Menschen mit hohem Body-Mass-Index rauchen häufiger und mehr

Übergewichtig oder adipös zu sein, ist auch mit einem erhöhten Risiko für Tabakmissbrauch verbunden. Das berichten Wissenschaftler der Bristol Medical School und der International Agency for Research on Cancer, Lyon, im British Medical Journal(2018; doi: 10.1136/bmj.k1767). „Wenn festgestellt werden könnte, dass Adipositas das Rauchverhalten beeinflusst, hätte dies Auswirkungen auf Präventionsstrategien, die darauf abzielen, diese wichtigen Risikofaktoren zu reduzieren“, betonen die Wissenschaftler.

Die Forscher untersuchten, ob genetische Marker, die mit Adipositas assoziiert sind, eine direkte Rolle im Rauchverhalten spielen. Dafür analysierten sie genetische Varianten mit bekannten Auswirkungen auf den Body-Mass-Index (BMI), den Körperfettanteil und den Taillenumfang für fast 450.000 Personen aus der britischen Biobank-Datenbank und dem Tobacco-and-Genetics-(TAG-)Konsortium.

Sie erfassten drei Maßnahmen des Rauchverhaltens: aktuelles und vergangenes Rauchen, Anzahl der pro Tag gerauchten Zigaretten und Alter des Rauchbeginns. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer lag bei 58 Jahren.

Die Ergebnisse zeigen laut den Forschern, dass jeder Anstieg des BMI um 4,6 kg/m2mit einem zwischen 18 und 19 % erhöhten Risiko verbunden war zu rauchen. Ebenso sehen sie einen Zusammenhang zwischen dem Körperfettanteil sowie dem Taillenumfang und dem Rauchverhalten.

Die Wissenschaftler gehen aufgrund des Studiendesigns von einem kausalen Zusammenhang aus: „Unsere Studie liefert Belege dafür, dass Unterschiede im Body-Mass-Index und in der Körperfettverteilung verschiedene Aspekte des Rauchverhaltens kausal beeinflussen, einschließlich des Risikos, dass Personen mit dem Rauchen beginnen, der Rauchintensität und der Raucherentwöhnung“, berichten sie.

Dies habe Auswirkungen auf Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die darauf abzielen, die Prävalenz dieser wichtigen Risikofaktoren zu verringern, hieß es aus der Arbeitsgruppe.

Entspannung nach dem Lernen unterstützt die Gedächtnisfunktion

Die Bedeutung des Schlafes bei der Gedächtniskonsolidierung ist seit fast einem Jahrzehnt bekannt. Neuere Forschungen haben jedoch gezeigt, dass auch eine Wachruhe die Konsolidierung unterstützen kann: Die Menschen erinnern sich an Gelerntes besser, wenn sie sich nach der Lernphase ausruhen. Das berichten Forscher um Michael Craig und Michaela Dewar von der Heriot-Watt University in Edinburgh, Großbritannien, in der Zeitschrift Scientific Reports (2018; doi: 10.1038/s41598-018-25313-y).

Craig und Dewar entwarfen einen Gedächtnistest, um die Fähigkeit zu beurteilen, detaillierte Informationen zu speichern. Sie baten 60 junge männliche und weibliche Teilnehmer – im Durchschnitt 21 Jahre alt –, sich eine Reihe von Fotos anzusehen.

Sie wurden gebeten, zwischen schon vorgekommenen – also „bekannten“ – und nur „ähnlichen“ Fotos zu unterscheiden. „Wenn die Fähigkeit der Teilnehmer ausgeprägt ist, sich feine Nuancen zu merken, würden sie sagen, die Fotos seien nur ‚ähnlich‘. Speichern die Versuchsteilnehmer nicht so detaillierte Erinnerungen, sollten sie die feinen Unterschiede in ähnlichen Fotos übersehen und sie mit ‚bekannten’ Fotos verwechseln“, so Craig.

Er fasst die Ergebnisse zusammen und sagt: „Jüngere Erwachsene, die sich in den Minuten nach der Fotopräsentation ausruhten, waren besser in der Lage, subtile Unterschiede in nur ähnlichen Fotos zu bemerken“. Dies deute darauf hin, dass diese Personen detailliertere Erinnerungen gespeichert hätten, als diejenigen, die nicht ruhten. Ausruhen sei also vorteilhaft, um sich neue detaillierte Gedächtnisinhalte besser merken zu können.

