Drogenbeauftragte: Cannabiskonsum für Jugendliche nicht verharmlosen

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) hat erneut vor gesundheitlichen Gefahren des Cannabiskonsums gewarnt und sich für mehr Aufklärung an Schulen ausgesprochen. „Vor allem für Kinder und Jugendliche kann Kiffen zum Problem werden“, sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Eine Reihe von Studien zeige deutlich, wie sich der Cannabiskonsum auf die Gehirnentwicklung gerade bis Anfang 20 auswirken könne, so die Politikerin.

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„Die Folgen des Konsums von Cannabis werden in der öffentlichen Debatte häufig verharmlost“, kritisierte Mortler. Nur weil manche Erwachsenen meinten, mit Cannabis kein Problem zu haben, sei die Droge für andere noch lange nicht harmlos. Die Bundesregierung werde in den kommenden Jahren mehr Geld in die Präventionsarbeit stecken, kündigte sie an.

Laut einer neuen Studie eines internationalen Forscherverbundes kann Cannabis bei jungen Konsumenten schon in minimalen Mengen merkliche Veränderungen des Gehirns hervorrufen. Der im Dezember veröffentlichte Jahresbericht der deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht geht davon aus, dass knapp sieben Prozent der 12- bis 17-Jährigen Cannabis konsumiert. Mehr als doppelt so viele Jungen wie Mädchen würden die Droge nehmen. 

Von ashtonFlickr: When in Amsterdam…, CC BY 2.0, Link

Weiterhin Kritik an Stufenmodell in der Psychotherapie

Kurz vor der öffentlichen Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestags zum Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) gibt es erneut Kritik an der geplanten „gestuften und gesteuerten Versorgung“ in der Psychotherapie. Das Modell aus dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) sieht vor, dass ausgewählte Ärzte und psychologische Psychotherapeuten in Voruntersuchungen festlegen, welches Hilfe- oder Therapieangebot Betroffene wahrnehmen dürfen.

„Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht“, sagte der Präsident der Bundes­ärztekammer (BÄK) Frank Ulrich Montgomery. Der Gesetzgeber beschränke mit dem Vorhaben nicht nur die Wahlfreiheit der Patienten. Eine solche Regelung speziell für Menschen mit psychischen Erkrankungen diskriminiere zudem die betroffenen Patientengruppen.

 Sprechende Medizin ausbauen

Montgomery sprach sich für die Streichung des entsprechenden Passus im TSVG aus. „Die meisten psychischen Erkrankungen sind gut behandelbar – aber sie müssen eben auch behandelt werden. Andernfalls drohen Chronifizierungen und schwere Verläufe. Deshalb sollten Politik und Kostenträger den Ausbau der sprechenden Medizin durch Haus- und Fachärzte nicht nur fordern, sondern auch fördern“, so Montgomery.

Er bemängelte auch, dass das TSVG neue Zugangsbarrieren für Patienten schaffe, statt Engpässe in der Versorgung zu beseitigen. „Viel sinnvoller wäre es, bei den Behandlungs­strukturen anzusetzen, sie zu stärken und die psychiatrisch-psycho­therapeutische Versorgung noch enger in den somatischen Behandlungskontext einzubinden“, sagte der BÄK-Präsident.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) verteidigte heute in einer öffentlichen Anhörung des Petitionsausschusses des Bundestags sein Vorhaben. Dabei hielt er an einer verbesserten gestuften Versorgungssteuerung fest. Wie diese allerdings genau aussehen soll, sagte Spahn nicht. Die genauen Regelungen solle die Selbstverwaltung entweder im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss oder über Manteltarifverträge regeln. „Wir geben den Rahmen vor. Das Ziel ist klar“, sagte Spahn. Er wolle eine bessere Steuerung für diejenigen, die einen akuten und dringenden Behandlungsbedarf haben.

Zugleich betonte der Minister, dass alleine mehr Sitze für Psychotherapeuten das Problem der zu langen Wartezeiten auf eine Behandlung nicht beheben würden. Nur das Angebot zu erhöhen, ohne die Steuerung zu verbessern, werde „nicht zu einer besseren Versorgungssituation führen“, sagte Spahn. Vorwürfe, er wolle über eine zusätzliche Hürde im System Geld sparen, wies er zurück. „Sparen steht hier nicht im Vordergrund“, sagte er.

Die Neuregelung nützt niemandem

Hintergrund der Debatte im Petitionsausschuss war die Eingabe der Psychotherapeutin Ariadne Sartorius für eine Streichung der im TSVG geplanten gestuften Versorgung in der Psychotherapie, die mehr als 200.000 Unterstützer gefunden hatte. Sartorius sagte im Petitionsausschuss, ihre falle niemand ein, dem die geplante Neuregelung nutzen würde.

Sie befürchtet, dass durch eine weitere Bezugsperson für Erkrankte die Hürden für den Zugang zur Psychotherapie noch größer werden als bisher. Darüber hinaus würden Patienten aus der Versorgung fallen, weil die zusätzliche Einstufung Ressourcen von Psychologen binden würden. Aus ihrer Sicht sind vor allem mehr Psychotherapeuten und eine bessere Vernetzung notwendig, um den Behandlungsbedarf zu decken. 

Therapy conversation with the psychologist

Fachgesellschaft warnt vor Stigmatisierung psychisch Kranker

Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) warnt nach der Amokfahrt eines Attentäters im Ruhrgebiet in der Silvesternacht von einem nach ersten Erkenntnissen möglicherweise psychisch Erkrankten vor einer vorschnellen Verknüpfung von Terrorismus und psychischer Krankheit. „Psychosekranke begehen insgesamt selten schwere Gewalttaten“, sagte Norbert Schalast vom Institut für forensische Psychiatrie am LVR-Klinikum der Universität Duisburg-Essen.

„In eigenen Gutachten habe ich zumeist Hinweise auf auffällige Persönlichkeitszüge, auch dissoziale Tendenzen und erhebliche psychosoziale Belastungsfaktoren in der Vorgeschichte gefunden, jedoch nie ernsthafte Anhaltspunkte für eine schwere psychische Erkrankung wie die Schizophrenie“, betonte der Experte.

Die Amokfahrt von Bottrop sei kein Anlass, über eine terroristische Bedrohung durch schizophrene oder andere psychisch erkrankte Täter grundsätzlich neu nachzudenken: „Es handelt sich hierbei um recht ungewöhnliche Tatszenarien, die allerdings verschiedenen Interessengruppen einen willkommenen Anlass boten, sich zu positionieren“, so Schalast.

„Natürlich gibt es psychisch erkrankte Menschen mit erhöhter Gewaltbereitschaft, und es gibt Gewaltverbrechen, die von Menschen mit psychischen Erkrankungen verübt werden. Dennoch ist es nicht gerechtfertigt, angesichts dieser Erkenntnisse in Menschen mit bestimmten psychischen Erkrankungen grundsätzlich potenzielle Terroristen zu sehen und so die Stigmatisierung psychisch Erkrankter zu verstärken“, sagte auch DGSP-Vorstandsmitglied Stefan Corda-Zitzen.

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Die häufige mediale Thematisierung des psychischen Zustandes von Atten­tä­tern könnte zu der Entwicklung von Vorurteilen gegenüber psychisch Erkrankten bei­tra­gen, hieß es weiter. Davor haben britische Psychiater um Simon Wessely vom Royal College for Psy­chi­atrists bereits 2016 im British Medical Journal gewarnt (2016; doi: 10.1136/bmj.i4869).

Während der politische Hintergrund für terroristische Attacken häufig erklärbar sei, bleibe der Prozess der individuellen Radikalisierung in vielen Fällen unklar. In der medialen und öffentlichen Betrachtung gibt es laut Wessely daher die Tendenz, die Taten der Attentäter als Er­gebnis einer psychischen Erkrankung zu betrachten. „Die ist jedoch in der Regel eine fehlerhafte Vereinfachung“, so der Psychiater. 

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Wissenspodcast: Breite digitale Aufklärung

Aktuelle und gesellschaftlich relevante Digitalthemen will das Hasso-Plattner-Institut (HPI) künftig in Podcasts anschaulich und verständlich vermitteln. „Es braucht eine digitale Aufklärung“, begründete HPI-Direktor Christoph Meinel das neue Angebot des Instituts.

Im Hinblick auf den grundlegenden technologischen Wandel, der eingesetzt habe, sei das Internet nur eine Metapher für die neue virtuelle Welt, die parallel zur physikalischen Welt und mit eigenen Gesetzen entstanden sei, erläuterte er. In dieser virtuellen Welt spielten beispielsweise Zeit und Räume keine Rolle mehr. Ein gewisses technisches Verständnis gehöre dazu, um sich darin zu bewegen, „auch wenn man nicht gleich programmieren können muss“, so Meinel im Einführungs-Podcast.

Die Themen, die verschiedene Experten des HPI unter https://podcast.hpi.de bei iTunes, Spotify und Deezer aufgreifen wollen, sind breit gefächert: Wie lassen sich etwa persönlichen Daten im Internet bestmöglich schützen? Wie werden wir in Zukunft lernen und wie funktioniert eine Blockchain? Was verbirgt sich hinter künstlicher Intelligenz (KI) und wie lassen sich etwa mit KI Hassbotschaften in sozialen Netzwerken erkennen?

Die Podcasts sollen in zweiwöchentlichem Rhythmus unter der Rubrik „Neuland“ veröffentlicht werden. Auch Digital Health als ein Forschungsbereich des HPI spielt dabei eine Rolle. So gibt es am 6. Februar beispielsweise einen Podcast mit dem Mediziner und Gründungsdirektor des HPI der Universität Potsdam, Erwin Böttinger, zur Medizin der Zukunft („Siri, ist mein Blutdruck normal?“)

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Das HPI engagiert sich seit Jahren für eine breite digitale Aufklärung, um die Bevölkerung zu einem besseren Schutz vor Cyberkriminalität zu bewegen. So bietet das Institut unter anderem auf open.HPI.de kostenfreie Weiterbildungskurse für alle Interessierten zu IT- und Innovationsthemen an. Im Onlinekurs „Digitale Identitäten“ etwa können die Teilnehmer sich über sichere Passwörter, die Abwehr möglicher Cyberangriffe auf diese und sichere Verfahren zu ihrer Speicherung informieren. 

„Neuen Sicherheits­maßnahmen stehen stets auch neue Angriffs­möglichkeiten gegenüber“

Bis zum Jahr 2021 sollen nach dem Willen des Gesetzgebers alle Kranken­kassen ihren Versicherten eine elektronische Patientenakte (ePA) anbieten. Die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik) hat hierfür fristgerecht zum Jahresende ihre Vorgaben für eine datenschutzkonforme ePA vorgelegt.

Im Vorgriff darauf hatten 2018 bereits drei große Anbieterkonsortien elektronische Aktenmodelle vorgestellt: „Vivy“ und „TK-Safe“ sowie das „digitale Gesundheits­netzwerk“ der AOK. Vivy, als erste Akte seit Mitte September 2018 im Echtbetrieb, steht seither wegen diverser Sicherheitsmängel in der Kritik. Doch auch andere Akten­lösungen wurden beim Chaos Communication Congress 2018 als unsicher bewertet.

Tschirsich 2018 /mediaccc.de

Fünf Fragen an Martin Tschirsich, IT Security Analyst beim Schweizer Unternehmen modzero AG, das im Frühjahr 2011 gegründet wurde, um bei speziellen Sicherheitsfragen bei Computertechnologien zu unterstützen.

DÄ: Müssen Gesundheitsdaten besser geschützt werden als Finanzdaten beim Onlinebanking?
Martin Tschirsich: Gesundheitsdaten sind gegenüber Finanzdaten nach Artikel 9 DSGVO besonders geschützt. Selbst in skandinavischen Ländern wie Schweden, wo bei Steuererklärungen und Einkommen auf maximale Transparenz gesetzt wird, gilt dies explizit nicht für Gesundheitsdaten. In Deutschland bezeichnete Ex-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Gesundheitsdaten als „die sensibelsten Daten, die wir haben“. Aus gutem Grund: Gelangten sie etwa ins Internet, kämpften Betroffene nicht mehr bloß um ihre Gesundheit, sondern auch gegen Karriereknick, Stigmata und Verfolgung – ohne eine Chance, den Daten zu entkommen.

Diese Macht unserer Daten weckt Begehrlichkeiten. Erhebungen aus den USA zeigen, dass für Patientenakten ein lukrativer Schwarzmarkt existiert. Für eine halbe Millionen US-Dollar etwa verkauften Kriminelle 2016 eine einzige erbeutete Datenbank. Darin lagen knapp zehn Millionen Patientenakten. Noch nicht eingerechnet sind Einnahmen, die der Verkäufer zuvor durch Erpressung der Betroffenen erzielt hatte. Doch was, wenn es um politische Einflussnahme geht? Vor Geheimdiensten ist sogar das Handy der Bundeskanzlerin nicht sicher.

Auch dem eigenen Staat sollten wir unsere Gesundheitsdaten strukturell unzugänglich machen. Denn auch nach der NS-Zeit gab und gibt es immer wieder Initiativen, unseren Behörden einen direkten Zugriff zu gewähren, so zuletzt in Bayern vor Verabschiedung des Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes. Gegenüber Finanzdaten sind Gesundheitsdaten zudem sehr langlebig und müssen ein Leben lang sicher verwahrt werden – ein bisher ungelöstes Problem.

DÄ: Welche Sicherheitsmängel sehen Sie beim derzeitigen E-Health-Angebot?
Tschirsich: Zunächst: Das Sicherheitsniveau unterscheidet sich bei einzelnen Anbietern stark, und korrespondiert oft nicht mit der Außendarstellung oder der Anzahl vergebener „Sicherheitszertifikate“.

Am problematischsten sind grundlegende architektonische Mängel, die sich selbst in Produkten etablierter Anbieter finden und die wie im Fall der „CGM Life Gesundheits­akte“ kritisch sind. Solche Mängel lassen sich im Nachhinein nicht oder nur mit hohem Aufwand beheben.

Darüber hinaus wurden bei fast allen elektronischen Gesundheitsakten und Teleme­dizin­diensten ganz praktische Fehler bei der Umsetzung gemacht, welche sich auch ohne tiefere Analyse aufspüren lassen. In diese Kategorie fallen die unsichere Speicherung von Passwörtern, der Einsatz unsicherer kryptografischer Primitiven, die unzureichende Filterung von Benutzereingaben oder auch fehlender Schutz vor Brute-Force-Angriffen (eine Methode, die versucht Passwörter oder Schlüssel durch automatisiertes, wahlloses Ausprobieren herauszufinden, Anm. d. Redaktion) – hier hätte schon eine einfache Zugangssperre bei wiederholt falscher PIN-Eingabe geholfen. Es wurden also sowohl bei der Konzeption als auch bei der Umsetzung Fehler gemacht und damit die Sicherheit teilweise oder gänzlich kompromittiert.

DÄ: Sollten Entwickler digitaler Anwendungen im Gesundheitsbereich dazu verpflichtet werden, externe „Hackertests“ durchzuführen?
Tschirsich: Der Fall „Vivy“ hat gezeigt, dass solche im Nachgang durchgeführten Penetrationstests die fehlende Berücksichtigung von Informationssicherheit schon in der Entwurfsphase und bei der Entwicklung der Anwendung nicht ausgleichen können. Solche Tests sind also eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für eine sichere Anwendung.

Gleiches gilt für den Datenschutz. So wurde beispielsweise die Datenschutzkonformität inklusive des technischen Zugangsschutzes des E-Portals „Meine Gesundheit“ durch den Landesbeauftragten für den Datenschutz in Rheinland-Pfalz positiv bewertet, obwohl hier weiterhin grobe Mängel bestehen.

Anstelle einer expliziten Verpflichtung zur Durchführung von externen Tests plädiere ich für ein grundlegend anderes Anreizsystem, welches sich beispielsweise aus einer Meldepflicht für Sicherheitslücken und erweiterter Produkthaftung im Umgang mit Gesundheitsdaten ergäbe.

DÄ: Inwieweit ist ein laufendes Onlinemonitoring der Sicherheit notwendig und wer sollte es durchführen?
Tschirsich: Durch angemessene Protokollierung können technische Probleme und laufende Angriffe erkannt werden. Ein zentrales Monitoring der Infrastruktur durch den Betreiber ist daher eine Voraussetzung für das Erreichen eines angemessenen Sicherheitsniveaus.

Zudem werden täglich neue Sicherheitsmängel in vielgenutzten Hard- und Software­komponenten bekannt, hier muss schnellstmöglich reagiert werden können, beispielsweise mit der Installation von Updates. Das Monitoring der allgemeinen Gefährdungslage dagegen hilft, das Schadpotenzial bestehender und neuer Bedrohungen und Angriffsmethoden einschätzen und angemessene Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.

DÄ: Sind Gesundheitsdaten für digitale Anwendungen überhaupt geeignet?
Tschirsich: Ja, sicher. Nur müssen wir die Realität anerkennen: Wir können langfristig nicht kontrollieren, wer unsere Gesundheitsdaten für welche Zwecke verarbeitet und mit weiteren Daten zusammenführt. Das hat die Bestandsaufnahme der Daten­sicherheit deutscher E-Health-Anwendungen auf dem zurückliegenden Chaos Communication Congress eindrücklich gezeigt.

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Deutsches Ärzteblatt print

aerzteblatt.de

Dass das kein deutsches und auch kein theoretisches Problem ist, wird mit dem Blick auf Länder wie Norwegen und die USA klar, wo bereits große Datenabflüsse hingenommen werden mussten. Das Problem ist auch rein technisch nicht abschließend in den Griff zu bekommen. Denn neuen Sicherheitsmaßnahmen stehen stets auch neue Angriffsmöglichkeiten gegenüber.

Ich wünsche mir daher, dass wir neben dem Nutzen auch klar die zum Teil gesamt­gesellschaftlichen Risiken benennen und auch hier nach Lösungen für zukünftig Betroffene suchen, anstatt mit großzügigen aber unhaltbaren Sicherheitsversprechen das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zu untergraben, von deren Akzeptanz ja auch die Digitalisierung des Gesundheitswesens lebt. © KBr/gie/aerzteblatt.de

Sport und Bewegung bei bipolaren Erkrankungen hilfreich

Erhöhte körperliche Aktivität kann bei Menschen mit bipolarer Erkrankung die Stimmung und das Energieniveau verbessern. Das berichtet eine Arbeitsgruppe um Vadim Zipunnikov vom Department of Biostatistics an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore. Die Arbeit ist im Fachmagazin JAMA Psychiatry erschienen (2018; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.3546). 

Patienten mit bipolaren Störungen erleben depressive und manische Stimmungs­schwankungen. Laut den Wissenschaftlern leiden in den Vereinigten Staaten rund 3 % der Erwachsenen unter dieser chronischen psychischen Erkrankung.

Zipunnikov und seine Kollegen schlossen 242 Teilnehmer im Alter von 15 bis 84 Jahren in die Studie ein, 150 von ihnen waren Frauen. Motorische Aktivität und Schlafdauer erfassten sie aus minutengenauen Aktivitätszählungen von einem sogenannten Aktigraphiegerät, das die Teilnehmer 2 Wochen lang am nicht dominanten Handgelenk trugen. Parallel dazu führten sie 4-mal täglich zu definierten Zeitpunkten ein elektronisches Tagebuch, um ihrer Stimmung und Energie zu dokumentieren. In den Tagebuch bewerteten die Teilnehmer ihre wahrgenommene Energie und Stimmung auf einer 7-stufigen Skala, die von „sehr müde“ bis „sehr energisch“ und von „sehr glücklich“ bis „sehr traurig“ reichte.

Insgesamt ergab die Studie, dass eine höhere körperliche Aktivität zu einem dieser Zeitpunkte mit einer besseren Stimmung und einem höheren Energieniveau zu dem folgenden Zeitpunkt korrelierte. Die Korrelationen wirkten auch umgekehrt, was bedeutet, dass höhere Energieniveaus an einem Punkt des Tages mit höheren körperlichen Aktivitäten am nächsten Tag verbunden waren.

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Wie die Autoren erklären, ist die gleichzeitige Untersuchung von Schlaf, körperlicher Aktivität, Stimmung und Energie für Menschen mit bipolarer Störung sehr wichtig, da sowohl Schlaf als auch Aktivität das psychische Wohlbefinden der Teilnehmer beeinflussten. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Interventionen, die sich auf motorische Aktivität und Energie konzentrieren, eine höhere Wirksamkeit haben können als aktuelle Ansätze, die nur auf die depressive Stimmung abzielen“, so ihr Fazit. 

Sie fügen hinzu, dass die Studie „das Potenzial für die Kombination von Bewegungs­meldern und elektronischen Tagebüchern veranschaulicht, um die komplexen dynamischen Zusammenhänge zwischen mehreren Systemen in Echtzeit und in der Praxis besser zu verstehen“. 

Datenschutz: Jeder Einzelne ist in der Pflicht

 Vor dem Hintergrund des Datendiebstahls und der Veröffentlichung sensibler Daten von Prominenten auf dem Kurznachrichtendienst Twitter ist auch der Gesundheits­bereich erneut in den Fokus der Diskussion gerückt, denn der digitale Datenaustausch und die Entwicklung elektronischer Patientenakten sind zentrale Themen der aktuellen Gesundheitspolitik.

„Diese Geschehnisse zeigen deutlich, dass Digitalisierung kein Allheilmittel ist. Und nur, weil wir Dinge hinterfragen, sind wir nicht automatisch Blockierer, wie uns gerne von der Politik vorgeworfen wird“, kommentierte Andreas Gassen, Vorstands­vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) die Vorfälle. Zugleich wandte er sich damit auch gegen Äußerungen der Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär. Diese hatte vor dem Jahreswechsel in einem Interview mit der Welt am Sonntag für Abstriche am Datenschutz im Gesundheitswesen plädiert und unter anderem erklärt, es gebe Mediziner, die jedwede Digitalisierung ablehnten, weil sie sich vor Transparenz fürchteten.

IT-Sicherheit beginnt beim Nutzer

„Diese Art von Transparenz, wie sie jetzt durch Hacker geschaffen worden ist, kann die Staatsministerin nicht gemeint haben“, kritisierte Gassen. Die niedergelassene Ärzte­schaft unterstütze die Digitalisierung dort, wo sie für Praxen und Patienten nützlich ist. Doch bei Gesundheitsdaten handele es sich um sehr sensible Angaben. „An die Adresse der digitalbegeisterten Politiker sei gesagt: Wollen Sie irgendwann ihre Gesundheits­daten in den Medien wiederfinden?“ Zunächst gelte es, ein leistungs­fähiges Netz in Deutschland zu schaffen. Es reiche nicht, Digitalisierung ohne Konzepte zu fordern. Aus Sicht des KBV-Chefs fängt die IT-Sicherheit zudem beim Nutzer an: „Jeder einzelne von uns ist hier gefragt: Wir sollten sinnvoll und sparsam mit unseren digital veröffent­lichten Daten umgehen.“

Der Bayerische Fachärzteverband sprach sich darüber hinaus dafür aus, Patientendaten nur dezentral zu speichern. Wenn einfache Hackerangriffe die Sicherheitskonzepte der Gesundheits-Apps und digitalen Plattformen von Vivy und Co knacken könnten, würden immense Datenschutzprobleme drohen, wenn erst einmal alle Gesundheitsdaten der Bevölkerung zentral gespeichert und online abrufbar sein sollten, so die Befürchtung des Verbands. Er verwies zudem auf den Kongress des Chaos Computer Clubs in Leipzig, bei dem der Informatiker Martin Tschirsich in einem Vortrag („All Your Gesundheitsakten Are Belong To Us“) auf verschiedene Sicherheitsmängel einiger auf dem Markt oder in der Erprobung befindlichen elektronischen Aktenlösungen und Online-Videosprechstunden aufmerksam gemacht hatte.

Transparenz herstellen hinsichtlich Sicherheitslücken

So hatte der Informatiker unter anderem bei der Gesundheitsakte „Vivy“ unzureichende Session-IDs bei der Datenübertragung, zu einfache PIN und Schwächen bei der Abwehr von Phishing bemängelt. Auch könnte ein Vivy-Nutzer laut Tschirsich mit Schad­software versehene Dokumente an den Arzt senden und den Rechner, wenn der Link geöffnet werde, korrumpieren und ausspähen. Die meisten Fehler wurden inzwischen zwar behoben.

Grundsätzliche Probleme sieht der Experte jedoch darin, dass Penetrationstests bei Gesundheits-Apps häufig zu spät durchgeführt werden und dass es keine Transparenz hinsichtlich vorliegender Sicherheitsmängel gibt, da diese nicht an Aufsichtsbehörden gemeldet werden müssen. Sicherheit sei ein Wettbewerbs­nachteil, meinte der Experte. Zertifikate könnten diese Probleme nicht beheben, so Tschirsich.

„Sicherheit lebt vom Mitmachen, denn jede Sicherheitskette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied“, betonte auch der Digitalverband Bitkom in einer Stellungnahme. Die Unternehmen seien gefordert, ihre Produkte zu härten und ihr Personal in puncto IT-Sicherheit zu schulen. Die Politik müsse den Rechtsrahmen so optimieren, dass eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung möglich bleibe. Behörden seien zu verpflichten, Sicherheitslücken umgehend an die betroffenen Unternehmen zu melden, anstatt sie offen zu halten, um sie selbst als Backdoors nutzen zu können.

Vorhandene Sicherheitsinstrumente nutzen

Ähnlich wie KBV-Chef Gassen sieht der Digitalverband auch die Nutzer in der Pflicht: „Jeder Einzelne von uns ist gefordert, verfügbare Sicherheitsinstrumente wie starke Passwörter, Virenscanner, Firewalls sowie regelmäßige Updates aktiv zu nutzen.“ Besonderen Schutz biete dabei die Zwei-Faktor-Authentifizierung. 

Warum soziale Medien Jugendliche depressiv machen könnten

Vor allem weibliche Teenager, die viel Zeit in sozialen Netzwerken verbringen, leiden häufiger unter Depressionen, die eine Querschnittsstudie in EClinicalMedicine (2019; doi: 10.1016/j.eclinm.2018.12.005) vor allem mit Schlafstörungen und einem Onlinemobbing in Verbindung bringt. Auch ein niedriges Selbstwertgefühl und Unzufriedenheit mit dem Aussehen könnten durch soziale Netzwerke verstärkt werden. 

Mehr als drei Stunden täglich in sozialen Medien

Soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und Twitter üben auf viele Jugendliche einen unwiderstehlichen Reiz aus. Von den knapp 11.000 14-Jährigen, die im Rahmen der UK Millennium Cohort Study befragt wurden, gaben 43 % der Mädchen und 22 % der Jungen an, dass sie täglich mehr als 3 Stunden mit Chatten und anderen Online­kontakten verbringen. Nur 4 % der Mädchen und 10 % der Jungen legten keinen Wert auf die elektronische Kommunikation mit Freunden.

Jugendliche, die häufig und lange in den sozialen Netzwerken aktiv sind, litten häufiger unter depressiven Verstimmungen, wie die Auswertung der Kurzform des Mood and Feelings Questionnaire (SMFQ) zeigt: Mädchen, die täglich 3 bis 5 Stunden in den Netzwerken aktiv waren, hatten im SMFQ höhere Werte. Bei einer Onlineaktivität von mehr als 5 Stunden pro Tag stieg der Anteil auf 50 %. Bei den Jungen ermittelten Yvonne Kelly vom University College London und Mitarbeiter einen Anstieg von 21 auf 35 %. 

Eine Assoziation kann in einer Querschnittstudie nicht beweisen, dass die Dauer der Onlinekommunikation für die depressiven Verstimmungen verantwortlich ist und dass Mädchen stärker gefährdet sind als Jungen. Es könnte ja sein, dass Mädchen, die aus anderen Gründen zu Depressionen neigen, ein größeres Bedürfnis verspüren, mit anderen zu kommunizieren. 

Hohe Anzahl an Belästigungen

Die Studie zeigt aber auch, dass online nicht nur Nettigkeiten ausgetauscht werden: 40 % der Mädchen und 25 % der Jungen gaben an, dass sie schon einmal online belästigt wurden oder sogar zum Ziel eines Cybermobbings geworden sind, bei dem zumeist eine Gruppe einzelne ausgrenzt – was leicht zu depressiven Störungen beim Opfer führen kann.

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Vor allem bei Mädchen dreht sich das Thema häufig um das Aussehen. Mädchen, die in diesem Punkt häufig online angegriffen werden, neigen möglicherweise zu einem negativen Körperbild und zu einem niedrigen Selbstwertgefühl, was wiederum depressive Symptome fördern kann. Die Umfrage liefert hierfür Hinweise, wobei die Assoziationen streng genommen keine Kausalität belegen: Depressionen könnten bei Mädchen und Jungen dazu führen, dass sie ihr Äußeres vernachlässigen oder sich weniger selbstbewusst geben, was sie dann leichter zum Opfer eines Cybermobbings werden lässt.

Die Studie fand noch eine weitere Assoziation, die auf einen möglichen pathophysio­logischen Mechanismus hinweist. Bei vielen Teenagern scheinen die Bildschirm- die Schlafzeiten einzuschränken, und auch die Gewohnheit, das Smartphone am Bett zu haben, um auch nachts reagieren zu können, scheint der Umfrage zufolge weit verbreitet zu sein.

Schlafstörungen haben ebenfalls großen Einfluss

In einer Pfadanalyse hatten Schlafstörungen neben dem Online­mobbing den größten Einfluss auf die depressiven Symptome (wobei auch hier nicht auszuschließen ist, dass depressive Jugendliche, die infolge ihrer Erkrankung unter Schlafstörungen leiden, häufiger bei Facebook & Co nach neuen Postings suchen).

Mentale Störungen sind nicht das einzige Problem, das sich aus einem Internetkonsum ergeben kann. Russell Viner vom Institute of Child Health in London und Mitarbeiter beschreiben in einer Übersicht in BMJ Open(2019; 9: e023191) auch eine Assoziation mit einer Adipositas, einer ungesunden Ernährung und einer niedrigen Lebensqualität. Aber auch hier fehlt der Beweis einer Kausalität.

Viner ist Präsident des Royal College of Paediatrics and Child Health (RCPCH), das dieser Tage Tipps für Eltern herausgegeben hat. Den bei vielen Eltern beliebten kategorischen Zeitlimits erteilt das RCPCH jedoch eine Absage. Eltern und Kinder sollten vielmehr in einen Dialog treten und zusammen einige für das Familienleben verträgliche Regeln entwickeln, heißt es in den (online) publizierten Empfehlungen. 

By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
By Sander van der Wel from Netherlands (Depressed) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons