Pregabalin: Studie sieht erhöhte Suizidalität und Gewaltprobleme bei jüngeren Patienten

Die Verordnung der Antiepileptika Gabapentin und Pregabalin an jüngere Patienten ist in Schweden mit einer erhöhten Zahl von Suiziden, Überdosierungen, Kopf-/Körperverletzungen sowie Unfällen und Verstößen im Straßenverkehr verbunden. Dies ist das Ergebnis einer bevölkerungsbasierten Kohortenstudie im britischen Ärzteblatt (BMJ 2019; 365: l2147), wobei die Probleme überwiegend mit Pregabalin assoziiert waren.

Die Gabapentinoide Gabapentin und Pregabalin haben neben antikonvulsiven auch analgetische und anxiolytische Wirkungen. Die ursprünglich als Antiepileptika entwickelten Wirkstoffe sind heute auch zur Behandlung neuropathischer Schmerzen zugelassen. Pregabalin darf auch zur Behandlung von Angststörungen bei Erwachsenen eingesetzt werden. Hinzu kommt ein breiter „off-label“-Einsatz bei verschiedenen Störungen, ohne den der Anstieg der Verordnungen nicht erklärbar ist, zu dem es in den letzten Jahren gekommen ist. Die beiden Gabapentinoide gehören weltweit zu den 15 umsatzstärksten Medikamenten. Aufgrund seiner in hoher Dosis euphorisierenden Wirkung ist vor allem Pregabalin unter Drogenkonsumenten beliebt.

Die Nebenwirkungen der beiden Gabapentinoide gehen möglicherweise über das hinaus, was in den Fachinformationen erwähnt wird. Ein Team um Seena Fazel von der Universität Oxford kann jetzt zeigen, dass von den 191.973 Schweden, denen in den Jahren 2006 bis 2013 Gabapentin oder Pregabalin verordnet wurde, 10.026 (5,2 %) an einem Suizid gestorben sind oder wegen eines Selbstmordversuchs in der Klinik behandelt wurden, 17.144 (8,9 %) wurden wegen Überdosierungen von Drogen oder Medikamenten in Notfallambulanzen behandelt, 12.070 (6,3 %) waren in Verkehrsunfälle oder -delikte involviert, 70.522 (36,7 %) wurden wegen Kopf-/Körperverletzungen behandelt und 7.984 (4,1 %) wurden wegen eines Gewaltverbrechens festgenommen. Das ist sicherlich mehr, als im Durchschnitt der schwedischen Bevölkerung zu erwarten ist.

Könnte die Einnahme der Gabapentinoide für diesen Anstieg von Suizidalität und Gewaltbereitschaft mitverantwortlich sein? Zu den häufigen Nebenwirkungen gehören neben Benommenheit und Schläfrigkeit auch Koordinationsstörungen, Aufmerksamkeits­störungen sowie kognitive Beeinträchtigung und suizidale Gedanken.

Um die Frage zu klären, hat Fazel bei den einzelnen Patienten die Zeiten, in denen sie die Medikamente eingenommen haben, mit den Zeiten verglichen, in denen sie kein Rezept erhalten hatten. Dieser interpersonelle Vergleich vermeidet viele Verzerrungen, die bei epidemiologischen Studien leicht auftreten können.

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Die Analyse ergab, dass es während der Gabapentinoid-Behandlung zu 26 % häufiger zur Suizidalität, zu 24 %häufiger zu unbeabsichtigten Überdosierungen, zu 22 % häufiger zu Kopf-/Körperverletzungen und zu 13 %häufiger zu Vorfällen und Straftaten im Straßenverkehr kam. Nur ein Anstieg von Gewaltverbrechen ließ sich nicht eindeutig nachweisen.

Die Probleme scheinen weitgehend auf Pregabalin beschränkt zu sein. Für Gabapentin waren die Hazard Ratios in allen Endpunkten niedriger und nur bei Kopf-/Körper­verletzungen signifikant.

Ein entscheidender Faktor könnte das Alter der Patienten sein. Betroffen von den negativen Folgen waren vor allem jüngere Patienten. Die Hazard Ratios waren bei den 15- bis 24-Jährigen am höchsten und nahmen in höheren Altersgruppen kontinuierlich ab. 

Patientenbrief statt Arztbrief kann Patientensicherheit erhöhen

Patienten, die nach der Entlassung aus dem Krankenhaus einen Patienten­brief erhielten, fühlen sich besser unterstützt und verstehen ihre Erkrankung und Be­handlung besser. Das zeigen die Ergebnisse der Pilotstudie „Mehr Gesundheitskom­petenz durch Patientenbriefe“, die heute im Rahmen der Veranstaltung „Mit. Sicher­heit. Gemeinsam.“ des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) in der Hörsaalruine der Charité Berlinvorgestellt wurden.

Insbesondere in Bezug auf die Einnahme von Medikamenten gaben die Patienten signifikant häufiger an, sehr verständliche Erläuterungen über die Art der Medikamen­ten­einnahme erhalten zu haben. Dies könne sich positiv auf die Therapietreue und die Gesundheitskompetenz insgesamt auswirken, sagte Ansgar Jonitz, Geschäftsführer des gemeinnützigen Unternehmens „Was hab’ ich?“.

Das Startup hatte die für Laien verständlichen Entlassdokumente entwickelt und deren Einsatz zwischen November 2015 und April 2018 getestet. Patienten der Abteilung Innere Medizin der Paracelsus-Klinik in Bad Ems erhielten im Rahmen der Studie zu­sätzlich zum Arztbrief einen Patientenbrief, der leicht verständliche Informationen zum Krankheitsbild, zu den durchgeführten Untersuchungen, Behandlungen und den Me­di­kationsplan enthielt.

Neben einem besseren Verständnis für die eigene Erkrankung zeigen die Ergebnisse auch, dass Patienten mit Patientenbrief sich im Krankenhaus rücksichtsvoller behan­delt fühlten und die Klinik nach Entlassung häufiger weiterempfahlen. Auch wurden die Patientenbriefe von fast allen Patienten und in vielen Fällen von Angehörigen gelesen.

Thomas Gebhardt, Parlamentarischer Staatssekretär des BMG, betonte, dass eine patientengerechte Kommunikation entscheidend sei, um die Gesundheitskompetenz und damit auch die Patientensicherheit zu erhöhen. Patientensicherheit sei Aufgabe aller, so Gebhardt. Sie könne nur durch die gemeinsame Anstrengung von Ärztinnen und Ärzten sowie Patienten gelingen. 

Perspektivisch soll das Projekt flächendeckend eingesetzt werden und allen Patienten zur Verfügung stehen. Auch die Option eines mehrsprachigen Patientenbriefes sowie eine digitale Version und die Ausweitung auf weitere Zielgruppen sind angedacht. In einem Folgeprojekt, das in den kommenden Tagen startet, wird zudem die automati­sche Erstellung von Patientenbriefen getestet.

„Was hab’ ich?“ bietet seit 2011 einen Patientenservice zur „Übersetzung“ von Arzt­briefen an. Patienten können ihre Befunde anonym auf dem Portal hochladen und er­halten kostenfrei eine leicht verständliche Version des Arztschreibens. Die Formulie­rung übernehmen Medizinstudierende höherer Semester sowie Ärzte. Seit dem Start der Webseite wurden 40.000 Befunde übersetzt.

Wissenschaftler stellen Test für Computerspielsucht vor

Einen Test zur epidemiologischen Erfassung von Computerspielsucht, auch „Gaming Disorder“ genannt, haben Wissenschaftler der Universität Ulm um Christian Montag veröffentlicht. Parallel zu ihrer Veröffentlichung im Fachjournal International Journal of Mental Health and Addiction (2019; doi:10.1007/s11469-019-00088-z) machen die Forschenden den „Gaming Disorder Test“ im Internet auch in deutscher Sprache öffentlich zugänglich.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation WHO hat die Diagnose „Gaming Disorder“ in den neuen Krankheitskatalog ICD-11 aufgenommen, den die Weltgesundheitsver­samm­lung im Mai in Genf beschlossen hat. 

Wer sein Gamingverhalten nicht mehr kontrollieren kann, dem Computerspiel Priorität gegenüber anderen Aktivitäten einräumt und an diesem Verhalten trotz negativer Kon­sequenzen nichts ändert, könnte gemäß WHO-Definition unter Computerspiel­sucht lei­den. Laut der WHO kann jedoch erst von Computerspielsucht ausgegangen wer­den, wenn Betroffene dieses Verhaltensmuster über mindestens 12 Monate zeigen und es zu schweren Beeinträchtigungen des Familienlebens, der Ausbildung oder der Arbeitsleistung kommt. 

