniert wurden, die die funktionale Visualisierung und Manipulation bestimmter Neuronenpopulationen im Tiermodell ermöglichen – Methoden und Informationen, die dies ermöglich, stehen erst seit kurzem zur Verfügung.“

Die Wissenschaftler verglichen ihre an Mäusen gewonnenen Erkenntnisse mit funktionellen menschlichen Gehirnscans und fanden Hinweise darauf, dass die gleichen Mechanismen auch beim Menschen wirksam sind. Dies öffnet neue Perspektiven für die Entwicklung von Medikamenten.

Prof. Hess, Mitautor der Studie, betont die Wichtigkeit der funktionellen Bildgebung des Gehirns: „Nichtinvasive Bildgebung wie die Magnetresonanztomografie ist der Schlüssel für die Untersuchung neurobiologischer Funktionen auf der gesamten Gehirnebene. Wir haben dies mit neuartigen Datenanalyse-Strategien kombiniert, um die modulatorischen Auswirkungen kleiner neuronaler Schaltkreise zu charakterisieren, die eine wichtige Gehirnfunktion ausmachen – in diesem Fall Angst.“

„Da wir nun die exakten Netzwerke von Neuronen kennen, die den anxiolytischen Effekt von BZD vermitteln, können wir jetzt versuchen, sie gezielt zu erreichen. Dies könnte die Entwicklung neuer Medikamente zur Behandlung von Angstzuständen ermöglichen, ohne die Nebenwirkungen, die bei derzeitigen Anxiolytika üblich sind “, sagt Johannes Griessner, Doktorand und Erstautor der Studie und fügt perspektivisch an, wie die Ergebnisse in weiteren Studien verwendet werden könnten: „Die Psychiatrie benötigt eine starke biologische Basis, die gezielte therapeutische Interventionen ermöglicht. Unser Ansatz könnte als Blaupause für eine experimentelle Strategie dienen, mit der die Auswirkungen psychoaktiver Medikamente im Allgemeinen besser charakterisiert werden können. “

* https://doi.org/10.1038/s41380-018-0310-3

Mehr zum Haubensak Lab am IMP sowie zum Vienna BioCenter:
https://www.imp.ac.at/groups/wulf-haubensak/
http://www.viennabiocenter.org

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Andreas Hess
Tel.: 09131/85-22003
andreas.hess@fau.de

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Andreas Hess
Tel.: 09131/85-22003
andreas.hess@fau.de

Originalpublikation:
https://doi.org/10.1038/s41380-018-0310-3