Alkoholiker erkranken häufiger und früher an Demenz

Menschen mit einer Alkoholkrankheit entwickeln mehr als 3-mal häufiger als andere eine Demenz, die häufig bereits im jüngeren Alter auftritt und einer Kohorten­studie in Lancet Public Health (2018; doi: 10.1016/S2468-2667(18)30022-7) zufolge in Frankreich der wichtigste modifizierbare, sprich vermeidbare Risikofaktor für kognitive Störungen im Alter ist.

Mehr als 100 Studien und wenigstens 23 Übersichten haben sich bereits mit den Auswirkungen des Alkoholkonsums auf das Gehirn beschäftigt. Während die Ansichten zu einem leichten Alkoholkonsum variieren – einige Studien sehen sogar günstige Effekte auf die Hirnfunktion im Alter – ist die Einschätzung zu den Folgen eines hohen Alkoholkonsums (die Grenze wird bei Männern bei 60 Gramm reinem Alkohol und 40 Gramm reinem Alkohol bei Frauen gesehen) eindeutig: Das beim Alkoholabbau entstehende Acetaldehyd (das auch für den Kater verantwortlich ist) ist neurotoxisch.

Häufiger Alkoholkonsum kann über einen Vitamin-B-Mangel ein Wernicke-Korsakow-Syndrom auslösen. Alkoholkonsum ist ein Risikofaktor für Epilepsien, Kopfverletzungen und eine hepatische Enzephalopathie. Alkoholkonsum ist zudem mit vaskulären Risiko­faktoren wie Hypertonie oder Vorhofflimmern assoziiert. Last but not least, sind viele Trinker auch starke Raucher, was über eine Zerebralsklerose das Demenzrisiko erhöht.

Frankreich gehört mit 12,2 Litern pro Jahr zu den europäischen Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Konsum von Alkohol (Deutschland: 10,6 Liter). Zwar bevorzugen viele Franzosen Wein, der regelmäßig zu den Mahlzeiten und nicht primär zur Erzeugung eines Rausches getrunken wird, eine Alkoholkrankheit ist jedoch keines­wegs selten. Dies zeigt eine Analyse der Entlassungsdokumente staatlicher Kliniken, die Michaël Schwarzinger vom Translational Health Economics Network in Paris jetzt vorstellt.

Bei 945.512 von 30,5 Millionen Patienten oder 3,1 % hatten die Ärzte eine Alkohol­krankheit in den Krankenakten ihrer Patienten vermerkt. Bei 1,3 Millionen Patienten (4,2 %) stellten die Ärzte die Diagnose einer Demenz. Bei 35.034 dieser Demenz­patienten lag eine alkoholbedingte Hirnschädigung und bei weiteren 52.625 Patienten eine Alkoholkrankheit vor.

Schwarzinger ermittelt eine adjustierte Hazard Ratio von 3,34 (95-%-Konfidenzintervall3,28–3,41) für Frauen und von 3,36 (3,31–3,41) für Männer. Die Diagnose Alkohol­krankheit war damit der stärkste modifizierbare Risikofaktor für Demenzen.

Patienten mit Alkoholkrankheit entwickeln häufig frühzeitig eine Demenz: Von den 57.353 Patienten, die vor dem 65. Lebensjahr an einer Demenz erkrankten, hatten nicht weniger als 22.338 (38,9 %) eine alkoholbedingte Hirnschädigung und 10.115 (17,6 %) eine Alkoholkrankheit.

Auch wenn retrospektive Kohortenstudien mit zahlreichen Unwägbarkeiten behaftet sind, sind die Ergebnisse eindeutig. Ein ungebremster Alkoholkonsum ist eine wichtige Ursache von Demenzerkrankungen, und er ist vermutlich für einen beträchtlichen Anteil von frühzeitigen Demenzen verantwortlich. Dies sehen auch die Editorialisten Clive Ballard und Iain Lang von der Universität Exeter so. Die Studie sei immens wichtig und sie zeige die Bedeutung eines starken Alkoholkonsums für Demenzer­krankungen, von denen viele durch einen maßvollen Alkoholkonsum vermeidbar wären.

