Patienten bewerten Tinnitus-App positiv

Tinnitus-Patienten können von der Behandlung mit einer Smartphone-Applikation (App) profitieren, die speziell auf ihr Hörgeräusch zugeschnitten ist. Das berichtet die Techniker Krankenkasse (TK) nach einer Befragung von Nutzern der App „Tinnitracks“. Danach gaben rund ein Drittel der befragten Patienten an, das Hörgeräusch habe sich im Verlauf der App-Nutzung verbessert. Die Kasse hatte 1.029 Patienten befragt, 742 von ihnen nutzten „Tinnitracks“ seit zwölf Monaten, die übrigen seit rund sechs Monaten.

Mittels der Tinnitracks-App können Patienten ihr Ohrgeräusch mit der eigenen Lieblingsmusik bekämpfen. Für dieses Hörtraining bestimmt ein HNO-Arzt zunächst gemeinsam mit dem Patienten die Frequenz seines Störtones. Einmal in die App auf dem Smartphone des Versicherten eingegeben, schaltet sie in dessen Lieblingsmusik genau diesen Ton aus. Die Aufgabe besteht für die Patienten darin, ein Jahr lang für 90 Minuten täglich Musik zu hören, in der die betreffende Frequenz gefiltert wird.

„Durch das veränderte Klangbild kann sich die Aktivität der überaktiven Nervenzellen, die für den Tinnitus verantwortlich sind, reduzieren, sodass die Lautstärke des störenden Tons nach einer zwölfmonatigen Behandlungsdauer abnimmt“, erläuterte die Frankfurter Hals-Nasen-Ohren-Ärztin Christiane Kannengießer. 

Die TK bietet Versicherten in fünf Bundesländern seit Mitte November im Rahmen eines Pilotprojekts zudem ein weiteres Modul an: Die „Tinni­tracks Basisthe­rapie“. „Die Akzeptanz und auch die Erwartungshaltung unserer Versicherten an die digitalen Gesundheitsangebote nehmen in hohem Tempo zu. Daher bieten wir unseren Versicherten jetzt einen weiteren Baustein unserer digitalen Versorgung über die App an“, sagte Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung Hessen.

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Dafür hat die Krankenkasse gemeinsam mit dem Start-up-Unternehmen Sonormed, dem Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte und der Schön-Klinik Vereinbarungen zur „Besonderen Versorgung“ geschlossen. Das Angebot umfasst neben der Behandlung über die App ein online basiertes Schulungsprogramm und die Möglichkeit, sich per Videosprechstunde beraten zu lassen. Die Basistherapie ist im Augenblick in Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen verfügbar. 

Großhirnrinde früher als gedacht an Speicherung von Informationen beteiligt

Die Großhirnrinde wird offenbar schon früher als bislang gedacht bei Lernvorgängen einbezogen. Das berichtet ein Forschungsteam der Universität Tübingen und des Tübinger Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik um Svenja Brodt, Steffen Gais und Monika Schönauer in der Fachzeitschrift Science (2018; doi: 10.1126/science.aau2528).

Traditionelle Modelle gehen davon aus, dass es im Gehirn 2 Gedächtnissysteme gibt: zum einen den Hippocampus, der große Informationsmengen schnell aufnimmt, und zum anderen die Großhirnrinde, in der sich Gedächtnisspuren nur langsam aber stabil entwickeln. Die Wissenschaftler konnten mit hochauflösenden bildgebenden Verfahren jetzt nachweisen, dass die Großhirnrinde schon früh bei Lernvorgängen hinzugezogen wird. Damit muss das Modell revidiert werden, nach dem dieser Bereich des Gehirns nur langsam lernt.

Die Wissenschaftler stellten ihren Probanden eine Lernaufgabe, in der diese sich in mehreren Runden Objektpaare und deren räumliche Anordnung auf einem Bildschirm einprägen mussten, ähnlich wie bei dem Gesellschaftsspiel „Memory“. Während sie diese Aufgabe ausführten, wurde ihre Gehirnaktivität in einem Magnetreso­nanz­tomografen (MRT) aufgezeichnet.

Zusätzlich führten die Wissenschaftler eine spezielle Messung durch, die die Feinstruktur des Gewebes abbildet. Sie setzten dabei ein sogenanntes Diffusions-MRT ein, bei dem die Stärke der Bewegung von Wassermolekülen im Gehirn quantitativ dargestellt wird. Da die Wasserbewegungen durch Zellmembranen eingeschränkt werden, erhielten die Wissenschaftler aus dem Bewegungsbild nach eigenen Angaben im Rückschluss detaillierte Informationen über die Gewebestruktur.

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Die Messungen wurden zu 3 Zeitpunkten durchgeführt: unmittelbar vor der Lern­aufgabe, 90 Minuten und 12 Stunden danach. „Durch den Vergleich der Diffusions­aufnahmen vor und nach dem Lernen mit einer Kontrollbedingung können wir Rückschlüsse auf kleinste Veränderungen in der Gewebestruktur ziehen, die durch den Lernvorgang verursacht wurden“, erklärte Svenja Brodt, die Erstautorin der Studie. Dadurch ließen sich Gedächtnisspuren auch später noch im inaktiven Zustand beobachten, nachdem die Lernaufgabe abgeschlossen ist.

Mithilfe der Diffusionsbildgebung konnten die Forscher auf diese Weise bereits 90 Minuten nach dem Lernprozess strukturelle Veränderungen in der Großhirnrinde messen und zwar in jenen Regionen, die während der Lernaufgabe starke gedächtnis­bezogene Aktivität gezeigt hatten. Die größten Veränderungen zeigte der hintere Teil des Scheitellappens, der posteriore Parietalkortex. Je stärker diese Veränderungen waren, desto besser konnten sich die Probanden die Objektpaare langfristig merken.

„Diese Strukturveränderungen sind kein kurzfristiges Nebenprodukt einer erhöhten Zellaktivität während des Lernens, da sie über mindestens 12 Stunden stabil bleiben“, so die Studienleiterin Monika Schönauer. Die neuen Erkenntnisse böten eine Erklärung dafür, dass es selbst Patienten mit Schädigungen im Hippocampus teilweise möglich sei, neue Informationen zu lernen und zu behalten, erläuterte der Leiter der Arbeitsgruppe, Steffen Gais. 

Wissenschaftler entdecken „Gehirn-Hot-Spot“ für Medikamente gegen Angst

Bei der Funktionsweise von Psychopharmaka auf der Ebene neuronaler Netze sind bislang noch viele Fragen offen. Ein Team von Wissenschaftlern um Dr. Wulf Haubensak, Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien, und Prof. Dr. Andreas Hess, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), konnte nun einen neuronalen Kreislauf im Gehirn identifizieren, der eine wichtige Rolle bei Angstzuständen spielt – und zeigen, wie gewöhnliche psychiatrische Medikamente darauf wirken. Die Studie wurde nun in der Fachzeitschrift „Molecular Psychiatry“ veröffentlicht*.

Angststörungen sind ein medizinisches Problem, das einen Großteil der Bevölkerung betrifft. Sie können mit einer Reihe von Psychopharmaka behandelt werden, darunter eine Gruppe von Substanzen, die als Benzodiazepine (BZDs) bezeichnet werden. BZDs werden seit 50 Jahren zur Behandlung von Patienten mit Angstzuständen eingesetzt, und ihre Wirkungsweise auf molekularer und zellulärer Ebene ist gut erforscht. Hingegen wissen Ärzte und Neurowissenschaftler noch wenig über die Wechselwirkungen zwischen den neuronalen Schaltkreisen, durch die BZDs ihre angstlösende Wirkung entfalten.

Ein Forscherteam um Dr. Wulf Haubensak vom IMP und Prof. Dr. Andreas Hess von der FAU hat jetzt eine Kombination innovativer Methoden, die Genetik, Informationen zu neuronalen Schaltkreisen und zur funktionellen Gehirnkartierung verknüpft, eingesetzt. Sie fanden heraus, dass BZD die Weiterleitung aversiver Signale durch die Amygdala, dem Mandelkern, stören und charakterisierten die betroffenen Schaltkreise.

„Angst entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Kreisläufe im Gehirn. In diesem Netzwerk haben wir einen entscheidenden biomedizinischen ‚Hot-Spot‘ identifiziert, der der angstlösenden Therapie zugrunde liegt „, sagt Dr. Haubensak. „Diesem Hotspot auf die Spur zu kommen, war nur möglich, indem Erkenntnisse über die Verbindungen von Neuronen im Gehirn, dem Konnektom, mit genetischen Techniken kombiniert wurden, die die funktionale Visualisierung und Manipulation bestimmter Neuronenpopulationen im Tiermodell ermöglichen – Methoden und Informationen, die dies ermöglich, stehen erst seit kurzem zur Verfügung.“

Die Wissenschaftler verglichen ihre an Mäusen gewonnenen Erkenntnisse mit funktionellen menschlichen Gehirnscans und fanden Hinweise darauf, dass die gleichen Mechanismen auch beim Menschen wirksam sind. Dies öffnet neue Perspektiven für die Entwicklung von Medikamenten.

Prof. Hess, Mitautor der Studie, betont die Wichtigkeit der funktionellen Bildgebung des Gehirns: „Nichtinvasive Bildgebung wie die Magnetresonanztomografie ist der Schlüssel für die Untersuchung neurobiologischer Funktionen auf der gesamten Gehirnebene. Wir haben dies mit neuartigen Datenanalyse-Strategien kombiniert, um die modulatorischen Auswirkungen kleiner neuronaler Schaltkreise zu charakterisieren, die eine wichtige Gehirnfunktion ausmachen – in diesem Fall Angst.“

„Da wir nun die exakten Netzwerke von Neuronen kennen, die den anxiolytischen Effekt von BZD vermitteln, können wir jetzt versuchen, sie gezielt zu erreichen. Dies könnte die Entwicklung neuer Medikamente zur Behandlung von Angstzuständen ermöglichen, ohne die Nebenwirkungen, die bei derzeitigen Anxiolytika üblich sind “, sagt Johannes Griessner, Doktorand und Erstautor der Studie und fügt perspektivisch an, wie die Ergebnisse in weiteren Studien verwendet werden könnten: „Die Psychiatrie benötigt eine starke biologische Basis, die gezielte therapeutische Interventionen ermöglicht. Unser Ansatz könnte als Blaupause für eine experimentelle Strategie dienen, mit der die Auswirkungen psychoaktiver Medikamente im Allgemeinen besser charakterisiert werden können. “

* https://doi.org/10.1038/s41380-018-0310-3

Mehr zum Haubensak Lab am IMP sowie zum Vienna BioCenter:
https://www.imp.ac.at/groups/wulf-haubensak/
http://www.viennabiocenter.org

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Andreas Hess
Tel.: 09131/85-22003
andreas.hess@fau.de

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Andreas Hess
Tel.: 09131/85-22003
andreas.hess@fau.de

Originalpublikation:
https://doi.org/10.1038/s41380-018-0310-3

Studie zeigt: Testosteron hilft depressiven Männern

Bisher basiert die Behandlung von Depressionen im Wesentlichen auf zwei Säulen: Psychopharmaka und Psychotherapie. Eine aktuelle Studie ist nun zum Ergebnis gekommen, dass auch Hormone zum Einsatz kommen könnte.

Betroffene teilen Erfahrungen und geben Depression eine Stimme – nutzergenerierte Website gestartet

Neue multimediale interaktive Website lässt an Depression erkrankte Menschen zu Wort kommen – Experten-Clips informieren über Erkrankung

Leipzig/Berlin 03.12.2018 – Unter www.die-mitte-der-nacht.de geht heute eine interaktive und multimediale Aufklärungs-Webseite über Depression an den Start. Auf der Seite können Betroffene und Angehörige in eigenen Beiträgen über ihre Erfahrungen mit Depression berichten und der Erkrankung so eine Stimme geben. Die Betroffenen können für die Website schriftliche Erfahrungsberichte oder Audio- und Video-Dateien einreichen. „Wir wollen einen offenen Umgang mit Depression fördern und so Verständnis wecken für die Erkrankung, die für Außenstehende oft schwer greifbar ist“ erklären die Initiatoren des Projekts Michaela Kirst und Axel Schmidt. Ergänzt werden die sehr persönlichen Einblicke durch kurze Experten-Videos. Diese enthalten die wichtigsten Informationen über Symptome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten der Depression. „Der Nutzer kann sich so über Depression informieren, ohne lange Texte lesen zu müssen“, so die Agentur Knick Design, welche die Webseite gestaltet und umgesetzt hat. Auch Prominente machen sich auf der Website für die Aufklärung über Depression stark. Neben Entertainer Harald Schmidt kommen Moderatorin und Schauspielerin Nova Meierhenrich und Bloggerin Victoria van Violence zu Wort. „Die Website ist eine einzigartige Aufklärungs-Plattform über Depression. Es gibt nichts Vergleichbares im Internet“ betont der Filmemacher und Psychiater Axel Schmidt weiter.

Ein Jahr im Leben von Menschen mit Depression – Dokumentarfilm gab Anstoß für Aufklärungs-Website

Entstanden ist die Webseite aus dem Filmprojekt „Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag“. Für den Dokumentarfilm begleiteten Michaela Kirst und Axel Schmidt ein Jahr lang zwei an Depression erkrankte Frauen und eine betroffene Familie. 2016 feierte der Film Premiere und war seither in über 90 Orten in Kinovorführungen zu sehen. Unter www.deutsche-depressionshilfe.de kann der Dokumentarfilm außerdem als DVD für zuhause bestellt werden. „Während der Suche nach Protagonisten für unseren Dokumentarfilm, haben uns viele Menschen ihre Erfahrungen anvertraut. Nicht alle konnten wir in den Film aufnehmen. Wir hatten jedoch das Gefühl, dass es wirklich wichtig ist, all diesen unterschiedlichen Geschichten eine Heimat zu geben. “, erläutert Regisseurin und Produzentin Michaela Kirst von sagamedia die Idee für das Projekt.

Immer noch viele Vorurteile und Wissenslücken über Erkrankung

Jedes Jahr erkranken 5,3 Millionen Menschen in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression. Die Volkskrankheit ist u.a. gekennzeichnet durch gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit, hartnäckige Schlafstörungen und das Gefühl der Ausweglosigkeit. Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe sieht immer noch großen Aufklärungsbedarf: „Wir wissen aus unseren deutschlandweiten Befragungen, dass es immer noch große Wissenslücken und Vorurteile zu Depression in der deutschen Bevölkerung gibt. Viele Menschen verstehen nicht, dass Depression eine ernstzunehmende Erkrankung ist, die jeden treffen kann und einer professionellen Behandlung bedarf. Sie verwechseln die Depression mit Sorgen oder Überforderung, die jeder einmal in seinem Alltag erlebt.“ Die Webseite gibt deshalb einen sehr persönlichen und authentischen Einblick, wie sich die Erkrankung anfühlt und leistet so einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung. Die Umsetzung der Seite war möglich dank der Förderung durch die AOK PLUS.

Interaktive Webseite
Die Erfahrungsberichte der Betroffenen und die Experten-Clips finden Sie unter www.die-mitte-der-nacht.de. Dort können an Depression erkrankte Menschen auch eigene Erfahrungsberichte hochladen.

DVD bestellen
Der Dokumentarfilm „Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag“ ist auf DVD erhältlich. In einem ergänzenden Informationsfilm werden von Experten alle wichtigen Fragen rund um Symptome und Behandlungsmöglichkeiten beantwortet. Beide Filme sind ab sofort über www.deutsche-depressionshilfe.de/infomaterial auf DVD (23,40 € zzgl. Porto) erhältlich.

kostenfreier Verleih an Institutionen
Vereine, Selbsthilfegruppen, Schulen, Unternehmen und andere Organisation können den Film und umfangreiches Begleitmaterial kostenfrei für öffentliche Vorführungen ausleihen. Bitte wenden Sie sich dazu an: Anne Schmidt, 0341/97 24598 oder info@buendnis-depression.de

Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.die-mitte-der-nacht.de