Der neue Onlinefragebogen orientiert sich an den Kriterien der WHO und erfasst Gamingaktivitäten der vergangenen 12 Monate bis zum Tag der Erhebung auf einer Skala von 1 bis 5. Ziel des psychometrischen Instruments ist laut den Forschern we­niger die Diagnose als die Erforschung von Auswirkungen des exzessiven Spielens. Studienteilteilnehmer erfahren daher lediglich, ob ihre Ergebnisse im Vergleich mit allen Probanden eine Tendenz zur „Gaming Disorder aufweisen.

„Exzessives Videospielen ist schon heute ein ernst zu nehmendes Gesundheitsrisiko in asiatischen Ländern und ein aufkommendes Problem in Europa. Um große, inter­nationale Studien durchführen zu können, haben wir das neue Instrument kulturüber­greifend konzipiert und in China sowie Großbritannien getestet“, erläuterte Christian Montag, Heisenberg-Professor sowie Leiter der Abteilung für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm.

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Die Stichprobe umfasste 236 junge Chinesen, die an einer Universität in Beijing stu­dierten, sowie 324 britische Studierende aus dem Großraum London und aus den East Midlands. Das Durchschnittsalter betrug 23 Jahre. Ausschlusskriterium für die Teilnahme an der Onlinebefragung war die Angabe, in den letzten 12 Monaten kein Videospiel gespielt zu haben.

Nach Abschluss der Erhebung haben die Forscher überprüft, ob sich das Instrument zur Messung der Computerspielsucht eignet („Validität“) und ob es das Konstrukt zu­verlässig misst („Reliabilität“). 

Zudem konnten sie erste Rückschlüsse auf das Gamingverhalten der untersuchten chinesischen und britischen Studierenden ziehen. So unterschied sich das Vorkomm­en der Computerspielsucht nach WHO-Kriterien zwischen beiden nationalen Gruppen nicht signifikant. Im Mittel gaben die Studierenden an, 12 Stunden in der Woche zu spielen.

Dabei verbringen sie fast die Hälfte dieser Zeit (46 %) am Wochenende alleine vor dem Computer oder sonstigen mobilen Endgeräten. 36 Teilnehmende (6,4 %) berichteten von großen Problemen im Alltag aufgrund ihres Spielverhaltens und könnten somit die Diagnosekriterien der WHO erfüllen. 

Künstliches Licht in der Nacht könnte Adipositasrisiko erhöhen

Frauen, die nachts künstlichen Lichtquellen ausgesetzt waren, nahmen in einer prospektiven Beobachtungsstudie in JAMA Internal Medicine (2019; doi: 10.1001/jamainternmed.2019.0571) häufiger an Gewicht zu.

Die „Lichtverschmutzung“ hat weltweit zugenommen. Vor allem in Großstädten finden viele Bewohner auch nachts keine dunklen Räume. Die Schlafzimmer werden dabei keineswegs nur von Straßenverkehr, Laternen oder Leuchtreklamen erhellt. Viele Menschen haben in ihren Schlafzimmern künstliche Lichtquellen. Das kann die Uhr am Radiowecker oder ein Nachtlicht sein. Einige Menschen lassen nachts die Deckenlampe an oder sogar den Fernseher laufen.

Tierexperimentelle Studien zeigen, dass nächtliches Licht die Melatoninbildung vermindert und den Tag-Nacht-Rhythmus stört. Zu den möglichen Folgen gehört eine Zunahme des Körpergewichts.

Yong-Moon Mark Park vom National Institute of Environmental Health Sciences in Research Triangle Park/North Carolina hat hierzu die Daten der Sister Study ausgewertet. Die 43.722 US-Amerikanerinnen im Alter von 35 bis 74 Jahren waren unter anderem gefragt worden, ob sie nachts Lichtquellen ausgesetzt sind. Die Antworten wurden dann mit der Gewichtsentwicklung in den folgenden 5,7 Jahren in Beziehung gesetzt.

Weniger als 20 % der Frauen gaben an, dass sie nachts im völligen Dunkeln schlafen. Bei etwa 40 % leuchtete wenigstens ein Nachtlicht, bei etwa 30 % drang von außen Licht in das Schlafzimmer, die übrigen 10 % ließen nachts Deckenlampe oder Fernsehen an.

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Ein kleines Nachtlicht, etwa die Lampe am Radiowecker, hatte keinen Einfluss auf die Gewichtsentwicklung, auch für die Lichtexposition von außen ließ sich kein eindeutiges Risiko nachweisen. Doch die  Helligkeit durch Deckenlampe oder Fernseher hatte zu 17 % häufiger zu einer Gewichtszunahme um mindestens 5 Kilo geführt als bei den Frauen, die nachts im Dunklen schliefen (relatives Risiko 1,17; 95-%-Konfidenzintervall 1,08-1,27). Und der BMI war zu 13 % um mindestens 10 % gestiegen (relatives Risiko 1,13; 1,02-1,26).

