Depressionen bei älteren Menschen unterschätzt

Depressionen bei älteren Menschen werden nach einer Umfrage in Deutschland massiv unterschätzt. So glaubt eine große Mehrheit der Bevölkerung (83 Prozent), dass die Krankheit vor allem im jungen und mittleren Lebensalter auftritt, teilte die Stiftung Deutsche Depressionshilfe heute mit.

Zu häufig würden Anzeichen von Depressionen bei Senioren deshalb bagatellisiert und als Bitternis des Alters abgetan. Dieses Unwissen trage mit dazu bei, dass die Krankheit im Alter häufig gar nicht oder falsch behandelt werde, sagte Psychiater Ulrich Hegerl, Vorstandschef der Stiftung. „Wir haben hier einen riesigen Verbesserungsspielraum.“

Für die Umfrage „Depressions-Barometer“ wurden 5.350 Bundesbürger zwischen 18 und 79 Jahren im Juli 2019 befragt. 350 von ihnen waren älter als 70. Der Schwerpunkt lag darauf, was sie über Depressionen bei älteren Menschen wissen und denken.

Manche Umfrageergebnisse klingen fast nach Altersdiskriminierung: So sprach sich jeder sechste Befragte dafür aus, Geld für die Behandlung von Depressionen lieber für jüngere Patienten auszugeben. Gut ein Fünftel (22 Prozent) meinte, dass bei Älteren die Behand­lung körperlicher Erkrankungen wichtiger sei.

Ein Drittel der jungen Befragten (36 Prozent) glaubt, dass sich Depressionen im Alter we­ni­ger gut oder überhaupt nicht behandeln lassen. Und mehr als zwei Drittel aller Inter­viewten (71 Prozent) gehen davon aus, dass alte Menschen ohnehin kaum bereit sind, zum Psychotherapeuten zu gehen.

Unwissenheit häufig

Hintergrund für solche Fehleinschätzungen ist häufig Unwissen: In der Realität gehören Depressionen neben Demenz-Erkrankungen zu den häufigsten psychischen Leiden im höheren Lebensalter und können nach Studien in Deutschland rund sechs Prozent der älteren Menschen treffen. Im mittleren Lebensalter liegt diese Quote nur wenig höher – bei acht Prozent. Behandeln lässt sich die Krankheit nach einer Diagnose in jedem Le­bensalter gleich gut.

„Eine Depression im Alter ist keine Folge von Einsamkeit, Trauer oder Verlusterlebnissen“, erläuterte Hegerl. „Es ist eine eigenständige Erkrankung, die noch tödlicher ist als sonst.“ Die Suizidrate im Alter liegt in Deutschland rund fünf Mal so hoch wie wie bei jüngeren Erwachsenen. Die Mehrzahl der rund 9.000 erfassten Suizide pro Jahr in Deutschland geht nach Ansicht von Experten auf psychische Erkrankungen zurück.

Die Fehleinschätzungen der Bevölkerung mit Blick auf Depressionen im Alter haben nach Angaben der Stiftung Folgen. So erhielten nur zwölf Prozent der betroffenen Senioren über 70 eine Psychotherapie, heißt es. Bei den 30- bis 69-Jährigen sei es dagegen fast ein Drittel (31 Prozent).

Die Umfrage zeigt, dass die deutlich niedrigere Quote nicht am Unwillen der Senioren liegt: Zwei Drittel (64 Prozent) wären laut Umfrage bereit, eine Therapie zu machen. Sie wird ihnen aber wahrscheinlich seltener angeboten, weil Symptome zu schnell mit „dem Alter“ erklärt werden.

Auslöser von Depressionen können in jedem Lebensalter traumatische Erlebnisse, Miss­brauch, aber auch erbliche Faktoren sein. „Das ist keine pure Befindlichkeitsstörung, De­pressionen fühlen sich anders an“, sagte Hegerl.

Wenn alten Menschen nichts mehr Freude macht, sie kaum noch etwas interessiert und sie sich permanent erschöpft fühlen, schrillten bei Angehörigen und auch Pflegepersonal seltener die Alarmglocken als bei jüngeren Menschen. Ähnlich gelte das für zu wenig Appetit, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, innere Unruhe, Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken.

„Menschen werden nicht depressiv, weil sie einsam sind“, ergänzte der Psychiater. „Es ist oft die Depression, die zum sozialen Rückzug und zu einem Gefühl der inneren Versteine­rung führt.“ Helfen könne man Senioren am besten, indem man sie für eine Abklärung beim Gang zu Fachärzten wie Psychiatern unterstütze. Sie könnten Depressionen auch gut von einer Demenz unterscheiden.

Vermehrt Schüler wegen Depression in Klinik eingewiesen

Die Zahl der Schüler, die wegen einer Depression in eine Klinik eingewiesen werden, nimmt einer Untersuchung zufolge zu. Innerhalb von zwei Jahren stieg ihre Zahl in Deutschland um fünf Prozent, wie aus dem heute in Berlin vorgestellten aktuellen Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit hervorgeht. Für die Erhebung wurden Abrechnungs­daten der DAK-Gesundheit von rund 800.000 minderjährigen Versicherten für die Jahre 2016 und 2017 ausgewertet.

Demnach zeigte etwa jedes vierte Schulkind im Alter von 10 bis 17 Jahren psychische Auffälligkeiten. Jeweils rund zwei Prozent litten unter einer Depression oder Angststörun­gen, manche auch an beidem. Bei Mädchen träten diese beiden Krankheitsbilder doppelt so häufig auf wie bei Jungen. Hochgerechnet waren rund 238.000 Kinder dieser Alters­gruppe so stark betroffen, dass sie einen Arzt aufsuchten.

Acht Prozent aller depressiven Schulkinder wurden laut Report innerhalb eines Jahres sta­tionär in einer Klinik behandelt – im Durchschnitt blieben sie für 39 Tage. Depressio­nen führten unter den psychischen Erkrankungen am häufigsten zu einer Einweisung. Ein Viertel der Betroffenen kam innerhalb von zwei Jahren mehrfach ins Krankenhaus. Die DAK-Gesundheit folgerte daraus, dass es offenkundig Versorgungslücken bei der Nach­sorge gebe, die dringend geschlossen werden müssten.

Risikofaktoren für Depressionen und Angststörungen sind der Studie zufolge etwa chroni­sche körperliche Erkrankungen und psychische Vorerkrankungen. Auch das familiäre Um­feld spielt eine Rolle: Kinder seelisch kranker oder suchtkranker Eltern sind danach be­son­ders gefährdet. Nach Angaben des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte ist auch eine exzessive Mediennutzung ein Risikofaktor für Depressionen.

Spitze des Eisbergs

„Im Report sehen wir nur die Spitze des Eisbergs“, kommentierte Thomas Fischbach, Prä­sident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, den Bericht. „Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.“ Es gebe viele Kinder, die an Depressionen litten und erst spät in die Praxen kämen.

Dass Depressionen nicht allein ein Thema für Erwachsene sind, ist bekannt. „Wir gehen von etwa zwei betroffenen Kindern pro Schulklasse aus“, sagte auch Ulrich Hegerl, Vor­sitzen­der der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Der Psychiater schätzt die Zahlen der Kasse als realistisch ein. Für Deutschland gibt es Studien, nach denen rund acht Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer anhaltenden depressiven Störung erkranken. Das sind rund fünf Millionen Menschen.

Bei Teenagern kann es für Laien schwer sein, Anzeichen für eine Depression vom norma­lem „Pubertieren“ mit heftigen Stimmungsschwankungen zu unterscheiden. Für Fach­leute sei es jedoch recht gut möglich, zum Beispiel Gefühle von innerer Versteinerung zu erkennen, so Hegerl.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe geht davon aus, dass im Vorschulalter ein Prozent der Kinder und im Grundschulalter rund zwei Prozent betroffen sind. Bei Jugendlichen stiegen die Raten dann an: Zwischen 12 und 17 Jahren seien es drei bis zehn Prozent Be­troffene. Hegerl zufolge geht mit einer unbehandelten depressiven Erkrankung bei jun­gen Menschen ein hohes Risiko einher, Schule oder Ausbildung nicht erfolgreich be­enden zu können.

Die Zahlen der Kasse zeigen Zusammenhänge, die ähnlich bereits in anderen Studien be­legt wurden: So steigt laut Report das Depressionsrisiko bei Kindern und Teenagern, wenn bereits Elternteile psychisch oder anders chronisch erkrankt sind. Auch eine eigene chronische Erkrankung, Adipositas, Diabetes, Asthma und Schmerzen können das De­pressionsrisiko bei jungen Menschen laut Bericht erhöhen.

Für Jungen geht die DAK-Gesundheit davon aus, dass Depressionen unterdiagnostiziert sind: Wie erwachsene Männer bagatellisierten sie häufig seelische Probleme.

Insgesamt zählten im Report Atemwegserkrankungen, Infektionen, Augen- und Hautprob­leme zu den häufigsten Erkrankungen bei den 10- bis 17-Jährigen. Psychische Erkrankun­gen folgten mit 24 Prozent auf Platz fünf. Depressionen machten darunter nur einen klei­nen Teil aus – am häufigsten diagnostizierten Ärzte Entwicklungs- und Verhaltensstö­run­gen. 

Genetische Veranlagung nicht allein Schuld an Adipositas

In Deutschland sind 60 Prozent der Bevölkerung übergewichtig, ein Vier­tel ist bereits adipös. Das geht aus einem heute veröffentlichten Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hervor.

Demnach sind die Ursachen für Übergewicht und Adipositas vielfältig und komplex: Dazu gehören genetische Veranla­gungen und epigenetische Veränderungen ebenso wie indivi­du­elles Verhalten, zum Beispiel Lebensstile oder ein Mangel an Bewegung.

Hinzu kommen Rahmenbedingungen, die zum Beispiel zu einem Überangebot und einer ständigen Verfügbarkeit von Nahrung führen. Der aktuelle Forschungsstand lasse den Schluss zu, dass genetische Veranlagungen allein die Häufigkeit und das Ausmaß von Übergewicht und Adipositas nicht erklären können, so die Autoren. Daher sollten indivi­du­elle Verhaltensweisen, soziale Normen sowie kulturelle und ökonomische Rahmenbe­dingungen in den Blick genommen werden.

Ziel müsse es dabei sein, die Entstehung von starkem Übergewicht und Adipositas insbe­sondere bei Kindern und Jugendlichen zu verhindern und die Lebensqualität der Betroffe­nen zu verbessern.

Dazu haben die Wissenschaftler in dem Diskussionspapier verschiedene Maßnahmen zusammengefasst: Sie empfehlen unter anderem die Prävention von Übergewicht durch Informationen über gesunde Ernährungsgewohnheiten und regelmäßige Bewegung, die in den Alltag eingebaut werden kann.

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Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen sollten diejenigen Vorlieben und Gewohn­heiten gefestigt werden, die Übergewicht vorbeugen. Die Autoren empfehlen zudem politische Maßnahmen wie eine Besteuerung einzelner Nahrungsmittel und gezielte Werbeverbote.

Im Hinblick auf die von Adipositas betroffenen Menschen fordern sie eine adäquate und evidenzbasierte medizinische Versorgung. Zudem müsse durch Aufklärung und Wissens­ver­mittlung zu Adipositas der Stigmatisierung Betroffener entgegengewirkt werden, da diese die Lebensqualität übergewichtiger und adipöser Menschen weiter verschlechtere.

Die Experten haben darauf hingewiesen, dass einzelne Ansätze für sich kaum erfolgver­sprechend seien, sondern ein Bündel von Maßnahmen initiiert werden sollte. Kurzfristig könne die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas allerdings nicht verringert werden. Alle in dem Diskussionspapier benannten Schritte setzten auf mittel- und langfristige Effekte. 

Prävention von Adipositas bei Kindern erfordert gesündere Lebensbedingungen

Verhaltenspräventive Ansätze reichen nicht aus, um unter den heutigen adipoge­nen Lebensbedingungen etwas gegen Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen auszu­richten. Für eine erfolgreiche Prävention der Adipositas sind vor allem verhältnispräven­tive Maßnahmen erforderlich, die durch Gesellschaft und Politik initiiert werden müssen. Dies zeigen die wissenschaftlichen Studien, die der heute vorgelegten Leitlinie „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ zugrunde liegen.

Die evidenzbasierte S3-Leitlinie wurde von 40 Experten aus 16 medizinisch-wissen­schaft­lichen Fachgesellschaften, Berufsverbänden und weiteren Organisationen erarbei­tet. Federführend waren die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Deutsche Gesellschaft für Kinder-und Jugendmedizin (DGKJ).

Die Anleitung und Schulung der betroffenen Kinder und ihrer Familien mit dem Ziel, den persönlichen Lebensstil in einer multimodalen Adipositastherapie zu ändern, kann unter Umständen ebenfalls erfolgversprechend sein. Dies gilt insbesondere für die Schulung von Kindern im Grundschulalter und vor allem deren Familien. Dennoch heißt es in der fast 80-seitigen Leitlinie, dass die „erreichten Therapieeffekte eher gering“ seien und „oft nicht den Erwartungen der Betroffenen“ entsprächen.

Experten zufolge profitieren Kinder und Jugendliche am ehesten von ambulanten Ange­boten. „Daher gilt für die Adipositastherapie ganz klar die Empfehlung ,ambulant vor sta­tionär’“, sagte Susanna Wiegand, vormals Sprecherin der AGA und seit Oktober Vize­prä­sidentin der Deutschen Adipositas Gesellschaft. Allerdings gebe es zu wenig Plätze für diese Konzepte, nach denen das Kind inmitten von Familie, Schule und Freundeskreis betreut werde.

Krankenkassen zu zögerlich

Der Grund: Noch immer würden ambulante Angebote seitens der Krankenkassen nur zö­gerlich unterstützt. Daher hätten sich schon viele Anbieter aus diesem Segment zurück­gezogen, berichtet Wiegand. „Wir benötigen bundesweit Schulungsangebote für junge Kinder und deren Familien. Die Leitlinie betont, dass allen Betroffenen der Zugang zu einem Schulungsprogramm ermöglicht werden sollte. Dies gilt auch für den ländlichen Bereich, in dem die Adipositasprävalenz höher liegt als in der Stadt.

Martin Wabitsch, einer der federführenden Autoren der neuen Leitlinie, gibt allerdings zu bedenken: „Bei Jugendlichen mit extremer Adipositas liegt die Erfolgsrate deutlich niedri­ger als bei jüngeren Kindern. Für diese spezielle Gruppe von jungen Patienten benötigen wir neue Therapiekonzepte“.

DGKJ-Präsidentin Ingeborg Krägeloh-Mann ergänzte: „Die umfangreiche Cochrane-Ana­lyse […] gibt Entscheidungsträgern jetzt fundierte wissenschaftsbasierte Empfehlungen an die Hand.“ Denn die neu erschienene Leitlinie macht deutlich: Die Adipositas ist das Ergebnis des Lebensstils unserer Gesellschaft.

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Und „die derzeitigen Mechanismen, mit denen Übergewicht und Adipositas auf Bevölke­rungsebene begegnet wird, sind […] noch unzureichend und zum Teil inadäquat“, so die Schlussfolgerung der Leitlinienautoren. Für das gesunde Aufwachsen von Kindern seien tiefergreifende Änderungen erforderlich, für die eine starke politische Unterstützung nötig ist.

Dem Kinder- und Jugendarzt komme dabei in Zusammenarbeit mit weiteren Professionen eine wichtige Rolle zu. Er sei der Vermittler der in der Leitlinie zusammengetragenen Em­pfehlungen und Botschaften: Hierzu gehören unter anderem die Reduktion zuckerhaltiger Getränke und die Beachtung der Portionsgrößen, die Ausrichtung des Speiseangebots in Kitas und Ganztagsschulen an den Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und die Förderung der körperlichen Aktivität im Kindes- und Jugendalter.

Deshalb sollte, so die Leitlinie, der Prävention der Adipositas in der Aus- und Weiterbil­dung der Ärzte ein wesentlicher Stellenwert eingeräumt werden. 

Therapeutenmangel verhindert adäquate Versorgung von Schlafstörungen

Auf eine Unterversorgung von Menschen mit Insomnien hat die Deutsche Ge­sellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) hingewiesen. Dabei handelt es sich um Ein- oder Durchschlafstörungen, die mindestens einen Monat bestehen und bei den Betroffenen zu einer beeinträchtigten Leistungsfähigkeit oder Befindlichkeit am Tag führen. Laut Fachgesellschaft betrifft dies rund fünf bis zehn Prozent der Menschen in Deutschland.

„Die Lebensqualität der Betroffenen kann hierbei beträchtlich leiden und es besteht das Risiko für psychische und körperliche Folgeerkrankungen, Depressionen und Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen“, hieß es aus der DGSM.

Die Leitlinie der Fachgesellschaft empfiehlt als Therapie eine kognitive Verhaltensthe­ra­pie für Insomnien (KVT-I). Diese Behandlung, die in vier bis acht Sitzungenerfolge, sei sehr effektiv und könne auch bei Menschen mit chronischen Schlafstörungen die Sympto­matik verbessern. „Leider erhält jedoch nur ein Bruchteil der Betroffenen die KVT-I, vor allem, da es zu wenige Therapeuten gibt, die diese Behandlung mit entsprechender Ex­pertise anbieten“, bedauerte die DGSM.

Die Fachgesellschaft beteilige sich daher an einem Projekt namens „GET Sleep – Stepped Care Modell für die Behandlung von Schlafstörungen“, das der Innovationsfonds des Ge­meinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) mit 6,1 Millionen Euro fördert. Ziel des Projekts ist es, die Versorgungsqualität für Menschen mit Insomnien in Deutschland mit Hilfe von Haus­ärzten und einem telemedizinischen Behandlungsangebot auf Basis der KVT-I zu verbessern.

„Bei positiver Evaluation besteht das Ziel, die neue Versorgungsform in die Regelversor­gung zu übernehmen“, erklärte Kai Spiegelhalder vom Universitätsklinikum Freiburg, einer der Initiatoren des Projektes.

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Aber auch beim diagnostischen Instrumentarium in der Schlafmedizin sieht die Fachge­sellschaft Verbesserungsbedarf. Die DGSM weist insbesondere auf die Aktigraphie hin.

„Bei Schlafmedizin handelt es sich eigentlich um eine Wach- und Schlafmedizin. Wir wollen Tagesmüdigkeit, Tagesschläfrigkeit und Tagesleistungsfähigkeit abklären. Die eine Seite der Abklärung ist die Nacht im Schlaflabor, mit der sie die Schlafqualität erfassen können und vor allem organische Schlafstörungen in einer standardisierten Umgebung ausschließen können. Die Schlafmenge im Alltag können Sie mit Aktigraphie abschätzen“, erläuterte Jens Acker, Sprecher der DGSM-Arbeitsgruppe Chronobiologie.

Aktigraphie sei ein Standardverfahren in der Abklärung von zirkadianen Rhythmusstörun­gen. Es sollten die Ruhezeiten über einen Zeitraum von 7 bis 14 Tagen in der häuslichen Umgebung gemessen werden. „In Deutschland ist Aktigraphie aufgrund der Vergütungs-Situation zu wenig bekannt und wird vor allem in der Forschung eingesetzt“, bedauerte Acker. 

Bluttest misst traumatische Stresserlebnisse in Kindheit und Jugend

Misshandlungen und Gewalt an Kindern und Jugendlichen führen zu einer chronischen Entzündungsreaktion im Körper, die laut einer Studie in JAMA Pediatrics (2019; doi: 10.1001/jamapediatrics.2019.3875) am Übergang zum Erwachsenenalter durch einen Bluttest gemessen werden kann.

Die zunehmenden sozioökonomischen Unterschiede in vielen Ländern, Flüchtlingskrisen und der Klimawandel haben zur Folge, dass Kindheit und Jugend für immer mehr Men­schen mit körperlicher und seelischer Gewalt verbunden sind. Die traumatischen Erleb­nisse können mentale und körperliche Krankheiten im Erwachsenenalter zur Folge haben, deren gemeinsamer Nenner eine erhöhte Entzündungsreaktion im Körper ist. Die bisheri­gen Biomarker CRP (C-reaktives Protein) und IL 6 (Interleukin 6) sind nicht in der Lage, die betroffenen Personen zu identifizieren.

Ein Team um Hartmann Rasmussen von der Duke University in Durham hat deshalb nach einem besseren Biomarker für die gesundheitlichen Folgen traumatischer Erlebnisse in Kindheit und Jugend gesucht. Die Forscher haben dazu die Daten der Environmental Risk Longitudinal Twin Study ausgewertet, die seit1994/95 eine Gruppe von Zwillingen aus verschiedenen Gruppen der britischen Bevölkerung begleitet.

Die Heranwachsenden wurden im Alter von 5, 7, 10, 12 und zuletzt 18 Jahren nach 20 ver­schiedenen traumatischen Erlebnissen befragt. Dazu gehörten körperlicher, sexueller und emotionaler Missbrauch und verschiedene Formen der Vernachlässigung im Kindes­alter sowie negative Erfahrungen als Teenager.

Im Alter von 18 Jahren wurden bei den Teilnehmern Blutproben entnommen. Dort wurde neben CRP und IL 6 auch der lösliche Urokinase-Plasminogen-Aktivator-Rezeptor (suPAR) bestimmt. Es handelt sich um ein Membranprotein von Abwehrzellen, das bei einer er­höhten entzündlichen Aktivität ans Plasma abgegeben wird.

Gewalterlebnisse waren keineswegs selten: 213 Kinder (15,3 %) waren der Gewalt durch Intimpartner der Mutter oder des Vaters ausgesetzt, 354 Kinder (25,4 %) wurden von Gleichaltrigen gemobbt oder waren in Kindheit und Jugend Straßenkriminalität ausge­setzt. 129 Kinder hatten gleich mehrere Arten von Gewalt erlebt.

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Diese Erfahrungen hinterließen Spuren in den 3 Entzündungsparametern, von denen su­PAR sich als der zuverlässigste Biomarker erwies. Jede negative Kindheitserfahrung er­höhte die suPAR-Konzentration um 0,03 ng/ml, bei schwerwiegenden kindlichen Miss­handlungen stieg der Serumwert um 0,09 ng/ml pro Trauma. Negative Erfahrungen im Jugendalter erzeugten einen Anstieg um jeweils 0,04 ng/ml. Die 95-%-Konfidenzin­ter­valle waren weit und im Fall der Jugenderlebnisse nicht signifikant.

Dennoch könnte der Biomarker für die Beurteilung der gesundheitlichen Folgen von traumatischen Erlebnissen herangezogen werden, meint Rasmussen. Die Kombination mit CRP und IL 6 könne die Beurteilung weiter erleichtern. Es fehlt allerdings noch die Bestätigung aus anderen Kohortenstudien, wobei der Bluttest sicherlich nicht die psychi­atrische Anamnese ersetzen kann. Schließlich müsste noch untersucht werden, ob der Bio­marker tatsächlich mit einer erhöhten körperlichen und mentalen Morbidität im Er­wachsenenalter verbunden ist. 

Physiologie: Gehirnwäsche während des Tiefschlafs

US-Forscher haben eine weitere Funktion des Tiefschlafs entdeckt. In der Zeit, in der langsame Wellen das Elektroenzephalogramm (EEG) dominieren, kommt es laut dem Bericht in Science (2019; 366: 628-631) in den Blutgefäßen und in den Liquorräumen zu „oszillatorischen“ Bewegungen, die wie in einer Waschmaschine die Entfernung schädlicher Proteine aus dem Gehirn erleichtern könnten.

Schon bald nach dem Einschlafen fällt das menschliche Gehirn in einen zunehmenden Tiefschlaf. Er ist gekennzeichnet durch niederfrequente Wellen im EEG, nach denen er auch als „slow wave sleep“ (SMS) bezeichnet wird. Auf diesen Tiefschlaf folgt dann eine Phase mit schnellen Augenbewegungen (REM-Schlaf). Jede Nacht wiederholt sich dieser Zyklus mehrmals.

Frühere Studien hatten bereits gezeigt, das sich im SMS neben der Hirnaktivität auch der zerebrale Blutfluss verändert. Ein Team um Nina Fultz von der Universität Boston hat die Zusammenhänge jetzt genauer untersucht. Dreizehn gesunde Probanden verbrachten eine Nacht im Magnetresonanztomografen (MRT), wo sie trotz der lauten Geräusche, die diese Geräte erzeugen, irgendwann einschliefen. Das MRT zeichnete die Durchblutung und die Bewegungen in den Liquorräumen auf.

Da die Köpfe mit EEG-Elektroden versehen waren, konnten die Forscher erkennen, in welcher Schlafphase sich die Probanden gerade befanden. Im Wachzustand und in der Aufwachphase kam es zu keinen Veränderungen in der Hirndurchblutung. Die MRT-Signale blieben gleich. Während der SMS-Phasen beobachteten die Forscher Oszillationen in den MRT-Signalen, die sie als eine Veränderung der Durchblutung deuten. Zur gleichen Zeit geriet auch der Liquor in Bewegung. Die Flussrichtung des Hirnwassers geht normalerweise vom Produktionsort in den Seitenventrikel über den 3. und 4. Ventrikel in den Subarachnio­dalraum, in dessen Wänden der Liquor resorbiert wird. Während der Oszillationen der MRT-Signale kehrte sich die Flussrichtung zeitweise um. Das Gehirnwasser floss jeweils für wenige Sekunden vom 4. zum 3. Ventrikel zurück.

Die Forscher vermuten, dass das ständige Hin und Her des Liquors während des Tiefschlafs (SMS) eine Art Waschfunktion hat. Es könnte den Abtransport von Beta-Amyloiden und anderen Schadstoffen, die täglich im Gehirn produziert werden, erleichtern: Dies wäre durchaus vergleichbar mit den Bewegungen des Wassers in einer Waschmaschine, die die Ablösung von Schmutzpartikeln fördern.

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Seit einigen Jahren diskutieren Hirnforscher darüber, ob der Liquor eine nächtliche Reinigungsfunktion hat. Zunächst wurde entdeckt, dass der interstitielle Raum zwischen Nerven- und Gliazellen von Liquor durchströmt wird. Diese Zwischenräume sind nachts weiter als tagsüber, was die Drainage von Schadstoffen vergleichbar dem Lymphsystem im übrigen Körper erleichtern könnte. Ob es dieses „glymphatische System“ tatsächlich gibt, ist nicht erwiesen. Die aktuellen Studienergebnisse bestätigen jedoch die Hypothese einer nächtlichen Reinigung des Gehirns, die möglicherweise auf die SMS-Phasen beschränkt ist.

Interessanterweise kommt es bei vielen Menschen im Alter zu einer Verkürzung der SMS-Phasen. Dies könnte die nächtliche Entgiftung des Gehirns erschweren und damit erklären, warum das Risiko auf einen Morbus Alzheimer mit zunehmendem Alter ansteigt. Experimente haben gezeigt, dass es nach einer schlaflosen Nacht bei gesunden Probanden kurzfristig zu einem Anstieg von Beta-Amyloiden im Gehirn kommt. Der gestörte glymphatische Abtransport könnte dies plausibel erklären. 

Kognitive Verhaltenstherapie kann bei suizidalen Krisen durch unipolare Depression helfen

Bestimmte Formen der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) können depressive Symptome, aber auch Suizidgedanken und -versuche mindern. Das berichtet eine Arbeitsgruppe der Technischen Universität (TU) Berlin. Die Wissenschaftler haben im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) untersucht, ob verschiedene ambulante, nichtmedikamentöse Maßnahmen, etwa Kriseninterventionsprogramme oder psychosoziale Interventionen, Erwachsene mit unipolarer Depression dabei unterstützen, suizidale Krisen besser zu bewältigen.

„Allein die KVT ist in aussagekräftigen Studien untersucht, belastbare Ergebnisse zu anderen nichtmedikamentösen Verfahren fehlen“, lautet ihr Ergebnis.

Die Arbeit ist im Rahmen des sogenannten ThemenCheck Medizin des IQWiG entstanden. Dabei gehen die wissenschaftlichen Fragestellungen für ein sogenanntes „Health Technology Assessment“ (HTA) auf die Vorschläge von Bürgern zurück.

Rund zehn Prozent der Erwachsenen in Deutschland leben laut der Arbeitsgruppe mit depressiven Symptomen und sind im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt um das 20-Fache stärker suizidgefährdet.

Laut den Wissenschaftler existieren nur für die KVT von Erwachsenen mit unipolarer Depression in einer suizidalen Krise aussagekräftige Studien. Das Wissenschaftlerteam der TU Berlin stellte anhand deren Ergebnissen fest, dass bestimmte Formen der KVT als Ergänzung zu einer Standardbehandlung bei der Bewältigung suizidaler Krisen helfen können: Depressive Symptome, Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken sowie wiederholte Suizidversuche lassen sich damit reduzieren.

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Keine Anhaltspunkte gab es dafür, dass die KVT Auswirkungen auf Angst oder posttraumatischen Stress hat. Weitere patientenrelevante Aspekte wie die körperliche Verfassung für das Bewältigen des Alltags und die gesundheitsbezogene Lebensqualität wurden laut den Forschern in den Studien nicht untersucht.

Über Gespräche mit Betroffenen und Angehörigen sowie Literaturrecherchen konnten die Forscher weitere Aspekte bei der Betreuung der Betroffenen identifizieren: Danach sind neben Stigmatisierung und sozialem Rückzug lange Wartezeiten auf Termine insbesondere im ländlichen Raum Hürden für die Betreuung. Die Wissenschaftler der TU Berlin regen daher unter anderem an, dass Psychiater, Psychotherapeuten und Hausärzte eng zusammenarbeiten. Auch der Ausbau von niedrigschwelligen Maßnahmen wie Telefonseelsorge oder webbasierten Angeboten könne möglicherweise helfen.

„Auch wenn es wegen der unzureichenden Studienlage bislang nur Hinweise auf einen Nutzen von KVT gibt, ist der Ausbau von ambulanten Versorgungsstrukturen und niedrigschwelligen Angeboten zur kontinuierlichen Behandlung von Menschen mit suizidalen Krisen bei unipolarer Depression wichtig für die bedarfsgerechte Versorgung“, zieht Laura Krabbe, Projektleiterin beim ThemenCheck Medizin des IQWiG, ein Fazit.

Alkoholkonsum bei der Arbeit laut Umfrage weit verbreitet

Das Trinken von Alkohol bei der Arbeit ist offenbar weit verbreitet. Das signalisiert eine Umfrage des Instituts Forsa im Auftrag der DEKRA. Danach kennt jeder Dritte Kollegen, die während der Arbeitszeit Alkohol trinken. Jeder zweite Arbeitnehmer (49 Prozent) gibt an, dass er in seinem Betrieb keine Unterweisung oder Hinweise über die Gefahren von Alkohol und Drogen am Arbeitsplatz erhalten habe. „Alkohol bei der Arbeit und Sucht sind in den Firmen Tabuthemen“, sagte Karin Müller, Leiterin des Bereichs Mensch und Gesundheit bei DEKRA. Vorgesetzte scheuten sich meist, das Thema aktiv anzugehen, obwohl Sucht die Arbeitsleistung der Mitarbeiter mindere und die Gefahr von Arbeitsun­fällen erhöhe, so Müller.

Forsa hat im Vorfeld der Arbeitsschutzmesse A+A in Düsseldorf Anfang November repräsentativ 1.003 Beschäftigte – Angestellte, Arbeiter und Beamte – zum Thema Sucht am Arbeitsplatz befragt.

Mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Befragten gab an, dass es bei ihnen im Betrieb ihres Wissens Mitarbeiter gibt, die während der Arbeitszeit Alkohol trinken. Elf Prozent sagten, dass es Mitarbeiter gibt, die dies regelmäßig tun. 25 Prozent geben an, dass Kollegen gelegentlich während der Arbeitszeit Alkohol trinken, etwa zu bestimmten Anlässen. Dass in ihrem Betrieb ihres Wissens keiner der Kollegen während der Arbeitszeit Alkohol trinkt, geben 53 Prozent der Befragten an.

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Bei 55 Prozent der von Forsa Befragten ist der Genuss von Alkohol im Betrieb während der Arbeitszeit generell nicht gestattet. 36 Prozent sagen, der Alkoholgenuss sei nur zu bestimmten Anlässen wie Geburtstagsfeiern oder Jubiläen während der Arbeitszeit erlaubt. Eine Minderheit von drei Prozent der Befragten gab an, dass der Genuss von Alkohol bei ihnen im Betrieb während der Arbeitszeit generell erlaubt sei.

DEKRA rät Unternehmen, im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements Führungskräfte und Mitarbeiter präventiv für einen professionellen Umgang mit dem Problem Sucht zu schulen und zu sensibilisieren. Zudem könnten Betriebsärzte Hilfsangebote unterbreiten.