Teenager: Gemeinsame Familienmahlzeiten vermeiden Übergewicht und Essstörungen

Angesichts einer steigenden Zahl von übergewichtigen und fettleibigen Jugendlichen ist guter Rat teuer. In den USA ist bereits jeder dritte Teenager zu dick. Viele Eltern machen sich Sorgen und betrachten deshalb die Gewichtsentwicklung ihrer Kinder zunehmend kritisch. Ständige Diskussionen über das Gewicht, eventuell sogar Hänseleien über die pummeligen Teenager sind jedoch in der Regel kontraproduktiv, schreiben Neville Golden von der Stanford University School of Medicine und Mitarbeiter in einem Report für die American Academy of Pediatrics.

Auch die Aufforderung zur Diät sei falsch. Diäten im Jugendalter sind für den Experten der falsche Weg. Sie seien nicht nur unwirksam, in Studien erweisen sie sich immer wieder als Risikofaktor für eine Adipositas oder, was noch bedrohlicher ist, für eine Anorexie.

Golden rät zu gemeinsamen Familienmahlzeiten. Teenager sollten nach Möglichkeit nicht alleine essen, da dies schnell zu einer ungesunden Ernährungsweise mit hochkalorischen Nahrungsmitteln führt. Wenn die Eltern das Essen zubereiten, sei die Chance höher, dass die Jugendlichen sich gesund ernähren. Beim Essen sollte niemals über Gewichtsprobleme geredet werden. Diäten sollten ebenfalls Tabu sein. Wenn die Eltern intervenieren möchten, dann sollten sie ihre Kinder eher zu mehr Bewegung motivieren. Das Motiv sollte jedoch die körperliche Fitness sein, niemals aber die Gewichtskontrolle.

zum Thema

PDF der Empfehlung
Pressemitteilung der American Academy of Pediatrics
Pressemitteilung von Stanford Medicine

Kinder sollten sich beim gemeinsamen Essen satt essen dürfen. Viele Eltern unterschätzen den Bedarf von Teenagern. Mit den 2.000 Kilokalorien, die für Erwachsene empfohlen werden, kommen Jugendliche in der Regel nicht aus. Mädchen benötigen im Teenageralter etwa 2.200 Kilokalorien, Jungen sogar 2.800 Kilokalorien am Tag. Wenn sie aktiv Sport treiben, kann der Bedarf sogar deutlich höher sein. Auch gilt aber: Wer anfängt, Kalorien zu zählen, hat in der Regel bereits verloren.

Adipositaschirurgie: Langanhaltender Gewichtsverlusst dank Magenbypass

Durham – Eine Langzeitstudie zeigt den anhaltender Effekt eines Roux-en-Y-Magenbypasses (RYGB). Diese führten Chirurgen bei adipösen Patienten durch. Den anschließend erzielten Gewichtsverlust konnten die operierten Probanden größtenteils auch zehn Jahre später noch halten. Im Vergleich zu anderen bariatrischen Eingriffen erzielte der RYGB den größten Erfolg. Die Ergebnisse der Studie wurden in JAMA Surgery (2016; doi: 10.1001/jamasurg.2016.2317) publiziert.

Erstautor Matthew L. Maciejewski von der Duke University in Durham hat mit seinen Kollegen 573 adipöse Veteranen über zehn Jahre untersucht, die einen RYGB erhalten hatten und mit einer nicht operierten Kontrollgruppe verglichen. Diese bestand aus 1.274 stark übergewichtigen Menschen mit einem Body Mass Index von etwa 47, die keine formale Therapie gegen Übergewicht erhielten. Fast jeder dritte der Studiengruppe hatte einen Diabetes Typ 2.

Nach zehn Jahren hatten die RYGB-Patienten 21 % mehr an Gewicht verloren. Nur 19 von 564 erlebten den Jojo-Effekt und fielen nach zehn Jahren wieder annähernd auf ihr Anfangsgewicht zurück. Die erfolgreichen Ergebnisse nach einer RYGB überwogen: Fast 40 % der operierten Probanden konnten nach zehn Jahren sogar einen Gewichtsverlust von 30 % aufweisen. In der Kontrollgruppe erreichten nur 4 % dieses Ziel. Dass auch ohne eine Therapie ein paar Pfunde purzelten, führen die Autoren auf altersbedingte Effekte zurück. Es sei auch nicht auszuschließen, dass einzelne an einem Bewegungsprogramm teilgenommen hätten.

zum Thema

Abstract JAMA Surgery 2016
Adipositas-Operation senkt Alkoholtoleranz
Adipositas: Zahl bariatrischer Eingriffe steigt
Adipositas-Chirurgie senkt Sterblichkeit
Adipositas-Operationen erhöhen Suizidrisiko
Bariatrische Operation senkt Blutzucker besser als Medikamente
Adipositas-Chirurgie verlängert das Leben
Schlauchmagen behebt Typ-2-Diabetes mellitus

Magenbypass, Schlauchmagen und Magenband im Vergleich
Die Forscher verglichen den Gewichtsverlust auch mit anderen Eingriffen der Adipositaschirurgie, vier Jahre nach der Operation: a) mit einem verstellbaren Magenband (n = 246) und b) mit einem Schlauchmagen (n = 379). Zu diesem früheren Zeitpunkt hatten die RYGB-Probanden noch 28 % ihres Ausgangsgewichts verloren. Damit war die RYGB den anderen Methoden deutlich überlegen. Hier konnten die Patienten mit einem Schlauchmagen ihr Gewicht um 18 % minimieren und diejenigen mit einem Magenband um 11 %.

Welche Maßnahme für welchen Patienten am geeignetsten ist, können die Autoren dennoch nicht pauschal sagen. Die Nebenwirkungen der Methoden müssten noch besser untersucht werden. Zudem sollten Ärzte ihre Patienten über die realistischen Ergebnisse der Adipositaschirurgie aufklären. Studien hatten gezeigt, dass Patienten oft unrealistische Vorstellungen haben.

Vor- und Nachteile der Studie: Komorbiditäten wurden nicht untersucht
Die Adipositaschirurgie zählt zu den effektivsten Mitteln, damit übergewichtige Menschen auch langfristig abnehmen. „Zwei von drei adipösen Menschen, die durch konservative Therapien Gewicht verloren haben, nehmen später wieder zu“, berichtete Matthias Blüher, Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft vom Universitätsklinikum Leipzig auf einer Pressekonferenz im Juni 2016 in Berlin. Der bariatrische Eingriff sei derzeit der einzige evidenzbasierte Therapieansatz bei schwerer Adipositas.

Die Evidenz beruht aber derzeit vorrangig noch auf Studien mit einem 1- bis 3-jährigen Flollow-up. Zudem seien bisher vor allem Studien mit jüngeren und hauptsächlich weiblichen Patientinnen durchgeführt worden, berichten die Autoren. In der aktuellen retrospektiven Kohortenstudie betrüge der Männeranteil hingegen mehr als 70 % und das Durchschnittsalter lag bei 52 Jahren. Therapieziel sei aber nicht nur der Gewichts­verlust an sich, berichtete Blüher im Juni. Ob nach zehn Jahren die Komorbiditäten wie etwa Diabetes Typ 2 abgenommen haben oder die Lebensqualität besser wurde, haben die Autoren nicht untersucht.

Einjährige Adipositastherapie für Kinder und Jugendliche in Bonn

Bonn – Das Zentrum für Kinderheilkunde am Universitätsklinikum Bonn bietet gemeinsam mit dem Förderverein Psychomotorik Bonn und der Katholischen Familienbildungsstätte Bonn einjährige Gruppenlehrgänge für Kinder und Jugendliche mit Adipositas. Ziel des Programms „Durch dick und dünn“ ist der nachhaltige Gewichtsverlust der Teil­nehmer.

Bewegungs- und Sporttherapie, Ernährungslehre sowie medizinische und psycholo­gi­sche Betreuung sollen helfen, deren Lebensgewohnheiten zu verändern und damit die Ursachen des Übergewichts zu bekämpfen. „Neben Erfolgen bei der Gewichtsabnahme ist es uns wichtig, das positive Selbstwertgefühl und die Eigenverantwortung der Kinder und Jugendlichen zu fördern sowie Frustration und Leidensdruck zu senken“, sagte Joachim Wölfle, Leiter des Schwerpunktes pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am Bonner Universitätsklinikum.

Mehr Informationen

Anteil der schweren Adipositas nimmt zu
Künstliche Süßstoffe in der Schwangerschaft machen Kinder dicker
Adipositas-Chirurgie: Erfolge und Risiken bei Jugendlichen

Dabei soll der Schwerpunkt statt auf ständiger Gewichtskontrolle eher auf Bewegung und Fitness im Alltag liegen. Zur Unterstützung ihrer Kinder und zum besseren Verständnis der Krankheit erhalten auch die Eltern Schulungen und individuelle Beratung in Psycho­lo­gie, Ernährung, Sport und Medizin. Für die Kinder und Jugendlichen umfasst das Pro­gramm Kochveranstaltungen, Besuche im Kletterwald und in Bonner Sportvereinen. Das Programm richtet sich an Jungen und Mädchen im Alter von acht bis sechzehn Jahren, deren Body Mass Index (BMI) über der 99,5 Perzentile liegt.

Adipositas: Zahl bariatrischer Eingriffe steigt

Berlin – Die Zahl bariatrischer Eingriffe zur Reduktion krankhaften Übergewichts hat sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich erhöht. So haben sich im Jahr 2014 insgesamt 1.070 Versicherte der Barmer GEK einer solchen Operation unterzogen und damit sechs Mal mehr als im Jahr 2006.

Hochgerechnet auf alle Krankenkassen hat es 2014 etwa 9.225 bariatrische Eingriffe ge­geben. Das geht aus dem Krankenhausreport 2016 der Barmer GEK hervor, den das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und die Agenon – Gesell­schaft für Forschung und Entwicklung im Gesundheitswesen erstellt haben.

„Die Zahlen sind noch gering. Aber wir sehen einen deutlichen Trend. Und das macht uns Sorgen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Christoph Straub, heute anlässlich der Präsentation des Reports in Berlin. Zudem wies er darauf hin, dass sich 2014 etwa sieben Millionen Menschen wegen Adipositas bei niedergelassenen Ärzten hätten behandeln lassen. Das seien 14 Prozent mehr gewesen als im Jahr 2006.

Komplikationen nach bariatrischen Eingriffen
Straub betonte, dass bariatrische Operationen zur Behandlung von Adipositas nur das letzte Mittel sein dürften und vorher alle konservativen Behandlungsmöglichkeiten wie die Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie ausgeschöpft worden sein müssten. Denn bei bariatrischen Operationen handle es sich um „schwere, nicht wieder rück­gän­gig zu machende Operationen an einem eigentlich funktionierenden Körper“.

„Nach einem bariatrischen Eingriff müssen Patienten häufiger wegen Gallensteinen, Krank­heiten des Verdauungssystems und Eingeweidebrüchen ins Krankenhaus“, erklär­te Boris Augurzky vom RWI, einer der Autoren des Reports. Zudem steige die Sterberate bei operierten gegenüber nicht operierten Patienten in den ersten vier Jahren nach dem Eingriff um 7,7 Prozent.

Mortalität ist in Zentren geringer
Auf der anderen Seite gebe es jedoch auch positive Aspekte, weil operierte Patienten sel­tener an Diabetes erkrankten und sich bei Frauen auch die Zahl der Geburten er­höhe, erklärte Straub. „Es wird sogar schon damit geworben, dass man Diabetes mit ei­nem bariatrischen Eingriff wegoperieren könne. Angesichts der Schwere des Eingriffs halte ich das für eine gefährliche Aussage“, betonte er.

Straub warb dafür, dass sich Patienten, bei denen eine Operation unvermeidbar ist, in einem von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) zer­ti­fizierten Zentrum operieren lassen sollten. Dort werde die Diagnose von einem inter­diszi­pl­inären Team vorgenommen, und die Patienten würden postoperativ begleitet. Auch sei die Behandlungsqualität in den Zentren besser. „40 von 1.000 Patienten, die sich haben operieren lassen, sterben durch die Behandlung. In den Zentren sind es 34. Das ist schon statistisch signifikant“, erklärte Krankenhausreport-Autor Augurzky.

Nur 44 von 350 Krankenhäusern zertifiziert
Zudem seien Behandlungen in einem Zentrum für die Krankenkassen „im Schnitt um mehr als 3.800 Euro pro Eingriff“ preiswerter. Grund dafür sei unter anderem, dass es weniger Komplikationen gebe, die dann auch keine Folgekosten generierten. „Bislang lassen sich fast 60 Prozent aller Patienten in einem Zentrum behandeln“, sagte Augurz­ky. „Aber 40 Prozent eben auch nicht.“ In Deutschland bieten dem Report zufolge 350 Krankenhäuser bariatrische Operationen an. Nur 44 von ihnen sind von der DGAV zerti­fiziert.

zum Thema

Barmer GEK Krankenhausreport 2016
Adipositas: Prävention weiter vorantreiben
Bariatrische Chirurgie: Magenbypass bevorzugte Operation
Adipositas-Chirurgie senkt Sterblichkeit
Adipositas-Chirurgie: Erfolge und Risiken bei Jugendlichen

Straub forderte die Krankenhäuser auf, mit niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten wohn­ortnahe Nachsorgekonzepte zu entwickeln. „Nach einer Adipositas-Operation sollte immer eine engmaschige und interdisziplinäre Nachsorge erfolgen. Denn ein baria­tri­scher Eingriff kann schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, wie zum Beispiel einen le­bensbedrohlichen Nährstoffmangel“, sagte er.

„Bariatrische Operationen sind für Krankenhäuser lukrativ“
Straub wies darauf hin, dass die Patienten eine intrinsische Motivation mitbringen müssten, ihren Zustand zu verändern. „Man kann das Problem nicht an einen Thera­peuten delegieren oder einfach wegoperieren“, sagte er. „Patienten müssen die Verän­de­rung wollen, sonst wird mit der Operation nichts erreicht.“

„Bariatrische Eingriffe lösen nicht das gesellschaftliche Problem des Übergewichts“, meinte auch Augurzky. Deshalb sei Prävention sehr wichtig. Zudem müsse man die Pa­tien­ten, die operiert werden sollten, sorgfältig auswählen, je nach individuellen Risiken und Begleiterkrankungen. Würden bundesweit alle Adipösen mit einem Body-Mass-Index von 40 und mehr operiert, kämen auf die gesetzliche Krankenversicherungkurzfristig rund 14,4 Milliarden Euro an Extraausgaben zu.

„In der Adipositas-Chirurgie drohen massive Mehrkosten, die die Beitragszahler am Ende schultern müssten. Dies ist umso bedenklicher, weil eine bariatrische Operation für Kran­kenhäuser lukrativ ist und daher die Tendenz zu immer mehr Eingriffen besteht“, warnte Augurzky.

Krankenhausgesellschaft kritisiert Barmer-GEK-Report
Aus Sicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) macht der Bericht lediglich deutlich, „dass die Krankenkassen immer wieder versuchen, den steigenden medizi­ni­schen Behandlungsbedarf der Bevölkerung in die Nähe von nicht notwendigen Leis­tun­gen der Kliniken zu rücken“. Es sei unredlich, aus dem Anstieg der bariatrischen Ope­ra­tionen den Kliniken die Erbringung unnötiger Operationen zu unterstellen, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

Er betonte, die Statistiken zeichneten ein „schiefes Bild“. Zwar sei richtig, dass ein An­stieg der Operationen – bei geringer Fallzahl – zu verzeichnen sei. Das sei aber schon deshalb zwingend, weil auch die Zahl der Adipositaskranken im Zeitraum 2003 bis 2013 um 22 Prozent angestiegen sei. Fakt sei, „dass sich die Krankenhäuser streng an die Leitlinien zur Adipositasbehandlung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft sowie wei­te­rer medizinischer Fachgesellschaften halten“, so Baum.

Adipositas weniger tödlich als vor 40 Jahren

Kopenhagen – Zu dünne und zu dicke Menschen sterben früher. Dies führt in epidemiologischen Untersuchungen, die Body-Mass-Index und Sterberisiko in Beziehung setzen, zu einer U-Kurve. Der untere Scheitelpunkt des Body-Mass-Index lag in Kopenhagen im Zeitraum 1976/78 bei 23,7 kg/m². Im Zeitraum 1991-94 ist er auf 24,6 kg/m² und im Zeitraum von 2003/13 sogar auf 27,0 kg/m² gestiegen. Er liegt damit in einem Bereich, der allgemein als „übergewichtig“ (25,0-29,9 kg/m²) und damit als kontrollbedürftig eingestuft wird, auch wenn die Grenze zur Adipositas (ab 30 kg/m²), die als Krankheit betrachtet wird, noch nicht erreicht wurde.

Die Zahlen basierten auf drei Kohorten: Zwei Gruppen aus der Copenhagen City Heart Study von 1976-1978 (13.704 TeilnehmerAdipositas) und 1991-1994 (9.482 Teilnehmer) sowie der Copenhagen General Population Study von 2003-2013 (97.362 Teilnehmer). Die Kohor­ten sind in ihrer Zusammensetzung und der Erhebung von Risikofaktoren vergleichbar. Und die Auswertung ist komplett, da ein Abgleich mit den Sterberegistern in Dänemark leicht möglich ist. Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl sind die Ergebnisse stichhaltig, so dass wenig Zweifel an den Ergebnissen möglich sind: Übergewicht scheint  heute weniger gefährlich zu sein als noch vor vier Jahrzehnten.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass Übergewicht gesund ist. Die Studie, die Børge Nordestgaard von der Universitätsklinik Kopenhagen jetzt im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2016; 315: 1989-1996) veröffentlicht hat, kann die Gründe für die wundersame Verschiebung des Scheitelpunktes nicht erklären. Da die gleichen ethnischen Gruppen untersucht wurden (ein Einfluss der Migration ist nicht erkennbar), lässt sich ein genetischer Einfluss ausschließen.

zum Thema

Abstract der Studie
Pressemitteilung der Universität Kopenhagen
Pressemitteilung von JAMA

Eine mögliche Erklärung könnte in der besseren medizinischen Versorgung liegen. Übergewicht ist nicht an sich gefährlich. Es bedingt jedoch kardiovaskuläre Risikofak­toren wie Hypertonie und Hyperglykämie. Gegen Hypertonie und Hyperglykämie gibt es wirksame Medikamente, die das Sterberisiko senken (was für die Hypertonie besser belegt ist als für die Hyperglykämie).

Nordestgaard hat diese beiden Risikofaktoren in seiner Untersuchung nicht berück­sichtigt (während Rauchen, Cholesterin und Bewegungsmangel keinen Einfluss auf das Sterberisiko hatten). Auffällig ist, dass die Verschiebung des Body-Mass-Index mit dem niedrigsten Sterberisiko vor allem auf den Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen ist. Beim Sterberisiko durch Krebs liegt der Scheitelpunkt unverändert im Bereich des Normalgewichts.

Sollte tatsächlich die medizinische Versorgung für die Verschiebung des Scheitelpunktes verantwortlich sein, was derzeit reine Spekulation ist? Dann würde sich die Frage stellen, warum Normalgewichtige davon offenbar nicht profitieren. Sollten am Ende Übergewichtige ein stärkeres Problembewusstsein haben und häufiger zum Arzt gehen als Normalgewichtige, die sich ihrer kardiovaskulären Risikofaktoren weniger bewusst sind? © rme/aerzteblatt.de

Adipositas weltweit auf dem Vormarsch

Paris – Immer mehr Menschen weltweit haben Übergewicht. AdipositasLaut einer am Freitag veröffentlichten Studie sind heute mehr als 640 Millionen Erwachsene adipös, das sind 13 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung. Sollte sich an der gegenwärtigen Lebens- und Ernährungsweise nichts ändern, könnten es im Jahr 2025 mehr als 1,1 Milliarden (20 Prozent) sein.

Vor 40 Jahren habe es zwei Mal so viele Untergewichtige wie Adipöse gegeben, heute gebe es dagegen mehr Fettleibige als Untergewichtige, sagte Majid Ezzati vom Londoner Imperial College, der die im Lancet (2016; 387: 1377–96 ) erschienene Studie koordinierte. Für die nach seinen Angaben umfassendste Untersuchung zu dem Problem hatten die Forscher die Daten von etwa 19 Millionen Menschen im Alter ab 18 Jahren aus 186 Ländern ausgewertet.

Nach den Berechnungen der Forscher leiden heute 641 Millionen Menschen – 375 Millionen Frauen und 266 Millionen Männer – unter extremem Übergewicht. 1975 waren es 105 Millionen Menschen. Grund für die explosionsartige Steigerung sind neben den veränderten Ernährungsgewohnheiten auch genetische Veranlagungen.

aerzteblatt.de

Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge gilt ein Mensch, dessen Body-Mass-Index den Wert von 25 übersteigt, als übergewichtig. Liegt dieser Index bei über 30, gilt ein Mensch als adipös. Bei einem Wert von mehr als 35 ist die Rede von schwerer Fettleibigkeit. Der Index berechnet sich aus dem Gewicht in Kilogramm, geteilt durch die Größe in Metern im Quadrat.

In 40 Jahren wird der durchschnittliche Body-Mass-Index der WHO zufolge bei Männern von 21,7 auf 24,2 und bei Frauen von 22,1 auf 24,4 gestiegen sein. Das entspricht einer durchschnittlichen Zunahme von 1,5 Kilogramm alle zehn Jahre.

Ernährungswissenschaftler führen Übergewicht und Fettleibigkeit in den Industriestaaten vor allem auf zu viel, zu süßes und zu fettes Essen, verbunden mit zu wenig Bewegung, zurück. Übergewicht gilt als Risikofaktor unter anderem für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes und bestimmte Arten von Krebs.

Die Studie warnt, in vielen Regionen mit mittlerem Einkommen – Pazifik, Nahost, Nordafrika, einige südamerikanische und karibische Staaten – sei Fettleibigkeit mittlerweile ein „ernstes Problem für die Volksgesundheit“. Ezzati sagte, ohne „rasche“ internationale Maßnahmen zum Kampf gegen die Fettleibigkeit drohten „gesundheitliche Folgen unbekannten Ausmaßes“. © afp/aerzteblatt.de

Online-Seminare:

Essstörungen

Essstörungen 2.0

Erfolge und Risiken der Adipositas-Chirurgie bei Jugendlichen

Cincinnati – Bariatrische Operationen werden in den USA zunehmend auch bei Teen­agern durchgeführt. Eine prospektive Beobachtungsstudie im New England Journal of Medicine (2016; 374:113-123) attestiert den Eingriffen eine hohe Erfolgsrate. Es wurden jedoch relativ häufig Nachoperationen notwendig und jeder zweite Patient entwickelte später einen Eisenmangel.

Ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen in den USA ist Bariatrieübergewichtig oder adipös. Jeder achte ist mit einem Body-Mass-Index oberhalb der 97. Perzentile sogar morbid adipös. Eine Lebensstilmodifikation erzielt bei Jugendlichen selten einen Erfolg, Medikamente zur Reduktion des Körpergewichts sind mit Ausnahme von Orlistat nicht zugelassen und ihre Wirkung würde bei den meisten das Körpergewicht nur um wenige Kilogramm reduzieren. Immer mehr Jugendliche unterziehen sich deshalb einer bariatrischen Operation.

Die Teen-Longitudinal Assessment of Bariatric Surgery study (Teen-LABS) begleitet eine Gruppe von Heranwachsenden im Alter von 13 bis 19 Jahren, bei denen zwischen März 2007 und Februar 2012 eine bariatrische Operation durchgeführt wurde. Bei 67 Patienten war diese eine Sleeve-Gastrektomie, die den Magen auf einen schmalen Schlauch verkleinert. Bei 161 wurde eine Roux-en-Y-Operation durchgeführt. Sie besteht neben einer Magenverkleinerung auch aus einer Verkürzung der Resorp­tionsstrecke im oberen Dünndarm.

Wie Thomas Inge vom Cincinnati Children’s Hospital Medical Center und Mitarbeiter jetzt berichten, hat die Operation bei den meisten Patienten ihr Ziel erreicht: Im Mittel drei Jahre nach der Operation hatten dieAdipositas KJ Kinder nicht weniger als 41 kg abgenommen (von 149 auf 108 kg), wobei die Gewichtsabnahme nach dem Roux-en-Y-Bypass (minus 42 kg) erwartungsgemäß deutlicher ausfiel als nach der weniger eingreifenden Sleeve-Gastrektomie (minus 38 kg).

Auch aus medizinischer Sicht waren die Operationen ein Erfolg: bei 84 von 128 Patienten besserten sich die Lipidwerte, bei 56 von 76 Patienten normalisierte sich der Blutdruck, bei 19 von 22 Patienten erholte sich die Nierenfunktion, bei 19 von 20 Patienten wurde ein Typ 2-Diabetes und bei 13 von 17 Patienten ein Prädiabetes kuriert.

zum Thema

Die bariatrische Operation war jedoch nicht ohne Risiken: 13 Prozent der Patienten mussten in der Folge teilweise mehrfach nachoperiert werden, weil es zu Strikturen oder anderen Komplikationen gekommen war. Es kam sogar zu einem Todesfall, der aber nicht unbedingt mit der Operation in Verbindung gebracht werden kann kann: Ein Kind mit Typ 1-Diabetes starb 3,3 Jahre nach der Operation an den Folgen einer Hypoglykämie.

Alle Patienten sind seit der Operation in medizinischer Betreuung. Alle erhalten laut Inge Supplemente mit Multivitaminen und Spurenelementen. Dennoch kam es bei 57 Prozent der Teilnehmer zu einem Abfall des Ferritins, bei 43 Prozent zu einem Vitamin D-Mangel, bei 16 Prozent zu einem Vitamin A-Mangel und bei 8 Prozent zu einen Vitamin B12-Mangel. Die Nachbeobachtungszeit von 3 Jahren ist angesichts des jungen Alters der Patienten noch relativ kurz, um die langfristigen Folgen der Operation beurteilen zu können.