Das gestiegene Risiko ließ sich nicht durch Schlafmangel oder andere Faktoren erklären, zu denen die Teilnehmerinnen der Sister Study ausführlich befragt wurden. Epidemiologische Studien können jedoch niemals alle Aspekte der Lebensführung erfassen und es bleibt möglich, dass die Angewohnheit, nachts im Hellen zu schlafen, nur ein Marker für andere Gesundheitsrisiken ist. Der Mensch ist jedoch genetisch auf den natürlichen Wechsel von Helligkeit am Tag und Dunkelheit in der Nacht angepasst. Wird dieser Zyklus gestört, muss nach Ansicht von Park mit negativen Folgen für die Gesundheit gerechnet werden. 

Videospielende Kinder und Jugendliche sind nicht dicker

Das Klischee vom übergewichtigen Computerspielenerd könnte der Realität entsprechen – aber nur im geringen Maß und auch nur bei Er­wachsenen und nicht bei Kindern und Jugendlichen. Das zeigen Forscher der Univer­sität Würzburg, der Universität Linz und dem Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg in einer Metastudie, die in Social Science and Medicine erschienen ist (2019; doi: 10.1016/j.socscimed.2019.05.030).

Insgesamt wurden 20 Studien mit mehr als 38.000 Teilnehmern ausgewertet. Der Zu­sammenhang zwischen Videospielen und Übergewicht beziehungsweise Körper­mas­se zeigt sich aber nur in geringem Umfang. Lediglich 1 % des individuellen Überge­wichts kann demnach durch die Zeit mit Videospielen erklärt werden.

Der Zusammenhang konnte auch nur bei Erwachsenen nachgewiesen werden. Die Studienlage bei Kindern und Jugendlichen widerspreche dem Stereotyp, erklärte Mar­kus Appel, Kommunikationspsychologe an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg.

„Es ist möglich, dass es sich um kumulierte Effekte handelt“, sagte Erstautorin Caro­line Marker. Mechanismen, die zu Gewichtszunahme führen, wirkten eher über länge­re Zeiträume. Eventuell hätten Erwachsene über die Jahre mehr Zeit mit Videospielen verbracht als Jugendliche, die sich oft nur vorübergehend intensiv mit Videospielen beschäftigten.

Über 34 Millionen Gamer gibt es laut Bundesverband Game in Deutschland. Sie zocken auf Smartphones und Tablets, PCs und Spielekonsolen. Gleichzeitig sind viele Bundesbürger übergewichtig – nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung 59 % der Männer und 37 % der Frauen.

Studien zeigen, dass Fernseh-Sofahocker durchaus ordentlich Gewicht zulegen können. Auf die Frage, warum das bei Gamern nicht so ist, liefert die neue Meta­analy­se keine eindeutige Antwort. Die Autoren haben mehrere mögliche Erklärungen: Zum einen verbrauche Spielen trotz des Sitzens mehr Energie als Fernsehen. Zum ande­ren sei Knabbern beim Fernsehen einfacher als beim Zocken. Außerdem könne TV-Werbung zu kalorienreichen Speisen verführen.

Zudem hatte kürzlich die MoMo-Studie (Motorik-Modul) in Deutschland ergeben, dass daddelnde Kinder sich nicht unbedingt weniger bewegen. Allerdings bewegen sich Kinder und Jugendliche demnach allgemein immer weniger. Die körperliche Alltags­aktivität in der Gruppe der 4- bis 17-Jährigen sank der Untersuchung zufolge in den vergangenen 12 Jahren um mehr als ein Drittel (37 %).

Weniger Zeit beim Sport

Eine weitere Korrelation könnte den beobachteten Zusammenhang erklären: „Wir haben einen signifikanten indirekten Effekt gefunden, der zeigt, dass Menschen, die mehr Zeit mit Videospielen verbringen auch weniger Zeit mit Sport verbringen und daher ein höheres Körpergewicht haben“, schreiben die Autoren. Andere Faktoren, wie zum Beispiel eine ungesunde Ernährung vor der Spielekonsole oder Schlafman­gel, konnten aufgrund zu weniger Studien nicht überprüft werden.

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Für die Studie betrachteten die Wissenschaftler nur Spiele, bei denen Menschen sit­zen und Knöpfe drücken. Aktive Spiele mit größeren Bewegungen, wie etwa Wii-Sports oder Pokémon Go, können anderen Untersuchungen zufolge sogar Überge­wicht vorbeugen. Laut einer Metaanalyse aus dem Jahr 2015 können sie für die Ge­sundheit von Kindern und Jugendlichen genauso förderlich sein wie Bewegung im Freien.

In der Vergangenheit haben sich schon einige Forscher mit der Frage beschäftigt, inwiefern Videospiele und Übergewicht zusammenhängen. „Übergewicht und Fett­lei­bigkeit werden meist mit Medienkonsum im Sitzen verbunden, wie Fernsehen oder nichtaktive Videospiele“, schreibt das Forscherteam. Doch die einzelnen Untersuchun­gen kamen bislang zu unterschiedlichen Ergebnissen. 

Zuspruch für Spahns Verbotspläne von „Konversions­therapien“

Für seinen Vorstoß, sogenannte Konversionstherapien zur „Umpolung“ von Homosexuellen zu verbieten, bekommt Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) breite Unterstützung. „Es ist gut, dass die Vorbereitung eines Verbots der menschen­verachtenden Umpolungstherapien nun endlich Fahrt aufnimmt“, sagte der für Lesben- und Schwulenpolitik zuständige FDP-Bundestagsabgeordnete Jens Brandenburg gestern. 

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) lobte das Vorhaben als überfälligen Schritt. In der Augsburger Allgemeinen sagte LSVD-Sprecher Markus Ulrich: „Wir fordern eine umfassende Ächtung dieser Angebote – insbesondere junge Lesben, Schwule, bisexuelle und transgeschlechtliche Menschen brauchen diesen Schutz“.

Man hoffe, dass der Ge­sund­heits­mi­nis­ter jetzt Wort halte und die Koalition schnell ei­nen Gesetzentwurf vorlege, sagte Ulle Schauws von der Grünen-Bundestagsfrak­tion. „Es ist ein Skandal, dass im Jahr 2019 Pseudotherapien, die darauf abzielen, die ho­mo­sexuelle Orientierung zu ändern, nach wie vor in Deutschland stattfinden“.

Die SPD-Abgeordnete Hilde Mattheis rechnet im Bundestag mit einer breiten Zu­stim­mung für die Verbotspläne. „Die meisten Abgeordneten sind sich im Ziel einig: Wir wollen, dass kein Mensch mehr hierzulande unter Konversionsmaßnahmen zu leiden hat“, erklärte sie gestern.

Auch im Bundesrat droht kein Widerstand, denn die Länderkammer selbst hatte schon im Mai die Bundesregierung aufgefordert, ein Verbot solcher Therapien zu prüfen. Spahn kündigte nun an, eine solche Regelung noch in diesem Jahr auf den Weg brin­gen zu wollen. Darüber werde er jetzt Gespräche mit dem Bundesjustiz­ministerium aufnehmen.

Es geht seinen Angaben nach dabei um strafrechtliche Aspekte, um berufsrechtliche Aspekte für Therapeuten oder Ärzte, die solche Behandlungen anbieten und um so­zialrechtliche Aspekte, damit verhindert wird, dass die Behandlungen über die Kran­kenkassen abgerechnet werden.

Zahlen liegen nicht vor, aber die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld geht von Tausen­den Fällen pro Jahr in Deutschland aus, in denen versucht wird, Homosexuelle mit frag­würdigen Therapien zu „heilen“. Das reiche vom familiären Umfeld, Coaches und Therapeuten über Gebete bis hin zu Exorzismus, sagte der geschäftsführende Vor­stand Jörg Litwinschuh-Barthel.

Die Stiftung hatte im Auftrag von Spahn zwei Gutachten und die Arbeit eines Exper­ten­gremiums zum Thema fachlich begleitet. Die Gutachter kommen in ihren gestern vorgelegten Stellungnahmen zu dem Schluss, dass ein Verbot solcher „Umpolungs­versuche“ sowohl medizinisch geboten als auch rechtlich möglich sei.

KBV warnt vor zusätzlicher Arbeit und zusätzlichen Kosten

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat in einer Stellungnahme zum geplanten Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) davor gewarnt, den Praxen zusätz­liche Bürokratie und zusätzliche Kosten aufzubürden.

„Solange noch Verfahren mit Papierausdrucken und digitalen Vordrucken in Arztpra­­xen parallel vorgehalten werden müssen, wie bei der Ausstellung der Arbeitsun­fähig­keitsbescheinigung, und ein hoher zeitlicher Aufwand bei der Ausstellung einer quali­fizierten elektronischen Signatur besteht, ist dies kontraproduktiv. Die Digitalisierung darf auch nicht dazu führen, dass die erforderliche Erweiterung der Technik auf Kosten der Vertragsärzte erfolgt“, heißt es darin.

Einheitliche Referenzdatenbannk erhöht die Arzneimittelsicherheit

Die KBV sieht in dem am 15. Mai vorgelegten Referentenentwurf aber auch positive Aspekte, zum Beispiel die geplante einheitliche Referenzdatenbank für Arzneimittel. „Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Erhöhung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit“, so die KBV. Die uneinheitliche Darstellung der Arzneimitteldaten im bundeseinheitlichen Me­dikationsplan habe bislang zu Verunsicherungen bei Patienten und Ärzten geführt.

Kritischer bewerten die Kassenärzte den geplanten Leistungsanspruch der Versicher­ten auf digitale Gesundheitsanwendungen. Diese können laut dem Gesetzentwurf ent­weder vom Arzt verordnet oder vom Patienten mit Genehmigung der Krankenkasse selbst beschafft werden. „Durch den Gesetzentwurf wird ein Leistungsanspruch der Versicherten auf digitale Gesundheitsanwendungen geschaffen, ohne eine Differen­zie­­rung nach deren Zweckbestimmung vorzusehen“, kritisiert die KBV.

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Somit wären Anwendungen mit allgemeinen Gesundheitsinformationen oder Ratge­ber-Apps zur Unterstützung von gesundheitsbewusstem Verhalten genauso vom Leis­tungsanspruch umfasst wie Anwendungen zur Verlaufsbeobachtung von individuellen Gesundheitsdaten bei chronischen Erkrankungen, Anwendungen zur Feststellung von persönlichen Gesundheitsrisiken und Krankheitsdiagnosen sowie therapiebegleitende Anwendungen zur Unterstützung der Behandlung. „Eine Differenzierung entsprechend der Zweckbestimmung ist auch bezüglich der Anforderungen an die Nutzenbewertung beziehungsweise der Beurteilung der positiven Versorgungseffekte geboten“, heißt es in der Stellungnahme.

Die KBV fordert außerdem, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und die KBV einbezogen werden, wenn digitale Innovationen in der Versorgung eingeführt werden. „Das den Krankenkassen eingeräumte Recht, im Zuge innovativer digitaler Projekte ihren Versicherten Versorgungsangebote durch Dritte machen zu lassen, an denen Vertragsärzte und -psychotherapeuten nicht beteiligt werden müssen, lehnen wir in dieser Ausschließlichkeit ab“, schreibt die KBV.

Systembruch, den die KBV nicht mitgehen will

Thomas Kriedel aus dem KBV-Vorstand erläutert dies in einem Video auf KV-on näher: „Die Krankenkassen und nur die Krankenkassen können digitale Versorgungs­pro­gramme für ihre Versicherten beschließen. Sie können digitale Anwendungen ent­wickeln und dürfen dafür auch bis zu zwei Prozent ihres Eigenkapitals zur Verfügung stellen. Sie dürfen auch digitale Anwendungen fördern und damit in die Versorgung eingreifen“, sagte er. Würde es so bleiben, wie es im Entwurf steht, würde es bedeu­ten, dass ein Teil des Sicherstellungsauftrags in Zukunft an die Krankenkassen über­gehen würde, nämlich alles das, was Digitalisierung betreffe. Das wäre ein vollkom­me­ner Systembruch, den wir nicht mitgehen können.

Auch eine Sanktionierung von Vertragsärzten für den Fall, dass bestimmte Fristen nicht umgesetzt werden können, lehnt die KBV strikt ab. „Die Nutzung der technischen Möglichkeiten ist davon abhängig, dass die Industrie die notwendigen technischen Voraussetzungen so schafft, dass die IT-Sicherheit gewährleistet wird und keine Ge­fährdung für die Patientendaten in den Arztpraxen besteht“, betonen die Autoren der Stellungnahme.

Die mobile KV-Connect-Schnitt­stelle kommt

Der Datendienst KV-Connect wird künftig auch mit mobilen Endgeräten wie Smartphones funktionieren: Verschiedene Anbieter stehen in den Startlöchern. Darauf hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hingewiesen.

Mittels KV-Connect Mobile können Ärzte elektronische Arztbriefe direkt aus ihrem Praxisverwaltungssystem an mobile Endgeräte versenden. Weitere Daten, wie Labor­befunde, Medikationspläne, Röntgenbilder, Impfpässe oder Überweisungen können sie dabei als Anhang mit übertragen.

„Mit KV-Connect Mobile können erstmals Ärzte direkt aus ihrem Praxisverwaltungs­system heraus mit Gesundheits-Apps ihrer Patienten kommunizieren“, sagte Florian Fuhrmann, Geschäftsführer der KV Telematik GmbH (KVTG). Er betonte, man hoffe, mit der Schnittstelle einen wichtigen Beitrag für die Digitalisierung der Versorgung zu leisten. Die KVTG hat ein Auditierungsverfahren für Software-Hersteller eingerichtet. Darin prüft die KVTG die korrekte Umsetzung der Vorgaben für die Schnittstelle.

Als erster Hersteller hat die IBM Deutschland für das Produkt eGA dieses Auditie­rungs­verfahren bestanden. „Datensicherheit ist ein entscheidendes Akzeptanz­krite­rium für die Menschen, wenn sie neue digitale Dienste wie die elektronische Gesund­heitsakte nutzen“, erklärte Ronald Fritz, Partner bei IBM.

Zudem arbeitet das Unternehmen Vivy an der Implementierung. „Die Integration von KV-Connect Mobile ist für uns ein wichtiger Schritt, Vivy-Nutzern dabei zu helfen Do­kumente von ihrem Arzt zu erhalten und unsere patientenzentrierte Ausrichtung zu un­termauern“, sagte Christian Rebernik, Vivy-Geschäftsführer. Die wichtigste Währung sei das Vertrauen der Nutzer.

Die Techniker Krankenkasse (TK) ist mit TK-Safe mittlerweile auditiert. „Mit der Vernet­zung von TK-Safe über KV-Connect schaffen wir einen direkten, sicheren Übertra­gungsweg zwischen niedergelassenen Ärzten und unserer Gesundheitsakte“, sagte Susanne Ozegowski, fachliche Projektleiterin der elektronischen Gesundheitsakte bei der TK. Dies sei ein wichtiger Meilenstein, „um einen echten Mehrwert für die Versor­gung mit Hilfe der Digitalisierung erlebbar zu machen“, so Ozegowski. 

KV Bayern moniert unzulässige Anrufe bei Patienten

Psychotherapeuten in Bayern verwahren sich gegen die Einmischung von Krankenkassen in laufende Behandlungen. Dies sei ein gravierender Eingriff in die Therapiefreiheit.

In Bayern gibt es gehäufte Beschwerden, dass Krankenkassen unaufgefordert bei Patienten anrufen, die sich in psychotherapeutischer Behandlung befinden. Ihnen werde von den Kassen die Teilnahme an einer Online-Psychotherapie empfohlen.

Darauf hat Claudia Ritter-Rupp, zweite stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KV Bayerns (KVB), kürzlich bei der Vertreterversammlung in München hingewiesen. Nach ihren Worten handelt es sich dabei um ein „wirklich ernstes Thema“, das auch über die Grenzen Bayerns hinausreiche.

Aus juristischer Sicht seien diese Einmischungen nicht zu rechtfertigen, so Ritter-Rupp. So würden die Beratungs- und Informationspflichten der Kassen nicht zum unaufgeforderten selektiven Anruf bei Patienten befugen.

Zudem handele es sich hierbei um einen Verstoß gegen datenschutzrechtliche Bestimmungen. Demnach sei die selektive Verwendung von Diagnosen zum Anbieten bestimmter Programme der Krankenkassen unzulässig.

„Gravierender Eingriff in die Therapiefreiheit“

Im Übrigen liege in diesen Fällen in der Regel nicht die schriftliche Information und Einwilligung der Patienten zur Datenverwendung vor. Schließlich finde hier eine unverschlüsselte Übermittlung von Sozialdaten durch Krankenkassen beziehungsweise deren Managementgesellschaften statt.

Die KVB-Vorstandsfrau wertet diese Praxis als gravierenden Eingriff in die Therapiefreiheit. Sie beeinträchtige die vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung und habe negative Auswirkungen auf den Behandlungsverlauf.

Um diese Einmischungen zu beenden, habe sich die KVB mit den Kassen auseinandergesetzt. Mit der DAK und deren verbundenem Versorgungsangebot Veovita Gesundheit habe man persönliche Gespräche geführt, die DAK wurde zudem schriftlich zur Unterlassung aufgefordert, was diese auch bestätigt habe.

Unabhängig vom Vorgehen der Krankenkassen sind Ritter-Rupp die zahlreichen Online-Psychotherapieangebote ein Dorn im Auge. Ihrer Ansicht nach gehe es dabei um kommerzielle Orientierung statt um Qualität. Es gebe keine einheitlichen Standards sowie erhebliche Sicherheitslecks und Qualitätsmängel bei entsprechenden Apps.

Im Übrigen finde nur eine Beratung und keine Therapie statt. Nicht selten werde nicht einmal eine ordentliche Diagnostik durchgeführt. Zudem würden die Portalbetreiber auch keine Haftung übernehmen. Ritter-Rupp fordert, dass für diese Angebote ethische und juristische Regeln aufgestellt werden.

Therapy conversation with the psychologist

Spahn stößt Verbot von „Therapien“ gegen Homosexualität an

Bis heute versuchen Ärzte, Therapeuten und Prediger, Homosexuelle von ihrer Sexualität abzubringen. Jens Spahn will noch dieses Jahr einen Gesetzesvorschlag vorlegen, der das untersagt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht gute Chancen, Konversionstherapien zur „Umpolung“ Homosexueller schnell zu verbieten. „Konversionstherapien machen krank und sind nicht gesund“, sagte Spahn in Berlin. Er strebe jetzt zügige Gespräche mit dem Bundesjustizministerium an.

Ziel sei, noch dieses Jahr ein Gesetzentwurf für ein Verbot auf den Weg zu bringen. Spahn hatte im Frühjahr eine 46-köpfige Expertenkommission zum Thema eingesetzt. Diese kommt gemeinsam mit zwei wissenschaftlichen Gutachten zum Schluss, dass ein Verbot aus medizinischer Sicht geboten und aus rechtlicher Sicht möglich sei.

„Die Kommission und die Gutachter haben gute Lösungsansätze aufgezeigt, wie wir ein Verbot dieser Therapien regeln können“, kommentierte Spahn den Zwischenstand. „Auf dieser Grundlage werden wir auf das Justizministerium zugehen, um zügig zu entscheiden, wie und was wir in Deutschland umsetzen.“

Negative Folgen bis hin zum Suizid

In einem der beiden Gutachten schreibt Sexualwissenschaftler Peer Briken vom UKE Hamburg, dass es weder soziologisch, noch psychologisch oder medizinisch Hinweise darauf gebe, dass Homosexualität eine Störung oder gar Krankheit sei. Aus diesem Grund gebe es auch keinen Anlass, sie zu therapieren.

Zusätzlich existieren nicht einmal Belege dafür, dass sich die sexuelle Orientierung durch die vermeintlichen Therapien überhaupt dauerhaft verändern lässt. Deutlich besser belegt sind die möglichen negativen Folgen der „Therapien“, sie reichen von Depressionen über Suizidalität bis hin zu sexuellen Problemen.

Auch andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass Konversionstherapien Leben zerstören können. „Statt den Patienten in seiner homosexuellen Identität zu stärken, zerstören sie sein Selbstbild“, sagte Lieselotte Mahler, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité.

Deutschland: Tausende Fälle pro Jahr

In Deutschland müsse von Tausenden Fällen pro Jahr ausgegangen werden, in denen versucht werde, homosexuelle Menschen durch fragwürdige Methoden umzuerziehen, erklärte Jörg Litwinschuh-Barthel von der Magnus-Hirschfeld-Stiftung, die die Kommission fachlich begleitet. Die Versuche reichten vom familiären Umfeld, Coaches und Therapeuten über Gebete bis hin zu Exorzismus.

Bei einer Betroffenen etwa wurde die Veränderung ihrer Homosexualität im Verlauf einer Psychotherapie nach einem Jahr plötzlich zum Therapieziel. Die „Therapeutin“ versuchte laut einer Mitteilung des Bundesgesundheitsministeriums unter anderem mit Lichttherapie und indoktrinierenden Gesprächen, die sexuelle Orientierung der Frau zu beeinflussen. Als sie zusätzlich noch eine Elektroschockbehandlung vorschlug, endete die „Therapie“.

Vor Kurzem hatten sich auch die Bundesländer für ein Verbot der Konversionstherapien ausgesprochen. Der Bundesrat hatte Mitte Mai in einer Entschließung die Bundesregierung aufgefordert, die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu prüfen.

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons