Künstliche Intelligenz wird Ärzte nicht ersetzen

Experten haben betont, dass sich die Rolle des Arztes durch die Digitali­sierung des Gesundheitswesens deutlich wandeln werde. „Die künstliche Intelligenz wird unseren Berufsstand massiv verändern“, prognostizierte der Präsident des Hartmannbundes, Klaus Reinhardt, heute auf der Haupt­ver­samm­lung seines Verbandes in Berlin.

„Die Ärzteschaft wird ihr Wissensmonopol verlieren.“ Er habe jedoch keine Angst, dass der Arzt deshalb überflüssig wird. Denn die individualisierte Anwendung des medizinischen Wissens werde beim Arzt verbleiben. „Der Arzt muss aber seine Kompetenz auch in Zeiten der Digitalisierung unter Beweis stellen und darf nicht sagen: Ich mache da nicht mit“, betonte Reinhardt.

Der Wissenschaftsjournalist Boris Hänßler erklärte, dass es heute 325.000 Gesund­heits- und Fitness-Apps auf dem Markt gebe. Die Patienten könnten jedoch nicht einschätzen, ob eine App gut sei oder nicht. Es gebe auch noch zu wenige Studien, die die Qualität von Apps untersuchen.

Hänßler forderte die Ärzteschaft auf, sich besser in den Prozess der Bewertung von Apps einzubringen. In der Zukunft könnten „Ärzte bestimmte Apps empfehlen“, meinte er. „Sie können auf ihre Wirksamkeit oder Nichtwirksamkeit hinweisen.“

Ärzte sollen Qualitätskriterien definieren

Klaus Juffernbruch von der FOM-Hochschule in Düsseldorf rief die Ärzteschaft dazu auf, sich nicht gegen die Digitalisierung zu wehren, sondern sie aktiv mitzugestalten, zum Beispiel durch die Definition von Qualitätskriterien. „Wir sind in Deutschland keine Insel“, sagte er. „Wenn wir hier die Bedürfnisse der Patienten ignorieren, überlassen wir anderen das Feld und haben dann keine Kontrolle mehr über die Qualität digitaler Systeme.“

Reinhardt sprach die Sorgen an, die viele Ärzte in Bezug auf die Haftung haben, wenn sie digitale Systeme anwenden – oder wenn sie sie nicht anwenden. „Als Arzt kann man sich auf die Inhalte der elektronischen Patientenakte so wenig verlassen wie auf die Aussagen eines Patienten, der vor einem sitzt“, meinte er.

„Wir wissen doch, dass nicht alles zutrifft, was Patienten uns sagen. Das ist auch legitim. Bei der Digitalisierung leben wir aber in der Vorstellung, dass alles zu 100 Prozent richtig sein muss. Und wir glauben, wenn wir auf der Grundlage digitaler Informationen Fehler begehen, seien wir in einem höheren Maße haftbar. Das ist aber nicht so.“

Reinhardt: Entspannter mit der Digitalisierung umgehen

Er rief dazu auf, pragmatischer und entspannter mit dem Thema Digitalisierung umzugehen. „Wenn ich als Hausarzt zum Beispiel Hinweise auf Arzneimittel­interaktionen durch die moderne Technik erhalte, bin ich doch heilfroh, darauf zurückgreifen zu können“, sagte er. Es gehe ja nicht darum, dass diese Informationen vollständig oder zu 100 Prozent richtig sein müssen. Doch alle Instrumente, die die Patientenversorgung leichter oder besser machten, seien für Ärzte doch hochwill­kommen.

Auch Thomas Lipp aus dem Vorstand des Hartmannbundes bezeichnete digitale Systeme wie Gesundheits-Apps als „gute Diagnosehilfsmittel“ für Ärzte. „Früher habe ich bei meinen Patienten noch Blutdruck gemessen, heute bringen sie mir diese Daten mit“, sagte er. Solche Daten unterstützten die Arbeit des Arztes, sie ersetzten ihn aber nicht. „Zukünftig wird der Arzt sogar noch eine wichtigere Rolle in der Gesundheits­versorgung spielen als heute“, prognostizierte er. „Denn der Arzt muss die ganzen Daten patientenindividuell bewerten.“

Patienten brauchen die Vergewisserung durch den Arzt

„Ärzte haben seit Jahrtausenden Instrumente benutzt, um ihre Patienten zu behandeln“, sagte Hans-Jürgen von Lücken vom Marienkrankenhaus Hamburg. „Digitale Systeme sind solche Instrumente. Wir müssen keine Angst davor haben, durch sie ersetzt zu werden. Stattdessen sollten wir uns für die Möglichkeiten der Digitalisierung öffnen. Dann können wir die Instrumente, die wir benutzen, auch selbst mitbestimmen.“

„Wenn es mir schlecht geht, suche ich den Kontakt zu einem Arzt“, sagte Cristina Koehn vom Unternehmen Kry Deutschland. „Das wird keine Maschine und keine künstliche Intelligenz übernehmen können.“ Es gebe mittlerweile zahlreiche Möglichkeiten für Patienten, sich zu orientieren. Doch diese würden alle letztlich keine Diagnose stellen können. „Und ich brauche als Patient schon die Gewissheit zu erfahren: Das ist es jetzt“, meinte sie. „Und dafür suche ich mir als Patient die Vergewisserung durch den Arzt.“

