Die YouTube-Therapie

Die Suche nach einem Psychotherapeuten kann zu einer langwierigen Tortur werden. Onlineangebote sollen Betroffenen Alternativen bieten. Doch kann man psychische Krankheiten tatsächlich im Internet heilen?

Dami Charf spricht ruhig und gestikuliert ausladend mit den Händen. „Wer in der Kindheit traumatische Erfahrungen gemacht hat, merkt das an seinen Reaktionen im Erwachsenenalter“, sagt sie in einem ihrer YouTube-Videos. „Etwa durch Verlustängste oder das Gefühl, ständig etwas leisten zu müssen, um geliebt zu werden.“

Charf, 55, graumeliertes lockiges Haar, spricht über Verhaltensmuster. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und hat sich auf Traumaheilung spezialisiert. In ihrem Online-Selbsthilfekurs erklärt sie, dass bereits in den ersten drei Lebensjahren festgelegt wird, wie wir auf Ereignisse und Personen reagieren.

Charf ist eine von zahlreichen Anbieterinnen für Online-Therapien. Sucht man auf Google nach den Angeboten, wird es schnell unübersichtlich: Selfapy, Minddoc oder Mentavio heißen die Websites, die Hilfe in psychologischen Notlagen versprechen.

„Für Hilfesuchende ist es oft schwer, die Qualität solcher Angebote einzuschätzen“, heißt es auf der Website des Verbands „Pro Psychotherapie“. Wichtig sei vor allem, auf die Qualifikation des Anbieters zu achten: darauf, ob das Internetprogramm von einem Psychotherapeuten oder einem Facharzt im Bereich Psychotherapie eingesetzt oder begleitet wird.

Händeschütteln ist online nicht möglich

Wendet man die Checkliste auf das Angebot von Dami Charf an, erfüllt sie nicht jeden einzelnen Punkt. Zwar gibt sie ausführlich ihre Aus- und Weiterbildungen an, macht ihre Kursinhalte transparent, und auch die Zufriedenheit der Nutzer ist in Kommentaren auf ihrer Seite sichtbar. Jedoch bietet ihr Programm keine Möglichkeit, individuell zu überprüfen, ob die Behandlung erfolgreich ist: Es gibt nicht immer ein vorgesehenes Feedback für den Nutzer, er muss selbst beurteilen, ob das Programm ihm etwas bringt.

„Im Laufe des Kurses wirst du merken, dass du Dinge anders siehst, anders wahrnimmst und irgendwann anfängst, dich auch anders zu verhalten“, verspricht Charf und lächelt aufmunternd in die Kamera. „In dem Moment wird auch deine Umwelt sich anders verhalten.“ Durch ihre gutmütige Art vermittelt sie ihrem Zuschauer das Gefühl, da eine mitfühlende Person vor Augen zu haben, die weiß, wovon sie spricht – sofern man das beurteilen kann, wenn man einen Menschen nur auf dem Bildschirm sieht.

Doch kann man mit einem Onlinekurs tatsächlich tiefsitzende Erfahrungen bearbeiten – oder braucht es bei einem so sensiblen Thema einen einfühlsamen Gesprächspartner, der physisch anwesend ist? Muss es nicht eine Interaktion geben zwischen Patient und Therapeut, braucht es nicht konkrete Antworten auf individuelle Fragen?

„Onlineangebote sind ein wirksamer alternativer Zugang zu therapeutischen Maßnahmen“, meint Heinz Thiery, Geschäftsführer der Deutschsprachigen Gesellschaft für Onlineberatung (DGOB). „Vor allem werden Menschen erreicht, die über Face-to-Face-Angebote nicht erreicht werden.“ Arbeitnehmer etwa, die aufgrund ihrer Arbeitszeiten nur schwer einen freien Therapieplatz finden. Jugendliche, die sich von Erwachsenen nicht ernst genommen fühlen. Gehörlose oder Menschen, die in ländlichen Regionen leben und keinen Therapeuten vor Ort haben. Aber auch Menschen, die sich aufgrund ihrer Erfahrungen schämen und zunächst nicht unbedingt darüber reden möchten – zum Beispiel Opfer von sexuellem Missbrauch. Auch als Überbrückung für die Wartezeit bis zum Therapieplatz können die Angebote dienen

Eine Onlineberatung biete ein alternatives Setting: „Es macht für viele einen Unterschied, ob sie zu Hause entspannt vor dem Computer sitzen können oder in einer fremden Umgebung sich einer zunächst fremden Person gegenüber vorbehaltlos öffnen sollen“, sagt Thiery. Gerade in der Verhaltenstherapie, die etwa auch bei Traumata zum Einsatz kommt, könne man durch kompetente Onlineangebote große Erfolge beobachten: „Patienten wird ein passendes Lernprogramm angeboten, mit dem sie dann im Alltag üben“, sagt Thiery. Dies könne auch gut per Video-Tutorial vermittelt werden.

Auch Charf hat einige ihrer Erklärvideos auf YouTube hochgeladen, rund 15.000 Menschen haben ihren Kanal abonniert. Die kompletten Selbsthilfekurse kann man auf ihrer Website kaufen. Zwischen 57 und 270 Euro kosten die Tutorials. Online-Therapien sind in Deutschland zwar noch keine Regelleistungen, einige Krankenkassen übernehmen jedoch bereits die Kosten.

Charf sieht auch Grenzen ihrer Onlinekurse: Zwar könne sie erklären, wie die Psyche funktioniere, wie gewisse Konditionierungen ablaufen und woher sie kommen. „Wenn ich mit einer Person in einem Raum sitze, kann ich jedoch körperliche Reaktionen mit einbeziehen.“ Es löse in jedem Menschen ein bestimmtes Gefühl aus, einem anderen gegenüber zu sitzen oder die Hand zu schütteln.

Besser online als gar keine Beratung?

Der persönliche Kontakt – mindestens in der Diagnostik und Aufklärung der Patienten – sei unerlässlich, heißt es in einer Stellungnahme der Bundespsychotherapeutenkammer (BPTK) zur Digitalisierung in der Psychotherapie. „Während der Behandlung ist die Therapieüberwachung durch Psychotherapeuten oder Ärzte zu gewährleisten.“ Wichtig sei zudem ein Nachweis der Wirksamkeit. Denn therapeutische Übungen, die gar nicht oder zu wenig wirken, könnten beim Patienten den Eindruck verstärken, nicht gegen ihre depressive Verstimmung ankommen zu können. „Er erlebt sich weiter seiner Erkrankung hilflos ausgeliefert“, heißt es in der Stellungnahme.

„Wir plädieren für eine Integration von digitalen Programmen in die Psychotherapie“, sagte zudem ein Sprecher der BPTK. Digitale Angebote könnten die Psychotherapie ergänzen, aber nicht ersetzen. „Außerdem fordern wir, dass auch digitale Behandlungsprogramme ihre Wirksamkeit belegen müssen, bevor sie zum Einsatz kommen.“

Thiery von der DGOB sieht unseriöse Therapieangebote ebenfalls als gefährlich an. „Durch ein unfachliches Angebot kann die Krankheit tatsächlich eher noch verschlimmert werden“, sagt er. Wichtig sei, dass die Therapeuten, die hinter den Onlinekursen stehen, für die Patienten erreichbar sind, etwa per Chat oder E-Mail.

Allgemein sei eine Onlineberatung aber besser als gar keine Beratung. Der Fachverband wolle daher ein Register mit zertifizierten Angeboten zusammenstellen. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen hat bereits eine solche Übersicht.