DAK-Gesundheit bietet Onlinetherapie gegen Stottern

Die DAK-Gesundheit bietet Versicherten ab sofort eine Online-Therapiegegen das Stottern an. In Zusammenarbeit mit dem Institut der Kasseler Stottertherapie können Betroffene am heimischen Computer in Einzel- und Gruppensitzungen trainieren, teilte die Krankenkasse heute mit.

Das neue Angebot soll laut DAK im ersten Schritt helfen, die Scham zu überwinden, überhaupt das Sprachproblem anzugehen. Mit Hilfe eines virtuellen Therapieraumes arbeiten Therapeut und Patient am weichen und flüssigen Sprechen. Das neue DAK-Online-Angebot können Betroffene ab 13 Jahren nutzen.

Deutschlandweit stottern etwa 800.000 Menschen. Männer sind etwa fünfmal so oft betroffen wie Frauen. „Stottern ist eine Störung des Redeflusses. Es ist sehr individuell  und kann eine erhebliche seelische Belastung bedeuten“, erläuterte DAK-Ärztin Susanne Bleich. „Viele Menschen schämen sich wegen ihres Sprachproblems. Deshalb ist eine Online-Therapie ideal für den Start in den eigenen vier Wänden.“

Die Online-Therapie beinhaltet eine Kombination aus regelmäßigen Einzel- und Gruppensitzungen über den Zeitraum von einem Jahr. Sie beginnt mit einer Intensivphase von zehn Tagen. In diesem Zeitraum finden an fünf bis sechs ausgewählten Tagen mehrere Stunden Einzeltherapie statt. Im Anschluss an die Intensivphase geht es in kleinen Gruppen und mit einem Therapeuten weiter.

Neuauflage der Patientenleitlinie Depression erschienen

Berlin – Eine Neuauflage der Patientenleitlinie „Unipolare Depression“ hat das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) vorgestellt. Die Patientenleitlinie basiert auf der kombinier­ten S3-Leitlinie/Nationalen VersorgungsLeitlinie „Unipolare Depression“.

Nach der Aktualisierung dieser wissenschaftlichen Leitlinie haben ÄZQ und Fachgesell­schaften jetzt auch die Patientenleitlinie überarbeitet. Sie übersetzt die aktuellen Empfeh­lungen der Expertengruppe in eine allgemeinverständliche Sprache. So bietet sie Men­schen mit Depressionen und deren Angehörige wichtige Informationen zum Umgang mit der Krankheit und Unterstützung beim Gespräch mit dem Arzt oder Psychotherapeuten.

„Die Patientenleitlinie kann Sie durch eine Erkrankungsphase begleiten oder ein erster Schritt sein, sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen. Das ärztliche oder psycho­the­rapeu­tische Gespräch kann sie aber nicht ersetzen“, schreiben die Autoren in der Ein­führung. Die Patientenleitlinie gilt nicht für Kinder und Jugendliche und widmet sich auch nicht der bipolaren Erkrankung.

Depressionen gehören zu den häufigen Erkrankungen. Allein in Deutschland sind inner­halb eines Jahres rund 6,2 Millionen Menschen betroffen. Trotzdem werden depressive Erkrankungen oft nicht festgestellt, weil Betroffene keine fachliche Hilfe suchen oder die Krankheit nicht erkannt wird. Zu den Neuerungen der Patientenleitlinie gehört daher ein Kapitel über leicht zugängliche Behandlungsangebote.

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Patientenleitlinie
Kurzinformationen
Wissenschaftliche Leitlinie „Unipolare Depression“
Depressionen: IQWiG legt vorläufige Ergebnisse von Leitlinien-Recherche vor
Leitlinie „Unipolare Depression“ umfassend überarbeitet

Auf der Grundlage der ausführlichen Patientenleitlinie hat das ÄZQ zusätzlich eine Kurz­information für Patienten erarbeitet.

Die wissenschaftliche Leitlinie „Unipolare Depressi­on“ hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) als S3-Leitlinie initiiert und koordiniert. Sie wird gemeinsam von der Bundesärztekammer, der Kassenärztlichen Bundes­ver­ei­nigung und der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftli­chen Medizinischen Fachgesell­schaften als kombinierte S3-Leitlinie/Nationale Versor­gungs­leit­linie herausgegeben.

Augmented Reality hilft Patienten mit Phantomschmerzen

Mölndal – Computergestütze erweiterte Realitätswahrnehmungen könnten Phantom­schmerzen von Menschen mit Amputationen lindern. Dafür bewegen Betroffene ihren amputierten Arm im virtuellen Raum, beispielsweise bei einem Autorennspiel. Forscher aus Schweden haben die Wirkung in einer kleinen Studie mit 14 armamputierten Patienten erprobt. Ihre Ergebnisse publizierten sie im Lancet (2016, doi: 10.1016/S0140-6736(16)31598-7).

Die Studienteilnehmer leben bereits zwei bis 36 Jahre mit einem amputierten Arm. Herkömmliche medikamentöse Therapien konnten ihre Phantomschmerzen bisher nicht lindern. Erfolgsversprechend scheint eine Spiegeltherapie, bei der die Betroffenen anstelle des fehlenden Körperteils das Spiegelbild des vorhandenen Arms oder Beins betrachten und bewegen. Aber auch dieser Ansatz hilft nicht jedem, vor allem nicht Doppelamputierten.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgten die Forscher um Max Ortiz Catalan von der Chalmers University of Technology in Mölndal mit der sogenannten „phantom motor execution“. Dafür befestigten sie Sensoren auf dem Armstumpf, um die verbliebene Muskelaktivität zu messen. Mithilfe dieser Info erstellte ein Computerprogramm einen virtuellen Arm auf dem Bildschirm. Die Probanden durchliefen dann drei Phasen, in denen sie den virtuellen Arm in zwölf zweistündigen Sitzungen trainierten, unter anderem mit einem Autorennspiel (siehe Video).

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Vor jeder Sitzung wurden die Teilnehmer aufgefordert, ihre Schmerzen einzuschätzen. Sechs und zwölf Monate nach Abschluss des letzten Trainings befragten die Autoren die Probanden erneut. Das Ergebnis fiel positiv aus: Sowohl die Intensität, als auch die Qualität und Häufigkeit der Phantomschmerzen hatte sich durchschnittlich fast halbiert (37 bis 51 %). Über einen unterbrochenen Schlaf klagten die Teilnehmer 61 % seltener. Tagsüber fiel die Bewertung nicht ganz so gut aus: Aktivitäten wurden 43 % weniger durch den Phantomschmerz gestört. Nur ein Patient konnte keine Besserung berichten. Bei einem anderen traten zumindest Krankheitsschübe seltener auf.

Ob Placeboeffekte die Besserung beeinflusst haben könnten, wurde in der Studie nicht erfasst. Einschränkend geben die Autoren zu Bedenken, dass sich dieser Therapie­ansatz nur für Menschen eignet, die den Armstumpf noch bewegen können. Verletzte Nerven seien zudem ein Ausschlusskriterium.

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Studie in Lancet

Auch im Rahmen des Projekts PACT (PAtient Centered Telerehabilitation) untersuchen Mediziner unterschiedliche kognitive Übungsprogramme. Enthalten sind zum Beispiel eine Videoanleitung für die Spiegeltherapie und ein „Augmented Reality“-Übungs­programm, bei dem die im Tablet-PC integrierte Kamera das intakte Bein filmt und als Bewegung des amputierten Beins darstellt.

Studie: Online-Therapie hilft gegen Schlaflosigkeit

Charlottesville – Eine neunwöchige Online-Beratung, die auf den Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie basiert, hat in einer randomisierten klinischen Studie in JAMA Psychiatry (2016; doi:10.1001/jamapsychiatry.2016.3249) die Schlafeigenschaften von Patienten mit chronischer Insomnie signifikant verbessert. Eine Wirkung war auch ein Jahr nach dem Ende der Online-Beratung noch nachweisbar.

Ein Drittel bis die Hälfte aller Erwachsenen leidet unter Schlafstörungen, die bei 12 bis 20 Prozent die diagnostischen Kriterien einer Insomnie erfüllen. Die Behandlung erfolgt in der Regel medikamentös, da für eine kognitive Verhaltenstherapie, die anders als die Medikamente eine langfristige Wirkung erzielt, aufwendig ist und in der Regel nicht genügend Therapeuten zur Verfügung stehen.

Um die effektive Therapie möglichst vielen Patienten zur Verfügung zu stellen, haben Psychiater der University of Virginia School of Medicine in Charlottesville eine Online-Therapie entwickelt, die die gleichen Ziele verfolgt wie eine kognitive Verhaltenstherapie. Dabei lernen die Patienten bestimmte Techniken wie Schlafrestriktion und Stimulus­kontrolle, die nachweislich die Schlafqualität erhöhen. Die Schlafrestriktion legt regelmäßige Schlafzeiten fest, die die Patienten einhalten müssen. Bei der Stimulus­kontrolle sollen die Betroffenen schlafverhindernde Aktivitäten (etwa Handynutzung im Schlafzimmer) meiden und schlaffördernde Aktivitäten erlernen.

Dabei reicht es in der Regel nicht aus, die Patienten grundsätzlich auf die Fehler aufmerksam zu machen und eine bessere Schlafhygiene einzufordern. Die Effektivität der kognitiven Verhaltenstherapie beruht auf der individuellen Beratung, die mit der Erstellung eines Schlaftagebuchs beginnt und nach einer Analyse die einzelnen Probleme „abarbeitet“. Dies erfordert in der Regel den persönlichen Kontakt mit einem Therapeuten.

Das Programm SHUTi (für „Sleep Healthy Using the Internet“) versucht, den Thera­peuten durch ein Internetmodul zu ersetzen. Vor Beginn der Beratung beantwortet der Patient über zehn Tage Fragen zu seinem Schlafverhalten. Seine Angaben bilden die Grundlage für eine Beratung über einen Zeitraum von neun Wochen, die dem Patienten langfristig zu einem besseren Schlaf verhelfen soll.

Das Team um Lee Ritterband von der University of Virginia School of Medicine in Charlottesville hat SHUTi jetzt in einer randomisierten Studie mit einer einfachen Patienten-Schulung verglichen. Dort erhielten die Patienten im Prinzip dieselben Strategien für einen besseren Schlaf vermittelt. Es fehlt aber der persönliche Bezug und die individuelle Beratung.

An der Studie nahmen 303 Patienten im mittleren Alter von 43 Jahren teil, die seit mindestens sechs Monaten über Einschlaf- oder Durchschlafstörungen an mindestens drei Tagen in der Woche litten, deren nächtliche Schlafdauer weniger als 6,5 Stunden betrug und die sich in ihrer Tagesaktivität durch die Schlafstörung beeinträchtigt fühlten. Primäre Endpunkte waren die Einschlaflatenz, die Dauer der nächtlichen Wachphasen und ein Insomnia Severity Index (ISI).

Wie Ritterband berichtet, waren beide Therapien erfolgreich. Auch die Patienten­schulung erzielte einen gewissen Effekt. Am Ende der Intervention hatten hier 11,3 Prozent eine Remission erreicht, definiert als weniger als 8 Punkte im ISI-Score. Nach einem Jahr stieg der Anteil auf 27,3 Prozent. Die Online-Beratung war effektiver. Am Ende der Intervention waren 40,6 Prozent in Remission, nach einem Jahr war der Anteil auf 56,6 Prozent gestiegen.

Diese zusätzliche Wirkung lässt sich das Team gut bezahlen. Für einen 16-wöchigen Zugriff auf die Internetseite werden 135 US-Dollar verlangt, wer ein Jahr Hilfe in Anspruch nimmt, zahlt 156 US-Dollar. Ein guter Patientenratgeber aus dem Buchladen dürfte wesentlich günstiger sein. Er bietet aber keine individuelle Beratung. Dass die Entwickler des Programms die Studie leiteten, stellt natürlich einen Interessenkonflikt dar. Lee Ritterband versichert aber, dass die Daten von unabhängiger Seite ausgewertet wurden.

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Abstract der Studie
Pressemitteilung von JAMA
Registrierung der Studie
SHUTi-Website
Insomnia Severity Index
Randomisierte Studie zu Sleepio

SHUTi ist nicht die einzige kostenpflichtige Schlafberatung im Internet. Eine weitere Online-Therapie, deren Effektivität in einer randomisierten Studie untersucht wurde, ist Sleepio. Das von einer Firma in London entwickelte Programm kostet umgerechnet 300 US-Dollar für eine einjährige Teilnahme. Ob die beiden Programme in der Realität halten, was die Studienergebnisse versprechen, ist nicht sicher.

In der Studie erhielten die Teilnehmer Geld, wenn sie das Programm beendeten. In der Realität müssen sie dafür zahlen. Der Anreiz, sich tatsächlich ernsthaft mit seinen Problemen auseinanderzusetzen, könnte geringer sein. Die Erfahrung zeigt, dass nicht alle Besitzer einer Jahreskarte für einen Sportverein oder ein Fitnessstudio auch regelmäßig trainieren. Wenn sie Geld für den Besuch bekämen, wäre die Adhärenz vermutlich besser.

Immer mehr Menschen leiden unter Essstörungen

Berlin – Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter Essstörungen. Die Zahl der Betroffenen stieg bundesweit zwischen 2011 und 2015 um etwa 13 Prozent, teilte heute die Barmer GEK nach Hochrechnung eigener Versichertendaten mit. Waren 2011 noch rund 390.000 Menschen von Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht betroffen, litten vier Jahre später bereits 440.000 darunter.

Allein bei der Barmer GEK galten im vergangenen Jahr demnach mehr als 9.600 Versi­cher­te als magersüchtig. Das waren 14 Prozent mehr als 2011. Die Dunkelziffer dürfte nach Einschätzung der Kasse aber noch „um Vielfaches höher liegen“. Vor allem bei Frauen sei Magersucht ein zunehmendes Problem. Stress, Leistungsdruck und falsche Vorbilder könnten zur Magersucht führen.

Datenbank: Hilfe bei Essstörungen
Essstörungen: Neue Patienteninformation vorgelegt
Systemische Therapie: IQWiG mit positiver Bewertung
BZgA informiert über Beratungsstellen für Essstörungen

Oftmals nehmen die Betroffenen ihr Essverhalten nicht als krankhaft wahr. Deshalb ist Experten zufolge die Rückmeldung von Eltern und Freunden wichtig. Denn neben den psychischen Beeinträchtigungen können Essstörungen auch schwerwiegende organi­sche Schäden nach sich ziehen und schlimmstenfalls sogar tödlich enden.

Psychiater erklären Vorteile von Big Data bei psychischen Erkrankungen

Berlin – Wissenschaftliche und methodische Innovationen, von denen psychisch kranke Patienten schon bald profitieren könnten, stehen beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), der zurzeit in Berlin stattfindet, unter anderem im Fokus.

„Neue mathematische Methoden erlauben es zum Beispiel, die Einschätzung des Krankheitsbildes durch Eindrücke und Beobach­tungen der Therapeuten mit Verhaltensanalysen zu ergänzen: Auf diesem Weg lassen sich etwa Verhaltensmuster identifizieren, welche bei der Entwicklung und beim Fortbe­stehen von Suchter­krankungen eine wichtige Rolle spielen“, erklärte DGPPN-Vorstands­mitglied Andreas Heinz, Professor an der Charité in Berlin.

Die Weiterentwicklung von Verhaltensanalysen ist nur einer von vielen Ansätzen in der Psychiatrieforschung. Vielversprechend seien auch die aktuellen Erkenntnisse im Be­reich der Biomarker und strukturellen Bildgebung, die das Potenzial besitzen, das Ver­ständnis und die Vorhersagbarkeit psychischer Erkrankungen entscheidend zu ver­bessern.

Psychiatrieforschung finde nicht nur im Labor statt. Immer stärker stehe auch die Befindlichkeit der Betroffenen in der realen Lebenswelt und im Langzeitverlauf im Fo­kus. „Hierzu eröffnen sich neue und vielversprechende Möglichkeiten – zum Beispiel durch die Tatsache, dass inzwischen nahezu jeder Patient ein Smartphone besitzt, über das sich seine emotionale und kognitive Befindlichkeit messen lässt“, berichtete Heinz.

Über die Vorteile von Big Data im Einsatz für die psychische Gesundheit berichtete An­dreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts (ZI) für Seelische Gesundheit in Mannheim. „Die Datenmengen, die zum Verständnis des Gehirns und psychischer Stö­run­gen analysiert werden müssen, sind immens und verlangen einen massiven Ausbau der IT-Infrastruktur in den Kliniken“, schickte er voraus. Eine Hirnbildgebungs­studie allein könne in einer Sitzung beispielsweise mehr als ein Terabyte Daten generieren. Genetis­che und epigenetische Daten und Ergebnisse der sogenannten Omics-Verfahren könn­ten ähnliche Größenordnungen erreichen.

Künstliche Intelligenz zur Identifikation psychischer Erkrankungen
„Inzwischen ist es möglich, in diesen riesigen Datenmengen mit selbsttrainierenden Algo­rithmen durch „deep learning“ oder künstliche Intelligenz Muster zu entdecken, die sich zur Identifikation psychischer Erkrankungen nutzen lassen“, erklärte Meyer-Linden­berg, „und perspektivisch auch zur präziseren Auswahl von Therapien“.

Durch die Fähigkeiten von Smartphones, den Besitzer genau zu lokalisieren und seine Bewe­gungs­­aktivitäten zu messen, würden sich für die Medizin ganz neue Möglichkeiten ergeben. „In Zukunft wird es wahrscheinlich auch möglich sein, die emotionale und kognitive Befindlichkeit eines Patienten zu messen“, sagte der ZI-Direktor. So gebe es beispielsweise bereits Befunde, die nahelegten, dass sich eine neu beginnende manische Episode bei einer bipolaren Störung in zunehmenden SMS und Telefon­anrufen des Betroffenen zeige.

E-Mental-Health: „Die Weichen sind gestellt“
Online-Psychotherapie: Sinnvoll nur als Ergänzung
E-Mental-Health: Klare Qualitätsstandards notwendig
App für traumatisierte Bundeswehrsoldaten

Über sogenannte Feedback-Apps könnte den Patienten gesundheitsschädigendes Ver­halten zurückgespiegelt werden. Andreas Heinz gab das Beispiel eines Alkohol­abhängi­gen, der sich nach der Entzugsbehandlung in der Nähe einer Gaststätte aufhalte: „Mittels eines Signals oder einer SMS könnten wir ihn womöglich von einem Rückfall abhalten.“

Neue Ansätze in der Forschungsförderung notwendig
Aus Sicht der DGPPN sind in der Forschungsförderung dringend neue Ansätze notwen­dig. „Mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung (DZG) hat die Bundesre­gie­rung ein Instrument geschaffen, das sich zur strukturellen Förderung auch im Bereich der psychischen Gesundheit eignet. Die Psychiatrie und Psychotherapie habe in der ge­genwärtigen Förderperiode nicht zu den Themenfeldern gehört. „Hier muss die Regie­rung in der nächsten Phase der Förderung unbedingt eine Kurskorrektur vornehmen und ein Deutsches Zentrum für psychische Erkrankungen (DZP) als vernetzte Struktur mehrerer Standorte einrichten“, forderte Meyer-Lindenberg.

Depressionen bei Jugendlichen gehen auf den Magen, Ängste unter die Haut

Psychische Störungen und körperliche Erkrankungen kommen häufig im Doppelpack vor. Psychologen der Universität Basel und der Ruhr-Universität Bochum haben dabei bei Jugendlichen erstmals zeitliche Muster identifiziert: Arthritis und Erkrankungen des Verdauungssystems treten häufiger nach Depressionen auf, und Angststörungen ziehen Hautkrankheiten nach sich.

Körperliche Erkrankungen und psychische Störungen beeinträchtigen die Lebensqualität und sind eine grosse Herausforderung für das Gesundheitssystem. Vor allem wenn körperliche und psychische Störungen bereits im frühen Lebensalter systematisch und gemeinsam auftreten, bedeuten sie ein Risiko für ungünstige Entwicklungsverläufe der erkrankten Kinder und Jugendlichen.

Daten von 6500 Teens

In welchem zeitlichen Zusammenhang und Muster körperliche Erkrankungen und psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen auftreten, hat nun eine Forschungsgruppe um PD Dr. Marion Tegethoff in Kooperation mit Prof. Gunther Meinlschmidt von der Fakultät für Psychologie der Universität Basel in einem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt untersucht. Im Fachmagazin Plos One analysierten sie die Daten einer repräsentativen Stichprobe aus den USA mit 6483 Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren.

Die Forschenden stellten fest, dass Kinder und Jugendliche an manchen körperlichen Krankheiten auffällig häufig erkranken, nachdem sie bereits unter bestimmten psychischen Störungen leiden. Umgekehrt treten manche psychischen Störungen öfter nach bestimmten körperlichen Erkrankungen auf. Affektive Störungen wie Depressionen waren häufiger gefolgt von Arthritis und Erkrankungen des Verdauungssystems, gleiches galt für Angststörungen und Hauterkrankungen. Herzbeschwerden zogen vermehrt Angststörungen nach sich. Ein enger Zusammenhang wurde erstmals auch zwischen epileptischen Erkrankungen und folgenden Essstörungen gefunden.

Epilepsie und Essstörungen

Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise darauf, wie psychische Störungen und körperliche Erkrankungen auch ursächlich miteinander zusammenhängen könnten. Die nun gefundenen zeitlichen Zusammenhänge lenken das Augenmerk auf Prozesse, die sowohl für die Entstehung der körperlichen Erkrankungen und psychischen Störungen als auch für ihre Therapie relevant sein könnten. Bereits in einer früheren Arbeit konnten dieselben Autoren Zusammenhänge zwischen psychischen Störungen und körperliche Erkrankungen bei Jugendlichen nachweisen.
Weiterführende Links

«Wir fanden nun als Erste, dass Epilepsie ein erhöhtes Risiko für Essstörungen nach sich zieht – ein Phänomen, das bislang nur an wenigen Patienten beschrieben wurde. Dies deutet darauf hin, dass Ansätze der Epilepsiebehandlung auch im Kontext von Essstörungen Potenzial haben könnten», erläutert Marion Tegethoff, Erstautorin der Studie. Aus gesundheitspolitischer Perspektive unterstreichen die Befunde, dass es nötig ist, die Behandlung psychischer Störungen und körperlicher Erkrankungen bereits im Kindes- und Jugendalter eng miteinander zu verzahnen.

Originalbeitrag
Marion Tegethoff, Esther Stalujanis, Angelo Belardi, Gunther Meinlschmidt
Chronology of Onset of Mental Disorders and Physical Diseases in Mental-Physical Comorbidity – A National Representative Survey of Adolescents
Plos One (2016), doi: 10.1371/journal.pone.0165196

Weitere Auskünfte
PD Dr. Marion Tegethoff, Universität Basel, Fakultät für Psychologie, Abteilung für Klinische Psychologie und Psychiatrie, Tel. +41 61 207 02 61, E-Mail: marion.tegethoff@unibas.ch

Internetsucht: Mehr als jeder siebte Schüler gefährdet

Mainz – Mehr als jeder siebte Schüler in Rheinland-Pfalz ist einer Untersuchung zufolge in Gefahr, internetsüchtig zu werden. Zu den suchtartig genutzten Angeboten gehören nicht nur Online-Computerspiele, sondern auch soziale Medien, wie Leonard Reinecke erklärte. Der Juniorprofessor für Online-Kommunikation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist einer der Leiter einer repräsentativen Studie, für die 1.800 Kinder und Jugendliche befragt wurden. Erste Ergebnisse werden am morgigen Donnerstag vorgestellt.

Zur Sucht gehöre, dass man an nichts anderes mehr denken könne und bei einge­schränk­tem Zugang nervös sei und Angst bekomme, sagte Reinecke. Außerdem blieben Abstinenzversuche erfolglos. „Wichtige Teile des Lebens werden vernachlässigt, so etwa der Kontakt zur Familie, die Schule und der Freundeskreis.“ Die Ergebnisse der Studie legten nahe, dass 2,5 Prozent der Schüler eine Internetsucht hätten.

Reinecke weist auf eine weitere Gefahr hin: Menschen präsentieren sich auf Internet­platt­formen oft nur von ihrer Schokoladenseite. „Wenn man als Betrachter vergisst, dass das ein nur positiver Ausschnitt ist, dann erscheint das eigene Leben weniger farben­froh“, sagte Reinecke. Daraus könnten Frustration und Unzufriedenheit entstehen. Be­sonders häufig verglichen Kinder und Jugendliche ihren Körper mit den Körpern von an­deren.

Reinecke und seine Kollegen befragten die Schüler im Alter von elf bis 17 Jahren zu ihren Mediennutzungsgewohnheiten. „Die Pubertät ist der Zeitraum, in dem sich viele zentrale Fragen stellen und geklärt werden: Wer bin ich, wer will ich sein?“, sagte Rei­necke. In diesem Abschnitt sei es besonders spannend zu sehen, wie Medien wirkten.
„Sind sie positive Begleiter oder überwiegen die Gefahren und Risiken?“, fragte er. Da gebe es noch kaum Untersuchungen.

Die Forscher des Mainzer Instituts für Publizistik stellten durchaus Nutzen durch Inter­net­nutzung fest. Bei der Definition der eigenen Identität und der Abgrenzung von den Eltern könnten soziale Medien eine wichtige Orientierungsfunktion bieten, sagte Reinecke. „Die Schüler sehen, wie Gleichaltrige mit ähnlichen Fragen umgehen; wie diese sich verhal­ten.“

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Außerdem werde der Alltag ganz stark mithilfe sozialer Medien organisiert. Die Netz­wer­ke seien „die Nabelschnur zu den Freunden“, sagte Reinecke. Dazu gehöre auch, dass Jugendliche zum Beispiel im Laden einen Rock oder eine Hose sehen, und Gleichaltrige um Rat fragen, ob sie das Kleidungsstück kaufen sollen. „Alles, was sie bewegt, können sie zeitnah und barrierefrei an die Peergroup weitermelden und bekommen eine Antwort.“

Das Team der Mainzer Universität hat sich nicht gesondert mit den Jugendlichen be­schäftigt, die nicht online sind – denn dafür wäre die Datenbasis zu klein gewesen. „Die Gruppe der Abstinenzler ist fast nicht existent“, sagte Reinecke. 80 Prozent der befrag­ten Kinder und Jugendlichen seien täglich oder mehrmals täglich im Internet, im Schnitt 3,4 Stunden am Tag.

Belastungs­inkontinenz: Duloxetin ist nur für psychisch gesunde Patienten geeignet

Kopenhagen – Das Antidepressivum Duloxetin ist in Europa auch bei Belastungs­inkon­ti­nenz zugelassen. Zwar verbessert es die Symptome. Jedoch überwiegen potenziell fol­geschwere Nebenwirkungen, wenden Forscher vom Nordic Cochrane Centre ein. Nega­tive Gefühlszustände wie Angst, Akathisie, Aufregung oder Unruhe, die Suizidalität und Aggressionen begünstigen, treten vier- bis fünfmal häufiger auf als in einer Placebo­gruppe.

Zu diesem Ergebnis kommen die dänischen Forscher in einer Metaanalyse basierend auf Daten der European Medicine Agency (EMA), die im Canadian Medical Association Journal publiziert wurde (2016, doi: 10.1503/cmaj.161088). Eine Vertreterin der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) vermutet jedoch, dass das Medikament häufig bei falscher Indikation eingesetzt wird.

Duloxetin war das erste spezifisch gegen Belastungsinkontinenz wirkende Medikament. Es verbessert die Kontraktilität des quergestreiften Harnröhren-Schließmuskels. Unter Duloextin-Therapie berichten die Betroffenen seltener von wöchentlichen Inkontinenz-Episoden.

Damit sie die Symptome jedoch als viel besser oder sehr viel besser einordnen, bedurfte es acht Patienten (number needed to treat). Hingegen waren nur sieben Menschen mit Belastungsinkontinenz und Duloextin-Therapie nötig, um einen zu finden, der über eine Nebenwirkung klagte. Diesen Vergelich stellen die Autoren um Emma Maund in ihrer Metaanlyse auf, in der sie vier randomisierte placebokontrollierte Studien mit 1.913 Patienten auswerteten.

Zwar konnten die Autoren Suizide, Gewalt oder Akathisie nicht direkt beobachten. Jedoch ordnen sie auffällige Störungen als bedrohlich ein. Unter Duloxetin traten Angst, Panikatacken, Stress oder auch Euphorie und Manie häufiger auf als in der Placebo­gruppe. Die US Food and Drug Administration (FDA) berichtet in einer offenen Folge­studie mit 9.400 Patienten über eine erhöhte Rate von Suizidversuchen unter dem Antidepressivum (400 pro 100.000 Suizidversuche/Jahr versus 150 bis 160 pro 100.000/Jahr). Keinen Anstieg der Suizidalität beobachtete die FDA hingegen bei Studien zu Cymbalta bei Patienten mit Depressionen oder diabetischer Neuropathie.

Duloxetin ist nur bei bestimmten Patienten indiziert
„Aufgrund dieser ungewissen Studienlage müssen wir den Nutzen von Duloxetin bei Belastungsinkontinenz hinterfragen und raten von der Verschreibung ab“, schlussfolgert Maund. Dieser Empfehlung will sich Ulrike Hohenfellner nicht anschließen. „Entschei­dend ist, dass Duloxetin nur dann ohne Absprache mit einem Neurologen oder Psychiater eingesetzt wird, wenn keine psychische Komorbidität besteht“, erklärt die Vorsitzende des Arbeitskreises Psychosomatische Urologie und Sexualmedizin der DGU.

Bei psychisch gesunden Patienten sei die Anwendung im Hinblick auf Suizidalität sicher und die Verschreibung unbedenklich. „Hingegen wirkt Duloxetin bei depressiven Patienten antriebssteigernd, wodurch es zum Handlungsentschluss und zur Umsetzung einer suizidalen Aktivität kommen kann, für die zuvor der Wille und die Energie fehlten.“ Entsprechend gelte eine begleitende Depression seit Zulassung des Präparats als Kontraindikation bei der Inkontinenz-Therapie.

In Deutschland leidet etwa jede vierte Frau ab 40 unter Belastungsinkontinenz. Insgesamt geht Hohenfellner von etwa 10 Millionen Betroffenen aus. Das sei allerdings nur eine grobe Schätzung.

Die Urologin vermutet, dass das erhöhte Vorkommen von affektiven Beschwer­den, die potenziell mit Suizidalität einhergehen können, möglicherweise daraus resultiert, dass eine begleitende Depression oder eine in der Vergangen­heit behandelte depressive Episode in der urologischen Diagnostik nicht registriert worden waren.

 „Die Harninkontinenz weist eine hohe Koinzidenz mit Angsterkrankungen und Depression auf. Dabei finden sich diese sowohl als primäre psychische Erkrankung, die eine somatoforme Inkontinenz bedingt, als auch als sekundär hervorgerufen durch die psychosoziale Belastung der Inkontinenz. Demzufolge sollten Ärzte bei der Inkonti­nenz-Diagnostik immer eine psychosomatische Anamnese durchführen beziehungs­weise einen psychopathologischen Befund einbeziehen. „Findet sich hier keine Kontrain­dikation für Duloxetin, sollte man seinen Patienten diese Therapieoption nicht vorenthalten, im Zweifel aber einen Neurologen oder Psychiater hinzuziehen“, empfiehlt die niedergelassene Urologin aus Heidelberg.

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Arznei-Verordnungsreport
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Weibliche Beckenbodendysfunktion: Diagnostik und Therapie
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Unverzichtbar ist für Hohenfellner das Medikament in erster Linie zur Behandlung älterer Damen, bei denen aufgrund Arthrose-bedingter körperlicher Einschränkung oder kognitiver Beeinträchtigung ein kuratives Beckenbodentraining nicht zielführend durchführbar ist. Duloxetin ist nach ihrer Erfahrung auch für Männer mit Post-Prosta­tektomie-Inkontinenz anwendbar und verträglich. Hier handelt es sich jedoch um einen Off-Label-Use, Zulassungsstudien liegen nur für Frauen vor.

Seit August 2004 wird der Serotonin-/Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin (Yentreve®) zur Behandlung mittelschwerer bis schwerer Belastungsinkontinenz der Frau in Deutschland angeboten. Bereits damals stand im Arznei Telegramm, dass unter anderem aufgrund von beschriebenen Suiziden und Suizidgedanken die positive Bewertung der europäischen Zulassungsbehörde nicht nachvollziehbar erscheinen würde. Von einer Einnahme wurde abgeraten. Der aktuelle Arznei-Verordnungsreport zeigt 2015 wie auch schon 2014 einen Rückgang des vergleichsweise ohnehin geringen Verordnungsvolumens.

Fettreiche Ernährung könnte psychische Erkrankungen begünstigen

Zürich – Eine besonders fettreiche Ernährung in der Jugend könnte auf biochemischer Ebene die Entwicklung von psychischen Erkrankungen fördern. Dies schließt eine Arbeitsgruppe der ETH Zürich und des INMED Institute in Marseille aus Versuchen an Mäusen. Die Forscher um Urs Meyer und Pascale Chavis berichten in Molecular Psychiatry über ihre Ergebnisse (2016; doi: 10.1038/mp.2016.193).

Übergewicht in der Adoleszenz kann psychische Erkrankungen begünstigen. Es ist laut den Autoren jedoch unklar, ob dies an den psychosozialen Folgen des Übergewichts liegt oder ob es auch auf molekularer Ebene einen entsprechenden Erklärungsansatz gibt.

In ihrer Studie fütterten die Forscher Mäuse mit fettreichem Futter, entweder kurz nach der Geburt oder in der Adoleszenz. Sie untersuchten die Veränderungen im Vorderhirn und präfrontalen Kortex, den Steuerzentralen von Affektkontrolle und Verhalten.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass es durch die fettreiche Ernährung in den ersten vier Wochen nach der Geburt zu einer verminderten Ausschüttung von Reelin in den frontalen Hirnabschnitten kam. Das Protein steuert das Wachstum und die Differen­zierung von Nervenzellen. Es trägt somit entscheidend zu der neuronalen Plastizität bei. Die verminderte Plastizität durch die niedrigen Reelinlevel zeigte sich auch bei den Mäusen. Die Veränderungen wurden bereits deutlich, bevor die Mäuse relevant an Gewicht zunahmen.

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Abstract zur Studie in Molecular Psychiatry
Depressiv durch Fertigpizza
Prävention von Demenz durch Ernährung ist unklar

Wenn die Forscher das Protein den Mäusen zusätzlich verabreichten, entwickelten sich die Gehirne regelrecht. Bei ausgewachsenen Tieren führte die fettreiche Ernährung hingegen nicht zu Veränderungen.

Die Forscher schließen aus den Ergebnissen, dass eine fettreiche Ernährung die neuro­nale Plastizität ungünstig beeinflussen kann. Ein Reelinmangel ist unter anderem bei Patienten mit Schizophrenie oder Alzheimer bekannt. Möglicherweise könnte eine fettreiche Ernährung in der Jugend das Risiko für diese Erkrankungen erhöhen, mutmaßen die Forscher.