KI als Qualitätsmerkmal einer Behandlung

Koehn zeigte sich überzeugt, dass digitale Systeme die Versorgung aber besser machen könnten. „Wenn mein Kind morgens mit Hautausschlag aufwacht, muss ich wissen, ob ich mit ihm zum Arzt fahren soll oder ob ich es zur Schule schicken kann. Mit einem Video kann man so etwas abklären“, sagte sie. „Ich glaube auch, dass wir die Notfallambulanzen entlasten können, wenn die Patienten mithilfe digitaler Systeme eine Orientierung erhalten, ob sie ins Krankenhaus gehen sollen oder nicht.“

Hänßler meinte, dass künstliche Intelligenz (KI) auch eine Möglichkeit für Ärzte sein könne, sich im Wettbewerb abzuheben. „Chronisch kranke Menschen werden künftig einen Bogen um Praxen machen, in denen diese Technik nicht eingesetzt wird“, meinte er. Auch Reinhardt glaubt, dass die Verwendung von KI-Systemen künftig ein Qualitätsmerkmal für Ärzte werden könnte. „Es könnte passieren, dass unsere Patienten uns eines Tages fragen werden, weshalb wir die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz nicht genutzt haben, als wir sie hätten nutzen können.“

 

Bundesregierung will Digitalisierung im Gesundheitsbereich vorantreiben

Die Bundesregierung hat ihre Umsetzungsstrategie zur Gestaltung des digitalen Wandels vorgelegt. Sie enthält Maßnahmen, mit denen die Politiker die Lebensqualität für alle Menschen in Deutschland steigern, die wirtschaftlichen und ökologischen Potenziale entfalten und den sozialen Zusammenhalt sichern wollen. Etliche Vorhaben der Strategie beziehen sich auf den Gesundheitsbereich, wie etwa das Modellvorhaben „Smarte LandRegionen“.

Der Bundesregierung zufolge ist insbesondere in zukunftsrelevanten Bereichen wie Mobilität, Gesundheit, Versorgung mit Waren und Dienstleistungen bis hin zu sozialen Angeboten und dem Vereinsleben auf dem Land der Einsatz neuer technischer Möglichkeiten entscheidend für den Erhalt eines attraktiven Lebens- und Arbeits­umfelds. Diese Chancen will das Modellvorhaben ausloten und gewinnbringend für die Menschen vor Ort verwirklichen.

Dazu wird im Rahmen des Vorhabens eine Forschungseinrichtung gefördert, die in einem Pilotprojekt ein solches digitales Ökosystem und die zugrunde gelegte Softwareplattform konzipiert und entwickelt. In einem Wettbewerb werden die teilnehmenden Landkreise ausgewählt. Sie entwickeln unter Einbezug der Bürger gemeinsam mit der Forschungseinrichtung entsprechend ihrer konkreten Bedarfe digitale Dienste und führen diese vor Ort ein.

Eine weitere Maßnahme der Umsetzungsstrategie ist ein Ideenwettbewerb „Blockchain“. Im Rahmen dessen will die Bundesregierung dazu aufrufen, innovative Anwendungskonzepte für Blockchain-Technologien im Gesundheitswesen einzureichen.

Darüber hinaus plant die Bundesregierung, die Marktzugänge für gute digitale Anwendungen im Gesundheitswesen zu erleichtern. Vorgesehen ist, dass innovative Unternehmen ihre medizinischen Produkten schneller in den ersten Gesundheitsmarkt bringen können.

Konkret sieht die Umsetzungstrategie vor, bis 2019 einen Metakatalog von Kriterien zur Bewertung von Gesundheits-Apps fertigzustellen und bis 2021 Kriterien für den Nachweis des Nutzens sowie der Erstattungsfähigkeit digitaler Produkte seitens der Kranken- und Pflegekassen zu entwickeln.

 

Bundeskabinett verabschiedet Strategie zur Künstlichen Intelligenz

Heute präsentierte die Bundesregierung ihre Strategie zur Künstlichen Intelligenz. Sie wurde auf Grundlage von Eckpunkten erstellt, die das Kabinett am 18. Juli 2018 beschlossen hatte. Auch der Gesundheitssektor wurde dabei bedacht. Vergleichbare Strategien haben die meisten anderen Länder in Europa bereits vorgelegt.

Bis 2025 will der Bund insgesamt etwa drei Milliarden Euro für die Umsetzung der Strategie zur Verfügung stellen. Das Geld soll vor allem in die Forschung fließen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass private Investitionen in gleicher Höhe hinzukämen, so dass bis 2025 insgesamt sechs Milliarden Euro zusätzlich investiert würden.

„Wir werden Forschungscluster bilden und vernetzen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Dieses Netzwerk werde sich gemeinsam mit Frankreich den Auswir­kungen Künstlicher Intelligenz auf die Arbeitswelt, im Bereich Datenschutz und Datenverfügbarkeit widmen.

Ziele für das Gesundheitswesen

Die KI-Strategie beschreibt zentrale Ziele der Bundesregierung und benennt dabei 12 Handlungsfelder. Eines davon lautet, die Forschung zu stärken. Eine zentrale Herausforderung sei dabei die umfassende Zusammenführung und Interoperabilität von Gesundheitsdaten aus Versorgung und Forschung, heißt es im Strategiepapier.

Konkreter: Es sollen beispielsweise bilaterale KI-Cluster mit einem Anwendungsfokus auf bestimmte Branchen zum Beispiel Gesundheit, Umwelt, Robotik, oder Mobilität, realisiert werden.

Potenziale sieht die Bundesregierung bei personenbezogenen Daten – zum Beispiel, um individuelle Gesundheitsrisiken zu identifizieren. Im Interesse der Patienten müsse es gelingen, Daten aus Versorgungs- und Abrechnungsprozessen datenschutz­konformkonsequenter und in für lernende Systeme geeigneten Formaten zu erschließen.

„Daten verfügbar machen“ und deren „Nutzung erleichtern“ lautet daher ein weiteres der 12 Handlungsfelder. Dabei solle auch erforscht werden, mit welchen rechtskon­formen Pseudonymisierungs- oder Anonymisierungsverfahren und wie weit Daten der öffentlichen Hand und der Wissenschaft geöffnet werden könnten. „Die Rede ist von einem Kulturwandel bei der Zusammenarbeit zwischen Gesundheits- und IT-Berufen“.

Berlin könnte dabei eine besondere Rolle zukommen. Wie der Tagesspiegel heute berichtete will Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) in der Hauptstadt und Umgebung ab 2020 den Einsatz ausgewählter digitaler Anwendungen in der Praxis testen – bevor sie in ganz Deutschland zur Anwendung kommen sollen. Die Pläne dafür soll Spahn bei der Digitalisierungsklausur des Kabinetts in Potsdam diese Woche vorgelegt haben.

Digitalisierung: Wie lässt sich die Gesundheitskompetenz fördern?

Die Gesundheitskompetenz in Deutschland ist verbesserungsbedürftig. Das gilt vor allem für Versicherte und Patienten, aber auch für Ärzte, wie ein Symposium der Gesellschaft für Wirtschaftlichkeit und Qualität bei Krankenkassen (GWQ) in Berlin jetzt deutlich machte. Die Veranstaltung zeigte auch, welche Chancen die Digitali­sierung im Gesundheitswesen bietet, um gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen und kritisch zu beurteilen.

Das Wissen der Versicherten in Deutschland werde derzeit von Informationsdefiziten, Fehlinformation und Überfluss an Informationen bestimmt, betonte Johannes Thormälen, GWQ-Vorstand. Mit der Digitalisierung gebe es jedoch neue Möglichkeiten für die Versichertenkommunikation und -information, die die Krankenkassen nutzen könnten.

Evidenz verstehen

Wie kann Gesundheitskompetenz gefördert werden? Für ein effizientes Gesundheits­system seien zwei Kompetenzen erforderlich, betonte Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin. „Ärzte und Gesundheitspersonal, die Evidenz verstehen, sowie Patienten, die mitdenken möchten. Wir haben beides noch nicht.“

Nach Studien Gigerenzers verstehen rund 80 Prozent der Ärzte in Deutschland keine Gesundheitsstatistiken, weil Evidenz im Medizinstudium nicht gelehrt wird. Darüber hinaus wissen ihm zufolge die meisten Patienten nicht, wo sie verlässliche Informationen im Internet finden. Zudem können sie oftmals nicht zwischen Information und Werbung unterscheiden.

Gigerenzer empfiehlt daher Positivlisten mit verlässlichen Quellen für Gesundheits­informationen sowie Faktenboxen, in denen die beste Evidenz zu einem Themengebiet verständlich und patientenorientiert dargestellt wird. Diese Faktenboxen sollten beispielsweise auf Internetseiten der Krankenkassen und in den Wartezimmern der Ärzte verfügbar sein.

Die AOK hat ihm zufolge als erste Krankenkasse diese Form der evidenzbasierten Patienteninformation umgesetzt. Zudem sollte die Aus- und Fortbildung von Ärzten und Pflegekräften auch Gesundheitsstatistik und Risikokommunikation umfassen. Schließlich sei Gesundheitsbildung bereits im Kindergarten und in der Schule notwendig.

Großes Informationsbedürfnis der Patienten

Ein etwas anderes Bild von den Patienten als Gigerenzer zeichnete Marion Grote-Westrick von der Bertelsmann-Stiftung. Es gebe ein hohes Informationsbedürfnis der Patienten, doch werde diesem nicht entsprochen, kritisierte sie. Ein Beleg dafür sei, dass 50 Prozent der Patienten vor einem Arztbesuch und 60 Prozent danach im Internet zu ihrem Gesundheitsproblem recherchierten – aus den unterschiedlichsten Motiven heraus.

„Viele Patienten kennen gute Seiten im Internet nicht, die Bekanntheit von evidenzbasierten Quellen ist gering – sowohl bei Patienten als auch bei Ärzten“, betonte sie. Daher könnten Ärzte die Patienten auch nicht gut beraten. Gesundheits­informationen seien immer noch eine „Holschuld“ des Patienten, es gebe in Deutschland keine „Bringschuld“ des Gesundheitssystems. Darüber hinaus sei aber auch zu fragen: „Was bietet das System denjenigen, die schon kompetent sind?“

Kommunikation am Patienten vorbei

„Viele Patienten wollen mitdenken“, meinte auch Gertrud Demmler, Vorständin der Siemens-Betriebskrankenkasse. „Die fehlende Gesundheitskompetenz ist eigentlich eine Krise der Wissenschaftskommunikation.“ Eine Übersetzung fehle häufig, „alterna­tive Fakten“ gehörten zum Medizinalltag. Die Arzt-Patienten-Kommunikation in Deutschland sei zudem stark expertengetrieben, der Praxisbezug fehle häufig, und die Betroffenensicht werde zu wenig berücksichtigt.

Krankenkassen könnten auf Basis von Versichertenkontakten und -daten in die Bresche springen und dieses vorhandene Wissen nutzen, um relevante personalisierte Informationen zur Verfügung stellen, nur: „Wir dürfen es nicht.“ Rechtlich seien den Kassen derzeit die Hände gebunden. Künftig könnten Informationen nicht mehr nur per Internet, etwa über Gesundheits­portale oder andere Quellen, zur Verfügung gestellt werden, sondern auch über die elektronische Patientenakte.

An Patienten gerichtete schriftliche Informationen wie Aufklärungsbögen oder Flyer „sind oft meilenweit weit von Verständlichkeit entfernt“, erklärte Ansgar Jonietz, Mitgründer und Geschäftsführer der Webseite „Was hab ich?“, über die sich Patienten Arztbriefe von Medizinstudierenden übersetzen lassen können. 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland haben ihm zufolge Schwierigkeiten beim Verständnis von Texten auf Grundschulniveau. Nach Studien sind dies in vielen Fällen gerade diejenigen, die am meisten von guten Gesundheitsinformationen  profitieren würden.

Aber auch in der mündlichen Kommunikation hapert es. „Viel hängt dabei an der Kommunikationskompetenz des Arztes“, meinte Jonietz. Es sei viel zu wenig, was dem Arzt als sprechenden Beruf in der Ausbildung vermittelt werde. Ein großes Potenzial liegt ihm zufolge in der Individualisierung der schriftlichen Informationen. „Der Patient braucht  das, es fällt ihm schwer, allgemeine Informationen für sich einzuordnen und auf sich zu beziehen.“

Medizinkultureller Wandel

Für Attila Altiner, Universitätsmedizin Rostock, ist Empowerment  auf ärztlicher Seite nötig, um googelnden Patienten gerecht zu werden. Manche Ärzte beurteilten googelnde Patienten negativ, dabei seien sie „eine Chance“ und böten einen Anknüpfungspunkt für den Arzt im Kontakt mit seinem Patienten. Es gelte, schon Medizinstudierende zu sensibilisieren und auch die Weiterbildung zu nutzen, damit Ärzte mit den informierten Patienten umzugehen lernen. Eine „intelligente Vereinfachung“ der medizinischen Informationen erfordere zudem viel Aufwand.

Alexander Schachinger, Geschäftsführer der EPatient RSD GmbH, verwies auf Bildung und Alter als häufig unterschätzte Einflussfaktoren für die digitale Gesundheits­kompetenz. Nach dem EPatient Survey 2018wünschen sich die Patienten, digitale Versorgungsangebote direkt von ihrem Arzt oder von medizinischem Fachpersonal zu erhalten. Studien haben ergeben, dass sich die hohen Abbruchraten von Apps oder Coachingprogrammen dadurch um den Faktor fünf verringern, so der Marktexperte.

Laut Schachinger ändern sich die Vertriebskanäle für digitale Gesundheits­anwen­dungen beziehungsweise die Wege zum Patienten („touch points“) zunehmend. So gibt es immer mehr Außenwerbung, etwa U-Bahn-Plakate (etwa für „Ada Health“), und  Printkampagnen, die auf neue Anwendungen hinweisen (wie „Dipat“, die Online-Patientenverfügung).

Die Evidenz und der Nutzennachweis der Gesundheits-Apps gewinne an Fahrt, „Studien hierzu explodieren förmlich“, meinte er. Außerdem werden Apps nicht mehr nur in den App-Stores angeboten, sondern ebenso wie Coaching­programme verstärkt über herkömmliche Versorgungsstrukturen, etwa über Apotheken oder von den Krankenkassen.

Psychotherapeuten starten Petition gegen Terminservicegesetz

Der Kabinettsentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) sieht vor, dass besonders qualifizierte Ärzte und psychologische Psychotherapeuten künftig in Voruntersuchungen festlegen, zu welchem Hilfe- oder Therapieangebot Betroffene gehen dürfen. Das hat bereits zu heftiger Kritik von Psychotherapeuten und Ärzten geführt. Ihrer Forderung, die Regelung im Gesetzgebungsverfahren zu streichen, verhelfen drei Psychotherapeutenverbände nun mit einer neuen Petition an den Bundestag Nachdruck.

Aus Sicht des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten (bvvp), der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) und der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (VAKJP) werden psychisch kranke Menschen mit der geplanten „gestuften Steuerung“ diskriminiert.

Eine derartige, vorgeschaltete Selektion hebe den freien Zugang der Patienten zum ärztlichen, psychologischen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten auf und verlängere unnötig das Leiden der Betroffenen, hieß es. Die freie Auswahl des Behand­lers nach eigenem Vertrauen werde Patienten damit genommen oder zumindest massiv eingeschränkt. Kritik üben sie auch daran, dass Psychotherapeuten nach der neuen Regelung nicht mehr entscheiden dürften, ob und wie der betroffene Patient behandelt wird.

„Die beabsichtigte Neuregelung kann nur als der unangemessene Versuch einer Rationierung von Behandlungsleistungen aufgefasst werden, der die Nöte psychisch erkrankter Menschen nicht nachvollzieht“, resümieren die Verbände.

Weiterentwicklung der Versorgung psychisch Kranker hin zu personenzentrierten Ansätzen

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) will zusammen mit der Aktion Psychisch Kranke (APK) die Hilfen für psychisch kranke Menschen weiterentwickeln. Eine Auftaktveranstaltung in diesem auf zwei Jahre angelegten Prozess, der als „Verbändedialog” konzipiert ist, fand am Dienstag in Berlin statt. „Die zunehmende Akzeptanz psychischer Erkrankungen und die verbesserte Diagnostik haben zu einer Verdichtung des Behandlungsgeschehens geführt mit langen Wartezeiten und nicht optimaler Koordination in der Folge – wir brauchen eine bessere Verzahnung der Versorgung und noch mehr Bemühen in Richtung sektorenübergreifender Ansätze”, sagte Heiko Rottmann-Großner vom BMG. Ziel sei ein personenzentrierter Ansatz. „Wir wollen herausfinden, welche Maßnahmen wirken und wo es noch Handlungsbedarf gibt.”

„Am Ende dieser Legislaturperiode wird die Psychiatrie-Enquete 40 Jahre alt – wir haben viel erreicht, aber noch nicht genug”, betonte Jörg M. Fegert, stellvertretender Vorsitzender der APK. Das Konzept der personenzentrierten Hilfen, bei denen vom Patienten aus gedacht wird und nicht von der Einrichtung  oder vom Leistungs­erbringer aus, sei bereits mit der Enquete 1971 entwickelt worden. Damals ging es auch darum, die Betroffenen im Sinne von Partizipation in die Behandlung mit einzubeziehen. Die Selbsthilfe organisiere sich seit 1985 und habe vielfältige Erfolge vorzuweisen.

Flächendeckende Etablierung sektorenübergreifender Hilfen

„Die flächendeckende Etablierung sektorenübergreifender Hilfen – auch eine Forderung der Psychiatrie-Enquete – ist aber immer noch nicht gelungen”, erklärte Fegert. Verbesserungsbedarf gebe es auch hinsichtlich der Stärkung der Patienten­rechte. Ebenso optimierungsbedürftig seien die Übergänge in der Versorgung psychisch kranker Jugendlicher bis ins junge Erwachsenenalter (Transition). Gestärkt werden müsse auch die gerontopsychiatrische Versorgung.

„Die Wartezeiten auf Therapieplätze sind mit fünf Monaten im Durchschnitt viel zu lang”, kritisierte Wolfgang Greiner, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutach­tung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR). Die meisten Gebiete in Deutschland würden in der Bedarfsplanung als überversorgt ausgewiesen. Grund dafür sei der Anstieg von Psych-Fachärzten und Psychotherapeuten zwischen 2002 und 2017 und insbesondere der Anstieg von ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten seit 2013.

Auslastung der Kassenarztsitze überprüfen

„Der Sachverständigenrat empfiehlt daher unter anderem, die Bedarfsplanung genauer anzuschauen und insbesondere die Auslastung der Kassenarztsitze zu überprüfen”, sagte Greiner. Weiter habe das jüngste Gutachten des SVR empfohlen, intensive ambulante Angebote zu schaffen, die die Lücke zwischen psychiatrisch/psycho­therapeutischer Behandlung und teilstationären Angeboten abdecken. Die Koordinationsverantwortung in der Versorgung psychisch Kranker sollte klar verortet werden. Darüber hinaus sollten die Chancen digitaler Angebote verstärkt genutzt werden, forderte der SVR-Vertreter.

Sektorenübergreifende Versorgung psychisch Kranker: Gefragt ist der Gesetzgeber

Der Sachverständigenrat kritisiert, dass sich die Sektorengrenzen bei der Versorgung psychisch Kranker besonders negativ bemerkbar machen. Es mangelt an Koordination und Kooperation. Die langen Wartezeiten im ambulanten Bereich treiben die Betroffenen in die Kliniken. Die Koordination der Versorgung psychisch kranker Menschen ist nicht einfach, zumal das System sehr komplex und fragmentiert ist.

Fokus auf die ambulante psychiatrische Versorgung

„Die Weiterentwicklung der Psychotherapie hat in den letzten Jahren viel Energie gebunden – das System der ambulanten psychiatrischen Versorgung braucht jetzt wieder mehr Aufmerksamkeit”, forderte Frank Bergmann, Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bei der Veranstaltung. Psychotherapeutisches Handeln sei von der psychiatrischen Tätigkeit nicht abzukoppeln. „Aber wir haben versäumt, die Strukturen anzupassen, Psychiater werden behandelt wie alle anderen Fachärzte auch, trotz anderer Bedingungen.“ Das müsse sich ändern, forderte der Psychiater und Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KV-NO).

Den Ausbau einer koordinierten sektorenübergreifenden Behandlung für psychisch Kranke hält auch Bergmann für essenziell. „Wir üben mit dem NPPV-Modellprojekt in Nordrhein gerade, wie man mit einem Bezugsarzt oder –psychotherapeuten die Versorgung koordiniert.” Auch der Anschluss an die gemeindepsychiatrische Versorgung und an die Kliniken sei in dem Modell geregelt. Das NPPV-(Neurologisch-psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung-)Projekt erprobt eine gestufte, koordinierte Versorgung im Gebiet der KV-NO. Das Projekt wird seit Oktober 2017 vom Innovationsfonds gefördert und läuft über vier Jahre.

„Wir brauchen keine zentrale Stelle, die alle Patienten durch das System schleust“

Die Ergebnisse des Modellprojekts ebenso wie eine Evaluation der im April 2017 initiierten Strukturreform der ambulanten Psychotherapie sollten nach Ansicht des KBV-Vertreters erst einmal abgewartet werden, bevor neue Gesetzesänderungen beschlossen werden. „Eine zentrale Stelle, die alle Patienten durch das psychiatrische/psychotherapeutische Versorgungssystem schleust, brauchen wir nicht – die psychotherapeutischen Sprechstunden und die Akutbehandlung funktionieren gut“, sagte Bergmann mit Bezug auf einen Passus im Kabinettsentwurf für ein Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG).

Im TSVG wird gefordert, dass die psychotherapeutische Behandlung „im Rahmen einer gestuften und gesteuerten Versorgung“ erfolgen solle. Die Kritik an diesem Passus (Paragraf 92 Absatz 6a Sozialgesetzbuch V) von Seiten vieler Berufsverbände und der Bundes­psycho­therapeuten­kammer reißt nicht ab.

Kritik vom GKV-Spitzenverband

Der Vertreter des GKV-Spitzenverbands Thomas Uhlemann äußerte sich überwiegend kritisch insbesondere über die ambulante psychotherapeutische Versorgung. „Die Psychotherapeutensitze in Deutschland sind ungleich verteilt, die Wartezeiten für die Patienten zu lang, es gibt keine Qualitätssicherung und keine Transparenz.“ Zudem müssten Patienten mit schweren psychotischen Störungen oder Essstörungen deutlich länger auf einen Therapieplatz warten, als Patienten mit „leichten“ Beschwerden. „Die Psychotherapeuten können sich die Patienten aussuchen, sie verteilen die Plätze nach Indikation“, glaubt Uhlemann. Dagegen wandte sich explizit KBV-Vertreter Bergmann: „Diese Dichotomie aufrechtzuerhalten, bringt gar nichts.“

Kurztherapie kann Suizidrisiko reduzieren (Universitäre Psychiatrische Dienste Bern)

Eine in Bern entwickelte Therapie nach Suizidversuch reduziert das Risiko weiterer suizidaler Krisen markant. Nun hat eine Studie unter Leitung der London School of Economics zudem die Kostenwirksamkeit des Ansatzes bestätigt.

Wer einen Suizidversuch hinter sich hat, braucht psychologische Betreuung. Die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD) haben eine Kurztherapie für Menschen nach Suizidversuch entwickelt. In Zusammenarbeit mit der London School of Economics und dem Universitären Notfallzentrum des Inselspitals Bern untersuchten sie nun in einer Studie, ob diese Behandlung auch zu Kosten-einsparungen im Gesundheitswesen führen kann. Die Ergebnisse wurden am 19. Oktober 2018 in der renommierten Fachzeitschrift «JAMA Network» publiziert.

Suizidversuche auch als ökonomische Bürde

Weltweit rechnet die Weltgesundheitsorganisation mit gegen einer Million Suizide und rund zehnmal mehr Suizidversuchen jährlich. Diese sind nicht nur eine grosse emotionale Belastung für Betroffene und Angehörige, sondern auch für das Gesundheitswesen – in erster Linie medizinische Notfallzentren und psychiatrische Kliniken. Dazu kommt, dass Suizidversuche das grösste Risiko für weitere suizidale Krisen sind. Bislang gibt es jedoch kaum anerkannte Behandlungsmethoden, die dieses Risiko zuverlässig reduzieren.

