Hessen fördert Online-­Stottertherapie für Kinder

Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration fördert die Ent­wicklung einer Online-Stottertherapie namens „Frankini“ für drei- bis sechsjährige Kin­der. Die Therapie des Instituts der Kasseler Stottertherapie (KST) hat sich nach Anga­ben des Ministeriums für Jugendliche und Erwachsene ab 13 Jahren bereits be­währt. Mit der Förderung von rund 490.000 Euro will das Institut seine Onlinetherapie auf die Altersgruppe der Drei- bis Sechsjährigen ausweiten.

„Frühes Stottern wächst sich nicht von alleine aus, aber mit einer evidenzbasierten, standardisierten Therapie zum frühestmöglichen Zeitpunkt können wir vielen Kindern einen späteren Therapiemarathon ersparen“, sagte Alexander Wolff von Gudenberg, Leiter des KST. Je jünger ein Kind bei Behandlungsbeginn sei und je kürzer der Zeit­raum sei, in dem es stottert, desto höher sei die Chance, dass sich die Sprechstörung wieder komplett auflöse.

Bei der Kasseler Stottertherapie eignen sich die Patienten durch das Üben mit einem Biofeedbackprogramm eine spezielle weiche Sprechweise an, die Unflüssigkeiten beim Sprechen deutlich verringert. Selbst schwer stotternde Menschen lernen laut KST, ohne Hast, Spannung oder Druck weich und ohne Stolpern zu sprechen. Im „Frankini“-Projekt werden die Drei- bis Sechsjährigen mit einer kindgerechten Form der Trainingssoftware behandelt. Ein zentrales Element ist, dass die Eltern zu Thera­peuten ihrer Kinder ausgebildet werden und deren Therapie begleiten.

Die Behandlung ist in vier Module aufgeteilt, die jeweils zwischen zwei und vier Mo­na­ten dauern. Sie beginnt mit einem Onlinetraining, in dem zunächst die Eltern Hand­lungs­strategien erlernen, wie sie mit dem Stottern ihrer Kinder umgehen können und wie sie gemeinsam mit ihren Kindern das Softwareprogramm nutzen können, mit dem diese ein neues Sprechmuster erlernen und vertiefen können. Darauf aufbauend folgt im nächsten Schritt die Onlinetherapie der Kinder, die in den beiden letzten Modulen zudem von einer Präsenztherapie begleitet wird.

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Die Behandlungskosten für die Betreuung von Kindern im „Frankini-Projekt“ über­nimmt die Techniker Krankenkasse (TK) bundesweit für die kommenden zwei Jahre. Weitere interessierte Krankenkassen können sich beteiligen. Kooperationspartner der Kasseler Stottertherapie im „Frankini-Projekt“ sind neben der TK das Unternehmen vitero sowie das Telemedizinische Zentrum Bad Kissingen.

Stottern ist die häufigste und bekannteste Sprechstörung und entsteht meist im Alter von zwei bis fünf Jahren. Jedes zwanzigste Kind ist davon betroffen. Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung bleibt ein chronisches Stottern bestehen. 

Modellprojekt zur Versorgung von Depressions- und Angstpatienten angelaufen

Ein neues Angebot für Patienten mit Depressionen und Angst­störungen wird in Hessen erprobt. Das „eHealth gestützte Case-Management für psy­chisch Erkrankte in der hausärztlichen Primärversorgung“ (Prema) soll den Hausarzt als vertrauten und verlässlichen Begleiter von Patienten mit psychischen Erkrankun­gen darin stärken, die Krankheit frühzeitig und sicherer zu erkennen und die Betroffe­nen individuell zu betreuen.

Das neue Angebot wird vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschus­ses (G-BA) gefördert. Es gilt zunächst nur für Hessen und und kann dort von rund 2.000 Patienten genutzt werden. Kooperationspartner sind die Techniker Kranken­kasse (TK), die Goethe-Universität Frankfurt, die Universitätsklinika München und Hamburg, die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen sowie der Technikpartner TelePsy.

Prema setzt auf ein Dreierbündnis von Hausarzt, Medizinischer Fachangestellten (MFA) und Patient. Online-gestützte Fragebögen unterstützen bei der Diagnose aber auch bei der Frage, ob eine umgehende Überweisung an einen Fachspezialisten er­forderlich ist.

Bleiben die Patienten in der hausärztlichen Behandlung, werden sie im Programm zwölf Monate lang nicht nur vom Hausarzt selbst, sondern auch von der MFA aktiv begleitet. Sie kontaktiert den Patienten regelmäßig zu seinem Befinden und fragt seine Symptome mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens ab. Die Ergebnisse leitet sie an den Hausarzt weiter, der auf diese Weise die Therapiefortschritte des Patienten in kurzen Intervallen verfolgen kann.

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„Die digitalen Elemente sind ein wichtiger Bestandteil des Behandlungsprogramms“, erläuterte Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung in Hessen. Die Patienten könnten von zu Hause aus und in ihrem eigenen Tempo daran arbeiten, ihre Belas­tungen in den Griff zu bekommen. Sie setzten sich aktiv mit ihrem Krankheitsbild aus­einander, würden dabei aber nicht allein gelassen. „Das verbessert ihr Selbstmanage­ment und ermöglicht eine optimale Behandlung, die ihre individuellen Bedürfnisse berücksichtigt“, sagte Voß.

Die KV Hessen hat bereits Ende Mai 2019 mit der Rekrutierung der Hausarztpraxen begonnen. „Wir haben bereits eine vielversprechende Anzahl von Hausärzten, die am Modellprojekt teilnehmen wollen“, erklärte Eckhard Starke, stellvertretender Vor­stands­vorsitzende der KV Hessen. Wichtig sei auch, dass im Falle eines Falles Psy­chotherapeuten bereit stehen, um die Hausärzte zu unterstützen oder Therapien zu übernehmen. 

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Internetrecherche zu Krankheitssymptomen verunsichert viele Patienten

Ausgedehnte Internetrecherchen zu ihren Krankheitssymptomen können bei Patienten Ängste auslösen, die sich langfristig verfestigen. Der Umgang mit einer solchen „Cyberchondrie“ stellt eine besondere Herausforderung für den Arzt dar. Das berichten Wissenschaftler um Julian Wangler vom Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie der Universitätsmedizin Mainz in der Zeitschrift DMW Deutsche Medizini­sche Wochenschrift (doi 10.1055/a-0842-8285).

Die Forscher haben für ihre Studie zwischen dem 20. April und 20. Juni 2018 844 Allgemeinmediziner und hausärztlich tätige Internisten in Südhessen und zusätzlich in den Landkreisen Gießen, Marburg-Biedenkopf, Kassel und der kreisfreien Stadt Kassel schriftlich befragt. Sie wollten von den Hausärzten wissen, ob und wie häufig Patienten in der Sprechstunde Erstdiagnosen aus dem Internet thematisieren.

Zwei Drittel der Mediziner gaben an, dass sie häufig damit konfrontiert seien. Patien­ten kämen bereits mit Informationen zu den Symptomen ihrer möglichen Erkrankung in die Praxis und hätten sich bereits über Therapien Gedanken gemacht. Die Ärzte hatten den Eindruck, dass die Patienten durch die vorherige Internetsuche eher ver­wirrt oder verunsichert werden (84 Prozent) und nervöser und ängstlicher wirken (74 Prozent).

Dass die Patienten gut informiert sind und daher den Arzt besser verstehen (29 Pro­zent) oder bei Beschwerden rechtzeitiger in die Praxis kommen (16 Prozent), ist nach Einschätzung der Allgemeinmediziner seltener der Fall. Nur sechs Prozent der Ärzte gaben an, dass die Patienten sich nach einer Internet-Recherche sicherer fühlten und nur vier Prozent der Mediziner erklärten, dass sie dann vernünftiger handelten.

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62 Prozent der Hausärzte beklagten, dass die Patienten mit falschen Erwartungen in die Praxis kämen. 46 Prozent vermuten, dass ihre Diagnose zuhause via Internet überprüft werde. 41 Prozent der Mediziner befürchten, dass das Internet die Patienten dazu bewege, andere als die verordneten Medikamente einzunehmen. 39 Prozent mutmaßen, dass die verordneten Medikamente infolgedessen nicht eingenommen werden.

Die Umfrage zeigt außerdem, dass eine Internetrecherche den Gesprächsbedarf seitens der Patienten erhöht: 74 Prozent der Ärzte sagten, dass die Patienten mehr Fragen stellen, 64 Prozent sahen sich zunehmender Kritik gegenüber, 32 Prozent empfanden die Patienten als konfliktbereiter. Jeder fünfte Arzt (18  Prozent) hat bereits den Abbruch eines Betreuungsverhältnisses aufgrund ausgeuferter Internetrecher­chen des Patienten erlebt.

„Es erscheint ratsam, die Online-Informationssuche aktiv im Patientengespräch zu thematisieren, um möglichen negativen Auswirkungen auf das Arzt-Patient-Verhältnis vorzubeugen. Entsprechend wäre darüber nachzudenken, die Anamnese um die Dimension der Online-Informationssuche zu erweitern“, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler.