Adipositas und metabolische Erkrankungen: S3-Leitlinie soll Eingriff schneller möglich machen

Eine neue Leitlinie „Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen“ soll nach Auffassung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) Magen-Operationen bei geeigneten Diabetespatienten künftig schneller möglich machen. Zu den Standard­verfahren der metabolischen Chirurgie zählen die Magen-Bypass-Operation – dabei wird der Magen durch einen Teil des Dünndarms überbrückt – sowie Verkleinerungen des Magenvolumens zu einem Schlauchmagen.

Laut Leitlinie steht bei diesen Operationen weniger der alleinige Gewichtsverlust im Vordergrund, sondern eine Verbesserung des Stoffwechsels und Gesundheitszustandes zugunsten der Lebensqualität und Lebenserwartung. „Diese Richtungsänderung ermöglicht, die Kostenübernahme metabolischer Operationen einfacher und patientenorientierter zu gestalten, die hoffentlich zur Regelleistung der Gesetzlichen Krankenkassen werden“, erläuterte der DDG-Präsident Dirk Müller-Wieland.

Operation schneller möglich

Patienten mit einem Typ-2-Diabetes und Adipositas dritten Grades – also einem Body-Mass-Index über 40 kg/m² – brauchten nun keinen Nachweis mehr erbringen, dass sie die Möglichkeiten der Gewichtsregulierung ausgeschöpft haben und nur noch die metabolische Operation helfen könne. Sie könnten laut Leitlinie künftig sofort operiert werden, weil davon auszugehen sei, dass die Patienten im Rahmen von Schulungsprogrammen ausreichende Kenntnis über Lebensstiltherapie und Ernährung erhalten haben. Die Leitlinie ist laut DDG damit ein Instrument zur Optimierung der Behandlung von Adipositas und metabolischen Erkrankungen, insbesondere des Typ-2-Diabetes.

Der Eingriff sei auch für Diabetespatienten mit einem BMI über 35 kg/m² empfehlens­wert, wenn sich die diabetesspezifischen Therapieziele durch Medikamente und Lebensstiländerungen wie Ernährungsumstellung und Bewegung nach Einschätzung der behandelnden Diabetologen nicht erreichen lassen.

„Für krankhaft übergewichtige Diabetespatienten kann die Operation ein lebensrettender Ausweg aus einem langen Martyrium sein“, sagte Jens Aberle, ärztlicher Leiter des Adipositas-Centrums am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Co-Autor der Leitlinie. Bei schwerer Adipositas gelinge es nur in wenigen Einzelfällen, durch Ernährungsumstellung und mehr Bewegung das Gewicht zu reduzieren. „Die metabolische Chirurgie ist für Patienten mit schwer kontrollierbaren Blutzuckerwerten daher eine effektive antidiabetische Therapie“, betonte Aberle.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie hat die aktualisierte Leitlinie federführend erarbeitet. Neben der DDG haben sich auch andere Fachge­sellschaften beteiligt, unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie, die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen und die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin.

Antipsychotika fördern Adipositas und Insulinresistenz bei Kindern und Jugendlichen

Die Behandlung mit 3 häufig „off label“ verordneten Anti­psychotika führt schon in niedriger Dosierung bei Kindern und Jugendlichen nach wenigen Wochen zu einer Zunahme des Fettgewebes und zu einer Verschlechterung der Insulinwirkung, was laut einer Publikation in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/ jamapsychiatry.2018.1088) langfristig das Risiko auf einen Typ-2-Diabetes erhöht.

Die Antipsychotika (Neuroleptika) Aripiprazol, Olanzapin und Risperidon wurden ursprünglich zur Behandlung von Psychosen wie der Schizophrenie entwickelt. Sie werden heute jedoch häufig auch zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyper­aktivitätsstörung  (ADHS) und verwandter Verhaltensstörungen eingesetzt, wenn die Jugendlichen auf Stimulanzien wie Methylphenidat nicht ansprechen. Die Dosis ist dabei deutlich niedriger als zur Behandlung von Psychosen.

Von der Behandlung der Schizophrenie her ist bekannt, dass viele Patienten unter der Behandlung (teilweise beträchtlich) an Gewicht zunehmen. Epidemiologische Studien zeigen, dass diese Gewichtszunahme mit einem erhöhten Diabetesrisiko verbunden ist.

Ein Team um John Newcomer von der Florida Atlantic University in Boca Raton (nördlich von Miami) hat jetzt untersucht, welche Auswirkungen eine niedrig dosierte Behandlung mit Aripiprazol, Olanzapin und Risperidon bei Kindern und Jugendlichen hat. An der Studie nahmen 144 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 19 Jahren teil, bei denen die Ärzte ADHS oder andere Verhaltensstörungen diagnostiziert hatten. Die Patienten wurden über 12 Wochen mit Aripiprazol, Olanzapin oder Risperidon mit der in der Altersgruppe üblichen niedrigen Dosierung behandelt.

Vor der Behandlung sowie nach 6 und 12 Wochen wurde das Gesamtkörperfett mit der Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA) und das viszerale und subkutane Fett mit der Magnetresonanztomographie bestimmt. Außerdem wurde mit der hyperinsulinä­mi­schen-euglykämischen Clamp-Technik die Insulinsensitivität von Muskel-, Leber- und Fettgewebe gemessen.

Die Untersuchungen ergaben, dass die Zunahme des Körpergewichts – der Anteil der übergewichtigen und adipösen Patienten stieg innerhalb von 12 Wochen von 29,9 auf 46,5 % an – tatsächlich auf einer Zunahme des Fettgewebes beruhte.

Die größten Auswirkungen hatte Olanzapin. Der DXA-Anteil des Gesamtkörperfetts erhöhte sich um 4,12 %. Unter der Behandlung mit Aripiprazol kam es zu einer Zunahme um 1,66 % und bei Risperidon zu einer Zunahme um 1,18 %. Der Unterschied zu Olanzapin war jeweils signifikant. Olanzapin führte zu einer stärkeren Vergrößerung der subkutanen Fettdepots, während die Auswirkungen auf das viszerale Fettgewebe bei allen 3 Antipsychotika gleich waren.

Die Clamp-Untersuchungen ergaben, dass die Insulinsensitivität in allen 3 Geweben (Muskel-, Leber- und Fettgewebe) abnahm und zwar in allen 3 Gruppen gleich stark.

Die Studie kann nicht beweisen, dass die metabolischen Störungen langfristig das Diabetesrisiko erhöhen. Nach den Erfahrungen bei Erwachsenen muss aber damit gerechnet werden. Newcomer rät den Kinderpsychiatern, diese möglichen Folgen bei der Nutzen-Risiko-Abschätzung der „off label“-Verordnung zu beachten.

Studie stellt metabolisch gesunde Adipositas infrage

Adipöse Frauen haben auch dann ein erhöhtes Risiko auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wenn sie über Jahrzehnte  keine weiteren Stoffwechselrisiken aufweisen und deshalb als metabolisch gesund eingestuft werden. Eine prospektive Beobachtungsstudie in Lancet Diabetes & Endocrinology (2018; doi: PIIS2213-8587(18)30137-2) zeigt zudem, dass die meisten metabolisch gesunden Frauen im Alter Stoffwechselstörungen entwickeln, und zwar unabhängig davon, ob sie als junge Frauen adipös waren oder nicht.

Übergewicht und Adipositas sind wichtige Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall. Epidemiologen sind sich jedoch nicht sicher, ob dies an der Adipositas selbst liegt, oder ob die bei adipösen Menschen oft erhöhten Werte von Blutzucker, Blutdruck oder Blutfetten für das Risiko verantwortlich sind.

Tatsächlich gibt es eine Reihe von adipösen Menschen, bei denen trotz Gewichts­problemen Blutzucker, Blutdruck und Blutfette normal sind. Neben diesen „gesunden Dicken“ gibt es auch „kranke Schlanke“, bei denen trotz Normalgewicht Blutzucker, Blutdruck oder Blutfette erhöht sind.

Ein Team um Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke hat jetzt an der Nurses’ Health Study untersucht, welche Herz-Kreislauf-Risiken sich aus diesen Konstellationen ergeben.

Die Nurses’ Health Study begleitet seit 1980 eine Gruppe von amerikanischen Krankenschwestern, von denen 90.257 zu Beginn der Studie im Alter von 30 bis 55 Jahren noch keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufwiesen. Die Frauen füllen seit Beginn der Studie alle 2 Jahre Fragebögen zu Lebensstil, Gesundheitsverhalten und Erkrankungen aus. Auch der Body-Mass-Index (BMI) und Stoffwechselparameter werden regelmäßig aktualisiert.

Da die Frauen auch Angaben zu möglichen Einflussfaktoren wie Alter, Ernährung, Raucherstatus, körperliche Aktivität, Alkoholkonsum, ethnische Zugehörigkeit, Bildungsgrad, menopausaler Status, ASS-Einnahme sowie zu Herzinfarkt und Diabetes machen, konnte Schulze den Einfluss, den Adipositas und/oder Stoffwechsel auf die Entwicklung von Herzinfarkt und Schlaganfall hatten, isoliert betrachten.

Frauen ohne Hypertonie, Diabetes oder Hypercholesterinämie wurden als metabolisch gesund eingestuft. Wenn einer der 3 Risikofaktoren vorhanden war, wurden sie als „metabolisch ungesund“ eingestuft.

Ergebnis: Metabolisch ungesunde Frauen hatten ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko. Das Ausmaß wurde wie erwartet vom BMI beeinflusst. Für metabolisch ungesunde Frauen mit Adipositas ermittelte Schulze eine Hazard Ratio von 3,15, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall 2,83 bis 3,50 statistisch signifikant war. Bei übergewichtigen und metabolisch ungesunden Frauen betrug die Hazard Ratio 2,61 (2,36–2,89), aber selbst normalgewichtige Frauen hatten, wenn bei ihnen Hypertonie, Diabetes und/oder Hypercholesterinämie vorlagen, ein erhöhtes Risiko (Hazard Ratio 2,43; 2,19–2,68).

Das Fehlen von Stoffwechselrisiken schützte adipöse Frauen jedoch nicht vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für die metabolisch gesunden adipösen Frauen ermittelte Schulze ebenfalls ein leicht erhöhtes Risiko mit einer Hazard Ratio von 1,39 (1,15–1,68).

Hinzu kommt, dass ein gesunder Stoffwechsel bei adipösen Menschen selten von Dauer ist: Von 3.027 metabolisch gesunden Frauen hatten nach 20 Jahren 2.555 (84 %) mindestens einen metabolischen Risikofaktor. Und selbst wenn sie ihre metabolische Gesundheit erhalten konnten, war ihr Herz-Kreislauf-Risiko am Ende doch erhöht (Hazard Ratio 1,57; 1,03–2,38). Deutlich höher war allerdings das Risiko für die adipösen Frauen, deren Stoffwechsel sich verschlechterte (Hazard Ratio 2,74; 2,30–3,27).

Von einer Verschlechterung des Stoffwechsels waren allerdings nicht nur die metabolisch gesunden Adipösen betroffen. Von den 32.882 metabolisch gesunden Frauen mit Normalgewicht wiesen nach 20 Jahren 22.215 (68 %) wenigstens einen metabolischen Risikofaktor auf. Auch diese „Konversion“ war mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden (Hazard Ratio 1,90; 1,66–2,17).

Am gesündesten waren am Ende die schlanken Frauen, die im Verlauf ihres Lebens keine metabolischen Risikofaktoren entwickelten (die Referenzgruppe der Studie). Mit anderen Worten: Eine Adipositas ist selten gesund und sie bleibt es noch seltener.

Zu den Schwächen der Studie gehört, dass sie den Einfluss von körperlicher Bewegung nicht berücksichtigt. Sport ist neben der Gewichtskontrolle und einer gesunden Ernährung der wichtigste Risikofaktor zur Vermeidung von kardiometabolischen Erkrankungen im Alter.

Menschen mit hohem Body-Mass-Index rauchen häufiger und mehr

Übergewichtig oder adipös zu sein, ist auch mit einem erhöhten Risiko für Tabakmissbrauch verbunden. Das berichten Wissenschaftler der Bristol Medical School und der International Agency for Research on Cancer, Lyon, im British Medical Journal(2018; doi: 10.1136/bmj.k1767). „Wenn festgestellt werden könnte, dass Adipositas das Rauchverhalten beeinflusst, hätte dies Auswirkungen auf Präventionsstrategien, die darauf abzielen, diese wichtigen Risikofaktoren zu reduzieren“, betonen die Wissenschaftler.

Die Forscher untersuchten, ob genetische Marker, die mit Adipositas assoziiert sind, eine direkte Rolle im Rauchverhalten spielen. Dafür analysierten sie genetische Varianten mit bekannten Auswirkungen auf den Body-Mass-Index (BMI), den Körperfettanteil und den Taillenumfang für fast 450.000 Personen aus der britischen Biobank-Datenbank und dem Tobacco-and-Genetics-(TAG-)Konsortium.

Sie erfassten drei Maßnahmen des Rauchverhaltens: aktuelles und vergangenes Rauchen, Anzahl der pro Tag gerauchten Zigaretten und Alter des Rauchbeginns. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer lag bei 58 Jahren.

Die Ergebnisse zeigen laut den Forschern, dass jeder Anstieg des BMI um 4,6 kg/m2mit einem zwischen 18 und 19 % erhöhten Risiko verbunden war zu rauchen. Ebenso sehen sie einen Zusammenhang zwischen dem Körperfettanteil sowie dem Taillenumfang und dem Rauchverhalten.

Die Wissenschaftler gehen aufgrund des Studiendesigns von einem kausalen Zusammenhang aus: „Unsere Studie liefert Belege dafür, dass Unterschiede im Body-Mass-Index und in der Körperfettverteilung verschiedene Aspekte des Rauchverhaltens kausal beeinflussen, einschließlich des Risikos, dass Personen mit dem Rauchen beginnen, der Rauchintensität und der Raucherentwöhnung“, berichten sie.

Dies habe Auswirkungen auf Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die darauf abzielen, die Prävalenz dieser wichtigen Risikofaktoren zu verringern, hieß es aus der Arbeitsgruppe.

Neuer Wirkstoff soll Jugendlichen mit genetisch bedingter Adipositas helfen

Über Erfolge bei der Behandlung von jungen Patienten mit genetisch bedingter Adipositas berichten Forscher um Peter Kühnen vom Institut für experimentelle pädiatrische Endokrinologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Die Patienten profitieren von einem Wirkstoff, der gleichzeitig neue Erkenntnisse über die grundlegenden Signalwege des Sättigungsgefühls ermöglicht“, schreiben sie in Nature Medicine (2018; doi: 10.1038/s41591-018-0015-9).

In vorangegangenen Arbeiten konnte die Arbeitsgruppe die zentrale Rolle des Melanocortin-4-Rezeptors (MC4R) für den Energiehaushalt des Organismus und die Regulierung des Körpergewichts belegen. Im Gehirn führt normalerweise die Bindung des Sättigungshormons Leptin an den Leptin-Rezeptor LEPR über mehrere Schritte zur Produktion des melanozytenstimulierenden Hormons (MSH).

Die Bindung von MSH an MC4R löst dann das eigentliche Sättigungssignal in den Zellen aus. Ist der Rezeptor LEPR jedoch defekt, wird diese Signalkaskade der Sättigung schon zu Beginn unterbrochen und ein ungestilltes Hungergefühl begünstigt das Entstehen einer Adipositas. Die Folge ist eine ausgeprägte Fettleibigkeit bereits in der Kindheit. In der Regel gelingt es den Patienten nicht, durch vermehrte Bewegung und reduzierte Kalorienaufnahme, das Körpergewicht längerfristig zu stabilisieren.

Die Forscher haben jetzt ein Peptid eingesetzt, das im Gehirn der Patienten an MC4R bindet und damit das Sättigungssignal wieder auslöst. In Zusammenarbeit mit der Clinical Research Unit des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung/Berlin Institute of Health (BIH) konnte das Team eine deutliche Gewichtsreduktion der behandelten Patienten mit LEPR-Gendefekt beobachten.

Im Rahmen kommender Untersuchungen will das Team jetzt ermitteln, ob es weitere Patienten gibt, die von dem Wirkstoff profitieren könnten: „Denkbar ist, dass es weitere Patientengruppen mit einer Funktionsstörung in diesem Signalweg gibt, die für eine derartige Therapie in Frage kommen“, sagte Kühnen.

Immer mehr Studien widerlegen Adipositas-Paradoxon

Im European Heart Journal publizierten schottische Forscher diese Woche eine weitere Studie, die das Adipositias-Paradoxon widerlegen soll (2018; doi: 10.1093/eurheartj/ehy057). Schon wenige Kilo zuviel erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen lautet das Fazit. Im Umkehrschluss könne schon die Abnahme weniger Kilo die Gesundheit fördern, betonen die Autoren. Ob die Ergebnisse sich auch auf andere Krankheiten, wie etwa Krebs, übertragen lassen, bleibt offen.

Dem Adipositas-Paradoxon zufolge ist Übergewicht mitunter vorteilhaft, vor allem bei älteren Menschen, die sich fit halten. Die neue Studie widerspricht dem, zumindest mit Blick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen – die mit Abstand häufigste Todesursache hierzulande. Das Team um Stamatina Iliodromiti von der Universität Glasgow schloss fast 300.000 Menschen in die Analyse ein, die zu Beginn der Studie (2006 bis 2010) 40 bis 69 Jahre alt und gesund waren. Bis Sommer 2015 verfolgten die Forscher das Schicksal der Teilnehmer. Bei der Auswertung der Daten berücksichtigten sie andere Einflussfaktoren wie Rauchen oder Bluthochdruck.

Linearer Anstieg

Das geringste Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 22 und 23 – also deutlich unter dem Wert für Übergewicht (ab BMI 25). Die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen stieg demnach linear: Ein Anstieg des BMI-Wertes um 5,2 Punkte geht bei Frauen mit einem um 13 % erhöhten Risiko einher. Bei Männern reicht ein BMI-Unterschied von 4,3 Punkten für einen gleichen Risikoanstieg.

Eine wichtige Rolle spielt vor allem der Taillenumfang: Das geringste Risiko fanden die Forscher bei Frauen mit einem Umfang von 74 Zentimetern, bei Männern mit 83 Zentimetern. Bei Frauen stieg die Gefahr für Herz-Kreislauf-Probleme für jeden Zuwachs um 12,6 Zentimeter um 16 %. Bei Männern stieg das Risiko pro 11,4 Zentimeter um 10 %. Bauchfett gilt als besonders problematisch, weil es im Gegensatz zu Fettpolstern direkt unter der Haut verstärkt entzündungsfördernde Botenstoffe freisetzt, die die Blutgefäße schädigen.

„Das ist die größte Studie, die dem Adipositas-Paradoxon bei gesunden Menschen widerspricht“, sagt Iliodromiti. „Möglicherweise kann das aber bei Menschen mit bestimmten Erkrankungen anders sein.“ So gebe es Belege dafür, dass leichtes Übergewicht bei Krebspatienten mit einem geringen Risiko verbunden ist, vor allem weil Chemotherapien zu einem bedenklichen Gewichtsverlust führen können.

„Die Studie greift einen Aspekt auf, der seit Jahren durch die Literatur geistert“, sagt Nikolaus Marx, Leiter der Kardiologie am Uniklinikum Aachen. „Anhand dieser Daten kann man das Adipositas-Paradoxon so nicht mehr stehen lassen.“ Um das Adipositas-Paradox endgültig zu widerlegen, müsse das Resultat jedoch in weiteren großen Studien bestätigt werden. „Die wird es geben, und dann ist die Behauptung vom Tisch“, sagt Marx.

Weitere Studien sprechen gegen das Adipositas-Paradoxon

Nicht nur die neue Studie widerspricht dem Adipositas-Paradoxon. Erst kürzlich hatten Forscher von der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago eine Studie in JAMA Cardiology publiziert, die das Adipositas-Paradoxon widerlegen sollte (n = 190.672). Adipöse Menschen überleben Herzerkrankungen nicht länger, sie erkranken nur früher, so die Vermutung. Und bereits 2016 berichtete das Deutsche Ärzteblatt über eine Studie im Lancet, die ebenfalls Daten präsentierte, die gegen das Adipositas-Paradoxon sprechen.

Jedes siebte Kind in Deutschland zu dick oder fettleibig

Etwa jedes siebte Kind in Deutschland ist zu dick oder sogar fettleibig. Das zeigt eine aktuelle Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) heute vorstellte. Demnach sind 15,4 Prozent der Mädchen und Jungen im Alter zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig. Fast sechs Prozent davon haben Adipositas.

Damit sind genauso viele Kinder und Jugendliche übergewichtig oder fettleibig wie vor zehn Jahren, als es im Zeitraum von 2003 bis 2006 erstmals eine solch großangelegte Untersuchung zur Kinder- und Jugendgesundheit (Kiggs) gab. Der Anstieg von Übergewicht und Adipositas ist dem RKI zufolge zwar gestoppt, es gebe aber eine „Stabilisierung auf hohem Niveau“. Deshalb könne auch keine Entwarnung gegeben werden.

Unterschiede zwischen Einkommensklassen

Während sich zwischen Mädchen und Jungen keine Unterschiede zeigten, sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien jedoch rund viermal häufiger stark übergewichtig als Gleichaltrige mit hohem sozialökonomischen Status. Die Daten der jüngsten Studie stammen aus den Jahren 2014 bis 2017.

Sie zeigen zum Beispiel auch, dass mehr als die Hälfte der zwei- bis sechsjährigen Kinder mit Übergewicht oder Adipositas auch als Jugendliche übergewichtig beziehungsweise fettleibig sind. Im Umkehrschluss heißt das, dass weniger als die Hälfte es später schafft, die Pfunde wieder loszuwerden. Aus Sicht der Experten bestätigt dies, wie notwendig eine frühe Vorbeugung ist.

Zu wenig Bewegung

Wie die Studie weiter zeigt, bewegen sich Kinder und Jugendliche in Deutschland entschieden zu wenig. Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) empfiehlt den Heranwachsenden mindestens 60 Minuten aktive Bewegungszeit pro Tag – doch nur 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen schaffen dies. Das sind weniger als bei der ersten Untersuchung vor gut zehn Jahren.

Der Konsum zuckerhaltiger Getränke sank zwar deutlich, ist aber immer noch viel zu hoch. Aktuell trinken knapp 17 Prozent der Mädchen und rund 22 Prozent der Jungen ein- oder mehrmals täglich zuckergesüßte Erfrischungsgetränke. Vor einem Jahrzehnt war der Konsum mit rund 28 Prozent bei den Mädchen und 34 Prozent bei den Jungen noch erheblich höher. Cola, Limonade und Co. gelten als Risikofaktor für die Entstehung von Übergewicht, Adipositas, Diabetes und weiteren chronischen Krankheiten.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch wies der Lebensmittelindustrie eine Mitverant­wortung zu. Neun von zehn Lebensmitteln, die etwa mit Comicfiguren für Kinder beworben würden, seien „zu süß, zu fettig, zu salzig“ und entsprächen nicht den Vorgaben der WHO für gesunde Kinderprodukte.

Foodwatch forderte die Bundesregierung zu wirksamen Maßnahmen auf. „Wir brauchen Werbebeschränkungen für ungesunde Kinderlebensmittel, eine verständliche Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben und eine Herstellerabgabe für überzuckerte Getränke“, erklärte Luise Molling von der Verbraucherorganisation.

Weniger Frauen Rauchen in der Schwangerschaft

Die Studie wartet auch mit weiteren Ergebnissen auf. So hat zum Beispiel bei jedem neunten Kind im Alter von null bis sechs Jahren die Mutter in der Schwangerschaft geraucht. Im Vergleich zur ersten Erhebung von 2003 bis 2006 ist damit der Anteil der schwangeren Raucherinnen um die Hälfte gesunken. Weiterhin bleiben die Hauptrisikogruppen sehr junge Mütter und Frauen aus einem sozial schwachen Umfeld.

Die Kiggs-Daten seien eine wichtige Grundlage für evidenzbasierte Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar H. Wieler. „Vor allem die Frage, wann entscheidende Weichen für die körperliche und seelische Gesundheit gestellt werden, können wir mit den neuen Längsschnittdaten besser untersuchen.“

Bei rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen finden sich der Erhebung zufolge Anhaltspunkte für psychische Auffälligkeiten. Die Häufigkeit ist im Vergleich zu den letzten Erhebungen etwa gleich geblieben. Jungen haben häufiger sowohl emotionale als auch verhaltensbezogene Probleme als Mädchen. Wie aus der Erhebung weiter hervorgeht, bleibt die Mehrheit rauchender Jugendlicher (85 Prozent) auch im Erwachsenenalter Raucher. Nur 15 Prozent gelingt es, aufzuhören.

Kiggs ist die einzige umfassende Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. An der jüngsten Untersuchung beteiligten sich rund 10.800 Teilnehmer aus der ersten Befragung. Zudem gab es eine neue unter rund 15.000 Kindern und Jugendlichen. Untersucht wurden dabei etwa auch psychische Auffälligkeiten im Lebensverlauf, die Entwicklung des Rauchverhaltens und die Verbreitung von Allergien.

Adipöse im Antragsdschungel

In Deutschland hängen die Chancen für eine konservative oder chirurgische Therapie der Adipositas weit mehr vom Wohnsitz und einer kaum durchschaubaren Bewilli­gungs­praxis als von medizinischer Notwendigkeit ab. So knüpfen Kranken­kassen die Kostenzusage für einen bariatrischen Eingriff zur Gewichtsreduktion an ein zuvor absolviertes Programm mit Ernährungsberatung, Bewegungs- und Psycho­therapie. Nur: Solche multimodalen Therapieprogramme werden längst nicht von allen Kranken­kassen bezahlt und sind auch für Selbstzahler längst nicht flächendeckend verfügbar.

Ein aktueller Beitrag im Deutschen Ärzteblatt illustriert die zahlreichen und teils unüberwindbaren Hürden, an denen fettleibige Patienten häufig scheitern. Experten aus Ernährungsmedizin, Medizincontrolling, Chirurgie und Rechtswissenschaft erläutern, warum die Kranken angesichts der derzeitigen Praxis kaum eine Chance haben und mit welcher Beliebigkeit sie in manchen Regionen unterstützt werden, in anderen jedoch nicht.

Da auch die Kostenzusage für eine Operation vom Absolvieren konservativer Therapien abhängt, ist der Weg zu einer chirurgischen Behandlung ebenfalls versperrt – ein Teufelskreis, aus dem viele adipöse Patienten aus eigener Kraft nicht herausfinden. Es gibt erste Hinweise, dass manche auf der Warteliste sterben, während sie sich noch mit der Krankenkasse um die Kostenzusage streiten.

Immer mehr Kliniken und Ärzte wehren sich gegen diese Vorgehensweise und möchten die Patienten nach Maßgabe der neu erschienenen S3-Leitlinie behandeln – Kosten­zusage hin oder her. Sie suchen Hilfe bei spezialisierten „Adipositasanwälten“ und haben oft durchschlagenden Erfolg. Die Krankenkassen zahlen, mitunter erst nach Mahnung durch die Klinik. Es zeichnet sich eine Trendwende ab, die die bisherige Praxis zum Kippen bringen könnte.

Übergewicht: Wer langsam isst, ist schlanker

Langsam essen schützt vor Übergewicht. Diesen Zusammenhang bestätigen japanische Forscher in einer Auswertung der Daten von rund 60.000 Typ-2-Diabetikern. Langsames Essen könnte dabei helfen, Übergewicht und dessen Folgeerkrankungen Diabetes, Herz-Kreislauf- und Krebs-Erkrankungen zu verhindern, schreiben die Wissenschaftler im British Medical Journal (2018; doi: 10.1136/bmjopen-2017-019589). Auch der Verzicht auf abendliche Snacks und Mahlzeiten weniger als 2 Stunden vor dem Schlafengehen schützt der Studie zufolge vor dem Dickwerden.

Wer dazu neigte, sein Essen zu verschlingen, hatte ein 29 Prozent höheres Risiko für eieinene Body Mass Index (BMI) über 25 kg/m2 im Vergleich zu denen, die mit normaler Geschwindigkeit aßen. Wer besonders langsam aß, hatte sogar ein um 42 Prozent geringeres Risiko für Adipositas. Obwohl die absoluten Verkleinerungen des Taillenumfangs gering waren, kamen sie unter den Langsam- und Normalgeschwindig­keits-Essern häufiger vor: Im Vergleich zu Schnell-Essern schrumpfte er bei Normal-Essern um 0,21 Zentimeter, bei Langsam-Essern um 0,41 Zentimeter.

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, können keine eindeutigen kausalen Schlussfolgerungen über Ursache und Wirkung gezogen werden. Hinzu kommt, dass die Essgeschwindigkeit auf subjektiver Einschätzung beruht und die Forscher weder die Energieaufnahme noch die körperliche Aktivität beurteilt haben.

Die ausgewerteten Krankenkassendaten enthielten Informationen zu Behandlungen, Gewicht und Taillenumfang sowie die Ergebnisse von Blut- und Urintests und der Leberfunktion. Während der Kontrolluntersuchungen wurden die Teilnehmer über ihren Lebensstil befragt, einschließlich ihrer Ess- und Schlafgewohnheiten sowie Alkohol- und Tabakkonsum. Ihre Essgeschwindigkeit sollten sie in eine von drei Kategorien einordnen: schnell, normal oder langsam.

Die meisten Teilnehmer (n = 33.455) beschrieben ihre Essgeschwindigkeit als normal. 22.070 gaben an, ihre Mahlzeiten meist schnell hineinzuschaufeln. Und nur wenige (n = 4.192), vor allem Frauen, zählten zu den Langsam-Essern. Einige Teilnehmer änderten im Verlauf des Untersuchungszeitraums zwischen 2008 und 2013 ihr Essverhalten.

Schnell-Esser merken zu spät, dass sie satt sind

Als einen Grund für den Zusammenhang vermuten die Forscher, dass Schnell-Esser „über den Hunger essen“ – sie essen weiter, obwohl der Kalorienbedarf längst gedeckt und der Hunger gestillt ist. Langsam-Esser hingegen spürten rechtzeitig, dass sie satt sind, und nähmen so weniger Kalorien auf. „Das Sättigungsgefühl wird unter anderem durch die Magendehnung beim Essen ausgelöst“, ergänzt Stefan Kabisch vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam. „Allerdings entsteht es zu einem großen Teil auch im Kopf. Wer langsamer kaut und isst, schmeckt auch länger und nimmt intensiver wahr, dass er überhaupt isst.“

„Das ist die erste Studie in dieser Größe, die den Effekt der Essgeschwindigkeit untersucht“, kommentiert Kabisch. „Das Ergebnis ist grundsätzlich plausibel, allerdings wird man die Stärke des Effekts relativieren müssen.“ Fragebogendaten seien grundsätzlich mit Unsicherheiten behaftet und es gebe zahlreiche Überlappungen mit anderen Einflussfaktoren, die sich mit den vorhandenen Daten nicht berücksichtigen ließen.

Schulbasierte Programme erfolglos gegen Adipositasepidemie bei Kindern

Schulbasierte Ernährungsprogramme sind gegen die Adipositasepidemie bei Kindern chancenlos. Zwar gebe die Schule einen wichtigen Rahmen für die Unterstützung eines gesunden Lebensstils, aber Familien, lokale Gemeinschaften und die Lebensmittelindustrie haben eine größere Wirkung als jede schulische Intervention, berichten Forscher um Peymane Adab vom Institut für angewandte Gesundheits­forschung der Universität Birmingham. Ihre Untersuchung ist im British Medical Journalerschienen (2018; doi: 10.1136/bmj.k211).

Im Vereinigten Königreich sind etwa ein Viertel der Kinder übergewichtig, wenn sie in die Schule kommen. Der Anteil der sehr übergewichtigen – adipösen – Kinder verdoppelt sich in den folgenden 6 Jahren laut den Autoren von etwa 9 auf 19 Prozent.

Die Wissenschaftler wollten in ihrer Untersuchung die Wirksamkeit eines Programms für Lebensstil und gesunde Ernährung namens „West Midlands ActiVe lifestyle and healthy Eating in School children“ (WAVES) ermitteln. WAVES ist eine 12-monatige schulische Intervention, die sich auf gesunde Ernährung und körperliche Aktivität bei Grundschulkindern konzentriert.

Die Ergebnisse basieren auf Daten von rund 1.400 6- bis 7-Jährigen an 54 zufällig ausgewählten staatlichen Grundschulen in den West Midlands, die über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren beobachtet wurden. Zu Beginn der Studie wurden für jedes Kind Größe und Gewicht sowie weitere Messungen in Bezug auf Körperfett, Ernährung und körperliche Aktivität aufgezeichnet.

Das Programm beinhaltete täglich Möglichkeiten zur körperlichen Betätigung in den Schulen, ein Bewegungs- und Ernährungsprogramm in Verbindung mit lokalen Sportlern, regelmäßige Information der Eltern über lokale Bewegungsmöglichkeiten und Workshops zum gesunden Kochen für Familien in den Schulen.

Aber die Forscher fanden keinen signifikanten Unterschied im Gewichtsstatus und keinen signifikanten Einfluss auf Körperfettmessungen, Ernährung oder körperliche Aktivität bei Kindern, die an dem Programm teilnahmen, im Vergleich zu Kindern, die nicht teilnahmen. Die Forscher weisen in diesem Zusammenhang auf die große Zahl der beteiligten Schulen und die lange Nachbeobachtungszeit hin. Sie kommen zu dem Schluss, dass schulische Motivations- und Bildungsansätze „die Adipositasepidemie im Kindesalter wahrscheinlich nicht stoppen werden“.

„Diese Ergebnisse könnten dazu beitragen, den Kreislauf der politischen Entscheidungsträger zu durchbrechen, die mit ineffektiven pädagogischen Präventionsansätzen fortfahren, welche die Adipositasepidemie nicht stark beeinflussen werden“ schreibt Melissa Wake, Kinderärztin und aus Victoria, Australien, in einem verbundenen Editorial. Es sei an der Zeit, neue, lösungsorientierte Ansätze zu entwickeln, „die den Nutzen für die Gesundheit maximieren und rigoros und schnell getestet werden können“, so Wake.