Er räumt aber ein, dass die Gründe für dieses Phänomen weiterhin rätselhaft seien. Unbekannt bleibe auch, ob das Ausruhen nur erlaube, mehr Informationen zu speichern, oder ob es auch dabei helfe, detailliertere Erinnerungen zu bewahren.

Montgomery für Neustart der elektronischen Gesundheitskarte

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), hat einen Neustart für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) angeregt. Das System der eGK sei völlig veraltet. „Wir sollten am besten einmal den Resetknopf drücken und über ein neues System nachdenken“, sagte er der Rheinischen Post. Die eGK sei ersonnen worden, „bevor die Versicherten Smartphones hatten“. Dies müsse bei der weiteren Digitalisierung im Gesundheitswesen berücksichtigt werden.

Die Einführung der eGK war vor mehr als zehn Jahren beschlossen worden. Mit weiteren Funktionen, die über Basisdaten der Versicherten hinausgehen, geht es aber nicht voran. Ein Defizit der eGK sei, dass diese nur in Praxen und Kliniken ausgelesen werden könne, sagte Montgomery. Es gehe aber nicht an, dass nicht auch Patienten selbstständig und jederzeit Zugang zu ihren Daten hätten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich zuletzt für eine Anbindung von Gesundheitsdaten an das geplante zentrale Bürgerportal im Internet ausgesprochen. Nötig sei eine „konsequente Digitalisierung von Verwaltung“, die mit der eGK „kompatibel“ sei.

Auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) will den Patienten ergänzend alternative Möglichkeiten für Datenzugriffe per Handy ermöglichen. Spätestens nach der parlamentarischen Sommerpause will er Details vorstellen. Die eGK in der Grundstruktur und auch die Tele­ma­tik­infra­struk­tur gehören für Spahn aber weiter zum festen Bestandteil der Entwicklung der Telematik im Gesundheitswesen.

BÄK-Präsident Montgomery übte zugleich Kritik an einem überbordenden Datenschutz, der auch das Gesundheitssystem treffe. „In Deutschland wird mit dem Datenschutz übertrieben“, sagte er mit Blick auf die neue EU-Datenschutzgrundverordnung. Es könne nicht sein, dass künftig Ärzte ihre Patienten über Datenschutzbelange aufklären müssten. Stattdessen seien „pragmatische Lösungen“ gefordert, mahnte er.

Zahl der Soldaten mit posttraumati­scher Belastungsstörung bleibt hoch

Auch Jahre nach dem Ende des Kampfeinsatzes der Bundeswehr in Afghanistan geht die Zahl der an Kriegstraumata erkrankten Soldaten kaum zurück. Im vergangenen Jahr wurde bei 170 Soldaten eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) neu diagnostiziert, wie der Sanitätsdienst der Bundeswehr mitteilte.

Im Vorjahr waren es fünf Fälle mehr. Bei der Bundeswehr erklärt man sich das fast gleichbleibende Niveau vor allem damit, dass die Symptome zeitverzögert auftreten können.

Andere einsatzbedingte psychische Störungen wie Depressionen gehen dem Sanitätsdienst zufolge zurück. 2017 seien 104 solche Störungen neu festgestellt worden, 2016 seien es noch 143 gewesen. Der Sanitätsdienst erklärt sich den Rückgang an psychisch Erkrankten „mit der Abnahme der Intensität der Auslandseinsätze“.

Die Nato hatte ihren Kampfeinsatz in Afghanistan im Dezember 2014 beendet. Aktuell befinden sich nach Angaben des Einsatzführungskommandos rund 4.500 deutsche Soldaten weltweit in Auslandseinsätzen.

Neuer Wirkstoff soll Jugendlichen mit genetisch bedingter Adipositas helfen

Über Erfolge bei der Behandlung von jungen Patienten mit genetisch bedingter Adipositas berichten Forscher um Peter Kühnen vom Institut für experimentelle pädiatrische Endokrinologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Die Patienten profitieren von einem Wirkstoff, der gleichzeitig neue Erkenntnisse über die grundlegenden Signalwege des Sättigungsgefühls ermöglicht“, schreiben sie in Nature Medicine (2018; doi: 10.1038/s41591-018-0015-9).

In vorangegangenen Arbeiten konnte die Arbeitsgruppe die zentrale Rolle des Melanocortin-4-Rezeptors (MC4R) für den Energiehaushalt des Organismus und die Regulierung des Körpergewichts belegen. Im Gehirn führt normalerweise die Bindung des Sättigungshormons Leptin an den Leptin-Rezeptor LEPR über mehrere Schritte zur Produktion des melanozytenstimulierenden Hormons (MSH).

Die Bindung von MSH an MC4R löst dann das eigentliche Sättigungssignal in den Zellen aus. Ist der Rezeptor LEPR jedoch defekt, wird diese Signalkaskade der Sättigung schon zu Beginn unterbrochen und ein ungestilltes Hungergefühl begünstigt das Entstehen einer Adipositas. Die Folge ist eine ausgeprägte Fettleibigkeit bereits in der Kindheit. In der Regel gelingt es den Patienten nicht, durch vermehrte Bewegung und reduzierte Kalorienaufnahme, das Körpergewicht längerfristig zu stabilisieren.

Die Forscher haben jetzt ein Peptid eingesetzt, das im Gehirn der Patienten an MC4R bindet und damit das Sättigungssignal wieder auslöst. In Zusammenarbeit mit der Clinical Research Unit des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung/Berlin Institute of Health (BIH) konnte das Team eine deutliche Gewichtsreduktion der behandelten Patienten mit LEPR-Gendefekt beobachten.

Im Rahmen kommender Untersuchungen will das Team jetzt ermitteln, ob es weitere Patienten gibt, die von dem Wirkstoff profitieren könnten: „Denkbar ist, dass es weitere Patientengruppen mit einer Funktionsstörung in diesem Signalweg gibt, die für eine derartige Therapie in Frage kommen“, sagte Kühnen.

Digitalisierung wird Patienten stärker in den Mittelpunkt rücken

Die gesetzlichen und privaten Krankenversicherer in Deutschland (GKV und PKV) setzen zunehmend auf digitale Informations- und Kommunikationstechnologien. Das berichten Wissenschaftler des Fraunhofer-Zentrums für Internationales Manage­ment und Wissensökonomie (Fraunhofer IMW) und der Universität Leipzig gemeinsam mit den Gesundheitsforen Leipzig.

Im Rahmen einer Onlineerhebung haben die Forscher rund 300 Mitarbeiter mit unterschiedlichen Positionen und Funktionen aus 148 GKVen und PKVen sowie deren Verbänden befragt. Um die Ergebnisse zu validieren, erfolgte im Anschluss daran eine schriftliche Befragung der Experten aus den jeweiligen Fachbereichen. Ihre Aussagen flossen in Form von Zitaten in die Studie ein.

Das Fazit der Befragung: „Die digitale Transformation des Kran­ken­ver­siche­rungs­marktes ist bereits in vollem Gange und hat alle Fachbereiche erfasst“, so die Autoren. Zwei Drittel der PKVen und 44 Prozent der GKVen koopieren bei digitalen Anwen­dungen mit Start-ups. Jede dritte GKV stellt zusätzliche Innovationsbudgets für strategische Digitalisierungsprojekte zur Verfügung. Über zwei Drittel der GKVen bietet mittlerweile eine App zur Selbstverwaltung der Versichertendaten an und auch der Austausch über Facebook ist keine Seltenheit mehr.

Als Schwierigkeiten im Digitalisierungsprozess sehen die Befragten vor allem recht­liche Rahmenbedingungen, fehlende Standards und Unsicherheit über zukünftige Technologien an. Intern bereitet den meisten Befragten die mangelnde digitale Kompetenz der Beschäftigten, fehlende zeitliche Ressourcen und die Umstellung bestehender IT-Systeme Schwierigkeiten. Etwa ein Drittel der Kran­ken­ver­siche­rungen beschreiben zudem ihre Veränderungskultur als eher gering.

„Selbst wenn Big Data, Künstliche Intelligenz oder Virtual Reality aktuell in aller Munde sind, so es um die Medizin von morgen geht, die eigentliche Revolution, welche die Digitalisierung des Gesundheitswesens mit sich bringt, wird oft übersehen: die neue Rolle der Patienten. Sie sind nicht länger passive Zuschauer, sondern werden zu Managern ihrer Gesundheit. Dies gilt es bei allen Transformationsbemühungen nicht zu vergessen“, betonte Roland Nagel, Geschäftsführer der Gesundheitsforen Leipzig GmbH.

Innere Uhr könnte Risiko für Depressionen und bipolare Störungen beeinflussen

Kommt der zirkadiane Rhythmus aus dem Takt, kann dies psychische Störungen begünstigen. In einer Beobachtungsstudie mit mehr als 91.000 Menschen haben Forscher der University of Glasgow Korrelationen mit Gemütsstörungen wie schweren Depressionen und bipolaren Störungen gefunden. Die Ergebnisse wurden in The Lancet Psychiatry veröffentlicht (2018; doi: 10.1016/S2215-0366(18)30139-1).

Zu Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus kommt es beispielsweise aufgrund von erhöhter Aktivität während nächtlichen Ruhephasen und Inaktivität am Tag. Veränderte sich bei den Studienteilnehmern dieser Rhythmus, veränderte sich gleichzeitig auch ihre Gemütslage und ihr Wohlbefinden. Ob dabei gestörte Ruhe-Aktivitäts-Muster Ursache oder Resultat eines schlechten Wohlbefindens sind, kann die Studie jedoch nicht beantworten.

Um methodische Probleme früherer Studien zu verhindern, analysierten die Forscher nur die Daten von jenen Probanden aus der britischen Biobank, die an einer objektiven Aktivitätsmessung teilgenommen hatten. Ihre Aktivität war mittels eines Beschleu­nigungs­sensors am Handgelenk über 7 Tage aufgezeichnet worden. Diese Informa­tionen verknüpften die Forscher mit Fragebögen zur psychischen Gesundheit.

 Zirkadiane Rhythmen steuern physiologische und Verhaltensfunktionen, wie etwa Körpertemperatur und Essgewohnheiten. Das interne Zeitmesssystem des Gehirns nimmt Veränderungen der Umwelt vorweg und passt sich der jeweiligen Tageszeit an. Es hat sich gezeigt, dass die Unterbrechung dieser Rhythmen die menschliche Gesundheit stark beeinflusst. Krankheitsrisiken, die aus zirkadianer Störung resultieren, wurden in den Gehirn-, Pankreas- und Stresssystemen identifiziert.

Die Forscher fanden heraus, dass Aktivität während der Ruhezeiten und/oder Inaktivität am Tag mit einer größeren Wahrscheinlichkeit einherging, eine Depression oder bipolare Störung zu entwickeln (adjustierte Odds Ratio:1,06 beziehungsweise 1,11). Der Beschleunigungssensor hatte in diesem Fall eine niedrige relative Amplitude gemessen (n = 3.477). Zudem korrelierte ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus mit größerer Stimmungsinstabilität, höheren Neurotizismuswerten und subjektiver Einsamkeit. Die Teilnehmer mit einer niedrigen relativen Amplitude waren unzufriedener mit ihrer Gesundheit und benötigten längere Reaktionszeiten, was ein indirektes Maß für kognitive Funktion darstellt. Die Ergebnisse hatten auch nach Anpassung an eine Vielzahl von Einfluss­faktoren Bestand: Alter, Geschlecht, Lebensstil, Bildung, Body Mass Index und Kindheitstrauma.

Methodische Einschränkungen

„Unsere Befunde verstärken die Annahme, dass Stimmungsstörungen mit gestörten zirkadianen Rhythmen verbunden sind,“ sagt Erstautorin Laura Lyall von der University of Glasgow. Dabei konnte zudem gezeigt werden, dass veränderte Ruhe-Aktivitäts-Muster mit schlechterem Wohlbefinden und kognitiven Fähigkeiten verbunden sind. Ein kausaler Zusammenhang lässt sich laut der Autoren auch aufgrund methodischer Einschränkungen nicht schlussfolgern. Denn die korrelierenden Daten wurden zu verschiedenen Zeitpunkten erfasst: demografische und Lebensstildaten (2006 bis 2010), Beschleunigungsdaten (2013 bis 2014) und Informationen aus dem Fragebogen zur psychischen Gesundheit (2016 bis 2017).