Die Entlassungsdiagnosen lassen keine Rückschlüsse auf das Ausmaß des Alkohol­konsums zu. Es bleibt deshalb offen, ab welcher Grenze das Demenzrisiko ansteigt.

Ein bedenklicher Alkoholkonsum war bei französischen Männern deutlich häufiger als bei den Frauen. Während normalerweise Frauen häufiger an einer Demenz (65 zu 35 %) erkranken, war das Geschlechterverhältnis bei den früh eintretenden Demenzen umgekehrt: 65 % der Patienten waren Männer, 35 % Frauen. Der wichtigste Grund hierfür war nach den Ergebnissen der Studie der Alkoholkonsum.

Wie Ketamin die Depressionen zügelt

Das Anästhetikum Ketamin, das nach einmaliger Injektion Major-Depressionen über längere Zeit lindert, erzielt seine Wirkung einer Studie in Nature(2018; doi: 10.1038/nature25509) zufolge in den lateralen Habenulae, zwei bisher von Neurophysiologen wenig beachteten Kernzentren in der Nähe der Zirbeldrüse. Eine weitere Studie in Nature (2018; doi: 10.1038/nature25752) zeigt, dass die Astrozyten dort ebenfalls die Entwicklung einer Depression beeinflussen.

Die Entdeckung, dass Ketamin nach einmaliger Gabe schwere Depressionen in weniger als einer Stunde durchbrechen kann, gehört zu den wichtigsten Entdeckungen im Bereich der Psychiatrie der letzten Jahrzehnte. Erstaunlich ist, dass die Wirkung häufig über Wochen anhält, obwohl Ketamin bei einer Halbwertzeit von etwa drei Stunden schon bald aus dem Körper eliminiert wird.

Diese „Hit and go“-Wirkung wird heute mit der Hemmung der NMDA-Rezeptoren in Verbindung gebracht. Es handelt sich um Membrankanäle, die unter anderem in den lateralen Habenulae vorkommen. Die physiologische Funktion der Habenulae, übersetzt die „Zügel“ der Zirbeldrüse (Epiphyse), war lange unklar. Inzwischen werden sie mit der Pathogenese der Depression in Verbindung gebracht und zwar in dem Sinn, dass plötzliche Entladungen („bursts“) von Nervenzellen die Belohnungszentren des Gehirns hemmen, was eine depressive Gemütslage erklären könnte.

Ein Team um Hailan Hu von der Zhejiang Universität in Hangzhou (bei Shanghai) kann jetzt an Ratten zeigen, dass die „bursts“ auf eine Aktivierung von NMDA-Rezeptoren in den lateralen Habenulae zurückzuführen sind. Die Injektion von Ketamin war in der Lage, die „bursts“ zu verhindern, was bei den Tieren zur einer Abschwächung der Depressionen führte.

Der Ausfall der „bursts“ könnte erklären, warum Ketamin eine rasche Wirkung erzielt (während bei den Serotonin-Wiederaufnahmehemmern und anderen Antidepressiva Wochen vergehen können, bevor eine Wirkung erkennbar ist). Warum die Wirkung nach einer einmaligen Infusion von Ketamin über Wochen anhalten kann, bleibt jedoch weiterhin unklar.

Die Experimente der chinesischen Forscher zeigen, dass neben NMDA-Rezeptoren auch der spannungsabhängige T-Typ-Kalziumkanal (T-VSCC) für die Auslösung der „bursts“ benötigt wird. Der T-VSCC-Antagonist Ethosuximid hat bei den Ratten eine antidepressive Wirkung erzielt. Ob das Mittel, das zur Behandlung von Absencen und kleiner epileptischer Anfälle zugelassen ist, auch bei Patienten mit Depressionen eingesetzt werden kann, ist nicht bekannt. Bei den Ratten war auch der T-VSCC-Antagonist Mibefradil wirksam, der als Antihypertonikum 1998 wegen potenziell gefährlicher Arzneimittel-Wechselwirkungen vom Markt genommen wurde.

Auch die Astrozyten, die in den lateralen Habenulae zum Stütz- und Nährgewebe gehören, beeinflussen die „bursts“. Eine Analyse der Genexpression ergab, dass diese Zellen bei Patienten mit Depressionen vermehrt den Kaliumkanal Kir4.1 bilden. Diese Kanäle nehmen die Kaliumionen auf, die während der „bursts“ von den Nervenzellen freigesetzt werden. Ein pharmakologischer Ansatz ist hier nicht zu erkennen, da er die Aufnahme von Kalium in die Astrozyten verstärken müsste, was schwieriger zu realisieren ist als die Blockade eines Rezeptors oder Ionenkanals.

Versorgung von Soldaten mit einsatzbedingten psychischen Erkrankungen gefährdet

Die Zahl der einsatzbedingten psychischen Erkrankungen bei Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr ist 2017 im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen. Gleiches gilt auch für die Zahl der Suizide und Suizidversuche. Das geht aus dem 59. Jahres­bericht des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), hervor, der heute in Berlin vorgestellt wurde.

Neben Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) gewinnen nach Angaben von Bartels andere einsatzbedingte psychische Störungen wie Depressionen, Anpassungs­störungen und Suchterkrankungen an Bedeutung. Das Psychotraumazentrum der Bundeswehr führe dies auf die Zunahme moralisch belastender Situationen im Einsatz (Armut, Bürgerkriege, Gräueltaten) zurück. Aber auch familiäre Konflikte bedingt durch Trennungen während der Auslandeinsätze spielten eine Rolle.

Psychische Erkrankungen mittlerweile chronifiziert

Untersucht, behandelt oder begutachtet wurden in einer psychiatrischen Abteilung oder psychiatrischen Fachuntersuchungsstelle der Bundeswehr im vergangenen Jahr 784 Soldaten. 2016 waren es 751 Fälle. Bei vielen Soldaten hätten sich die psychischen Erkrankungen mittlerweile chronifiziert, was die Behandlungszeiten deutlich erhöhe. „Es stellt sich deshalb die Frage, ob die Bundeswehr den bestehenden Behandlungsbedarf noch adäquat befriedigen kann“, schreibt Bartels in seinem Jahresbericht.

Der Wehrbeauftragte berichtet von 14 Suiziden von Soldatinnen und Soldaten (zwölf im Jahr 2016) sowie von 55 Suizidversuchen (46 im Jahr 2016). Wesentlich seien auch hier mögliche Einflussfaktoren wie Auslandseinsätze, häufige Abwesenheiten vom Wohnort sowie soziale und gesundheitliche Aspekte. Bartels fordert für die Bundeswehr „wie für die Gesellschaft insgesamt noch mehr Aufklärung, Hilfen und Forschung zu diesem Thema“.

Mehr tagesklinische Betten vorgesehen

Der Wehrbeauftragte verweist auf Zahlen aus dem Bundesverteidigungsministerium wonach in Bundeswehrkrankenhäusern „in der neuen Zielstruktur“ deutlich mehr tagesklinische Betten im Fachgebiet Psychiatrie geplant seien. 80 statt bisher 23 Betten. Entsprechend mehr Fachärzte und Assistenzpersonal seien vorgesehen. „Die Umsetzung ist abhängig von laufenden und geplanten Infrastrukturmaßnahmen sowie der Personalentwicklung im Fachgebiet“, schreibt Bartels. Bisher seien nur in den Bundeswehrkrankenhäusern Berlin und Koblenz je ein Arzt und ein Pfleger zusätzlich eingestellt worden.

Darüber hinaus habe das Verteidigungsministerium für die fachärztlichen Untersuchungsstellen Psychiatrie in den Facharztzentren der Bundeswehr und in den Bundeswehrkrankenhäusern eine personelle Verstärkung mit Psychologischen Psychotherapeuten und Assistenzkräften angekündigt. Ein Großteil der ambulanten Behandlung psychisch kranker Soldaten werde aber auch zukünftig durch „zivile“ ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten erfolgen müssen, stellte der Wehrbeauftragte fest.

Familien psychisch kranker Soldaten miteinbeziehen

Der Wehrbeauftragte fordert, gemeinsam mit dem Deutschen Bundeswehrverband und der Soldaten- und Veteranenstiftung, Verbesserungen der Betreuung und Versorgung psychisch einsatzgeschädigter Soldaten und ihrer Familien. Dazu müssten die Familien „in den gesamten Heilungs- und Rehabilitationsprozess in einem institutionalisierten und finanzierten Rahmen“ einbezogen werden. Zudem sollte die truppenärztliche Versorgung durch innovative therapeutische Behandlungsmethoden erweitert werden. Schließlich sollte die „Wehrpsychiatrie“ durch ein eigenes klinisches Forschungsbudget gestärkt werden.

Wie sich traumatische Erfahrung in der Kindheit auch im Erwachsenenalter auswirkt

Wer in der Kindheit traumatische Erfahrungen durchmachen musste, ist auch im Erwachsenenalter anfälliger für psychische Krankheiten, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gastrointestinale Störungen, Diabetes und Krebs. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN).

In einer deutschlandweiten Umfrage gaben 27,7 Prozent der befragten Erwachsenen an, mindestens eine Form der Misshandlung in ihrer Kindheit erfahren zu haben. „Zahlreiche Studien belegen, dass belastende Erfahrungen im Kindesalter das Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen im Erwachsenenalter erhöhen“, sagte die DGKN-Präsidentin Agnes Flöel, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Greifswald.

Grundstein für Gesundheit

Einen Pathomechanismus dazu erläutert die DGKN-Expertin Christine Heim, Direktorin des Instituts für medizinische Psychologie an der Charité in Berlin. Bildgebende Verfahren zeigten, dass die Gehirnareale, die für die Stressregulation zuständig sind, bei den Probanden verkleinert seien. Weitere Untersuchungen zeigen außerdem, dass Erwachsene, die von belastenden Erfahrungen wie körperliche oder psychische Misshandlungen in der Kindheit berichten, chronisch erhöhte Entzündungswerte aufwiesen.

„Das Immunsystem ist quasi dauerhaft im Einsatz, und damit schreitet auch die Zellalterung schneller voran“, so Heim. Diese Menschen reagierten sensibler auf Belastungssituationen, weil ihr Stressreaktionssystem möglicherweise dauerhaft sensibilisiert sei, erläuterte Heim. Der Grundstein für Gesundheit beziehungsweise für Krankheit werde also bereits sehr früh im Leben gelegt. Traumatische Erfahrungen im Kindesalter hinterließen neurobiologische Spuren, die die Betroffenen ihr ganzes Leben lang anfällig für Erkrankungen machen könnten.

Neue Diagnostik- und Therapieansätze könnten diese Kausalkette aber durchbrechen, ist Heim überzeugt. Dafür sei es nötig, Betroffene mit einem erhöhten Krankheitsrisiko früh zu erkennen und individuell zu behandeln. Zum Beispiel könnte die Hirn­stimulation gegebenenfalls künftig eingesetzt werden, um die schädlichen Veränderungen in den betroffenen Hirnstrukturen umzukehren. „Prävention und Intervention müssen frühestmöglich greifen, um die lebenslangen Auswirkungen für die Betroffenen minimieren zu können“, so Heim.

Übergewicht: Wer langsam isst, ist schlanker

Langsam essen schützt vor Übergewicht. Diesen Zusammenhang bestätigen japanische Forscher in einer Auswertung der Daten von rund 60.000 Typ-2-Diabetikern. Langsames Essen könnte dabei helfen, Übergewicht und dessen Folgeerkrankungen Diabetes, Herz-Kreislauf- und Krebs-Erkrankungen zu verhindern, schreiben die Wissenschaftler im British Medical Journal (2018; doi: 10.1136/bmjopen-2017-019589). Auch der Verzicht auf abendliche Snacks und Mahlzeiten weniger als 2 Stunden vor dem Schlafengehen schützt der Studie zufolge vor dem Dickwerden.

Wer dazu neigte, sein Essen zu verschlingen, hatte ein 29 Prozent höheres Risiko für eieinene Body Mass Index (BMI) über 25 kg/m2 im Vergleich zu denen, die mit normaler Geschwindigkeit aßen. Wer besonders langsam aß, hatte sogar ein um 42 Prozent geringeres Risiko für Adipositas. Obwohl die absoluten Verkleinerungen des Taillenumfangs gering waren, kamen sie unter den Langsam- und Normalgeschwindig­keits-Essern häufiger vor: Im Vergleich zu Schnell-Essern schrumpfte er bei Normal-Essern um 0,21 Zentimeter, bei Langsam-Essern um 0,41 Zentimeter.

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, können keine eindeutigen kausalen Schlussfolgerungen über Ursache und Wirkung gezogen werden. Hinzu kommt, dass die Essgeschwindigkeit auf subjektiver Einschätzung beruht und die Forscher weder die Energieaufnahme noch die körperliche Aktivität beurteilt haben.

Die ausgewerteten Krankenkassendaten enthielten Informationen zu Behandlungen, Gewicht und Taillenumfang sowie die Ergebnisse von Blut- und Urintests und der Leberfunktion. Während der Kontrolluntersuchungen wurden die Teilnehmer über ihren Lebensstil befragt, einschließlich ihrer Ess- und Schlafgewohnheiten sowie Alkohol- und Tabakkonsum. Ihre Essgeschwindigkeit sollten sie in eine von drei Kategorien einordnen: schnell, normal oder langsam.

Die meisten Teilnehmer (n = 33.455) beschrieben ihre Essgeschwindigkeit als normal. 22.070 gaben an, ihre Mahlzeiten meist schnell hineinzuschaufeln. Und nur wenige (n = 4.192), vor allem Frauen, zählten zu den Langsam-Essern. Einige Teilnehmer änderten im Verlauf des Untersuchungszeitraums zwischen 2008 und 2013 ihr Essverhalten.

Schnell-Esser merken zu spät, dass sie satt sind

Als einen Grund für den Zusammenhang vermuten die Forscher, dass Schnell-Esser „über den Hunger essen“ – sie essen weiter, obwohl der Kalorienbedarf längst gedeckt und der Hunger gestillt ist. Langsam-Esser hingegen spürten rechtzeitig, dass sie satt sind, und nähmen so weniger Kalorien auf. „Das Sättigungsgefühl wird unter anderem durch die Magendehnung beim Essen ausgelöst“, ergänzt Stefan Kabisch vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam. „Allerdings entsteht es zu einem großen Teil auch im Kopf. Wer langsamer kaut und isst, schmeckt auch länger und nimmt intensiver wahr, dass er überhaupt isst.“

„Das ist die erste Studie in dieser Größe, die den Effekt der Essgeschwindigkeit untersucht“, kommentiert Kabisch. „Das Ergebnis ist grundsätzlich plausibel, allerdings wird man die Stärke des Effekts relativieren müssen.“ Fragebogendaten seien grundsätzlich mit Unsicherheiten behaftet und es gebe zahlreiche Überlappungen mit anderen Einflussfaktoren, die sich mit den vorhandenen Daten nicht berücksichtigen ließen.

Schulbasierte Programme erfolglos gegen Adipositasepidemie bei Kindern

Schulbasierte Ernährungsprogramme sind gegen die Adipositasepidemie bei Kindern chancenlos. Zwar gebe die Schule einen wichtigen Rahmen für die Unterstützung eines gesunden Lebensstils, aber Familien, lokale Gemeinschaften und die Lebensmittelindustrie haben eine größere Wirkung als jede schulische Intervention, berichten Forscher um Peymane Adab vom Institut für angewandte Gesundheits­forschung der Universität Birmingham. Ihre Untersuchung ist im British Medical Journalerschienen (2018; doi: 10.1136/bmj.k211).

Im Vereinigten Königreich sind etwa ein Viertel der Kinder übergewichtig, wenn sie in die Schule kommen. Der Anteil der sehr übergewichtigen – adipösen – Kinder verdoppelt sich in den folgenden 6 Jahren laut den Autoren von etwa 9 auf 19 Prozent.

Die Wissenschaftler wollten in ihrer Untersuchung die Wirksamkeit eines Programms für Lebensstil und gesunde Ernährung namens „West Midlands ActiVe lifestyle and healthy Eating in School children“ (WAVES) ermitteln. WAVES ist eine 12-monatige schulische Intervention, die sich auf gesunde Ernährung und körperliche Aktivität bei Grundschulkindern konzentriert.

Die Ergebnisse basieren auf Daten von rund 1.400 6- bis 7-Jährigen an 54 zufällig ausgewählten staatlichen Grundschulen in den West Midlands, die über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren beobachtet wurden. Zu Beginn der Studie wurden für jedes Kind Größe und Gewicht sowie weitere Messungen in Bezug auf Körperfett, Ernährung und körperliche Aktivität aufgezeichnet.

Das Programm beinhaltete täglich Möglichkeiten zur körperlichen Betätigung in den Schulen, ein Bewegungs- und Ernährungsprogramm in Verbindung mit lokalen Sportlern, regelmäßige Information der Eltern über lokale Bewegungsmöglichkeiten und Workshops zum gesunden Kochen für Familien in den Schulen.

Aber die Forscher fanden keinen signifikanten Unterschied im Gewichtsstatus und keinen signifikanten Einfluss auf Körperfettmessungen, Ernährung oder körperliche Aktivität bei Kindern, die an dem Programm teilnahmen, im Vergleich zu Kindern, die nicht teilnahmen. Die Forscher weisen in diesem Zusammenhang auf die große Zahl der beteiligten Schulen und die lange Nachbeobachtungszeit hin. Sie kommen zu dem Schluss, dass schulische Motivations- und Bildungsansätze „die Adipositasepidemie im Kindesalter wahrscheinlich nicht stoppen werden“.

„Diese Ergebnisse könnten dazu beitragen, den Kreislauf der politischen Entscheidungsträger zu durchbrechen, die mit ineffektiven pädagogischen Präventionsansätzen fortfahren, welche die Adipositasepidemie nicht stark beeinflussen werden“ schreibt Melissa Wake, Kinderärztin und aus Victoria, Australien, in einem verbundenen Editorial. Es sei an der Zeit, neue, lösungsorientierte Ansätze zu entwickeln, „die den Nutzen für die Gesundheit maximieren und rigoros und schnell getestet werden können“, so Wake.

Verhaltenstherapie in virtueller Realität kann Paranoia und Angst reduzieren

Eine kognitive Verhaltenstherapie, die mit der Technik der virtuellen Realität (VR) arbeitet, kann Paranoia und Angst bei Menschen mit psychotischen Störungen reduzieren. Das berichten niederländische Wissenschaftler in der Zeitschrift The Lancet Psychiatry (2018; doi: 10.1016/ S2215-0366(18)30053-1).

An der Studie beteiligten sich 116 Patienten mit Psychosen in 7 niederländischen Zentren. „Bis zu 90 % der Menschen mit Psychose haben paranoide Gedanken, wie den Glauben, dass es eine Bedrohung für sie gibt oder dass andere Menschen ihnen Schaden zufügen wollen. Das hat zur Folge, dass viele Menschen mit Psychose öffentliche und soziale Aktivitäten meiden, wenige soziale Kontakte haben und mehr Zeit allein verbringen als Menschen ohne Psychose“, berichten die Forscher.

116 Probanden

Alle 116 Teilnehmer setzten ihre Behandlung wie gewohnt fort, einschließlich antipsychotischer Medikamente, regelmäßigem Kontakt mit einem Psychiater und einer psychiatrischen Krankenschwester zur Verbesserung der Selbstversorgung, der Tagesaktivitäten sowie der sozialen und kommunikativen Funktionen. Die Hälfte der Studienteilnehmer (58 Personen) praktizierte soziale Übungen in einer virtuellen Umgebung mit einem Therapeuten.

Die Intervention bestand aus 16 einstündigen Sitzungen über einen Zeitraum von 8 bis 12 Wochen, in denen der Therapeut den Teilnehmer mit den sozialen Hinweisen vertraut machte, die in vier virtuellen Umgebungen – Straße, Bus, Café und Supermarkt – Angst, paranoide Gedanken und Sicherheitsverhalten auslösten. Der Therapeut konnte die Anzahl der Avatare, ihr Aussehen, ihre Reaktion auf den Teilnehmer (neutral oder feindselig) ändern und sie dazu bringen, vorab aufge­zeichnete Sätze zu sagen. Der Therapeut sprach während der Therapie auch direkt mit den Teilnehmern und half ihnen dabei, ihre Gefühle in den virtuellen sozialen Situationen zu erforschen.

Die soziale Teilhabe wurde durch Messung der Zeit, die mit anderen Menschen verbracht wurde, der momentanen Paranoia, der wahrgenommenen sozialen Bedrohung und der momentanen Angst bewertet. Die Teilnehmer wurden zu Beginn der Studie, unmittelbar nach der Behandlung und nach 6 Monaten beurteilt.

Bei der Auswertung zeigte sich, dass die Kontrollgruppe nach 6 Monaten viel weniger Zeit mit anderen verbrachte als zu Beginn der Untersuchung, während die Teilnehmer in der VR-Gruppe ihre Zeit mit anderen leicht erhöhten. Außerdem hatten die Teilnehmer der VR-Gruppe nach 3 und nach 6 Monaten weniger Ängste in sozialen Situationen.

„Kognitive Verhaltenstherapie über VR zusätzlich zur Standardbehandlung reduziert paranoide Gefühle, Ängste und die Verwendung von Sicherheitsverhalten in sozialen Situationen im Vergleich zur Standardbehandlung allein“, so das Fazit des Hauptautors Roos Pot-Kolder.

Die Autoren merken allerdings an, dass die Studie keine aktive Kontrollgruppe enthielt, sodass nicht ausgeschlossen werden könne, dass die zusätzliche Behandlung allein zu den Verbesserungen in der VR-Gruppe führte.

Kristiina Kompus, Bergen University, Norwegen, schreibt in einem verknüpften Kommen­tar: „Mit der Entwicklung von Virtual Reality und mobiler Technologie erweitert sich die Palette der in der Psychotherapie verfügbaren Werkzeuge. Der Einsatz von Virtual-Reality-Umgebungen, in denen die Teilnehmer mit computer­gesteuerten Situationen oder Avataren interagieren, ermöglicht einen feiner abgestimmten Ansatz zur Exposition im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie.“

Mehr Hilfe für Kinder mit suchtkranken Eltern

Auf ein Angebot für Kinder von suchtkranken Eltern weist die Drogen­beauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) hin. Das Onlineprojekt „KidKit networks“ bietet Kindern und Jugendlichen von zehn bis 18 Jahren Beratung per E-Mail und Chat und stellt bei Bedarf den Kontakt zu lokalen Hilfsangeboten her. Eine digitale Landkarte ermöglicht Betroffenen zudem, selbst geeignete Hilfsangebote zu finden. Träger von KidKit networks sind die Drogenhilfe Köln und der Verein KOALA.

„Kaum etwas überfordert Kinder und Jugendliche so sehr wie die Suchterkrankung eines Elternteils. KidKit networks soll es Kindern und Jugendlichen so leicht wie möglich machen, Kontakt mit professionellen Helfern aufzunehmen“, sagte Mortler.

Kinder können selbst aktiv werden
„Stets dreht sich alles um den kranken Vater oder die kranke Mutter, die Kinder bleiben häufig ungesehen. Sie sind quasi der Kollateralschaden der familiären Suchter­krankung“, sagte Thomas Hambüchen, Geschäftsführer der Drogenhilfe Köln. Das müsse sich ändern, nötig seien mehr Öffentlichkeit und entsprechend finanzierte Angebote . „Mit Hilfe von Kidkit networks und unserer digitalen Landkarte können Kinder und Jugendliche selbst aktiv werden und für sich und ihre Geschwister die notwendigen Hilfen anfordern“, sagte der Geschäftsführer der Drogenhilfe Köln.

Rund sechs Millionen Erwachsene in Deutschland sind als Kinder in Suchtfamilien aufgewachsen. Kinder von Suchtkranken (Children of Alcoholics/ Children of Addicts, COA) sind Risikokandidaten, selber eine stoffliche Sucht oder eine psychische oder soziale Störung zu entwickeln. Die Forschung zeigt, dass bislang etwa ein Drittel der Kinder suchtbelasteter Eltern ebenfalls suchtkrank wird und ein weiteres Drittel andere psychische Krankheiten entwickelt.

Eine Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien – die „COA-Aktionswoche“ – lenkt jedes Jahr in der Woche um den Valentinstag am 14. Februar die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Medien auf die mehr als 2,6 Millionen Kinder, die in Deutschland unter einem Suchtproblemen ihrer Eltern leiden.

Bis zu einer Milliarde Kinder und Jugendliche erleben Gewalt

Bis zu einer Milliarde Kinder und Jugendliche weltweit sind der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zufolge körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt ausgesetzt oder werden vernachlässigt. Damit sei jeder zweite Minderjährige zwischen zwei und 17 Jahren im vergangenen Jahr betroffen gewesen, berichtete die Organisation heute in Genf. Bei einer Konferenz mit WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, Königin Silvia von Schweden und 30 Ministern sollen am 14. und 15. Februar in Stockholm Lösungen gesucht werden.

Nach Angaben der WHO erlebt jedes fünfte Kind irgendwann im Leben körperliche Gewalt, jedes dritte Kind emotionale Misshandlung. 18 Prozent der Mädchen und acht Prozent der Jungen erlebten sexuelle Gewalt. Missbrauchte Kinder rauchten und tränken mehr Alkohol als andere, nähmen höhere Risiken in Kauf und seien später anfälliger für Krankheiten wie Angststörungen, Depressionen, Krebs und HIV-Infektionen, so die WHO. Die Organisation benutzt den Begriff „Kinder“ für alle Minderjährigen.

Kinderschutzgesetze seien wichtig, sagte Etienne Krug von der WHO, aber das reiche nicht. „Wir brauchen einen Kulturwandel, es muss Null Toleranz bei Gewalt gegen Kinder geben.“ Regierungen könnten etwa Eltern bei der Erziehung unterstützen, Kindern Sozialverhalten, emotionale Kontrolle und Selbstbewusstsein vermitteln, den Schulbesuch wenn nötig durch finanzielle Zuwendung an die Eltern sichern und in Problem-Stadtteilen Spannungen abbauen.

Akne erhöht Risiko auf Depressionen

Eine Akne bedeutet für viele jüngere Menschen eine erhebliche psychische Belastung. Die Analyse eines Patientenregisters im British Journal of Dermatology (2018; doi: 10.1111/bjd.16099) ergab, dass die Patienten in den ersten 5 Jahren der Behand­lung häufiger an einer Major-Depression erkranken.

Ein Team um Isabelle Vallerand von der Universität von Calgary hat die Daten von „The Health Improvement Network“ (THIN) ausgewertet, einer der weltweit größten Sammlungen von elektronischen Krankenakten. Sie verglichen die Daten von 134.427 Männern und Frauen mit Akne und mit 1.731.608 Kontrollen, die wegen anderer Krankheiten vom Hausarzt oder einem Spezialisten betreut wurden.

Die Gruppe der Aknepatienten war jünger und hatte einen höheren Frauenanteil als die Kontrollgruppe. Sie wiesen einen höheren sozioökonomischen Standard auf, rauchten seltener, tranken seltener Alkohol und waren seltener fettleibig. Sie hatten aber häufiger Begleiterkrankungen.

In den folgenden 15 Jahren erkrankten 18,5 % der Patienten an Akne, aber nur 12 % der Kontrollgruppe an einer schweren Depression. Das Risiko war vor allem im ersten Jahr der Behandlung am höchsten. Vallerand ermittelt eine Hazard Ratio vom 1,63 ( 95-%-Konfidenzintervall 1,33–2,00). In den Jahren danach nahm das Risiko auf eine Major-Depression langsam wieder ab. Patienten, die bereits seit 5 Jahren in Behandlung waren, hatten kein erhöhtes Risiko mehr. Ob dies eine Folge der erfolgreichen Therapie war oder ob sich die Patienten mit der Krankheit abgefunden haben oder diese sich mit der Zeit von selbst wieder abschwächte, konnte die Studie nicht klären.