Wie kann ein Unternehmen das Tabuthema Psyche aufbrechen?

Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz sind noch immer ein Tabuthema. Wie kann ein Unternehmen dieses Tabu aufbrechen?

Die Psyche ist etwas sehr Privates. Darüber spricht man nicht. Oder erst, wenn sie belastet ist oder sich Schlafprobleme, Angststörungen, ein Burnout oder Depressionen bemerkbar machen. Und selten finden solche Gespräche am Arbeitsplatz statt. Zu groß ist die Angst vor negativen Konsequenzen.

Das Tabu erschwert den Umgang mit dem Thema Psyche

Die soziale Umwelt – und dazu gehört das Arbeitsumfeld – beeinflusst das psychische Wohlbefinden. Die Psyche ist also auch Teil des öffentlichen Lebens. Doch am Arbeitsplatz wird das Thema zum Tabu. Das schützt die Privatsphäre. Es verhindert aber auch, dass ein Unternehmen den Umgang mit den Themen Psyche bzw. psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz fördern kann.

Wissen zum Thema Psyche ist gering

Vordergründig ist es einfacher geworden, über psychisches Befinden zu sprechen. Medien berichten über Burnout und Depressionen. Regelmäßig werden Zahlen zu psychischen Erkrankungen veröffentlicht. Das Wissen rund um das Thema Psyche ist bei den meisten allerdings gering. Doch ohne Wissen sind z. B. keine gezielten Präventionsmaßnahmen im Unternehmen möglich.

Für psychische Belastung gibt es keine objektive Maßeinheit

Jeder nimmt psychische Belastungen individuell wahr und kann sehr unterschiedlich darauf reagieren. Ist aber die Psyche zu sehr belastet, kann es zu vielfältigen und unterschiedlich stark ausgeprägten psychischen Erkrankungen kommen. So können z. B. Angststörungen, Suchtprobleme, Panikattacken oder Depressionen oder auch verschiedene Krankheitsbilder gleichzeitig auftreten. Die Diagnose kann schwierig sein und die passenden Therapien stecken z. T. noch in der (Weiter-)Entwicklung.

Führungskräfte sind keine Psychologen

Am Arbeitsplatz geht es allerdings nicht um die Diagnose von psychischen Erkrankungen. Es geht nicht darum, in die Seele des Kollegen oder Mitarbeiters zu schauen. Und es geht auch nicht darum, über Erkrankungen zu spekulieren oder Verhalten zu deuten. Im Unternehmen geht es um die psychische Gesundheit und darum, diese zu erhalten und zu fördern.

Die psychische Gesundheit fördern und die Psyche stärken

Wenn es um psychische Gesundheit und entsprechende Präventionsmaßnahmen geht, muss der Fokus weg von Kennzahlen über Fehlzeiten. Denn diese spiegeln ein Bild von Krankheit wider. Wichtiger ist der Austausch mit den Beschäftigten über mögliche Belastungen und was dazu beitragen kann, dass diese gemindert oder vermieden werden können. Denn es geht darum, die psychische Gesundheit zu fördern und die Psyche zu stärken.

Es geht nicht um die Psyche des Einzelnen

Viele Beschäftigte kennen Stress am Arbeitsplatz und den Punkt der Erschöpfung, wenn nichts mehr geht. Trotzdem wird die Gestaltung der Arbeitsbedingungen in vielen Unternehmen noch nicht als ausschlaggebender Faktor für die psychische Gesundheit erkannt. Und so verpassen die Verantwortlichen die Chance, psychische Belastungen am Arbeitsplatz durch eine Gefährdungsbeurteilung zu ermitteln. Und bei dieser geht es eben nicht um die Psyche des Einzelnen, sondern um die Faktoren, die zu Belastungen führen können, wie z. B. wenn ständig zu viele Aufgaben in zu wenig Zeit bewältigt werden müssen.

Impulse für einen proaktiven Umgang mit dem Thema Psyche

Ob Mitarbeiter offen mit dem Thema Psyche umgehen, ist eine Frage des Vertrauens. Stimmt die Unternehmenskultur ist die Grundlage für vertrauensvolle Gespräche gegeben. Weltweit gibt es Initiativen, um psychische Themen aus der Tabuzone zu holen. Sie können Impulse für das betriebliche Gesundheitsmanagement sein:

  • Die neuseeländische Regierung hat die Haushaltsplanung für 2019 unter den Gesichtspunkt des Wohlbefindens gestellt. Die Ministerien sind somit verpflichtet, das Wohlergehen der Gesellschaft u. a. im Bereich psychischer Gesundheit zu fördern.
  • 2018 hat das Vereinigte Königreich einen Ministerposten für Einsamkeit eingerichtet. Ärzte können gemeinschaftliche Aktivitäten verschreiben.
  • 2013 bis 2018 gab es in der Schweiz die Kampagne Deine Psyche! Kein Tabu!. Dabei ging es darum, Gesprächsanlässe zu schaffen, um die Gesellschaft u. a. am Arbeitsplatz für das Thema zu öffnen.
  • In Kanada gibt es seit 2013 die Aktion „Heute bin ich nicht ich selbst.“ Mithilfe einer Toolbox können Mitarbeiter am Arbeitsplatz für das Thema psychische Erkrankungen sensibilisiert werden. Dadurch soll das Thema Psyche aus der Tabuzone geholt werden.

Offen über psychische Belastungen sprechen fällt am Arbeitsplatz immer noch schwer

Nach wie vor gibt es weitaus mehr Vorbehalte am Arbeitsplatz über Depressionen zu berichten als über Rückenschmerzen. Zu groß ist die Unsicherheit, welche Reaktionen dadurch ausgelöst werden, also ob es Unterstützung gibt oder ob eher mit Nachteilen zu rechnen ist.

Jeder kann das Tabu aufbrechen

Um verfestigte Strukturen aufzubrechen und dafür zu sorgen, dass es nicht länger ein Tabu ist, über das Thema Psyche zu sprechen, sind alle im Unternehmen gefragt.

  • Führungskräfte haben mit ihrer Vorbildfunktion einen besonderen Stellenwert. Außerdem sind sie für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter verantwortlich. Und sie sehen Verhaltens- oder Leistungsveränderungen meist sehr schnell.
  • Betriebs- und Personalräte können das Thema forcieren und u. a. Verantwortlichkeiten ansprechen oder belastende Arbeitsbedingungen aufdecken.
  • Fachkräfte für Arbeitsschutz und Betriebsärzte können das Thema Psyche in den Fokus rücken, wenn sie selbst gut darüber informiert sind.

Einen Mitarbeiter ansprechen geht auch beim Tabuthema Psyche

Wer eine Veränderung bei einen Kollegen oder Mitarbeiter wahrnimmt, sollte nicht lange zögern, sondern das Gespräch suchen. Dabei ist es wichtig, zwischen Person und möglicher Krankheit zu trennen. Es geht darum, Veränderungen wahrzunehmen und ausschließlich darüber zu sprechen. Also z. B. „Mir fällt auf, dass Sie häufiger zu spät kommen und Aufträge nicht mehr pünktlich abliefern.“ Auf gar keinen Fall sollte man „therapeutisch“ auftreten. Der Betroffene entscheidet, ob und in welchem Umfang er über psychische Belastungen oder Erkrankungen reden möchte.