Digitale-Versor­gung-Gesetz: Experten sehen noch Nachbesserungsbedarf

 Vor allem die digitalen Gesundheitsanwendungen und deren Implementierung in die Routineversorgung, aber auch die geplanten Regelungen zur Datentransparenz und damit verbundene Fragen zum Datenschutz und zur Datennutzung standen im Zentrum der gestrigen Anhörung des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) vor dem Gesundheits­ausschuss des Bundestages.

Die grundsätzliche Zielsetzung des Gesetzentwurfs der Bundesregierung, digitale Inno­vationen schneller in die medizinische Versorgung zu bringen, stößt dabei auf einhellige Zustimmung der Gesundheitsexperten. Viele Fragen ergaben sich dann aber im Detail im Hinblick auf die dafür vorgesehenen Maßnahmen.

So sollen sich Patienten künftig etwa Gesundheits-Apps vom Arzt verschreiben lassen können. Das beschleunigte Verfahren dazu sieht vor, dass das Bundesinstitut für Arznei­mittel und Medizinprodukte (BfArM) die Anwendung auf Datensicherheit und Funktiona­lität überprüft. Ein Jahr lang wird sie dann vorläufig von der gesetzlichen Krankenversi­cherung (GKV) erstattet. Während dieser Zeit muss der Hersteller positive Versorgungs­effekte nachweisen.

Risikobehaftetes Verfahren

Die Krankenkassen sehen jedoch Probleme bei der Bewertung digitaler Anwendungen und befürchten ein Missverhältnis zwischen Nutzen und Kosten solcher Programme. So hält etwa der GKV-Spitzenverband die Kriterien für eine Aufnahme digitaler Innovationen in das geplante Verzeichnis digitaler Versorgungsangebote beim Bundesinstitut für Arz­neimittel und Medizinprodukte (BfArM) für unzureichend.

Die wichtigsten geplanten Regelungen des DVG

  • Versicherten können digitale Versorgungsangebote wie Gesundheits-Apps auf Rezept erhalten.
  • Der Zugang für die Hersteller von digitalen Anwendungen in die Regelversorgung wird erleichtert.
  • Krankenhäuser müssen sich bis zum 1. Januar 2021 an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) anschließen, Apotheken bis zum 20. September 2020.
  • TI-Verweigerer unter den Ärzten werden mit einem erhöhten Honorarabzug von 2,5 Prozent ab dem 1. März 2020 sanktioniert.
  • Weitere Leistungserbringer wie etwa Hebammen und Physiotherapeuten können sich freiwillig anschließen.
  • Telemedizin wird gestärkt, indem etwa Telekonsile extrabudgetär vergütet werden.
  • Ärzte können auf ihrer Internetseite über ihr Angebot an Onlinesprechstunden informieren. Die Aufklärung für eine Videosprechstunde soll auch online möglich sein.
  • Krankenkassen können digitale Innovationen fördern und dafür im Rahmen von Investmentanlagen bis zu zwei Prozent ihrer Finanzreserven einsetzen.
  • Der Innovationsfonds wird bis 2024 mit 200 Millionen Euro jährlich fortgeführt.
  • Der Telefaxversand soll für Ärzte geringer als das Versenden eines elektronischen Arztbriefes vergütet werden.
  • Die Nutzbarkeit von Gesundheitsdaten für Forschungszwecke soll verbessert werden.

Eine Einführung von Anwendungen der Risikoklassen I und IIa allein aufgrund der Prü­fung von Unterlagen der Hersteller durch das BfArM ohne Einbezug von Ärzten und Kran­kenkassen sei „risikobehaftet“, so deren Vorstandsvorsitzende Doris Pfeiffer. Die Kriterien dafür seien unbedingt zu schärfen, etwa nach dem Vorbild des britischen NICE, das einen Anforderungsrahmen hierfür erarbeitet habe.

Durch den Anspruch auf Kostenerstattung der App-Hersteller im ersten Jahr befürchten die Krankenkassen zudem Fehlanreize. Vor dem Hintergrund schneller Entwicklungszy­klen und der modularen Erweiterbarkeit der Produkte müsse damit gerechnet werden, dass es nach einem Jahr nicht mehr zu der geforderten Bewertung der Apps komme. Für die Hersteller müsse es außerdem strukturierte Informationsangebote über die verschie­denen Zugangswege in die Regelversorgung geben, forderte Pfeiffer.

Erprobungsregion für Gesundheits-Apps

Auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) bemängelte, dass bei den im Gesetzentwurf angeleg­ten neuen Zulassungsverfahren für digitale Gesundheitsanwendungen die spezifischen Bedürfnisse der Patienten und Ärzte nicht berücksichtigt würden, obgleich sie die Kern­zielgruppe dieser Anwendungen seien.

In ihrer Stellungnahme forderte sie zudem eine klare Regelung der datenschutzrechtli­chen Verantwortlichkeit innerhalb der Tele­ma­tik­infra­struk­tur sowie für Entwickler ver­lässliche Rahmenbedingungen zur Erprobung ihrer Technik. In diesem Kontext plädiert die BÄK für eine bundesweite Erprobungsregion für digitale Anwendungen.

„Digitale Anwendungen müssen belegen, dass sie keinen Schaden anrichten“, erläuterte Norbert Butz, Dezernatsleiter Telematik bei der BÄK. Hierzu sei eine Erprobung erforder­lich, die etwa ein Patientenkollektiv, teilnehmende Ärzte und andere Leistungserbringer, Krankenkassen und eine begleitende Evaluation umfasse.

Für die Hersteller digitaler Anwendungen stelle dieses Setting eine „prohibitiv hohe Hürde“ dar. Eine etablierte Erprobungsregion würden den Entwicklern digitaler Anwen­dungen verlässliche und dauerhafte Rahmenbedingungen für die Erprobung zur Verfügung stellen. Die Kosten für die Erprobung und die Evaluation würden dadurch deutlich geringer werden, das Verfahren dadurch insgesamt schneller, so Butz.

Kritik von Herstellern

Aus Sicht der Industrieverbände Bitkom, bvitg – Bundesverband Gesundheits-IT, dem Fachverband Elektromedizinische Technik (ZVEI) und dem Bundesverband Medizintechnik (bvmed) ist es nicht zielführend, den Versorgungsanspruch der Versicherten nur auf digi­tale Anwendungen der geringen Risikoklassen I und IIa der Medizinprodukteversorgung (MDR) zu beschränken.

Ein grundlegendes Problem bestehe unter anderem darin, dass es für eine digitale An­wen­dung „von ihrer Natur her häufig schwierig ist, die gewünschten Evidenznachweise zu erbringen“, erläuterte etwa Peter Bursig vom ZVEI. Viele der Anwendungen seien in sek­tor­übergreifende Versorgungsprozesse integriert, Beispiel Telemonitoring.

Der bvmed plädierte zudem dafür, Kombinationsprodukte in das DVG mit aufzunehmen, darunter fallen Software oder Zubehör-Apps, die Informationen eines Medizinprodukts wie eines Herzschrittmachers für den Arzt oder Patienten aufbereiten.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) begrüßt grundsätzlich, dass Gesundheits-Apps künftig von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung bezahlt werden sollen. „Digitale Anwendungen können gerade psychische Behandlungen intensivieren, Behandlungser­folge stabilisieren und dazu beitragen, psychische Erkrankungen zu vermeiden“, betonte Nikolaus Melcop, Vizepräsident des BPtK-Vorstandes.

Es gebe bereits eine Reihe evaluierter Anwendungen für psychische Erkrankungen. Wich­tig sei, dass Psychotherapeuten solche Programme auch verordnen könnten. In das BfArM­-­Verzeichnis „sollten allerdings nur solche Anwendungen aufgenommen werden, deren Wirksamkeit auch nachgewiesen ist“, forderte Melcop. Denn andernfalls könnte auch großer Schaden entstehen. Aus Sicht der BPtK haben zudem nur Psychotherapeuten oder Ärzte die fachliche Qualifikation zu beurteilen, ob und welche Gesundheits-App in einer Behandlung eingesetzt werden kann.

Bedeutung der arztgeführten Kommunikation

Auch aus Sicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ist es unbedingt erforder­lich, Ärzte bei der Ausgestaltung der Digitalisierung und bei der Entwicklung digitaler Angebote einzubeziehen. „Es wäre eine vertane Chance, wenn nur diejenigen tätig wer­den dürfen, die gar nicht in die Behandlung der Patienten eingebunden sind“, sagte der KBV-Vorstandsvize Stephan Hofmeister.

Die KBV lehne es daher ab, dass Krankenkassen ihren Versicherten künftig digitale Versorgungsangebote machen können, ohne die behandelnden Ärzte einzubeziehen. Denn auch digitale Angebote müssten in ein therapeutisches Gesamtkonzept integriert sein.

Hofmeister hob jedoch die Bedeutung der arztgeführten Kommunikation neben der elektronischen Patientenakte hervor: Die Ärzte seien besorgt, dass in der digitalisierten Welt der ursprünglich generische Weg der Arzt-Patienten-Kommunikation und der Arzt-zu-Arzt-Kommunikation untergehe. Aus Ärztesicht gehe es darum, dass die Kommuni­ka­tion zwischen den Ärzten für einen Patienten in einem Behandlungsfall vernünftig in Echt­zeit stattfinde.

„Wir sind dringend darauf angewiesen, dass hier unkompromittierte medizinische Fach­da­ten ausgetauscht werden können“, so Hofmeister. Hierfür sei eine sichere elektronisch gestützte arztgeführte Kommunikationslösung unerlässlich.

Gesundheitsdaten besser für Forschung nutzen

Aus Sicht einiger Experten besteht bei den erweiterten Regelungen zur Nutzung von Sozialdaten der Krankenkassen zu Forschungszwecken noch Nachbesserungsbedarf. So ist etwa für den Einzelsachverständigen Dominique Schröder, Universität Erlangen-Nürn­berg, der Datenschutz im Gesetzentwurf generell nicht ausreichend umgesetzt.

Die Patienten sollten ihm zufolge ein Recht haben, über ihre Daten zu entscheiden. Das sei im Gesetz nicht enthalten. Zudem gewährleiste ihm zufolge die „mangelhafte Tech­nik“ der Pseudonymisierung und Anonymisierung von Daten nicht unbedingt den Daten­schutz, wie Beispiele zur De-Anonymisierung von Daten aus der Kryptographie und der IT-Sicherheit gezeigt hätten.

Schröder empfahl, nur auf verschlüsselten Daten Berechnungen durchzuführen. „Das funktioniert, wir sind in der Forschung so weit“, sagte er. In einen Projekt konnte ihm zu­folge gezeigt werden, dass der Patient über die Verwendung einer einzelnen App jede Berechnung auf seinen genetischen Daten freigeben kann.

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Auch die Rolle des GKV-Spitzenverbandes als Datensammelstelle sieht der Experte kri­tisch. Hierfür sei eine unabhängige Stelle erforderlich, die keinerlei finanzielle Interessen verfolge. Die Daten angemessen zu schützen, sei schwierig und ein überaus komplexer Prozess, erläuterte er.

Bündnis 90/Die Grünen kritisieren in einem eigenen Antrag (DS 19/13539), der ebenfalls Gegenstand der Anhörung war, dass den Aktivitäten der Bundesregierung eine „kohärente Strategie für die weitere Digitalisierung des Gesundheitswesens“ fehle.

Unter anderem vermissen sie klare Vorgaben zur Interoperabilität der Daten und Systeme im Gesundheitswesen sowie Maßnahmen zur Verbesserung der Datenqualität. Sie fordern deshalb, unter Beteiligung der Patienten sowie weiterer Akteure eine sich an gesund­heits-, versorgungs- und pflegepolitischen Prioritäten orientierende Strategie zur Umset­zung der Digitalisierung für das Gesundheitswesen auf den Weg zu bringen. 

Trotz gesetzlicher Verschärfung kein Rückgang beim Stalking

In den vergangenen 15 Jahren ist die Zahl der Stalkingopfer nicht zurück­gegangen, obwohl Polizei und Justiz mittlerweile verschärft dagegen vorgehen. Das be­richten Forscher des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim nach einer Studie im Auftrag der Weisser Ring Stiftung.

Die Forscher haben 2018 erhobene Daten aus einer Befragung von Mannheimer Bürgern mit Daten einer Studie aus dem Jahr 2003 verglichen: 10,8 Prozent der Befragten im Jahr 2018 haben angegeben, von Stalking betroffen zu sein. 2003 waren es 11,6 Prozent.

„Dies spricht einerseits für die Reliabilität der mit unserer Methode erhobenen Ergeb­nisse. Andererseits muss leider auch festgehalten werden, dass die Häufigkeit von Stal­king im Zeitverlauf nicht signifikant abgenommen hat, obwohl gegen Stalker mittlerweile verschärft mit polizeilichen und strafrechtlichen Mitteln vorgegangen werden kann“, sagte Harald Dreßing, Leiter Forensische Psychiatrie am ZI.

Auch die Geschlechterverteilung von Tätern und Betroffenen ist laut Studie in den ver­gan­genen 15 Jahren weitgehend identisch geblieben. Frauen sind mit einem Anteil von 14,4 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer (5,1 Prozent).

„Das Hauptproblem im Zusammenhang mit Stalking ist nach wie vor die Tatsache, dass es meist Ex-Partner sind, die zum Stalker werden“, sagte Dreßing. Auffällig sei, dass mit Cy­berstalking eine neue Methode hinzugekommen sei.

Durch Internet und soziale Netzwerke hätten sich die Möglichkeiten von Stalking also erweitert. „Cyberstalking ist eine zusätzliche Methode, die neben anderen Methoden vom Stalker eingesetzt wird. Die Anzahl der Betroffenen insgesamt erhöht sich dadurch je­doch nicht in statistisch signifikantem Umfang“, so Dreßing.

Nach wie vor seien die gesundheitlichen Auswirkungen bei den Betroffenen erheblich. „Stalking ist psychische Gewalt und eine schwerwiegende Straftat. Die Opfer leiden teils jahrelang unter den Folgen der permanenten Nachstellung und Belästigung. Sie werden verfolgt, belästigt und bedroht. Und das zumeist über einen unerträglich langen Zeit­raum. Für den Weissen Ring als Hilfsorganisation stellt Stalking ein zunehmend wichti­geres Thema in der Opferarbeit dar“, sagte Jörg Ziercke, Kuratoriumsvorsitzender der Weisser Ring Stiftung.

Er wies darauf hin, dass die Organisation ein digitales Hilfsmittel für Betroffene von Stal­king entwickelt hat: Stalking-Opfer können mithilfe einer Smartphone-App Fotos, Videos und Sprachaufnahmen von Stalking-Vorfällen erstellen.

Durch die direkte und unmittelbare Dokumentation mit der sogenannten „No Stalk App“, die seit Mai in den Stores von Apple und Android zum kostenlosen Download bereitsteht, sei eine authentische Beweissammlung möglich. Für Menschen, die von Stalking be­troffen sind, bietet das ZI in Mannheim eine Spezialambulanz an.

Schönheits­operationen bei Jugendlichen an psychologische Aufklärung binden

Rein ästhetisch motivierte und nicht indizierte Schönheitsoperationen und Behandlun­gen bei Minderjährigen solten zwingend an eine vorherige psychologische Aufklä­rung gebunden sein. Das hat Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, heute angemahnt.

Dadurch könnten Eingriffe vermieden werden, die aus einem gestörten Selbstbild be­ziehungs­weise Körperbild oder aus sonstigen unrealistischen Erwartungen heraus erfolgen würde, sagte Henke in Düsseldorf.

Den Vorstoß Spahns für ein Werbeverbot für solche Schönheitsoperationen bei Kindern und Jugendlichen unterstützt Henke. Er regt zugleich an, das Werbeverbot gleichzeitig auch auf Preisausschreiben, Rabattaktionen, Spiele, Verlosungen oder vergleichbare Ver­fahren auszuweiten, mit denen für operative plastisch-chirurgische Eingriffe geworben würde.

Henke betonte zugleich, dass die meisten seriösen Fachärzte für ästhetische und plasti­sche Chirurgie schon heute Operationen und Behandlungen ohne medizinische Notwen­digkeit bei Jugendlichen unter 18 Jahren ablehnten.

Mit Sorge beobachte die Ärztekammer Nordrhein jedoch den Trend, dass Schönheitsope­rati­onen für viele Menschen mittlerweile so alltäglich geworden sind wie der Gang zum Friseur oder ins Fitnessstudio.

Nicht wenige, vor allem junge Erwachsene, so Henke, gingen von der irrigen Vorstellung aus, dass Schönheit käuflich sei und risikolos herbeigeführt werden könne. „Sie vergessen dabei, dass Schönheitsoperationen, je nach Art des Eingriffs, mit einem hohen gesund­heit­­lichen Risiko verbunden sind, das keineswegs bagatellisiert werden sollte“, mahnte Henke.

Spahn hatte gestern Pläne vorgelegt, mit dem Werbemaßnahmen für plastisch-chirurgi­sche Eingriffe ohne medizinische Notwendigkeit schon mit Blick auf Kinder unter 14 Jah­ren untersagt werden sollen. Es soll künftig generell für Jugendliche gelten, also auch für junge Leute ab 14 Jahre. Dabei geht es um alle Werbemaßnahmen, die sich „ausschließ­lich oder über­wiegend an Jugendliche richten“ – auch in sozialen Medien, hieß es.

Zustimmung signalisierte die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirugie (DGÄPC). „Als Fachgesellschaft würden wir ein Verbot der Werbung für ästhetisch-plas­tisch chirurgische Eingriffe gegenüber Jugendlichen und Kindern – wie es aktuell disku­tiert wird – zu 100 Prozent unterstützen“, sagte DGÄPC-Präsident Torsten Kantelhardt. 

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Veraltetes Wissen führt zu falscher Behandlung

Beim Chronic Fatigue Syndrome handelt es sich laut aktueller Studien entgegen früherer Annahmen um eine körperliche und nicht um eine psychische Erkrankung. Betroffene in Deutschland beklagen die katastrophale Versorgungslage aufgrund des veralteten Wissensstands von Ärzten, Behörden und der Regierung.

Birgit Gustke leidet seit Jahren am Chronic Fatigue Syndrome, das auch Myalgische Enzephalomyelitis genannt wird, abgekürzt ME/CFS oder nur CFS. Ihre begrenzten Kraftreserven nutzt sie, um in der Selbsthilfegruppe Fatigatio andere Betroffene zu beraten.

„Der Junge ist seit vier Jahren erkrankt und anfangs ist er mehrmals in die Kinder- und Jugend-Psychiatrie eingewiesen worden, für drei Monate, für sechs Monate, verlängert. Wurde auch dort mit Bewegung therapiert und es wurde auch einfach gesagt: Wenn du jetzt diese Stunde nicht schaffst, dann kommst du so bald gar nicht nach Hause.“

„Nun beweg dich doch!“, diese Aufforderung hören viele Patienten, aber genau das können sie eben nicht so einfach. Und das liegt nicht an ihrer Psyche oder ihrer Einstellung, erklärt Prof. Carmen Scheibenbogen, die Leiterin des Fatigue oder Erschöpfungs-Centrums der Berliner Charité. 

ME/CFS ist eine körperliche Erkrankung

„Also die Studien der letzten Jahre zeigen sehr klar, dass es sich um eine körperliche Erkrankung handelt, bei der wir sehr viele Veränderungen haben, die das Immunsystem betreffen und das sogenannte autonome Nervensystem. Also alles, was wir nicht bewusst steuern. Und es gibt ältere Studien, die lange Zeit auch das Konzept verfolgt haben, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt, aber das wird durch die aktuellen Studien widerlegt.“

Das überholte Modell geht davon aus, dass CFS-Patienten durch ein Ereignis wie eine schwere Infektion ins Bett gezwungen wurden, sich kaum rühren konnten. Aber auch nach dem Ende der akuten Erkrankung muteten sie sich keine Anstrengung mehr zu. Ihre Psyche bleibe sozusagen in einem erschöpften Selbstbild gefangen. Deshalb wurden Verhaltenstherapien verschrieben oder auch ein Bewegungsprogramm, das den Patienten zeigen sollte: Es geht doch! Die große Pace-Studie aus England schien dieses Konzept zunächst zu bestätigen. Das Problem: Eine neue Analyse der Daten von 2018 zeigt: Weder Verhaltenstherapie noch körperliche Aktivierung helfen den Patienten.

Überholte Therapieansätze immer noch üblich

„Nichtsdestotrotz berufen sich bis heute ganz viele auf diese Arbeit und diese Arbeit ist auch Grundlage für vieles, was zum Beispiel gemacht wird, auch in Kliniken gemacht wird, oder auch in Leitlinien. Leitlinie Müdigkeit – auch da werden die zitiert.“

Diese Leitlinie ist sehr umstritten, aber sie steht nicht allein mit ihrem Festhalten an alten Vorstellungen. Auch der einzige Bericht des Robert-Koch-Instituts zu CFS nennt die Pace Studie „ermutigend“. Die Aussage stammt aus dem Jahr 2015 und ist somit überholt. Und schon damals hat das RKI die eigenen Aussagen eingeschränkt.

„Der Bericht stützt sich (..) auf evaluierte Daten und Erkenntnisse Dritter, ohne eine Bewertung der Methoden vornehmen zu können. Die Thematik ist kein Schwerpunkt oder langfristiges Themengebiet am RKI.“

Trotzdem wirkt der Bericht bis heute nach, wie sich kürzlich bei der Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage der Grünen zu „ME/CFS – Aktuelle Situation in Versorgung und Forschung“ zeigte, erklärt Carmen Scheibenbogen.

Veraltetes Wissen führt zu falschen Behandlungen

„Der Bericht vom Robert-Koch-Institut ist Grundlage gewesen für eine aktuelle Stellungnahme zu dieser kleinen Anfrage der Grünen. Insofern ist er natürlich für uns nachteilig, weil der Wissensstand dort ist veraltet.“

In der Vorbemerkung zur Stellungnahme schreibt die Bundesregierung zwar, dass die Ursachen und Mechanismen der Erkrankung kontrovers diskutiert werden. In den einzelnen Antworten wird dagegen immer wieder indirekt auf das psychologische Erklärungsmodell verwiesen. Und: Generell gebe es in Deutschland „insgesamt sehr gute Rahmenbedingungen für eine entsprechende medizinische Versorgung“.

Das allerdings sieht Birgit Gutske ganz anders: „Weder Ärzte wissen ausreichend Bescheid noch Behörden sind über das Krankheitsbild informiert. Und die Antworten und Beschwerden und Hilferufe unserer Mitglieder sind alle dahingehend, dass es eine katastrophale Versorgung im medizinischen und sozialrechtlichen Bereich gibt.“

Betroffene beklagen katastrophale Versorgungslage

Gerade einmal zwei Behandlungszentren gibt es derzeit in ganz Deutschland. Immerhin, am Fatigue Centrum der Charité melden sich immer mehr Ärzte, die sich beim Thema Chronisches Erschöpfungssyndrom weiterbilden wollen und inzwischen suchen auch die Sozialversicherungen das Gespräch mit Carmen Scheibenbogen.

„Und daher hoffen wir auch, dass wir mit der Rentenversicherung ein Stück weiter kommen und diese neuen Konzepte umsetzen können.“

Andere Länder sind längst weiter mit der Neuorientierung beim Chronischen Erschöpfungssyndrom. In den USA haben die National Institutes of Health 2017 eine Forschungsinitiative gestartet. CFS-Wissenschaftler werden auch großzügig von privaten Spenden unterstützt. Und im März diesen Jahres hat sich das dänische Parlament gegen die Stigmatisierung der ME/CFS Patienten gewandt und konkret den Aufbau von spezialisierten Behandlungszentren angestoßen, die ein somatisches, also körperliches Krankheitsmodell zugrunde legen sollen. Birgit Gustke hofft, dass die neuen Erkenntnisse beim Chronischen Erschöpfungssyndrom bald auch den rund 300.000 Patienten in Deutschland zu Gute kommen werden.

„Also mein Traum wäre wirklich mindestens in jedem Bundesland ein Beratungszentrum für ME/CFS Patienten, wie es das bereits für Krebs oder MS Patienten gibt.“

Rückenwind für Videosprechstunden

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband wollen tele­medizinische Angebote stärken: Seit Anfang Oktober dürfen Ärzte fast aller Fachgruppen Videosprechstunden durchführen und abrechnen – ausgenommen sind nur Laborärzte, Nuklearmediziner, Pathologen und Radiologen.

Für Psychotherapien wurde die Videosprechstunde neu geöffnet, ebenso können ermäch­tigte Ärzte ihre Patienten nun per Video behandeln. Neu ist weiterhin, dass der erste Arzt-Patienten-Kontakt in einer Videosprechstunde stattfinden darf. Bislang musste der Arzt den Patienten kennen. Nunmehr ist die elektronische Visite auch bei „neuen“ Patienten berechnungsfähig.

Zur Förderung der Videosprechstunde wurde die Vergütung neu geregelt. Sie erfolgt seit 1. Oktober über die jeweilige Versicherten-, Grund- oder Konsiliarpauschale statt wie bisher über die Gebührenordnungsposition (GOP) 01439.

Die Pauschale nebst Zuschlägen wird in voller Höhe gezahlt, wenn im selben Quartal noch ein persönlicher Kontakt erfolgt. Ist dies nicht der Fall und der Kontakt erfolgt aus­schließlich per Video, werden die Pauschale und gegebenenfalls die sich darauf bezieh­en­den Zuschläge gekürzt.

Ärztliche und psychologische Psychotherapeuten dürfen nun bestimmte Leistungen der Richtlinien-Psychotherapie per Videosprechstunde durchführen und abrechnen. Voraus­setzung dafür ist, dass ein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt zur Eingangsdiagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung vorausgegangen ist.

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Auch Fallkonferenzen in der Pflege können nunmehr häufiger per Video erfolgen. Möglich waren sie bisher bereits zwischen Ärzten und Pflegekräften des Pflegeheimes, mit dem ein Kooperationsvertrag für den Versicherten besteht (GOP 37120 und 37320).

Seit Anfang des Monats können solche Fallkonferenzen auch per Video erfolgen und ab­gerechnet werden, wenn der Patient zu Hause oder in einer beschützenden Einrichtung lebt. Dazu wurde die GOP 01442 (Bewertung: 64 Punkte / 6,92 Euro) in den EBM auf­ge­nommen.

Fallbesprechungen nach den GOP 30210 (Hyperbare Sauerstofftherapie bei diabetischem Fußsyndrom), 30706 (Schmerztherapie), 30948 (MRSA-Fall- und/oder regionale Netz­werk­­konferenz) und 37400 (Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase) sind ab so­fort ebenfalls als Videofallkonferenz durchführbar.

Mit den getroffenen Vereinbarungen sollen Ärzte und Psychotherapeuten die Video­sprech­stunde einfacher in den Praxisalltag integrieren können und immer dann einset­zen, wenn sie es für sinnvoll erachten. Der Gesetzgeber hatte dies wiederholt gefordert und verlangt, das Angebot zur Videosprechstunde ausbauen.

Keine Belege für Nutzen von EMDR-Training bei Angststörungen

Das Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) wird bislang haupt­sächlich in der Traumatherapie eingesetzt. Belastbare Belege dafür, dass es auch Patien­ten mit Angststörungen hilft, gibt es aber nicht.

Zu diesem Ergebnis kommt eine inter­disziplinäre Arbeitsgruppe der Universität Witten/­Herdecke und der Fernuniversität Ha­gen im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirt­schaft­lichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Beim EMDR sollen traumatische Ereignisse mit Hilfe der Aktivierung beider Gehirnhälften aufgearbeitet werden, zum Beispiel durch das Verfolgen eines hin- und herbewegten Fin­gers mit den Augen.

Die Wissenschaftler fanden 22 für die Fragestellung relevante Studien. Wegen „ausge­präg­ter methodischer Mängel dieser Studien“ konnten sie daraus aber keinen Anhalts­punkt für einen Nutzen der EMDR-Behandlung bei Angststörungen im Vergleich zu etablierten Therapieverfahren oder auch im Vergleich zu keiner Behandlung ableiten.

Dies gilt für die patientenrelevanten Endpunkte Angst, Depression, angstspezifische Effekte wie Vermeidungsverhalten oder körperliche Symptome, gesundheitsbezogene Lebens­qualität und psychosoziale Aspekte.

Methodisch schlecht waren die Studien laut den Wissenschaftlern unter anderem wegen ungeeigneten Vergleichsgruppen, zu kurzer Nachbeobachtung nach der Intervention oder mangelhaften Aussagen zur Randomisie­rung. Geeignete Studien zur gesundheitsöko­no­mischen Bewertung des Verfahrens bei Angststörungen fehlen laut den Wissenschaftlern ebenfalls.

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Die Analyse erfolgte im Rahmen des Themencheck Medizin. Die Fragestellungen für die daraus entstehenden Health-Technology Assessments (HTA) gehen auf Vorschläge von Bürgern zurück.

Das IQWiG ruft nun Fachkreise und alle Interessierten auf, bis zum 4. November Stellung­nahmen zu dem vorläufigen HTA-Bericht zu dem EMDR-Training bei Angststörungen ab­zugeben. Diese werden ausgewertet und gegebenenfalls in einer mündlichen Anhörung mit den Stellungnehmenden diskutiert.

Danach wird eine Endfassung des HTA-Berichtes erstellt. Außerdem schreiben die Auto­ren eine allgemein verständliche Version (HTA kompakt), und das IQWiG ergänzt das Pa­ket um einen Herausgeberkommentar.

Tiefe Hirnstimulation hilft bei Depressionen

Die Tiefe Hirnstimulation (THS), bei der gezielt mittels hauchdünner Elektroden ein Teil des Belohnungssystems im Gehirn stimuliert wird, verfügt laut einer Studie der Emory University http://emory.edu langfristig über eine solide antidepressive Wirkung. Die Forscher haben diese Wirkung bei Patienten erzielt, die unter einer behandlungsresistenten und sehr schweren Form dieser Erkrankung litten. Details wurden im „American Journal of Psychiatry“ publiziert.

Linderung dank Hirnschrittmacher

Die Ergebnisse dieser Langzeitstudie bestätigen frühere Forschungsprojekte des Teams um die international anerkannte Expertin Helen S. Mayberg. Laut der leitenden Wissenschaftlerin ist es damit auch gelungen, die Grundlage für weitere Studien zur Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten mittels THS zu schaffen.

Die U.S. Food and Drug Administration http://www.fda.gov hat THS erst kürzlich für die Behandlung von Tremor, Parkinson, Epilepsie und Zwangserkrankungen zugelassen. Dabei handelt es sich um einen Eingriff, bei dem ein Neurostimulator im Gehirn platziert wird. Dieser Hirnschrittmacher sendet über die implantierten Elektroden hochfrequente elektrische Impulse genau in jene Gehirnbereiche, die für die Entstehung der Symptome dieser Krankheiten verantwortlich sind.

Mayberg leitete 2005 die erste THS-Studie zum Brodmann-Areal 25 bei Patienten, die gegen eine herkömmliche Behandlung resistent waren. Bereits damals wurde die Möglichkeit eines klinischen Nutzens nachgewiesen. Weitere kleinere Studien lieferten ähnlich positive Ergebnisse. Eine multizentrische randomisierte Studie wurde jedoch noch im Anfangsstadium eingestellt. Verantwortlich dafür war das Fehlen einer statistisch signifikanten, antidepressiven Reaktion.

Ausgeweiteter Beobachtungszeitraum

Die Forscher begleiteten die Patienten der ursprünglichen Studie weiter. Dabei zeigte sich, dass es ihnen durch die Behandlung nicht nur besser ging. Auch hielt dieser Effekt an. Daher verfolgte das Team diesen Ansatz weiter. Die aktuelle Studie dokumentiert die langfristigen Ergebnisse von 28 Patienten. Die zwischen vier und acht Jahre lang an der offenen klinischen Studie teilnahmen. Die Ansprech- und Remissionsraten konnten bei 50 Prozent respektive 30 Prozent aufrechterhalten werden. Entscheidend dabei ist der lange Beobachtungszeitraum von zwei bis acht Jahren.

Drei Viertel der Teilnehmer entsprachen den Kriterien für das Ansprechen auf die Behandlung. 21 Prozent wiesen ab dem ersten Jahr ein kontinuierliches Ansprechen auf. Von 28 Teilnehmern beendeten 14 mindestens einen acht Jahre langen weiteren Beobachtungszeitraum. Elf andere Patienten waren mindestens vier Jahre lang dabei. Vier Personen schieden vor den acht Jahren Nachbereitung aus. Laut Mayberg ist durch diese Studienergebnisse die langfristige Sicherheit und nachhaltige Wirksamkeit dieses Behandlungsansatzes erwiesen.

Am Center for Advanced Circuit Therapeutics http://bit.ly/355eAwN wird bereits an der nächsten Stufe dieser Forschung gearbeitet. Die Finanzierung erfolgt über die National Institutes of Health Brain Initiative https://braininitiative.nih.gov . Bei den Studienteilnehmern soll ein neuer Prototyp mit der Bezeichnung „Summit RC+S“ implantiert werden. Damit wird es möglich sein, die Gehirnaktivität direkt während der THS aufzuzeichnen.

Regierung startet Regenbogenportal

Die Bundesregierung hat heute ein Wissensnetz zu gleichgeschlechtlichen Lebensweisen und geschlechtlicher Vielfalt gelauncht.

Es bietet kompakte und leicht verständliche Texte und Videos zu vielen Fragen und Lebensbereichen. Für lesbische, schwule, bisexuelle, queere, trans- und intergeschlechtliche Menschen, Fachkräfte, Familienangehörige und Freund_innen.

https://www.regenbogenportal.de/

Suizide steigen bei Jugendlichen nach den Ferien an

Forscher des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung vermuten einen engeren Zusammenhang zwischen Suiziden bei Jugendlichen und deren Situation in der Schule. Hintergrund ist, dass die Wahrscheinlichkeit einer Selbsttötung insbesondere an den ersten beiden Schultagen nach Ferienende laut einer neuen Studie des Instituts er­höht ist.

Die Untersuchung basiert auf Daten der deutschen Todesursachenstatistik der Jahre 2001 bis 2015. Danach ist die Wahrscheinlichkeit einer Selbsttötung unter Kindern und Ju­gend­­li­chen während der Ferien um 19 Prozent verringert. Am höchsten ist die Suizidrate an den ersten beiden Schultagen nach den Ferien. Die Wahrscheinlichkeit eines Suizids ist an diesen Tagen um etwa 30 Prozent erhöht. Schüler sind vom Anstieg der Suizidrate an Schultagen stärker betroffen als Schülerinnen.

Fast jeder achte Todesfall unter Jugendlichen in Deutschland geht auf Selbsttötung zu­rück. Von rund zehn Millionen Deutschen im Alter zwischen 6 und 19 Jahren nehmen sich laut dem RWI pro Jahr durchschnittlich 221 das Leben.

„Im Verhältnis zur großen Zahl der Personen kommen Suizide unter Jugendlichen zum Glück relativ selten vor. Der Anstieg der Suizidrate nach den Ferien deutet aber darauf hin, dass ein gewisser Zusammenhang zwischen der Schule und psychischen Krisen von Jugendlichen besteht“, sagte die RWI-Gesundheitsökonomin Dörte Heger, eine der Auto­rinnen der Studie.

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Allerdings könne die Studie nicht zeigen, ob das an Problemen mit Mitschülern, Schwie­rigkeiten im Unterricht oder an anderen Gründen im schulischen Umfeld liege.

Die Wissenschaftler empfehlen Eltern, Lehrern und anderen Akteuren der Bildungspolitik, die psychische Verfassung der Schüler und die Gefahren von Mobbing und Schulstress stärker in den Blick zu nehmen, insbesondere an den ersten Tagen nach den Ferien. Sie könnten zum Beispiel Hinweise auf spezielle Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche wie die „Nummer gegen Kummer“ geben, so die Epidemiologen.

Neues Zentrum soll psychisch Kranken schneller helfen

Das neue Zentrum für Innovative Psychiatrie- und Psychotherapieforschung (ZIPP) in Mannheim soll psychisch erkrankten Menschen schneller und zielgerichteter helfen. Erreicht werden soll dies den Angaben zufolge durch rasch aus wissenschaftli­chen Erkenntnissen entwickelte maßgeschneiderte Behandlungen.

„Mit dem ZIPP entsteht eine in Europa bisher einmalige Struktur für die Erforschung neuropsychiatrischer Volkserkrankungen“, sagte Baden-Württembergs Wissenschaftsmi­nis­terin Theresia Bauer (Grüne) gestern bei der Eröffnung der zum Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI) gehören­den Ein­richtung.

Es werde internationale Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen anziehen und damit den Wissenschaftsstandort Baden-Württemberg stärken. Zugleich werde durch das ZIPP die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen dem ZI, dem Universitätsklinikum Mannheim und der Medizinischen Fakultät der Universität intensiviert.

Rund 40 Prozent aller Menschen haben nach Angaben des ZI im Laufe ihres Lebens eine psychische Erkrankung, die behandelt werden sollte. Das ZIPP wird vom Bund und dem Land finanziell gefördert. Ein weiterer wichtiger Sponsor ist den Angaben zufolge die Klaus Tschira Stiftung, die wissenschaftliche Projekte unterstützt. Das Zentrum hat 56 Millionen Euro gekostet. 

Therapy conversation with the psychologist