Doppelt wirksame Prävention

Eine in Bern entwickelte Kurztherapie zur Prävention wiederholter Suizidversuche «Attempted Suicide Short Intervention» (kurz: ASSIP) konnte bereits 2016 in «PLOS Medicine» eine bisher einmalige Wirksamkeit nachweisen: Sie reduzierte das Risiko von weiteren Suizidversuchen um erstaunliche 80 Prozent. Und dies als Kurztherapie mit lediglich drei Sitzungen gefolgt von einem anhaltenden brieflichen Kontaktangebot über zwei Jahre.

Die aktuelle Studie zeigt nun, dass mit dem Rückgang der Suizidversuche durch ASSIP auch die Kosten für die Notfallbehandlungen und psychiatrischen Hospitalisationen signifikant reduziert werden – die Therapie also nicht nur klinisch wirksam sondern auch wirtschaftlich ist. Untersucht wurden 120 Patientinnen und Patienten, die wegen Suizidversuch im Universitären Notfallzentrum behandelt worden waren. Die Hälfte von ihnen erhielt zusätzlich zu üblichen psychiatrischen Behandlung die drei Sitzungen mit ASSIP gefolgt von personalisierten Briefen über zwei Jahre, die Kontrollgruppe erhielt eine einzelne Suizidrisiko-Einschätzung. Nach 24 Monaten hatten 41 Personen der Kontrollgruppe einen weiteren Suizidversuch hinter sich, gegenüber nur fünf Personen aus der ASSIP-Gruppe.

Mit der publizierten Studie hat das Berner Programm ein grosses Potenzial, weltweit in der Suizidprävention eingesetzt zu werden. Zur Zeit wird ASSIP in der Schweiz in Bern, Zürich, Solothurn und in der Privatklinik Wyss angewendet. International haben Finnland, Litauen, Schweden, Belgien, Österreich und die USA das Programm implementiert, geplant sind unter anderem Portugal und Australien.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. phil. Anja Gysin-Maillart, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP und Leiterin Sprechstunde für Patienten nach Suizidversuch ASSIP
Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD)
anja.gysin-maillart@upd.ch, +41 31 632 88 11.

Prof. Dr. med. Thomas Jörg Müller, Ärztlicher Direktor und Chefarzt
Privatklinik Meiringen, Zentrum für seelische Gesundheit
Zentrum für translationale Forschung, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD), thomas.mueller@privatklinik-meiringen.ch, +41 33 972 82 90.

Originalpublikation:
doi:10.1001/jamanetworkopen.2018.3680
Weitere Informationen finden Sie unter
https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2707429

 

Psychotherapie braucht wissenschaftlich fundierte psychologische Kompetenzen!

Neue Website der DGPs zur Psychotherapie-Gesetzesreform online

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) bietet auf der neuen Website https://psychotherapie.dgps.de umfassende Informationen rund um die Psychotherapie-Reform. Kernstück ist das Eckpunktepapier der DGPs und des Fakultätentags Psychologie mit Vorschlägen für die Struktur des Studiums nach der Reform: „Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten der Zukunft sollen bereits im Studium sowohl wissenschaftlich als auch praktisch auf diesen Beruf vorbereitet werden“, sagt DGPs-Präsidentin Birgit Spinath. „Das erfordert ein wissenschaftliches Fundament psychologischer Kompetenzen.“

Für das vierte Quartal 2018 wird die Veröffentlichung eines Referentenentwurfs durch das Bundesministerium für Gesundheit zu einer Revision des Psychotherapeutengesetzes erwartet. „Die Psychologie als Basiswissenschaft der Psychotherapie trägt bei der Begleitung der Reform eine besondere Verantwortung“ erklärt Professor Winfried Rief, Vorsitzender der Kommission Psychologie und Psychotherapieausbildung in der DGPs. „Wir haben deshalb Vorschläge ausgearbeitet, wie eine moderne, qualitativ hochwertige Ausbildung in Psychotherapie in die Psychologie-Studiengänge integriert werden kann.“

Das Eckpunktepapier der DGPs und des Fakultätentags Psychologie mit diesen Vorschlägen kann hier eingesehen werden:

https://psychotherapie.dgps.de/aktuelles/meldung/news/eckpunktepapier-der-dgps-z…

Wichtige Kernpunkte des DGPs-Modells sind: (1) eine breite Ausbildung in der akademischen Psychologie, die nach dem Bachelorstudium Wahlmöglichkeiten für alle psychologischen Tätigkeitsfelder lässt; (2) eine vertiefte Ausbildung in einem Master-Studiengang der Psychologie, der eine Spezialisierung in Klinischer Psychologie und Psychotherapie vermittelt und neben der wissenschaftlichen Qualifizierung auch die Vermittlung praktischer Handlungskompetenzen beinhaltet; (3) am Ende des Studiums eine praxisorientierte Approbationsprüfung sowie eine anschließende Weiterbildung zur Vertiefung in wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Behandlungsansätzen entweder des Erwachsenen- oder des Kinder- und Jugendalters.

Kontakt bei Rückfragen:
Prof. Dr. Winfried Rief
Vorsitzender der Kommission Psychologie und Psychotherapieausbildung der DGPs
Ansprechpartner für Details der Psychotherapieausbildung, der Versorgung und alle Fragen rund um die Vernetzung von Psychologiestudium, Psychotherapieausbildung
Tel.: +49 6421 282 3657
E-Mail: riefw@staff.uni-marburg.de

Prof. Dr. Birgit Spinath
Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie
Tel.: +49 6221 547355
E-Mail: Birgit.Spinath@psychologie.uni-heidelberg.de

Pressestelle der DGPs:
Dr. Anne Klostermann
Pressereferentin DGPs
E-Mail: pressestelle@dgps.de
Tel.: 030 280 47718

Über die DGPs:
Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs e.V.) ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Die über 4500 Mitglieder erforschen das Erleben und Verhalten des Menschen. Sie publizieren, lehren und beziehen Stellung in der Welt der Universitäten, in der Forschung, der Politik und im Alltag.
Die Pressestelle der DGPs informiert die Öffentlichkeit über Beiträge der Psychologie zu gesellschaftlich relevanten Themen. Darüber hinaus stellt die DGPs Journalisten eine Datenbank von Experten für unterschiedliche Fachgebiete zur Verfügung, die Auskunft zu spezifischen Fragestellungen geben können.
Wollen Sie mehr über uns erfahren? Besuchen Sie die DGPs im Internet: www.dgps.de

ADHS bei Erwachsenen oft unentdeckt

„Seien Sie doch nicht so nervös!“, hört Andreas Schmidt häufig von Gesprächspartnern. „Ich bin nicht nervös, ich bin so“, sagt der 61-Jährige dann. Der Elektroniker, der seinen richtigen Namen nicht öffentlich machen möchte, hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Seine Krankheit bringt man eigentlich mit unkonzentrierten, zappeligen Kindern in Verbindung. Noch bis vor 15 Jahren herrschte die Meinung vor, dass sich ADHS mit der Pubertät auswächst. Jedoch bleiben mehr als der Hälfte der Betroffenen auch als Erwachsene chaotisch, sprunghaft oder impulsiv. Während im Kindesalter vor allem Jungen wegen ADHS in Therapie sind, gleicht sich das Geschlechterverhältnis später aus.

Als Kind machte Andreas Schmidt stets drei oder vier Dinge gleichzeitig. Nachmittags schlug er selten ein Buch auf, dennoch kam er irgendwie durch Schule und Ausbildung. Dass er ADHS haben könnte, dämmerte ihm erst, als die Störung bei seinem damals sechsjährigen Sohn diagnostiziert wurde, und er von der starken erblichen Kompo­nente erfuhr. Grund ist eine fehlerhafte Informationsverarbeitung im Gehirn, verursacht durch ein Ungleichgewicht von Botenstoffen, die eine wichtige Rolle bei der Signalübertragung von einer Nervenzelle zur anderen spielen.

„Ich habe lange Jahre ohne Probleme gelebt“, erzählt der Familienvater aus dem Land­kreis Schaumburg während eines Spaziergangs rund um den Maschsee. Längeres Stillsitzen fällt ihm schwer. Im Alter von 40 und dann wieder von 60 Jahren stürzte er in eine Depression, aus den Tiefs konnte er sich nur mit Klinikaufenthalten befreien. Im Frühjahr gründete er eine Selbsthilfegruppe für Erwachsene mit ADHS, um aufzuklären und anderen Betroffenen zu helfen.

Experten zufolge haben etwa drei Prozent aller Erwachsenen ADHS, das sind mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland.

 „Sie müssen nicht automatisch Pillen verschrieben bekommen.“ Michael Rösler, Universität des Saarlandes

Behandlungsbedürftig sei die Krankheit nur, wenn die Betroffenen Einschränkungen im Lebensalltag spürten, sagt Michael Rösler, der an der Universität des Saarlandes in Homburg forscht. Der Psychiatrieprofessor hat einen Stufenplan zur Behandlung von Erwachsenen entwickelt. „Sie müssen nicht automatisch Pillen verschrieben bekommen“, betont er. Am Anfang stehe das Wissen um die Krankheit und ihren Einfluss auf den Lebensrhythmus.

Häufig tritt ADHS in Kombination mit anderen psychischen Krankheiten auf wie Süchten, Persönlichkeits- oder Angststörungen sowie Depressionen. Oft fehlt laut Rösler die Fähigkeit, Gefahren richtig einzuschätzen, damit steigt die Unfallgefahr.

Als Andreas Schmidt vor 20 Jahren die Frage aufwarf, ob er ADHS haben könnte, wurde er nicht ernstgenommen. „Die Ärzte meinten, jetzt bildet sich der Patient Krankheiten ein!“ Erst im Alter von 60 Jahren bekam er zunächst probeweise ein Methylphenidat-Medikament verschrieben. Erst seit 2011 ist der Wirkstofffür Erwachsene zugelassen. Senioren darf er Rösler zufolge wegen fehlender Studien aber nicht verschrieben werden.