Genetische Veranlagung nicht allein Schuld an Adipositas

In Deutschland sind 60 Prozent der Bevölkerung übergewichtig, ein Vier­tel ist bereits adipös. Das geht aus einem heute veröffentlichten Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hervor.

Demnach sind die Ursachen für Übergewicht und Adipositas vielfältig und komplex: Dazu gehören genetische Veranla­gungen und epigenetische Veränderungen ebenso wie indivi­du­elles Verhalten, zum Beispiel Lebensstile oder ein Mangel an Bewegung.

Hinzu kommen Rahmenbedingungen, die zum Beispiel zu einem Überangebot und einer ständigen Verfügbarkeit von Nahrung führen. Der aktuelle Forschungsstand lasse den Schluss zu, dass genetische Veranlagungen allein die Häufigkeit und das Ausmaß von Übergewicht und Adipositas nicht erklären können, so die Autoren. Daher sollten indivi­du­elle Verhaltensweisen, soziale Normen sowie kulturelle und ökonomische Rahmenbe­dingungen in den Blick genommen werden.

Ziel müsse es dabei sein, die Entstehung von starkem Übergewicht und Adipositas insbe­sondere bei Kindern und Jugendlichen zu verhindern und die Lebensqualität der Betroffe­nen zu verbessern.

Dazu haben die Wissenschaftler in dem Diskussionspapier verschiedene Maßnahmen zusammengefasst: Sie empfehlen unter anderem die Prävention von Übergewicht durch Informationen über gesunde Ernährungsgewohnheiten und regelmäßige Bewegung, die in den Alltag eingebaut werden kann.

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Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen sollten diejenigen Vorlieben und Gewohn­heiten gefestigt werden, die Übergewicht vorbeugen. Die Autoren empfehlen zudem politische Maßnahmen wie eine Besteuerung einzelner Nahrungsmittel und gezielte Werbeverbote.

Im Hinblick auf die von Adipositas betroffenen Menschen fordern sie eine adäquate und evidenzbasierte medizinische Versorgung. Zudem müsse durch Aufklärung und Wissens­ver­mittlung zu Adipositas der Stigmatisierung Betroffener entgegengewirkt werden, da diese die Lebensqualität übergewichtiger und adipöser Menschen weiter verschlechtere.

Die Experten haben darauf hingewiesen, dass einzelne Ansätze für sich kaum erfolgver­sprechend seien, sondern ein Bündel von Maßnahmen initiiert werden sollte. Kurzfristig könne die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas allerdings nicht verringert werden. Alle in dem Diskussionspapier benannten Schritte setzten auf mittel- und langfristige Effekte. 

Prävention von Adipositas bei Kindern erfordert gesündere Lebensbedingungen

Verhaltenspräventive Ansätze reichen nicht aus, um unter den heutigen adipoge­nen Lebensbedingungen etwas gegen Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen auszu­richten. Für eine erfolgreiche Prävention der Adipositas sind vor allem verhältnispräven­tive Maßnahmen erforderlich, die durch Gesellschaft und Politik initiiert werden müssen. Dies zeigen die wissenschaftlichen Studien, die der heute vorgelegten Leitlinie „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ zugrunde liegen.

Die evidenzbasierte S3-Leitlinie wurde von 40 Experten aus 16 medizinisch-wissen­schaft­lichen Fachgesellschaften, Berufsverbänden und weiteren Organisationen erarbei­tet. Federführend waren die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Deutsche Gesellschaft für Kinder-und Jugendmedizin (DGKJ).

Die Anleitung und Schulung der betroffenen Kinder und ihrer Familien mit dem Ziel, den persönlichen Lebensstil in einer multimodalen Adipositastherapie zu ändern, kann unter Umständen ebenfalls erfolgversprechend sein. Dies gilt insbesondere für die Schulung von Kindern im Grundschulalter und vor allem deren Familien. Dennoch heißt es in der fast 80-seitigen Leitlinie, dass die „erreichten Therapieeffekte eher gering“ seien und „oft nicht den Erwartungen der Betroffenen“ entsprächen.

Experten zufolge profitieren Kinder und Jugendliche am ehesten von ambulanten Ange­boten. „Daher gilt für die Adipositastherapie ganz klar die Empfehlung ,ambulant vor sta­tionär’“, sagte Susanna Wiegand, vormals Sprecherin der AGA und seit Oktober Vize­prä­sidentin der Deutschen Adipositas Gesellschaft. Allerdings gebe es zu wenig Plätze für diese Konzepte, nach denen das Kind inmitten von Familie, Schule und Freundeskreis betreut werde.

Krankenkassen zu zögerlich

Der Grund: Noch immer würden ambulante Angebote seitens der Krankenkassen nur zö­gerlich unterstützt. Daher hätten sich schon viele Anbieter aus diesem Segment zurück­gezogen, berichtet Wiegand. „Wir benötigen bundesweit Schulungsangebote für junge Kinder und deren Familien. Die Leitlinie betont, dass allen Betroffenen der Zugang zu einem Schulungsprogramm ermöglicht werden sollte. Dies gilt auch für den ländlichen Bereich, in dem die Adipositasprävalenz höher liegt als in der Stadt.

Martin Wabitsch, einer der federführenden Autoren der neuen Leitlinie, gibt allerdings zu bedenken: „Bei Jugendlichen mit extremer Adipositas liegt die Erfolgsrate deutlich niedri­ger als bei jüngeren Kindern. Für diese spezielle Gruppe von jungen Patienten benötigen wir neue Therapiekonzepte“.

DGKJ-Präsidentin Ingeborg Krägeloh-Mann ergänzte: „Die umfangreiche Cochrane-Ana­lyse […] gibt Entscheidungsträgern jetzt fundierte wissenschaftsbasierte Empfehlungen an die Hand.“ Denn die neu erschienene Leitlinie macht deutlich: Die Adipositas ist das Ergebnis des Lebensstils unserer Gesellschaft.

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Und „die derzeitigen Mechanismen, mit denen Übergewicht und Adipositas auf Bevölke­rungsebene begegnet wird, sind […] noch unzureichend und zum Teil inadäquat“, so die Schlussfolgerung der Leitlinienautoren. Für das gesunde Aufwachsen von Kindern seien tiefergreifende Änderungen erforderlich, für die eine starke politische Unterstützung nötig ist.

Dem Kinder- und Jugendarzt komme dabei in Zusammenarbeit mit weiteren Professionen eine wichtige Rolle zu. Er sei der Vermittler der in der Leitlinie zusammengetragenen Em­pfehlungen und Botschaften: Hierzu gehören unter anderem die Reduktion zuckerhaltiger Getränke und die Beachtung der Portionsgrößen, die Ausrichtung des Speiseangebots in Kitas und Ganztagsschulen an den Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und die Förderung der körperlichen Aktivität im Kindes- und Jugendalter.

Deshalb sollte, so die Leitlinie, der Prävention der Adipositas in der Aus- und Weiterbil­dung der Ärzte ein wesentlicher Stellenwert eingeräumt werden. 

Psychische Erkrankungen und Suizide nach Adipositas-Chirurgie häufig

Jeder 6. adipöse Patient, der sich in Westaustralien einer bariatrischen Ope­ration unterzog, war wegen psychiatrischer Erkrankungen in Behandlung. Die psychi­schen Probleme haben sich einer Studie in JAMA Psychiatry (2019; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2019.2741) zufolge nach der Operation häufig verschärft. Die Behandlung könnte das Suizidrisiko erhöht haben.

Fettleibige Menschen leiden häufig psychisch unter ihren Gewichtsproblemen. Die Adipositas greift das Selbstwertgefühl an und sie ist nicht selten Anlass für Depressionen. Soziale Ausgrenzung und Diskriminierung fördern die psychische Morbidität. Auf der anderen Seite kann Übergewicht aber auch Folge einer psychiatrischen Erkrankung sein. Viele Psychopharmaka fördern die Gewichtszunahme.

Eine bariatrische Operation ist offenbar keine Patentlösung für die psychischen Probleme. Die Patienten verlieren zwar deutlich an Gewicht, es kann aber auch die Lebensfreude verloren gehen. Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass die Suizidrate nach einer bariatrischen Operation erhöht sein kann.

David Morga von St John of God Subiaco Hospital in Perth und Mitarbeiter haben die Zusammenhänge in einer Kohortenstudie an 24.766 Patienten untersucht, die sich in West-Australien in den Jahren 2007 bis 2016 einer bariatrischen Operation unterzogen hatten. Über die „Western Australian Department of Health Data Linkage Branch“, die die Daten aus verschiedenen Patientenregistern zusammenfasst, entnahmen die Forscher, dass nicht weniger als 3.976 Patienten sich im gleichen Zeitraum in psychiatrischer Behandlung befanden. Das sind 16,7 % aller operierten Patienten oder in etwa jeder 6. Die psychia­trische Komorbidität der Adipositas ist demnach hoch. Und die Behandlung könnte ihren Anteil daran haben.

Von den 3.976 Patienten waren 1.401 Patienten (35,2 %) nur vor der Operation, 1.025 (25,8 %) vor und nach der Operation und 1.550 Patienten (39,0 %) nur nach der Operation in psychiatrischer Behandlung.

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Laut Morga verdoppelte sich nach der bariatrischen Operation die Häufigkeit vom ambulanten Behandlungen wegen psychiatrischer Erkrankungen (Inzidenzrate IRR 2,3; 95-%-Konfidenzintervall 2,3 bis 2,4) und es kam 3-mal so häufig zu Besuchen in Notfallambulanzen (IRR 3,0; 2,8 bis 3,2) oder zu psychiatrischen Kranken­haus­auf­enthalten (IRR 3,0; 2,8 bis 3,1). Die Zahl der absichtlichen Selbstverletzungen verfünffachte sich (IRR 4,7; 3,8 bis 5,7).

Nicht weniger als 25 von 261 Todesfällen (9,6 %), zu denen es nach den Operation kam, waren auf Suizide zurückzuführen. Morga rät Chirurgen dringend, die Patienten nicht ohne vorherige psychiatrische Untersuchung zu operieren. Im Erkrankungsfall müssten die Patienten zunächst psychiatrisch betreut werden. Aber auch in der Zeit nach der Operation würden viele Patienten eine psychologische Unterstützung benötigen. 

Künstliches Licht in der Nacht könnte Adipositasrisiko erhöhen

Frauen, die nachts künstlichen Lichtquellen ausgesetzt waren, nahmen in einer prospektiven Beobachtungsstudie in JAMA Internal Medicine (2019; doi: 10.1001/jamainternmed.2019.0571) häufiger an Gewicht zu.

Die „Lichtverschmutzung“ hat weltweit zugenommen. Vor allem in Großstädten finden viele Bewohner auch nachts keine dunklen Räume. Die Schlafzimmer werden dabei keineswegs nur von Straßenverkehr, Laternen oder Leuchtreklamen erhellt. Viele Menschen haben in ihren Schlafzimmern künstliche Lichtquellen. Das kann die Uhr am Radiowecker oder ein Nachtlicht sein. Einige Menschen lassen nachts die Deckenlampe an oder sogar den Fernseher laufen.

Tierexperimentelle Studien zeigen, dass nächtliches Licht die Melatoninbildung vermindert und den Tag-Nacht-Rhythmus stört. Zu den möglichen Folgen gehört eine Zunahme des Körpergewichts.

Yong-Moon Mark Park vom National Institute of Environmental Health Sciences in Research Triangle Park/North Carolina hat hierzu die Daten der Sister Study ausgewertet. Die 43.722 US-Amerikanerinnen im Alter von 35 bis 74 Jahren waren unter anderem gefragt worden, ob sie nachts Lichtquellen ausgesetzt sind. Die Antworten wurden dann mit der Gewichtsentwicklung in den folgenden 5,7 Jahren in Beziehung gesetzt.

Weniger als 20 % der Frauen gaben an, dass sie nachts im völligen Dunkeln schlafen. Bei etwa 40 % leuchtete wenigstens ein Nachtlicht, bei etwa 30 % drang von außen Licht in das Schlafzimmer, die übrigen 10 % ließen nachts Deckenlampe oder Fernsehen an.

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Ein kleines Nachtlicht, etwa die Lampe am Radiowecker, hatte keinen Einfluss auf die Gewichtsentwicklung, auch für die Lichtexposition von außen ließ sich kein eindeutiges Risiko nachweisen. Doch die  Helligkeit durch Deckenlampe oder Fernseher hatte zu 17 % häufiger zu einer Gewichtszunahme um mindestens 5 Kilo geführt als bei den Frauen, die nachts im Dunklen schliefen (relatives Risiko 1,17; 95-%-Konfidenzintervall 1,08-1,27). Und der BMI war zu 13 % um mindestens 10 % gestiegen (relatives Risiko 1,13; 1,02-1,26).

Das gestiegene Risiko ließ sich nicht durch Schlafmangel oder andere Faktoren erklären, zu denen die Teilnehmerinnen der Sister Study ausführlich befragt wurden. Epidemiologische Studien können jedoch niemals alle Aspekte der Lebensführung erfassen und es bleibt möglich, dass die Angewohnheit, nachts im Hellen zu schlafen, nur ein Marker für andere Gesundheitsrisiken ist. Der Mensch ist jedoch genetisch auf den natürlichen Wechsel von Helligkeit am Tag und Dunkelheit in der Nacht angepasst. Wird dieser Zyklus gestört, muss nach Ansicht von Park mit negativen Folgen für die Gesundheit gerechnet werden. 

Adipositas und metabolische Erkrankungen: S3-Leitlinie soll Eingriff schneller möglich machen

Eine neue Leitlinie „Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen“ soll nach Auffassung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) Magen-Operationen bei geeigneten Diabetespatienten künftig schneller möglich machen. Zu den Standard­verfahren der metabolischen Chirurgie zählen die Magen-Bypass-Operation – dabei wird der Magen durch einen Teil des Dünndarms überbrückt – sowie Verkleinerungen des Magenvolumens zu einem Schlauchmagen.

Laut Leitlinie steht bei diesen Operationen weniger der alleinige Gewichtsverlust im Vordergrund, sondern eine Verbesserung des Stoffwechsels und Gesundheitszustandes zugunsten der Lebensqualität und Lebenserwartung. „Diese Richtungsänderung ermöglicht, die Kostenübernahme metabolischer Operationen einfacher und patientenorientierter zu gestalten, die hoffentlich zur Regelleistung der Gesetzlichen Krankenkassen werden“, erläuterte der DDG-Präsident Dirk Müller-Wieland.

Operation schneller möglich

Patienten mit einem Typ-2-Diabetes und Adipositas dritten Grades – also einem Body-Mass-Index über 40 kg/m² – brauchten nun keinen Nachweis mehr erbringen, dass sie die Möglichkeiten der Gewichtsregulierung ausgeschöpft haben und nur noch die metabolische Operation helfen könne. Sie könnten laut Leitlinie künftig sofort operiert werden, weil davon auszugehen sei, dass die Patienten im Rahmen von Schulungsprogrammen ausreichende Kenntnis über Lebensstiltherapie und Ernährung erhalten haben. Die Leitlinie ist laut DDG damit ein Instrument zur Optimierung der Behandlung von Adipositas und metabolischen Erkrankungen, insbesondere des Typ-2-Diabetes.

Der Eingriff sei auch für Diabetespatienten mit einem BMI über 35 kg/m² empfehlens­wert, wenn sich die diabetesspezifischen Therapieziele durch Medikamente und Lebensstiländerungen wie Ernährungsumstellung und Bewegung nach Einschätzung der behandelnden Diabetologen nicht erreichen lassen.

„Für krankhaft übergewichtige Diabetespatienten kann die Operation ein lebensrettender Ausweg aus einem langen Martyrium sein“, sagte Jens Aberle, ärztlicher Leiter des Adipositas-Centrums am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Co-Autor der Leitlinie. Bei schwerer Adipositas gelinge es nur in wenigen Einzelfällen, durch Ernährungsumstellung und mehr Bewegung das Gewicht zu reduzieren. „Die metabolische Chirurgie ist für Patienten mit schwer kontrollierbaren Blutzuckerwerten daher eine effektive antidiabetische Therapie“, betonte Aberle.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie hat die aktualisierte Leitlinie federführend erarbeitet. Neben der DDG haben sich auch andere Fachge­sellschaften beteiligt, unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie, die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen und die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin.

Antipsychotika fördern Adipositas und Insulinresistenz bei Kindern und Jugendlichen

Die Behandlung mit 3 häufig „off label“ verordneten Anti­psychotika führt schon in niedriger Dosierung bei Kindern und Jugendlichen nach wenigen Wochen zu einer Zunahme des Fettgewebes und zu einer Verschlechterung der Insulinwirkung, was laut einer Publikation in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/ jamapsychiatry.2018.1088) langfristig das Risiko auf einen Typ-2-Diabetes erhöht.

Die Antipsychotika (Neuroleptika) Aripiprazol, Olanzapin und Risperidon wurden ursprünglich zur Behandlung von Psychosen wie der Schizophrenie entwickelt. Sie werden heute jedoch häufig auch zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyper­aktivitätsstörung  (ADHS) und verwandter Verhaltensstörungen eingesetzt, wenn die Jugendlichen auf Stimulanzien wie Methylphenidat nicht ansprechen. Die Dosis ist dabei deutlich niedriger als zur Behandlung von Psychosen.

Von der Behandlung der Schizophrenie her ist bekannt, dass viele Patienten unter der Behandlung (teilweise beträchtlich) an Gewicht zunehmen. Epidemiologische Studien zeigen, dass diese Gewichtszunahme mit einem erhöhten Diabetesrisiko verbunden ist.

Ein Team um John Newcomer von der Florida Atlantic University in Boca Raton (nördlich von Miami) hat jetzt untersucht, welche Auswirkungen eine niedrig dosierte Behandlung mit Aripiprazol, Olanzapin und Risperidon bei Kindern und Jugendlichen hat. An der Studie nahmen 144 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 19 Jahren teil, bei denen die Ärzte ADHS oder andere Verhaltensstörungen diagnostiziert hatten. Die Patienten wurden über 12 Wochen mit Aripiprazol, Olanzapin oder Risperidon mit der in der Altersgruppe üblichen niedrigen Dosierung behandelt.

Vor der Behandlung sowie nach 6 und 12 Wochen wurde das Gesamtkörperfett mit der Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA) und das viszerale und subkutane Fett mit der Magnetresonanztomographie bestimmt. Außerdem wurde mit der hyperinsulinä­mi­schen-euglykämischen Clamp-Technik die Insulinsensitivität von Muskel-, Leber- und Fettgewebe gemessen.

Die Untersuchungen ergaben, dass die Zunahme des Körpergewichts – der Anteil der übergewichtigen und adipösen Patienten stieg innerhalb von 12 Wochen von 29,9 auf 46,5 % an – tatsächlich auf einer Zunahme des Fettgewebes beruhte.

Die größten Auswirkungen hatte Olanzapin. Der DXA-Anteil des Gesamtkörperfetts erhöhte sich um 4,12 %. Unter der Behandlung mit Aripiprazol kam es zu einer Zunahme um 1,66 % und bei Risperidon zu einer Zunahme um 1,18 %. Der Unterschied zu Olanzapin war jeweils signifikant. Olanzapin führte zu einer stärkeren Vergrößerung der subkutanen Fettdepots, während die Auswirkungen auf das viszerale Fettgewebe bei allen 3 Antipsychotika gleich waren.

Die Clamp-Untersuchungen ergaben, dass die Insulinsensitivität in allen 3 Geweben (Muskel-, Leber- und Fettgewebe) abnahm und zwar in allen 3 Gruppen gleich stark.

Die Studie kann nicht beweisen, dass die metabolischen Störungen langfristig das Diabetesrisiko erhöhen. Nach den Erfahrungen bei Erwachsenen muss aber damit gerechnet werden. Newcomer rät den Kinderpsychiatern, diese möglichen Folgen bei der Nutzen-Risiko-Abschätzung der „off label“-Verordnung zu beachten.

Studie stellt metabolisch gesunde Adipositas infrage

Adipöse Frauen haben auch dann ein erhöhtes Risiko auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wenn sie über Jahrzehnte  keine weiteren Stoffwechselrisiken aufweisen und deshalb als metabolisch gesund eingestuft werden. Eine prospektive Beobachtungsstudie in Lancet Diabetes & Endocrinology (2018; doi: PIIS2213-8587(18)30137-2) zeigt zudem, dass die meisten metabolisch gesunden Frauen im Alter Stoffwechselstörungen entwickeln, und zwar unabhängig davon, ob sie als junge Frauen adipös waren oder nicht.

Übergewicht und Adipositas sind wichtige Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall. Epidemiologen sind sich jedoch nicht sicher, ob dies an der Adipositas selbst liegt, oder ob die bei adipösen Menschen oft erhöhten Werte von Blutzucker, Blutdruck oder Blutfetten für das Risiko verantwortlich sind.

Tatsächlich gibt es eine Reihe von adipösen Menschen, bei denen trotz Gewichts­problemen Blutzucker, Blutdruck und Blutfette normal sind. Neben diesen „gesunden Dicken“ gibt es auch „kranke Schlanke“, bei denen trotz Normalgewicht Blutzucker, Blutdruck oder Blutfette erhöht sind.

Ein Team um Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke hat jetzt an der Nurses’ Health Study untersucht, welche Herz-Kreislauf-Risiken sich aus diesen Konstellationen ergeben.

Die Nurses’ Health Study begleitet seit 1980 eine Gruppe von amerikanischen Krankenschwestern, von denen 90.257 zu Beginn der Studie im Alter von 30 bis 55 Jahren noch keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufwiesen. Die Frauen füllen seit Beginn der Studie alle 2 Jahre Fragebögen zu Lebensstil, Gesundheitsverhalten und Erkrankungen aus. Auch der Body-Mass-Index (BMI) und Stoffwechselparameter werden regelmäßig aktualisiert.

Da die Frauen auch Angaben zu möglichen Einflussfaktoren wie Alter, Ernährung, Raucherstatus, körperliche Aktivität, Alkoholkonsum, ethnische Zugehörigkeit, Bildungsgrad, menopausaler Status, ASS-Einnahme sowie zu Herzinfarkt und Diabetes machen, konnte Schulze den Einfluss, den Adipositas und/oder Stoffwechsel auf die Entwicklung von Herzinfarkt und Schlaganfall hatten, isoliert betrachten.

Frauen ohne Hypertonie, Diabetes oder Hypercholesterinämie wurden als metabolisch gesund eingestuft. Wenn einer der 3 Risikofaktoren vorhanden war, wurden sie als „metabolisch ungesund“ eingestuft.

Ergebnis: Metabolisch ungesunde Frauen hatten ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko. Das Ausmaß wurde wie erwartet vom BMI beeinflusst. Für metabolisch ungesunde Frauen mit Adipositas ermittelte Schulze eine Hazard Ratio von 3,15, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall 2,83 bis 3,50 statistisch signifikant war. Bei übergewichtigen und metabolisch ungesunden Frauen betrug die Hazard Ratio 2,61 (2,36–2,89), aber selbst normalgewichtige Frauen hatten, wenn bei ihnen Hypertonie, Diabetes und/oder Hypercholesterinämie vorlagen, ein erhöhtes Risiko (Hazard Ratio 2,43; 2,19–2,68).

Das Fehlen von Stoffwechselrisiken schützte adipöse Frauen jedoch nicht vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für die metabolisch gesunden adipösen Frauen ermittelte Schulze ebenfalls ein leicht erhöhtes Risiko mit einer Hazard Ratio von 1,39 (1,15–1,68).

Hinzu kommt, dass ein gesunder Stoffwechsel bei adipösen Menschen selten von Dauer ist: Von 3.027 metabolisch gesunden Frauen hatten nach 20 Jahren 2.555 (84 %) mindestens einen metabolischen Risikofaktor. Und selbst wenn sie ihre metabolische Gesundheit erhalten konnten, war ihr Herz-Kreislauf-Risiko am Ende doch erhöht (Hazard Ratio 1,57; 1,03–2,38). Deutlich höher war allerdings das Risiko für die adipösen Frauen, deren Stoffwechsel sich verschlechterte (Hazard Ratio 2,74; 2,30–3,27).

Von einer Verschlechterung des Stoffwechsels waren allerdings nicht nur die metabolisch gesunden Adipösen betroffen. Von den 32.882 metabolisch gesunden Frauen mit Normalgewicht wiesen nach 20 Jahren 22.215 (68 %) wenigstens einen metabolischen Risikofaktor auf. Auch diese „Konversion“ war mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden (Hazard Ratio 1,90; 1,66–2,17).

Am gesündesten waren am Ende die schlanken Frauen, die im Verlauf ihres Lebens keine metabolischen Risikofaktoren entwickelten (die Referenzgruppe der Studie). Mit anderen Worten: Eine Adipositas ist selten gesund und sie bleibt es noch seltener.

Zu den Schwächen der Studie gehört, dass sie den Einfluss von körperlicher Bewegung nicht berücksichtigt. Sport ist neben der Gewichtskontrolle und einer gesunden Ernährung der wichtigste Risikofaktor zur Vermeidung von kardiometabolischen Erkrankungen im Alter.

Menschen mit hohem Body-Mass-Index rauchen häufiger und mehr

Übergewichtig oder adipös zu sein, ist auch mit einem erhöhten Risiko für Tabakmissbrauch verbunden. Das berichten Wissenschaftler der Bristol Medical School und der International Agency for Research on Cancer, Lyon, im British Medical Journal(2018; doi: 10.1136/bmj.k1767). „Wenn festgestellt werden könnte, dass Adipositas das Rauchverhalten beeinflusst, hätte dies Auswirkungen auf Präventionsstrategien, die darauf abzielen, diese wichtigen Risikofaktoren zu reduzieren“, betonen die Wissenschaftler.

Die Forscher untersuchten, ob genetische Marker, die mit Adipositas assoziiert sind, eine direkte Rolle im Rauchverhalten spielen. Dafür analysierten sie genetische Varianten mit bekannten Auswirkungen auf den Body-Mass-Index (BMI), den Körperfettanteil und den Taillenumfang für fast 450.000 Personen aus der britischen Biobank-Datenbank und dem Tobacco-and-Genetics-(TAG-)Konsortium.

Sie erfassten drei Maßnahmen des Rauchverhaltens: aktuelles und vergangenes Rauchen, Anzahl der pro Tag gerauchten Zigaretten und Alter des Rauchbeginns. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer lag bei 58 Jahren.

Die Ergebnisse zeigen laut den Forschern, dass jeder Anstieg des BMI um 4,6 kg/m2mit einem zwischen 18 und 19 % erhöhten Risiko verbunden war zu rauchen. Ebenso sehen sie einen Zusammenhang zwischen dem Körperfettanteil sowie dem Taillenumfang und dem Rauchverhalten.

Die Wissenschaftler gehen aufgrund des Studiendesigns von einem kausalen Zusammenhang aus: „Unsere Studie liefert Belege dafür, dass Unterschiede im Body-Mass-Index und in der Körperfettverteilung verschiedene Aspekte des Rauchverhaltens kausal beeinflussen, einschließlich des Risikos, dass Personen mit dem Rauchen beginnen, der Rauchintensität und der Raucherentwöhnung“, berichten sie.

Dies habe Auswirkungen auf Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die darauf abzielen, die Prävalenz dieser wichtigen Risikofaktoren zu verringern, hieß es aus der Arbeitsgruppe.

Neuer Wirkstoff soll Jugendlichen mit genetisch bedingter Adipositas helfen

Über Erfolge bei der Behandlung von jungen Patienten mit genetisch bedingter Adipositas berichten Forscher um Peter Kühnen vom Institut für experimentelle pädiatrische Endokrinologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Die Patienten profitieren von einem Wirkstoff, der gleichzeitig neue Erkenntnisse über die grundlegenden Signalwege des Sättigungsgefühls ermöglicht“, schreiben sie in Nature Medicine (2018; doi: 10.1038/s41591-018-0015-9).

In vorangegangenen Arbeiten konnte die Arbeitsgruppe die zentrale Rolle des Melanocortin-4-Rezeptors (MC4R) für den Energiehaushalt des Organismus und die Regulierung des Körpergewichts belegen. Im Gehirn führt normalerweise die Bindung des Sättigungshormons Leptin an den Leptin-Rezeptor LEPR über mehrere Schritte zur Produktion des melanozytenstimulierenden Hormons (MSH).

Die Bindung von MSH an MC4R löst dann das eigentliche Sättigungssignal in den Zellen aus. Ist der Rezeptor LEPR jedoch defekt, wird diese Signalkaskade der Sättigung schon zu Beginn unterbrochen und ein ungestilltes Hungergefühl begünstigt das Entstehen einer Adipositas. Die Folge ist eine ausgeprägte Fettleibigkeit bereits in der Kindheit. In der Regel gelingt es den Patienten nicht, durch vermehrte Bewegung und reduzierte Kalorienaufnahme, das Körpergewicht längerfristig zu stabilisieren.

Die Forscher haben jetzt ein Peptid eingesetzt, das im Gehirn der Patienten an MC4R bindet und damit das Sättigungssignal wieder auslöst. In Zusammenarbeit mit der Clinical Research Unit des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung/Berlin Institute of Health (BIH) konnte das Team eine deutliche Gewichtsreduktion der behandelten Patienten mit LEPR-Gendefekt beobachten.

Im Rahmen kommender Untersuchungen will das Team jetzt ermitteln, ob es weitere Patienten gibt, die von dem Wirkstoff profitieren könnten: „Denkbar ist, dass es weitere Patientengruppen mit einer Funktionsstörung in diesem Signalweg gibt, die für eine derartige Therapie in Frage kommen“, sagte Kühnen.

Immer mehr Studien widerlegen Adipositas-Paradoxon

Im European Heart Journal publizierten schottische Forscher diese Woche eine weitere Studie, die das Adipositias-Paradoxon widerlegen soll (2018; doi: 10.1093/eurheartj/ehy057). Schon wenige Kilo zuviel erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen lautet das Fazit. Im Umkehrschluss könne schon die Abnahme weniger Kilo die Gesundheit fördern, betonen die Autoren. Ob die Ergebnisse sich auch auf andere Krankheiten, wie etwa Krebs, übertragen lassen, bleibt offen.

Dem Adipositas-Paradoxon zufolge ist Übergewicht mitunter vorteilhaft, vor allem bei älteren Menschen, die sich fit halten. Die neue Studie widerspricht dem, zumindest mit Blick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen – die mit Abstand häufigste Todesursache hierzulande. Das Team um Stamatina Iliodromiti von der Universität Glasgow schloss fast 300.000 Menschen in die Analyse ein, die zu Beginn der Studie (2006 bis 2010) 40 bis 69 Jahre alt und gesund waren. Bis Sommer 2015 verfolgten die Forscher das Schicksal der Teilnehmer. Bei der Auswertung der Daten berücksichtigten sie andere Einflussfaktoren wie Rauchen oder Bluthochdruck.

Linearer Anstieg

Das geringste Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 22 und 23 – also deutlich unter dem Wert für Übergewicht (ab BMI 25). Die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen stieg demnach linear: Ein Anstieg des BMI-Wertes um 5,2 Punkte geht bei Frauen mit einem um 13 % erhöhten Risiko einher. Bei Männern reicht ein BMI-Unterschied von 4,3 Punkten für einen gleichen Risikoanstieg.

Eine wichtige Rolle spielt vor allem der Taillenumfang: Das geringste Risiko fanden die Forscher bei Frauen mit einem Umfang von 74 Zentimetern, bei Männern mit 83 Zentimetern. Bei Frauen stieg die Gefahr für Herz-Kreislauf-Probleme für jeden Zuwachs um 12,6 Zentimeter um 16 %. Bei Männern stieg das Risiko pro 11,4 Zentimeter um 10 %. Bauchfett gilt als besonders problematisch, weil es im Gegensatz zu Fettpolstern direkt unter der Haut verstärkt entzündungsfördernde Botenstoffe freisetzt, die die Blutgefäße schädigen.

„Das ist die größte Studie, die dem Adipositas-Paradoxon bei gesunden Menschen widerspricht“, sagt Iliodromiti. „Möglicherweise kann das aber bei Menschen mit bestimmten Erkrankungen anders sein.“ So gebe es Belege dafür, dass leichtes Übergewicht bei Krebspatienten mit einem geringen Risiko verbunden ist, vor allem weil Chemotherapien zu einem bedenklichen Gewichtsverlust führen können.

„Die Studie greift einen Aspekt auf, der seit Jahren durch die Literatur geistert“, sagt Nikolaus Marx, Leiter der Kardiologie am Uniklinikum Aachen. „Anhand dieser Daten kann man das Adipositas-Paradoxon so nicht mehr stehen lassen.“ Um das Adipositas-Paradox endgültig zu widerlegen, müsse das Resultat jedoch in weiteren großen Studien bestätigt werden. „Die wird es geben, und dann ist die Behauptung vom Tisch“, sagt Marx.

Weitere Studien sprechen gegen das Adipositas-Paradoxon

Nicht nur die neue Studie widerspricht dem Adipositas-Paradoxon. Erst kürzlich hatten Forscher von der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago eine Studie in JAMA Cardiology publiziert, die das Adipositas-Paradoxon widerlegen sollte (n = 190.672). Adipöse Menschen überleben Herzerkrankungen nicht länger, sie erkranken nur früher, so die Vermutung. Und bereits 2016 berichtete das Deutsche Ärzteblatt über eine Studie im Lancet, die ebenfalls Daten präsentierte, die gegen das Adipositas-Paradoxon sprechen.