Ist es jetzt Mode, transgender zu sein?

Sie lassen sich für den „Playboy“ fotografieren oder treten bei „Deutschland sucht den Superstar“ auf – Transsexuelle verstecken sich nicht mehr wie früher. Warum fühlen sich immer mehr Kinder und Jugendliche im falschen Körper geboren?

Von Nicola Zink

Ist „Trans“ eine neue Identifikationsschablone?

Die Prävalenz einer Geschlechtsdysphorie (GD) wird mit unter einem Prozent angegeben. Der Trend ist jedoch eindeutig: In den letzten Jahren nahmen sowohl in Deutschland als auch international signifikant mehr Kinder und Jugendliche entsprechende Beratungsangebote in Anspruch. Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Alexander Korte von der Universität München sprach von einer drastischen Prävalenzzunahme, ohne entscheiden zu können, ob es sich um einen echten Prävalenzanstieg oder eher um eine angebotsinduzierte Nachfragesteigerung handelt.

Mögliche Ursachen könnten eine bessere Aufklärung, ein größeres Problembewusstsein und eine zunehmende mediale Verbreitung sein, was zu einer Zunahme der Selbstdiagnosen geführt hat. Auch die neueren Behandlungsmöglichkeiten wie die Pubertätsblockade und der „Machbarkeitsgedanke“ – dass also alles was medizinisch möglich ist, auch umgesetzt werden sollte – könnten eine Rolle spielen. „Aber auch, dass „Trans“ als neuartige Identifikationsschablone bereitsteht, könnte ein Grund sein“, sagte Korte beim Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Leipzig.

Einfluss der Peergroup

Heute scheint bei vielen Jugendlichen die eigene Existenz beziehungsweise die Wahrnehmung der eigenen Person durch andere an die Online-Präsenz gebunden zu sein und „medial stattzufinden“. Eine aktuelle Studie von der Brown-University im US-Bundesstaat Rhode Island sieht im Internet eine Ursache für das verstärkte Auftreten von Geschlechtsidentitätsstörungen (GIS) und GD.

Die Studienautorin Lisa Littman befragte darin die Eltern von betroffenen Minderjährigen. Es stellte sich heraus, dass die Jugendlichen – in der Mehrzahl Mädchen – keine typische Vorgeschichte einer GD in der Kindheit aufwiesen, sich jedoch in der Vergangenheit auffallend viel mit sozialen Medien beschäftigt hatten. In deren Social-Media-Gruppen war es zu einem regelrechten Cluster-Outbreak gekommen.

„Das ist genau das, was wir in München auch beobachten. Wir bekommen Zuweisungen von einzelnen Schulen, wo in einer Schulklasse gleich fünf Mädchen glauben, im falschen Körper geboren zu sein“, berichtete Korte. Littman nannte das Phänomen eine „rapid-onset gender dysphoria“ und vermutete außerdem, dass es sich bei der GD um eine Coping-Strategie handele, ähnlich wie eine Anorexie oder nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten.

Im Gegensatz zu den Probanden in Littmans Studie berichten erwachsene transsexuelle Menschen mehrheitlich von geschlechtsatypischen Verhaltensweisen in ihrer Kindheit, die retrospektiv zur Vergabe der Diagnose „GD im Kindesalter“ berechtigen. Bei vielen Homosexuellen trifft dies ebenfalls zu.

Korte fragt sich: Tragen die Begriffe „genderfluid“ und „pangender“ zur „Illusion der Multioptionalität“ bei? „Anything goes“ auch beim Geschlecht? Oder sind die medial stark präsenten „Trans“-Akteure Pioniere eines neuen Verständnisses von Normalität? Vorsicht ist allerdings geboten, wenn es zu einer Vermischung mit oder starker Nähe zu Selbstoptimierung des Körpers („body enhancement“) kommt. Bei diesen Betroffenen geht es um ein Verlangen nach körpermodifizierenden Maßnahmen, die nichts mit Transsexualität zu tun haben.

Geschlechtsinkongruenz und GD funktionieren auch als Sinnangebote: Sie geben Jugendlichen die Möglichkeit, ihrem individuellen Leiden in einer zu ihrer Zeit passenden und in ihrer Kultur akzeptierten Form Ausdruck zu verleihen. „Sie verheißen gleichzeitig Aufmerksamkeit und Status des Besonderen“, sagte der Kinder- und Jugendpsychiater.

Genderdiskurs entspricht dem Zeitgeist

Handelt es sich beim aktuellen „Trans“-Boom vielleicht nur um eine Modediagnose unter Psychiatern, vergleichbar mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung in den 80er-Jahren? „Und in den 90er-Jahren war die multiple Persönlichkeitsstörung der Hype“, erklärte Korte. Viele Psychiater stürzten sich darauf, heute spricht kaum noch jemand davon. Vielleicht könnte die GD nun deren Platz eingenommen haben.

Eine GD beziehungsweise GIS kann in unterschiedlicher Ausprägung in sämtlichen Lebensaltersstufen auftreten und bereits bei sehr jungen Kindern manifest werden. Kennzeichnend und diagnostisch wegweisend ist alters- und geschlechtsübergreifend die ausgeprägte Inkongruenz zwischen der subjektiv erlebten und der zugewiesenen Geschlechtszugehörigkeit. Dieser Zustand muss mindestens sechs Monate andauern und in klinisch bedeutsamem Ausmaß Leiden oder Beeinträchtigung in sozialen, schulischen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verursachen.

Im Kindesalter sind Jungen häufiger von klinisch relevanter GIS betroffen, wobei die Ursache dafür in der größeren Akzeptanz seitens des sozialen Umfelds gegenüber geschlechtsrollen-atypischem Verhalten bei Mädchen, dem sogenannten Tomboy-Verhalten, liegen dürfte. Im Jugendalter dagegen wurde in den letzten Jahren eine Zunahme biologischer Mädchen mit GIS verzeichnet.

Die Klärung, ob eine GD vorliegt, ist nur möglich durch einen längeren und intensiven, ausgangsoffenen diagnostisch-therapeutischen Prozess. Wichtig ist die Exploration der sexuellen Präferenzstruktur unter nativem Hormonstatus. Es schließt auch Gespräche mit Jugendlichen über ihre präorgastischen Masturbationsfantasien ein. Besondere Bedeutung kommt der mindestens einjährigen psychotherapeutischen begleitenden Alltagserprobung zu.

Quelle: www.springermedizin.de, Kongress für Kinder- und Jugendmedizin 2018

Elektronische Patientenakte: Einigung über die Zukunft der Aktenmodelle

In einer Absichtserklärung haben sich Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), GKV-Spitzenverband, Vertreter von Krankenkassen, Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik) weitgehend hinter verschlossenen Türen auf ein gemeinsames Vorgehen bei der elektronischen Patientenakte (ePA) verständigt.

Der Versicherte hat die Hoheit über seine Daten

GKV-Versicherte sollen künftig lebenslang eine standardisierte ePA nutzen können, um die eigenen Gesundheitsdaten und medizinischen Dokumente unabhängig von Leistungserbringern verwalten zu können. Der Versicherte hat die Hoheit über die Daten in seiner Akte und bestimmt, wer darauf zugreifen darf. Die Portabilität sämtlicher Daten in der ePA muss zudem auch bei einem Kassenwechsel gewährleistet werden.

Zentrale Datenhaltung der Anbieter.

Als Grundlage aller Aktenmodelle sollen perspektivisch – wie geplant – die ePA-Spezifikationen der gematiknach § 291a Sozialgesetzbuch (SGB) V dienen, die bis Ende 2018 vorliegen sollen. Das Modell der gematikberuht insbesondere auf der Erteilung von Zugriffsberechtigungen und einer zentralen Datenhaltung der Anbieter. Die Daten sollen dabei an die Akte des Versicherten nach dessen Zustimmung direkt aus dem Primärsystem des Leistungserbringers übermittelt werden können.

Für die elektronische Gesundheitsakte nach Paragraf 68 SGB V, die derzeit mehrere große Krankenkassenkonsortien erproben, sollen entsprechende Übergangs- und Migrationsregelungen entwickelt werden. Die Krankenkassen sollen ihre derzeitigen Aktivitäten fortsetzen und ihren Versicherten digitale Angebote machen, um Erfahrungen im Datenaustausch zwischen den an der Versorgung Beteiligten zu sammeln.

Zudem wurde eine Aufgabenverteilung verabredet. Danach ist die gematik weiterhin für die technische Infrastruktur im Hinblick auf Sicherheit, Interoperabilität und Praktikabilität zuständig. Sie legt die Standards und Schnittstellen der ePA fest und erteilt zudem die Zulassungen für Betreiber und Anbieter von ePA-Lösungen.

Die Krankenkassen sollen die grundsätzliche Aktenstruktur definieren und sich um die nicht medizinischen ePA-Inhalte kümmern. Neben einem standardisierten Bereich für medizinische Informationen soll es dabei künftig einen spezifischen Bereich für Informationen der Krankenkassen und einen Bereich für vom Versicherten bereitgestellte Daten geben.

KBV verantwortet technische und semantische Datenstruktur

Die KBV soll die technischen und semantischen Anforderungen an die medizinischen Daten verantworten – im „Benehmen“ mit den anderen Leistungserbringern, den Krankenkassen und der gematik sowie auf Basis internationaler Standards, heißt es.

„Uns ist es wichtig, dass wir uns auf eine klare Aufgabenteilung verständigt haben“, betonte KBV-Vorstand Thomas Kriedel. Wichtig sei jetzt, dass alle Beteiligten am gleichen Strang zögen und es in die gleiche Richtung gehe.

Die wichtige Patientenperspektive bei der Digitalisierung

Die Perspektive der Patienten findet häufig noch zu wenig Gehör, wenn es darum geht, Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzubringen. Dabei ist etwa die elektronische Patientenakte (ePA) für viele Menschen inzwischen als Thema präsent. Das machte Gerlinde Bendzuck von der Landesvereinigung Selbsthilfe Berlinbeim 3. Deutschen Interoperabilitätstag am 8. Oktober in Berlin deutlich.

Bendzuck verwies auf eine Umfrage des ePatient Survey unter 10.000 deutschen Bürgen, wonach der Begriff etwa bei der Hälfte der Bevölkerung bekannt ist und zwei Drittel von 10.000 Befragten sich eine ePA-Nutzung vorstellen können. In der Praxis sei das Thema Interoperabilität von der Patientenrealität aber noch weit entfernt, wie das Beispiel von nicht miteinander kompatiblen Wearables, die inzwischen vielfach im Gebrauch sind, zeige.

Interoperabilität ist ein Menschenrecht

„Interoperabilität ist ein Menschenrecht“, betonte Bendzuck. Sie präsentierte einen Katalog aus fünf Forderungen aus Patientensicht, um die Akzeptanz digitaler Akten und die Vernetzung im Gesundheitswesen voranzutreiben: „Das Wichtigste ist die Aufklä­rung von Patienten und Ärzten und sämtlichen anderen in der Behandlung mit Involvierten.“

Schließlich werde es langfristig einen Unterschied machen, ob es „nur“ zehn Prozent Aktenverweigerer oder aber 15 bis 18 Prozent Drop-outs im digitalen Gesundheits­system gebe. Zudem sei auch die Aufklärung der Ärzte und der Pflegenden nötig, denn im Patientenalltag erlebe man auf der Seite der Behandler häufig eine Verweigerungs­haltung, von Patienten generierte Daten überhaupt ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Darüber hinaus sei eine „konsequente Strategie für die Usability der Endprodukte“ erforderlich, so Bendzuck. „Das gilt im Bereich der Akten zum Beispiel auch für die Barrierefreiheit.“ Wenn etwa die Betaversion der Gesundheitsakte TK-Safe der Techniker Krankenkasse nicht barrierefrei für behinderte oder nicht einwilligungsfähige Personen sei, dann „ist das einfach zu kurz gedacht, gerade bei Referenzprojekten“.

Bei der Usability ist ihr zufolge auch die Datenmigration „extrem wichtig“. Wenn sich der Patient etwa für die „Vivy“-Akte entscheide, später aber auf ein anderes Datensystem wechseln wolle, müsse er die Gewähr haben, dass nicht nur die Basisdaten ohne Aufwand migrierbar sind, sondern dass auch die Trackerdaten oder andere eingespielte Daten auf einen Klick oder über einen vertrauenswürdigen Dienstleister ohne Mühe für den Patienten übernommen werden können.

Das Thema Selbstbestimmung mit Schreib- und Leserechten erfordere differenzierte, auch temporäre Freigabemöglichkeiten, die anwenderfreundlich gestaltet sein müssten. Die Austauschbarkeit einzelner Komponenten müsse von der Datenstruktur her grundsätzlich möglich sein, um beispielsweise die Wahlfreiheit zwischen Hausnotrufsystemen oder anderen Dienstleistern zu haben.

Der Umgang mit Daten soll zu mehr Patient Empowerment führen. Daher müsse der Patient die Möglichkeit haben, seine eigenen Daten einzupflegen und gut in die Akte zu integrieren. Darüber hinaus hängt aus Sicht der Patentenvertreterin nicht zuletzt auch die Bereitschaft zur Datenspende von der Usability ab.

Schweregradgestuftes sektoren­übergreifendes Versorgungsnetzwerk für psychisch Kranke gefordert

Auf die Bedeutung psychischer Erkrankungen als Volkskrankheit hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nerven­heilkunde (DGPPN) gestern Abend vor Gesundheitspolitikern, Vertretern von Selbstverwaltung und Fachverbänden sowie Wissenschaftlern in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft (DPG) am Berliner Reichstaggebäude hingewiesen.

„Rund 17,8 Millionen Menschen in Deutschland sind von einer psychischen Erkrankung betroffen, doch nur 19 Prozent befinden sich in professioneller Behandlung“, erklärte Arno Deister, Präsident der DGPPN. Psychische Erkrankungen stünden an zweiter Stelle der Ursachen für Arbeitsunfähigkeitstage, Frühberentungen aus diesem Grund seien seit Beginn der 90er-Jahre um 80 Prozent angestiegen.

Neue Faktensammlung und Standpunktepapier

Die Fachgesellschaft will dem entgegenwirken und präsentierte gestern eine neue Faktensammlung zum psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgungssystem. Anhand von Daten und Grafiken, Hintergrundgeschichten und Kurzinterviews aus Sicht von Ärzten, Betroffenen und Angehörigen wird in dem Dossier versucht aufzuzeigen, welche Barrieren, aber auch welche Chancen es im Zusammenspiel der verschiedenen Sektoren gibt.

Anknüpfend daran formuliert die DGPPN in einem neuen Standpunktepapier konkrete Handlungsfelder. Anhand der vier Schwerpunktthemen Versorgung, Forschung, Nachwuchs und Qualität werden in dem Papier Weichenstellungen herausgearbeitet, „um die Psychiatrie und Psychotherapie der Zukunft patientenorientiert, zeitgemäß und nachhaltig zu gestalten“, so DGPPN-Präsident Deister.

„Das Versorgungssystem für psychisch Kranke ist kaum noch zu überschauen – selbst für Fachleute oft nicht. Behandlungsverzögerungen und -abbrüche mit allen Konsequenzen für die Betroffenen sind oft die Folge“, betonte Deister. Notwendig sei ein schweregradgestuftes sektorenübergreifendes Versorgungsnetzwerk mit verbindlichen Kooperationen und klaren Verantwortlichkeiten.

„Partialinteressen“ dürfe dabei nicht allzu sehr nachgegeben werden. „Aus unserer Sicht ist der Gesetzgeber jetzt gefordert, hierfür zu sorgen“, sagte Deister. Die neue Regelung im Kabinettsentwurf für ein Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) sei deshalb zu begrüßen, müsse aber deutlich über die Richtlinienpsychotherapie hinausgehen.

Für die psychotherapeutische Behandlung sieht der TSVG-Kabinettsentwurf vor, dass diese künftig „im Rahmen einer gestuften und gesteuerten Versorgung“ erfolgen soll.

Dagegen wandte sich die vergangene KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung mit einer entsprechenden Resolution. Diese Regelung sei in keiner Weise geeignet, die psychotherapeutische Versorgung zu verbessern und die Wartezeit auf einen Behandlungsplatz zu verkürzen, heißt es darin. Zudem stelle eine gesteuerte Zuweisung zu definierten Behandlungs­pfaden speziell für Menschen mit psychischen Erkrankungen „eine ungeheure Diskriminierung dar“, so die KBV-Vertreter.

Endgültige Fassung der ICD-10 für das Jahr 2019 erschienen

Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) hat die deutsche Fassung der ICD-10, Version 2019, veröffentlicht. In die „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification“ sind Neuerungen der Welt­gesund­heits­organi­sation eingeflossen. Die „German Modification“ berücksichtigt außerdem 87 weitere Vorschläge, zumeist von Fachgesellschaften und Fachleuten aus Ärzteschaft, Krankenkassen und Kliniken sowie Organisationen der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. Die Klassifikation bildet die Basis für die Entgeltsysteme.

Die neue Version enthält unter anderem neue Schlüsselnummern zur Zikavirus-Krankheit, zur Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität mit Beginn in der Kindheit und Jugend, zum komplexen regionalen Schmerzsyndrom und zur Differenzierung nach Typen bei Reizdarmsyndrom und Obstipation. Ein Kommentar im Vorspann des systematischen Verzeichnisses erläutert wichtige Neuerungen in den einzelnen Kapiteln. Alle Änderungen im Detail sind in einer Aktualisierungsliste enthalten. Eine sogenannte Differenzliste enthält die Änderungen der endgültigen Fassung gegenüber der Vorabfassung.

Diagnosen müssen im ambulanten und stationären Bereich nach der ICD-10-GM verschlüsselt werden. Ärzte und Dokumentare in Krankenhäusern sind verpflichtet, dabei die Deutschen Kodierrichtlinien (DKR) in der jeweils gültigen Fassung zu berücksichtigen. Diese Kodierrichtlinien werden von den Selbstverwaltungspartnern gemeinsam vereinbart.

Das DIMDI stellt den Anwendern ab diesem Jahr alle Klassifikationsdateien kostenfrei auf seiner Webseite zur Verfügung.

Bildergebnis für icd-10

Neue Medien verändern die Glücksspielsucht

Glücksspiel ist in Deutschland weiterhin verbreitet. Rund 40 Prozent der 16- bis 70-Jährigen geben an, im vergangenen Jahr Glücksspiele gespielt zu haben. Rund eine halbe Million Menschen dieser Altersgruppe haben ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten. Das berichtet die Bundeszentrale für gesund­heitliche Aufklärung (BZgA) zum heutigen bundesweiten Aktionstag Glücksspielsucht. Danach ist insbesondere unter jungen Menschen im Alter von 21 bis 25 Jahren problematisches Glücksspiel verbreitet. Ein überdurchschnittlich hohes Risiko, eine Suchtproblematik infolge ihres Glücksspielverhaltens zu entwickeln, haben laut der BZgA 18- bis 25-jährige Männer mit niedrigerem Bildungsgrad und Migrations­hintergrund.

Neue Formen

Laut der Fachstelle Glücksspielsucht in der Ambulanten Suchthilfe Bethel des Evangelischen Klinikums Bethel (EvKB) verändert sich die Art der Glücksspiele: Der Klassiker „Automatenspiele“ stagniere, Onlinespiele und Sportwetten nähmen dagegen zu.

Aggressive Werbung

Laut der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern (LSG) gibt die Glücksspielindustrie jährlich mehrere Hundert Millionen Euro für Werbung aus. „Gerade Jugendliche, die per Gesetz in besonderem Maße vor den Risiken des Glücksspielens geschützt werden sollen, erreicht diese aggressive Form der Werbung sehr schnell und wirksam“, sagte Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle. Auch wenn sich Werbung für Glücksspiel nicht gezielt an Jugendliche wenden dürfe, so seien junge Menschen doch besonders anfällig für diese Botschaften, warnte er.

Hilfe für Betroffene

Hilfe bei problematischem Glücksspiel bietet unter anderem die BZgA mit ihrer Kampagne „Check dein Spiel“. Sie beeinhaltet unter anderem einen Online-Selbsttest zur Überprüfung der Risiken des eigenen Spielverhaltens und ein qualitätsgesichertes Online-Verhaltensänderungsprogramm, mit dem das Spielverhalten reguliert werden kann. Ergänzend hält die Kampagne Broschüren und Faltblätter zum Thema Glücksspielsuchtprävention in verschiedenen Sprachen vor.

Unter der kostenfreien Rufnummer 0800 1372700 bietet die BZgA auch eine persönliche Telefonberatung zur Glücksspielsucht an.

TSVG: Keine zeitlich begrenzten Zulassungen für Psychotherapeuten

Zur Verbesserung der Versorgung sieht der aktuelle Kabinettsentwurf für das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) vor, die Höchstgrenze für die Zulassung von Arztgruppen, bei denen besonders große Versorgungs- und Terminschwierigkeiten bestehen, so lange aufzuheben, bis der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) die Bedarfsplanung reformiert hat. Hierfür setzt das TSVG als neue Frist den 31. Juli 2019.

Stärkung der psychiatrischen Versorgung

Zu diesen Arztgruppen werden Fachärzte für Innere Medizin und Rheumatologie, Kinderärzte sowie Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie gezählt. Letztere sollen jedoch nur dann eine Zulassung erhalten, wenn sie mindestens 80 Prozent ihrer Leistungen aus dem psychiatrischen Spektrum abrechnen. „Mit der Einschränkung soll die psychiatrische Versorgung gegenüber der Richtlinienpsychotherapie gestärkt werden“, heißt es in dem Kabinettsentwurf.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) fordert hingegen, dass auch mehr Psychotherapeuten zugelassen werden können, um die Versorgung psychisch Kranker zu verbessern. Die Wartezeiten auf eine ambulante psychotherapeutische Behandlung seien im Bundesdurchschnitt vier Monate und damit doppelt so lang wie auf eine psychiatrische Behandlung, erklärt die BPtK mit Verweis auf das aktuelle Gutachten des Sachverständigenrats Gesundheit. Kurzfristig sollten nach Vorstellungen der Kammer 1.500 Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichen­psychotherapeuten zugelassen werden, vorrangig außerhalb der Ballungszentren und im Ruhrgebiet.

Künftig gestufte und gesteuerte Versorgung für psychisch Kranke

Darüber hinaus legt der Gesetzgeber mit dem Kabinettsentwurf für das TSVG fest, dass die psychotherapeutische Behandlung psychisch Kranker zukünftig im Rahmen einer „gestuften und gesteuerten Versorgung“ erfolgen soll. Der G-BA erhält dazu einen Regelungsauftrag in der Psychotherapie-Richtlinie. Das Gremium soll darin auch „die Anforderungen an die Qualifikation der für die Behandlungssteuerung verant­wortlichen Vertragsärzte und Psychologischen Psychotherapeuten treffen“.

E-Health im TSVG: Keine Überraschungen

Die wesentlichen Eckpunkte des TSVG-Referentenentwurfs, die das Thema E-Health betreffen, finden sich auch im Kabinettsentwurf wieder. Dazu zählt die Verpflichtung der  gesetzlichen Krankenkassen, ihren Versicherten spätestens ab dem 1. Januar 2021 eine von der Gesellschaft für Telematik (gematik) zugelassene elektronische Patientenakte (ePA) zur Verfügung zu stellen. Ebenso sollen die Versicherten künftig alternativ zum hochsicheren Weg über elektronische Gesundheits­karte und elektronischen Heilberufsausweis auch mobil per Smartphone oder Tablet auf die Daten ihrer ePA zugreifen können.

Die Krankenkassen müssen ihre Versicherten spätestens bei der Zurverfügungstellung der ePA über deren Funktionsweise, die Art der Datenverarbeitung und über die Zugriffsrechte einschließlich der Abstufungen bei den Sicherheitskriterien informieren. Zudem soll das Verfahren für die Erteilung der Einwilligung des Versicherten in die Nutzung der medizinischen Anwendungen – unter Beachtung des Datenschutzes – vereinfacht werden.

Aktive Rolle der Versicherten stärker im Fokus

Im Unterschied zum Referentenentwurf stärkt die Kabinettsvorlage an einigen Stellen die aktive Rolle der Versicherten. So wurden etwa durch eine Erweiterung von Paragraf 67 Absatz 1 Sozialgesetzbuch (SGV) V neben den Krankenkassen und den Leistungs­erbringern auch die Versicherten explizit als Partner in die vernetzte digitale Kommunikation im Gesundheitswesen einbezogen mit dem Ziel, ihnen digitale Anwendungen und Dienste zur Verbesserung der Qualität und Wirtschaftlichkeit der Versorgung anzubieten.

Neben Angeboten, die die „elektronische und maschinell verwertbare Übermittlung von Befunden, Diagnosen, Therapieempfehlungen, Behandlungsberichten und Unterlagen im Genehmigungsverfahren“ betreffen, geht es dabei auch um die Förderung der aktiven und informierten Mitwirkung der Versicherten am Behandlungs- und Rehabilitationsprozess und die Unterstützung „bei einer gesundheitsbewussten Lebensführung“.

Die Mitwirkung der Versicherten wird auch im Hinblick auf die Regelungen zur ePA in Paragraf 291a SGB V gegenüber dem Referentenentwurf hervorgehoben. Danach muss die gematik bis zum 31. Dezember 2018 nicht nur die Voraussetzungen dafür schaffen, dass „Daten über den Versicherten in einer elektronischen Patientenakte (…) bereit­gestellt werden können“, sondern ebenso dafür, dass auch „Versicherte für die elektronische Patientenakte (…) Daten zur Verfügung stellen können“.

Nach dem Kabinettsentwurf sollen die Krankenkassen künftig ihren Versicherten in der von der gematikzugelassenen ePA zusätzliche Inhalte und Dienste zur Verfügung stellen können, sofern diese die ePA nach Gematik-Vorgaben nicht beeinträchtigen. Als Beispiele werden Patiententagebücher oder Aufzeichnungen von Fitnesstrackern genannt.

Transparenz durch Information

Durch eine Erweiterung von Paragraf 305 SGB V wird darüber hinaus klargestellt, dass die Krankenkassen auf Antrag der Versicherten diese über die in Anspruch genommenen Leistungen und deren Kosten unterrichten müssen. Die geltende zeitliche Begrenzung des Auskunftsrechtes der Versicherten auf einen Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung wird aufgehoben. Dies erweitere den Auskunftsanspruch der Versicherten und diene der Stärkung der Transparenz, so die Begründung.

Die bisherige Regelung der Trennung der Information über die ärztlichen Leistungen von den ärztlich veranlassten und verordneten Leistungen entspreche zudem „nicht mehr dem Ziel einer einfachen und transparenten Information der Versicherten. Gleiches gilt für das Verbot einer Gesamtübersicht der von den Versicherten in Anspruch genommenen Leistungen“. Damit sind etwa Angebote wie die der Techniker Krankenkasse rechtlich abgesichert, die in ihrer elektronischen Gesundheitsakte TK-Safe ihren Versicherten auf Wunsch eine komplette Leistungshistorie der letzten Jahre zur Verfügung stellt.

Stress verändert Regulation des Blutflusses im Gehirn

Akuter Stress kann die Regulation des Blutflusses im Gehirn beeinflussen. Das berichten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in den Proceedings of the National Accadamy of Sciences (PNAS 2018; doi: 10.1073/pnas.1804340115). „Dies könnte einen bisher nicht beschriebenen Mechanismus darstellen, der zu individuellen Unterschieden in der Stressantwort beiträgt. Möglicherweise lässt sich damit das individuelle Risiko für stressbedingte psychiatrische Erkrankungen besser bestimmen“, so die Forscher.

59 Studienteilnehmer absolvierten für die Studie einen standardisierten Test, der psychosozialen Stress hervorruft. Die Forscher um Immanuel Elbau und Philipp Sämann untersuchten dabei mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) Veränderungen in der Blutflussregulation der Gehirne ihrer Probanden. Es zeigte sich, dass die Stressbelastung die sogenannte hämodynamische Antwort in verschiedenen Hirnregionen veränderte, unter anderem im Hippocampus und präfrontalen Kortex. Diese Veränderungen erfolgten innerhalb weniger Minuten.

Weitere Analysen ließen erkennen, dass Unterschiede bei der Expression von KCNJ2, einem menschlichen Analog eines Gens, das die neurovaskuläre Kopplung unter Stress bei Ratten reguliert, mit Veränderungen der hämodynamische Antwort zusammen­hängen.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass akuter Stress zu einer schnellen, grundsätzlichen Funktionsanpassung des Gehirns führt. Möglicherweise beeinflussen individuelle Unterschiede auf dieser Ebene auch das Risiko, unter chronischem Stress Fehlanpassungen und letztlich psychische Symptome zu entwickeln“, fasst Sämann zusammen.

Neues Onlineportal der AOK soll im Umgang mit depressiv erkrankten Menschen helfen

Berlin – Das neue Onlineprogramm der AOK „Familiencoach Depression“ soll Angehörigen helfen, den Alltag mit einem depressiv erkrankten Menschen besser zu bewältigen. Dabei lernen Familie und Freunde mit Symptomen wie Freudlosigkeit oder Antriebslosigkeit umzugehen. Noch dieses Jahr soll das kostenfreie Angebote exklusiv für AOK-Versicherte ergänzt werden. Ob der Familiencoach Depression wirkt, muss erst noch eine Studie zeigen.

Das Programm basiert auf den Inhalten von Psychoedukationskursen, die die Belastung der Angehörigen nachweislich senken können. „In vier Trainingsbereichen erfährt man, wie man seinen erkrankten Angehörigen, Freund oder Bekannten unterstützen und sich selbst vor Überlastung schützen kann“, sagt Elisabeth Schramm vom Universitäts­klinikum Freiburg, die das Programm in Zusammenarbeit mit der AOK entwickelt hat.

Das Onlineprogramm zeigt unter anderem in 14 Videos, wie es gelingt, die Beziehung zum erkrankten Angehörigen zu stärken, mit Krisensituationen umzugehen, den Erkrankten zu unterstützen und sich selbst in dieser schwierigen Situation nicht zu überfordern. In kurzen Interviews geben Experten Hinweise – zum Beispiel zu der Frage, wie man sich verhalten sollte, wenn man bei einem Familienmitglied oder Freund Suizidgedanken vermutet.

Portal soll Vorurteile und Wissensdefizite beheben

Der Familiencoach Depression ist mit Fokusgruppen von Angehörigen und betroffenen Patienten entwickelt worden. Befragungsergebnisse aus dem letzten Jahr („Deutschland-Barometer Depression“) zeigen zudem erhebliche Wissenslücken bei Angehörigen, berichtet Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: „So glaubt jeder dritte Angehörige fälschlicherweise, dass Depression ein Resultat von Charakterschwäche sei, während es bei den Betroffenen 22 % der Befragten sind“. 85 % der Angehörigen seien der Meinung, dass Antidepressiva süchtig machten – im Vergleich zu 60 % der Betroffenen.

Angehörige nutzen Psychoedukationskurse zu selten

Eine depressive Erkrankung eines nahestehenden Menschen verursacht oft hohe psychosoziale Belastungen, betont Christiane Roick, stellvertretende Leiterin des Stabs Medizin beim AOK-Bundesverband. „Während Psychoedukationskurse für Patienten bereits zum Standardrepertoire der Versorgung gehören, sind entsprechende Kurse für die Angehörigen aber noch deutlich seltener“, so Roick.

Nur gut ein Drittel der psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken in Deutschland halte solche nachweislich wirksamen Angebote vor, und nur ein Fünftel der Angehö­rigen nutze sie. Gründe für die geringe Inanspruchnahme sind unter anderem Kurszeiten oder die Furcht von einer Stigmatisierung der Angehörigen.

„Diese Hürden können mit unserem Onlineprogramm, das in seiner Art und seinem Umfang bisher einmalig ist, sehr gut überwunden werden“, hofft Roik. Es erlaube einen anonymen sowie zeitlich und örtlich flexiblen Zugang zu den Informationen. Die Nutzer müssen nicht bei der AOK versichert sein. AOK-Versicherte können jedoch ab Herbst 2018 zusätzlich Fragen per E-Mail an Elisabeth Schramm richten. Sie wird diese in einer Videobotschaft alle 2 Monate gesammelt beantworten. Eine App-Version ist nicht geplant.

Um die Wirkung des Onlineangebots nachzuweisen, startet demnächst eine Evaluation. Studiendesign und Endpunkte sind jedoch noch nicht festgelegt, teilt Roik mit: „Die Ergebnisse erwarten wir frühestens in 3 Jahren.“