Frühere Forschungen konnten bereits Zusammenhänge zwischen einer Störung der inneren Uhr und schlechter psychischer Gesundheit identifizieren. Die Ergebnisse beruhten jedoch in der Regel auf kleineren Teilnehmerzahlen, die subjektiv Selbstangaben zu ihren Ruhe-Aktivitäts-Mustern gemacht hatten. Potenzielle Störfaktoren wurden nicht immer konsequent berücksichtigt.

Merkel für Anbindung von Gesundheitsdaten an „Bürgerportal“

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterstützt eine Anbindung von Gesundheitsdaten an ein geplantes zentrales Bürgerportal. „Wir brauchen die konsequente Digitalisierung von Verwaltung – und im Übrigen kompatibel mit der Gesundheitskarte“, sagte Merkel heute im Bundestag.

Notwendig sei ein Zugang der Bürger für alle Verwaltungs­leistungen. Dies sei natürlich „eine große Kraftanstrengung“, erklärte die Kanzlerin weiter. Sie griff damit einen entsprechenden Vorstoß von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) auf. 

Spahn hatte sich in Bezug auf weitere Funktionen für die elektronische Gesundheits­karte (eGK) dafür ausgesprochen, neue digitale Gesundheitslösungen mit dem „Bürgerportal“ zu koordinieren. Das solle vermeiden, dass für Steuer­erklärungen, Passbeantragungen und im Gesundheitswesen je eigene digitale Identitäten nötig würden.

 Spahn hatte gestern betont, dass es sich bei allen Überlegungen um weitere Entwicklungsmöglichkeiten für die eGK handelt. Er halte an der eGK und der Tele­ma­tik­infra­struk­tur fest, hatte er ausdrücklich versichert. Spätestens nach der parlamentarischen Sommerpause will er Details zu seinen Plänen vorstellen.

Spahn hält an Telematik­infrastruktur und elektronischer Gesundheitskarte fest

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hält am Aufbau der Telematik­infrastruktur (TI) und an der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) fest. Das hat das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) in einem Brief an die Spitzenverbände der Krankenkassen und Ärzte klargestellt, der dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt.

Das Festhalten an der TI umfasse die flächendeckende Installation der Konnektoren im ambulanten Bereich wie auch die Planungen zum Anschluss an den stationären Bereich und der Apotheken einschließlich der erforderlichen E-Health-Kartenterminals für die Leistungserbringer, erklärt das Ministerium. Zugleich bittet das BMG die beteiligten Akteure, alles zu tun, um den Aufbau der TI „weiter zu beschleunigen“ und bestehende Verfahrensprobleme wie bei den Erstattungsverhandlungen „schnells­tmöglich“ zu lösen.

Stärker von Bedürfnissen der Versicherten denken

In Bezug auf die eGK teilt das Ministerium mit, es gehe „nicht um den vollständigen Ersatz des aktuell geplanten Zugangs durch eGK und Kartenlesegerät“. Ziel sei es aber, dass die Versicherten auf Wunsch auch „weitere Zugänge, also alternative (z.B. mobile) Authentifizierungsverfahren nutzen können“. „Aus unserer Sicht entspricht dies der Lebensrealität vieler Versicherter und muss entsprechend umgehend in den Planungen ergänzt werden“, heißt es weiter. Die entsprechenden Rahmenbedingungen sind nach Angaben des BMG in Vorbereitung. Spätestens nach der Sommerpause wolle man Details vorstellen.

Darüber hinaus kündigt das Ministerium in dem Schreiben an, die Strukturen rund um die gematik – Gesellschaft für Telematikanwendungen der elektronischen Gesund­heits­­karte auf den Prüfstand zu stellen. Bei der Sicherstellung von Interoperabilität, Sicherheit, Schnittstellenoffenheit und dem Setzen von Standards müsse man „schneller werden“, schreibt das BMG. Grundsätzlich gelte künftig bei allen Vorhaben „die digitalen Gesundheitsangebote stärker als bisher von den Bedürfnissen der Versicherten her zu denken“. 

Hintergrund der Klarstellungen sind Äußerungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Spahn selbst. Dieser hatte mehrfach erklärt, dass die eGK in ihrer derzeitigen Form nicht sinnvoll sei. Merkel hatte auf einer Konferenz mit CDU-Kreisvorsitzenden gesagt, man habe mit der eGK ein zehn-, elfjähriges Experiment gemacht. Sie habe Spahn „freie Hand“ für andere Lösungen gelassen, wenn er meine, dass die eGK „nicht zukunftsfähig“ sei. Zwar sei bereits etwa eine Milliarde Euro investiert worden, „aber eh das nie funktioniert“, hatte sie betont.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte zuletzt eine verbindliche Aussage darüber gefordert, ob die bestehende Gesetzeslage weiterhin Bestand hat. Man begrüße die Klarstellung, erklärte ein Sprecher heute auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes. Nun werde wie geplant die „leitungsgebundene“ TI ausgerollt. Gleichzeitig sei man offen dafür, in einem späteren Schritt nutzstiftende Anwendungen für Patienten auch über andere Medien wie Apps zu transportieren.

Handy könnte neue Alternative zur elektronischen Gesundheitskarte werden

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) sucht als Alternative zur elektronischen Gesundheitskarte (eGK) nach einer einfachen Lösung für das Handy. Die Karte sei nicht die attraktivste Lösung für Patienten, um Zugang zu ihren Gesund­heitsdaten zu bekommen, sagte der CDU-Politiker der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Denn die wünschen sich einen schnellen, einfachen und sicheren Zugriff auf ihre Gesundheitsdaten“ – nach Überzeugung des Ministers am liebsten per Handy. „Das sollten wir ermöglichen“, sagte er.

Bis zur parlamentarischen Sommerpause will Spahn Vorschläge für den weiteren Umgang mit der eGK vorlegen. Er erwarte von allen Beteiligten, im nächsten Schritt die elektronische Patientenakte voranzutreiben, sagte er. Es gehe um „lebensnahe und nicht um technikverliebte Lösungen“. 

Spahn hatte schon vergangene Woche deutlich gemacht, dass er die derzeitigen Pläne für nicht praktikabel hält. Die Zeit von Kartenlesegeräten an Desktop-Computern als alleinige, vorgeschriebene Login-Variante sei aus seiner Sicht nicht der Zugang, den sich die Bürger im Jahre 2018 mehrheitlich wünschten, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Minister fordert stattdessen, die Digitalisierung des Gesundheitswesens mit dem Bürgerportal zu koordinieren, das die Bundesregierung derzeit plant.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte Spahn erst kürzlich ausdrücklich freie Hand gelassen, die eGK abzuschaffen oder zu reformieren. Kritisch hatte sich auch Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU) geäußert. Sie riet dazu, die Arbeit an der eGK einzustellen. In anderen Ländern würden die Daten über Arztbehandlungen und Laborwerte längst in nationalen Digital-Archiven gespeichert, sagte Bär dem Tagesspiegel. Nun stelle sich, sagte Bär, „die gleiche Frage wie beim Berliner Flughafen BER: Schießt man gutem Geld noch viel Schlechtes hinterher. Oder macht man was Gescheites?“

Die eGK sollte bereits vor Jahren viel mehr können als bisher, etwa Doppelunter­suchungen und Fehlmedikation vermeiden. Bis heute ist es aber nicht gelungen, sie als Instrument zum sicheren Austausch von Patientendaten etwa zwischen Ärzten zu etablieren. Die Entwicklung hat bisher rund eine Milliarde Euro gekostet.

KBV fordert Klarstellung

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) verlangte heute Klarheit über die Konsequenzen der Äußerungen aus der Politik. Diese hätten die niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten verunsichert. Es stelle sich die Frage, ob geltende Gesetze nicht mehr gelten, sagte KBV-Chef Andreas Gassen. Zwar habe Spahn mittlerweile verschiedentlich erklärt, dass in jedem Falle ein sicheres Netz gebraucht werde, an dem alle Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken angeschlossen seien.

„Nach diesem öffentlichen Hin und Her: Wir brauchen eine verbindliche Aussage des Ministers, ob das derzeit geltende Gesetz Bestand haben wird, oder ob es geändert werden soll“, sagte Gassen. Er zeigte sich offen für neue digitale Anwendungen, die für Ärzte und Patienten nutzbringend sind und beispielsweise via App funktionieren.