Neuerungen in der Psychotherapie ab Juli

23.04.2020 – Höhere Stundenkontingente für Bezugspersonen, mehr Testverfahren, neue Zusatzziffern und Formulare – im Sommer ändern sich einige Regelungen für Psychotherapeuten. Die Psychotherapie-Vereinbarung wurde entsprechend angepasst.

Bezugspersonen in der Akutbehandlung

Eine Neuerung betrifft die psychotherapeutische Akutbehandlung von Kindern und Jugendlichen sowie Menschen mit geistiger Behinderung. Für diese Personengruppen stehen künftig höhere Stundenkontingente zur Verfügung, um Bezugspersonen in die Therapie einbeziehen zu können.

Dabei gilt dasselbe wie für die Richtlinien-Psychotherapie: Für jeweils vier Einheiten des Patienten kommt maximal eine Einheit für den Einbezug der Bezugspersonen dazu.

Bei Menschen mit geistiger Behinderung ist das Vorliegen einer Diagnose des Abschnitts Intelligenzstörung (F70-F79) nach ICD-10 Voraussetzung dafür, dass Bezugspersonen einbezogen werden können. Der Therapeut muss dies im neuen Formblatt PTV 12 entsprechend angegeben.

Für die Erhöhung des Stundenkontingents muss jetzt noch der EBM angepasst werden.

Nur noch neue Formulare nutzen

Alle Formblätter wurden überarbeitet und insbesondere für die Systemische Therapie bei Erwachsenen angepasst, die im Sommer als viertes Richtlinienverfahren eingeführt werden soll.

Psychotherapeuten dürfen ab 1. Juli nur noch die neuen Formblätter verwenden. Alte Formulare, Umschläge oder Leitfäden können nicht aufgebraucht oder weiter genutzt werden.

Erstmals wurde in den Formularen – soweit möglich – auf geschlechtsneutrale und inklusive Sprache geachtet. Das Formblatt PTV 12 wird nur noch für die Anzeige einer Akutbehandlung genutzt.

Therapieende in der Abrechnung kennzeichnen

Therapeutinnen und Therapeuten müssen ab 1. Juli in ihrer Abrechnung kennzeichnen, wenn eine Richtlinientherapie beendet wurde. Dafür gibt es zwei Zusatzziffern: die 88130 für die Beendigung einer Psychotherapie ohne anschließende Rezidivprophylaxe und die 88131 für die Beendigung mit anschließender Rezidivprophylaxe.

Beide Zusatzziffern sind ab dem dritten Quartal in der Praxissoftware hinterlegt und werden im Rahmen der Abrechnung übermittelt.

Mehr psychodiagnostische Testverfahren

Eine weitere Neuerung ab 1. Juli betrifft die Testverfahren nach den GOP 35600 bis 35602. Aufgrund der Änderungen in der Psychotherapie-Vereinbarung können sie in der Langzeittherapie in allen Psychotherapieverfahren häufiger abgerechnet werden: statt bisher fünfmal im Therapieverlauf, sind sie dann insgesamt bis zu siebenmal im Therapieverlauf berechnungsfähig.

Bewilligungsbescheid

Für Krankenkassen wird eine alte Pflicht wiedereingeführt: Ab 1. Juli müssen sie den Bewilligungsbescheid für die Psychotherapie auch in der Kurzzeittherapie an den Therapeuten versenden.

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Telefonberatung für psychisch Belastete in Baden-Württemberg

Die Landesregierung Baden-Württemberg hat eine zusätzliche Telefonberatung für psychisch belastete Menschen in der Coronakrise eingerichtet.

In der aktuellen Situation sollten Menschen mit Problemen nicht allein gelassen werden, sagte Sozialminister Manne Lucha (Grüne) gestern laut einer Mitteilung. Sie sollten unbü­rokratisch professionelle Hilfe bekommen.

Die Telefonberatung wird unter anderem von der Landespsychotherapeutenkammer und der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Würtemberg unterstützt.

Ehrenamtliche Psychotherapeuten und Fachkräfte sind ab sofort zwischen 8 und 20 Uhr unter der kostenfreien Nummer 0800/3773776 erreichbar. 

Bayern und NRW gründen Hilfetelefon für Männer

Bayern und Nordrhein-Westfalen (NRW) bieten ab sofort ein gemeinsames Hilfetelefon für von Gewalt betroffene Männer an.

Unter der kostenlosen Nummer 0800/1239900 könn­en sich Betroffene melden, die unter verschiedenen Arten von Gewalt leiden – wie häusli­cher und sexualisierter Gewalt, aber auch beispielsweise Stalking oder Zwangsheirat, wie das Sozialministerium in Bayern mitteilte. Dort wird das Angebot von der Arbeiterwohlfahrt Augsburg umgesetzt.

„Mit einer intensivierten länderübergreifenden Zusammenarbeit verstärken wir nicht nur die konsequente Platzierung solch tabuisierter Themen in der Gesellschaft, sondern können auch Ressourcen bündeln und Synergieeffekte nutzen“, sagte Bayerns Sozialministerin Ca­rolina Trautner (CSU). Aus NRW hieß es, dass Hilfetelefon sei deutschlandweit in dieser Form einmalig.

In naher Zukunft sollen laut den Ministerien in NRW und Bayern auch andere interessierte Länder die Möglichkeit haben, sich der telefonischen Hotline und dem digitalen Beratungs­angebot anzuschließen.

Eine Auswertung des Bundeskriminalamtes für das Jahr 2018 hatte gezeigt, dass im Bereich der Partnerschaftsgewalt der Anteil der männlichen Opfer mit 18,7 Prozent leicht angestie­gen war. Im Jahr zuvor lag er bei 17,9 Prozent. 

Nicht alle ADHS-Kinder sind hyperaktiv

Einige Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zeigen keine Hyperaktivität, sondern sind im Gegenteil eher „still und verträumt“. Darauf weist die Stiftung Kindergesundheit hin. ADHS werde bei diesen Kindern häufig erst sehr spät oder gar nicht diagnostiziert.

ADHS mit den drei Kernsymptomen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gehört zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes und Jugendalter. In Deutschland sind laut der KiGGS-Studie etwa 2,3 Prozent der Mädchen und 6,5 Prozent der Jungen im Alter von 3 bis 17 Jahren von der Diagnose ADHS betroffen.

„Mit einer Häufigkeit von rund vier Prozent liegt die Häufigkeit der ADHS-Diagnosen bei uns im internationalen Mittelbereich und ist keineswegs überhöht“, erläutert Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit.

Bei der Mehrzahl der von ADHS betroffenen Kinder und Jugendlichen dominiert die Hyperaktivität und Impulsivität. Anders bei der hypoaktiven Form der Störung: Hier stehen Konzentrationsschwäche und die gestörte Aufmerksamkeit im Vordergrund. „Die Kinder übersehen Details, machen Flüchtigkeitsfehler, haben Probleme beim Organi­sieren und Planen von Aufgaben, sind verträumt, ablenkbar und vergesslich“, berichtet die Stiftung.

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Diese Form komme auch bei Jungen vor: Es dominiere dann nicht so sehr die Verhaltens-, sondern die Lernstörungen. Besonders häufig seien Lese-, Rechtschreib- und Rechen­schwächen. „Das erfolglose Üben mit ständig sich wiederholenden Enttäuschungen führt häufig zu psychischen Beeinträchtigungen mit oft großem Leidensdruck“, berichtet die Stiftung.

„ADHS ist keine Störung, die einfach wieder verschwindet“, warnt die Stiftung Kindergesundheit. Ohne angemessene und gezielte Behandlung bestehe das Risiko lebenslanger Konsequenzen. „Notwendig sind ganzheitliche Therapien, die je nach Situation des Kindes sowohl die medikamentöse Behandlung als auch psychoedukative und psychotherapeutische Maßnahmen und entsprechende Rahmenbedingungen in den Regeleinrichtungen der Betreuung, Bildung und Ausbildung umfassen.

Das Ziel der Behandlung ist, den betroffenen Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, dass sie uneingeschränkt über ihre vorhandenen Fähigkeiten verfügen können“, sagte Koletzko. 

Systemische Therapie für Erwachsene soll im Sommer starten können

Die Vorbereitungen für die Einführung der Systemischen Therapie im Sommer dieses Jahres laufen auf Hochdruck. Ärztliche und psychologische Psychotherapeuten, die das Verfahren anbieten wollen, können bereits eine Genehmigung bei ihrer Kassenärztlichen Vereinigung beantragen. Die Psychotherapie-Vereinbarung wurde angepasst.

Voraussichtlich im Sommer wird die Systemische Therapie für Erwachsene als weiteres Verfahren bereitstehen und so die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland verbessern. Der Gemeinsame Bundesausschuss hatte die Aufnahmen der Systemischen Therapie als viertes Richtlinien-Verfahren in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung beschlossen.

Nachweis der Fachkunde

Für eine Genehmigung weisen Ärzte ihre Fachkunde in Systemischer Therapie bei Erwachsenen in der Regel mit einem Weiterbildungszeugnis nach, Psychologische Psychotherapeuten mit einem Approbationszeugnis beziehungsweise über die entsprechende Zusatzbezeichnung.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen können unter bestimmten Voraussetzungen übergangsweise auch andere Bescheinigungen von Ärzte- oder Psychotherapeutenkammern akzeptieren. Dies könnte beispielsweise der Fall sein, wenn für die Systemische Therapie regional noch keine Weiterbildungsordnung besteht. Auskünfte hierzu erteilt die zuständige Kammer.

Verhandlungen zu Vergütung

KBV und Krankenkassen müssen zunächst den EBM um die neue Leistung erweitern. Erst dann können Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten die neuen Leistungen der Systemischen Therapie bei Erwachsenen zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung durchführen und abrechnen.

Antrags- und Gutachterpflicht

Wie für die anderen Verfahren gelten auch für die Systemische Therapie die gleichen Vorgaben hinsichtlich Antrags- und Gutachterpflicht. Alle Indikationen der Psychotherapie-Richtlinie dürfen mit Systemischer Therapie behandelt werden. Die KBV stellt hierzu eine Übersicht als PDF-Dokument bereit (siehe Kasten „Mehr zum Thema“).

Gutachterverfahren: Bewerbungen startet in Kürze

Im Zuge der Einführung der Systemischen Therapie für Erwachsene werden auch neue Gutachter bestellt. Die Ausschreibung wird noch im April im Deutschen Ärzteblatt und in der PP-Ausgabe veröffentlicht und ist auf die Systemische Therapie bei Erwachsenen beschränkt.

Voraussichtlich vom 17. April bis zum 17. Mai können Bewerbungsunterlagen von Interessenten mittels eines Online-Formulars angenommen werden (Hinweise zur Bewerbung).

Systemische Therapie

Die Systemische Therapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren, dessen Fokus auf dem sozialen Kontext psychischer Störungen liegt. Das Vorgehen in dieser Psychotherapie berücksichtigt insbesondere die Veränderung sozialer Interaktionen.

Daher kann die Systemische Therapie auch im sogenannten Mehrpersonensetting angewendet werden. Hier kommen Spezifika dieses Psychotherapieverfahrens zum Tragen: Für die Erkrankung bedeutsame Beziehungen und Interaktionen, zum Beispiel zwischen einer Patientin oder einem Patienten und dem Familiensystem, können in diesem Setting besprochen und verändert werden.

Nachweispflicht für Fortbildung um ein Quartal verlängert

Die Frist für den Nachweis der fachlichen Fortbildung wird für Ärzte und Psychotherapeuten aufgrund der Coronavirus-Pandemie um ein Quartal verlängert. Das Bundesministerium für Gesundheit hat einer entsprechenden Anfrage der KBV zugestimmt.

Die Verlängerung der Nachweispflicht zur fachlichen Fortbildung nach Paragraf 95d SGB V gilt auch für Ärzte und Psychotherapeuten, die bereits mit Honorarkürzungen und Auflagen zum Nachholen der Fortbildungen innerhalb von zwei Jahren belegt wurden.

Vertragsärzte und -psychotherapeuten sind gesetzlich verpflichtet, innerhalb von fünf Jahren mindestens 250 Fortbildungspunkte bei ihrer jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung nachzuweisen. Wird der Fortbildungsnachweis nicht erbracht, drohen gesetzlich vorgesehene Sanktionen, beispielsweise Honorarkürzungen.

Derzeit fallen aufgrund der Corona-Pandemie unter anderem Fortbildungsveranstaltungen, Kongresse und Qualitätszirkelsitzungen aus und ein kontinuierliches Sammeln der Fortbildungspunkte durch Präsentveranstaltungen ist nicht möglich. Daher hatte sich die KBV für eine Verlängerung der Nachweisfrist eingesetzt.

Das bedeutet, dass diejenigen, die im „normalen“ Rhythmus sind (Start am 1.7.19), erst am 30.9.2024 ihr Zertifikat bei der KV einreichen müssen.